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Sandra Weihs' »Bemühungspflicht« folgt mit messerscharfer Beobachtungsgabe und treffsicherem Humor einem Mann, der sich verzweifelt gegen die Demütigungen des Sozialsystems wehrt. An der Supermarktkasse stellt Manfred Gruber fest : Die Behörde hat die Sozialhilfe nicht überwiesen. Dass die Kartenzahlung erneut abgewiesen wird, treibt ihm vor Scham die Röte ins Gesicht. Es ist ein kalter und regnerischer Tag, ohne Geld muss er den weiten Weg entlang der österreichischen Bundesstraße zu Fuß auf sich nehmen, um die Beamten zur Rede zu stellen. Er hat alle Auflagen erfüllt, alle aussichtslosen Bewerbungen verschickt, die unsäglichen Bewerbungstrainings und unbezahlten Probearbeitstermine absolviert, er ist seiner Bemühungspflicht verdammt noch mal nachgekommen! Die können ihm gar nichts – doch er irrt sich. Ein wichtiger Roman zur richtigen Zeit: Sandra Weihs blickt dorthin, wo die Gesellschaft als Erstes wegschaut. Auf empathische Weise beschreibt die Autorin den verzweifelten Kampf eines im Sozialsystem Alleingelassenen. Ihre messerscharfen gesellschaftlichen Betrachtungen, der treffsichere Humor, hinter dem immer wieder eine Bernhard'sche Ironie hervorblitzt, lassen einen nicht los – ein Roman, der mit Vorurteilen aufräumt und der seinem Protagonisten das zurückgibt, wonach ihm am meisten verlangt: die Würde. »Ein Text wie eine Maschine. Atemlos zu lesen. Mit eisernem Mut. Grandios und bitter.« Andreas Maier »Bemühungspflicht zeugt nicht nur vom literarischen Können, das die österreichische Autorin mit ihrem dritten Roman unter Beweis stellt. Weihs schöpft gleichermaßen mit vollen Händen aus ihrem Erfahrungsschatz als praktisch tätige Sozialarbeiterin. Ein großes Glück für die Literatur.« Judith Solty, der Freitag »Ein Roman, der sehr grundsätzlich ökonomische Themen aufnimmt und in gesellschaftliche Bereiche blendet, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur selten in dieser Form, Wucht und Dringlichkeit aufgenommen werden.« Stefan Gmünder, STANDARD
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Sandra Weihs
Roman
Du stehst früh auf, an jedem Tag. Heute ist der zweite Montag im April. Du schälst dich grantig aus der Decke, bekommst zu wenig Schlaf. Abends liegst du wach, morgens weckt dich dein kaputter Körper wegen der Blase. Schließlich bist du alt. In zerrissenen Schlapfen schlurfst du brummend ins Bad. Das kalte Licht fährt wie ein Blitz in deine Iris. Die Nase rümpfst du wegen des ziehenden Schmerzes beim Pinkeln. Vielleicht ist es die Prostata. Darüber nachdenken willst du nicht. Mit kaltem Wasser wäschst du deine Hände, dein Gesicht, schaust in den Spiegel und musterst dein dummes Gesicht. Die fahle, faltige Stirn, den großporigen Zinken. Du holst dir den Schlaf aus den Augen. Mit den Fingerkuppen kämmst du dir die wilden weißen Augenbrauen. Du hast keine Lust, dich zu rasieren. Du tust es trotzdem, deine Mutter würde es so wollen. Mit dem Barttrimmer stutzt du die grauen Borsten. Wäschst danach die Spuren vom Becken und putzt dir die Zähne. Mit feuchten Händen bügelst du die grauweißen Federn hinter die Ohren. Einen kurzen Moment hältst du inne. Aber nichts, das du im Spiegel erkennst, ist dir von Bedeutung.
In der Küche suchst du im halbleeren Küchenschrank nach Kaffee, doch das Pulver ist aufgebraucht. Du zündest dir deine Morgenzigarette an, wirfst die Packung achtlos auf den Tisch. Der Stuhl knarrt, als du dich setzt.
Die Regentropfen trommeln an die Scheibe des Fensters zur Straße. Die Nässe zieht durch die Ritzen unter dem Fenster, die Küchenluft ist feucht. Draußen ist es finster, die Lichtkegel der vorüberrauschenden Autos erleuchten das graue Zimmer. Fahren Lastwagen auf der Bundesstraße, zittern die Scheiben. Der Kühlschrank summt. Die Küchenuhr tickt penetrant. Du rauchst und denkst. An damals, als du den Brief nicht schreiben konntest, weil du die Worte nicht gefunden hast. Am Ende stand da nur »Liebe«. Weil du nicht wusstest, an wen du ihn adressieren solltest, Elli, deine Mutter, Stefan.
Die Waffe blieb unbenutzt.
Die Zähne lagen an der Mündung, die Lippen am Lauf, der Zeigefinger am Abzug, es tickte die Uhr, der Kühlschrank summte, die Angst siegte. Du schämst dich immer noch dafür. Nicht einmal das bringst du zustande. Du drückst die Zigarette im Aschenbecher aus und leerst ihn gleich in den Müll. Wischst die Asche vom Tisch, trinkst ein Glas Wasser.
Die summende Stille hältst du nicht aus.
Du musst hier raus.
Stehst auf, ziehst dich an und verlässt das Haus.
Kalt und nass ist der Montagmorgen im April. Manchmal weißt du nicht, welches Jahr geschrieben wird. Den Weltuntergang haben ein paar Leute befürchtet, das ist noch nicht lange her. Wegen der Banken, wegen irgendeines mystischen Kalenders. Viele Beinahe-Weltuntergänge hast du bereits erlebt. Du hast sie herbeigesehnt und wurdest enttäuscht. Mittlerweile rechnest du in Jahrzehnten und willst du dich erinnern, denkst du an die Krisen als Marker. Autofahren hast du während der Ölkrise gelernt, eine Familie in der Jugoslawienkrise gegründet. Während der Terrorkrise hast du die erste Flugreise unternommen, während der Bankenkrise warst du selbstständig. Seit der Flüchtlingskrise lebst du von der Sozialhilfe. Du fragst dich, was die nächste Krise auslösen wird: ein Krieg, das Öl, eine Pandemie?
Zumindest weißt du, wo du dich befindest. In einer kleinen Siedlung vor einer mittelgroßen Stadt. Hier bist du aufgewachsen, hierhin bist du zurückgekehrt. Du wirst nun in die Stadt spazieren, die Bundesstraße entlang. Du ziehst dir die Kapuze über den Kopf, Regenschirm besitzt du keinen. Ein Regenschirm ist etwas für Leute, die so ankommen müssen, wie sie das Haus verlassen haben. Du musst nirgendwo ankommen, und es ist egal, wie du aussiehst. Du gehst lange an der Bundesstraße entlang, deine Jacke hat Reflektoren. Trotzdem hast du Angst, dass dich ein Pendler im Morgenverkehr erwischt und dich ein paar Kilometer mitzieht. Deswegen gehst du eher im Feld als auf dem Asphalt. Als du das Ortsschild passierst, schlägst du den Weg zum Bahnhof ein. Dort hat der Supermarkt um diese Uhrzeit schon geöffnet. Du gehst nah an den Häuserwänden, um nicht von vorbeifahrenden Pendlern nassgespritzt zu werden. Einen Schritt vor den anderen. Du hast es nicht eilig. Ab und an begegnen dir Passanten mit faden Gesichtern. Niemand hebt den Blick. Kein Augenkontakt. Kein Mensch grüßt. Die haben es eilig. Wandern durch den Morgen, mit Tunnelblick, gerichtet auf ihr Ziel, die Arbeitsstelle. Du wirst überholt, die Absätze klackern auf dem Asphalt. Ein Donner, aufprallende Regentropfen, rauschende Fahrzeuge.
Im hell erleuchteten Supermarkt herrscht reges Treiben. Von draußen nach drinnen betrittst du eine andere Welt. Eine funktionierende, automatisierte Welt des Besorgens und Bezahlens. Motivierende Stimmen und Lieder aus dem Supermarktradio. Geraschel beim Regalbefüllen. Leise brummende Kühlanlagen. Gerufene Anweisungen über die Reihen hinweg. Piepsende Backöfen, die Semmeln sind fertig. Menschen kaufen Pausenbrot. Jede Person geht zielstrebig zum Regal des bevorzugten Geschmacks. Geschmäcker ähneln sich, zumindest innerhalb der Berufssparten. Die Baustellenarbeiter holen sich ein Saunaschinkenkornweckerl und ein Red Bull. Büroangestellte die Fertigcarbonara für die Mikrowelle. Junge Leute aus der Werbebranche Sushi, um neben dem Essen auf dem PC weiterarbeiten zu können. Die einen laufen da- und die anderen dorthin, du selbst lässt dich treiben. In der Obstabteilung entdeckst du ein neues Gerät. Hier kannst du dir einen frischen Orangensaft zubereiten. Du hast Lust darauf, und ein unbestimmtes Gefühl sagt dir, du hast dir einen frischen Orangensaft verdient. Also nimmst du dir eine Plastikflasche aus dem Ständer, stellst sie unter den Hahn und drückst den Knopf. Die Orangen rollen über eine Schneise direkt an ein in Kunststoff gefasstes Messer. Es zerteilt die Früchte in zwei Hälften. Im Räderwerk werden sie ausgepresst, der Saft spritzt gegen das Plexiglas, dir wird ganz mulmig. Die Schalen fallen in einen verborgenen Abfallcontainer. Du fluchst, als du den Finger nicht rechtzeitig vom Knopf nimmst. Die Flasche läuft über. Herrschaftszeiten, was für eine Sauerei. Deine Finger sind klebrig, du suchst nach einer Serviette. Findest keine, was für ein Saftladen. Könnte man schon daran denken, dass man hier Servietten auslegt. Du wischst dich an der Jeans ab. Siehst dich um, niemand hat dich gesehen. Hoffentlich.
An der Gebäcktheke stehen Leute, es kommen andauernd welche dazu. Ein Mann im Anzug sieht auf die Uhr. Eine Mutter schimpft mit dem Kind an der Hand, während das andere im Kinderwagen quengelt. Du hast es zwar nicht eilig, aber vor lässt du sie nicht. Nur weil du nirgendwohin musst, heißt das nicht, dass du kein Recht hast auf deinen Platz in der Schlange. Zwei Semmeln bestellst du dir und holst dir Butter aus dem Kühlregal. An der Kasse stehen die Leute Schlange. Du beobachtest die Kassiererin. Sie sorgt für reibungslosen Ablauf. Sie zieht die Waren über das Feld, es piept und piept. Die Leute zeigen die Bonuskarte. Du hast keine. Mit der Karte werden Bonuspunkte und Daten gesammelt. Die Daten sind mehr wert als die Bonuspunkte, deswegen besorgst du dir keine. Schließlich willst du dich nicht ausbeuten lassen. Die meisten bezahlen mit Bankomatkarte, manche mit Smartphone. Du weißt nicht, wie man mit dem Handy bezahlen kann. Du besitzt kein Smartphone. Du glaubst, das funktioniert nur mit einem Smartphone. Dir kommt kein Smartphone ins Haus. Die wollen dich über das Smartphone kontrollieren. Der Staat, die Konzerne, die gesamten Daten können die sich abziehen von einem Smartphone. Da machst du nicht mit. Du bist nicht blöd.
Die Verkäuferin sieht den Leuten nicht ins Gesicht. Sie konzentriert sich ganz auf das Fließband. Du fragst dich, ob du diese Arbeit machen wolltest, und weißt die Antwort sofort: Sicher nicht. Die Verkäuferin sieht auch so aus, als würde sie diese Arbeit nicht machen wollen. Du fragst dich, warum du drei Jahre lernen musst, bis du Verkäufer bist. Wenn du einen Lehrling entdeckst, siehst du ihn immer dieselben Aufgaben erledigen wie die ausgelernten Verkäuferinnen. Dafür bekommen die drei Jahre Lehrlingsentschädigung, also weniger Geld als die ausgelernten Kräfte. Vielleicht unterschätzt du den Verkäuferinnenberuf. Warenein- und -ausgang, Kundenumgang, Warenpräsentation. Es ist eine für dich unvorstellbare Prozedur, wie Lebensmittel vor dem Ablaufdatum gefunden und aussortiert werden, ohne den ganzen Markt zu durchsuchen. Du hast außerdem gehört, nach der Saison verschwindet gute Ware im Mülleimer. Lebkuchen, Schokonikoläuse und -eier. Was für eine Verschwendung. Du würdest dir die Waren alle nach Hause schaffen, bevor du sie in die Tonne treten würdest. Plötzlich sieht dich die Kassiererin an. Du fragst dich, was das für ein Sinn der Menschen ist, der beobachtende Blicke spüren kann. Das fällt dir immer wieder auf. Sie schaut auf, weil sie deinen Blick spürt. Sie findet deinen Blick, und ein kurzer Kontakt entsteht. Es ist unangenehm. Du fühlst dich ertappt.
Nun kommst du dran. Du nickst ihr zu. Das registriert sie nicht, sie ist wieder ganz auf den Vorgang konzentriert. Es piepen die Semmeln, es piept die Butter, es piept der Orangensaft. Der Saft ist teuer. Du hast zu wenig Bargeld in der Brieftasche. Also bittest du um Bankomatzahlung und hältst die Karte auf das Gerät. Kontaktlos bezahlen kannst du. Die Bank hat dir solch eine Karte automatisch zugeschickt. Zwanzig Euro hat sie gekostet. Dabei wäre die alte noch okay gewesen, schließlich passt du auf deine Sachen auf. Du hast der Bank einen Beschwerdebrief geschrieben, denn du hast diese Karte nicht bestellt. Du findest es unfair, dass man sie dir dann in Rechnung stellt. Aber die Bank hat sich im Kleingedruckten abgesichert. Das ist eine Unverschämtheit. Überall wird man abgezockt. Du hältst die Karte auf das Gerät, ein ablehnendes Geräusch ertönt. Die Verkäuferin drückt auf zwei oder drei Tasten. Dann bittet sie dich, es noch einmal zu versuchen. Es funktioniert wieder nicht. Du kannst dir nicht erklären, warum. Hinter dir stöhnt der Mann im Anzug. Die beiden Kinder quengeln nach einer Süßigkeit im Kundenfänger, die Mutter ignoriert sie penetrant. Du fühlst plötzlich Blicke auf dir ruhen, wie deiner auf der Verkäuferin geruht hat. Das ärgert dich. Du kannst doch nichts dafür, dass die Karte spinnt. Auffallen magst du nicht, schon gar nicht, wenn etwas nicht funktioniert, wie es funktionieren sollte. Die Kassiererin bittet dich, die Karte einzustecken. Du tust es, gibst den Code ein. Wieder ein ablehnendes Geräusch. Durch die Schlange geht ein Raunen. Genervt ruft jemand nach der zweiten Kasse. Der Mann im Anzug sieht nach der Armbanduhr, klopft ungeduldig mit dem Fußballen im Takt. Die Kassiererin zuckt die Schultern, fragt, was sie tun soll.
»Was weiß ich!«, rufst du ärgerlich. »Dann nehmen S' halt den Saft von der Rechnung. Der ist eh viel zu teuer. Reine Abzocke hier!«
Der Mann stöhnt, diesmal klingt es belehrend. Die Mutter nimmt Kaugummis aus dem Fänger. Eine Packung für beide, mahnt sie. Lauthals Protest. Die Kassiererin nimmt den Saft, flucht, sie greift die Flasche genau an der klebrigen Stelle an. Mit einem Taschentuch reibt sie sich die Finger sauber. »So ging es mir auch, ein paar Servietten könnten S' schon auslegen beim Automaten.« Die Kassiererin ignoriert dich, muss sich am Bildschirm orientieren, drückt ein paar Tasten, zieht den Saft über den Scanner. Der Bankomat leuchtet erneut auf. Du tippst den Code ein, während die Verkäuferin die Flasche zurückstellt. Es funktioniert. Die Schlange atmet auf. Du hörst das nicht, fühlst es im Rücken, mit dem Sinn, der auch Blicke spüren kann. Mit den Semmeln und der Butter machst du dich aus dem Staub.
Bahnhofvorplatz: Die Leute müssen alle irgendwohin. Jeder hat etwas zu tun, irgendwo, wo er oder sie nicht zu Hause ist. Wie von einer Königin fremdgesteuerte Ameisen gehen die arbeiten und lassen sich verarschen. Du hast nichts zu tun. Du musst nirgendwohin. Deswegen bleibst du stehen, mitten auf dem Platz, mitten unter den Leuten. Der Regen trommelt auf deine Kapuze. Du schaust mit gebeugtem Nacken unter ihr hervor. Die gehen jeden Tag dieselben Wege zur selben Uhrzeit. Legte man einen Morgen über den anderen, ergäbe es immer dasselbe Raster. Und die bemerken das nicht. Die bemerken nicht, wie gesteuert sie sich verhalten. Dieselbe beige Jacke begegnet demselben Anzug jeden Morgen in der Mitte des Platzes. Derselbe Song in den Kopfhörern plärrt von Minute 2.22 bis Minute 2.53 in denselben Teenagerkopf. Du stehst im Regen und fühlst dich schwer. Du bist der Einzige, der nicht jeden Morgen hier an derselben Stelle steht. Du stehst hier, weil du dich fragst, warum du den Orangensaft nicht bezahlen konntest. Du bist ein Hindernis. Die Leute machen einen Bogen um dich und werden schneller, um den Zeitverlust beim Bogenmachen wieder einzuholen. Du kennst dieses Bild, du hast es auf Servus TV gesehen. In einer Dokumentation über das Universum. Als seist du ein schwarzes Loch, dem man nicht zu nahe kommen dürfe, um wegen der Schwerkraft nicht hineingezogen zu werden. Passierten die Leute dich zu nah, überschritten sie den Ereignishorizont, fielen sie in deine Welt und kämen nie wieder heraus. Aus der Welt, in der Orangensäfte nicht bezahlt werden können. Du denkst, Geld ist das Einzige von Gewicht, das einen leichter werden lässt.
Du suchst dir eine Bank an einer Bushaltestelle, an der gerade niemand wartet. Die Busbank ist eher ein Gitter. Sie ist überdacht. Die Feuchtigkeit zieht dir trotzdem in den Nacken und durch die aufgegangene Naht am Stiefel. Du bist müde. Der Supermarkt kostete dich Kraft und Energie. Es ist dein oberstes Ziel, mit deiner Energie hauszuhalten. Du hast weniger zur Verfügung als andere Menschen, das ist dir bewusst. Deswegen teilst du sie dir über den Tag und über die Woche und über den Monat gut ein. Es dämmert, noch ist es dunkel. Du setzt dich, das beleuchtete Plakat neben dir schenkt dir Licht. Ein übergroßes Gesicht einer Frau mit blendend weißen Zähnen lächelt darauf aufgesetzt. Als Kind muss sie eine Zahnspange getragen haben, so gerade und ebenmäßig ist dieses Gebiss. Stefan hätte auch eine gebraucht. Von einem Vollzeitjob muss man leben können, steht unter ihrem übergroßen Gesicht. Du denkst, auch ohne Job müsste man leben können. Du weißt, solche Gedanken machen dich unbeliebt. Deine Gedanken zu denken, ist nicht immer leicht. Du würdest jedoch von jedem Menschen erwarten, solche Gedanken denken zu können. Du selbst kannst sie denken, du hast dich nicht vollständig manipulieren lassen vom System. Die Dummheit greift um sich, aber du hast dich nicht einlullen lassen, lässt dich nicht einlullen. Du kannst gegen den Mainstream denken, wie das heute heißt. Zum Beispiel kannst du dir die Frage stellen, warum Leben-Können und Arbeiten-Müssen gekoppelt sind. Auf die Welt kommst du doch als Mensch, nicht als zweckbestimmtes Arbeitstier oder als Automat, mit Ein- und Ausschaltknopf. Rein philosophisch fragst du dich, warum der Mensch in die Arbeit gehen muss, und du kennst die Antwort: Weil das System so funktioniert. Aber es hat dich keiner gefragt, ob du zu diesem System dazugehören willst. Du hast nichts unterschrieben, auch nicht diesen Gesellschaftsvertrag, den die immer anführen, um dir ein schlechtes Gewissen zu machen.
Du ziehst eine Semmel aus dem Sack, öffnest die Butter. Bemerkst, dass du kein Messer dabeihast. Deswegen schabst du dir mit dem Fingernagel einen Kringel von der Butter. Dein Sinn spürt einen Blick. Oder zwei. Du siehst dich nicht um. Du bist es unangenehm gewohnt, beobachtet zu werden. Geht dich nichts an. Sollen sie schauen. Du legst den Kringel auf die Semmel und beißt ab. Es schmeckt. Buttersemmeln schmecken dir sehr gut. Du fragst dich, warum du den Orangensaft nicht bezahlen konntest. Heute ist Montag, der 8. April. Das Geld müsste bereits überwiesen sein. Du ermahnst dich, jetzt nicht darüber nachzudenken. Zuerst solltest du die Buttersemmel genießen. Du schabst dir noch einen Kringel von der Butter. Buttersemmeln schmecken dir sehr gut, also konzentrierst du dich auf den Genuss. Ein Orangensaft würde gut dazu passen. Wenn das Geld am zweiten Montag im Monat nicht auf deinem Konto ist, wird es auch nicht am zweiten Dienstag oder am zweiten Mittwoch auf dem Konto sein. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Irgendetwas hat mit der Überweisung nicht geklappt. Du glaubst, du hast den Antrag zeitgerecht abgegeben. Hast alle Bewerbungen abgegeben. Hast alle Termine wahrgenommen. Du suchst nach dem Grund, aber du findest keinen. Du beißt von der Semmel ab. Planst, zur Bank zu gehen, um den Kontostand zu prüfen. Vielleicht musst du dann zur Behörde. Vielleicht fehlen Unterlagen. Irgendeinen Fehler musst du gemacht haben, sonst wäre das Geld bereits auf deinem Konto. Nein, du hast sicher keinen Fehler gemacht. Du bist genau. Viel genauer als die Behörde. Die hat dir den Scheiß eingebrockt. Die Beamten haben den Fehler gemacht, du bist dir sicher. Lauter Unfähige dort. Die sich keinen Haxen ausreißen würden für Leute wie dich. Du nimmst den letzten Bissen Buttersemmel zu dir und bemerkst, den guten Geschmack hast du versäumt, und die verdammte Behörde ist daran schuld.
Ein Bus biegt in die Station, ein Autofahrer hupt. Der Busfahrer bremst stark, gestikuliert hinter der Scheibe, der Autofahrer auch. Du fragst dich, ob du Busfahrer werden könntest. Das frühe Aufstehen wäre kein Problem. Aber der Stress im Frühverkehr. Und im Feierabendverkehr. Und im Stau. Und mit den Autofahrern, die dich anhupen und dir die Schuld zuschieben für die eigene Schuld. Du stellst dir vor, du müsstest stark bremsen, und ein Junge fällt im Bus mit dem Gebiss an eine Stange, Zähne weg, Blut quillt, Bub bewusstlos. Du hättest Schuld an seiner Zahnspange. Oder Gröberem. Obwohl du nichts dafürkönntest, wärst du schuld, das kommt für dich nicht in Frage. Du lässt dich sicher nicht verarschen, die tun alle, als gäbe es kein Risiko, dabei trägst du das volle Risiko, wenn etwas passiert, und die Stadtwerke reden sich heraus. Du hast ohnehin keinen Führerschein, schon lange nicht mehr. Du hast ihn verloren und das Geld für einen neuen nicht aufbringen können. Nicht aufbringen wollen. Wozu brauchst du einen Führerschein? Ein Auto darfst du ohnehin nicht besitzen, schreibt die Behörde vor. Nun hast du dich daran gewöhnt, zu Fuß zu gehen. Die Schuhe nutzen sich schneller ab als früher. Dein Linker hat bereits ein Loch, die Naht ist aufgegangen. Kein Großes, aber da zieht die Nässe hinein, und du spürst sie an deinem großen Zeh. Als Busfahrer hättest du warme, trockene Füße, aber dazu bräuchtest du einen Führerschein, genauer einen Busführerschein und gute Nerven. Selbst wenn du wolltest, könntest du kein Busfahrer sein. Deine Nerven sind ein bisschen blank. Die Butter verstaust du in der einen Jackentasche, den Sack mit der Semmel in der anderen. Du ziehst die Kapuze über den Kopf und läufst zur Bank gegenüber dem Bahnhofplatz.
Die Schalter haben geöffnet, eine Kundenberaterin arbeitet hinter dem Computer. Du entscheidest dich trotzdem für die Maschine. Der Blick der Menschen, die deinen Kontostand kennen, ist nicht angenehm. Unangenehmes kostet dich mehr Energie, deswegen vermeidest du die Beraterin, den Blick, ihr Urteil. Es ist ein interessantes Unterfangen, die Veränderung der Mimik zu beobachten. Die Beraterinnen empfangen dich freundlich, zugewandt, mit einem Lächeln. Du reichst ihnen die Karte, sie geben die Kontonummer ein, und plötzlich werden sie zum abwickelnden Roboter, steif und hart. Als müssten sie sich wappnen vor dem gleich eintretenden Betteln um einen Kontorahmen, vor Beschwerden wegen Überziehungszinsen oder dergleichen. Du könntest kein Bankangestellter sein. Zu wissen, dass – hinter dir, unter dir, neben dir – in einem Tresorraum, in der Kasse, in den Automaten – genug Geld vorhanden ist, um jedem Bittsteller auszuhelfen und trotzdem nichts herausgeben zu dürfen, ist eine furchtbare Vorstellung. Du würdest jedem und jeder Geld auszahlen, zumal es ja nicht deines ist. Irgendjemand wird reicher, nur weil er Geld auf die Bank gebracht hat. Während all die, die kein Geld auf der Bank haben, leer ausgehen beziehungsweise dafür auch noch bezahlen. Immer schon hast du das Gefühl gehabt, das sei ungerecht. Dass Leute, die wenig Geld haben, immer weniger Geld haben werden, und Leute, die viel Geld haben, immer mehr Geld bekommen werden. Selbst wenn du wolltest, könntest du den Job bei der Bank nicht machen. Hauptsächlich wegen der Moral, dem Gewissen. Aber auch, weil du nicht lächeln könntest, wenn die Kunden zum Schalter kommen. Und auch, weil du es nicht aushalten würdest, wie deine Kollegen lächeln, wenn Kunden hereinkommen. Dieses aufgesetzte, maskierende Lächeln. Dieses heuchlerische Lächeln. Dir wird schlecht, wenn du Bankberaterinnen lächeln siehst.
Du gehst zur Maschine und steckst die Karte ein. Du machst das häufig, du brauchst die Kontoauszüge immer wieder zur Vorlage bei Behörden und Institutionen. Sie kontrollieren, wofür du dein Geld ausgibst und für was du zu viel Geld ausgibst. Sie entscheiden dann, ob du die Sozialhilfe bekommst, eine Spende, Essensgutscheine. Du bist das gewohnt, deswegen holst du die Kontoauszüge oft ab, und deswegen ist auch nur ein Posten auf dem Zettel zu finden, deine Bargeldbehebung von vor zwei Wochen, die letzten zweihundertfünfzig Euro. Eingang ist keiner vermerkt. Das bestätigt dir, die Behörde hat einen Fehler gemacht. Denn wenn die Sozialhilfe an einem zweiten Montag im Monat nicht auf dem Konto landet, hat die Behörde sie nicht angewiesen, und wenn die Behörde sie nicht angewiesen hat, hat irgendein verdammter Beamter seinen Job nicht gemacht.
Du trittst hinaus, der Regen ist stärker geworden. Weil du ein noch nicht sonderlich sichtbares Loch im Schuh hast, durch das die Nässe zieht, und weil du keinen Regenschirm hast, da du ihn nicht unbedingt brauchst, um irgendwo so anzukommen, wie du das Haus verlassen hast, und weil du auf deine Energie achten musst, von der du heute schon mehr aufgebraucht hast als geplant, nimmst du den Bus, denn die Behörde ist am anderen Ende der Stadt. Es wird schon nichts passieren.
Du steigst in die Linie 3, fünf Stationen sind es nur. Bei der zweiten steigt ein Kontrolleur ein. Du bemerkst ihn zuerst nicht, weil du aus dem Fenster siehst und den Frühverkehr beobachtest, der tödlich sein kann. Sonst wärst du ausgestiegen, klar. Adrenalin schießt dir ins Gehirn, als er dich nach der Fahrkarte fragt. Du hast keine. Schließlich konntest du dir auch keinen Orangensaft leisten. Du versuchst dem Kontrolleur zu erklären, dass du keine Fahrkarte gelöst hast, weil du kein Geld auf dem Konto hast, da die Behörde nicht überwiesen hat und du jetzt zur Behörde fahren musst, um das zu bereinigen. Du erklärst ihm, dass es nicht deine Schuld ist, keine Fahrkarte zu haben, für eine Fahrt, die du nicht machen müsstest, hättest du das Geld der Behörde auf dem Konto. Hättest du das Geld der Behörde auf dem Konto, hättest du natürlich eine Fahrkarte gekauft beziehungsweise hättest du gar keine Busfahrt antreten müssen. Dem Kontrolleur in Warnweste ist das egal. Für ihn zählt nur, dass du im Bus sitzt und keine Fahrkarte gelöst hast. Er fragt dich nach dem Ausweis, damit er deine Kontaktdaten aufschreiben kann. Damit er dir eine Verwaltungsstrafe ausstellen kann. Wenn du die Strafe gleich zahlen würdest, würde sie geringer ausfallen, sagt der Kontrolleur. Du wirst etwas laut, als du ihn fragst, ob er dir nicht zugehört hätte. Ob er nicht verstanden hätte, dass du kein Geld hast, weil die Beamten ihren Job nicht machen. Der Beamte meint, du solltest dich beruhigen. Du seist ruhig, insistierst du gereizt. Ausweis!, befiehlt der Kontrolleur, und nun spürst du wieder Blicke. Du spürst Blicke im Rücken, an der Wange, an den Schuhen. Du ziehst den Ausweis hervor und fügst dich. Während der Kontrolleur deinen Namen notiert, überlegst du, ob du Fahrkartenkontrolleur sein könntest. Du magst keine Warnwesten, das wäre das erste Hindernis. Dir kommt es so vor, als würde die Dienstleistung Kontrolle boomen. Alles Mögliche wird kontrolliert, Fahrkarten, Führerscheine, Bauvorschriften, Lebensmittellagerung und Transport, Parkscheine, Müllentsorgung und so weiter. Nur die Behörde wird nicht kontrolliert, ob sie zeitgerecht das Geld auszahlt. Jedenfalls wäre es dir als Fahrkartenkontrolleur lieb, wenn alle Passagiere eine Fahrkarte hätten. Es wäre dir unangenehm, die Namen und Adressen von Schwarzfahrern aufzuschreiben, wie der Kontrolleur gerade Gruber und Henselstraße aufschreibt. Du glaubst, du würdest es nicht schaffen, ruhig zu bleiben. Du würdest es nicht schaffen, dem halbstarken Jugendlichen keine Ohrfeige zu verpassen, wenn er dich beschimpft. Vor allem, wenn er Markenklamotten trägt. Hättest du etwas zu sagen, würdest du die Leute ohnehin gratis mit den Öffis fahren lassen. Aber sicher keine verwöhnten, das System ausnutzende, reiche, kleine Säcke in Markenklamotten, dem neuesten Smartphone in der Tasche und dieser arroganten Miene, die zeigt, dass sie dich für Abschaum halten und sie bald deine Welt regieren werden. Der Kontrolleur erklärt, dass du eine Anzeige erhalten wirst, und wirft dich aus dem Bus. Dein einziger Trost ist es, dass er bis zur vierten Station gebraucht hat, um dich zu notieren, also hast du nur noch eine Station zu gehen. Als du auf die Straße trittst, schmatzt dein Fuß in der angesogenen Sohle. Das Bußgeld wirst du nicht zahlen. Du hast es noch nie gezahlt. Du hast schon so viele Anzeigen wegen Schwarzfahren, auf die eine mehr kommt es auch nicht an.
Die letzten Meter bist du richtig nass geworden. Selbst der Semmelsack ist feucht geworden in deiner Tasche. Der Fuß im linken Stiefel ist kalt wie ein Fremdkörper, ein sterbendes Ding, das du mitziehst. Der Kontrolleur hat dich einige Energie gekostet. Der Spaziergang zur Behörde hätte dich weniger gekostet, denkst du. Aber wer kann wissen, dass gerade heute, gerade in diesem Bus, gerade als du drinsitzt, ein Kontrolleur auftaucht. Die Welt verschwört sich gegen dich. Durch die automatische Tür trittst du ein. Der Herzog junior I kommt dir entgegen, in Anzug, Krawatte und mit fettem Bauch. Wohlstand macht auch nicht schöner, denkst du. Mit einem anderen fettbäuchigen Mann geht er ins Gespräch vertieft an dir vorbei, ohne dich zur Kenntnis zu nehmen. Er erkennt dich nicht. Natürlich! Er ist etwas Besseres als du, der Herr Notar. Von Volksschulkameradschaft keine Spur. Als er vorbei ist, schaut er zurück. Das erfasst du mit dem Sinn, der Blicke spüren kann. Du biegst schnell in den Treppenaufgang ein. Du willst nicht gefragt werden, was du machst. Sein Bruder, der Bezirkshauptmann, weiß es wohl ohnehin. Du stellst dir vor, wie sie bei einer Familiengrillerei über dich lästern, weißt du noch, der Gruber, den ich ins Klo getunkt habe damals, den hab ich bei dir auf der Behörde gesehen, schaut schlecht aus. Ach der, ich weiß schon, dessen Vater sich die Kugel gegeben hat, der ist schon eine Weile Kunde der Sozialabteilung. Hätte ich mir denken können, was hätte aus dem auch anderes werden sollen als ein fauler Sack, der uns auf der Tasche liegt.
Du kennst den Weg Richtung Sozialabteilung. Die haben sie vor kurzem umgebaut. Früher bestand sie aus einigen Büros, und in jedes Büro konntest du eintreten, am besten gleich bei deiner persönlichen Sachbearbeiterin. Jetzt sind alle Büros verriegelt und nur eine Tür offen. Gleich nach der Tür haben sie einen Tresen aufgestellt und eine Plexiglasscheibe installiert, mit einer Durchreiche. Als würden Sozialhilfeempfänger eine Krankheit sein, die sich über die Luft überträgt. Eine Sachbearbeiterin ist jetzt zuständig für alle persönlichen Anliegen der Sozialhilfeempfänger. Dementsprechend ist die Schlange lang. Ein bisschen kommt es dir vor, als rollten ein paar Orangen über eine Schneise direkt an ein in Kunststoff gefasstes Messer. Dir gefällt der Umbau nicht. Angeblich haben sie umgebaut, weil jemand randaliert hat. Das hat sicher der Herzog junior II angeordnet. Es kommt vor, dass sich die Antragsteller ungerecht behandelt fühlen. Angeblich hat sich der Hochgatterer ungerecht behandelt gefühlt und deswegen einen Stuhl auf einen Aktenkasten geschleudert, direkt an der Sachbearbeiterin vorbei. Jemand hat die Polizei gerufen, und der Hochgatterer wurde abgeführt, ein Betretungsverbot wurde ihm ausgesprochen. Die Sachbearbeiterin hat dann den Umbau angeregt, sonst würde sie nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Angeblich hat sie psychische Probleme wegen des Vorfalls bekommen. Du kennst den Hochgatterer, du traust ihm zu, Stühle zu werfen, weil er sich ungerecht behandelt fühlt. Der Hochgatterer hat selbst psychische Probleme. Er hat schon mehrmals um die Pension angesucht deswegen. Er hat sie nicht bekommen. Du weißt nicht genau, welche psychischen Probleme arbeitsunfähig machen. Für dich wäre es in Ordnung, wenn beide, die Sachbearbeiterin und der Hochgatterer, für immer zu Hause blieben. Du weißt nicht genau, ob die Sachbearbeiterin, die gerade hinter dem Tresen steht, die Sachbearbeiterin ist, die die psychischen Probleme hat. Jedenfalls nimmt sie gerade eine durch die Durchreiche gerufene Sozialversicherungsnummer auf, um am Computer ein Anliegen eines Kunden zu bearbeiten. Neuerdings nennen sie die Sozialhilfeempfänger und Antragsteller Kunden. Du weißt nicht genau, wie es dazu gekommen ist, als Kunde fühlst du dich nicht. In anderen Institutionen wirst du oft Klient genannt. Das ist genauso an der Realität vorbei. Niemand hat sich je für dich eingesetzt. Das ist Maskerade, die Berater beraten vorwiegend dahingehend, dir die Regeln zu erklären und auf deren Einhaltung zu pochen. Vor allem das System ist ihr Klient. Sie wahren die Interessen von Staat, Land und angeblich Steuerzahlern, deine Interessen sind ihnen egal. Vor allem bei der Behörde solltest du Partei genannt werden, wie es gang und gäbe war. Du bist eine Partei, du hast ein rechtliches Interesse und willst auch so behandelt werden und nicht als Kunde oder Klient.
Der Kunde vorne in der Schlange hat seinen Bewerbungskurs hingeschmissen. Dir steigt eine Gänsehaut auf, das hast du auch schon hinter dir: das Kursverweigern. Du weißt, wie die Sache ausgehen wird. Du wirst gesperrt von jeglichem Geldbezug für sechs Wochen mindestens, da kannst du noch so viel jammern, Einsprüche und Beschwerdebriefe verfassen, wie unnütz dieser Kurs ist. Und wenn du vom Geldbezug gesperrt bist, musst du Glück haben, keine Gasrechnung bezahlen oder mit dem Bus irgendwohin fahren zu müssen, genug Essensvorräte gehortet zu haben und schnell eine Arbeit zu finden. Die meisten haben Pech. Du nicht, du bist vorbereitet auf solche Szenarien. Im Grunde würdest du mit dem Ersparten, das du zu Hause in der Bargelddose sammelst, noch ein paar Wochen über die Runden kommen. Du bist kein Geldverschwender, du bist Sparer. Du bist von deiner Mutter gut erzogen worden. Doch es geht dir ums Prinzip. Dir steht die Sozialhilfe zu, und du beharrst auf dein Recht.
Du stehst in der Schlange und wartest. Eigentlich hättest du Besseres zu tun. Dir fällt gerade nichts ein, aber es ergibt sich immer etwas. Ein Spaziergang mit Kristina oder eine Gartenarbeit oder ein Besuch bei deiner Mutter. Irgendetwas ergibt sich immer, aber jetzt stehst du in der Schlange und wartest, bis du drankommst. Der Kunde vor dir ist dran, und der wird recht schnell abgewickelt. Etwas zu schnell, er muss nur ein paar Unterlagen übergeben. Du hast dir deine Sätze noch nicht zurechtgelegt. Deswegen sagst du jetzt der Sachbearbeiterin auch etwas sehr Dummes: »Mein Geld wurde noch nicht überwiesen.«
Dieses Mein hättest du dir sparen können, du siehst es am Blitzen in ihren Augen. Du weißt doch, dass du hier als Bittsteller auftreten musst, egal wie schwer es dir fällt. Du wirst eben nicht als Partei wahrgenommen, sondern als armer Trottel, der von Geld lebt, das ihm angeblich nicht zusteht. Niemand will einen Sozialhilfeempfänger, der Forderungen stellt. Die Bearbeiterin reagiert zynisch: »Die Sozialhilfe ist bereits an die Leistungsberechtigten ausgezahlt worden.«
Wenn du die Sozialhilfe noch nicht überwiesen bekommen hättest, hättest du wohl keinen Anspruch, erklärt sie. Du hast diese Sachbearbeiterin hier noch nie gesehen. Normalerweise wirst du erkannt als jahrelanger Kunde. Der Herr Gruber!, rufen die Bearbeiter dann, in ihrem Blick keine Freude, sondern Tadel. Davon lässt du dich nicht beirren, und es ist dir lieber, als nicht erkannt zu werden und alles zweitausendmal erklären zu müssen. Diese ist neu und kennt dich nicht, aber du versuchst, ruhig zu bleiben und das Richtige zu sagen, um dir nicht noch weitere Probleme einzuhandeln. Deswegen stellst du bemüht ruhig klar, du habest selten Probleme bei der Auszahlung in den letzten drei Jahren gehabt. Du habest den Neuantrag fristgerecht eingebracht, du habest alle Termine beim AMS und bei den sozialen Institutionen absolviert. Und du glaubst, nein, du seist dir sicher, auch
