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ERST WENN ALLE MASKEN FALLEN, ZEIGT DIE LIEBE IHR GESICHT... Michael Gutmann, Betreiber einer Musik- und Kleinkunstbühne, fiebert seit Wochen dem italienischen Sommer entgegen. Endlich würde er diese Electra wiedersehen, der er beim Weihnachtsmarkt von Rovereto über den Weg lief und deren Augenblicke sich tief in sein Herz brannten. Doch schon am ersten Abend wird klar : Mit Dolce Vita, Flirt und Auszeit hat die heiß ersehnte Reise zum Gardasee nur sehr wenig zu tun. Stattdessen taucht Michael in ein magisches "Maskenspiel" ein, das ihn in sieben Tagen zu sieben Orten mit sieben seltsamen Begegnungen führt.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2021
» Die beiden wichtigsten Tage in deinem Leben sind derTag, an dem du geboren wurdest und der Tag, an demdu herausfindest, warum. «
(Mark Twain)
© 2021 Patrick Sascha Ruck
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
www.tredition.de
ISBN:
Paperback: 978-3-347-31558-7
e-Book: 978-3-347-29913-9
Titelbild:
freepik.com
Autorenbild:
Anja Ostermann Fotografie, Utting, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Patrick Sascha Ruck
BENACO BLUES
Eine Liebeserklärung an das Nichts
Das Buch:
Michael Gutmann, Betreiber einer Musik- und Kleinkunstbühne, fiebert seit Wochen dem italienischen Sommer entgegen.
Endlich würde er diese Electra wiedersehen, der er beim Weihnachtsmarkt von Rovereto über den Weg lief und deren Augenblicke sich tief in sein Herz brannten.
Doch schon am ersten Abend wird klar:
Mit Dolce Vita, Flirt und Auszeit hat die heiß ersehnte Reise zum Gardasee nur sehr wenig zu tun.
Stattdessen taucht Michael in ein magisches "Maskenspiel" ein, das ihn in sieben Tagen zu sieben Orten mit sieben seltsamen Begegnungen führt.
Der Autor:
Patrick Sascha Ruck wurde am 10. Februar 1967 im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen geboren. Seit 2009 ist er Chefredakteur und Herausgeber des Printmagazins FREIZEITSCHRIFT – das Regionaljournal mit Ruck. Zuvor war er viele Jahre Programmchef von Radio Oberland, wo er die wöchentliche Kultursendung Funkenflug moderierte.
2014 veröffentlichte Ruck das Geschenkbuch Die Seele der Schmetterlinge, 2017 erschien sein erster Independent-Roman Der Mann, der sich im Kreis dreht.
Der Autor liebt Kultur- und Pilgerreisen. Er lebt heute am Ammersee und am italienischen Gardasee.
IVILLA SILVIA
IIDAS MASKENSPIEL
IIILICHT
IVALLES ODER NICHTS
I
VILLA SILVIA
*
Die Veranda, der Himmel, das Licht.
Wieder einmal saß Luciano Benaco in seinem alten Ledersessel und bestaunte das Schauspiel, das der Gardasee mit seinen Strömungen auf das Wasser zauberte. Leichte Wellen, mal silbern, mal golden, dazwischen grün und immer wieder blau. Eingerahmt von schroffen Klippen, sanften Hügeln und mächtigen Bergen, deren Konturen schlafende Riesen in den Himmel malten und an deren Ausläufern sich die hellen Küstenorte wie Perlen aneinander reihten. Manchmal, wenn er Zeit und Raum vergaß, kam es vor, dass er die Natur vor seinen Augen nicht nur bestaunte, sondern sie regelrecht durchschaute. Meist waren dies Momente, in denen sich sein Hiersein exakt an jenem Punkt befand, wo sich Senkrechte und Waagrechte kreuzten, er den Klang der Stille vernahm und sich das Leben stimmig, frei und friedlich anfühlte. Dann wusste er: Nicht das, was er vor sich sah, war wundervoll, nein, das wahrhaftige Wunder bestand darin, dass er es überhaupt sah! Mit einem Augenlicht, das fähig war, Farben, Formen und selbst das Flimmern der Sommerhitze zu erkennen. Ganz so, als gäbe es eine Kraft, die sich irgendwo in seinem Herzen eingenistet hatte und die durch seine Augen hindurch die Schönheit der Natur bewunderte. Ja, mit einem inneren Blick ausgestattet zu sein, war ein Geschenk Gottes, da es die einzige Möglichkeit war, im Nichts alles und in Allem nichts zu erkennen. Wenn auch nur für wenige Sekunden. Denn kaum hatte sich der große Engel, den er soeben noch in einer der Wolken zu entdecken glaubte, in eine Art Drachenkopf verformt, kam er wieder zu sich. Das Leder, auf dem er ein kleines Stück nach vorne rutschte, quietschte. Er kniff die Augen zusammen, zog an seinem Zigarillo und hängte der Frage nach, wie viele einsame Stunden er seit Mariamas Tod wohl schon hier auf dieser Terrasse verbracht hatte. Und je länger er dies tat, desto mehr sank seine Laune. Aber was soll`s, heute war so oder so ein echter Scheißtag.
Wie sehr er sich am frühen Morgen noch auf diesen sonnigen Sonntag gefreut hatte! Über drei Monate musste er auf die Genehmigung der Behörden warten, doch vor nicht ganz zwei Wochen fischte er dann endlich das Schriftstück aus dem Briefkasten, welches gleich zwei positive Nachrichten enthielt. Zum einen die offizielle Erlaubnis, endlich in der Altstadt von Verona spielen zu dürfen und zum anderen – was für ein Geschenk – die Mitteilung, dass er dies genau heute, an seinem 77. Geburtstag, tun durfte. Gegen Mittag war es dann endlich soweit. Luciano Benaco breitete in Sichtweite der Casa Giulietta seinen Teppich aus, baute den Marshall-Verstärker mit zwei Mikrofonen auf und fing an, leichtlässige J.J.Cale-Songs und kurze Zeit später auch ein paar eigene Blues- und Soulstücke zu präsentieren. Vorwiegend für die vielen Romeos und Julias, die engumschlungen zum Hinterhof der Casa drängten, um sich dort vor Giuliettas Balkon fotografieren zu lassen. Touristen über Touristen, aus aller Herren Länder, ein einziges Kommen und Gehen, ohne Pause. Alles in Reichweite des alten Luciano, der sich an diesem schwülheißen Geburtstag die Finger wund spielte und manchmal auch die Seele aus dem Leib sang. Erst vor fünf Jahren hatte er sich den großen Traum einer eigenen Schallplatte erfüllt, indem er viel Geld in die Hand nahm, um mit ein paar Musikern aus New Orleans das Doppelalbum Sacred Roots einzuspielen. Das Ergebnis war eine Zusammenstellung verschiedener Gospelsongs, die er immer schon sehr gerne im Repertoire hatte und meist auf Blues- und Jazzfestivals zum Besten gab. Die dabei live eingespielten Aufnahmen sorgten vor allem bei Straßenauftritten für einen kleinen Zuverdienst, da er die CDs, wann immer es möglich war, im Bauch des geöffneten Gitarrenkoffers aufreihte, in den die vorbeilaufenden Passanten ihre Münzen warfen. Manche von ihnen blieben auch stehen, hörten zwei, drei Stücke lang aufmerksam zu und kauften ihm dann das Album für zehn Euro ab. Besonders hier, in der berühmten Via Cappello, lief das Geschäft prächtig und die Vorstellung, für Verliebte, Verlobte und Verheiratete zu spielen, die seine Sacred Roots als Souvenir mit nach Hause nahmen, gefiel ihm sehr. Je länger er musizierte, umso mehr Geldscheine gesellten sich zu den Münzen und fast stündlich musste Luciano seinen Auftritt für kurze Zeit unterbrechen, um das Papiergeld vor Windböen zu schützen, die dann und wann durch die schmalen Gassen der Altstadt wehten. Keine Frage, der Gig hier in Verona lohnte sich und sein Musikerherz lachte. Zumindest bis zum Nachmittag, denn dann passierte es…
Immer mehr Touristen schoben sich an ihm vorbei, die einen nach vorne zur Via Mazzini, die anderen hinunter zu den Brücken der Etsch. Wieder einmal stimmte Luciano Benaco seine akustische Westerngitarre, als plötzlich ein junger Kerl mit verspiegelter Sonnenbrille auf ihn zustürmte, sich die graue Kapuze seines Hoodies über den Kopf zog und blitzschnell hinter den Gitarrenverstärker griff. Genau dorthin, wo die Tasche mit dem Geld lag, mit welcher er in Windeseile und mit slalomähnlicher Geschicklichkeit an den Menschentrauben vorbei Richtung Piazza delle Erbe flüchtete, um sich dort zunächst einmal zwischen den vielen, unübersichtlichen Souvenir-Ständen zu verstecken. Nachdem die Luft rein war und der Langfinger sich sicher war, nicht verfolgt zu werden, spazierte er in aller Ruhe unter der legendären Walrippe hindurch zum Platz der Dante-Statue, wo er in einem versteckten Keller schon seit Wochen sein Diebesgut lagerte. Die Beute heute: 330 Euro in Scheinen, eine angebrochene Flasche Wasser, zwei Päckchen Zigarillos, ein ziemlich verkratztes Zippo-Feuerzeug und ein paar plastikverschweißte Musik-CDs. Sie waren die letzten zwölf Scheiben, die der alte Luciano noch besaß. Der kleine Rest eines großen Musikertraums.
Nun saß er also wieder hier auf seiner Veranda, fühlte für einen winzigen Moment das ewige Nichts und war traurig. Sein Blick wanderte hinüber zur anderen Seeseite und haftete sich irgendwo zwischen Gargnano und Boliaco an der langen, hellen, auffälligen Kulisse eines Palazzos fest. Direkt vor seinen Füßen, in einer Ecke des gusseisernen Geländers, fing eine kleine, gräuliche Spinne damit an, hauchdünne Fäden aus sich herauszupressen und im Gegenlicht der tiefstehenden Junisonne ein Fangnetz zu spannen. Luciano lockerte die Krawatte, zog die Weste aus und krempelte die Ärmel seines schwarzen Leinenhemdes nach oben. Er strich sich kurz durch den Bart, öffnete seine langen, grauen, zu einem Dutt gebündelten Haare und kippte sich mit einem eisgekühlten Gin Tonic den Frust von der Seele. Aufmerksam verfolgte er die dünnen, fast durchsichtigen Strahlen, die sich von der Mitte des Netzes aus zu einem seidenen Labyrinth zusammenknüpften. »Ein winziges Wesen spinnt ein vollkommen perfektes Gewebe, das tausendfach größer ist als es selbst«, staunte er, als plötzlich das Motorengeräusch eines VW-Käfers die Abendstimmung störte. Ein Knattern, das lauter und immer lauter wurde, je anstrengender sich das metallic-grüne Cabriolet den Berg hinaufkämpfte. Luciano stellte das Glas zur Seite und beugte sich neugierig über das Geländer, doch als er das deutsche Nummernschild sah, war klar, wer da gerade eintraf. Der aschblonde Typ mit seinem Dreitagesbart, den grünen Augen und dem grauen Stones-T-Shirt musste dieser Michael sein, den seine Tochter im Winter beim Weihnachtsmarkt in Rovereto kennenlernte.
»Der lebt in Bayern und betreibt dort so etwas wie eine Musikkneipe«, klärte ihn Electra erst gestern noch auf.
*
Jaja, die Begegnung vor der Weihnachtshütte. Michael Gutmann erinnerte sich noch an jede kleinste Szene, obwohl es längst schon sechs Monate her war. Schon im Herbst des vergangenen Jahres nahm er sich vor, zur Adventszeit seinen Weinhändler in Valpolicella zu besuchen, um anschließend auf der Rückfahrt einen Zwischenstopp in Rovereto einzulegen. Wollte er eigentlich in den beiden vorherigen Wintern auch schon tun, doch immer kam irgendetwas dazwischen. Ein Glücksfall, wie sich später herausstellte.
Diesmal klappte es jedenfalls und noch heute geriet er ins Schwärmen, wenn er an die Altstadt von Rovereto dachte, deren Namen die meisten mit einer Autobahnausfahrt zum nördlichen Gardasee und weniger mit einem charmanten Anziehungspunkt im Trentiner Etschtal verbanden. Mit seinem großen Angebot an Kunsthandwerk, dem fast zwanzig Meter hohen Christbaum und den vielen Krippenausstellungen war der weit über Südtirol hinaus bekannte Vorweihnachtsmarkt etwas sehr Besonderes. In drei Tagen war Heiligabend und der Basar strahlte genau jene Ruhe aus, die nötig war, um sich nach der Hektik der letzten Wochen so langsam in Festtagsstimmung zu bringen. Zumal ein eigens ausgeschilderter Parcours mit fast fünfzig Etappen die Besucher durch festlich geschmückte Straßen und viele, verwinkelte Gassen lotste. Stationen, an denen man nicht nur außergewöhnliche Geschenkideen fand, sondern wo auch viele Sehenswürdigkeiten der Stadt besucht werden konnten. Der Weg führte zu venezianischen Palästen und hinunter zu den wilden Ufern des Flusses Leno. Dann wieder hinauf zum spätmittelalterlichen Castello oder auch zur historischen Kaffeerösterei Bontadi. Natürlich streifte der Rundweg auch das MART-Museum für zeitgenössische Kunst und die nur selten geöffneten Ausstellungsräume des Futurismus-Gründers Fortunato Depero. Jener Depero war es auch, der seinerzeit die vier Marmorsäulen in der Via Rialto anfertigte, die noch heute in Form von altgriechischen Karyatiden die beiden Hauseingänge der Buchhandlung und des Hutgeschäftes bewachten. Links das vogelwilde Piccoloblu mit seinen literarischen Werken, rechts die traditionelle Cappelleria Bacca, die auch zweihundert Jahre nach ihrer Gründung noch Hüte und Kopfbedeckungen anfertigte. Und in der Mitte, zwischen Büchern und Hüten, die mit Tannenzweigen und Lichterketten geschmückte Weihnachtshütte und ihren farbenfrohen Herzen. Hunderte, vielleicht auch tausende herzförmige Holzschatullen, jede einzelne von ihnen handbemalt und mit einem altägyptischen Horusauge verziert. Kleine und nicht ganz so kleine Herzen, manche auch etwas größer und einige auch richtig groß. Sie leuchteten in sämtlichen Farben und wohin Michael auch sah, immer blickte er in unzählige, ägyptische Augen, die ihn von allen Seiten ins Visier nahmen. Ein Anblick für Göttinnen und Götter. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Er trat einen Schritt zur Seite und sah durch die Glasscheibe hindurch ins Innere des Buchladens. Sein Besitzer, ein älterer, etwas blasser Herr mit Brille, saß hinter einem unaufgeräumten Schreibtisch und vertrieb sich die Zeit damit, Kerzenwachs auf einen Kuchenteller tropfen zu lassen. Der Mann schien ein gewisses Faible für Mark Twain zu haben. Nur so war es zu erklären, dass im Schaufenster nicht nur dessen gesammelte Werke, sondern auch jede Menge Schriften, Plakate und Bücher zu finden waren, die sich sowohl mit Twains Europareisen als auch mit einigen seiner Satireabhandlungen zur US-amerikanischen Oberschicht auseinandersetzten. Michael fiel ein, dass zuhause in seinem Wohnzimmer neben dem kompletten Tom Sawyer-Werk auch das fast fünfhundert Seiten starke Leben auf dem Mississippi im Bücherregal stand und er nahm sich vor, den Roman bei nächster Gelegenheit mal wieder in Angriff zu nehmen. Dann schwenkte er nach rechts, um sich in der Capelleria Stetson-Hüte anzusehen, doch soweit kam er erst gar nicht. Zwar waren es von Buchladen zu Hutladen nur ein paar wenige Schritte, doch hierzu musste er die Herzensfrau links liegen lassen und wenn eine schnell daher gesagte Floskel wirklich einmal zu hundert Prozent passte, dann diese hier: An ihr kam er einfach nicht vorbei!
Schon kurz zuvor, als er zum Markt hinunterlief, fiel sie ihm auf. Ihr allem Anschein nach afrikanisches Gesicht war wunderschön und ihr aufgetragener, glänzender Lippenstift passte perfekt zu ihrer pinkfarbenen Strickmütze. Sie durfte etwa dreißig, vielleicht auch fünfunddreißig Jahre jung sein, saß warm eingehüllt in ihrer Holzhütte und machte einen hochkonzentrierten, gleichzeitig aber auch introvertierten Eindruck. Was nicht verwunderte, schließlich malte sie mit dünnen, ziemlich präzisen Pinselstrichen ägyptische Augen auf Holzschatullen, was nicht nur Feingefühl sondern auch absolute Achtsamkeit erforderte. Jetzt aber, als er ein zweites Mal an ihr vorbei lief, legte sie den Pinsel zur Seite und warf ihm mit ihren Blicken ein Lächeln zu, das sich wie ein Blitz tief in sein Herz bohrte. Er stand da wie gelähmt, dann aber wandte er sich leicht verlegen von ihr ab und suchte eine Art Fixpunkt in einer der zahllosen Herzschatullen. Da aber die vielen aufgemalten Motive ihn von oben, unten, links und rechts anstarrten, suchte er dann doch lieber wieder Halt im Lächeln der Standbesitzerin.
