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Viel zu früh verliert Laura ihre eng vertraute, jüngere Schwester. Als sie es schafft, mit der verstorbenen Floriane in Kontakt zu treten, kann Laura ihr Glück kaum fassen. Doch das Leben mit einem Geist ist nicht immer einfach. Eines Tages bittet Floriane ihre Schwester, den verschollenen Benjamin zu finden. Eine gefühlvolle, aber auch verwirrende Suche beginnt.
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Danksagung
Für meine Mutter – in inniger Verbundenheit
Mitten in der Hitze der unbarmherzig brennenden Sonne strich ein sanfter Windhauch über Lauras tränenfeuchtes Gesicht. „Seltsam, wie angenehm sich Tränen anfühlen können“, durchfuhr es ihren wunden Geist. Tränen, die den unsagbaren Schmerz hinauszuspülen versuchten, der in jeder Zelle ihres Körpers zu wohnen schien. Bisher brannten sie ihre Spuren in ihre blaugrauen Augen, liessen jeden Wimpernschlag zu einem Aufbegehren gegen die Schwerkraft werden und entluden ihre salzige Last in jede geschwollene Pore ihrer zarten Haut. Diese winzige Ahnung einer Erfrischung erinnerte sie schmerzlich an glücklichere Tage. Fast schon meinte sie den Duft eines Parfums an ihren Nasenflügeln vorbeikitzeln zu spüren. Das Parfum, das ihr so vertraut war wie ihr eigenes. Nun, eigentlich war es ursprünglich ihr eigenes – bis Flo es für sich entdeckt hatte.
„Flo, meine Flo, wo bist Du nur? Wie konnte ich Dich verlieren?“ schluchzte sie leise auf, während sich die Trauergemeinde langsam vorwärtsbewegte. „Warum hast Du mich verlassen, kleine Schwester? Wie soll ich ohne Dich weiterleben?“
Ihr Blick schweifte über das einfache Holzkreuz, das kaum zu erkennen war zwischen all den Bergen von Blumen und Kränzen. „Floriane Pabig, *17.03.1989 +25.07.2017“ stand da in einfachen Buchstaben. Flo, ihre jüngere Schwester war neben Tante Christine Lauras einzige, wirklich nahestehende Verwandte gewesen. Nach dem schrecklichen Erdbeben vor 8 Jahren, bei dem ihre Eltern in ihrer Ferienwohnung verschüttet wurden, hatten sich die beiden aneinandergeklammert wie zwei Ertrinkende auf hoher See. Die Mädchen hatten die Nacht am Strand verbracht, wollten der Brandung lauschen und mit den anderen jungen Leuten um die Lagerfeuer tanzen. Alles war so wunderschön gewesen bis zu diesem furchtbaren Erdstoss, der ihr Leben so grausam veränderte…
Die Trauernden schlurften am offenen Grab vorbei, tuschelnd, weinend, kopfschüttelnd. Florianes Kampf war kurz und aussichtslos gewesen. Als die Ärzte den Grund für ihre ständige Übelkeit und Schwächeanfälle endlich herausgefunden hatten, war es für eine Therapie bereits zu spät gewesen. Der Krebs hatte seine zerstörerische Macht in jeden Tropfen ihres Blutes gepresst. Der pulsierende Lebenssaft wurde zum erstickenden Sog, der sie rasch in eine tiefe Bewusstlosigkeit riss. Wie viele Stunden hatte Laura am Bett ihrer Schwester gesessen, betend, bittend, fluchend, weinend… Nach einer Woche kehrte sie in ihre gemeinsame Wohnung zurück: Allein, ihrer Tränen beraubt, mit einer unendlichen Leere in ihrem Herzen. Flo’s Duft hing noch im Raum, ihre achtlos in einer Ecke liegende Lieblingsdecke erschien Laura wie die Verkörperung der unerträglichen Einsamkeit ihrer Schmerz-gepeinigten Seele.
Laura tauchte aus ihren Erinnerungen auf, um sich an der Endstation ihrer Träume wiederzufinden. Auf dem Friedhof am Stadtrand von Zürich drängten sich immer noch die Menschen, die Floriane die letzte Ehre erweisen wollten. Es war eine recht junge Trauergemeinde, die sich vor allem aus Flo’s ehemaligen Studienkollegen und Freunden aus dem Sportclub zusammensetzte. Natürlich waren auch einige entfernte Verwandte angereist, deren Namen ihr teilweise nicht einfallen wollten. Es erschien ihr jedoch auch nicht wichtig, da sie festgestellt hatte, dass Familienbande in ihrem Leben eher auf dem Papier bestanden und keine Hilfe im Alltag brachten. Ihre Freundinnen Kathy und Leony standen in einiger Entfernung zwischen Grünguttonne und einem weiteren frischen Grab. Auch ihr Nachbar Paul hielt sich mit ein paar anderen Hausbewohnern am Rande der Trauergesellschaft auf.
An ihrer Seite nahm Laura die Anwesenheit ihrer Tante Christine wahr, die Schwester ihrer Mutter, deren Kopf unter einem Ungetüm von Hut verborgen war. Tante Chris war schon immer ein wenig exzentrisch gewesen. An ihren Händen klammerten sich zwei dunkelhäutige Jungen. Die fünfjährigen Zwillinge waren das Ergebnis einer leidenschaftlichen Affäre mit einem indischen Reiseleiter. Da sich Tante Chris im Allgemeinen jedoch nicht um Konventionen scherte – und im Besonderen auch keine Neigung verspürte, sich im Leben von einem Mann reinreden zu lassen, beschloss sie, sich nicht damit aufzuhalten, den mittellosen Vater mit der Nachricht über unerwartete Vaterfreuden zu belästigen, sondern sich allein um das Kind zu kümmern. Dass es sich bei der fruchtbaren Begegnung sogar um Zwillinge handelte, erleichterte ihr neues Leben nicht gerade. Doch wer die beiden schwarzhaarigen Kerlchen erst einmal näher kennen gelernt hatte, konnte sich ihres Charmes nicht erwehren. Ihre schelmisch blitzenden braunen Augen strahlten jeden an und ihre sanft getönte Haut verleitete manche Frau dazu, sich eine kurze Streicheleinheit zu erschmeicheln. So war es auch nicht verwunderlich, dass Tante Christine problemlos Anschluss fand in eine Frauen-Wohngemeinschaft, in der sich die Mitbewohnerinnen förmlich darum rissen, die Betreuung der Kleinen zu übernehmen, während ihre Mutter sich um ihren Lebensunterhalt kümmerte. Wie genau Tante Chris das Geld für sich und ihre Anhängsel aufbrachte, war Laura jedoch stets ein Rätsel geblieben. Nach dem Unglück ihrer Eltern hätten Laura und Floriane bei Tante Chris wohnen können. Doch die jungen Mädchen wollten der Umwelt ihre Unabhängigkeit beweisen und beschlossen, gemeinsam eine eigene Wohnung zu beziehen.
Die Klänge einer einsamen Trompete lenkten Lauras Aufmerksamkeit erneut auf den Rand des Grabes. „Who wants to live forever“ ertönte Florianes altes Lieblingslied. Stück für Stück setzten nun auch die beiden Saxophone und die Posaune ein, bis die Luft vibrierte von den traurigen Klängen des einsamen Schotten, der in seinem ewigen Leben zusehen muss, wie seine Liebsten alt werden und ihn verlassen. Die Musik war so gewaltig, so mitreissend, dass sie den Umstehenden eine Gänsehaut auf der erhitzten Haut entstehen liess. Taschentücher wurden hervor genommen, verhaltenes Schluchzen klang zwischen den einzelnen Tönen hervor. Der traurige Klang des Abschiedsliedes drang tief in die Herzen der Menschen ein. Nicht einmal die Worte des Pfarrers in der Kirche vermochten diesen Tiefgang aufzubringen. Der letzte Ton schwebte durch das Blätterdach der teilnahmslosen Bäume über den Friedhof. Eine unglaubliche Stille umschloss die Menschen, hielt sie noch einen Moment gefangen im gemeinsamen Schmerz, bevor eine einzelne Amsel die unsichtbare Glocke mit ihrem Ruf durchbrach. Laura trat einen Schritt vor, um die weisse Rose auf dem schlichten Holzsarg niederzulegen. „Ich lass dich nicht gehen, kleine Schwester! Wir werden immer zusammenbleiben, so wie wir es uns damals versprochen haben“, flüsterte sie leise. Dann wandte sie sich entschlossen ab, um unter der Schattenspendenden Platane die Beileidsbekundungen entgegenzunehmen.
Später wusste Laura nicht mehr genau, wie sie den Tag überstanden hatte. All die Menschen, die ihr versicherten, wie Leid ihnen ihr Verlust tat und dass sie jederzeit zu ihnen kommen könne, erschienen ihr wie ein Traum. Worte, nichts als Worte. Nicht einer der Blicke, kein einziger Händedruck vermochte bis zu ihrem Herz vorzudringen, um ihr wahren Trost zu spenden. Nur die mitfühlenden Blicke und sanften Berührungen ihrer Tante Chris gaben ihr ein wenig Halt. Tante Chris sagte nicht viel. Sie stand nur an ihrer Seite, begleitete sie zum Trauermahl und brachte sie schliesslich nach Hause. Woher sie die Kraft dazu nahm, war Laura ein Rätsel. Schliesslich war Flo Christines Nichte gewesen, und mit ihr starb ein weiteres Verbindungsstück zu ihrer eigenen Schwester Marie.
„Vielen Dank, Chris, es ist wohl besser, wenn du jetzt Tim und Max nach Hause folgst. Sie fragen sicherlich schon, wo du bleibst“, sagte Laura erschöpft.
„Mach dich nicht lächerlich“, entgegnete Chris weich, „meine beiden Mitbewohnerinnen werden ihnen die Erinnerungen an den heutigen Tag leichter machen. Glaub mir, Tim und Max sind glücklich über jede Minute, in der ich noch nicht nach Hause komme. Ich koche Dir jetzt erst mal eine Tasse Tee und dann legst du dich für eine halbe Stunde hin. An einem Tag wie diesem solltest du nicht allein sein.“
Insgeheim war Laura dankbar für die sanfte Bestimmtheit, mit der Tante Chris sie bemutterte. Bisher hatte sie sich in vielen Situationen einfach Flo’s Gespür überlassen. Vor allem in Männerangelegenheiten war die lebenslustige Flo die Erfahrenere von beiden gewesen. Was nicht heissen sollte, dass Flo die glücklichere Hand gehabt hätte. Sie probierte einfach eher einmal etwas aus. In Lauras Augen trugen Florianes lange, blonde Haare massgeblich zu ihrem Erfolg bei Männern bei. Im Gegensatz zu ihrer eigenen sportlichen, fast schon jungenhaften Figur hatten Florianes feine weibliche Kurven stets anerkennende Blicke in der Männerwelt geerntet. Mit ihren 1.75 m Länge schaute Laura ihrem Gegenüber aus ihrem sommersprossigen Gesicht meist geradeaus in die Augen. Floriane hingegen musste bei 1.63 m Körpergrösse stets den Kopf in den Nacken legen, was sie jedoch mit einem neckischen Augenaufschlag stets zu ihren Gunsten auszunutzen gewusst hatte. Im Laufe der Jahre hatte Laura sich ein Bild von ihrem Traummann erstellt, das ihr mit der Zeit immer unwirklicher erschien. Vielleicht hatten ja zahllose Liebesromane ihren Blick für die Realität verklärt. War dort nicht immer die Rede von „breiten Schultern und schmalen Hüften“, „Gefühlstiefe und Verständnis“? Die Männer in den Romanen hatten immer irgendwie Geld – oder zumindest keine Geldsorgen. Egal, ob sie „aus gutem Hause“ kamen oder eine irre Geschäftsidee umgesetzt hatten, Geld war nie ein Problem. Das Aussehen war stets aussergewöhnlich und der Charakter stark und ehrlich. Dichte schwarze Haare bildeten den Kontrast zu stahlgrauen Augen und einem markanten Kinn. Wer wollte sich nicht an die Seite eines solchen Mannes träumen? Wann immer jemand Laura ansprach und versuchte, Annäherungsversuche zu unternehmen, trat ihr Traummann mit geballten Fäusten vor ihr inneres Auge und wehrte jeden Eindringling ab. Einem Vergleich vermochte selbstredend bisher niemand Stand zu halten. Doch im Laufe der Zeit wurde sogar Laura klar, dass es Männer wie diese wirklich nur in Romanen geben konnte. Trotzdem konnte sie sich nicht von dieser Vorstellung eines perfekten Mannes lösen.
Christine kehrte mit der einfachen Glas-Teekanne und zwei Gläsern ins Wohnzimmer zurück. Ihre langen Gewänder raschelten leise bei jedem Schritt. Sie war in dunkles Lila gekleidet. Die aufgedruckten Blumen drückten ihrer Ansicht nach mehr Trauer aus als ein einfarbiges schwarzes Kleidungsstück. Ein leichter Patschuli-Duft begleitete jede ihrer Bewegungen und ihre dunkelbraunen krausen Locken fielen ihr wirr bis auf die Schultern. Glücklicherweise hatte Christine inzwischen den unsäglichen Hut abgelegt. Während Christine das duftende Getränk abfüllte, beobachtete sie ihre Nichte, die auf der Couch kauerte, die Arme um die Beine geschlungen. Ihre schwarze Baumwollhose war völlig zerknittert, die dunkelbraune Bluse hing unordentlich darüber. Auf der hellen Haut wirkten die rot geweinten Augen unsagbar verloren.
Christine brach ihr Anblick schier das Herz. „Ich weiss, mein Kind, ich weiss.“ In ihren Worten lag so viel Gefühl, dass es Laura augenblicklich wieder die Tränen in die Augen trieb.
„Warum nur? Ich kann es immer noch nicht begreifen, dass sie nicht mehr hier ist. Es gibt so vieles, das ich sie fragen möchte. Wem soll ich von meinen Sorgen und Freuden erzählen? Wer heitert mich auf, wenn ich müde von der Arbeit komme? Ich habe Angst, dass ich in einem Sumpf versinke und nicht mehr hinausfinde. Schliesslich war es immer Flo, die die tollen Ideen heimbrachte, die wusste, wohin wir abends gehen konnten, wenn uns die Decke auf den Kopf fiel. Ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich gestorben wäre. Flo wäre viel besser damit zu Recht gekommen als ich.“
„Vielleicht ist genau das der Grund, warum nun du hier sitzt und nicht Floriane. Du hast deine Schwester nicht verloren. Sie ist immer noch bei dir. Wenn dein Schmerz ein wenig nachgelassen hat, wirst du es auch fühlen. Glaub mir, sie ist nicht fort. Du wirst sie finden.“
„Wo? Wo ist sie? Schwebt sie hier im Raum in wehenden Gewändern? Was nützt mir ein Geist? Ich will meine Schwester zurück, will sie anfassen, sie in meine Arme schliessen. Ich fürchte, das habe ich viel zu selten getan. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wie sie sich angefühlt hat. Ach, könnte ich doch die Zeit zurückdrehen.“
„Es sind immer die Dinge, die wir nicht getan haben, die wir später am meisten bereuen. Niemand kann Gelegenheiten nachholen, die er verpasste. Denke an die Zukunft und lerne aus dieser bitteren Erfahrung.“
„Ach, es ist ja nicht nur das, was ich nicht getan habe. Ich habe auch manchmal Dinge gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen. Ich möchte ihr das erklären, sie um Verzeihung bitten. Sie ist mir häufig mit ihrer Unbesorgtheit und ihren Scherzen auf die Nerven gegangen. Dabei habe ich sie doch immer darum beneidet. Ich möchte, dass sie das weiss. Sie soll wissen, dass ich sie liebe…“
Christine strich ihrer Nichte über die kurzen braunen Haare. „Sei unbesorgt. Sie weiss es. Und was du ihr noch zu sagen hast, sage ihr! Rufe sie und sprich mit ihr! Sie wird dich hören. Eure Liebe wird einen Weg finden, dass du sie auch hörst. Vertraue mir. Ihr werdet wieder zueinander finden.“
Laura leerte ihre Teetasse und lehnte sich müde zurück.
„Wenn du nichts dagegen hast, lege ich mich jetzt tatsächlich eine Runde hin. Es war ein anstrengender Tag.“
„Tu das, ich räume die Sachen noch weg und besorge uns dann etwas fürs Abendessen.“
„Lass doch, Chris. Ich habe keinen Hunger.“
„Keine Widerrede. Wenn du den Kummer besiegen willst, musst du zunächst deinen Körper kräftigen. Dann kommt alles andere von alleine. Leg dich hin. Ich wecke dich, wenn es Zeit ist.“
Laura schlich in ihr Schlafzimmer, zog die Vorhänge zu und liess sich auf das Bett sinken. Sie war so müde, so unendlich müde. Am liebsten würde sie schlafen und nie mehr aufwachen. Wie sollte sie jemals wieder ein normales Leben führen…?
Der Winter dehnte sich mit seiner ganzen stumpfen Dunkelheit über das Züricher Unterland aus. Nach der atemberaubenden Farbenvielfalt des Herbstes wartete sein kalter Bruder mit einer ungemütlichen, stürmischen Vielfalt auf, die den Bäumen auch die letzten trotzenden Blätter entrissen hatte. Die rauschenden Blätterhaufen des Herbstes waren von den Gehwegen hinweggefegt. Die Strassen glänzten in dunklem Nass, gesäumt von steifen Baumskeletten, die ihre nackten Äste in gespenstischem Rhythmus in einen Wolken verhangenen Himmel reckten.
Laura stand auf ihrer verglasten Dachterrasse und beobachtete durch die grosse Fensterfront das düstere Treiben. Obwohl sich ihre Gedanken schon von Berufs wegen mit dem natürlichen Verlauf von Blühfolgen und der Vergänglichkeit aller pflanzlicher Pracht beschäftigten, empfand sie beim Anblick dieser kahlen Äste ein unbändiges Verlangen, das Leben in die Baum-Adern zurück zu zwingen. Sie liebte das lebendige Grün so sehr, dass ihre Dachterrasse sämtlichen Balkonpflanzen ihrer Mitbewohner als Winterquartier diente. Sie zog sogar Baumsetzlinge, um sie später in ihre Gartengestaltungen integrieren zu können. Die ersten Zwiebelblumen sprossen bei ihr bereits zu einer Zeit, in der die Kinder noch von Schneeballschlachten träumten. Nicht umsonst schwärmte die ganze Nachbarschaft von der sagenhaften Blütenpracht, die die Balkone ihres Hauses bis spät in den Herbst schmückte.
Die vergangenen Monate waren nicht leicht gewesen. Doch mit Hilfe von Tante Chris, Lauras kecken Patenkindern Tim und Max und jeder Menge Arbeit war es ihr gelungen, wieder festen Boden unter den Füssen zu gewinnen. Sogar das Weihnachtsfest hatte sie mit Hilfe ihrer Freunde überstanden. Nun zeigte sich der Januar von seiner üblichen tristen Seite.
Das sanfte Läuten des Telefons liess sie ihre Winter-Betrachtungen unterbrechen.
„Laura Pabig“, meldete sie sich mit fester Stimme.
Ein ohrenbetäubendes Geschrei war die Antwort aus dem Telefonhörer, den sie in Windeseile auf Armeslänge von ihrem Ohr weghielt.
Lachend rief sie zurück: „Hallo Tim, Max! So eine Überraschung! Seid Ihr denn schon wieder zurück aus den Ferien?“
„Jaaaa, schon seit gestern“, tönte es in Baustellen-Lautstärke zurück, während eine andere Stimme bereits zu erzählen begann: „…und wir haben einen riesigen Fisch gefangen und der hatte Zähne und wollte Mami beissen…“
Es gab ein knirschendes Geräusch, ein Kratzen und Murren, bevor Christines Stimme sich zum Hörer hindurch kämpfte.
„Hallo Laura, Liebes, wie du wohl schon erraten hast, sind wir wieder da. Wie geht es dir?“
„Prima, danke. Das Wetter macht mich ganz schläfrig. Ich wünschte, ihr hättet ein wenig mehr Sonne aus Teneriffa mitgebracht.“
„Ja, das wollten wir auch, aber die Zöllner haben alles an der Grenze konfisziert und für sich selber gebraucht. Tut mir leid. Allerdings habe ich eine kleines Souvenir vor ihren Augen und Händen verbergen können. Möchtest Du herausfinden, was es ist?“
„Klar, gerne. Soll ich vorbeikommen?“
„Oh nein, lieber nicht. Tim und Max sind nicht zu bändigen heute. Sie hängen die ganze Zeit an Claudia und Mirella, um ihnen einen Minuten genauen Bericht über die ganzen zwei Wochen Ferien zu geben. Und da die beiden Frauen ganz ausgehungert sind nach den beiden Nervensägen, schlage ich vor, ich überlasse sie ihren Fans, fahre beim Feinkostladen in der Steinwiesstrasse vorbei und bringe etwas mit, das wir bei dir zu Hause vollenden können. Was hältst du davon?“
„Bestens. Dann muss ich wenigstens nicht mehr in diese Dunkelheit hinaus. Du hast ja noch genügend Sonne in deinem Tank, um dagegen anzukommen. Wann kannst du hier sein?“
„Ich denke so gegen sechs. Dann hast du noch Zeit genug, etwas zum Dessert zu zaubern.“
„Mach ich. Also bis später dann.“
„Bis dann, Laura. Ciao.“
Laura überlegte. Wenn Tante Chris den Feinkostladen ansteuerte, kamen meistens erlesene leichte Gerichte dabei heraus. Da konnte das Dessert ruhig etwas gehaltvoller ausfallen. Sie entschied sich daher für eine Mousse au Chocolat. Für unvorhergesehene Dessert-Vorfälle hatte sie stets einen Vorrat der wichtigsten Zutaten, wie Zartbitterschokolade und haltbare Schlagsahne eingelagert. Die Eier hatte sie erst heute Morgen beim Bauern geholt. Das sollte also kein Problem sein. Sie wusste nicht, wie häufig sie schon diese Schokoladen-Mousse gemacht hatte. Wann immer sie und Flo irgendwo eingeladen worden waren, hatte man sie sogleich bedrängt, eine Schüssel Mousse mitzubringen. Und sie hatte es stets gern gemacht. Die Zubereitung fiel ihr leicht.
Es war ihr eigener kleiner Wettkampf, die Creme stets noch leichter und luftiger als beim letzten Mal anzurühren. Während der Mixer durch das Eiweiss sauste, glitten ihre Gedanken zurück zu dem Tag, als sie dieses Dessert zuletzt erstellt hatte.
Es war ihr gemeinsamer Geburtstag gewesen. Laura und Floriane hatten sich scherzhafterweise oftmals als Zwillinge ausgegeben, weil sie am gleichen Tag Geburtstag hatten. Allerdings war Laura zwei Jahre älter als ihre Schwester.
Laura hatte sich den halben Tag frei genommen, um noch einige Vorbereitungen zu treffen für einen gemeinsamen gemütlichen Abend. Sie hatte gerade die Mousse in eine Schüssel gegeben – stolz, sich wieder einmal übertroffen zu haben – als Flo überraschend nach Hause kam.
„Hey, Geburtstagskind, was machst du denn schon hier?“
„Hallo auch Geburtstagskind, mir geht’s nicht so gut. Vielleicht ist mir das Red Bull nicht bekommen, das Frank auf meinen Geburtstag ausgegeben hat. Obwohl es mir eigentlich schon die ganze Woche nicht so wohl war. Ich glaub, ich leg mich jetzt lieber eine Runde aufs Ohr.“
„Oh, schade, wo ich gerade mit der Schokoladen-Mousse fertig geworden bin. Aber vielleicht geht es bis Abend ja wieder besser. Möchtest du einen Tee? Ich habe heute wieder unseren Vorrat aufgefüllt. Wie wär’s mit einem Geburtstags-Tee? Das passt doch!“
„Ja, danke, das wäre nett. Ich geh schon mal in mein Zimmer.“
Es ging Floriane jedoch nicht besser bis zum Abend. Vielmehr war dieser Tag der Beginn ihrer leidensreichen Odyssee.
Zitternd wischte sich Laura die Tränen aus dem Gesicht und starrte auf den Eischnee, mit dem man wohl inzwischen zwei Stahlträger hätte aneinanderkleben können. Blöde Idee, eine Mousse zu machen, wo sie doch wusste, dass ihre Gedanken dabei zwanghaft zu jenem verhängnisvollen Abend zurückkehren würden, dachte Laura immer noch schniefend. Vielleicht konnte sie die ganze Angelegenheit mit Hilfe der Sahne doch noch retten. Ob sie wohl jemals wieder eine Mousse würde zubereiten können ohne an jenen Tag denken zu müssen?
Als die Türglocke um 18 Uhr läutete, eilte Laura zur Tür. Christine kämpfte sich schwer beladen die drei Stockwerke zu ihr hinauf.
„Warum nimmst du denn nicht den Lift?“ begrüsste Laura ihre schnaufende Tante.
„Du weißt doch, dass ich diesem Monstrum nicht über den Weg traue. Da müssen schon andere Gewichte in meinen Einkaufstaschen stecken, um mich zu überzeugen.“
Lächelnd umarmte Laura die braun gebrannte Frau. „Du siehst toll aus! Fast schon unverschämt, bei diesem Wetter eine solche Gesichtsfarbe zur Schau zu tragen! Jeder normale Mensch kämpft mit Rouge und Schminke gegen die Winterblässe und du siehst einfach aus wie ein stürmischer Sommerwind“, empörte sich Laura lachend.
„Mit der Winterblässe muss ich dir allerdings recht geben, wenn ich dich so anschaue. Obwohl es mit Rouge bei dir auch nicht weit her ist. Nur um die Augen trägst du ein wenig rot, wie ich sehe…“
Laura senkte rasch den Kopf, nahm ihrer Tante den nassen Mantel ab und bot ihr ein paar Filzpantoffeln an, gegen die diese gerne ihre triefenden Stiefel eintauschte.
In der geräumigen, weiss gekachelten Küche machten sich die beiden Frauen plaudernd daran, die mitgebrachten Köstlichkeiten auf verschiedene Schalen und Teller zu verteilen. Laura hatte den halben Tag damit zugebracht, die Küchenarmaturen auf Hochglanz zu polieren. Der grosse Kühlschrank glänzte mit den Glastüren um die Wette und in der polierten Granit-Abdeckung spiegelte sich der hölzerne Messerblock. In solch einer strahlenden Umgebung machte das Kochen doch sofort viel mehr Spass, musste Laura stolz feststellen. Schon bald duftete es nach gebratenen Tiger-Crevetten und knackigem chinesischen Gemüse, das sie an hellem Reis servierten. Hungrig liessen sie sich am Esstisch nieder.
„Du hast noch gar nichts zu meinem neuen Wohnzimmer gesagt“, begann Laura kauend.
„Ich weiss auch gar nicht, womit ich anfangen soll. Die rote Wandfarbe sieht jedenfalls toll aus. Und die Kombination mit den Gold-Durchwirkten Vorhängen ist einfach umwerfend. Wo hast du die bloss gefunden?“
„Du wirst es kaum glauben, aber den Stoff habe ich vor zwei Jahren in Marokko auf dem Markt gekauft. Damals hatte ich noch keine genaue Vorstellung davon, was ich damit machen wollte. Ich war einfach nur hingerissen von dem Stoff – na ja, vielleicht auch ein wenig von dem Verkäufer…“
„Genau, ich erinnere mich: Schwarze Haare, schlank, dunkelhäutig, Augen wie der Teufel und eine Stimme wie die Sünde…“
„Ja, ja, ein Mann wie aus 1001 Nacht. Obwohl – wenn ich es mir recht überlege, ich glaube, seine Nase war etwas zu zierlich und er konnte wohl auch nur deshalb so verführerisch auf mich herabschauen, weil er auf einer Kiste Stricknadeln stand.“
„Immerhin war er beeindruckend genug, sich bis heute in Deinen Erinnerungen einzunisten.“
„Bei der Vielzahl der Männer, die es jemals geschafft haben, mir aufzufallen, ist das schliesslich auch kein Wunder. Ich glaube, das Faszinierendste an ihm war wohl, dass er eben kein Adonis war, sondern einfach – lebendig, freundlich und ehrlich. Er versuchte nicht, mir irgendwelchen Schund anzudrehen wie die anderen Händler und er hat mir auch nicht übermässig geschmeichelt. Du weißt ja, wie die Araber so sind. Wenn man ihren Worten Glauben schenken soll, ist jede Frau die Verkörperung ihres Schönheitsideals, egal ob sie nun dick oder dünn, blond, braun oder rothaarig ist. Dabei weiss man doch, dass die meisten Araber sowieso die Frauen lieben, die wie sie selber braunhäutig und schwarzhaarig sind.“
„Na na, jetzt verallgemeinerst du aber ganz schön. Ich traf in Indien schliesslich auch einen Mann, der nicht auf eine einheimische Göttin gewartet hat.“
„Klar sind nicht alle so. Aber es ist doch so schön, in Vorurteilen zu schwelgen… “ lachte Laura.
„Lust auf Kaffee zum Dessert?“
„Nur, wenn es dazu dein legendäres Schoko-Mousse gibt.“
„Was denn sonst? Etwas anderes würdest du ja gar nicht annehmen von mir, oder?“
Während Chris das gebrauchte Geschirr abräumte, kümmerte sich Laura um den Kaffee. Ihr Blick fiel auf ihre Nägel.
Wie schafft man es nur, einen Nagellack aufzutragen, der nicht nach einem Tag bereits wieder zu blättern beginnt, fragte sie sich achselzuckend. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie scheitere schon an den einfachsten Schönheits-Hilfsmitteln. Es konnte doch nicht so schwer sein, Nagellack korrekt aufzutragen…
Mit Kaffee und einer grossen Schale Mousse beladen liessen sich die Frauen im Wohnzimmer vor dem Kamin nieder. Laura hatte ein gemütliches Feuer entfacht, das nun eifrig vor sich hin prasselte. Sie liebte diese Wohnung. Glücklicherweise hatten ihre Eltern ihr und Flo mit Hilfe einer Lebensversicherung ausreichend finanzielle Mittel hinterlassen, dass sie sich diese Dachterrassenwohnung hatten leisten können. Nach Florianes Tod war das gesamte Pabig’sche Familienvermögen auf sie übergegangen, was sie zwar nicht zu einer reichen Frau gemacht hatte, ihr aber immerhin einige finanzielle Freiräume erlaubte. So schienen zumindest einige Klischees aus ihren geliebten Romanen durchaus realistisch genug zu sein, um auch im wirklichen Leben vorzukommen. Fehlte nur noch der Mann mit den schlanken Hüften… Doch wie gerne würde sie all das hergeben, um wieder eine richtige Familie zu haben.
Einige Zeit hingen die beiden Frauen ihren Gedanken nach, beobachteten die züngelnden Flammen und genossen die behagliche Wärme, die nicht nur das Feuer ausstrahlte.
„Du vermisst sie sehr, nicht wahr?“ begann Chris mit ihrer sanften Stimme. Laura sah zu ihr auf.
„Immer, wenn ich glaube, es geht langsam aufwärts, kommt der Moment, in dem ich denke, jeder Tag ohne sie ist schlimmer als der davor. Ich meine, eigentlich sollte es doch besser werden mit der Zeit, oder?“
„Nicht unbedingt. Wir müssen erst lernen, loszulassen. Das bedeutet aber nicht, dass du sie vergessen sollst. Du musst lediglich lernen, die Distanz zwischen euch zu akzeptieren, die ihr Tod geschaffen hat.“
„Was meinst du mit Distanz? Es ist schliesslich nicht so, als ob sie nach Australien ausgewandert wäre. Dann könnte ich sie anrufen, sie einmal im Jahr besuchen oder… Aber - sie ist tot… Mein Gott, allein das Wort scheint mich noch heute zu verbrennen, wie damals die furchtbare Nachricht über ihre Krankheit.“
„Ja, sie ist tot. Das heisst, sie sitzt nicht hier mit uns beim Kaffee. Sie geniesst nie mehr diese himmlische Mousse und du kannst sie auch nicht mehr mit Deiner übertriebenen Sorge und Tiefstapelei nerven.“
Laura schaute sie mit feuchten Augen an. Alles, was Chris aufzählte, war ihr auch bereits durch den Kopf gegangen. All die Sachen, die sie nicht mehr gemeinsam erleben durften, fehlten Laura schon bevor sie sie auch nur in Worte fassen konnte. Es war diese unbeschreibliche Leere in ihrem Herzen, die sie viel zu oft zu verschlingen drohte.
„Hast du nie zu ihr gesprochen, seit sie fort ist?“
„Gesprochen?“
„Glaub mir, wenn sich zwei Menschen so nahe gestanden sind wie ihr beide, dann wird diese Verbindung auch durch den Tod nicht getrennt.“
Der schmerzhafte Blick aus Lauras Augen traf Chris mitten ins Herz. Und einen kurzen Augenblick lang erlebte sie wieder diesen wohl verschlossenen Schmerz, der sie damals zu versengen drohte, als sie ihre eigene Schwester so plötzlich und unerwartet verlor. In der Hoffnung, das Leid ihrer Nichte ein wenig lindern zu können, beschloss sie, die Erfahrung mit ihr zu teilen, die ihr selber geholfen hatte, den Verlust zu ertragen.
„Sie ist hier. Und ich bin sicher, dass sie nur darauf wartet, dass du sie wieder an deinem Leben teilhaben lässt. Ich habe bisher noch niemandem davon erzählt, warum ich diese Überzeugung habe. Möglicherweise hilft es dir jedoch, wenn du erfährst, was ich erlebt habe.“
Lauras fragende Augen bestätigten sie in ihrem Vorhaben. Nach einem weiteren Löffel Mousse, den sie mit einem Schluck lauwarmen Kaffees ergänzte, begann Chris zu erzählen:
„Als deine Mutter vor 8 Jahren verunglückte, war ich völlig fassungslos. Auch wenn sich unsere Lebenseinstellungen nicht unbedingt immer deckten, lebte in uns doch eine grosse Verbundenheit, die mehr war als übereinstimmende Meinungen. Es war einfach Liebe, die uns zusammenhielt.“
„Ich habe deinen Schmerz wohl gar nicht richtig wahrgenommen, so sehr war ich mit mir selber und Flo beschäftigt. Und wir haben auch nie darüber gesprochen. Ich sah in dir immer die starke und selbständige Frau, die nichts umwerfen kann. Heute beginne ich zu verstehen, was du damals durchgemacht haben musst.“
Chris tätschelte Lauras Knie. „Ich wünschte, du hättest diese Erfahrung nicht machen müssen. Dein Konto an traurigen Erfahrungen war mit dem Verlust deiner Eltern bereits überzogen.“ Sie schloss kurz die Augen. Doch als sich ihre Blicke erneut trafen, fand Laura eine Zuversicht darin, die sie nicht erwartet hätte.
„Die erste Zeit war furchtbar, wie du dir vorstellen kannst. Ich litt unsagbar unter dem Verlust, machte mir Vorwürfe, dass ich nicht an ihrer Seite war, als es geschah, quälte mich immer weiter mit Dingen, die ich ihr doch noch sagen wollte, Briefe, die ich nie geschrieben hatte, Geschenke, die ich nie überreicht hatte und Umarmungen, die ich nie wieder spüren würde. Eines Abends lag ich im Bett und hing wieder einmal meinen Gedanken an Marie nach. Dieses Mal jedoch merkte ich, wie ich endlich ruhiger wurde. Ich dachte an unsere schönen Momente, an gemeinsam Erlebtes und an Geschenke, die wir tatsächlich ausgetauscht haben. Beim Gedanken an den scheusslichen Bademantel, den sie mir zu meinem 30. Geburtstag geschenkt hatte, musste ich unwillkürlich lächeln. Du musst wissen, das Teil war wirklich abgrundhässlich. Und in die Taschen hatte Sofie die alten Lockenwickler unserer Mutter gestopft mit der Bemerkung, es werde jetzt wohl langsam Zeit, dass ich mir eine angemessene Frisur zulegen solle. Ich seufzte so etwas wie ‚Ach Marie, weißt du noch…’ – und plötzlich sah ich sie vor mir. Sie stand am Bettende, direkt neben der alten Truhe und lächelte. Sie war nicht so alt, wie auf den letzten Fotos. Vielmehr wirkte ihr Gesicht irgendwie – zeitlos. Es waren ihre Züge, aber ohne Sorgenfalten und die Haut schimmerte in einem sanften Ton. Ohne, dass sie die Lippen bewegte, hörte ich sie lachen und sagen, auch sie habe ihre Erinnerungen behalten. Sie sei froh, dass ich die Tür zu meinem Herzen endlich geöffnet habe, so dass sie den Weg zu mir finden konnte.
Und seit dieser Zeit sehe ich sie regelmässig. Ich rede mit ihr, auch, wenn ich ihre Gestalt nicht immer wahrnehme, denn ich bin ganz sicher, dass sie immer in der Nähe ist und meine Schritte beobachtet. Sie hilft mir, und hält ihre schützenden Hände über mich und alle, die sie lieben.“
„Und warum konnte sie dann nicht Flo vor ihrem Leid beschützen? Warum hat sie nicht verhindert, dass sich der Krebs in ihrem Körper ausbreitet und sie vernichtet?“
„Sie vermag uns vor kleinen Pannen zu bewahren, sie schafft es auch, uns zu warnen, wenn wir uns in Gefahr begeben. Doch auch sie hat nicht die Macht, unser Schicksal zu verändern. Und Florianes Schicksal war nun einmal der Krebs.“
Tränen der Wut fanden ihren Weg über Lauras Wangen. Doch noch bevor ihre salzige Spur ein Ende finden konnte, erschütterte ein Schluchzen ihr Herz und überschwemmte die Wut mit abgrundtiefer Traurigkeit.
„Glaubst du, Flo wird auch zu mir kommen, so wie Mama zu dir kam? Und warum ist Mama nicht auch an mein Bett getreten?“
„Deine Mutter ist ganz sicher zu dir gekommen. Du hast sie nur nicht gesehen. Das mag daran gelegen haben, dass du dich durch deine Trauer vor dieser Möglichkeit verschlossen hast. Vielleicht warst du auch einfach noch nicht reif genug für eine Begegnung mit ihr. Du hättest es möglicherweise gar nicht verstanden, hättest an deiner Wahrnehmung gezweifelt und dich für verrückt gehalten. Und nur, weil sich deine Mutter dir bisher nicht gezeigt hat, heisst das noch lange nicht, dass das in Zukunft auch so sein wird. Geistwesen leben in keiner Zeitdimension. Sie verblassen auch nicht im Laufe der Zeit. Sie sind da, solange sich jemand an sie erinnert und in Gedanken mit ihnen in Kontakt ist. Die Frage ist nun: Wie würdest du reagieren, wenn Floriane mit dir Kontakt aufnähme. Würdest du es zulassen?“
Laura schaute sie mit glasigen Augen an. Sie stand auf, um das verlöschende Kaminfeuer mit einem neuen Scheit wieder zum Leben zu erwecken. Sie tat dies mit langsamen, bedächtigen Bewegungen, als ob sie über die Frage ihrer Tante nachdenken müsste. Als sie sich wieder umdrehte, erkannte Christine, dass sie Laura mit diesem Gespräch eine neue Perspektive eröffnet hatte.
„Ich sehne mich so sehr nach Floriane, dass ich auf den letzten Rest meines Verstandes verzichten würde, wenn ich sie nur noch einmal sehen könnte. Was muss ich denn tun, damit ich sie sehen kann? Gibt es da so eine Art Mantra, das ich aufsagen muss?“
Chris lächelte ihre Nichte an. „Mit Beschwörungsformeln hat das gar nichts zu tun. Du musst auch keiner Stoffpuppe Milchkaffee unter die Nase halten, so wie du es früher immer getan hast, wenn du Florianes Vitalfunktionen nach einer heftigen Party wieder zum Leben erwecken wolltest.“
Bei dieser Erinnerung musste auch Laura lächeln. Ihre Schwester war wahrlich kein Kind von Traurigkeit gewesen. Leider hatte sie nicht immer gewusst, wann es für sie besser war, die Party zu verlassen und nach Hause zu gehen. Glücklicherweise fand Laura schon bald heraus, welcher Zaubertrank Floriane nach durchtanzter Nacht wieder in die Wirklichkeit zurückholte: Ein Milchkaffee aus Instantkaffee mit drei Stück Zucker und einem Schuss Baileys. Letzteren verheimlichte Laura allerdings immer in der Öffentlichkeit bei der Zutatenliste. Schliesslich sollte man Flo ja nicht für eine Alkoholikerin halten.
„Aber was tust du denn, wenn du möchtest, dass Mama zu dir kommt?“ fragte sie ungeduldig.
„Ich entspanne mich. Und dann rufe ich sie einfach. Manchmal rufe ich sie sogar laut, meistens jedoch stelle ich mir einfach vor, ich würde ihren Namen rufen. Dann bitte ich sie zu kommen. Das ist alles. Es steckt wirklich kein besonderer Akt dahinter. Stell dir einfach vor, Flo ist in der Küche und du kommst zur Tür herein und möchtest ihr etwas erzählen. Genau so sprichst du sie an.“
„Aber ich habe doch in den letzten Monaten so häufig ihren Namen gerufen, geflüstert, geschrien. Da hätte sie doch längst mal auftauchen können. Warum hat sie sich denn daraufhin nicht bereits gezeigt?“
„Weil du bisher immer noch taub und blind vor Trauer warst. Geistwesen sind für unsere Vorstellung ziemlich schüchtern. Du kannst sie nicht herbeibefehlen. Du kannst sie nicht zwingen. Für einen ersten Kontakt muss eine angenehme Stimmung im Raum sein. Das wichtigste ist, dass du selber entspannt und ruhig bist. Ich bezweifle, dass das bisher sehr häufig bei dir der Fall war. Deine Gedanken und Gefühle sind ja auch heute noch extrem aufgewühlt. Warum sonst sind deine Augen so oft vom Weinen rot und geschwollen? Lass dir einfach Zeit. Ich bin sicher, dass ihr beide das hinbekommt.“
Mit einem aufmunternden Augenzwinkern lächelte Christine ihre Nichte an. Beim Klang des Glockenschlags der alten Standuhr, der aus der Diele drang, zuckte sie jedoch zusammen.
„Herrje, schon 10 Uhr! Jetzt muss ich aber schleunigst heim. Tim und Max werden ihren beiden Fans sicherlich bereits den letzten Nerv geraubt haben. Höchste Zeit, dass ich die beiden erlöse. Denn ins Bett haben die Zwillinge sicherlich noch nicht gefunden. Wenn ich mich beeile, erwische ich so gerade den nächsten Bus.“
„Ich kann dich doch fahren. Bei der Dunkelheit ist das doch viel angenehmer als an der Bushaltestelle zu warten und zu frieren.“
„Nein, nein lass nur. Bis du das Auto aus der Garage hast, bin ich ja schon fast zu Hause. Keine Sorge. Die Dunkelheit kann doch einem Sommerwind wie mir nichts anhaben!“
Eilig schlüpfte Christine in Mantel und Stiefel, während sie es schaffte, gleichzeitig ihre zahlreichen Beutel zusammenzuraffen.
„Oh, jetzt hätte ich ja fast dein Geschenk vergessen!“ rief sie bereits in der Tür stehend und holte ein kleines blau eingepacktes Schächtelchen mit einer goldenen Schleife hervor.
„Viele Grüsse aus der kanarischen Sonne und ruf mich bald an!“ rief sie, bevor sie die Stufen hinuntereilte.
