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Jule taucht lieber in ihre Fantasiewelt ab, als in der Schule aufzupassen. Ihre Lehrerin und ihre Eltern finden das weniger gut, da Jules Leistungen darunter leiden. Doch eines Tages werden ihre Träume wahr! Ein Zwerg aus dem magischen Land "Bellaterra" steht vor ihr und bittet ausgerechnet sie um Hilfe. Sie ist auserwählt, "Bellaterra" von den dunklen Mächten der Zauberbrüder Ranox und Noxar zu befreien, die das Land mit ihren Streitereien ins Chaos stürzen. Ein fantastisches Abenteuer wartet auf sie, in dem ihr ein Einhorn, Piraten, ein Elf und die Prinzessin Asa, die Schwester der bösen Zwillinge, bei der Rettung von "Bellaterra" zur Seite stehen. Und genau Jules Fantasie und ihre außergewöhnlichen Ideen sind es, die die verzwickten Situationen lösen.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2019
Dieses Buch widme ich voller Liebe meinen Eltern, die mir eine wunderbare phantasiereiche Kindheit geschaffen haben.
Ich durfte Prinzessin sein und Zauberin. Ich hatte ein Teppichschloss im Garten und ein Pappkartonraumschiff auf dem Balkon.
Danke, dass ihr immer für mich da seid.
© 2019 Arlett Stauche
Herausgeber: Edition Sternsaphir
Autorin: Arlett Stauche
Umschlaggestaltung, Illustration: Nadine Drexler
Lektorat, Korrektorat: Antonia Jost
Verlag: Edition Sternsaphir, Saldenburg
ISBN:
Paperback 978-3-9817493-6-6
E-Book 978-3-9819702-8-9
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Autorin Arlett Stauche wurde 1970 im Thüringer Wald geboren und lebt in dem kleinen Städtchen Gräfenthal.
Sie hat zwei erwachsene Söhne und arbeitet als Sekretärin in einem Krankenhaus. Nach ihrem Abitur begann sie ein Studium im Bereich Germanistik und Kunst an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt.
Das Schreiben und Malen betreibt sie mit viel Enthusiasmus in ihrer Freizeit. Kinderbücher sind ihre Leidenschaft, mittlerweile gehört, neben „Bellaterra“, „Pepe – der freche Affe“ zu ihren Erstlingswerken.
Inspirieren lässt sie sich für ihre fantasievollen Geschichten von den vielen Kindern ihres Freundeskreises und von Erinnerungen an die Kindheit ihrer Söhne.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Der finstere Ranox
1.1 Das magische Tor
1.2 Das Zeichen des Auserwählten
1.3 Ein neues magisches Land
1.4 Selranas Geschenke
1.5 Schnee im Sommer
1.6 Kleiner Retter
1.7 Böse sein macht Spaß!
1.8 Zermürbende Nacht
1.9 Dorniger Morgen
1.10 Bosheiten
1.11 Was Drachen wollen
1.12 Esor, der Spion!
1.13 Diebe in der Nacht
Kapitel 2 – Noxar, der Hinterhältige
2.1 Ein neues Ziel
2.2 „Bruderliebe“
2.3 Offensichtlich unauffällig
2.4 Atlantissa, Trickserreien und Versprechungen
2.5 Riesen Wirbelstürme
2.6 Hinterhältigkeiten
2.7 Die schrecklichen Piraten
2.8 Stehlen leichtgemacht
2.9 Wie, als wäre nichts gewesen
2.10 Ein Sturm braut sich zusammen!
2.11 Eine ewige Verbindung
Kapitel 1–Der finstere Ranox
1.1 – Das magische Tor
Tief im Wald, dort, wo es am dichtesten und unheimlichsten ist, steht ein uralter Steinbogen. Efeu rankt sich um seine Pfeiler und zwei Steinteufel, der eine klein und rund und der andere lang und dürr, bewachen das Tor ins Nirgendwo. Dichter Nebel wabert um die zwei Wesen herum und durch den Torbogen hindurch. Langsam steigt der schwere Dunst vom Waldboden auf in die Baumkronen, in denen die Morgenröte des neuen Tages schon schimmert, dort löst er sich auf. Die Sonnenstrahlen berühren kaum den Boden des düsteren Waldes, aber wohl die grauen Steinteufel.
Ein seltsames Glühen umstrahlt die starren Figuren, zuerst schwach, doch dann immer kräftiger und auf einmal bewegen sich die Torwächter. Die Teufel recken und strecken sich, so als hätte sie etwas geweckt oder vielleicht sogar jemand?
Plötzlich flirrt die Luft und wie durch Zauberhand erscheint eine reich verzierte Holztür inmitten des Steinbogens. Zuerst bleibt alles so still wie zuvor.
Doch dann, als sie sich langsam öffnet, knarrt und quietscht es unheimlich. Aber im Türspalt erscheint weder ein gruseliges Monster oder eine düstere Gestalt, nein, zögerlich kommt zuallererst eine kugelrunde Knubbelnase hervor, gefolgt von einem zerknitterten, weißbärtigen Gesicht.
„Hier ist also die Welt der Menschen. Ganz schön finster“, murmelt der Zwerg und zupft vor Aufregung an seinem Bart herum. Er bemerkt dabei nicht die dunklen Steinteufel, die jeder seiner Bewegungen mit glühenden Augen folgen. „Wer ist der neue Besucher?“, schnarrt einer der beiden Steinwesen plötzlich hinter dem Rücken des Zwergs, der sich fürchterlich erschreckt.
Schnell huscht er wieder dahin zurück, wo er hergekommen ist und knallt die Tür zu. Am liebsten wäre er nicht wieder hinter dieser hervorgekommen, aber er muss Mut beweisen, er ist auf einer wichtigen Mission! Zögerlich öffnet er sie erneut, jetzt bemerkt er auch die Steinteufel, die ihn verwundert ansehen.
Mutig hebt er seine Hand zum Gruß und antwortet: „Ich bin Bofur aus Bellaterra!“ „Ah ja, ich bin Rechts“, erwidert der rechte Steinteufel mit knarzender Stimme, verneigt sich vor dem Zwerg und weist mit seinem kurzen Zeigefinger auf den Teufel auf der anderen Seite. „Und das ist Links! Was suchst du hier?“, fragt er den Neuankömmling interessiert.
„Ich habe einen äußerst wichtigen Auftrag, den ich erfüllen soll. Kennt ihr euch in dieser Welt aus?“, fragt er die beiden Teufel hoffnungsvoll, aber die zucken nur ahnungslos mit den Schultern. „Tut uns wirklich leid, aber wir kennen uns hier nicht aus. Wie denn auch? Wir sind hier verwachsen, also ist es ein wenig schwierig, uns davonzuschleichen. Nicht einmal die Wanderer finden uns in diesem Teil des Waldes, schade eigentlich! Ich würde sie so gerne erschrecken!“, jammert der dicke Teufel, bläst dabei seine Wangen wie zwei Ballons auf und zieht eine Schnute.
„Jetzt ist es aber gut, Rechts. Dein ewiges Wehklagen interessiert unseren Besucher sicher nicht!“, meint der lange dünne Teufel mit gerunzelter Stirn und wendet sich Bofur zu: „Du musst entschuldigen. Wir sitzen hier seit hunderten von Jahren fest und Rechts langweilt sich dabei entsetzlich!“
Neugierig fährt er fort: „Aber um was geht es eigentlich in deinem „äußerst wichtigen Auftrag“? Ist in Bellaterra alles in Ordnung?“
„Nun ja, überhaupt nicht“, brummt Bofur betrübt in seinen bauschigen Bart und erzählt: „Der große Zauberer Lim Kosch und seine Gemahlin Lam Kosch haben sich zu einem zehnjährigen Schlaf in die Grüne Höhle am Jademeer zurückgezogen und ihren drei Kindern - den Zwillingen Ranox und Noxar und der kleinen Asa - allein das Regieren ihres Reiches anvertraut. Die beiden Jungen sind zu jugendlichen Magiern herangewachsen, nur leider sind die Brüder nicht so verantwortungsvoll, wie ihre Eltern gedacht haben und wir, das Volk, bekommen das zu spüren!“
Bofur macht eine Pause, holt dann tief Luft und erklärt weiter: „Die beiden streiten sich unentwegt. Ihr müsst wissen, dass ihr Vater Lim sein Zauberamulett, das Illot, dreigeteilt und seinen Kindern übergeben hat. Sie sollen es während seines zehnjährigen Schlafes behüten. Ranox erhielt die Macht über Pflanzen und Tiere, Noxar über die Naturgewalten und an die kleine Asa ging die Macht der Jahreszeiten. Da sie aber noch ein Kind und noch dazu ein Mädchen ist, meinen die Brüder, nur sie hätten einen Anspruch darauf. Beide benutzen es aus der Ferne und Asa kann dies nicht verhindern, da ihre Zauberkraft noch nicht so stark wie die ihrer Brüder ist.“
„Oh je, oh je, was für ein Chaos! Wenn das der alte Kosch wüsste“, murmelt der linke Steinteufel, „aber der schläft tief und fest und in der Zwischenzeit bricht das Unglück über Bellaterra herein!“
„Ja, leider. Der Streit geht schon so weit, dass Ranox seinem Bruder einen Schwarm Heuschrecken auf die Gemüsefelder gesandt hat! Die Insekten haben alles aufgefressen. Noxar hat sich natürlich fürchterlich gerächt.
Mit Wirbelstürmen und Regenschauern hat er das Land seines Bruders verwüstet. Aber das ist nicht mal das Schlimmste!“
„Nicht?“, fragte Rechts erschrocken. „Was kann noch schlimmer sein, als die Ernte zu vernichten? Es wird Hungersnöte geben! Die armen Bewohner von Bellaterra.“
Mit sorgenvollen Augen schauen die beiden Steinteufel den Zwerg an. Der schüttelt traurig den Kopf und sagt:
„Asa hat nicht die Kraft, ihr Illot allein zu beherrschen. Stets greifen auch ihre Brüder auf diese Macht zurück und das bedeutet für Bellaterra einen ständigen Wechsel der Jahreszeiten. Ist es am Morgen noch Sommer, so kann es zur Mittagsstunde bereits Winter sein. Wisst ihr was das bedeutet? Die Blumen erfrieren, die Bäume erfrieren und damit auch alles Obst und Gemüse. Das gibt Krankheiten und Hungersnöte im ganzen Land. Deshalb hat mich die weise Fee Selrana hierher ausgesandt, um Hilfe zu holen. Ein Kind, welches sich seine Träume bewahrt hat, mutig, ideenreich und reinen Herzens ist, soll der kleinen Asa helfen, Bellaterra von der zerstörenden Herrschaft ihrer Brüder zu befreien. Aber wie finde ich solch ein Kind in dieser Welt? Die weise Selrana hat mir zwar einen Traumstein gegeben, aber ich weiß gar nicht, wie ich es damit finden und erkennen soll?“
Er holt den blauen Stein aus seinem Beutel hervor und hebt ihn in die Höhe, sodass auch die beiden Teufel einen Blick darauf werfen können. Aber sowohl Rechts als auch Links zucken nur ratlos mit ihren dicken und dürren Schultern.
Zerknirscht schiebt Bofur den Stein wieder in den Beutel und meint:
„Jetzt muss ich mich aber wirklich auf die Suche machen!“ Er verbeugt sich zum Abschied vor den Torwächtern. „Wünscht mir Glück.“
„Viel Glück!“, kommt es wie aus einem Munde und die beiden sehen dem Zwerg nach, der schnell im dichten Wald verschwindet. Wieder ist es still auf der Lichtung und die beiden erstarren zu regungslosem Gestein.
1.2 – Das Zeichen des Auserwählten
Einige Kilometer entfernt von diesem magischen Ort sitzt ein blondes Mädchen in einem Klassenzimmer einer Grundschule und schaut aus dem großen Fenster. Sie beobachtet die bauschigen weißen Wolken, in denen sie die magischsten Formen und verborgensten Königreiche entdeckt, und träumt wilde Geschichten von Bösewichten und schönen Zauberwesen.
Ach, wie gern wäre sie ein Teil von diesen Welten.
Plötzlich reißt ein lauter Knall das Kind aus seinen fantastischen Tagträumen. „Juliane Sonnenschein, träumst du schon wieder? Wir lernen hier Mathematik!“, schimpft die Lehrerin laut und hebt ihr Buch hoch, das sie offenbar kurz zuvor auf ihr Pult geknallt hatte. Erschrocken schaut Jule, wie sie von ihren Freunden genannt wird, mit ihren großen, haselnussbraunen Augen zur Wandtafel. Streng wie ein Feldwebel hat sich Frau Zahlmeier dort aufgestellt, die Hände in ihre runden Hüften gestemmt, blickt sie aufgebracht über ihre dicke Hornbrille auf Jule herab.
„Juliane, komm bitte sofort zur Tafel und rechne die Aufgabe weiter. Matthias, du darfst dich setzen!“ Matthias, der Junge, der sich bis jetzt an der gestellten Rechenaufgabe den Kopf zerbrochen hat, grinst breit. Er ist sichtlich erleichtert, dass Jule ihn erlösen muss und zieht hinter dem breiten Rücken der Lehrerin eine fiese Grimasse. Jule streckt ihm zur Antwort die Zunge heraus. Die beiden mögen sich nicht besonders und gerade von ihm lässt sie sich nichts gefallen. Doch an Frau Zahlmeier hat sie in diesem Moment nicht gedacht!
Aber was für ein Glück! Sie hat es nicht bemerkt, weil sie sich gerade in diesem Moment zur Tafel umdreht. Das hätte Ärger gegeben, auweia …
Jule nimmt die Kreide von ihr entgegen und kann sich gerade noch ein Stöhnen verkneifen. Mathematik, wie schrecklich! Alles so exakt.
Keine Fantasie!
Alles so genau vorgeschrieben. Gesetze und Regeln, Regeln und Gesetze.
Wie langweilig …
„Nun, Fräulein Sonnenschein, wir warten!“ Frau Zahlmeier mustert sie durchdringend und klopft dabei ungeduldig mit ihrer Schuhspitze auf den Holzfußboden des Klassenzimmers. Da soll man nicht nervös und unkonzentriert sein! Angestrengt denkt sie nach, dabei kaut sie auf ihren Lippen und wickelt ihren blonden Zopf um die kreidebeschmierten Finger. Doch das alles bringt nichts, für sie stehen da nur Zahlen ohne Sinn an der Tafel.
„Nun, ich sehe schon, das wird nichts! Kindchen, Kindchen, wo warst du bloß wieder mit deinen Gedanken?“ Frau Zahlmeier schüttelt den Kopf und rückt die Brille zurecht.
„Juliane, setz dich auf deinen Platz! Diesmal muss ich deiner Mutter eine Mitteilung in dein Hausaufgabenheft schreiben. So kann das mit den Träumereien nicht weitergehen! Christian, komm du bitte zur Tafel und rechne die Aufgabe weiter. Juliane, pass jetzt auf!“
Mit schlechtem Gewissen setzt sich Jule auf ihren Platz.
„Oh weh, die arme Mutti, da wird sie aber mächtig bekümmert sein. Es ist wohl besser, wenn ich jetzt achtgebe, wie Christian diese Aufgabe rechnet“, denkt sie.
Später an diesem Tag liegt Jule in ihrem Bett und grübelt.
Mama ist sehr traurig gewesen, als sie ihr den Eintrag von Frau Zahlmeier vorgelegt hat. Mit sorgenvollen Augen hat sie das Mädchen angesehen. Zwar schimpft ihre Mama nie mit ihr, aber sie hat betrübt gesagt:
„Oh Kind, wenn das der Papi wieder hört. Der wird gewiss sehr unglücklich sein!“
Jules Vater ist die ganze Woche mit einem großen Laster in fernen Städten unterwegs. Er ist Fernfahrer. Eine richtige Familie sind die drei nur am Wochenende, wenn er nach Hause kommt. Mami ist meist allein, muss sich um alles kümmern und dann macht ihr Jule auch noch solche Sorgen.
Jule rollt eine dicke Krokodilsträne über die Wange.
„Ich will mir ja Mühe geben“, erklärt sie ihrem braunen Teddy Plumps, „aber wenn ich aus dem Fenster schaue und den Sonnenschein, die Schmetterlinge, die bunten Blumen und die watteweichen Wolkenbilder sehe, sind alle guten Vorsätze vergessen. Dann sehe ich Feen und Elfen auf der Wiese tanzen und in den Wolken Riesen und Einhörner wandern. Ich weiß, dass ich das nicht darf, aber, aber … ach Mama, ich hab dich doch so doll lieb und will dir keine Sorgen bereiten. Ich will ja brav sein“, schluchzt das Mädchen und drückt ihren Teddy dabei fest an sich. Dann zieht sie sich die Decke über den Kopf und weint.
Auf einmal zupft irgendetwas an ihrer Bettdecke. Zuerst denkt sie, sie hätte es sich eingebildet, aber dann zupft es ein zweites Mal daran. Verwundert steckt das Kind den Kopf unter der Decke hervor. Erschrocken reibt sich Jule die verweinten Augen, blinzelt und reibt noch einmal ihre Augen.
Da steht ja ein Zwerg!
Das kann ja wohl nur ein Traum sein!
Ungläubig schließt das Mädchen die Augen und öffnet sie wieder, doch der Zwerg verschwindet nicht. Er steht einfach da mit seinem blauen Gewand, seinem weißen, langen Bart, seinen roten Wangen und hellbraunen Augen und sieht sie freundlich an.
Ein Zwerg wie er im Märchenbuch steht, cool!
„Hallo, ich bin Bofur“, stellt sich der kleine Mann höflich vor. „Ich komme aus Bellaterra, weil ich dich um Hilfe bitten will.“ Jules Mund klappt auf und bildet ein großes „O“. Huch, jetzt spricht die Traumgestalt auch noch mit ihr.
Sie kann gar nichts sagen und starrt ihn weiterhin unverwandt an.
Bofur ist sehr aufgeregt. Der Traumstein der weisen Selrana hat ihn in dieses Zimmer geführt. Irgendwann nämlich, als er endlich aus dem düsteren Wald heraus gefunden hatte, fing der Stein zu leuchten an und es wurde immer stärker, je weiter er in die richtige Richtung gegangen war.
Es ist schwierig gewesen, unbemerkt hier hereinzukommen, geschweige denn dort auf den Straßen und Siedlungen nicht bemerkt zu werden.
Er sieht ja komplett anders aus als diese Menschen.
Alle scheinen nur Grau und Schwarz zu tragen wie auf einer Beerdigung.
Er dagegen ist ein bunter Fleck inmitten dieser farblosen, grauen Masse.
Und was er für seltsame Dinge gesehen hat! Sachen, die es in Bellaterra gar nicht gibt und die wirklich angsteinflößend waren!
Hoffentlich hat er sich nicht geirrt, denn hier ist nur dieses traurige Mädchen. Ob dieses Kind wohl das richtige ist? Scheinbar hat es selbst einige Hilfe nötig, wenn es so sehr weint. Aber er muss dem Stein wohl oder übel vertrauen.
Jetzt ist er ja deswegen in diesem Zimmer.
Also sagt er zu ihr: „Ich habe etwas für dich, schau!“
Er hält dem Mädchen die geschlossene Faust unter die mit Sommersprossen übersäte Stupsnase und öffnet sie langsam. Ein blaues, geheimnisvolles Strahlen bricht zwischen seinen Fingern hervor.
Jule ist fasziniert, selbst wenn es ein Traum ist, ist es ein guter. Ihre Traurigkeit hat sie dadurch schnell vergessen.
Es schimmert und als er seine Hand komplett öffnet, strahlt ihr ein Glasstein entgegen, der ihre beiden Gesichter in blaues Licht hüllt und dabei immer größer und strahlender wird. So groß, bis er die gesamte Handfläche des Zwergs bedeckt.
„Nimm ihn, mal sehen, was passiert“, fordert Bofur das Kind freundlich auf.
Kurz zögert Jule, aber dann greift sie zu und hält den wunderschönen Stein vor ihr Gesicht. Plötzlich strahlt er in allen Regenbogenfarben!
„Oh, die Farben von Bellaterra. Du musst die Richtige sein! Sieh nur, wie der Traumstein funkelt!“, staunt der kleine Zwerg aufgeregt.
„Der Traumstein?“, fragt Jule begeistert.
„Ja, du musst ein Mädchen mit viel Fantasie sein!“, grinst Bofur und stößt einen erleichterten Seufzer aus.
„Ja, das bin ich. Aber leider hat mir das bisher nur Ärger eingebracht“, flüstert Jule traurig.
„Oh wirklich? Dabei ist das doch eine wundervolle Gabe!“, meint der Zwerg erstaunt.
„Das sehen meine Eltern und meine Mathelehrerin aber ganz und gar nicht so“, erwidert sie betrübt.
„Mhm, sie müssen diese Gabe wohl über die Jahre verloren haben – die Menschen scheinen mir sehr ernst zu sein. Sag mal, würdest du uns helfen? Du sollst laut Prophezeiung der weisen Selrana unsere Rettung sein. Komm mit nach Bellaterra zur kleinen Asa … bitte?“, fragt der Zwerg mit flehendem Unterton in der Stimme.
„Wie stellst du dir das vor? Ich kann doch nicht einfach ausreißen! Meine Eltern würden vor Sorgen ganz krank“, platzt das Mädchen heraus.
Bofur winkt jedoch nur ab. „Die würden es nicht einmal merken. Ich schwöre es! Denn ein Tag in Bellaterra ist nur eine Minute in dieser Welt. Noch ehe der Morgen die Nacht verscheucht, wärst du wieder in deinem Bett.“
Jule kräuselt die Stirn und denkt nach:
„Hm, was hätte ich zu verlieren?“ Hoffnungsvoll schaut der Zwerg das Kind an. „Na gut, ich gehe mit dir. Aber ich bin nur ein kleines Mädchen, was kann ich schon Großes tun?“
Erleichtert pustet Bofur die angehaltene Luft aus.
„Sehr viel, glaub mir! Ich will dir erst einmal erzählen, warum man in Bellaterra deine Hilfe so dringend braucht.“ Und während Bofur Jule den ganzen Schlamassel erklärt, machen sich die beiden Helden auf den Weg in den finsteren Wald.
1.3 – Ein neues magisches Land
Jule staunt nicht schlecht - wie oft ist sie nun schon in diesem Wald gewesen? Jeden Sommer mit Mama und Papa zum Wandern oder mit Omi zum Pilze sammeln. Aber noch nie hat sie hier dieses uralte Steintor gesehen.
Das silberne Licht des Vollmondes strahlt es an, als stünde es auf einer Theaterbühne. Alles ist so unwirklich wie in einem Buch oder Film. Irgendwo im finsteren Wald ruft ein Käuzchen. Es könnte echt unheimlich sein, aber sie fürchtet sich nicht. Sie ist viel zu gespannt auf Bellaterra!
Es ist heute ziemlich kühl und Jule fröstelt. Bofur hat so zur Eile gedrängt, dass sie ganz vergessen hat, sich umzuziehen. Jetzt steht sie hier im Schlafanzug und mit Hausschuhen! Das Mädchen schüttelt den Kopf.
Sie muss total verrückt geworden sein, einer Märchenfigur mitten in der Nacht zu einem verwunschenen Tor zu folgen!
Neugierig begutachtet sie die Steinfiguren, die auf den fast zerfallenen Sockeln wachen. „Das sind ja Teufelchen. Sollen die gruselig sein?“ Verlegen bohrt Bofur die Schuhspitze in den Waldboden.
„Nun ja, man hat sich einige Abschreckung davon versprochen …“
„Dafür sind die viel zu niedlich. Schau dir doch nur das dicke Bäuchlein von dem da an oder die langen Ohren von dem anderen. Da hängen ja die Spitzen herunter. Und schau nur, der eine hat sogar eine Blume in der Hand. Also Angst bekommt man vor denen nicht!“ Jule kichert und streichelt Rechts über seinen runden Kopf und über die Nase.
Plötzlich niest der Teufel laut und reibt sich energisch seine juckende Nase. „Hey! Ich bin kitzlig! Lass das!“, beschwert er sich empört.
Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen starrt Jule die zum Leben erwachte Figur an.
Das hat sie nun wirklich nicht erwartet!
„Bofur!“, quiekt das Mädchen erschrocken und macht einen Satz nach hinten. „Keine Angst, das sind unsere Freunde“, meint Bofur beruhigend.
„Stimmt, sind wir – auch wenn Rechts wieder mal nicht sehr freundlich war! Hallo, ich bin Links und das ist mein Bruder Rechts“, erklingt die schnarrende Stimme von der linken Seite des Torbogens.
Der dünne Steinteufel kratzt sich verlegen am Bauch und grinst, aber er wirft seinem dicken Bruder noch schnell einen belehrenden Blick zu, der zuckt nur mit den Schultern.
„Wir sind nicht böse, auch wenn wir so furchteinflößend aussehen. Alles nur Tarnung, um ungebetene Gäste von Bellaterra fernzuhalten und außerdem können wir unsere Sockel sowieso nicht verlassen. Du kannst uns also vertrauen“, versucht der linke Teufel, Jule zu beruhigen und lächelt sie an, was lustig aussieht, da er riesige Hasenzähne hat.
Scheinbar haben die beiden Steinfiguren Jules Kommentar über ihr niedliches Aussehen verpasst, da sie noch immer der Meinung sind, sie seien furchterregend. Jule will sie nicht kränken, deshalb nickt sie nur und lächelt freundlich zurück.
Die Worte des Teufels haben sie aufhorchen lassen. Er hat doch von Bellaterra gesprochen? Bofur hat ihr auf dem Weg hierher alles über den Zauberort berichtet - über seine Schönheit und natürlich über die Schwierigkeiten, in denen das Land gerade steckt.
Aber wie soll sie in das Land gelangen?
In dem Steinbogen befindet sich keine Tür und sie ist kein magisches Wesen so wie Bofur, der einfach hindurchschreitet oder so – zumindest stellt sie sich das Hindurchtreten so vor, dass der Zwerg einfach auf magische Weise verschwindet oder sich mit viel Getöse auflöst.
Als hätte Rechts ihre Gedanken gelesen, zeigt er plötzlich mit seinen kurzen Stummelfingern nach oben zum Torbogen und sagt verschwörerisch: „Um in unser Zauberland zu gelangen, musst du die Aufschrift dort oben rückwärts lesen und das dreimal.“ Jule folgt mit den Augen dem ausgestreckten Finger des Wächters und kann gerade noch so im Mondlicht die in den Stein gehauenen Buchstaben erkennen.
„Hm, E I S A T N A F“, buchstabiert das Kind leise.
„Eisatnaf!“, ruft es gleich darauf aus, fragt sich aber gleichzeitig, was denn das heißen soll.
„Rückwärts“, rät Bofur dem Mädchen flüsternd.
„Ach ja.“ Angestrengt versucht Jule, das Wort rückwärts zu entziffern. Ist gar nicht so leicht im Dunkeln zu lesen!
Sie fügt Buchstabe für Buchstabe aneinander: „Fa—Fan—Fanta—Fantasie. Fantasie!“ Vor Aufregung klatscht sie in die Hände.
„Das Wort heißt Fantasie“, sagt sie stolz und grinst Bofur breit an.
