Benn in Berlin - Joachim Dyck - E-Book

Benn in Berlin E-Book

Joachim Dyck

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Beschreibung

Benn und Berlin - das scheint eher eine Selbstverständlichkeit. Seit Beginn seines Studiums 1904 ist er mit der Stadt eng verbunden, arbeitet hier, hat hier seine ersten literarischen Auftritte und Erfolge. Trotzdem weiß man über Benns Leben in Berlin relativ wenig; man kennt vielleicht seine Praxen in der Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm) und in der Bozener Straße, aber die Lebensumstände, seine Gewohnheiten, seine eigene Welt, aus der heraus er die berühmten Texte und Gedichte schrieb, sind bisher nicht genauer erzählt worden. Das hat auch mit Benns Verschlossenheit zu tun: er liebte die Anonymität, er mochte nicht die Eitelkeiten der künstlerischen Eliten, wollte nur in seinen Texten in Erscheinung treten - und nicht als öffentliche Person. Joachim Dyck, Benn-Biograph und bekannter Literaturwissenschaftler, schreibt unterhaltsam und detailreich von einem schwierigen Genie, das mitten in der politisch und kulturell brodelnden Großstadt Berlin jahrzehntelang sein ganz eigenes Leben führt.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2012

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eines Photos aus dem Besitz des Hindemith

Instituts, Frankfurt am Main, und Layout,

Gudrun Fröba, Berlin

eISBN 978-3-88747-267-2

Joachim Dyck

Benn in Berlin

:TRANSIT

Inhalt

Student in Berlin

Pépinière

Militärisches Leben in Berlin

Berlin 1904ff.

Berlin als Wirtschaftsmetropole

Staatsbibliothek

Kneipen

Vergnügungsindustrie

Berliner literarisches Leben um 1910

Charité und Reiten

Die Berliner Verleger

Belle-Alliance-Straße

Benn als Arzt in Berlin

Die Freunde

Die Frauen

Die Berliner Philharmonie

Pariser Platz

Bendlerblock

Bozener Straße 20

Berlin in Trümmern

Leben unter der Besatzung

Rückkehr in den Alltag

Schlüterstraße 45

Das Ehepaar in der Bozener

Der literarische Markt

Hilfe aus Zürich und Wiesbaden

Blockade und Währungsreform

Die letzten Jahre

Hotel am Steinplatz

Waldfriedhof Dahlem

Danksagung

Anmerkungen

Personenregister

Bildquellen

Meinem Zaubersternchen gewidmet

Student in Berlin

»Ich bin ein Berliner«, hätte Gottfried Benn von sich sagen können, obwohl er in einem Dorf zwischen Berlin und Hamburg (Westpriegnitz) geboren wurde und erst im Herbst 1904 mit 18 Jahren in der Hauptstadt Preußens ankam. »Berlin ist meine Stadt«, hat er oft betont, »Berlin ist die Stadt, die mich geprägt hat, in der ich gelernt habe und was geworden bin. Ich habe Berlin ja noch in den glanzvollen Zeiten erlebt bis 1933, als es im Begriff war, als Zentrale des geistigen Europas neben Paris zu treten. Wunderbare Jahre, eine Fülle von Talenten hier in Berlin, wo Theater, Musik, auch Literatur einzigartig waren«1.

Benn hatte sein Abitur in Frankfurt/Oder abgelegt und dann zwei Semester lustlos in Marburg Theologie und Philologie studiert: Gustav Benn wollte seinem Sohn nicht erlauben, sich dem Medizinstudium zuzuwenden, denn das dauerte zu lange und war für einen Landpastor, der noch sechs weitere Kinder zu versorgen hatte, kaum zu finanzieren. Nach längerem Hin und Her stimmte der Vater jedoch dem Wunsch des Sohnes zu, wahrscheinlich brachte ein Freund der Familie, der Pfarrer Christoph Friedrich Blumhardt aus Bad Boll, den Vater zum Einlenken. Zudem hatte der Pastoratsherr der Kirche von Sellin, wo Gottfried seine Kindheit verbrachte, der preußische Kavallerieoberst Carl Friedrich von Rohr, den jungen Benn für ein Studium an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Berlin empfohlen: Die »Pépinière«, wie die Akademie genannt wurde, war 1795 für den sanitätsdienstlichen Nachwuchs der preußischen Armee gegründet worden. Die Ausbildung kostete die Eltern kaum etwas, allerdings verpflichtete sich der Student, für jedes Semester ein Jahr als Militärarzt in der preußischen Armee zu dienen. Die Aufnahme ging allerdings nicht von heute auf morgen, Benn überbrückte die Wartezeit durch ein Philologie-Studium an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität, Unter den Linden. Am 29. Oktober 1904 wurde er immatrikuliert und wohnte in Kreuzberg in der Neuenburgerstraße 1a, Ecke Neue Jakobstraße, vier Treppen hoch.

Die Philosophische Fakultät der Universität glänzte damals mit einer Reihe großer Namen. Im Wintersemester 1904/05 beschäftigte sich Heinrich Wölfflin mit der »Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts«, Wilhelm Dilthey las über die »Allgemeine Geschichte der Philosophie bis auf die Gegenwart«. Und der »meistgeliebte aller Literaturprofessoren«, der »Literaturpapst ohne jegliche Pose«2, Erich Schmidt, verbreitete sich über »Goethes Faust mit historischer Einleitung«. Aber sicher wissen wir nur, dass Benn im Sommersemester 1905 eine Vorlesung bei Richard M. Meyer über »Friedrich Nietzsches Leben und Schriften« belegt hat.

Königliche Friedrich-Wilhelms-Universität, vorne Platz am Opernhaus, 1903

Das Warten auf das ersehnte Medizinstudium wurde durch ein weiteres Problem erschwert: Benn fühlte sich zum Dichter berufen. Allerdings wusste er nicht, ob seine Begabung ausreichte, um sich Hoffnungen auf Anerkennung zu machen. An großen Dichter-Persönlichkeiten, zu denen er aufschauen konnte, mangelte es nicht, von Rilke war Das Buch der Bilder erschienen, Hofmannsthal hatte seinen Chandos-Brief vorgelegt, Heinrich Mann glänzte mit Die Göttinnen. Der S. Fischer Verlag hatte mit Richard Dehmels Roman Zwei Menschen einen Bestseller gelandet. »Als ich jung war«, schreibt Benn 1954, »erschien 1903 die Anthologie von Hans Benzmann Moderne deutsche Lyrik. Es war das lyrische Zeitalter der Dehmel und Liliencron, der Holz, Mombert, Morgenstern und das der zweiten Garnitur wie Falke, Bierbaum, Schlaf, der beiden Busse, Bethge, Schaukal und Hugo Salus. Die zweite Auflage erschien 1907. Die Epoche, die sie darstellte, reichte von etwa 1880 bis zum Jahrhundertanfang: Else Lasker-Schüler war schon vertreten, der junge Rilke, der junge Hofmannsthal, auch Nietzsche war dabei«3.

Proben seiner eigenen Lyrik hatte er bereits aus Marburg an die Deutsche Roman-Zeitung in Berlin-Lichterfelde, Anhaltstraße 11, zur Begutachtung geschickt, in der der leitende Redakteur Otto von Leixner die eingesandten Gedichte mit einer kurzen Kritik bedachte. Dessen Urteil lautete wenig ermunternd: »Warmes Gefühl, unzureichender Ausdruck. Vermeiden Sie auch die Elisionen: ›woll’n‹, ›soll’n‹, ›spiel’n‹. Das macht die Sprache sehr hart. O.v.L.«4

Die Unsicherheit über die eigene Zukunft verschärft sich zur Angst, wahnsinnig zu werden. Am 7. Februar 1905 wendet sich der Student deshalb schriftlich an den Dichter und Literaturkritiker Carl Busse (1872-1918), der in den populären Velhagen und Klasings Monatsheften, Tauentzienstraße 7b, seit September 1904 mit seiner Rubrik Neues vom Büchertisch die Literaturkritik vertritt. Im Februar-Heft 1905 bespricht Busse die Lyrik von Peter Hille und lässt kein gutes Haar an einem Dichter, der die »Ausdrucksmittel seiner Kunst« nicht beherrsche: »Es genügt nicht, dass jemand eine Dichterseele ist, dass er als Dichter schaut und fühlt – er muß vor allem doch auch als Dichter schaffen, d.h. sein Schauen und Fühlen in einer entsprechenden, notwendigen, gesetzmäßig wirkenden Form offenbaren«5.

Benn liest diese Rezension und schreibt unter dem unmittelbaren Eindruck der Lektüre an Busse: »Hineingeboren in eine religiöse Atmosphäre, von Kind auf damit vollgesäugt, bildet das Religiöse einen Bestandteil meiner Seele. Daneben wuchs und blühte seit Erinnern eine tiefe, große Sehnsucht nach Leben u. Schönheit, die ihren Ausdruck fand in dem Verlangen: Künstler werden. Sehen Sie den Riss? Hier Religion[,] Kirche, Vaterhaus, dort Sehnsucht nach Freiheit, eigener Weltanschauung, Künstlertum. So geht es mehrere Jahre; ich habe gerungen, ehrlich gerungen u. konnte doch das Eine nicht lassen um des andern willen. Der Riss wurde zur Kluft. Und kein Mensch ahnte und half«6. Benn fragt den Kritiker, ob er den Konflikt verstünde: »Können Sie mir sagen, es steckt ein Funken echten, wahren Künstlertums in meinen Gedichten, gut; dann habe ich ein Recht an die Kunst, ein Recht zu dieser blutigroten heidnischen Sehnsucht, dann darf ich vor meinen Vater treten u. sagen: gib mich frei aus den Banden, die du durch Religion u. Kirche um mich geschlagen hast, ich will meinen eigenen Gott mir suchen und du mußt mich doch lieb behalten«.

Die Antwort Busses ist uns unbekannt, die beigelegten Gedichte sind verschollen. Am 20. Oktober 1905 trug Benn sich als Student der Medizin in die Stammliste der Pépinière ein.

Pépinière

Auf die Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen (Friedrichstraße 140), hat Benn später ein begeistertes Loblied angestimmt: »Eine vorzügliche Hochschule, alles verdanke ich ihr! Ohne den Vater stark zu belasten, wurden für uns alle die sehr teuren Kollegs und Kliniken belegt, die die Zivilstudenten hören mußten, dazu bekamen wir die besten Plätze, nämlich vorn, und das ist wichtig bei den naturwissenschaftlichen Fächern, bei denen man sein Wissen mit Hilfe von Experimenten, Demonstrationen, Krankenvorstellungen in sich aufnehmen muß«7.

Mit dem Eintritt in diese Institution fiel dem Jungen eine Last von der gequälten Seele: Er konnte sich endlich von der Umklammerung durch das Elternhaus befreien. Die Aussicht, in den starren Ordnungen des preußischen Militärs leben zu müssen, scheint demgegenüber weniger gewichtig gewesen zu sein. Von 178 Bewerbern durften 38 im Wintersemester 1905 mit der Ausbildung beginnen: Benn war unter den Glücklichen.

Die Pépinière war keine Anstalt für die Söhne der Minderbemittelten, das schlossen die Aufnahmebestimmungen aus: »Es wird ausdrücklich bemerkt, dass Freistellen oder Stipendien bei der Akademie nicht vorhanden sind«8. Allerdings konnten Zuschüsse zur Miete für die externen Studenten und zu Lehrmitteln und Büchern gewährt werden. Benn wird, schon um die väterliche Kasse zu schonen, im Wohngebäude der Akademie Quartier genommen haben: Je vier Studierende teilen sich in den ersten Semestern eine Wohnstube mit angrenzender Schlafstube.

Der Arztberuf war um 1900 ein Aufsteiger- und Brotberuf und beim alten Adel oder den Großbürgerssöhnen keineswegs angesehen: Der Zwang, Tag und Nacht an sieben Tagen der Woche zur Verfügung stehen zu müssen, wirkte wenig einladend. Der Jahrgang, dem Benn angehörte, stammte mehrheitlich aus Elternhäusern ohne akademische Bildung, in der Pépinière suchten Söhne von Eisenbahnsekretären, von Oberförstern, Postkassenbuchhaltern und Zollinspektoren ihr berufliches Heil. Benn gehörte also zur gesellschaftlichen Elite seiner Jahrgangskameraden, er war, überblickt man die Jahre von 1886 bis 1904, »ein Günstling des Geschicks«9. Er fühlte sich Zeit seines Lebens als ein Vertreter der militärischen Tradition, und eine kleine Rede anlässlich seines 65-jährigen Geburtstages 1951 schloss er mit dem alten Soldatenspruch, den er »auch den geistigen Bereichen zur gelegentlichen Erwägung empfahl: ›ran an den linken Flügel, ins zweite Glied, nicht gesehn werden und schaffen‹«10.

Die nötigen Bücher und Instrumente stellte der Staat zur Verfügung, in Vorträgen und Vorlesungen über Philosophie und Kunst wurde die gesellschaftliche Bildung des alten Offizierskorps vermittelt. Im Übrigen war den Studenten aber nicht anzusehen, dass sie an einer Militärakademie ausgebildet wurden, denn sie brauchten, außer bei Paraden und offiziellen Anlässen, keine Uniform zu tragen.

Für die angehenden Sanitätsoffiziere belegte die Akademie die klinischen Vorlesungen an der Medizinischen Fakultät der Universität, die während der Studienzeit Benns in ihrem höchsten Ruhm stand. Berühmte Wissenschaftler hielten die Vorlesungen und Praktika ab, die Benn zu absolvieren hatte: Bei Ernst Bumm hörte er Geburtshilfe und Gynäkologie, der berühmte Emil Fischer, Nobelpreisträger und Entdecker des Veronals, stand für die Chemie. Geheimrat Edmund Lesser hatte das Kolleg über Haut- und Geschlechtskrankheiten übernommen. Selbst Röntgenkurse sind – neun Jahre nach der Entdeckung der Strahlen – obligatorisch. Die »Vereinigten Universitätskliniken«, an denen Benn lernte, lagen in der Ziegelstraße 5/9; auch das Klinische Institut für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten in der Artilleriestraße 20 und die Medizinische Poliklinik in der Luisenstraße 18 suchte er auf, 1908 besteht er das Physikum.

Die angehenden Militärärzte hatten zudem besondere Vorlesungen über Kriegschirurgie und Militärhygiene zu hören. Die Ausbildung wurde unterstützt durch eine Bibliothek von 68 000 Bänden und mehr als 120 Fachzeitschriften des In- und Auslandes. Die Öffnungszeiten lagen günstig: Das Lesezimmer war täglich von 9 bis 22 Uhr geöffnet, auch samstags; sonntags blieb es von 9 bis 13 Uhr zugänglich. In den Laboratorien standen hundert Mikroskope für die Studenten bereit. Die Bedeutung dieses streng geregelten, aber auch vielseitigen Studiums mit erheblichen Anforderungen bei den Prüfungen hat Benn später betont: »Rückblickend scheint mir meine Existenz ohne diese Wendung zu Medizin und Biologie völlig undenkbar. Es sammelte sich noch einmal in diesen Jahren die ganze Summe der induktiven Epoche, ihre Methoden, Gesinnungen, ihr Jargon, alles stand in vollster Blüte, es waren die Jahre ihres höchsten Triumphes, ihrer folgenreichsten Resultate, ihrer wahrhaft olympischen Größe«11. Man musste damals in der Welt Deutsch lesen und verstehen können, um an den neuesten Erkenntnissen der medizinischen Naturwissenschaften teilzuhaben.

Am hundertsten Stiftungstag 1895 wurde den militärärztlichen Bildungsanstalten durch Kaiserliche Gnade der Name »Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen« verliehen. Der alten Institution widerfuhr manche Ehrung: Am 7. März 1906 erschien Kaiser Wilhelm II. im Hause, und 1907 schritt Ihre Majestät, die Kaiserin, durch die Räume: Benn wird bei diesen Ehrungen in Uniform dabei gewesen sein.

Militärisches Leben in Berlin

Als Student der Militärakademie gehörte Benn in der Werteskala des deutschen Kaiserreichs zur wichtigsten gesellschaftlichen Klasse, denn nicht nur bei Hofe, sondern auch im äußeren Erscheinungsbild der Stadt Berlin fällt die exzeptionelle Stellung des Militärs ins Auge.

Begreiflicherweise hat Berlin als Residenz des Kaisers und Königs die stärkste Garnison von 38 000 Mann. Die Garderegimenter, »allerpersönlichste eigenste Schöpfung der Hohenzollern«, bilden den Kern der Berliner Garnison, die – wie der Kaiser bei der Einweihung der neuen Alexander-Kaserne erklärt – mit der Niederhaltung der »frechen Berliner« beauftragt ist.12 Schier endlos scheint die Liste der Formationen, die die Berliner Garnison bildeten: Gardegrenadiere, Gardefüsiliere, Gardekürassiere, Gardedragoner, Gardeulanen, Gardefußartilleristen, Gardepioniere. Dazu kommen die militärischen Kommandostellen, mit denen Berlin übersät ist, die Generalkommandos, Generalinspektionen, Kommissionen und Kommandanturen, die Kriegsschulen, Intendanturen, Verwaltungen und Kassen.

Berlin ist Sitz des Kriegsministeriums, Leipzigerstraße 5, der Kriegsakademie, Unter den Linden 74, und des Großen Generalstabs. Hier am Königsplatz 6, gegenüber dem Reichstag, entwirft Alfred Graf von Schlieffen seinen berüchtigten Kriegsplan, der, alles auf eine Karte setzend, der beabsichtigten »Abrechnung« mit Frankreich zugrunde liegt. Nicht zu übersehen sind auch die Berliner Kriegervereine mit ihren Unter-Verbänden, dazu der Kriegerbund Berlin und der Preußische Landes-Kriegerverband: Die militärischen Adressen nehmen im Berliner Kleinen Adressbuch für das Jahr 1902/03 zehn Spalten ein.

Die Bedeutung des Militärs in Berlin fällt jedem Besucher sofort ins Auge: »Mindestens jeder fünfte Mann zwischen Schloß und Brandenburger Tor schien Uniform zu tragen. Die Offiziere grüßten einander mit zackigen Bewegungen. Geriet ein Unteroffizier oder gar ein einfacher Soldat in dieses geheiligte Zentrum der obersten Gesellschaft, dann hatte er ein gar beschwerliches Fortkommen. Die Linden wurden für ihn zum Exerzierplatz, seine linke Hand zuckte an die Hosennaht, die rechte salutierend an die Mütze, sobald ein Vorgesetzter sichtbar wurde«13.

Die Berliner Bevölkerung nimmt an dem Soldatenleben lebhaften Anteil. Jede marschierende Truppe wird von Hunderten von Bürgern begleitet; und nach Tausenden zählen die Schaulustigen, um die Frühjahrs- und Herbstparaden vom 31. März und 2. September auf dem Tempelhofer Feld zu genießen. Viele Lokale und Geschäfte vermieten für diese Tage Plätze an ihren Fenstern oder auf ihren Balkons. Die größte Sehenswürdigkeit aber ist der Kaiser selbst: »Berlin jewesen – Kaiser jesehn«. In der Lokalpresse und in Stadtführern wird angezeigt, wann die Untertanen den Monarchen bestaunen können: An Festtagen bei Paraden und Denkmalsenthüllungen, alltags bei Ausritten Unter den Linden. Oder er fährt im Daimler-Wagen vom Schloss zum Brandenburger Tor. »Die kaiserlichen Automobile« informiert der Baedeker, »sind elfenbeinfarbig und fallen durch ein melodisches Trompetensignal mit besonderem Zweiklang auf«14.

Der militärische Geist bleibt nicht auf die aktiven Offiziere beschränkt, sondern durchdringt breite gesellschaftliche Schichten. »Was in den besseren Kreisen der Reserveleutnant, das ist in den breiten Schichten des Volkes das Mitglied des Kriegervereins. Der Reserveoffizier soll befehlen lernen, dem Kriegervereinsmitglied wird eingeprägt, dass es zu gehorchen habe«15. Benn ist Teil dieser riesigen Maschinerie. Vom 1. April bis zum 30. September 1906 muss er seine aktive Dienstzeit beim 2. Garde-Regiment zu Fuß in Berlin ableisten. Seine Kaserne liegt in der Friedrichstraße 107. Alle 23 Kasernen haben ihr Kasino, die Uniform für das 2. Garde-Regiment zu Fuß sieht so aus: »Rocktuch dunkelblau. Helm mit weißem, bezw. schwarzem Haarbusch; gelbe Knöpfe, schwedische Ärmelaufschläge; leere rote Schulterklappen«16.

Truppenparade Unter den Linden, um 1900

Benns Haltung ist sein ganzes Leben durch die militärischen Lehrjahre bestimmt gewesen. Das wird besonders beim Grüßen sichtbar. Kein Zeitgenosse hat das genauer beobachtet als sein Freund Leo Matthias. Dieser spricht von einem »seltsamen kurzen Nicken«, mit dem Benn jemanden begrüßte oder sich von ihm verabschiedete: »Es war ein Gruß, bei dem sich der Kopf senkte, während der Körper, gleichsam beschämt über eine solche Devotion, stocksteif blieb. Benn hatte diesen Gruß wahrscheinlich in der Kadettenschule gelernt. Nuancen bei diesem Nicken waren vorhanden, aber mußten für jeden Dritten unverständlich bleiben. Sie bestanden in einem Senken oder Nicht-Senken der Augenlider, in schnellem oder langsamem Nicken oder auch in einer Wiederholung dieser Bewegung, was aber selten geschah. Ich werde niemals das Bild vergessen, das der Dichter der Morgue bei dieser flüchtigen Begegnung hinterließ. Es war nicht das eines deutschen Baudelaire, sondern eines deutschen Offiziers in Zivil. Benn trug einen hellen, sehr kurzen Sommermantel, einen ›Covercoat‹, und dazu einen schwarzen, steifen Hut, eine ›Melone‹. Man konnte kaum korrekter gekleidet sein«17.

Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen, Invalidenstraße, 1912

Für die wachsende Armee waren zunehmend mehr Sanitätsoffiziere nötig. Die Räume der Pépinière in der Friedrichstraße 140 reichten für die Studenten nicht mehr aus und das Gebäude fiel der Erweiterung des Bahnhofs Friedrichstraße zum Opfer: Der Platz musste einer breiteren Anfahrt zum Bahnhof und einem Hotelbau weichen18. Die Militärärztliche Akademie bezog deswegen an der Ecke Invaliden- und Scharnhorststraße einen Neubau: 1905 legte der Kaiser den Grundstein, am 10. Juni 1910 weihten die Majestäten das Bauwerk mit größtem Pomp ein. Über dem Haupteingang prangte in goldenen Lettern: »Scientiae, Humanitatis, Patriae«. Hier trat Benn in seinem letzten Semester ein. Je zwei Examenssemester lebten in zwei Einzelzimmern, die von Korridorwärtern in Ordnung gehalten wurden. Die Unterbringung war komfortabel, modern, hell. Im Wohnzimmer stand ein Sofa, wie in Cambridge, Frühstück und Abendessen wurden auf das Zimmer gebracht. Man konnte wählen zwischen Kotelett, Beefsteak, Rührei, Setzei. Im Februar 1912, nach ordnungsgemäßen zwölf Semestern, beendete Benn sein Studium.

Berlin 1904ff.

Dass die Militärakademie einer breiteren Anfahrt zum Bahnhof weichen musste, war typisch für das Berlin der Jahrhundertwende: Zur Eisenbahn, dem bedeutendsten Verkehrsmittel der Kaiserzeit, gehörten gewaltige, historisch verkleidete Bahnhofshallen. Berlin war zu dieser Zeit die unruhigste und quirligste Stadt der Welt. Die erste Strecke der Untergrundbahn wurde gebaut und die bisherigen Pferdebahnen auf elektrischen Betrieb umgestellt. »Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran«, meinte der Großindustrielle und spätere Außenminister Walther Rathenau. Und Mark Twain hielt Chicago im Vergleich mit Berlin für geradezu ehrwürdig. Die Hauptmasse der Stadt mache den Eindruck, als wäre sie vorige Woche erbaut worden: »Berlin is the European Chicago«19.

Bahnhof Friedrichstraße, um 1900

Der Boulevard Unter den Linden wird verbreitert, er soll in eine leistungsfähige Verkehrsader umgewandelt werden. Immer mehr Wohnhäuser des Zentrums weichen Geschäfts- und Bürogebäuden, Banken und Versicherungsanstalten. Werkstätten und kleine Läden machen Luxusgeschäften Platz: Es entsteht die City. Im Jahre 1910 hatte die Stadt etwas mehr als zwei Millionen Einwohner. Ein Kranz von eigenständigen Großstädten wie Charlottenburg, Schöneberg, Wilmersdorf, Spandau, Steglitz umgab das eigentliche Zentrum. Eine wichtige Rolle beim Zusammenwachsen Berlins mit seinen Vororten spielte ein neues Verkehrsmittel – die elektrische Hoch- und Untergrundbahn, deren erste Linie, von Siemens gebaut, von der Deutschen Bank finanziert, vom Potsdamer Platz über das Gleisdreieck zum Stralauer Tor beziehungsweise über Bülowstraße und Wittenbergplatz zum Bahnhof Zoo führt. Anfang 1902 ist Jungfernfahrt. Auf dem Potsdamer Platz, an dem sich die Endstationen zweier Fernbahnen befinden, zählt man an einem Oktobertag des Jahres 1900 146 000 Fußgänger und 27 000 Fahrzeuge. Über diesen Platz fahren 35 Straßenbahnlinien mit stündlich mehr als dreihundert Zügen.

Benn kann für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, das erste Untergrundbahn-Gedicht in deutscher Sprache verfasst zu haben, wenn auch im elften Jahr ihrer Berliner Existenz 1913. Es ist ein Bekenntnis zur großstädtischen Lebenserfahrung. Benn sagt nichts über die Technik, sondern schildert das Zusammenspiel aus Lust und Tunnel, angeregt von einem Frauenstrumpf als Auslöser einer Assoziationskette (»Der Strumpf am Spann ist da. Doch wo er endet / ist weit von mir«). Zur U-Bahnfahrt von 1913 gehörte die unmittelbare Konfrontation mit der Welt der Reklame. Dabei ging es um vieles, was mit dem körperlichen Intimbereich zu tun hatte wie Mundfrische, Haut und Teint: Als »Triumph der Schönheit« pries die kosmetische Industrie ihre Produkte an, Damenwäsche offerierte eine »ideale Figur«. Das Gedicht Das Plakat von 1917 umschreibt die Reklame als einen »Rauschwert«, der mit erotischen oder exotischen Verführungen daherkommt20:

Früh, wenn der Abendmensch ist eingepflügt

und bröckelt mit der kalten Stadt im Monde; (...)

tröstet den Trambahngast

allein das farbenprächtige Plakat.

Es ist die Nacht, die funkelt. Die Entrückung.

Es gilt dem kleinen Mann: selbst kleinem Mann

steht offen Lust zu! Städtisch unbehelligt:

die Einsamkeit, die Heimkehr in das Blut.

Rauschwerte werden öffentlich genehmigt.

U-Bahnhof Belle-Alliance-Platz (heute Hallesches Tor), um 1910

Das Berlin der wilhelminischen Epoche, mehr Stadtlandschaft als Stadt, wies außer dem Schloss und einigen Schinkelbauten kaum bemerkenswerte historische Gebäude auf. Drei Viertel aller Bauten waren neu errichtet worden. Ein besonderer Mangel bei der Stadterweiterung war die schlechte Aufteilung der zu bebauenden Flächen. In Chicago führte der Wille zur optimalen Bodennutzung zum Bau in die Höhe, Berlin dagegen baute in die Tiefe der Grundstücke, die typischen Höfe, Seitenflügel und Quergebäude entstanden. In fast allen Stadtteilen findet man auf demselben Grundstück Vorderhäuser mit teuren und Hinterhäuser mit geringerwertigen Wohnungen. Sinnvoll war diese Berliner Art des Bauens dann, wenn die Vorderhäuser als Wohnungen und Läden im Erdgeschoß dienten, die Hinterhäuser aber als Werkstätten und Lagerräume genutzt wurden. Die Hackeschen Höfe und der Hackesche Markt, heute Touristenattraktionen, veranschaulichen Gruppierungen solcher Geschäfts-, Wohn- und Fabrikräume.

Benn hat diese Bauweise geschätzt, er liebte den Hofblick. Von seiner Praxis in der Belle-Alliance-Straße sagt er: »In den Hof ergoß sich ein Musikcafé, das belauschte ich oft, entführende Weisen. Manchmal, wenn ich nachts in mein Schlafzimmer trat, ertönte die Musik. Ich öffnete das Fenster, ich löschte das Licht. Ich stand und atmete den Laut«21. Und in der Bozener Straße schreibt er an Oelze im Dezember 1945 leicht sarkastisch: »Ich habe jetzt einen Ofen in meinem Boudoir, dem hinteren Zimmer, auf den Hof gehend, in dem Regen, eine letzte Hortensie u. ein leerer Kaninchenstall ihrerseits die Identität mit der Zeit zum Ausdruck bringen«22.

Mit dieser Stadt kam Benn als 18-jähriger durchaus in Berührung, er kannte den wagenlärmenden Potsdamer Platz, den zu überqueren einem Abenteuer gleichkam; die Friedrichstraße bei Nacht voll Flanierender aller Stände, Proletarier vor Aschingerhallen, Zeitungsausrufer, Prostituierte; der Kurfürstendamm mit Warenhäusern, Geschäften, hohen Omnibussen, aller Art Wagen, deren Kutscher seltsam glänzende Hüte trugen.

Berlin als Wirtschaftsmetropole

Berlin und der Kranz seiner Vorortgemeinden entwickelten sich zu einem leistungsstarken industriellen Ballungsgebiet: Von der Metallindustrie, dem Maschinen- und Werkzeugbau, von der Elektrotechnik über die Nahrungs- und Genussmittelindustrie reichte die exportintensive Produktionspalette. 320 000 Arbeiter, mehr als die Hälfte der Berufstätigen, sind 1907 in zirka 17 000 Fabriken beschäftigt. Entscheidend für das hohe technische Niveau der Berliner Industrie ist der Maschinenbau, Borsig in Tegel gehört zu den bedeutendsten Fabriken. Hier ist der Bau von Lokomotiven, von Dampfmaschinen und Pumpwerken konzentriert. Neben dem Stahlwerk, der Gießerei, und der Kesselschmiede entsteht ein eigenes Kraftwerk, ein eigener Hafen und eine eigene Wohnsiedlung für Angestellte und Facharbeiter: Borsigwalde.

1904/05 siedelt sich die Berliner Allgemeine Electrizitäts-Gesellschaft AEG in Moabit an, rund um den Humboldthain entsteht die »Stadt der Elektrizität«, die Fabrik für Transformatoren, die Kleinmotorenfabrik, eine Lokomotivfabrik, eine Fabrik für Großmaschinen und Bahnmaterial: Über zwanzigtausend AEG-Arbeiter arbeiten allein in diesem Komplex.

Die Siemens- und Halske AG siedelt sich mit der Starkstromproduktion am Spreebogen in Charlottenburg an. Elektrische Erzeugnisse von der Glühbirne bis zum Kraftwerk, vom Telephon bis zum Überseekabel, von elektrischen Ausstattungen für die Marine bis zu ganzen Industrieanlagen werden hier gefertigt. Mit günstigen Tarifen werben die Unternehmen für elektrisches Licht, elektrisches Heizen, elektrisches Bügeln, elektrisches Staubsaugen. In Friedrichshain residiert die »Osram-GmbH«, in der neunzig Prozent aller in Deutschland produzierten Glühbirnen hergestellt werden.

Berlin war gut beleuchtet. Die Hauptplätze und Straßen der Innenstadt, die öffentlichen Gebäude, die Luxushotels, die Schaufenster der Geschäfte in der City erstrahlten im Schein elektrischer Beleuchtungskörper. Über tausend elektrische Lampen, so schreibt der Vorwärts im Dezember 1909, machen die Stadt zu einer der besterleuchteten der Welt.

Und der Industrie folgen die Banken: 1909 konzentrieren sich bei acht Berliner Großbanken bereits 83 Prozent des gesamten deutschen Bankkapitals. Die Leipziger Straße entwickelt sich zur Haupteinkaufsstraße. Hier kann man sich beim »Shopping« vergnügen: »Eine neue Sitte in Berlin«, schreibt das Berliner Tageblatt am 16. August 1908, bei der die Damen »ohne die geringste Absicht des Kaufens sich die neuesten Kreationen vorlegen lassen«. Hier konzentrieren sich die großen Warenhäuser, allen voran Wertheim, das 1898 seine Pforten öffnet: Der Kaiser kam zur Einweihung.

Im Februar 1900 bringt der erste elektrisch betriebene Omnibus die Reisenden vom Anhalter zum Stettiner Bahnhof. Eine neue Etappe im Berliner Kraftverkehr bestimmt jedoch der Verbrennungsmotor. Im November 1905 wird auf der Strecke Hallesches Tor – Chausseestraße eine mit Benzinmotoren betriebene Omnibuslinie eingeweiht. Die Diskussion wegen der Raserei auf Berlins Straßen lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Das Preußische Abgeordnetenhaus muss sich mit der Raserei der »wilden Autler« befassen: »Der Kurfürstendamm wird von den Herren Automobilisten meist nicht mehr als Straße betrachtet, sondern als Rennbahn. Gehen Sie an einem Sonntag oder an einem andern schönen Nachmittag auf den Kurfürstendamm, dann werden Sie sehen, wie zwischen Berlin und dem Grunewald gerast wird. In Berlin hat sich die Zahl der Automobile von 1905 bis 1907 von 2000 auf nur 2400 vermehrt; also ist die Zunahme keine erhebliche. Dagegen hat sich die Zahl der Toten und Schwerverletzten in derselben Zeit vervierfacht«23. Bis 1910 darf die Geschwindigkeit der Kraftwagen die »eines trabenden Pferdes« nicht überschreiten. Dann wird jedoch, weil das Berliner Publikum mit den Gefahren der Straße vertraut ist, im Landespolizeibezirk Berlin die Höchstgeschwindigkeit auf 25 Kilometer pro Stunde heraufgesetzt.

Von diesen Dingen hören wir bei Benn nichts, er besaß nie ein eigenes Auto und nutzte bis zu seinem Lebensende die öffentlichen Verkehrsmittel.

Das stürmische Tempo der Wirtschaftsentwicklung hat jedoch auch seine Schattenseite: Besonders nach dem Ersten Weltkrieg grassieren Armut und Arbeitslosigkeit. Millionen zurückkehrender Soldaten müssen demobilisiert und wieder in den Produktionsprozess eingegliedert werden. Von den rund dreißigtausend zumeist verarmten Berliner Kleinrentnern bekommen im Sommer 1923 nur achttausend eine völlig unzureichende öffentliche Unterstützung. Sachwerte wie Haus- oder Grundbesitz wechseln zu Schleuderpreisen den Eigentümer. Benn kommt mit dieser Armut als Arzt natürlich in Berührung. Um 1900 leben in Berlin 44 Prozent der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube dient. Die Gemeinschaftstoilette auf dem Flur oder im Hof wird manchmal von mehr als vierzig Personen benutzt. Drangvolle Enge herrscht überall. Kinder, Kranke, zwischendrin viel zu schnell gealterte Frauen, die als Heimarbeiterinnen etwas dazuzuverdienen suchen. Um ihre Miete bezahlen zu können, sind viele gezwungen, »Schlafburschen« aufzunehmen. Dann müssen die Kinder zusammenrücken, auf zusammengeschobenen Stühlen schlafen oder auf dem Fußboden, um Platz für den zahlenden Schlafgänger zu schaffen24. Benn hat seine Eindrücke aus diesem Milieu in dem Gedicht Menschen getroffen formuliert:

Ich habe Menschen getroffen, die

mit Eltern und vier Geschwistern in einer Stube

aufwuchsen, nachts die Finger in den Ohren,

am Küchenherde lernten,

hochkamen, äußerlich schön und ladylike wie Gräfinnen –

und innerlich sanft und fleißig wie Nausikaa,

die reine Stirn der Engel trugen.

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,

woher das Sanfte und Gute kommt,

weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.

Staatsbibliothek

Die industrielle Expansion der Stadt bringt eine enorme Bautätigkeit zur Schaffung eines angemessenen Verkehrsnetzes und öffentlicher, repräsentativer Gebäude mit sich. Auch an der Nordseite der Prachtstraße Unter den Linden, zwischen Charlotten- und Universitätsstraße, erstreckt sich seit 1903 eine riesige Baustelle. Hier entsteht das neue Gebäude der Königlichen Bibliothek (heute Staatsbibliothek), das auch die Akademie der Wissenschaften und die Universitätsbibliothek aufnehmen soll. Als das Bauwerk im März 1914 seiner Bestimmung übergeben wird, findet vor allem die riesige Kuppel des Hauptlesesaals allgemeine Bewunderung. Früher saß man »in engem Raume eingepfercht, die größten Gelehrten mit dem einfachen Studenten zusammen: Mommsen, Droysen. Und da es recht fußkalt war, hatte Droysen eine grün und schwarz gestrickte wollene Decke um die Füße gelegt. Jetzt ist in dem neuen Palast Wärme, Licht, Luft und – Tinte! Die mußte man früher selbst mitbringen. Sogar Erfrischungsräume sind vorhanden«25.

Für Benn war die Staatsbibliothek in Berlin ein Wallfahrtsort. Wilhelminisch breit die Treppe, korinthische Doppelsäulen rahmen den Aufgang ein. Im Lesesaal zeigt man die Eintrittskarte. Die hohe Kuppel, Nischen und Emporen reliefgeschmückt, bronzene Kandelaber. Die Stühle bequem, vor jedem Leseplatz eine Lampe. Was er da las, ob Heraklit oder Plutarch, ob Nietzsche, Bergson oder Spengler, ob Hippolyte Taine oder Anatole France: Das Gelesene verarbeitete er in seinen kulturkritischen Aufsätzen. Hier folgte Benn seinen Assoziationen, hier bekam er vom »summarischen Überblicken, Überblättern« der verschiedensten Quellen »einen leichten Rausch«26. Und noch wenige Jahre vor seinem Tode begründet er seine Depression damit, »dass es in West-Berlin keine Bibliothek mehr gibt, die alte große liegt in Ost-Berlin und ist für uns nicht zugängig. Wenn ich beispielsweise feststellen will, wann Walt Whitman geboren ist, muß ich eine halbe Stunde in eine der primitiven Bezirksvolksbüchereien wandern –, vielleicht kann ich es da finden. Das wunderbare Flackern von einem Buch zum andern, das in der alten Staatsbibliothek Unter den Linden früher möglich war, ist nicht mehr zu erleben«27. Mit dem Gedicht Staatsbibliothek von 1925 setzt er der Institution ein Denkmal:

Staatsbibliothek, Großer Lesesaal, Aufnahme von 1937

Staatsbibliothek, Kaschemme,

Resultatverlies,

Satzbordell, Maremme,

Fieberparadies:

wenn die Katakomben

glühn im Wortvibrier,

und die Hetakomben

sind ein weißer Stier –

wenn Vergang der Zeiten,

wenn die Stunde stockt,

weil im Satz der Seiten

eine Silbe lockt,

die den Zweckgewalten,

reinem Lustgewinn

rauscht in Sturzgestalten

löwenhaft den Sinn –:

wenn das Säkulare,

tausendstimmig Blut

auferlebt im Aare

neuer Himmel ruht:

Opfer, Beil und Wunde,

Hades, Mutterhort

für der Schöpfungsstunde

traumbeladenes Wort.

Kneipen

Kneipen waren Benns zweites Zuhause. Wenn er auch mit niemandem redete und seinen Ideen für eine Gedichtzeile nachhing, so war er in der Kneipe doch unter Menschen und nicht allein. Oder er traf sich mit Freunden oder auch Bekannten aus Presse und Rundfunk zum Gespräch in dem Lokal gleich um die Ecke seiner Wohnung, und man zischte ein oder zwei Biere. Die Stadt Berlin mit ihrer Umgebung beherbergte eine Garnison in der Stärke fast eines Armeekorps, eine Masse von Angestellten und Arbeitern erwarben hier ihr Brot. Und schließlich besuchten jahrein, jahraus ungezählte Touristen die Reichshauptstadt. An den verschiedenen Hochschulen studierten schon damals mehr als zehntausend Studenten. Das Kneipen-Geschäft besaß also eine solide Grundlage. Es ruhte im wesentlichen auf dem Bierkonsum, über hundert Sorten wurden angeboten. Die langen Bierbänke Münchens und die umlaufenden Wandsofas der Pariser Lokale lassen sich in Berlin nicht einbürgern. Jeder sitzt für sich. Die süddeutsche Unbefangenheit, zu wildfremden Menschen an den Tisch zu rücken, bringt der Berliner nicht auf. Zwar ist er selbstbewusst, doch lernt er schon früh, Fremde nicht durch unerbetene Gegenwart zu belästigen. »Die Budike lebt von ihrem Stammtisch und von den Gästen, die immer kommen. Sie können ohne die kleine Kneipe, gleich um die Ecke, nicht leben, und solange sie das glauben – und sie glauben es nun schon ein paar hundert Jahre – lebt auch die Berliner Budike«28