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Psychologin Ela ist eigentlich mit ihrem Leben fertig. Ihre große Liebe hat sie eiskalt verlassen, ihr halbwüchsiger Sohn wendet sich gegen sie, ihr Job und Alltag machen ihr schon lange keinen Spaß mehr. Als sie dann noch die Todesanzeige einer früheren Schulfreundin entdeckt, bricht Ela aus ihrer Opferhaltung aus. Sie beschließt einiges, das früher völlig undenkbar für sie war. Unter anderem auch, zum ersten Mal in ihrem Leben allein in Urlaub zu fahren. Und plötzlich passieren Dinge, die ihr den Atem rauben! Als hätte ihr Leben nur darauf gewartet, dass sie aufwacht.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2018
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‚Soll ich springen?’
Dieser Gedanke spukte Ela in ihrem Kopf herum und setzte sich fest, als sie an diesem Abend am Geländer der Gänstorbrücke stand, die Ulm mit Neu-Ulm verband. Es war spät, schon nach zehn Uhr nachts. Es fuhren zwar noch einige Autos und LKWs über die Brücke, hier war es nie wirklich verkehrsarm. Es gab eben nur wenige Brücken über die Donau. Aber wahrscheinlich würde sie sowieso von niemandem bemerkt werden.
,Würde mich überhaupt jemand vermissen?’, war der Gedanke, der sich gleich anschloss.
,Nein, vermutlich nicht.’
Dort, nachts auf der Brücke, dachte Ela über ihr Leben nach... Dass sie von irgendjemandem geliebt wurde, dieses Gefühl hatte sie schon lange nicht mehr gehabt. Wenn überhaupt je. Doch... einmal. Aber das hatte Ela schon lange verdrängt. Denn die größte Liebe ihres Lebens hatte ihr damals das Herz gebrochen. Zersplittert, genauer gesagt. Selbst bei ihrem Sohn war sie sich nicht mehr sicher, ob er sie liebte. Er wurde immer schwieriger, behandelte sie wie Dreck.
,Und dabei ist er erst 13. Wie schlimm mag das später noch werden?’
Ela wusste, sie war zu lange zu nachsichtig mit ihm gewesen. Sie hätte früher und viel stärker durchgreifen sollen. Aber sie hatte bei Chris eben immer auch gespürt, dass ihm die Vaterfigur fehlte. Dass er irgendwie orientierungslos war. Er brauchte gerade in diesem Alter einen Vater, mit dem er raufen konnte, an dem er sich reiben konnte und der all diese verrückten Sachen mit machen sollte, die eben nur Männer miteinander machten. Mit dem er auch einmal ein Männergespräch führen konnte. Vielleicht versuchte Chris unbewusst, das alles von ihr zu bekommen. Aber sie schaffte das nicht mehr. Sie konnte einfach nicht alles sein. Sie war schließlich nur die Mutter. Zwar wusste sie als Psychologin, dass das natürlich zum Großteil der Pubertät geschuldet war, aber trotzdem hatte früher niemand gewagt, seine Eltern so zu behandeln, wie das viele Jugendliche heute taten. Sie dachte an ihre eigene Pubertät.
,Wir mussten damals auch mit dem Leben zurecht kommen und unsere Identität finden.’
Was für ein Unterschied. Selbst die, die damals als frech galten, wären im Vergleich zu den Kids heute die reinsten Engel. Hier lief gesellschaftlich und in der Erziehung einiges schief, anders konnte es nicht sein. Und wenn sie sich einmal wieder bei ihrem Chris über sein abartiges Verhalten beklagte, dann bekam sie zu hören, sie solle lieber froh sein, dass er nicht ganz so übel zu ihr wäre wie einige seiner Klassenkameraden zu deren Müttern. Die würden nämlich ihre Mütter richtig gehend schlagen. Einer hätte seine Mutter neulich sogar für einen ganzen Tag in die Küche eingesperrt.
,Freiheit tut eben nicht immer gut.’
Auch bei ihren Eltern war sie sich nicht wirklich sicher was deren Liebe betraf.
,Ich glaube, die haben einfach an mir als ihrem Kind ihre Pflicht erfüllt. Aber war das Liebe?’
Die Worte ,Ich liebe dich’ hatte sie von ihren Eltern noch nie gehört. Es war immer ein etwas kühles, fast distanziertes Verhältnis gewesen. Kein Wunder, dass sie damals das Bedürfnis gehabt hatte, Psychologie zu studieren. Als sie mit 26 Jahren Konrad überstürzt heiratete, hatte sie die Hoffnung, mit ihm wirklich leben zu können, ihm vertrauen zu können. Bei ihm hatte sie sich irgendwie geborgen gefühlt. Vor allem nach diesem Desaster, das sie kurz vorher erlebt hatte. Doch sie und Konrad hatten sich dann sehr schnell auseinander gelebt. Vielleicht auch deswegen, weil sie sofort schwanger geworden war. Viel zu schnell. Konrad hatte sie dann verlassen. Er wollte kein Kind.
,Nein, das war keine Liebe.’
Sie hatte Chris immer allein aufgezogen. Ihre Eltern hatten sie gegen einen kleinen monatlichen Obulus von ihr dabei unterstützt. Durch ihre psychotherapeutische Praxis konnte sie sich ihre Zeit einigermaßen flexibel einteilen. Arbeiten musste sie auf alle Fälle, schon aus finanziellen Gründen. Konrad verdiente zwar gut, aber als Selbständiger konnte er wohl viele seiner Einkünfte verstecken und musste so nur den gesetzlichen Mindestbetrag zahlen. Er hatte sich zudem für Chris nie wirklich zuständig gefühlt. Er kam nur ab und zu Besuch. Ansonsten wollte er seine Freiheit. Er hatte es nie eingesehen, mit Chris auf einen Wochenendaufenthalt oder einen Urlaub zusammen zu sein. Was diese Gleichgültigkeit und diese unausgesprochene Ablehnung auf Chris für Auswirkungen haben würde, das war ihm egal.
,Und was war mit meiner Freiheit, all die Jahre?’
Sie hatte nie die Zeit gefunden, allein auszugehen und sich einen neuen Partner zu suchen. Aber wenn sie wirklich ehrlich mit sich war, dann wollte sie auch gar keinen Mann mehr.
Und wenn sich jetzt Chris, ihr Chris, den sie über alles liebte, gegen sie wandte, sie sogar körperlich angriff, dann konnte sie das schlichtweg nicht mehr verkraften. Das war zuviel. Nach all den Opfern, nach all dem Alleinsein. Das war zuviel. Ihre Augen wurden nass.
„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“
Ein alter Mann zerrte Ela abrupt aus ihren trüben Gedanken heraus. Er hatte an einer Leine einen Cocker Spaniel dabei.
Ela schreckte auf. Zu tief war sie in ihr dunkles Leben versunken gewesen.
„Nein, nein... danke“.
„Sie sahen so traurig aus... so resigniert. Ich dachte schon...“, der Mann wusste nicht recht, wie er sich ausdrücken sollte. Als er sie da stehen sah und bemerkte, wie sich ihr Oberkörper immer weiter über das Geländer beugte, hatte er plötzlich Angst bekommen, dass sie sich etwas antun würde. Sie sah so verloren aus.
Ela schaute dem Mann ernst ins Gesicht. Er machte sich wirklich Sorgen um sie. Sie lächelte ihn zaghaft an.
„Nein... es... es ist alles gut.“
„Sind sie sicher?“
Jetzt, wo er ihr ernstes Gesicht betrachtete, war er überzeugt, dass sie gerade mit dem Gedanken gespielt hatte, zu springen. Eine so hübsche Frau. Ihre dunklen halblangen Haare, das zarte Gesicht mit den hohen Wangenknochen, ihre schönen blauen Augen, ihr voller Mund... Ela erinnerte ihn an eine der großen Hollywood Schauspielerinnen. Wer war das doch gleich? Ah ja, Ava Gardner. Aber die war ein Luder gewesen. Doch diese Frau hier, die war kein Luder. In ihren Augen lag viel Seele... und viel Einsamkeit.
„Ich bin sicher.“ Und jetzt war Ela sich auch sicher. Sie würde natürlich nicht springen. Wie konnte sie auch nur einen Moment diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht gezogen haben? Sie war schockiert über sich selbst.
,Bin ich verrückt?’
„Wissen Sie, ich bin ja schon einige Jährchen älter als Sie...“, der alte Mann räusperte sich und suchte nach den passenden Worten. Ela schätzte ihn auf Mitte siebzig, allerdings war er noch ganz stramm und rüstig. Sein schwäbischer Dialekt ließ darauf schließen, dass er ein echter Ulmer war. Nur echte Ulmer sprachen diese Art von schwäbisch.
„Und eins kann ich Ihnen sagen: Es geht immer weiter. Egal wie übel es auch gerade aussieht.“
Dann räusperte er sich wieder. Man merkte ihm an, dass es ihm schwer fiel, mit einer völlig Fremden über die ernsten Dinge des Lebens zu reden.
„Das ist eines der großen Geheimnisse des Lebens...“ Dann nickte er mehrmals mit dem Kopf, als wolle er sich selbst versichern, dass es so war.
„Wirklich, ich wollte nicht...“ Ela wollte nicht so schräg vor ihm dastehen, nicht einmal vor diesem Fremden, sie war doch keine Selbstmörderin.
„Doch... Sie waren nicht weit weg von... Passen Sie auf sich auf Mädchen.“
„Ja, das mache ich.“
Ela war das alles unendlich peinlich. Sie wollte nur schnell wieder heim. „Also, ich muss jetzt gehen.“
Sie nickt dem netten Mann zu. Als sie schon ein paar Meter gegangen war, drehte sie sich um. Der Mann sah ihr sorgenvoll nach.
„Und... danke. Das war lieb von Ihnen. Sie brauchen sich keine Sorgen machen.“
Sie lächelte ihn in der Dunkelheit an.
Gegen den Lichtschein der hinter ihm stehenden Straßenlaterne sah sie, wie er nickte, und sie glaubte auch, ein Lächeln zu erkennen. Dann zog sein Hund ihn weiter. ,Schön’, dachte Ela, ,dass es noch Menschen gibt, die ein Auge auf andere haben.’
Dann lächelte sie.
∞∞∞
„Du kannst mich doch jetzt nicht verlassen! Camille!“
Alexander war entsetzt, verletzt und auch wütend. War er denn für seine Frau nichts mehr weiter als ein Geldspender und Versorger der beiden Kinder? Der Kinder, die er liebte, die jetzt fünf und dreizehn waren, und die sie mitnehmen wollte.
Zu ihren Eltern nach Paris wollte sie wieder ziehen. Von Frankfurt aus waren das rund 500 Kilometer! Wie sollte er denn über diese Entfernung seine geliebten Mädchen regelmäßig besuchen kommen?
Obwohl er sich schon in Camille hineinversetzen konnte. Ihre anfängliche Liebe, als sie vor nun über 14 Jahren geheiratet hatten, war schnell dem Alltagstrott gewichen. Er hatte nur gearbeitet. Er war sehr erfolgreich geworden. Zu Hause war er selten gewesen. Und dann, später, dann kamen die Sorgen. Vor etwa einem Jahr. Alles war ihm unter den Füßen zusammengebrochen. Die Finanzkrise hatte ihn kalt erwischt.
Camille hatte nicht das bekommen, was sie gewollt hatte. Nicht einmal das, was er ihr versprochen hatte. Sie war schon lange kein Teil seines Lebens mehr. Er wusste sogar von ihrem Freund, den sie lange geheim gehalten hatte. Einer aus ihrer Jetsetclique, sinkreich, wie sie selbst. Er hatte es ihr noch nicht einmal übel genommen. Aber dass sie ihn jetzt verließ, gerade jetzt, als er ganz unten am Boden angekommen war, das verkraftete er nicht.
Sie packte ruhig ihre Koffer weiter. Sie war immer noch eine wirklich schöne Frau. 36 war sie jetzt erst vor kurzem geworden. Ihr schlanke durchtrainierte Figur, ihre vollen Haare und ihr klarer Teint, den sie noch nicht einmal mit Make-up verbessern musste, waren fast immer noch so perfekt wie damals, als sie sich kennen gelernt hatten. Natürlich musste man auch bedenken, dass sie modernen Schönheitsmittelchen nutzte und regelmäßige Botoxsessions bei ihrem berühmten Schönheitschirurgen hatte. Doch das, womit manche aussahen, als wären sie direkt dem Gruselkabinett entsprungen, ließ Camille erblühen. Mit zarter Raffinesse ließ sie es so einsetzen, dass es nicht auffiel. Nie zuviel, immer etwas weniger als andere, das war bei diesen Dingen ihr Motto.
„Alex... lass doch. Es hat doch keinen Wert mehr. Das wissen wir beide. Papa hat mir das immer prophezeit, dass du ein Loser bist. Und jetzt hat er schließlich Recht behalten.“
Sie konnte mittlerweile sehr gut deutsch, aber ihr charmanter französischer Akzent verriet immer noch, dass sie eigentlich Französin war. Bei dem allerdings, was sie gerade sagte, wirkte gar nichts charmant. Camille war im Grunde eine kalte und verwöhnte Frau. Er war damals von ihrer Schönheit und ihrer Klasse so geblendet gewesen, dass ihm das nie aufgefallen war. Ihre Verwöhntheit fand er süß und dass sie immer ihren Willen haben musste... so süß, dass er seine damalige Verlobte darüber völlig vergessen hatte, sie einfach verlassen hatte, von jetzt auf nachher. Ja, so war das eben bei schönen Frauen, die jeden Mann haben konnten, weil sie nicht nur schön, sondern auch reich waren. Ihrem Vater gehörte eines der größten französischen Unternehmen, das aus einem Konglomerat von Luxusfirmen, Zeitungen und High-Tech-Unternehmen bestand. Und Camille war die Kronprinzessin.
Camille Saroux – diesen Namen kannte in Frankreich jeder. Sie war die französische Paris Hilton gewesen, so lange bis sie geheiratet hatte – einen Deutschen. Alle Welt hatte sich damals gefragt, warum ausgerechnet Alexander Schönauer und nicht einen reichen Kronprinzen aus ihren eigenen Kreisen. Alex war damals gerade dabei, sich selbst ein Unternehmen aufzubauen. Er kam aus kleinen Verhältnissen. Seine Eltern arbeiteten beide bei der Telekom im Innendienst. Brave Leute. Mit Reihenhäuschen in der Vorstadt und einem Schrebergarten außerhalb der Stadt. Deswegen hatte er sich auf Finanzwissenschaften spezialisiert. Er wollte raus aus der Vorstadtenge. Geld machen. Machen können, was er wollte, weil er reich genug war. Keine Grenzen mehr. Zuerst stieg er auf der Karriereleiter steil nach oben. Dann gründete er einen kleinen Fonds, der dank seiner Expertise und einer unschlagbaren, immer wieder aktualisierten Spezialsoftware eine hervorragende Performance aufwies. Sein Freund Stefan, der Computerfreak, hatte ihm damals die kleine Softwarefirma vermittelt, die sich auf datenbasierte Börsenprognosen spezialisiert hatte und dringend ein Pilotprojekt gesucht hatte. Das hatte er ihnen gegeben. Und der Erfolg begann, die Software war ein Hit. Deswegen kamen dann immer mehr Kapitalanleger aller Art, kleine und große, professionelle und weniger professionelle, und sein Fonds wuchs und wuchs. Dann gründete er den Hedgefonds dazu, auch hier hatte er eine mehr als glückliche Hand bewiesen. Er wurde als Shootingstar der Finanzszene gefeiert, alles was Rang und Namen hatte, kam zu ihm, um Geld anzulegen.
So auch Albert Saroux damals, seine schöne Tochter im Schlepptau, in die sich Alex Hals über Kopf verliebte. Deswegen hatte er sich bei diesem Gespräch so unaufmerksam verhalten, dass Albert den Eindruck bekommen hatte, Alex sei ein wenig meschugge und wisse nicht, was er rede. Daraufhin hatte er davon abgesehen, bei ihm Geld anzulegen. Und seiner Tochter geraten, sich von diesem Loser fernzuhalten.
Doch Camille fand Alex süß. Süß und männlich. Sie hatte sich auch verliebt. Damals fing alles an. Überstürzt. Leidenschaftlich. Ohne nachzudenken. Nach sechs Monaten war Camille schwanger. Und sie heirateten. Ohne sich wirklich zu kennen.
Und jetzt verließ sie ihn, um zu ihrem Papa zurückzukehren. Geld war eben doch dicker als Liebe – oder was sie dafür gehalten hatten.
∞∞∞
Als Ela die Haustür ihres kleinen Reihenhäuschens aufschloss, wusste sie sofort, dass Chris noch wach war. Es brachte sie auf die Palme, dass er nicht, wie vereinbart, unter der Woche um zehn Uhr ins Bett ging. Er hielt sich an nichts mehr. Er machte einen Narren aus ihr. Manchmal hatte sie Lust, ihn windelweich zu schlagen. Solange, bis er endlich die Regeln einhielt. Ela zog ihre Jacke aus und warf sie achtlos auf die Garderobe.
Chris saß auf dem Sofa im Wohnzimmer. PSP in der Hand, Fernseher an. Sie hasste das, Doppel- oder Dreifachmedien, alles gleichzeitig, und nichts gescheit. Das lief auf Konzentrationsmangel und verwirrte Aggressivität hinaus. Sie beneidete die Lehrer nicht, die mit diesen Kids dann arbeiten mussten.
Innerlich auf 180, äußerlich aber ruhig, ging Ela zum Fernseher und schaltete ihn aus.
„Du sollst um zehn Uhr im Bett sein, das weißt du. Jetzt ist es nach zwölf. Dann ist morgen der PC gestrichen. Geh jetzt ins Bett.“
Aggressiv sprang Chris auf und schrie sie an.
„Halt doch dein Maul! Ich bin 13! Alle in der Klasse dürfen bis spät nachts aufbleiben und sogar Computer spielen! Ich lasse mir das von dir nicht mehr gefallen, du blöde Kuh!“
Dann stürzte er auf sie zu und stieß sie hart zurück. Ela verlor fast das Gleichgewicht, sie konnte sich gerade noch fangen. Sie hatte schon so manchen blauen Fleck oder sogar Bluterguss von Chris’ Attacken abbekommen. Chris war zwar erst 13, aber er war bereits so groß wie sie und sportlich durchtrainiert, was seine Attacken wahrscheinlich schmerzhafter enden ließ, als er sie im Sinn gehabt hatte.
„Was die anderen machen, ist mir egal, du bist noch ein Kind. Du hälst dich an die Regeln, sonst wirst du eben bestraft. Geh ins Bett.“
Dann drehte sie sich um und ging in Richtung Küche. Doch Chris setzte ihr nach. Wieder stieß er sie hart in den Rücken. Ela knallte gegen den Türrahmen. Aber als sie sich wieder gefangen hatte, reichte es ihr. Sie drehte sich um und schlug Chris mit voller Kraft ins Gesicht. Dann schrie sie los als würde es kein Morgen geben.
„Hau bloß ab! Geh mir aus den Augen! Und ich rate dir, fass mich nie wieder an! Noch einmal und ich bringe dich in ein Heim für Schwererziehbare! Ich werde mir deine Brutalität und deine Gemeinheit kein einziges Mal mehr gefallen lassen! In der Schule kriegst du den Mund nicht auf und lässt dir von deinen Kumpeln alles gefallen und hier spielst du dann den großen Macker! Du elender Feigling du! Du Memme! Mit deiner Mutter meinst du, kannst du dann fies sein! Kämpfe deine Kämpfe gefälligst draußen! Mit deinen verkorksten Kumpels! Geh mir aus den Augen, aber sofort! Sofoooort!“
Das letzte Wort schrie sie so laut und lange hinaus, bis es in einem hohen C endete. Chris stand vom Schock gelähmt da, seine Wange glühte. Er starrte sie ungläubig an.
Dann trabte er davon, ohne noch ein Wort zu sagen.
∞∞∞
Alex lag in dem großen Bett in der eleganten Wohnung mitten in Frankfurt. Allein. Um ihn herum war alles superordentlich. Er sah sich um. Nirgends stand etwas herum, nirgends gab es Unordnung oder Staub. Dabei fiel ihm ein, dass er der Haushaltshilfe kündigen musste. Die konnte er sich jetzt nicht mehr leisten. Nicht einmal mehr das. Er musste lernen, wieder selbst aufzuräumen.
Camille hatte sogar alle ihre kleinen Fläschchen und Tiegelchen mitgenommen, die überall herumgestanden hatten. Im Wohnzimmer, in der Küche, in Bad und WC sowieso, im Schlafzimmer auf dem Schminktisch und auf dem Nachttischchen. Camille musste immer und überall sofort eine Handcreme, einen Concealer oder einen Lipgloss zur Hand haben. Und da sie nicht alles immer mit sich herumtragen wollte, hatte sie eben überall in der Wohnung ihre Utensilien verteilt. Am Anfang hatte ihn das mächtig gestört, aber mit der Zeit wurden diese Tiegelchen und Töpfchen für ihn zum Symbol seines Heims. Wann immer er irgendwo Töpfchen sah, fühlte er sich, als wäre er daheim, egal wie weit das Hotel, in dem er gerade war, auch von Deutschland entfernt sein mochte. Manchmal steckte ihm Camille sogar eines ihrer Tiegelchen in die Reisetasche. Er hatte ihr einmal erzählt, wie sehr er diese Kleinigkeiten mittlerweile mochte. Und wenn er dann wirklich heimkam, spätabends, und Camilles Utensilien herum stehen sah, wusste er, er konnte entspannen. Er war angekommen, daheim.
Doch jetzt war alles leer. Was sollte er nun machen? Frau weg, Kinder weg, Geld weg.
Und jetzt war bald Ende Oktober. Alex seufzte. Auf die letzte Oktoberwoche hatte er sich immer besonders gefreut. Die hatten sie immer in Italien verbracht, immer im gleichen Hotel. Das war ihr kleines Ritual geworden. Dort hatten sie sich kennen gelernt, dort war damals das Meeting mit ihrem Vater gewesen. Wenn er an seine Ehe zurückdachte, dann waren es wohl gerade diese späten Oktoberwochen in Italien, die die glücklichsten in ihrer ganzen Ehe gewesen waren. Auch dieses Jahr war die Reise längst gebucht und bezahlt. Sollte er nun allein nach Italien fahren? Ohne Camille, ohne die Kinder? Camille hatte ihm klipp und klar gesagt, dass sie den Urlaub nicht nehmen wollte. Sie wäre fertig mit ihm, mit den Erinnerungen, mit allem.
Aber wenn er jetzt führe, wäre das nicht wie schädliche, Seele zerfressende Nostalgie? Oder schlimmer noch, Masochismus? Würde er sich nicht jede Sekunde nach seiner Familie verzehren, wenn er nun sofort nach der Trennung, noch in der vollen Trauerphase, ausgerechnet dorthin fuhr, wo sie immer am glücklichsten gewesen waren?
Andererseits, wenn er hier blieb, dann würde er in diesem Penthouse leben. In der Wohnung, in der jedes Möbelstück ihn an seine verlorene Familie erinnerte. Wo die beiden Kinderzimmer waren, die, wenn er sie betrat, den Geruch seiner Kinder ausströmten.
Da war wahrscheinlich der Urlaub noch die weniger masochistische Variante. Und den Termin mit seinem größten Gläubiger, Carlo Valle, konnte er ebenso in Italien abhalten. Valle kam aus Florenz. Er nannte sich immer ,Bankier’. Als ob nicht alle wüssten, was er wirklich war. Ein Termin in Italien, das wäre Valle wahrscheinlich sogar lieber.
Alex wusste sowieso, was an diesem Termin passieren würde. Schließlich war er zahlungsunfähig. Pleite.
∞∞∞
Am nächsten Morgen, als Chris fertig angezogen war, tat Ela ihr Verhalten schon fast wieder leid. Aber jetzt würde sie hart bleiben. Es reichte. Sie rauchte innerlich noch und sie spürte, wie ihre Hände zitterten. Sie schenkte sich ihren Kaffee ein und dachte an den Abend zurück.
Gestern Nacht noch, obwohl es schon so spät war nach dem Vorfall mit Chris, hatte sie das Gefühl gehabt, frische Luft zu brauchen. Sie hatte die Terrassentür geöffnet und die halb milde, halb kühle Herbstluft herein gelassen. Sie war hinaus auf die Terrasse getreten und hatte tief Luft geholt.
Sie hatte gestresst die Augen geschlossen, als ihr auf einmal Rauch in die Nase gestiegen war. Sie hatte gegrinst.
„Otto? Bist du das?“
„Ja. Wer sonst?“, war eine dunkle Stimme hinter den Büschen hervor gekommen.
Otto war ihr Nachbar, ein Wittwer. Er war Anfang 60 und lebte allein, seit seine Frau vor drei Jahren gestorben war. Man hielt ab und zu ein Schwätzchen und war nachbarschaftlich befreundet.
„Das Geschrei hat mich heraus gelockt. Dachte schon, ihr hättet Einbrecher im Haus.“
Ela war es ein wenig peinlich gewesen, dass Otto alles gehört hatte.
„War es so laut?“
„Sind dünne Wände hier, das weißt du doch. Und Chris hat sowieso eine laute Stimme.“
„Was hast du denn alles mitgekriegt.“
„Genug.“
Ela hatte schwer geatmet.
„Musst dir keine Vorwürfe machen, Ela. Das tut dem Jungspund gut. Der muss seine Grenzen spüren, wenn er sie nicht sieht. Jungs brauchen das. Ist wie bei einem hysterischen Weib. Der knallt man ja auch eine, damit sie wieder normal wird.“
Ela hatte laut aufgelacht. Und auch jetzt noch, am hellen Morgen, lächelte sie vor sich hin, als sie an Ottos Rat dachte. Soviel weise Amateurpsychologie auf einmal! Aber so unrecht hatte er nicht einmal. Manchmal hängte sich das menschliche Gehirn einfach auf, wie bei einem PC, bei dem plötzlich nichts mehr ging. Dann konnte ein Knall schon helfen. Ela übergab an diesem Morgen Chris seine Vesperbox mit versteinerter Miene, denn sie wusste, dass sie jetzt nicht nachgeben durfte. Chris musste merken, dass die Grenze erreicht war. Kein Nachgeben, kein ,Tut mit leid wegen gestern Abend’, das ihr fast schon auf der Zunge lag, weil sie es als Frau eben nicht gewöhnt war, Konflikte auch einmal körperlich auszutragen, was bei Jungs und sogar auch bei ausgewachsenen Männern doch immer noch gang und gäbe war. In Chris’ Augen lag an diesem Morgen eine Unsicherheit, die sie schon lange nicht mehr bei ihm bemerkt hatte. Er schien sich im Klaren darüber zu sein, dass sie sein Verhalten nicht mehr tolerieren würde.
„Ich melde dich heute zur Psychotherapie an“.
Ela sagte das kalt als sie sich wegdrehte, um in die Küche zurück zu gehen.
„Nein, Mama, nein! Bitte nicht! Ich werde mich bessern, ich verspreche es! Ich werde dir nicht mehr wehtun und auch besser folgen! Aber schick mich nicht weg!“ „Ich schicke dich nicht weg, ich hole uns nur Hilfe. Denn ich werde nicht mehr Herr über dich.“
„Aber ich bessere mich! Ab sofort! Mama, bitte!“
„Und du gehorchst mir von jetzt an? Wenn ich sage, du bist um 10 im Bett, dann bist du um 10 im Bett? Wenn ich sage, du sollst die Spülmaschine ausräumen, dann räumst du die aus? Wenn du lernen sollst, oder Hausaufgaben machen, dann schaltest du den Computer aus und machst das? Und so weiter und so weiter?“
„Ja.“ Chris sagt es fast feierlich. Er meinte es so.
„Also gut. Dann testen wir das für vier Wochen.“ Chris nickte. Aber Ela schaute ihn kritisch an. „Wenn es aber nicht funktioniert, dann holen wir uns Hilfe.“
Chris nickte wieder. „Aber es wird funktionieren. Bestimmt.“
„Also gut. Dann ab in die Schule jetzt!“ Zögerlich gab er ihr ein Küsschen auf die Wange. Das hatte er schon lange nicht mehr gemacht. Ela schaute ihm kritisch hinterher, als er die Haustür hinter sich zuzog.
Das hatten sie ja nun schon ein paar Mal hinter sich, in ähnlicher Weise. Nur nie so hart, wie es gestern war. Verbesserungsschwüre. Rückfälle. Verbesserungsschwüre. Blaue Flecken. Sie hatte die Hoffnung auf Besserung bei Chris eigentlich längst aufgegeben. Sie wusste, dass echte Konsequenzen überfällig waren. Das wirklich Schlimme für Ela war, dass jede Gemeinheit von Chris, jeder Ungehorsam, jeder Stoß und jeder Schlag von ihm sie an die Grausamkeiten erinnerte, die sein Vater ihrer Seele angetan hatte. Manchmal kam es ihr vor, als wäre das ihr persönlicher Fluch. Als wären diese Schmerzen, die ihr damals von ihm zugefügt worden waren, noch nicht genug. Als würden sie sich Tag für Tag aufs Neue wiederholen. Ela fragte sich oft, womit sie das verdient hatte. Warum ihr das passierte. Ihr, die immer versuchte, die Gefühle anderer nicht zu verletzen. Behutsam zu sein. Bevor sie andere verletzte, verletzte sie lieber sich selbst.
Wahrscheinlich war genau das falsch. Man musste auch lernen, für sich selbst zu sorgen, sich selbst zu verteidigen, sich selbst sein Recht zu holen. Man konnte sich nicht darauf verlassen, dass andere das für einen taten. Nein. Das hatte sie so oft erleben müssen, dass sie anderen half, aber wenn sie selbst Hilfe brauchte, einsam und verlassen war und keiner ihr beistand. Aber sie nahm sich vor, das jetzt zu lernen. Schluss mit der lieben netten Ela, die sich herumschubsen ließ. Sie würde jetzt für sich selbst einstehen lernen. Sie würde jetzt auch ihre Ellbogen benutzen. Sie würde sich erlauben, wütend zu sein, streng zu sein, auf ihrem Recht zu bestehen. Sie würde sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen lernen. Ein für allemal.
