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Benny und Clea gestalten ihr Leben und planen ihre "Projekte" auf selbstbestimmte Weise. Ben ist der Organisator, der mit seinen Hackerqualitäten Opfern und Tätern auf die Spur kommt, während Clea mit Schönheit und Gerissenheit die Aktionen zur Genugtuung oder Bestrafung einleitet. Als Racheengel werfen sie ihren Hut in den Ring und gefährden sich dabei selbst. Ihre Verknüpfung mit der kriminellen Unterwelt macht Benny und Clea schließlich selbst zu Gejagten.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Benny & Clea
Jan Boris Theemann
Copyright: © 2015 Jan Boris Theemann
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Inhalt
I
II
III
Im Grunde genommen war es doch etwas Gutes, das Heiner tat, solange er nur umsichtig handeln würde. Die latente Nachfrage florierte, und jemand musste sie befriedigen. Wieder überzog ihn dieses nervöse Kribbeln, eine Mischung aus unschuldiger Vorfreude und süchtigem Warten auf die nächste Zigarette, was als Mischung explosiv sein konnte. Unter dem engen Pullover spannte Heiner stolz seine Muskeln. Fast war er an dem Punkt angelangt, über das Ziel hinauszuschießen. Es gab Frauen, die ein Zuviel an Bizeps schnell in die Schmuddelecke abschoben, und es befanden sich sicherlich einige darunter, auf die Heiner ungern seinen Zugriff verloren hätte. Sein Profil, welches er hegte und pflegte, zielte weniger auf vordergründige Wucht, sondern vielmehr auf gewitzte Eleganz. Vier Sprachen sprach er fließend, oder naja, beherrschte er zumindest in den üblichen Umgangsformen, um auch auf diesem Spielfeld zu punkten, wenn es denn nötig war. Natürlich sah er blendend aus, insbesondere wenn er beim Lächeln seine strahlenden Hauer zeigte. Dass hier ein Spezialist nachgeholfen hatte, durfte Heiners Geheimnis bleiben.
Da hatte ihn diese eingebildete Schnepfe doch tatsächlich einst als „gewöhnlich“ bezeichnet. Obwohl vor zwei Jahren geschehen, ging es Heiner seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte sich bei dieser intellektuellen Kuh verrannt und verzweifelt weitergekämpft, während die Schlacht längst verloren war. Das Schlimme daran blieb, dass Ilse an sich zur echten Spitzenklasse zählte, unendlich begehrenswert und für Heiner eben nicht zu erreichen. Der Fehler war bereits gewesen, dass Heiner Ilse damals nicht auf seinem gewöhnlichen, unverfänglichen Weg kennengelernt hatte und so nicht seinen Masterplan auspacken konnte. Vielleicht hatte er sich auch einfach in der Etage verstiegen. Zum Glück gab es immer wieder etwas Neues in der Verlosung und heute – in Anbetracht der kurzen Telefonate und seiner Informationen über Natascha – offensichtlich sogar besonders vielversprechend. Nur der Name schien nicht zu passen.
Eigentlich sollte es ein Selbstläufer werden bei der Offenheit, mit der sein Küken schon durchs Telefon poussierte. Eine leichte Sache, die unter Umständen fix mit ihm in den Federn landen würde, wäre ganz nach seinem Geschmack. Manchmal ermüdete es ihn eher, auf ein romantisches Huhn zu treffen. Allerdings gehörten auch diese Frauen dazu, die zuerst bis über beide Ohren vollgeschwafelt werden mussten, damit sich endlich der Wille zum Akt einstellte. Woran sich Heiner nie gewöhnen konnte, war, dass man sich in der Stadt irgendwo verabredete und mit der Bahn oder am Ende mit dem Fahrrad ankam. In der ländlichen Gegend, wo er aufgewachsen war, wäre es normal gewesen, mit dem Schlitten vorzufahren, um die ersten Schwingungen in Gang zu setzen. Heiner wusste, dass, selbst wenn die Frauen mit den Augen rollten, sie in Wahrheit auf ein dickes Gefährt standen. Dieses „Sich-zu-Fuß-Treffen“ nahm ihm einen Trumpf aus der Hand.
Auf die Sekunde genau bog Heiner perfekt getimt um die Ecke des anvisierten Restaurants. Er fühlte sich wie übermäßig koffeingeschockt, als wolle sein wildes Tier nach vorne springen. In Frankfurt kannte er seine Laufwege und die ganze Prozedur in- und auswendig. Heiner drehte als öffentliche Person kein wahrhaft großes Ding, aber es reichte, um sein Schneegestöber abzufackeln, mit dem er meist ins Ziel traf. Seine Quote war beachtlich. Natürlich gehörte es zum Spiel, dass Natascha sich zumindest um ein paar Minuten verspäten würde, doch sie weilte bereits vor Ort und lächelte ihm frech entgegen. Heiner schluckte. Was für ein Weib! So eine Frau war ihm von Angesicht zu Angesicht noch nicht begegnet. Das würde also das mehr als ausgleichende Fest werden, um das ihn Ilse betrogen hatte, und würde reichen, um sie für ewiglich zu begraben.
Hi! Du kannst den Mund wieder zumachen. Ich dachte, drinnen gibt es gleich noch was zu beißen oder soll ich Dir schnell ein Snickers für den ersten Hunger in den Rachen schieben? Natascha hatte nach einer kühlen Umarmung Richtung Eingangstür gedeutet. Wenn Du eine Ahnung hättest, was für einen Appetit ich mit mir rumschleppe. Da muss bald etwas passieren, sonst bist Du fällig. Um eine spontane Antwort war Heiner sonst nie verlegen, doch dieses Mal fühlte er sich überrumpelt und lächelte blöde. Sie sah umwerfend aus, und alles war anders. Heiner fehlten die Unsicherheit und das betröppelte Schuldgefühl, was ihm gewöhnlich entgegen wehte. Es würde jedenfalls schwierig werden, ihr etwas vorzumachen.
Die Nervosität war nun ganz auf seiner Seite, verflüchtigte sich auch nicht, als sie sich kurz darauf an einem Tisch gegenübersaßen. Nataschas Blicke schweiften durch den Raum und konnten alles bedeuten. Hatte er mit der Lokalität zu tief gegriffen oder interessierte sie sich einfach nicht für ihn? Jedenfalls wirkten ihm selbst seine eigenen Gesten und Phrasen heute zu sehr einstudiert. Intuitiver Biss lag eher bei Natascha. Jetzt wollen wir doch mal sehen, wer mehr vertragen kann. Sie hatte die Karte einmal rauf und runter bestellt. Heiner war leicht ins Schwitzen geraten. Er hätte in jedem Fall ein französisches Restaurant auswählen sollen und keine Tapas-Bar. Manchmal konnte die Sache mit der lockeren Atmosphäre ziemlich in die Hose gehen. Auch stieg er viel zu früh in epische Ausführungen zu seinen Sportaktivitäten ein, wo sonst die Frauen doch gleich von sich zu erzählen begannen, wie sehr sie ihren Mann eigentlich liebten, das Leben an sich jedoch recht seltsam sei, oder nicht? Nun schwadronierte Heiner also verzweifelt, während Natascha sich eher aufs Kontern verlegte und ungerührt Tapas verschlang. Weiß ich doch, dass Du eine große Nummer bist. Wir können ja anschließend zusammen noch ein paar Sit-ups oder sonst was machen. Was denkst Du, wollen wir zahlen?
Heiner befand sich in Trance. Wollte dieses Mordsweib ihn jetzt tatsächlich abschleppen, während er sich fühlte wie eine halbe Portion? Irgendetwas klingelte im Hintergrund, doch Heiner verstand die Botschaft nicht. Im Taxi herrschte Stille, während Natascha cool ihre Lippen nachzog. Der Taxifahrer hatte das Pärchen genüsslich im Rückspiegel im Blick. Sie würden also in eine abgelegene Wohnung fahren, über die Natascha aus irgendeinem nebulösen Grund verfügen konnte, den sie nicht darlegte. In umgekehrter Geschlechterkonstellation müsste Heiner sich nun ernstlich sorgen, doch war er hier der Mann und außerdem von seiner Veranlagung her ein Hasardeur. So lehnte er sich nicht entspannt, aber erwartungsfroh zurück. Natascha war einfach eine heiße Braut, die genau wusste, was sie wollte, und heute sein Glückstag. Es schien eben eine Situation zu sein, die er mal nicht ganz kontrollieren konnte. Wahrscheinlich hatte sie geflunkert und war gar nicht verheiratet, sondern selbst unter einem Deckmantel auf zügellosem Beutefang. Sie trug jedenfalls keinen Ehering. Umso besser. So genau hatte sich Heiner ohnehin nie für die Wahrheit interessiert.
Sie hatten schon ein paar Straßen hinter sich gelassen, und Heiner wurde es langsam mulmig. Die Reise führte in einen Vorort an den Taunusrand, wo Heiner sich nicht auskannte, bis endlich das Taxi hielt. Wie aus der Natur der Sache heraus zu erwarten, blieb auch die Taxirechnung an Heiner hängen. Unterm Strich ein teurer Abend. Manchmal musste man eben investieren. Ein verschlafenes kleines Häuschen stand am Ende der Straße bereit. Neue Fragezeichen tauchten auf, wie Natascha wohl zu dieser Wohnung stand. Sie schloss auf und lächelte geheimnisvoll. Nun schien auch sie unschlüssig, aufgewühlt über die Dinge, die da vor ihnen lagen. Offenbar wurde das Haus eher als Zweit- oder Wochenendwohnung genutzt, was nicht so ganz in die Gegend passen wollte. Jedenfalls fiel die Einrichtung mit einer verrückten Mischung aus Jagdutensilien, Provinz und Moderne, falls dies überhaupt möglich war, aus jedem Rahmen, den er kannte. Einen Drink? Mit zwei flinken Griffen hatte Natascha eine Flasche Whiskey aus einem Schrank gezaubert und – bevor Heiner reagieren konnte – zwei Schwenker gut gefüllt. Hast Du Lust, mit dem Schlafzimmer mal vorzufühlen?
Seltsam, dass alles komplett anders ablief als sonst, aber Heiner ließ es über sich ergehen. Ein Teil von ihm glaubte immer noch nicht, dass es passieren würde. Bei seinen üblichen Abenteuern behielt er immer das Ruder in der Hand. Auf diese Art hatte es zwar auch einen Reiz, der allerdings mit einem unterschwelligen Unwohlsein einherging. Er folgte Natascha willenlos ins Schlafzimmer, da sein Begehren alle Bedenken übertönte. Mit wenigen schnittigen Bewegungen hatte Natascha ihr Kleidchen abgestreift und stand auf ihren hohen, knallroten Absätzen nur in ihrer Wäsche vor ihm. Heiner glaubte zu träumen. So schnell sollte er so weit ohne seine üblichen Suaden, Schmeicheleien und unsichtbaren Berührungen gekommen sein?
Anfassen durfte er sie noch nicht. Heiner stand etwas beklommen, aber heiß wie eine Herdplatte, vor ihr in überfüllten Unterhosen. Natascha legte ihm ein Tuch über die Augen und schlang es um seinen Hinterkopf. Er würde sie einfach alles tun lassen und in diese Erfahrung eintauchen. Nun führte sie ihn ans Bett, wo plötzlich alles sehr schnell ging. Viermal hörte Heiner ein Schnappen oder Klicken, davon zweimal um seine Handgelenke, auf denen er nun kaltes Metall spürte, bevor er aus seiner Verzückung erwachen konnte, was ihm erst gelang, als er merkte, dass er mit Handschellen an das Eisengitter des Bettes gefesselt war. Ein jaulender Laut entfuhr dem erstaunten Heiner, als ob es um seine Männlichkeit mit einem Schlag geschehen sei. Im nächsten Moment schmeckte er einen Knebel im Mund, und es waren nicht die zarten Hände von Natascha, sondern raue, behaarte Männerpranken, die nach ihm griffen.
Nun kam jedes Geschrei zu spät und sein kalter, nasser Schweiß hatte kaum eine Chance, die Augenbinde zu durchtränken, als diese ihm schon wieder von den Augen gezogen wurde. Heiner blickte in ein grelles Licht, welches auf ihn ausgerichtet war, und blinzelte. Er konnte noch ausmachen, dass Natascha ihr Kleid wieder angezogen hatte, was nicht sein größtes Problem war, sondern dass noch zwei stämmige Typen mit im Raum standen, deren Konturen er nur grob ausmachen konnte. Dass er gänzlich entwaffnet mit nacktem Oberkörper festgekettet war, störte ihn am meisten.
In Summe nicht so ganz nach Plan gelaufen, der Abend, nicht wahr? Jetzt erst ging Heiner auf, dass Natascha ihm gegenüber den herablassenden Klang in der Stimme nie abgelegt hatte. Seine Hormone schienen vorher ohrenbetäubend lauter geflüstert zu haben. Gedanken rasten. Ging es um eine Entführung? Um Geld? Das würde sich vielleicht regeln lassen. Eines der Dinge, die wir hier teilen, ist, dass wir Typen wie Dich nicht sonderlich leiden können. Jetzt bin allerdings nicht ich Dein Problem, sondern die beiden Jungs, die ich Dir mitgebracht habe. Sie würden ihn also vergewaltigen. Dabei sind das normalerweise sanftmütige Familienväter. Was sie aber zur Weißglut bringt, sind Typen, die mit ihren schmierigen Füßen mal schnell reinspringen und den Rahm anderer abschöpfen, der ihnen nicht zusteht. Hässliche Fratzen, die versuchen, sich wie Geier das Beste herauszupicken und damit ganze Familien schänden. Ich rede jetzt nicht weiter, da es kaum bei Dir fruchten wird. Du wirst Dir nicht viel dabei gedacht haben. Vielleicht kommst Du Dir sogar wie ein kleiner Held vor? Was Du nicht wusstest: Echte Helden müssen leiden. Übrigens werden wir ein kleines Filmchen drehen. Mal schauen, wie Du aus der Nummer rauskommen willst. Du musst dann entscheiden, ob sich Dein Arbeitgeber für die Story interessieren soll und Du vielleicht ein Star im Internet werden möchtest? Es liegt bei mir. Heiner grübelte, was das alles sollte, als eine schallende Ohrfeige von Natascha auf ihn niedersauste. Schon hatte einer der beiden Bären ihm die Augenbinde wieder übergestülpt. Es machte dieses Mal zweimal Klick, und seine Handgelenke waren nun hinter seinem Rücken ineinander verhakt. Halbherzig versuchte er, orientierungslos vom Bett aufzuspringen, als ihn eine Faust in den Unterleib traf. Als er wie aus einem Meer wieder nach oben kam, um Luft zu schnappen, sauste bereits der nächste Hieb gegen seine Stirn. So ging es weiter, und Heiner taumelte von Schmerz zu Schmerz. Er jaulte hemmungslos und wurde, wie ein kenterndes Schiff, hin und her gerissen. Die Schläge kamen allerdings nicht wie unberechenbare Wellen, sondern kontrolliert von jemandem, der genau wusste, was er tat, bis Heiner sich ergab und sein Bewusstsein verlor.
Als er unter fürchterlichen Schmerzen zu sich kam, saß er in einem Auto und wimmerte. Seine Augenbinde hatte er immer noch auf. Heiner hörte die Stimmen von zwei Männern, die sich glucksend in einer anderen, vermutlich osteuropäischen Sprache angeregt unterhielten. Nach kurzer Fahrt stiegen sie aus, und er wurde aus dem Auto gezogen. Draußen war es still. Sie waren also irgendwo abseits von einer Menschenseele, und er würde gleich seine Kugel in den Kopf kassieren. Es handelte sich um Irre, und damit war es aus. Heiner heulte schamlos. Erbärmlich war sein Leben und nicht viel wert, abscheulich sein Ende. Es folgten das Klicken der Handschellen und ein Tritt in sein Hinterteil. Er stolperte nach vorne und landete, nackt wie er war, im Dreck. Zum Glück konnte er sich mit seinen Händen abstützen, die aberwitzig schmerzten, während der Wagen mit Tempo ohne ihn weiterfuhr.
Heiner hatte sein Leben und blieb erst mal wie ein geschlagener Boxer liegen. Die Kühle der heraufziehenden Nacht wirkte lindernd auf seine Wunden. Er traute sich nicht, sich zu bewegen, nicht hinein in die neue Realität, die seine alte Selbstverliebtheit durchbohrt hatte. Kaum könnte er dahin zurückfinden. Heiner, der Lebemann, der mit den Frauen spielte und sein Leben im Griff hatte, war heute auf die Hörner genommen worden. Den gab es nicht mehr. Es war nicht mal Wut gegen die Peiniger, die über ihn Gericht gehalten hatten, sondern Scham und Kummer über sich selbst, über seine schöne Fassade, hinter der er sich so gut eingenistet hatte. Es würde dauern, diese wieder zu errichten.
Als er sich auf den Rücken drehte, pulsierten die Schmerzen schlimmer als erwartet. Hoffentlich war nichts gebrochen oder – noch schlimmer – sein Gesicht übel zugerichtet. Mit Sicherheit würde sein Sportprogramm wochenlang ausfallen. Er sollte in jedem Fall vorübergehend seine Form verlieren. Für den Job müsste er sich krankschreiben lassen. So konnte er unmöglich in der Öffentlichkeit erscheinen. Zur Polizei würde er in keinem Fall gehen. Das hatte er bereits beschlossen. Er streifte die Augenbinde ab. Es war bereits tiefe, mondlose Nacht. Möglich, dass Wolken den Himmel bedeckten. Er konnte nur schemenhaft Umrisse von Bäumen erkennen. Als er aufstehen wollte, stieß er einen Gegenstand um. Eine Wasserflasche. Ob die Täter ihn vergiften wollten? Sei es drum. Er nahm gierig einen großen Schluck und fühlte sich etwas hoffnungsvoller. Auch seine Klamotten lagen auf dem Boden.
Heiner rappelte sich auf und schwankte unsicher auf den Füßen wie früher nach durchzechten Nächten. Langsam erlangte er seine Fassung wieder und zog sich mühsam an. Er lebte, und alle Körperteile schienen soweit intakt. Eigentlich war es von den Gangstern fast nett gewesen, ihm eine Wasserflasche da zu lassen. Von hier aus würde er problemlos nach Hause finden. Selbst sein Geld und sein Portemonnaie mit den Papieren hatten sie ihm nicht genommen. Der Schaden würde sich also in Grenzen halten. Auch war es fast umsichtig, die Aktion, die Heiner noch nicht ganz verstanden hatte, auf einen Freitag zu legen, sodass er sich am Wochenende vom Schlimmsten erholen konnte.
Durch die angenehm erfrischte Nacht machte er sich am Straßenrand entlang auf den Weg und fühlte sich mit jedem Schritt besser. Unter anderen Umständen wäre es schön, hier zu spazieren. Er war auf fast faire Art und Weise unter die Räder gekommen. Wie eine Tracht Prügel in der Kindheit, die man schließlich auch verdient hatte. Doch eine Demütigung blieb es schon. Dennoch waren seine Peiniger nahezu barmherzig mit ihm umgegangen. Schließlich hatten sie ihn völlig in der Hand gehabt. Was das wohl für Typen waren? Heiner konnte weder Hass noch Wut empfinden. Vor allem Natascha gegenüber, die mit Sicherheit anders hieß, hegte er keinen Groll. Irgendwie ein beeindruckendes, cooles Weib, eine Hammerfrau. Obwohl sie ihm etwas vorgespielt hatte, war sie alles andere als falsch, sondern vielmehr authentisch, wie es seinesgleichen suchte. Nein, Heiner würde gewiss nicht zur Polizei gehen, sondern die Sache aussitzen und vorübergehen lassen.
Benny & Clea are dancing. Wenn das geschieht, vibriert die Luft, wird Atem vielfach angehalten und nahezu verehrt. Es ist wie der Hauch beim Öffnen einer Flasche Champagner. Die Go-go-Girls in den Käfigen und an ihren Stangen werden in den Hintergrund gedrängt. Ihr aufreizend wackelndes Fleisch, nur armselig bedeckt, ist second-best, sobald Clea tanzt. Dazu muss sie nicht viel Nacktes zeigen. Es genügen ihr fließender Leib und eine Andeutung. Selbst Männer schauen nicht nur gierig zu, sondern träumen. Dazu Ben mit seiner kantigen Eleganz und Präsenz, als würden die Beats seinen Bewegungen folgen und nicht umgekehrt. Ben ruht in sich. Was er tut, macht Sinn ohne jede Erläuterung. Es sollte ihm jedenfalls besser niemand in die Quere kommen. Aufgrund seiner natürlichen Autorität wird ihm Platz gemacht. Man reiht sich ins Gefolge. Es gibt keinen Neid, sondern Huldigung.
Wenn sie da sind, was unvorhersehbar samstags manchmal der Fall ist, kann sich der Besitzer des Clubs die Hände reiben. Sie sind die Attraktion, die den Laden auf ein höheres Level hebt und in ein goldenes Licht taucht. Als wäre die Veranstaltung mit allem Drumherum auf Benny & Clea gemünzt. Als seien sie Stars, für teures Geld arrangiert und jeden Heller wert. Dabei sind sie nichts als ein Geschenk, welches offenbar vom Himmel gefallen ist und nichts kostet. Ob sie den Mittelpunkt bewusst genießen oder nur sich? Im zuckenden Licht scheinen sie wie eine tiefere Logik und zeitlos vereint.
Bereits nach neun befand sich Ben auf dem Weg mit der Bahn ins Ostend der Stadt zu einem Treffen mit Magic John, der angeblich den Prozessor liefern kann, welcher dem Marktstandard um Meilen voraus ist. Ben brauchte Power soviel er kriegen konnte, doch natürlich nicht um jeden Preis. Magic John war eine Diva. Bei diesen Typen wusste man nie. Die rasteten schnell aus, waren dann nicht mehr einzufangen und forderten rabiat absurde Preise, wenn sie erstmal Oberwasser hatten. Ben würde sich beherrschen müssen, sonst konnte es schnell eine blutige Angelegenheit werden.
