Bemerkungen - Alexandra Erd - E-Book

Bemerkungen E-Book

Alexandra Erd

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Beschreibung

Auch das Alltägliche hat seine Momente, die es wert sind, bemerkt zu werden. 60 kurze Geschichten über Brillen, Arztbesuche, Büroalltag, Ampeln und das Leben im Frankfurter Nordend. [email protected]

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dieses Buch hätte nicht geschrieben werden können ohne die Hilfe meiner FreundInnen, die mich unterstützt und ermutigt haben. ***

Liebe Anna, vielen Dank für Rat und Tat! Ohne Dich würde es dieses Büchlein nicht geben. **

Lieber Peter, ich danke Dir für Deine Hilfe und Freundschaft. *

Inhaltsverzeichnis

Krank

Die Macht der Dinge

Spülmaschine/Bürogeschichte

Komplimente

Verkehrsfrieden

Ärztebeantworter

Wiedersehen

Erwachsen

Aufgeräumt

Gefallen

Niedlich

Helm

Sommer

Englisch blau

Champagner

Fax

Dusche

Olga Prizlwyszki

Boxershorts

Kinder

Eule

Spieglein, Spieglein

Laterne

Richtige Männer

Bei Anruf Termin

Regelmäßige Mahlzeiten

Kleider machen Leute

Röhrennudeln

Nur ein kleiner Salat

Kommata

Noch

Ansteckend

Spontan

Migräne

Klingel-Codes

Frühschwimmerin

Urlaub

Streber

Buchungssätze

Balkon

Besserwisser

Geträumt

Spaghetti

Nachbarin

Keine Zeit

Neulich im Supermarkt

Geburtstag

Cornern

Haushaltshilfe

Freitagnachmittag

Stechmücke

IQ

Feiern

Fotoalbum

Vor Weihachten

Mundnasenschutz

Spiegel

Ampelphasen

Lastenräder

Trennungsangst

Krank

Wie ich das hasse krank zu sein! Ich habe heute Morgen geschlafen, ich habe vorhin nochmal geschlafen, ich könnte gerade wieder schlafen. Meine Nase läuft nicht, sie rennt. Ich verstehe nicht, wie eine verstopfte Nase überhaupt laufen kann, Luft geht jedenfalls keine durch.

Das wird schon wieder! Ich bin keine dieser Jammerlappen, die wegen einer kleinen Erkältung die Umwelt mit ihrem Geflenne belästigen. Ich nehme die Erkrankung zur Kenntnis, tue als ob nichts wäre und irgendwann geht es schließlich auch wieder vorbei.

Ich trage nach jedem Naseputzen etwas Penaten Creme auf, um die Haut zu schützen, was nichts nützt. Ich sehe aus, als hätte ich mir eine Clownsnase aufgesetzt und meine Brille mit lustigen weißen Punkten verziert.

Maren sagt: »Hey, hast du versucht deine Brille mit Penaten zu überdecken?!«

»Ja, superlustig«, antworte ich gut gelaunt. Frau muss sich auch mal zusammenreißen können; kein Grund andere dafür büßen zu lassen, dass ich krank bin.

»Warum gehst du, anstatt mir auf die Nerven, nicht einfach heim?« Was soll das? Kann sie mich nicht einfach in Frieden sterben lassen? Muss sie noch auf mir herumhacken, wenn ich zu schwach bin mich zu wehren?

Und nein, ich war nicht bei der Ärztin. Ich gehe nicht zu Ärzten, und zu dieser Jahreszeit gehe ich erst recht nicht. Es ist Erkältungssaison. Jetzt wimmelt es da nur so von Viren. Wer weiß, was ich mir da in meinem geschwächten Zustand noch an Seuchen einfangen würde.

»Geh trotzdem hin«, sagt Maren, »du könntest gleich auch mal wegen deines Handgelenks fragen. Du weißtschon der Knubbel, der immer größer wird.«

Was denn für ein Knubbel und wieso immer größer? »Es ist ein Knubbelchen und es ist nicht mehr größer geworden«, lüge ich geschmeidig. Mein Knubbel geht sie nun wirklich nichts an und außerdem: »Da hast du sowieso nicht hinzuschauen, schau mir ins Gesicht und nicht auf meinen Knubbel.« So!

Ganz sicher werde ich das der Ärztin niemals zeigen. Die überweist mich dann zum Onkologen, der nachdem ich 4 Stunden 23 Minuten in dessen stickigem Wartezimmer beinahe verrückt geworden bin, sagt: »Es ist Krebs, kommen Sie Dienstag. Wir entnehmen eine kleine Probe und entscheiden dann gemeinsam, an welcher Stelle wir den Arm abnehmen werden.« Ich möchte mir aber nicht den Arm amputieren lassen; deshalb gehe ich eben nicht hin. Bin ich eigentlich nur von Idioten umgeben?

Wenn ich schon krank bin, dann würde ich es gerne ein bisschen genießen können: es mir gemütlich machen, geistloses Zeug im Fernsehen gucken, im Bett liegen und dösen. Stattdessen bin ich einfach nur genervt.

Ich würde gerne etwas lesen und kann es nicht. Ich würde gerne Bälle werfen oder eine Geschichte schreiben und kann es nicht. Wenn ich krank bin, schreibe ich immer nur Mist wie diesen hier. Wann hört das wohl wieder auf? Morgen? Übermorgen? Nie mehr?!

Ich kann noch vom Glück reden, dass ich eine Frau bin, Männer sterben ja an sowas.

Alex, 05.10.2013

Die Macht der Dinge

Ich bin bekannt für mein gutes Gedächtnis. Das ist auch der Grund, warum ich niemals etwas verliere. Andere Leute suchen praktisch jedesmal ihren Schlüssel, wenn sie ihn brauchen, ihr Geld wenn sie zahlen wollen. Ich weiß immer, wo alles ist, und wenn ich es mal nicht weiß, dann hilft schlüssiges Raten und die Tatsache, dass ich grundsätzlich alles auf den selben Platz lege. Die Brillen behalte ich ganz besonders gut im Auge.

Vor einigen Tagen gelang meiner Sonnenbrille dennoch die Flucht. Ich lege sie immer auf …, da lag sie aber nicht, dort lag nur das leere Etui. Das Brillen-Etui lag, wo es immer lag und es war leer! Ich war fassungslos, konnte es nicht glauben. Um wirklich sicher zu gehen, öffnete und schloss ich es einige Male. Vielleicht sollte ich doch noch einmal mal ganz genau nachschauen …? Nein, ich riss mich zusammen und schaute nicht noch einmal. Eine sinnlose Handlung mehrmals zu wiederholen, ist nichts anderes als Aberglaube.

Niemand geht mit Brillen sorgfältiger um als ich, geradezu zwanghaft. Ich sperre Brillen, die ich nicht trage, ausnahmslos ins Etui. Nun, um genau zu sein, gewähre ich ihnen innerhalb meiner Wohnung gelegentlich Freigang. Ausschließlich in der Wohnung! Deshalb war klar, dass die Brille nicht weit gekommen sein konnte.

Ich habe sie nicht gefunden. Ein Anruf bei meinen Eltern:

»Papa, hab’ ich die Brille Sonntag bei euch liegen lassen?«

»Ich geb’ dir mal deine Mutter.«

»Nein, das … Papa? … Hallo?«, aber er war schon weg.

Meine Mutter kam ans Telefon und sagte mir, was sie immer sagt. Ich solle endlich mal meinen Kopp zusammenreißen und außerdem hätte ich neulich auch mein Portemonnaie verloren. Stimmt, da war ich 5 Jahre alt, es war ein Spiel-Portemonnaie und es war rot.

Ich bin dankbar, dass sie mich immer wieder mal daran erinnert. Ich muss wirklich mal meinen Kopf zusammenreißen, nicht dass das noch Gewohnheit wird. Also suchte ich zu Hause weiter, teilte den Wohnbereich in Quadranten auf, fand einen Strumpf und staubte gleich auch hinter dem Kühlschrank alles ab.

Vielleicht habe ich sie doch woanders liegenlassen? Vielleicht beim Sport? Nein, ich passe ja immer auf! (Warum findest du sie dann nicht?) Ich lege alles grundsätzlich an den selben Platz. (Genau, deswegen liegt sie da jetzt auch nicht). Naja, ein bisschen liegt sie schon da, das Etui ist ja hier. (Und wieso ist das Etui dann leer?) Ich achte auf meinen Kram und ich will keine Kommentare in Klammern mehr hören. Blöde Stimme.

An Schlaf war nicht zu denken. Mich quälte die Vorstellung, dass meine arme Brille mit gebrochenem Bügel hilflos irgendwo liegen könnte, ein Sadist sie quälte oder gar schlimmer, sie in eben diesem Moment in der Wohnungsonstwas anstellte. Ich grübelte so lange, bis ich in den Morgenstunden endlich ein bisschen Schlaf finden konnte.

An anderen Tagen bin ich nachts aufgestanden und durch die Wohnung geirrt. Keine Ahnung, was das sollte. Vermutlich habe ich gehofft, die Brille zu überraschen, wie sie gemütlich mit anderen befreundeten Dingen, die ebenfalls seit Tagen abgängig sind, ein Bier trinkt. Alleine die Vorstellung – unglaublich! Jetzt ging es ums Prinzip.

Die Brille ist zurück. Großzügigerweise hat sie mir das Gefühl gegeben, sie gefunden zu haben. Ich vermute allerdings, dass sie einfach keine Lust mehr hatte, mit der Fernbedienung und dem blauen Ball einen drauf zu machen und aufgegeben hat. Ich hätte ihr das gleich sagen können, der blaue Ball ist ein Langweiler.

Egal, Hauptsache, sie ist wieder bei mir. Dieses Aas … ich wusste, naja war mir ziemlich sicher, dass ich sie Freitagvormittag noch – gut, das hatten wir bereits. Ich sage nicht, wo ich sie gefunden habe. Naja gut – sie war im Backofen.

Nur kurz zur Erläuterung: Ich hatte die Brille noch auf, als ich etwas aus dem Backofen holen wollte. Konnte mit der Sonnenbrille im dunklen Backofen nichts erkennen, habe die Brille kurz abgesetzt, Backofentür zugeknallt und das war es dann.

Sowas kann durchaus vorkommen, wenn der Kopf auf Autopilot läuft. Neulich stand ich mit meiner Mülltüte in der Hand bei Aldi an der Kühltheke. Sie machte sich erst bemerkbar, als ich nach einer Packung Tiefkühlgemüse greifen wollte. Das kann passieren. Das ist erklärbar, kein Grund, eine Demenz anzunehmen. Der Stress halt!

Klingt gut und plausibel oder? In Wahrheit war es natürlich anders. Ich habe die Brille wie immer im Etui eingeschlossen. In einem unbeobachteten Moment ist sie dann ausgebrochen und hat sich im Backofen versteckt. Ich bin wirklich nicht nachtragend, dennoch fast schade, dass ich sie nicht getoastet habe – also im Nachhinein betrachtet.

Brillen haben Hände, deswegen müssen wir sie einsperren, Mülltüten können sich unsichtbar machen und blaue Bälle gehen für immer. Fernbedienungen finden alleine wieder heim und Kühlschränke sind brav und machen niemals Ärger.

Doch, das stimmt! Meinen Kühlschrank musste ich noch nie suchen. Ich weiß nicht, was er nachts so treibt, aber morgens ist er immer an Ort und Stelle. Ein Profi. Ein Kleinod in der Welt der Dinge, auf deren Unzuverlässigkeit wir uns verlassen können.

Die Ordnung der Welt zeigt sich in der Ordnung der Dinge. Dinge haben Macht und nutzen das aus.

Alex, 27.12.2013

Spülmaschine/Bürogeschichte

Mona sagt, die Küche würde stinken und ich solle mal die Spülmaschine anmachen. Warum auch nicht?

»Wie geht das?«

»Einfach auf den Knopp drücken.« Ich drücke auf den Knopf, die Maschine beginnt zu laufen. Mona ruft etwas, ich verstehe nur Bonbon, also bringe ich ihr einige Bonbons mit.

»Nein, ich will keine Bonbons, ich wollte bloß wissen, ob in der Spülmaschine eins ist.« Eigenartige Frage …

»Nein Mona, natürlich ist kein Bonbon in der Spülmaschine, ich habe die einfach aus dem Schrank genommen.«

»Ich meine, hast du eins rein getan?«

»Sicher nicht, warum sollte ich ein Bonbon in die Spülmaschine werfen?«

Vielleicht bin ich konservativ, aber ich finde, in jedem Gespräch sollte es doch zumindest einige wenige Momente geben, in denen beide Parteien wissen, worüber sie reden.

»Willst du damit sagen, dass du noch nie die Spülmaschine angemacht hast?«

Nein, eigentlich wollte ich damit sagen, dass ich kein Bonbon hineingeworfen habe, aber gut, ist okay, wenn sie es anders interpretiert!

»Du arbeitest seit 5 Jahren hier, wie kann es sein, dass du nie die Spülmaschine anstellst?«

»Weil ich nix reinstelle, Mona. Ich mach das Ding nur auf, wenn ich es ausräumen muss. Ich seh’ nicht, ob die voll ist, weil ich sie nie aufmache.«

Ich arbeite seit Jahren dort, und noch niemand hat gemerkt, dass ich meine eigene Tasse habe, die ich selbst spüle. Ich mag kein Spülmaschinen-gespültes Geschirr; das ist danach immer so quietschig, es riecht auch komisch.

»Du bist komisch«, bekomme ich daraufhin gesagt, »total seltsam.«

Ich finde es gut, dass sie sich mir gegenüber endlich öffnet, aber der Zusammenhang entgleitet mir immer weiter. Genau der passende Zeitpunkt, meinerseits etwas Sinnloses zum Gespräch beizutragen:

»Es ist natürlich immer leicht, sich über Sehbehinderte lustig zu machen.« Ein Klassiker, seit Jahren Platz Eins der Gesprächskiller. Zieht immer und so auch diesmal.

»Oh tut mir leid.«

»Ach, das macht doch nichts.«

Ja, ich bin Anthropologin und ich bin nicht von hier. Meine Leute haben mich auf der Erde abgesetzt, damit ich die Menschen studiere. Ich habe die Sprache perfekt gelernt, aber den Subtext höre ich nie. Die Vermutung liegt nahe, dass biologische Menschen Untertitel eingeblendet bekommen. In meinem Bericht heute Abend werde ich vermerken, dass ein Zusammenleben zwischen mir und den Menschen auch heute wieder an Verständigungsschwierigkeiten scheiterte; richtiger Zeitpunkt falsches, Universum, weiterhin …

Maren unterbricht mich und sagt, ich solle aufhören zu faseln.

»Hat die Geschichte auch ein Ende, oder was?«

Das ist es, was ich meine: einfache, klare, leicht verständliche Sätze. Also, ich hätte erstens Spülmittel dazu geben (das Bonbon), dann die Klappe schließen, das Rädchen auf 2 (Zwei!) drehen und danach den Knopf drücken sollen. Das klingt ein bisschen anders als: »Drück einfach auf den Knopp.« Oder?

Wie hätte ich das wissen können? Ich habe keinen Vertrag mit Spülmaschinen. Ich kenne keine Leute, die Spülmaschinen besitzen. Ich habe nie gesehen, wie jemand eine Spülmaschine einschaltet und ich will es auch nicht sehen.

Es interessiert mich einfach nicht.

Alex, 11.01.2014

Komplimente

Komplimente sind ein schwieriges Feld. Ein Rate-, Frage- und Antwortspiel. Ich arbeite mich gerade ins Thema ein und lerne viel fürs Leben.

»Neuer Pulli?«

»Nein, den habe ich aus dem Rotkreuzbeutel.« Ich solle nicht immer alles so wörtlich nehmen, bekomme ich erklärt. So ist es richtig:

»Neuer Pulli?«

»Ja, vielen Dank.«

Vielen Dank wofür? Vielen Dank, dass du es bemerkt hast vielleicht? Ich versuche es selbst:

»Warst du beim Friseur?«

»Ja, vielen Dank.«

»Verklage ihn, den Rechtsstreit gewinnst du.«

Entschuldigung, das war natürlich ein Ausrutscher. Das sind doch keine Komplimente, das ist ein Quiz. Die Leute wissen das auch und tun es trotzdem.

Eine kniffeligere Variante des Quiz ist das »Heitere Komplimente-Raten«. Es beginnt üblicherweise mit der nur scheinbar harmlosen Frage:

»Fällt dir an mir nichts auf?«

»Äh …«

»Jetzt schau doch mal genau hin.« Gesten bedeuten mir, dass es sich um etwas in der Nähe des Kopfes handeln muss.

»Neue Brille!«, rate ich und »Steht dir ausgezeichnet!«, lege ich noch eine Schippe drauf.

»Nein, ich habe die Haare gefärbt«, antwortet die Kollegin etwas enttäuscht. Aber jetzt kommt sie mit einem beeindruckender Kunstgriff daher, der dazu dient unsere guten Beziehungen zu retten: »Aber die Farbe der Brille kommt jetzt besser zur Geltung, finde ich.« Voller Bewunderung über diesen eleganten Pass, nehme ich den Ball gerne auf:

»Genau!«

Schön auch das erzwungene Kompliment:

»Findest du, dass ich abgenommen habe?«, fragt Rosi.

»Nein.«

»Also …!!« Das kommt mit drohendem Unterton.

»Jetzt sag’ doch mal ehrlich?!«

»Ich seh’ nix.« Falsche Antwort, also formuliere ich es ein wenig anders:

»Rosi, hast Du abgenommen?«

»Findest du?«, fragt sie.

»Ja«, sage ich.

»Wirklich?«

»Ja.«

»Ich liebe dich.«, sagt Rosi. Ja, so geht das.

Eine Untergruppe des erzwungenen Kompliments ist die falsche Vorgabe: »Meine Haare sind heute schrecklich!« Da gibt es nur eine richtige Antwort und die lautet nicht: »Ja, stimmt.«

Der bezaubernder Ex-Kollege verstand es wunderbar, dieses Spiel auf die Spitze zu treiben.

»Erd, lügen Sie mal was Nettes!« Kein Problem, solche Aufgaben löse ich mit links.

»Sie sehen heute wieder fantastisch aus«, sage ich zu ihm.

»Sie sind so nett«, sagt er.

Ja, das finde ich auch.

Alex, 08.03.2014

Verkehrsfrieden

Wir aus der Stadt gehen über Rot. Jetzt wohne ich im Nordend, wo alles ein wenig anders ist. Hier warten wir bis die Ampel grün zeigt, dann sagen wir überlaut: »Schau Marlene-Hilde, es ist grüühüün«, und dann erst gehen wir.

Mir war diese Regel bis vor Kurzem ebenfalls neu, aber ich wohne auch noch nicht lange hier. Erstmals unterwegs auf der Strecke Wohnung/Arbeit, beobachtete ich eine Traube von Menschen, still an einer Ampel stehend. Eine Demo, dachte ich beiläufig, zog locker an dem Pulk vorüber, huschte souverän durch eine Lücke im Verkehr auf die andere Seite.

Schwerer Ausnahmefehler! Die Monster an der Ampel, die sie hier Kinder nennen, schrien auf, zeigten mit den Fingern auf mich. Kleine Petzen! Ist es das, was sie ihren Kindern heutzutage beibringen, dass sie erwachsene Menschen maßregeln?

Die Eltern blieben höflich, sie fanden das einfach nur »nicht so gut«. Ja, so reden wir hier, wir sind immer nett und freundlich. Die Bedeutung von »nicht so gut« kann ich erst richtig einordnen, seit ich folgenden Satz gehört habe: »Du, Ben-Maximilian, ich finde es nicht so gut, wenn du die Lara würgst«. Ich wurde also verbal einem Mörder gleichgestellt, das habe ich damals bloß nicht kapiert, aber ich bin ja auch nicht von hier.

Sie fanden es also nicht so gut. Ich wäre eine Gefahr für die Kinder, ein schlechtes Vorbild.Was denn? Eine rote Ampel bedeutet nur, dass ich ein bisschen aufpassen muss,wenn ich die Straße überquere. Aber im Nordend warten wir eben bis die Ampel grün zeigt, statt uns in den fließenden Verkehr zu werfen, der Kinder wegen.

Natürlich! Eine Oase des Verkehrsfriedens in einer Stadt, in der normale Menschen selbst entscheiden, wann sie wohin gehen wollen, anstatt sich dem Diktat öder Verkehrsregeln oder vorlauter Kinder zu unterwerfen.

Seit wann müssen Erwachsene den Kindern ein Vorbild sein? In meiner Kindheit war mir eins sehr schnell klar: Ich bin klein, also muss ich mich an die Regeln halten. Sind die Leute groß, können sie ihre eigenen Regeln machen. Ich bin erwachsen; ich kann vielleicht nicht immer tun, was ich möchte, aber ich muss auch nicht das tun, was andere von mir erwarten.

Ich stehe jetzt manchmal morgens ein wenig früher auf, nur damit ich gemeinsam mit den anderen an der Ampel, hoffnungsfroh auf die Person warten kann, die es wagt unter den Augen kritischer Kinder die Straße bei rot zu überqueren. Dauert das zu lange, dann übernehme ich den Job!

Ärztebeantworter

Ich gehe ja nicht zu Ärzten. Ab und zu muss ich halt doch mal in die Praxis, um ein Rezept für meine Schilddrüsen-Tabletten abzuholen. Dabei bin ich immer sehr darauf bedacht, der Ärztin nicht über den Weg zu laufen. Ich bin schließlich nicht krank, ich will nur schnell mein Rezept.