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Auf den ersten Blick erscheint Thorsten Küper wie ein literarischer Verschwörungstheoretiker par excellence. In seinen Geschichten ist nie klar, wer auf welcher Seite steht, was tatsächlich geschieht, wer im Geheimen die Fäden zieht. Seine Helden wissen oft selbst nicht, wer sie sind und was sie antreibt. Küpers Geschichten sind voller Doppelbödigkeiten, überraschender Wendungen, dramatischer Enthüllungen. Hinter der effektvollen Neuinterpretation von Cyberpunk-, Thriller- und Science-Fiction-Motiven stehen aber ernsthafte Auseinandersetzungen mit den psychischen und politisch-sozialen Folgen heutiger Schlüsseltechnologien: Gen- und Neuromanipulationen, künstliche Intelligenz, Hybridisierungen von Mensch und Maschine, Virtual und Augmented Reality und insbesondere digitale Medien und Netzwerke als Instrumente der Machtausübung und Ausbeutung.
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Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsjahr: 2022
Thorsten Küper
Ausgewählte Erzählungen 2003–2019
Herausgegeben
und mit einem Nachwort versehen
von Michael K. Iwoleit
Cutting Edge 1
Thorsten Küper
Belichtungszeit
Ausgewählte Erzählungen 2003–2019
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Michael K. Iwoleit
Cutting Edge 1
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Dezember 2022
Cutting Edge @ p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Das Titelbild dieses Buches wurde von Michael K. Iwoleit mit einem selbstentwickelten Verfahren zur generativen Bildkreuzung erzeugt. Als Ausgangsmaterial dienten dabei Public-Domain-Fotos von Martin Vorel (libreshot.com). Lesern, die sich für die Produktion von Kunst mit generativen und evolutionären Verfahren und Methoden der künstlichen Intelligenz interessieren, empfehlen wir besonders die Website aiartists.org.
Layout: global:epropaganda
Umschlaggestaltung: Tom Turtschi, Michael Iwoleit
Lektorat: Michael Iwoleit
Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: Cutting Edge @ p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
the-cutting-edge.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 305 5
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 800 5
(2003)
Nur Pixel.
Es sind doch nur Pixel …
Ermittlungen nach Eklat um Neujahrsansprache des Kanzlers Immer noch unklar ist, wie es Unbekannten gelungen ist, das Video der Neujahrsansprache von Bundeskanzler Weveling am gestrigen 1. Januar 2011 zu manipulieren. Die erschütterten Zuschauer mussten für etwas mehr als eine Minute mit ansehen, wie ein anscheinend nackter Bundeskanzler mit Hitlerbärtchen seine Ansprache an die Bevölkerung richtete. Experten bezeichneten die Manipulation des Videos als außergewöhnlich komplizierte technische Operation …
Bin ich ein grotesker Anblick? Vermutlich ja.
Mein lebloser Körper auf dem Stuhl vor den drei Monitoren, auf denen du nun diese Aufzeichnung siehst. Mich, in derselben Kleidung, mit demselben Gesicht wie die Leiche davor. Das lebendige Spiegelbild eines Toten.
Verrat mir, habe ich einen seltsamen Gesichtsausdruck im Tod? Hängt meine Zunge heraus, siehst du das Weiße in meinen Augen? Stinke ich etwa schon? Es wäre mir unangenehm. Roll mich in den Nebenraum, falls es so sein sollte. Ich würde selbst nur ungern neben der Fäulnis verströmenden Leiche eines wildfremden alten Mannes sitzen und mir seinen Monolog anhören. Und dann nimm dir den Stuhl, der hinter dir an der Wand steht.
Immerhin bist du hier. Bist also in diese Stadt gereist, zu dem Schließfach gegangen, in dem du meinen Wohnungsschlüssel und meine Adresse gefunden hast. Falls du dich gefragt hast, wie ich dich nach meinem Ableben über meinen Tod informieren konnte, schau auf mein linkes Handgelenk und das Kabel, das in meinen Kragen hineinläuft. Wahrscheinlich hast du das Prinzip längst durchschaut, schließlich bist du ebenso analytisch veranlagt wie ich. Die Sensoren auf meiner Brust und am Handgelenk messen Herzschlag und Puls. Der Computer hat zwei Stunden lang kein Lebenszeichen mehr aufgezeichnet und dann die Mail mit dem Code für das Schließfach und für meine Maschinen an dich geschickt. Es hat funktioniert, denn du bist hier, hast das Passwort eingegeben und siehst nun diese Aufzeichnung.
Ich war mir nicht ganz sicher, wann ich sterben würde. Selbstverständlich konnte ich meinen Tod nicht abwenden, aber der Wunsch, Kontrolle auszuüben, war ein wesentlicher Bestandteil meiner Persönlichkeit. Also wollte ich als letzten Beweis meines lebenslangen Trotzes wenigstens bestimmen, in welcher Haltung ich auf die andere Seite wechseln würde. Cowboys sollen in ihren Stiefeln sterben. Männer wie wir müssen dementsprechend stilecht an einer Tastatur sitzend über den Styx reisen. Für mich macht das Sinn. Die bedeutsamsten Augenblicke meines Lebens habe ich nicht mit Menschen, sondern gemeinsam mit Maschinen verbracht.
Meine genaue Todesursache kenne ich nicht. Jedenfalls war es ein natürlicher Tod. Dem Druckgefühl und den Schmerzen in den letzten eineinhalb Jahren nach zu urteilen, tippe ich auf einen Tumor hinter meinem rechten Auge. Eine Folge der Strahlung. Vor allem von den Monitoren und Displays. Weiche Röntgenstrahlung, Mikrowellen, Infrarot, UV-Licht. Ich habe zu viel Zeit vor ihnen verbracht, mein Hirn getoastet. Aber ich habe es freiwillig getan. Willst du wissen, wieso? Hast du dich das jemals selbst gefragt?
Für mich kann ich es beantworten: Die Realität und ich – wir haben uns nie gemocht. Die Realität verweigert sich deinen Wünschen, Erwartungen oder Hoffnungen. Dafür habe ich sie gehasst und nach Möglichkeiten gesucht, die Wirklichkeit zu modellieren. Oh ja, es gibt Mittel und Wege. Aber dazu muss man sich selbst auf einen Standpunkt außerhalb der Realität begeben, sie hinter sich lassen. Das habe ich getan. Und darum habe ich diese Wohnung seit acht Jahren nicht mehr verlassen.
Wenn du dich fragst, wer den Schlüssel und die Adresse im Schließfach deponiert hat: Es war ein Pizzabote. Der Typ, der mir seit acht Jahren immer mal wieder Nummer 47, Nummer 72 oder Nummer 112 geliefert hat und den ich nach einigen Recherchen als vertrauenswürdig eingestuft habe. Um sicherzugehen, dass er den Schlüssel wirklich deponiert, habe ich ihn damit beauftragt, die ganze Aktion zu filmen, von hier bis zum Bahnhof und wie er die Sachen ablegt.
Das war nichts Neues für ihn. Ich habe vor einigen Jahren eine Kamera für ihn gebaut, die er an seiner Brille befestigen kann. Er hat das Ding umsonst gekriegt, dafür hat er gelegentlich mit Mädchen geschlafen und dabei … nun ja, die Brille getragen. Die Aufzeichnungen hat er mir zugemailt. Ich bin sicher, dass dich diese Offenbarung über meine voyeuristischen Neigungen nicht schockieren wird. Pornografie war eins der Themen, über die wir beide schließlich besonders häufig diskutiert haben. Das und unsere Vorliebe dafür, in der einen oder anderen Weise, Kontrolle auszuüben. Ich bin mir übrigens ganz sicher, dass beides unmittelbar miteinander zu tun hat. Ich hatte fast keine realen Beziehungen in meinem Leben. Nicht, weil es keine Möglichkeiten dazu gegeben hätte. Nein, reale Menschen haben ein Eigenleben, lassen sich nicht inszenieren, wie es mir gefällt. Jedenfalls nicht auf direkte Weise. Deswegen habe ich künstliche Partner bevorzugt, auch wenn sie nur auf einem Monitor oder als Hologramm existierten.
Langweile ich dich? Du bist nicht hergekommen, um meine Leiche zu bestaunen oder dir meine Selbstanalysen anzuhören. Es geht dir um meine Meisterwerke, nicht wahr? Sie als Programmiererei zu bezeichnen, empfände ich als Herabsetzung. Für mich waren sie immer eine eigene Kunstform.
Ich war neun, als ich zum ersten Mal die Tastatur eines Computers unter meinen Fingern spürte. Eine Kiste mit einem langsamen Prozessor und einer Taktfrequenz weit unter einem Gigahertz. Eine simple Maschine, wenig mehr als ein Spielzeug. Sie hatten sie mir geschenkt, weil man von einem Krankenbett aus damit arbeiten konnte. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens liegend oder sitzend verbracht. Kannst du dir vorstellen, dass ich immer davon geträumt habe, mal ein Auto zu fahren? Leider konnte ich diesen Traum nie in die Tat umsetzen. Genauso wenig habe ich dieses Land jemals verlassen. Und dass ich die letzten Jahre ohne Unterbrechung in dieser Wohnung verbracht habe, ist dir ja nicht neu.
Aber zurück zu diesem Computer. Er hat mein Leben verändert, es umprogrammiert, wie ein Virus es tun würde. Ich war vom ersten Augenblick an besessen von den Tasten, dem klickenden Geräusch, dem Monitor, dem bläulichen Licht, das mir vertrauter wurde als das Tageslicht. Ich fing an zu lernen, schrieb Programme, baute einfache Roboter, umging den Kopierschutz von Spielen und entdeckte sehr bald das Internet für mich. Gerade mal elf Jahre alt war ich, als ich zum ersten Mal das World Wide Web betrat – und mich für immer im Netz verfing. Weißt du, aus welcher Motivation heraus ich zum Hacker wurde? Ich meine abgesehen von meiner technischen Neugierde?
Es wird dich enttäuschen: Meine ersten Hacks zielten auf Pornoseiten. Ich habe mir zu Tausenden davon Zugriff verschafft. Damals war ich gerade mal zwölf. Aber was ich in dieser Zeit auf meiner Jagd nach Wichsvorlagen lernte, bildete die Basis für meine spätere Karriere. Das und meine Besessenheit von Filmen und Romanen. Ich liebe gute Geschichten. Du nicht auch?
Ich lebte selbst in einer. Sie war tragisch und ziemlich humorlos. Aber es gab eine Menge sehr ironischer Momente. Manchmal frage ich mich, wer sie geschrieben hat. Ich war es jedenfalls nicht.
Ich stelle mir meine Geschichte gern als Epos vor. Ein dickes Buch mit Tausenden von Seiten. Aber vielleicht ist sie auch nicht mehr als ein paar Zeilen falscher Code in einem großen Programm. So wie der falsche Code im Programm meiner Zellen.
Er brachte mich nicht um, aber er machte meinen Körper fast unbrauchbar. Es gibt schlimmere Erbkrankheiten als die, unter der ich litt. Doch sie ließ mich schwach und unbeweglich werden und verurteilte mich dazu, einen großen Teil meiner Lebensspanne in geschlossenen Räumen zu verbringen. Aber letztlich verdanke ich dieser Eigenheit meiner DNA alles, was ich in meinem Leben erreicht habe.
Vielleicht grinst du ja gerade. Was sollte dieser alte tote Sack vor dir auf dem Stuhl schon erreicht haben? Vegetierte in seinem einsamen modrigen Leben dahin, hauste in dieser dunklen Kammer. Aber bevor du lachst, denk genau über dich selbst nach. Na los, komm näher an den Monitor, und hör genau zu:
Ich habe Geschichte geschrieben. Ich habe Schlagzeilen gemacht. Und ich meine das verdammt wörtlich. Ich habe die wohl gewaltigsten Theaterstücke aller Zeiten ersonnen und inszeniert. Ich habe Menschen wie Marionetten an meinen Fäden tanzen lassen, habe sie zu Tänzern gemacht und den Tanz choreografiert.
Was redet der alte Narr da, fragst du dich?
Wir haben über Echtzeitsimulationen philosophiert, entsinnst du dich? Als ich ein Kind war, kamen die ersten auf den Markt. Man konnte zu einem Ritter im Mittelalter werden, einen Vergnügungspark verwalten, ein römischer Feldherr im Kampf gegen die Germanen oder ein deutscher General im Zweiten Weltkrieg nur wenige Kilometer vor Stalingrad sein. Auf diesem Wege konnte man immer wieder neue Leben leben, immer wieder von vorn beginnen.
Neu starten. Mit mehr Leben. Schneller sein, stärker sein – gesund sein. Das war es, was mir das normale Leben vorenthielt. In den Spielen konnte man kleine Welten erschaffen und mit ihnen experimentieren, Wirtschaftskreisläufe wie präzise Uhrwerke funktionieren lassen oder nur zum Spaß ein winziges Universum ins Chaos stürzen. Ich habe Tage und Nächte damit verbracht, Napoleon, Hitler, Alexander der Große oder ein griechischer Gott zu sein.
Kontrolle. Darum geht es. Ich war besessen davon, Kontrolle auszuüben, die Schalter des Schicksals unter meinen Fingerkuppen zu spüren. Ursache und Wirkung, das ewige Spiel.
Aber ich wollte kein Sklave der Wirkung sein. Ich wollte die Ursache sein.
Irgendwann in der Pubertät wurde ich mir meiner Situation wirklich bewusst. Begriff ich zum ersten Mal, was mir in meinem Leben alles verwehrt bleiben würde. Und damit wurde ich zornig. Man schickte mich zu einem Psychotherapeuten, hetzte mir sogar so einen Priester auf den Hals, der irgendwie auf der religiösen Schiene in meinen Kopf fahren wollte. Da war ich sechzehn, und mir war gerade klar geworden, dass die weitesten Reisen, die ich in meinem Leben zurücklegen würde, die zu irgendwelchen Spezialisten sein würden, die in mir ein großartiges Objekt für ihre Forschungen sahen. Und dieser Pfaffe hatte nichts Besseres zu tun, als mir zu verklickern, dass dieser ganze Mist einen Sinn hatte. Genauso wie in der blinden Idiotie solcher klerikal verblendeten Hornochsen jedes Unglück, jede Katastrophe einem Zweck dient – der natürlich weit über das Verständnis von uns kleinen Menschlein hinausgeht. Muss wirklich beruhigend sein, sich in das flauschige Mäntelchen dieser ignoranten Illusion zu hüllen.
Internetseite des Vatikans wird Ziel einer Hackerattacke Unbekannten ist es in der Nacht zum Sonntag gelungen, die Internetseiten des Vatikans unter ihre Kontrolle zu bringen und zu manipulieren. Statt der öffentlichen Archive der katholischen Kirche eröffnete sich Besuchern der vatikanischen Online-Präsenz für fast zwölf Stunden der Zugriff auf pornografische Bilder und Filme …
Einige Tage, nachdem mir der Priester diesen Blödsinn hatte verkaufen wollen, drang jemand in die Internetseite des Vatikans ein und verwandelte sie für fast zwölf Stunden in ein gut frequentiertes Pornoportal unter dem Titel »Nageln hat auch bei uns Tradition«.
Es war der erste richtige Hack, den ich durchführte. Absurderweise verstand ich nach dieser Aktion, dass der Pfaffe recht gehabt hatte mit seiner Behauptung, meine Krankheit ergäbe einen Sinn. Sie hatte mich dazu gezwungen, abgeschottet zu leben, und mir auf diesem Wege ermöglicht, mein Talent in Ruhe zu entfalten. Ein Talent, das ich nun für meine neuen, großen, ganz eigenen Echtzeitstrategiespiele nutzte.
Autopsie statt Musikvideos Über mehrere Minuten hinweg sind während der Ausstrahlung eines Videos der englischen Boygroup Fungerms beim Musiksender S-Channel Bilder von den Leichen der fünf Musiker eingeblendet worden. Die Mitglieder der Gruppe sowie deren Manager und die beiden Lebensgefährten zweier Sänger waren in der letzten Woche bei einem tragischen Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Die Leitung von S-Channel bedauerte den Vorfall und kündigte personelle Konsequenzen an. Nach bisherigen Ermittlungen muss es Unbekannten gelungen sein, die Bilder von außen einzuspielen …
Zum Beispiel gelang es mir, mich in die Sendezentrale eines Musiksenders zu hacken. Gerade war eine dieser Boygroups komplett bei einem Hubschrauberabsturz ausgelöscht worden. Man machte eine Sondersendung. Die lieben kleinen Fans durften sich dann aber statt eines Videos ihrer Idole an deren Autopsiebildern erfreuen, die wie durch göttliche Intervention plötzlich über den Sender gingen. Eine böse Geschichte. An diesem Nachmittag hat so manches kleine Mädchen dicke Tränen vergossen, während ich mich vor Lachen kaum halten konnte. Irgendwie blieb ich auf dieser Linie und richtete meine Aktionen immer wieder gegen die Medien.
Massenkarambolagen in München, Berlin und Hamburg Zu mysteriösen Massenkarambolagen kam es am gestrigen Morgen in den Innenstädten von Berlin, Hamburg und München. Zeugen berichteten einstimmig, dass die Ampelanlagen in den Zentren aller drei Städte gleichzeitig in beiden Fahrtrichtungen auf grün geschaltet worden seien. Die von verschiedenen Stellen geäußerte Theorie, Unbekannte hätten Zugriff auf die Verkehrsleitsysteme erlangt, wurden von Experten als unwahrscheinlich bezeichnet …
Okay, ich versuchte mich auch mal an den Standardgeschichten, schaltete alle Ampeln in der Berliner, Münchner und Hamburger Innenstadt gleichzeitig auf Grün. Aber mir fehlte dabei der Reiz. Es ergab keinen wirklichen Sinn und hatte keine Botschaft. Für mich hatte das Spiel damals schon einen künstlerischen Anspruch.
Es machte mir mehr Spaß, manipulierte Aufnahmen in Nachrichtensendungen zu schleusen. Einige Jahre davor wäre das undenkbar gewesen, aber die Kameraleute schickten ihre Aufnahmen mehr und mehr in digitalen Formaten übers Netz an die Agenturen. Wenn man die Wege kannte, konnte man sich reinschalten, Filme an Knotenpunkten abfangen, modifizieren und dann die korrekten Versionen auf den Servern gegen die falschen austauschen.
Kultusminister wird von Penis interviewt Tausende von Zuschauern äußerten sich in Anrufen und E-Mails schockiert über eine gestern auf TPO gezeigte Pressekonferenz von Kultusminister von Hohnreid. Statt in ein Mikrofon schien der Minister in einen erigierten Penis zu sprechen …
Du kennst doch bestimmt meine alten Kabinettstückchen, in denen Politiker nicht in Mikros, sondern erigierte Schwänze vor ihren Gesichtern sprechen. Mikro gegen Penis austauschen war schon mit der damaligen Software eine Kleinigkeit.
Innenministerin Karenbaum beklagt Mangel an Geschlechtsverkehr Wieder ist es Unbekannten gelungen, einen manipulierten Filmbeitrag über die Sender zu schicken. Die Aufzeichnung war so verfremdet worden, dass die Ministerin Karenbaum scheinbar sehr befremdliche Details über ihr Privatleben preisgab. Die Innenministerin zeigte sich später bestürzt über die ihr in den Mund gelegten Äußerungen …
Eine andere Variante war es, denen neue Sätze in den Mund zu legen. Etwas später hatte ich sogar eine Software, die leistungsfähig genug war, um ihre Lippenbewegung zu synchronisieren. Da erklärte die Ministerin einer konservativen Partei plötzlich den Fernsehzuschauern, dass es ihr leid täte, in letzter Zeit so viel Unsinn verzapft zu haben. Dies läge an einem persönlichen Mangel an Geschlechtsverkehr. Ihr unveränderter Originalschlusssatz, dass dies eine Aufgabe sei, der sich die gesamte Bevölkerung stellen müsse, erhielt dadurch einen völlig neuen Bedeutungskontext. Solche Aufnahmen sind mehr als einmal über den Äther gegangen, weil die nicht bemerkten, dass ich in ihren Systemen herumfuhrwerkte. Den Politschwätzern war das kolossal peinlich, und bei den Sendern rollten Köpfe.
Roboter produzieren Skulpturen aus Autoteilen Zu einem außergewöhnlichen Zwischenfall kam es gestern im Dortmunder Werk eines großen deutschen Autoherstellers. Die Roboter mehrerer Produktionsstraßen, auf denen Karosserien zusammengeschweißt werden, unterlagen für fast eine Stunde einer Produktionsstörung, deren Ursache innerhalb des Computernetzwerkes des Werkes zu suchen gewesen sei. Gerüchte, die Maschinen hätten aus Autoteilen Skulpturen hergestellt, die an eine Hand mit aufgerichtetem Mittelfinger erinnern, wurden von der Werksleitung dementiert. Allerdings kursiert seit einigen Stunden ein Video im Internet, das angeblich die maschinelle Herstellung einer solchen Skulptur – gefilmt von einer werkseigenen Überwachungskamera – dokumentiert …
Ich bezeichnete mich selbst als Echtzeitsatiriker – und ich war äußerst erfolgreich dabei. Natürlich blieb ich gesichtslos. Ein Phantom, das Nachahmer fand. Aber keiner war annähernd so brillant wie ich. Leider machte mich diese Erkenntnis großkotzig – und unvorsichtig.
Ich hatte es damals auf einen bestimmten Konzern abgesehen, der lauthals danach schrie, dass man Sozialhilfeempfänger für seine Werke zwangsverpflichtete. Ich sah mich ein wenig um und stellte fest, dass die Geschichte dieser Firma bis ins Dritte Reich zurückreichte. Und schon damals hatten die Zwangsarbeiter eingesetzt.
Hacker verhaftet Ein zwanzigjähriger Mann aus Berlin wurde gestern im Zusammenhang mit einer Hackerattacke auf das deutsche Unternehmen Syberg-Hetzler verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, unautorisierten Zugriff auf das Computernetzwerk der Firmenzentrale erlangt zuhaben. Unter anderem waren im Verlauf der Attacke sämtliche Lichter im Gebäude gelöscht worden, bis auf die Leuchtkörper von etwa vier Dutzend Räumen, die so ausgewählt waren, dass die erleuchteten Fenster das Bild eines Hakenkreuzes ergaben. Außerdem wurden während dieses Zeitraums über firmeneigene Mailkonten rund eine Million E-Mails mit dem Text »Arbeit macht frei« versandt. Über die Motive des Mannes ist nichts Näheres bekannt, die Tat habe jedoch möglicherweise politische Hintergründe. Polizeisprecher bezeichneten den an einer schweren Muskelkrankheit leidenden Täter jedoch als psychisch labil …
Sie erwischten mich kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag. Schuld daran war mein Schwachpunkt. Ich war darauf angewiesen, von meiner Wohnung aus zu arbeiten, konnte meine Identität nicht verbergen, indem ich mich aus öffentlichen Terminals ins Netz begab, wie es andere Profis getan hätten. In den Knast sperren konnten sie mich nicht. Aber in ein Krankenhaus. Eins für Strafgefangene. Vierzehn Monate war ich da drin, abgeschnitten von meiner gewohnten Umgebung und meinen über alles geliebten Rechnern. Es war die reinste Hölle. Ich war umgeben von Abschaum. Du weißt doch, was sie darüber sagen, was mit Eierköpfen wie uns im Knast geschieht. Untertreibungen sind das.
Also floh ich noch weiter in mich hinein, vergrub meine Nase in Bücher. Las alles, was ich in die Finger kriegen konnte. So entstand in meinem Kopf ein Cocktail aus brodelnden Ideen, die weit über alles hinausgingen, was ich davor geplant hatte. Dieser Knast war so was wie ein Reaktionsbehälter und die Bücher Enzyme, die mich in einer chemischen Reaktion umwandelten, weiterentwickelten. Was auch immer.
Hast du schon einmal die hochauflösenden Aufnahmen von Überwachungssatelliten gesehen? Diese einfachen geometrischen Bilder aus der Vogelperspektive, auf denen man Gebäude und Straßen sehen und Truppenbewegungen verfolgen kann? Eine nukleare Waffe besteht auf so einem Bild gerade einmal aus achtunddreißig Pixeln.
Achtunddreißig Pixel, die wie von der Geisterhand irgendwo im Computer hinzuaddiert werden, wo die CCDs der Kameraoptik nie welche gesehen haben. Glaubst du ernsthaft, für jemanden wie mich wären achtunddreißig Pixel eine ernsthafte Herausforderung? Ich war der Mann, der den Kanzler nackt und mit einem Hitlerbärtchen die Neujahrsansprache 2011 hat halten lassen.
Fragst du dich nun, ob ich meine Idee umgesetzt habe? Denkst du darüber nach, welcher militärische Konflikt der letzten Jahre, ausgelöst durch die Jagd nach vermeintlichen Nuklearwaffen, von mir inszeniert worden ist?
Vielleicht war es gut, dass sie auf mich aufmerksam geworden waren. Dieser Talentsucher tauchte einen Tag vor meiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf. Und mit ihm endete alles. Oder es begann. So ganz genau kann ich es auch heute noch nicht unterscheiden …
Er wollte, dass ich »es« für ihn tue. Genau so sagte er es und war sich der Zweideutigkeit nicht mal bewusst. »Es« bedeutete, ich sollte die Realität für sie modellieren, manipulieren. Er war so ein hohes Tier bei einem großen Sender, und sie wollten, dass ich das, was ich gegen sie verwendet hatte, nun in ihre Dienste stellte.
Leider muss ich dich enttäuschen, falls du mich für einen prinzipientreuen Rebellen gehalten hast. Jung und eitel, wie ich war, fühlte ich mich mehr geschmeichelt als gekauft und tat genau das, was sie wollten. Dafür erhielt ich neueste Technologien, Möglichkeiten, die mir vorher nicht zur Verfügung gestanden hatten. Natürlich gab man mir kein Büro oder führte mich auf einer Gehaltsliste, denn man wollte auf gar keinen Fall mit unjournalistischen und unauthentischen Bildern in Verbindung gebracht werden. Ich stellte für sie Aufnahmen her, die so nie gedreht worden waren, und lernte dabei, wie wertvoll Bilder sein konnten. Vor allem dann, wenn sie nicht der Wahrheit entsprachen.
Parteichef Gilgenforst erklärt Rücktritt Als Konsequenz des ihm gegenüber nach wie vor bestehenden Misstrauens gab Werner Gilgenforst heute seinen Rücktritt bekannt. Dieser Schritt sei jedoch nicht als Eingeständnis seiner Schuld zu verstehen, sondern als eine vernünftige Konsequenz im Sinne der Partei, deren erfolgreiche Arbeit ihm weit mehr am Herzen läge als sein persönlicher Wunsch, sie weiterzuführen. Auch nachdem Experten die Manipulation des Videos, das Gilgenforst bei der Übergabe eines Koffers zeigt, nachgewiesen hatten, waren Spekulationen über seine mögliche Verwicklung in eine Schwarzgeldaffäre nicht verstummt. Bundeskanzler Weveling zeigte sich betroffen über …
Mein Job war es, brisantes Bildmaterial zu erschaffen, das sich für Politmagazine und Nachrichtensendungen verwenden ließ. Sie konnten alles, was ich fabrizierte, sorglos über den Sender jagen, indem sie es selbst als »von zweifelhafter Herkunft« deklarierten, aber trotzdem zeigten. In mehr als einem Fall durfte ein Politiker seinen Hut nehmen, obwohl Experten versicherten, die Aufnahmen, die ihn bei einer Geldübergabe zeigten, seien nicht authentisch. Die Rufschädigung, die er allein durch das Aufsehen um seine Person erlitten hatte, war völlig ausreichend, um seine Karriere zu ruinieren. Die Spielregeln einer oberflächlichen Gesellschaft sind simpel und hart.
Diese Arbeit brachte mir eine Menge Geld ein. Und glaub mir, ich habe sie sehr gern gemacht. Aber wer Nachrichten verkauft, verkauft ein gewöhnliches Produkt, das nur dann gefragt ist, wenn es einzigartig und möglichst nicht austauschbar ist. Nachrichten haben einen Wert, und der hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der man sie in Umlauf bringt. Dabei gibt es zwei Probleme: Erstens kennt man nie das Wann, und zweitens gibt es immer wieder lange Phasen, in denen rein gar nichts geschieht.
Ich war zweiundzwanzig, als ich den Kerl anrief, der mich damals im Krankenhaus angeheuert hatte. Um ihm etwas Außergewöhnliches vorzuschlagen, das die Medien revolutionieren würde. Ich brachte ihn dazu, dass man ein geheimes Treffen mit der Führungsspitze für mich arrangierte. Ich entsinne mich, dass es ausgerechnet in einem alten Kloster vor einem riesigen offenen Kamin stattfand, in dem ein unglaublich großes Feuer prasselte.
»Es gibt grob gesehen zwei mögliche Stadien bei der Manipulation von Nachrichten«, habe ich erklärt, und man lauschte mir mit großen Gläsern voll Wein in den Händen. »Sie, meine Herren, befinden sich im ersten Stadium, indem Sie die Bilder, also erst die Wirkung eines Ereignisses, manipulieren. Das zweite Stadium erreichen Sie, wenn Sie die Ursache eines Ereignisses manipulieren.«
Die drei Kerle ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Einer rang sich ein Lächeln ab, das entweder spöttisch oder verlegen war, ich weiß es nicht. Jedenfalls fragte er mich dann, wie ich die Ursache von Ereignissen manipulieren wollte.
Ich muss wohl ziemlich selbstverliebt und überheblich ausgesehen haben, als ich sagte: »Indem ich sie auslöse.«
Danach zeigte ich ihnen die Bilder von den Massenkarambolagen in Berlin, Hamburg und München und erklärte ihnen, dass dies die Auswirkungen eines Hackerangriffes auf die Verkehrsleitsysteme gewesen wären. Selbstverständlich erwähnte ich nicht, dass ich der Hacker gewesen war, aber ich nehme an, sie konnten es sich denken.
Sie reagierten bei Weitem nicht so enthusiastisch, wie ich gehofft hatte. Hackerangriffe wären doch wohl zurückzuverfolgen und solche Unfälle zu arrangieren, läge weit unter dem Niveau jedes ernsthaften Journalisten. Sie nahmen mich wirklich nicht für voll, deswegen versteckten sie sich hinter Prinzipien, die ihnen selbst völlig fremd waren. Doch bevor sie gehen konnten, startete ich im letzten Moment eine Computeranimation. Was sie da sahen, waren zunächst einmal nur Schwärme winziger verschiedenfarbiger Punkte, die sich durch ein Labyrinth bewegten, um sich an einer Stelle zusammenzuballen. Wahrscheinlich haben sie mich in diesem Augenblick wirklich für verrückt gehalten, aber als ich ihnen erklärte, was sie da in einer Simulation mit ansahen und was ich ihnen vorschlug, spürte ich, wie die Stimmung im Raum umschlug.
Schwere Ausschreitungen in Berlin, Bonn und Düsseldorf In Berlin, Bonn und Düsseldorf ist es am vergangenen Sonntag zu schweren Ausschreitungen gekommen. Teilnehmer einer von rechtsextremen Gruppierungen veranstalteten ungenehmigten Demonstration trafen auf Anhänger der islamistisch-extremistischen 2015-Dji-Had. Bei den Zusammenstößen in den Innenstädten Berlins, Bonns und Düsseldorfs wurden vier Menschen getötet und mehrere Hundert Demonstranten sowie mehr als vierzig Polizeibeamte teilweise schwer verletzt. Zwei weitere Personen sind mittlerweile ihren Verletzungen erlegen, fast ein Dutzend schwebt nach wie vor in Lebensgefahr. Die Sachschäden an Ladenlokalen und Fahrzeugen belaufen sich nach ersten Schätzungen insgesamt auf über 12 Millionen Euro.
Ich halte mich für einen Individualisten, einen Egozentriker und Exzentriker. Ich glaube an die Möglichkeit einer Selbstbestimmung, jedenfalls innerhalb gewisser Grenzen. Doch für mich steht ebenso fest, dass die meisten Menschen nicht fähig sind, sich individuell zu verhalten. Ihre Handlungen sind statistisch und unterliegen Gesetzen, die man mit den physikalischen Gleichungen vergleichen könnte, die die Strömung einer Flüssigkeit beschreiben.
Die Echtzeitstrategiespiele, die ich als Kind gespielt hatte, waren Abfallprodukte der Forschung nach künstlicher Intelligenz und nach Simulationen, die die Entwicklung einer Gesellschaft extrapolieren konnten. Daraus waren in den letzten Jahren Social Sims geworden, die für sich beanspruchten, das Verhalten großer Menschengruppen vorausberechnen zu können. Unter anderem setzte man sie ein, um die Effizienz von Fluchtwegen in großen Gebäuden in Computermodellen austesten zu können. Die Polizei benutzte sie, um vor Fußballspielen zu ermitteln, auf welchem Weg gegnerische Hooligans am besten zum Stadion hin und wieder hinausgeleitet werden konnten. Diese Programme lieferten neben kritischen Punkten auf einem vorgegebenen Stadtplan sogar Schätzungen über die Art der Schäden und die Anzahl möglicher Opfer. Im Grunde genommen gab es zwischen ihnen und den Spielen meiner Kindheit keinen Unterschied. Also spielte ich mit ihnen. Mit dem einen Unterschied, dass die Spiele jetzt nicht mehr nur auf einem Monitor stattfanden.
Jede extremistische Vereinigung dieser Welt verfügt neben der großen Herde pöbelnder, gedankenloser Mitläufer auch über einen intellektuellen Kern. Und wie das Licht die Motten anzieht, ziehen moderne Medien die elitären Angehörigen dieses Kerns an. Wusstest du, dass der Webspace, der durch faschistoide Inhalte beansprucht wird, etwa zwölfmal so groß ist wie der der katholischen Kirche? Faschistoides Gedankengut schwirrt da draußen in Tausenden von Terabytes herum. Nur Pornografie nimmt einen noch größeren Anteil am Datenvolumen ein.
Extremisten koordinieren Aktionen über ihre Websites. Sie legen Aufmarschpunkte und Anfangszeiten für ihre Demos auf Websites fest, verschicken Pläne ihrer Aktionen per Mail. Alles nicht besonders gut gesichert. Religiöse Fundamentalisten halten es nicht viel anders.
Nehmen wir mal die Neonazis. Man muss nur durch eine Manipulation an ihren Websites Gerüchte über eine anstehende Demo streuen, dann noch ein paar provokante Insidernews über die Bullen, die das Ganze angeblich unterbinden wollen. Mit der anderen Seite – sagen wir islamische Fundamentalisten – verfährt man ganz ähnlich. Mit einem Stadtplan und einer Social Sim kann man ein paar wunderbare Szenarios gestalten, indem man jene besonders kritischen Orte ermittelt, an denen sich die beiden Strömungen aus Wirrköpfen zu einem tosenden Strudel aus Aggressionen vereinigen. So ermittelt man die neuralgischen Punkte, an denen man die Fronten platzieren muss, damit sie mit größtmöglicher Heftigkeit miteinander reagieren können. Orte und die Zeiten legt man dann auf deren Websites und Foren fest, damit alle es sehen, aber keiner der echten Hintermänner unserer fanatischen Freunde Zeit hätte, um laut zu schreien: »Hey, das haben wir gar nicht geplant!«
Das ist alles ganz mathematisch und hochwissenschaftlich. Menschen werden zu bunten zappelnden Klecksen auf deinem Display, bevor sie zu roten zappelnden Klecksen auf dem Asphalt werden. Der Witz ist, dass die Social Sim einem erstaunlich gute Daten darüber liefert, wo man seine Kameras aufstellen sollte, um das Ganze zu filmen.
Meine Freunde aus der Führungsetage wollten genau das tun und waren mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Die sensationellen Aufnahmen eines Fast-Bürgerkriegs mitten in diesem unserem Lande katapultierten ihren Sender europaweit in eine Spitzenposition. Und diesmal waren es sogar authentische Bilder. Unverfälscht, unbearbeitet, unmanipuliert. Die Wirkung war echt, nur die Ursache nicht. Wir hatten das nächste Stadium der Manipulation von Nachrichten erreicht. Zu den Ausschreitungen war es durch winzige Eingriffe in das Informationsnetzwerk von Fanatikern gekommen. Eine kleine Ursache, die eine enorme Wirkung erzeugte. Aber wir hatten nicht nur eine Flamme an ein Pulverfass gehalten. Nein, wir hatten die Geschehnisse konzipiert und vorauskalkuliert. Wir hatten ein Ereignis gestaltet. Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich bin ich der erste Ereignisdesigner in der Geschichte der modernen Medien. Zumindest, der erste, der sich selbst so bezeichnet.
Ob ich mich schuldig fühlte wegen der Toten? Es waren vier, aber die Social Sim hatte rund zwanzig vorauskalkuliert. Nein, ich fühle mich nicht schuldig. Wir haben denen nur Zeit und Ort genannt. Was sie daraus machten, war ihre Sache. Sie hätten ja zu Hause bleiben und sich die Show im Fernsehen ansehen können.
Gegnerische Hackerbanden verwandeln Computernetzwerke in virtuelle Schlachtfelder Offenbar stehen die beiden Zugkollisionen in Hannover und in Stuttgart sowie der Flugzeugabsturz in Dortmund und der Zusammenbruch des Stromnetzes im Ruhrgebiet in direktem Zusammenhang mit Aktivitäten deutscher Hackergruppen. Nach Aussagen eines vorgestern verhafteten achtzehnjährigen Studenten aus Düsseldorf tobt zwischen konkurrierenden Gruppierungen aus dem Bereich der Computerkriminalität derzeit ein erbitterter Machtkampf. Nach unbestätigten Aussagen aus Insiderkreisen, entwickelt sich ein neuer Trend im Hackermilieu. Mittels Computerangriffen ausgelöster Katastrophen sollen gegnerische Hacker nicht nur am Computer, sondern als Person ausgeschaltet werden. Experten des BKA bezeichneten diese Spekulationen als reine Panikmache …
Jedenfalls hatte ich mit diesem ersten Coup das enorme Potenzial designter Ereignisse bewiesen. Die Grundprinzipien waren einfach. Eine kleine, möglichst unauffällige Ursache sollte eine möglichst große Wirkung erzeugen. Wichtig für meine Auftraggeber war es, das Wann und Wo dieser Wirkung zu kennen, um in der Berichterstattung die Nase vorn zu haben.
Wir spielten das Spiel in den unterschiedlichsten Variationen. Einige Monate, bevor eine Geschichte realisiert wurde, brachten die Sender warnende Beiträge in den Politmagazinen über diese und jene Gruppierung, die sich gerade bildete oder umstrukturierte. Militante Gentechnologiegegner, die statt mit Argumenten lieber mit Molotowcocktails um sich warfen; Sektierer, die versuchten, Kleinstädte aufzukaufen und mit der Bevölkerung aneinandergerieten; Jugend- und Kinderbanden, die sich erbitterte Kämpfe um ihre Territorien lieferten. Extreme Tierschützer, die infizierte Versuchstiere befreien wollten. Es trat immer ziemlich genauso ein, wie es die Herren Journalisten Monate vorher mit mahnendem Zeigefinger vorgeunkt hatten.
Das Problem war, dass meine Auftraggeber, so schüchtern sie auch am Anfang gewesen waren, plötzlich keine Grenzen mehr kannten. Sie forderten neue Projekte von mir. Verlangten von mir, in größeren Dimensionen zu denken, und boten mir dafür immense Summen.
So dumm, jung und eitel, wie ich war, ließ ich mich darauf ein. Bei einem erneuten Treffen in dem alten Kloster präsentierte ich ihnen mein neues Projekt. Wieder hielten sie große Gläser voll Wein in ihren Händen. Diesmal sah er aus wie Blut.
Wir nannten es Projekt 38. Wie gut hast du mir zugehört?
Wenn du mir genau zugehört hast, weißt du schon, was das Projekt 38 ist, oder?
Achtunddreißig Pixel. Um mehr ging es nicht. Achtunddreißig Pixel. Eine winzige Ursache. Ich nahm das Geld und tat es. Aber es gab mir nicht das Gefühl, das ich erwartet hatte.
Auch in dieser Nacht heftige Bombenangriffe auf El Herain Wie schon in den vergangenen Tagen wurde auch in dieser Nacht die Stadt El Herain durch heftige Luftangriffe erschüttert. Nach amerikanischen Angaben hätten sich die Angriffe auf ausschließlich militärische Ziele konzentriert. Dagegen spricht allerdings der sich täglich fast verdoppelnde Flüchtlingsstrom in Richtung der südlichen Grenze.
Wie erst heute bekannt wurde, hatten US-Helikopter in der Nacht zum Dienstag versehentlich das Feuer auf einen Flüchtlingskonvoi eröffnet, den man in der Dunkelheit fälschlicherweise für einen Truppentransport gehalten hatte. Nach amerikanischen Angaben gab es dabei rund zwei Dutzend Tote, während der Gegner die Zahl mit mehreren Hundert beziffert …
Man kann sich nicht in die Verbindung zwischen einem Satelliten und der Bodenstation hacken. Soweit ist das System vor Angriffen sicher. Aber die Daten werden nicht direkt unter der Parabolantenne ausgewertet. Sie werden so gut wie unbesehen weitergeschickt. Auf angeblich sicheren Leitungen, angeblich sicher verschlüsselt. Die haben ihre Bildanalytiker ganz woanders sitzen. Wenn man weiß, wo, und wenn man die Verschlüsselungstechnik geknackt hat, kann man sich da einklinken und die Bilder verändern.
Achtunddreißig Pixel. Natürlich nicht nur auf einem Bild, sondern auf einer ganzen Serie, die plötzlich den Weg eines mit Nuklearwaffen beladenen Fahrzeugkonvois dokumentiert. Ein Konvoi, der gerade so real ist wie eine Fata Morgana, die irgendwo unten im Sand flimmert.
Ein guter Hacker könnte das nicht schaffen. Nicht mit der ihm zur Verfügung stehenden Technik. Aber ich hatte zwei Großrechner für mich allein. Die neuste Verschlüsselungs- und Entschlüsselungstechnologie. Und ich machte ihnen ihre achtunddreißig Pixel.
Der Sender CNN erreichte seine Führungsposition, weil er über den Irak-Krieg berichtete. Meine Auftraggeber hatte dasselbe vor. Sie brauchten dazu nur den passenden Krieg. Und ich bastelte die passende Ursache dafür.
Achtunddreißig Pixel.
Mehr nicht.
Vorher hatten sie einen Deal mit der Militärdiktatur von El Herain abgeschlossen. Unsere Journalisten durften im Fall eines militärischen Konfliktes im Land bleiben und ihrer Arbeit ungehindert nachgehen. Als der böse Diktator den Vertrag unterschrieb, konnte er ja nicht ahnen, dass wenige Monate später tatsächlich ein Krieg beginnen würde. Aber er hielt sich an den Vertrag, nicht zuletzt, weil dabei ein großer Batzen für ihn abfiel, und die Mieten, die man für große Villen in Ländern ohne Auslieferungsabkommen verlangt, sind ja so bescheiden auch nicht. Also wurden einige auserlesene Topberichterstatter zu eingebetteten Journalisten, aber nicht auf der Seite der Amis, wo alle großen Agenturen ihre Leute hatten. Nein, diese spezielle Gruppe bewegte sich in den Reihen des Gegners und lieferte der ganzen Welt zum ersten Mal die Perspektive der bösen Jungs. Ehrlich gesagt, hatte ich nie geglaubt, dass man jemanden finden würde, der dumm genug war, um mit einer Kamera vor amerikanischen Eliteeinheiten wegzurennen. Aber meine Auftraggeber fanden fast zwei Dutzend solcher Irrer.
Sie lieferten fantastische Bilder. Unter anderem von einem Flüchtlingskonvoi, den amerikanische Helikopter eingeäschert hatten. Aber man konnte noch genug erkennen. Diese verkohlten Leichen. Das waren keine fanatischen Idioten wie die Nazis und die 2015-Dji-Had-Leute oder diese völlig verblödeten Pseudohacker. Es waren Greise, Frauen und Kinder gewesen. Jetzt nicht mehr als zusammengeschmolzene Klumpen.
Nur Pixel. Es sind doch nur Pixel auf meinem Fernseher.
Fünf Minuten habe ich versucht, mir dies einzureden, dann habe ich über meine Tastatur gekotzt und die nächsten zwanzig Stunden gezittert und geheult. Zu dumm, ich hatte nicht gewusst, dass ich ein Gewissen habe. Außerdem stellte es sich nicht gerade leise und sanft bei mir vor.
Zwei Tage später habe ich fast mein gesamtes Vermögen an irgendwelche Hilfsorganisationen gespendet. Meine Schuld hätte ich auch gern gespendet, aber die durfte ich behalten. Die und das Wissen, der erste Mann in der Weltgeschichte gewesen zu sein, der ganz allein einen Krieg verursacht hatte.
Ich glaube, die suchen heute noch nach Nuklearwaffen, die es nie gegeben hat.
Fragst du dich gerade, was für ein Kraut dieser alte tote Sack vor dir geraucht haben muss, um auf diesen Größenwahnsinnstrip zu kommen? Oder denkst du einen Schritt weiter und fragst dich, welche Rolle du in dieser Geschichte spielen sollst?
Fakt ist jedenfalls, dass ich tot bin und du hier bist. Die Frage ist also, was wir beide daraus machen.
Lass es mich mal so sagen. Ich bin ein sturer Hund, so stur, dass ich mich nicht mal durch meinen Tod davon abhalten lassen möchte, weiter zu inszenieren.
Hast du die Presse in den letzten Wochen verfolgt? Der Konflikt zwischen Taiwan und China hat sich verschärft. So sehr verschärft, dass nun schon amerikanische und russische Flugzeugträger beunruhigend nahe vor Taiwan stehen. Natürlich nicht zu nah. Nein, ich will dir jetzt nicht einreden, ich hätte meine Finger da drin. Damit habe ich nichts zu tun. Mir geht es um etwas ganz anderes.
Die Leute haben sich an solche Situationen gewöhnt. Konflikte wie diesen gibt es immer mal wieder. Immerhin ist der letzte Krieg fast neunzig Jahre her. Diese Generation weiß nicht mehr, wie schnell so eine Sache eskalieren kann. Aber ich habe die letzten Jahre vor allem mit meinen Modellen und Simulationen verbracht. Diesen Konflikt habe ich auch simuliert und dabei in den letzten Monaten einige ziemlich unangenehme Szenarios gesehen. Lass es mich auf ein Wort bringen:
Bumm!
Vielleicht liegen die Simulationen falsch. Vielleicht funktionieren sie nicht richtig, wenn sie das Verhalten völlig unterschiedlicher Kulturen und Gesellschaften in einer Konfliktsituation extrapolieren sollen. Die Basisdaten, die sie verwenden, gehen zurück auf den Zweiten Weltkrieg und viele kleinere militärische Krisen der letzten Jahre. Aber wenn sie richtig liegen, würde mich nicht wundern, wenn hier bald global die Lichter ausgehen.
Wenn man sie daran hindern will, aneinanderzugeraten, muss man sich was Besonderes einfallen lassen. Etwas, das sie voneinander ablenkt. Noch besser ist etwas, das sie zur Zusammenarbeit zwingt, statt sich mit irgendwelchen kleinlichen Streitereien aufzuhalten.
Es muss etwas Großes und sehr Beängstigendes sein. Etwas, das ihnen eine Scheißangst einjagt und sie regelrecht auf Kuschelkurs bringt.
Und soll ich dir was sagen? Ich habe etwas gefunden. Eigentlich ist die Idee nicht mal von mir. Aber ich glaube, ich bin der erste und einzige Mensch, der sie in die Tat umsetzen könnte. Wäre da nicht das Ding hinter meinem rechten Auge. Sozusagen eine Nebenwirkung meines Lebenswerkes. Nun ja, der Tumor hat seinen Job gut gemacht und mich umgebracht.
Deswegen wird es jemand anders tun müssen.
Jemand, der gut genug dazu ist.
Jemand, der wie ich ist.
Jemand, der ich bin.
Du.
Fragst du dich gerade, was der alte Sack von dir will? Der gesichtslose Fremde, mit dem du nächtelang über Philosophie, Politik, Physik, Pornos und Echtzeitstrategiespiele diskutiert hast? Der dir heiße Tipps für Hacken gab? Mit dem dich rein gar nichts verbindet, außer Sätzen, die über einen Monitor ausgetauscht wurden.
Wir haben mindestens eins gemeinsam. Wir sind besessene Spieler.
Ich konnte mich nie damit abfinden, in diesem großen Spiel nur ein Leben zu haben. Ein so eingeschränktes noch dazu. Nein, ich wollte die Vollversion, und ich wollte das Spiel von vorn beginnen, sobald das große »Game Over« kommt. Ich war jung, ich war großkotzig, ich hielt mich für eine Art Gott und hatte genügend Geld. Meine Auftraggeber hatten gute Beziehungen und waren damals bereit, mir jeden noch so exklusiven Wunsch zu erfüllen.
Ich musste eigentlich nur noch in den Becher wichsen. Den Rest erledigten irgendwelche Biotechnikfreaks für mich. Eine Leihmutter zu finden, war kein Problem.
Wie geht es ihr eigentlich? Hast du in letzter Zeit von ihr gehört?
Nein, es interessiert mich eigentlich nicht.
Falls du immer noch nicht geschaltet haben solltest – was ich natürlich bezweifele, denn du hast meine analytische Begabung, die Landkarte unserer Großhirnrinde ist sogar völlig identisch: Du bist mein Klon.
Du bist meine Kopie. Ich bin das »Game Over« und du bist der »Neustart«.
Du hast Zweifel an meiner Geschichte? Sieh mich genauer an. Schau nicht auf das Doppelkinn oder den grauen Bart. Erkennst du meine Augen wieder? Es sind dieselben Augen, die dich jeden Morgen im Spiegel ansehen. Graublau. Es gibt noch mehr Ähnlichkeiten, oder? Die Hände, das Gesicht, die Statur, die Neigung zur Fettleibigkeit. Kämpfst du noch dagegen an? Glaub mir, auf Dauer wirst du verlieren.
Und wenn dich die Äußerlichkeiten nicht überzeugen, dann vielleicht unsere inneren Gemeinsamkeiten. Der Intellekt, die Neigung, sich in sich selbst zurückzuziehen. Die Angst vor freien Plätzen, die dich in den letzten Jahren ebenso isoliert hat wie mich – und unsere gemeinsamen Vorlieben.
Du bist ich. Allerdings achtundzwanzig Jahre jünger.
Die Krankheit fragst du? Was mit der Krankheit ist? Als ich geboren wurde, wusste man nicht mal, dass es das Gen gab, das mein Leiden verursachte, geschweige denn konnte man davor danach suchen. Aber in dem Jahr, bevor du zur Welt kamst, fand man eine Möglichkeit, das böse Gen zu eliminieren. So wurdest du erst möglich.
Aber du brauchst nicht Papa zu mir zu sagen. Ich bin wohl eher so etwas wie ein lang verschollener Zwillingsbruder.
Genug der Familiennostalgie.
Von nun an hast du zwei Minuten Zeit, um dich zu entscheiden. Drückst du »Enter«, erhältst du den Zugang zu meiner gesamten Software und allen Informationen meines Projektes. Nennen wir es doch einfach Projekt 39.
Drückst du nicht, werden sämtliche Daten gelöscht, alle Platten formatiert und mein gesamtes Wissen ist verloren. Du überlässt die Dinge, die da kommen, dem Zufall, was dich zumindest vor einer verdammt großen Verantwortung bewahrt. Es ist keine schlechte Alternative, aber ich hätte wohl die erste Möglichkeit gewählt.
Dass du meine Kopie bist, bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass du auch handelst wie ich.
Vielleicht sollte ich noch mein Bedauern darüber äußern, dass wir uns nicht persönlich kennengelernt haben? Ich tue es nicht, denn es wäre eine Lüge. Es geschieht so, wie ich es vorgesehen habe. Du bist hier, also bin ich tot. Unnötig hinzuzufügen, dass ich darüber nicht unbedingt erfreut bin.
Machen wir es so: Ich wünsche dir viel Glück mit der Wahl, die du nun triffst. Mach mehr daraus als ich.
PRESS ENTER
ESA bestätigt Meldungen über Objekt jenseits der Plutobahn Die ESA gab gestern im Rahmen einer Pressekonferenz bekannt, dass amerikanische, russische und chinesische Beobachtungssatelliten und Orbitalteleskope ein Objekt jenseits der Plutobahn geortet haben, das starke energetische Pulse im Röntgenbereich emittiert. Aussagen von Experten, die Pulse hätten eine Art Signalcharakter, wurden bestätigt, allerdings dürfe diese Beobachtung nicht automatisch als Hinweis auf eine intelligente Steuerung des Objektes ausgelegt werden. Denkbar sei dies jedoch.
Russische Astrophysiker gehen einen Schritt weiter und behaupten, mithilfe von Orbitalteleskopen im optischen Spektrum des Flugkörpers Hinweise auf Prozesse gefunden zu haben, die auf einen triebwerksartigen Ausstoß von Plasma hindeuten.
Trotz der angespannten politischen Situation findet derzeit ein reger Informationsaustausch zwischen russischen, chinesischen, amerikanischen und weiteren internationalen Experten statt. Die wenn auch nur geringe Möglichkeit eines Erstkontaktes mit einer anderen Lebensform lasse jeden irdischen Konflikt bedeutungslos erscheinen, erklärte der Außenminister der USA. Eine Aussage, die die chinesische Führungsspitze unterstrich …
Nur Pixel. Es sind doch nur Pixel …
Erstmals erschienen in:
Hahn/Iwoleit/Mommers (Hrsg.) Nova 4
Wuppertal 2003
(2004)
Wie der eisige Atem eines zornigen Gottes traf ihn der Fahrtwind, drang in die winzigen Öffnungen seiner Kleidung, bahnte sich sogar einen Weg unter den Helm und ließ seine Augen tränen. Über Villon erstreckte sich ein unglaublich klarer Sternenhimmel, wie man ihn selbst hier nur in einer unendlich schwarzen und kalten Nacht erleben kann. Den Scheinwerfer konnte er nicht einschalten, sonst hätte man ihn bereits von Weitem sofort gesehen. Trotzdem trieb er das ATV mit Höchstgeschwindigkeit über die endlose Ebene. Das grüne Bild, welches das Nachtsichtgerät lieferte, war trügerisch, enthüllte Hindernisse wie größere Felsbrocken oder den Kadaver eines Wildpferdes oft erst in letzter Sekunde. Nur die Vibrationen des Lenkers unter seinen Händen verrieten, wie zerklüftet der Untergrund wirklich war. Mehr als einmal verriss eine Bodenwelle die Vorderräder, und es gelang ihm nur mit Glück, die Kontrolle über die Maschine zurückzuerlangen.
Ódádhahraun war eine unwirkliche Landschaft. Eines der größten Lavafelder der Erde, zurückgeblieben nach einem gewaltigen Vulkanausbruch. Früher ein Ort, an den Straftäter verbannt wurden, heute das ideale Gebiet, um Wissenschaftler wie ihn in eine Art Forschungsexil zu schicken. Etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Eine Sklaventätigkeit im Dienste anonymer Profiteure. Parasiten, die sich an den Früchten seiner Arbeit nährten, ihm jedoch jede Anerkennung verweigerten. Ein Forschungsgebiet wie das seine verurteilte einen Wissenschaftler zur Namenlosigkeit. Fachzeitschriften erwähnten seine Person niemals, wohl aber seine Ergebnisse. Ganz gleichgültig, wie brillant diese auch waren, würde ihm dafür niemals jemand die Hand schütteln, geschweige denn eine angemessen hohe Überweisung auf sein Konto tätigen.
Ja, Villon hatte keine Zweifel an der Richtigkeit seines Entschlusses. Die hatte er nie gehabt. Zu lange hatte er seine Fähigkeiten in den Dienst des Konzerns gestellt - jetzt war es an der Zeit, die Ernte einzubringen. Er würde seinen Kunden nur die CD zeigen müssen. Das würde sie überzeugen. Zumindest wenn es ihm gelang, sich durchzuschlagen.
Sebing hatte ihm zwar keinen Strich durch die Rechnung gemacht, ihn aber immerhin gezwungen, viel früher zu fliehen als ursprünglich geplant. Lange vor dem verabredeten Zeitpunkt, an dem sie ihn nahe der Station abholen sollten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als so nah wie möglich an die Küste zu kommen. Bevor die Jäger des Konzerns die Suche nach ihm aufnahmen.
Er hatte den Gedanken noch nicht beendet, als er den Sog spürte. Ein Blick über die Schulter offenbarte eine seltsame sternlose Fläche direkt über ihm. Ein riesiger Umriss zeichnete sich am Himmel ab.
In einem absurden Fluchtversuch gab er Vollgas. Der scharfe Schmerz holte ihn mühelos ein, grub seine Krallen tief in seine Schulter. Von dort breiteten sich Wärme und Taubheit in seinem ganzen Körper aus, raubten ihm das Gefühl in Armen und Beinen. Villon schwanden die Sinne, noch bevor das Vorderrad des ATV gegen einen Felsen prallte und die Maschine sich überschlug. Während sein Körper einige Meter weit durch die Luft segelte, erfüllte die schwarze Nacht bereits seinen Kopf.
Er wankte durch die verwischte Realität eines weißen Korridors, dankbar für die Nachwirkungen des Betäubungsmittels, die zwar seine Glieder schwer werden, ihn aber auch endlich zur Ruhe kommen ließen. Ein Mann ging voraus, ein anderer folgte ihm. Sie drängten ihn nicht, stützten ihn lediglich, wenn seine Knie nachgaben. Endlos lange Korridore wie diese waren über Jahre hinweg Villons Heimat gewesen. Weißes künstliches Licht war für ihn zu Sonnenlicht geworden. Doch unter den langsam nachlassenden Nachwirkungen des Betäubungsmittels wirkten diese Korridore schräg, schienen die Fluchtlinien nicht mehr nur scheinbar zusammenzulaufen. Vielmehr war es, als würde der Gang wirklich enger, als hätte ein Architekt hier einen surrealen Entwurf in ein reales Gebäude umgesetzt.
