Benzin - Gunther Geltinger - E-Book

Benzin E-Book

Gunther Geltinger

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Beschreibung

Es ist nicht die erste Reise, die Alexander und Vinz unternehmen, weil ihre Beziehung in eine Krise geraten ist. Der Roadtrip durch Südafrika soll ihnen Klarheit über sie verschaffen, und Vinz, der Schriftsteller, erhofft sich eine Idee für seinen neuen Roman. Vorbei an Straßenmärkten, Chicken Inns und Anhaltern bewegen sie sich durch ein Land, in dem Wohlstand und Armut aufeinanderprallen, Homosexualität als Tabu gilt und in dem sich die beiden Deutschen mit der Gedankenlosigkeit der weißen Touristen konfrontiert sehen. Als sie einen jungen Mann anfahren, zieht sie das immer tiefer in Widersprüche: Einerseits fühlen sie sich dem Fremden verpflichtet und bezahlen ihn, als er sich als Guide anbietet. Andererseits verschärft ihr neuer Begleiter die Spannungen, und vor allem Vinz beschleicht die Sorge um ihre eigene Sicherheit. Als er auf eine Spur für seinen Roman stößt, die nach Simbabwe zu den Victoria-Fällen führt, verlassen alle drei ihre ursprünglich geplanten Wege.
Gunther Geltinger schildert in Benzin so sprachmächtig wie eindringlich, was es heißt, wenn die eigene Welt aus den Fugen gerät. Er buchstabiert die Zerrissenheit seiner Figuren in sechsundzwanzig Kapiteln aus, von A bis Z, und beschwört atmosphärisch dichte Bilder, die sich nach und nach zu einem großen Ganzen fügen – einer Geschichte über Vorurteile und Souveränität, über Vertrauen und Verrat.

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Seitenzahl: 548

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Gunther Geltinger

Benzin

Roman

Suhrkamp

Der Mensch ist menschlich nur insofern, als er sich einem anderen Menschen aufzwingen will, um von ihm anerkannt zu werden.

Frantz Fanon

Ich verlasse die Straße nur ungern, mein Gefühl der Verwundbarkeit wächst, mich überkommt eine Art Urnervosität.

Damon Galgut

Alarm

Sie fahren abwechselnd. Vinz am Tag, Alexander nachts. Die Dunkelheit kommt früh in diesem Land, im November gegen sieben und von einer Minute auf die andere. Vinz ist nachtblind, die Straße vor seinen Augen wie ausgelöscht. Die Hochebene, die an die Straße stößt. Das Land, das bis zum Anbruch der Dämmerung aus einer schnurgeraden Straße bestand, die diese Hochebene durchschnitt, mit einer Bergkette an ihrem Rand, die weder ferner rückte noch näher kam und seinen Blick entlang einer scheinbaren Grenze führte wie eine Fata Morgana mit ihrem trügerischen Versprechen auf Ankunft, bis die Sonne verschwand und die Horizontlinie sich auflöste. Der dunstige Zackenriss fiel in sich zusammen, Schatten fluteten die Ebene und ließen ihre Farben noch einmal aufleuchten, die Braun- und Gelbtöne des Buschvelds mit dem unwirklichen, fast wahnhaften Grün einzelner Plantagen, bevor alles erlosch. Achtung, sagte Alexander, die Sandverwehung auf der Straße bemerkte Vinz zu spät, halb im Dunkeln wirkte das langgestreckte, vom Wind gerippte Gebilde wie ein verendetes Tier. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Alexander auf dem Beifahrersitz nach vorn kippte, den rechten Fuß abspreizte und auf das imaginäre Bremspedal trat. Vinz warf ihm einen Blick zu und zischte. Dann ließ er den Wagen über das Hindernis rumpeln, den Kadaver aus roter Erde, sein Protest. Er hatte an Manuel gedacht, und er wusste, dass Alexander ihn durchschaute.

Am Straßenrand schwand Meter für Meter das Land. Weideflächen ohne Vieh, herdenartig nur die buckligen Sträucher, die enger aneinanderrückten, je dunkler es wurde. Seine Augen schrappten darüber hinweg, suchten Halt an der Silhouette einer Schirmakazie, unter der sich die Nacht schon ballte, sprangen dann weiter zum Umriss eines vereinzelten Baobab-Baums, der als düsterer Koloss in der Landschaft stand, der gedrungene Stamm mit den fingerförmigen Ästen wie von einem in die Einsamkeit verbannten Riesen, der die Hände in den Himmel reckt. Schön hier, sagte Alexander. Vinz schaltete das Fernlicht an, das die Straße noch mehr verkürzte. Reflexartig zuckte sein Fuß vom Gaspedal weg, doch er widerstand dem Impuls und stemmte sich gegen das Lenkrad und das Gefühl, die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Er heftete den Blick an letzte Konturen, suchte Dornstrauch, Akazienbaum und Baobab nach Anhaltspunkten ab, die ihm etwas über Alexander und ihn sagen könnten, über den Grund, warum sie hier waren in diesem Land, bis er abrupt abbremste, auf das steinige Bankett lenkte und anhielt, damit Alexander übernahm.

Sie und der Wagen. Ein weißer Toyota Corolla von Avis, das kleinste und sparsamste Modell. 90 PS, Vorderradantrieb, Verbrauch 7,3 Liter, schon bei der Übernahme hatte Vinz Bedenken, ob es das richtige Auto sei. In einem Land, in dem nur die wichtigsten Straßen instand gehalten werden, haben sie vielleicht am falschen Ende gespart. Immer sind sie auf ihren Reisen abseits der im Straßenatlas rot verzeichneten Autobahnen gefahren, haben die gelben oder farblosen Nebenstraßen bevorzugt, die sich Gebirge hinaufwinden, Pässe satteln und auf Hochplateaus Schleifen und Kehren bilden, bis ihr Verlauf in eine gestrichelte Linie übergeht und plötzlich endet, wie von Kinderhand gezogen, auf einer naiven Zeichnung, die noch nicht weiß, was sie werden soll. Rot verbindet die Städte und Metropolen, wer rote Straßen fährt, hat wenig Zeit und keinen Blick fürs Detail. Sie haben in Ausdauer investiert, nicht in Schnelligkeit. Rot nur im Ausnahmefall, auf dem Rückweg zum Flughafen oder wenn es große Distanzen zu überwinden gilt. Ihre Straße soll sich den Bedingungen der Landschaft anpassen, sie nicht durchbrechen. Ein grüner Begleitstrich kennzeichnet eine besonders reizvolle Strecke. Sie fahren auf Gelbgrün auf den Abgrund zu, der sich am Ende des Scheinwerferkegels vor ihnen auftut. Immer wieder kontrolliert Vinz die Tachonadel. Alexander bremst, schaltet, lenkt um. Der Asphalt ist von Schlaglöchern zerklüftet, die Karosserie knarrt. Ein Viertürer, ihr Exoskelett. Das, was nach außen zusammenhält, wenn im Innern das Rückgrat gebrochen ist. Ein Panzer, weiß metallic, der die Weichteile schützt, das Unbehagen abschirmt, das ihnen geblieben ist von den einstigen großen Gefühlen, die Vinz noch immer nicht scheut Liebe zu nennen, wenn er auch nicht weiß, ob Liebe jenseits des Wortes überhaupt groß sein kann und nicht nur aus einem Übermaß an im Lauf der Jahre an einander erkannten und erduldeten Unzulänglichkeiten erwächst, die im Versuch, für seine Schwächen gegenseitig einzustehen, zur Lebensuntüchtigkeit führen, so dass es ab einem gewissen Punkt keinen anderen Weg mehr gibt als den gemeinsamen, eine durchbrochene Linie, die grün markiert ist, in der Farbe der Hoffnung.

Vielleicht wäre ein grüner Wagen das bessere Omen gewesen. Wir fahren ein weißes Auto, hatte Vinz plötzlich festgestellt, nachdem sie das Flughafengelände hinter sich gelassen und den Autobahnring erreicht hatten, der sie auf ihre Route bringen sollte. Sein Lachen klang gezwungen. In einem Land wie diesem war das weiße Auto vielleicht schon ihr erster Fehler. Sie hatten es nicht ausgesucht, es war ihnen zugeteilt worden, und auf der Straße war jedes dritte Auto weiß. Die Klimaanlage arbeitete auf Hochtouren, das Außenthermometer zeigte 31 Grad, Tendenz laut Wetter-App steigend. Ein schwarzes Auto war hier schlichtweg unpraktisch und die Farbethik, bei der sich Vinz ertappt hatte, ohnehin fragwürdig. Im Wagen fühlte er sich leidlich getarnt.

Auf dem Sitz ist er nur eine Handbreit von Alexander entfernt. Ihm nah wie seit Monaten nicht mehr. Manchmal spürt Vinz ihn; mehr Ahnung, fast Androhung einer Berührung, wenn Alexander herunterschaltet und ihn dabei streift. Vinz schließt die Beine, Alexanders Hand rutscht vom Schaltknüppel, hängt eine Weile abwartend zwischen ihnen, dann fasst sie wieder das Steuer. In der Ablage liegt das Smartphone. Vinz tastet alle fünf Minuten danach, die in dieser Dunkelheit, auf einer Straße, die jeden Moment abbrechen könnte, länger dauern als irgendwo sonst auf der Welt. Er muss sich beherrschen, es nicht fortwährend in der Hand zu halten, schützend wie ein hilfloses Lebewesen. Als Kind hatte er so der Mutter das Amseljunge gebracht, das im Garten aus dem Nest gefallen war. Es war nackt und hässlich, mit großen, von einem milchigen Schleier getrübten Augen und einem kurzen, sperrenden Schnabel. Drinnen sah er den Schlund, die hüpfende Gurgel, Todesangst. Klägliche Laute drangen heraus. Er ekelte sich vor der Berührung, dachte, der winzige Leib sei kalt und glitschig, doch das Junge war trocken und warm, vielleicht weder kalt noch warm, er erinnert sich nicht. Die Augen waren ihm unheimlich. Noch blind, hatten sie nichts von der Welt gesehen und würden sich nicht mehr öffnen. Das Amselkind war im Finstern geboren, starb im Finstern, war an den Flügelspitzen und unterhalb der Kehle schon schwarz gefiedert, dünner Flaum, irgendwie räudig, es sah erbärmlich aus. Er barg das zitternde Tier in der Handhöhle. Die Mutter seufzte und zeigte ihm den Platz im Garten, wo er es hinlegen sollte, damit die Amsel ihr Junges sehen und hören konnte. Er rupfte Gras aus, kehrte mit der Hand etwas Laub zusammen und legte es zwischen die Wurzeln des Kirschbaums. Die Amsel saß in der Krone und schlug. Er versteckte sich hinter den Johannisbeeren, von wo aus er den Platz gut im Blick hatte. Nichts geschah. Die Amselmutter kam nicht herunter, das Junge stieß rhythmisch das schrillende Schnabelloch in die Luft. In der kauernden Haltung schlief sein Fuß ein. Er wartete noch fünf Minuten, dann verlor er die Lust an der Rettung des kleinen Lebens. Er pellte sich aus dem Strauch und ging ins Haus. Die Amsel schlug weiter Alarm, den ganzen Nachmittag hörte er sie draußen im Garten, ihr Wehklagen um das tote Kind.

Jetzt will er seine Hand zu Alexander befehlen. Das Knie unterm Saum seiner Shorts umschließen, die Finger zur Faust ballen in Alexanders Schoß. Alexander würde die Beine schließen, in der Zange seiner Schenkel Vinz an sein Geschlecht pressen, bremsen und beschleunigen nur mit der Kraft der Waden, kilometerweit durch die Nacht mit der ausdauernden Hartnäckigkeit von zwei Jahrzehnten, die er, Vinz, nun schon in Alexander gefangen ist, wie eingewachsen in seiner Mitte, sein Zweimeterleib die Verlängerung von Vinz' zu kurz geratenem Leben, wie sie früher auf ihren ersten Reisen gefahren sind, bis Alexander auf einen Parkplatz lenkte, die Beine lockerte, Vinz entließ und ihre Erregung sich entlud.

Neben dem Smartphone liegt das Notizbuch. Sein Plan ist eine Art Fahrtenbuch, Skizzen von Orten, Landschaften, Begegnungen, aus denen sich wieder ein Rhythmus ergibt, eine neue Richtung für die Geschichte, an der er seit zehn Jahren schreibt: Alexander und Vinz, von A bis Z, nachlesbar in zwei Romanen, die Figuren lebensgroß, doch nicht immer wahrheitsgemäß, und dort, wo sie tatsächlich nackt und in Großaufnahme zu sehen sind, literarisch verhüllt, schließlich geht es ihm um Kunst, nicht um Pornographie. Oder doch? In der ursprünglichen Bedeutung des griechischen Worts ist ein Pornograph einer, der über Huren schreibt. Exhibitionen aller Genres sind auf dem Buchmarkt beliebt, der Borderliner, der Familienvater und sein Kampf, die von Hämorrhoiden geplagte Moderatorin und der Hooligan kehren im Jargon ihrer Milieus die inneren Wucherungen nach außen und simulieren Wahrhaftigkeit. Unter den autofiktionalen Bekennern ist er, Vinz, der gläserne Schwule, der vom Coming-out in der Provinz bis zum Ehevollzug Einblick ins Innere seiner Beziehungen gewährt, »in schonungsloser Offenheit«, wirbt im Klappentext sein Verlag, der bereits nachgefragt hat, ob es mit den beiden denn noch weitergehe. Er weiß noch nichts von Manuel, dem Ringen des Autors um eine noch immer gültige Sprache für sein Lieben, wenn die Schreibkrise, in der er seit Monaten festsitzt, überhaupt von einer unglücklichen Verliebtheit rührt und nicht eher von dem Unglück an sich, weder die Liebe noch das Schreiben über sie hinzukriegen, diese Art Glück, das sich einstellt, wenn beides im richtigen Verhältnis gelingt.

Die vorläufig letzte Szene ihrer Geschichte spielt am Küchentisch. Vor achtundvierzig Stunden, auf der anderen Hälfte der Weltkugel, hat er Alexander das letzte Mal berührt. Vinz saß ihm gegenüber, die massive Eichenholzplatte zwischen ihnen war noch die geringste Distanz. Die Flüge hatten sie schon vor einem Jahr gebucht, keiner hatte damals daran gezweifelt, dass sie die Reise antreten werden. Bisher planten sie ihre Urlaube für das Folgejahr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie den Theaterbesuch am nächsten Abend. Für Vorsichtsmaßnahmen hatte es nie einen Grund gegeben.

Alexander starrte auf einen Artikel in der Tageszeitung, den seine Augen nicht lasen und doch mit zuckenden Lidern taxierten wie auf der Suche nach einer Aussage mit einer sinnhaften Abfolge von These, Argumentation und Beweis. Irgendwann drehte Vinz sich weg von der drohenden Entscheidung. Durch die Flucht von Küchentür und Flur sah er das Stück Himmel im Fensterquadrat seines Arbeitszimmers, ein meist von Regenwolken oder Hochnebel verhangener Ausblick aus der gemeinsamen Wohnung, den er in seinen Romanen immer dann beschwört, wenn er als Erzähler oder Figur nicht weiterkommt. Dave, der Labrador, trottete herein, witterte dicke Luft und fiepte. Da stand Vinz auf und stellte sich vor Alexander, der sich ebenfalls erhob, widerwillig und um Sekunden verzögert. Vinz legte die Arme um ihn und streichelte mechanisch seinen Rücken, Bekenntnis seines Körpers, Alexander zu gehören, bis der sich aus der Umarmung löste und Vinz nun selbst auf die Tageszeitung blickte. Er hat noch nie ein Leben gerettet, schon beim Amseljungen versagt. Also fahren wir, sagte er, die Worte klangen wie abgelesen. Sie lagen weitab einer Frage, denn um jeden Preis musste er Alexanders Nein im Keim ersticken. Es wäre der Stillstand im Rhythmus ihrer Herzen, die nicht mehr ausschließlich füreinander, aber doch im gleichen Takt schlagen, das Blut in einen gemeinsamen und in der Einheit lebensnotwendig gewordenen Kreislauf pumpen, Vinz das kranke Herz, Alexander der Schrittmacher, der eine die Dialyse, der andere das vergiftete Blut, und Geschirr haben sie noch nie zertrümmert, aus fehlender Leidenschaft am Streit oder aufgrund Alexanders Wertschätzung selbst für die billigste ihrer Ikea-Tassen. Aber dann richtig, sagte Alexander, und Vinz nickte schwer. Sie gingen jeder in sein Zimmer, den Koffer packen, ein guter Moment, den Punkt zu setzen.

Am Flughafen teilte er Manuel per App seinen Entschluss mit, heimlich auf der Toilette. Er fürchtete Alexanders Fragen, seinen zweifelnden Blick, der entlarven könnte, wie wenig er selbst an seinen Schritt glaubte. Er schickte die Nachricht ab und starrte auf die unwiderruflichen Worte. Manuel kam wenige Sekunden später online. Vinz versuchte, sich seinen Gesichtsausdruck beim Lesen der Zeilen vorzustellen. Die Leere in seinem Kopf saugte das Licht des Displays auf, er kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, hatte Manuel den Chat verlassen. Er wusste, dass er keine Antwort mehr zu erwarten hatte. Die Wucht, mit der sich der Rückweg verschloss, war wie ein Schlag gegen ein verborgenes Organ, dessen Existenz er erst durch den Schmerz wahrnahm; es lag noch tiefer als das Herz, im Herzhintergrund, dort, wo die unheilbaren Gefühlskrankheiten schlummern.

Er rannte aus der Toilette in die Abflughalle, panisch, das Boarding könnte bereits abgeschlossen sein, so lange hatte er vor dem Waschbecken mit den Worten gekämpft. Alexander saß lesend auf einem der Sessel, hob den Kopf und blickte ihm besorgt entgegen. Am Gate hatte sich bereits eine Warteschlange gebildet. Ab jetzt gab es nur noch die gelbgrünen Straßen in einem Land, das er nur von der Karte und aus den Erzählungen kannte. Alexander stand auf und reihte sich ein. Die Bewegung, mit der er sich von Vinz weg- und hin zur Menge drehte, die in die Passagierbrücke strömte, hatte etwas Zwingendes, Vinz empfand sie als gewalttätig, doch auf Mitleid hatte er kein Anrecht. Wenn sie erst einmal dort wären, würde Alexander schon spüren, dass auch aus dem Trost Nähe erwachsen kann und aus der Erkenntnis, dem Untröstlichen nicht helfen zu können, irgendwann das Verzeihen. Er stellte sich neben Alexander in die Schlange. Es wird schön, sagte der und nickte ihm aufmunternd zu, das war es doch bisher immer. Vinz zog die Mundwinkel hoch und hoffte, dass Alexander die ehrliche Absicht hinter der Maske sah, zu der er sein Gesicht erstarrt fühlte. In der Brust pochte das brandige Gefühl, das seine Nachricht an Manuel hinterlassen hatte, der Wunsch, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Die Angestellte des Bodenpersonals wünschte ihnen mit kaltem Lächeln einen guten Flug. Dann verschluckte sie der metallene Schlund.

Er öffnet den Chat. Er weiß, dass Alexanders Gesicht sich verhärtet, sobald er Manuel zwischen sie schaltet. Er starrt in den grenzenlosen, von einer Platine erzeugten Raum, wie man ein angefahrenes Tier beobachtet, wartend, dass es verendet. Die Augen sind schon starr und glasig, nur der Brustkorb hebt und senkt sich noch leicht. Das Schreibfeld atmet, dehnt sich aus; Manuel könnte jederzeit online kommen, auf neuntausend Kilometer Entfernung trennt sie nur ein einziger Wisch über den Touchscreen. Der analoge Weg zu ihm führt über die Transsaharastrecke, der Toyota bliebe irgendwann im Sand stecken. Ihnen ginge erst das Essen aus, dann das Wasser. Eine im Auto schlaflos verbrachte Nacht, unterm Todesschweigen der Wüste. In den frühen Morgenstunden werden sie von einer Karawane aufgelesen, Tage und Nächte auf dem Rücken eines Kamels, erschöpft an die Schultern zweier Männer gelehnt, von denen sie nur die dunklen Augen im Schlitz ihrer Scheschs sehen. Abends sitzen die Chameliers um das Feuer, reichen ihnen Wasser und Hirsebrei. Sie bezahlen mit ihren letzten Euroscheinen, mit ihrem europäischen Aussehen und dem schlechten Gewissen ihrer Generation. Sie bürden dem Kontinent ihre kollabierende Beziehung auf, sie reisen wie die Figuren aus dem Roman von Paul Bowles, den Vinz vor Abfahrt noch einmal gelesen hat, zur Einstimmung auf das, was sie erwarten könnte. Sie sind ihr eigener Topos, er weiß um ihr Klischee, die Lächerlichkeit, der er seine Figuren mit Antritt dieser Reise preisgibt. Sie fahren durch die Nacht, als wäre die Finsternis eine Allegorie.

Manuel bleibt im Off. Vinz weiß, dass er ständig sein Smartphone kontrolliert, auf allen Kanälen Kommentare und Bilder postet, doch auf seine Nachricht hat er nicht reagiert. Die App meldet I_manu um 18.51 Uhr das letzte Mal online. Vinz hat ihn um zehn Minuten verpasst. Das Tier ist tot. Er hört einen Laut in seiner Kehle, etwas wie Verzweiflung, vielleicht nur die letzte Entladung einer elektronischen Leiterplatte.

Nach der Landung ist er am Flughafen schnurstracks in den nächsten Telefonladen. Ich brauche Netz, hat er gesagt, wie man ein grundlegendes Bedürfnis äußert, dem nachgegeben werden muss. Ich brauche Netz wie »ich habe Hunger«, »ich muss scheißen«, »ich will sterben«. Ein Angestellter verkaufte ihm das teuerste Paket mit Flatrate und Netzgarantie im ganzen Land. Er starrte auf die Finger des Mannes, wie sie die SIM-Karte aus der Plastikverpackung nestelten und Vinz reichten, der seine Hände in diesem Moment sehr deutsch fand. Im Roman erinnert er sie klein und bleich auf dem ersten Schwanz, den er nach dem eigenen angefasst hat, mit achtzehn in einer Klokabine des Filou, der Diskothek am Rand der nahe gelegenen Kleinstadt, wo damals noch die US-Soldaten stationiert waren. Er war stark gekrümmt, schreibt er, reptilhaft, mit einer zungenfarbenen und durch das ausgeprägte Loch an der Spitze tatsächlich an die gespaltene Zunge einer Echse erinnernden Eichel, an der er saugte, während sein eigenes Geschlecht, das den anderen nicht zu interessieren schien, ein verschreckter Wurm blieb, bis das Tier ihm sein salziges Sekret in den Rachen spritzte und so schnell, wie es daraus hervorgestoßen war, wieder im Hosenschlitz verschwand, wobei es, feucht glänzend und irgendwie grinsend, einen Speichelfaden von seinen Lippen zog, ein Anblick, der sich während der Abiturwochen in seinem Kopf einnistete und vorm Einschlafen seine Hand unter die Bettdecke lenkte, bis das Bild, kaum hatte er sich erleichtert, in einem Gefühl tiefen Befremdens erlosch. Am nächsten Tag setzte es sich wieder neu zusammen und sprang ihn vom Aufgabenblatt an, über dem er grübelte, in erregender Detailliertheit und sogar mit dem Glitzern des Neonlichts auf dem zitternden Speichel- oder Spermafaden, so dass er kaum den Freitagabend abwarten konnte, an dem er, und auch an jedem der folgenden Wochenenden, wieder in die Hip-Hop-Disko fuhr, wo er den Soldaten jedoch nie wieder sah.

Der Verkäufer half nicht, als Vinz sich mit SIM-Karte und Smartphone abmühte. Seine Hände zitterten nach dem langen Internet-Entzug während des Flugs. Alexander beobachtete das Gewühl, die aufgeregten Touristen, die alle die gleiche Not an die Tresen trieb, hinter denen das Personal stand und auf den herübergereichten Smartphones die lebensnotwendigen Verbindungen freischaltete. Der Mann hatte sich einer Amerikanerin zugewandt, die in tadelndem Tonfall auf ihn einredete, als spräche sie zu einem Kind. Als das Plastikkärtchen zu Boden fiel, blickte Alexander Vinz müde an und bückte sich. Nahm ihm das Smartphone aus der Hand, setzte die Karte ein, gab es ihm zurück und sagte: Besser jetzt? Dann ließ er Vinz stehen und verschwand in der Menge. Vinz entsperrte den Bildschirm mit der Zahlenkombination seines Geburtstags, dem Zugangscode zum Leben. Von I_manu war auch in den letzten vierzehn Stunden keine Nachricht eingetroffen. Er überprüfte Facebook, wo Manuel am Abend zuvor ein Foto gepostet hatte, das ihn Arm in Arm mit zwei Typen auf irgendeiner Party zeigte; seine offenkundig gute Laune wirkte wie ein zynischer Kommentar auf Vinz' Nachricht, die er kurz zuvor erhalten haben musste. Manuel sah blendend aus, unverschämt gut. Das Bohren in der Brust setzte wieder ein. Er scannte den Körper, vergrößerte auf dem Display mit Daumen und Zeigefinger die Stellen, wo die beiden Männer Manuel berührten, an Schulter und Hüfte, als könnte er dort, in der Unschärfe, die Absicht der Hände ausmachen, einen Hinweis finden auf den Fortgang der Nacht. Draußen wartete Alexander mit einer Packung Aspirin gegen die Kopfschmerzen nach dem langen Flug. Vinz drückte zwei Tabletten aus dem Blister und schluckte sie trocken. Als sie das Büro des Autovermieters erreichten, hatte sich das Bohren in der Brust bereits zum Gefühl einer Entzündung gesteigert, und Vinz wusste, dass ihn dieser Phantomschmerz von nun an auf jedem Kilometer begleiten würde.

Das Vogelkind unterm Kirschbaum schredderte am nächsten Tag der Rasenmäher des Vaters. Abends schlug die Amsel und verteidigte ihr Revier. Das Licht des Displays erlischt. Der Raum schließt sich, die Welt wird wieder dreidimensional. Alexander reißt das Lenkrad herum, der Wagen schlingert, Vinz ruft: Achtung! Der Scheinwerfer pflügt fünf Meter weit in die Nacht. Vom Rand des Lichtkegels springen sie die Schlaglöcher an. Die schwarzen Trichter sind wie Untiere mit aufgerissenen Mäulern, die auf der Fahrbahn hocken. Ihm fällt ein, dass sie keine Versicherung für die Reifen abgeschlossen haben. Die Schlaglöcher springen und schnappen, der Wagen kracht hinein, Alexanders Kopf stößt gegen die Deckenverkleidung, Vinz fällt das Smartphone aus der Hand, es rutscht unter den Sitz. Wenn die Achse bricht, ist ihre Reise zu Ende, ehe sie richtig begonnen hat. Alexander lenkt auf die Gegenspur, wo der Belag besser ist, dann gibt er Gas.

Nördlich der Millionenstadt wurde das Land langsam leer. Das Gewirr der Auffahrten und Brücken lichtete sich, die sechsspurige Straße ging erst in vier, auf dem Freeway dann in zwei Fahrbahnen über, die eine durchgezogene gelbe Linie trennte. In den Kolonnen des Linksverkehrs auf der Stadtautobahn hatte er panisch das Lenkrad umklammert, jetzt lockerte er den Griff. Er heftete den Blick auf den Begrenzungsstreifen, eine Art Widerstand gegen seinen Körper, der instinktiv auf die rechte Fahrbahn drängte.

Townships zogen vorüber. Wildwuchernde Städte aus Wellblech und Lattenwänden, selten eine Hütte aus Beton, die Wäsche kreuz und quer, die Kinder gefährlich nah am Verkehr. Frauen, die in Parkbuchten unter Bäumen Obst verkauften, eine einzige Sorte, zu Haufen geschichtet, bräunliche Avocados, mickrige Bananen, faustgroße Ananas. Holzschnitzereien. Er schaute weg. Die Armut interessierte ihn nicht. Die Route, die er ausgearbeitet hatte, mied Städte und Ballungsräume, überhaupt die Menschen. Wie über einer schwierigen Hausaufgabe hatte er in den Wochen zuvor über Reiseführern und Landkarten gebrütet, eine selbstverordnete Pflichtübung, von der er sich erhoffte, im Innern Klarheit darüber zu erlangen, was er wollte. Im Internet buchte er Unterkünfte und reservierte den Wagen, auf der Homepage des Anbieters war der Toyota silber metallic, Alexander hatte ihm seine Kreditkarte auf den Schreibtisch gelegt. Jede weitere Verbindlichkeit, die er per Mausklick einging, schnürte das Korsett enger, in das die bevorstehende Entscheidung ihn zwängte, und die schwärmerischen Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten steigerten die innere Not; das spektakulärste Naturwunder barg auch die größte Enttäuschung, sollten sich Vinz' Hoffnungen nicht erfüllen: der Blyde River Canyon mit seinen Wasserfällen und den weltberühmten Felsformationen der Three Rondavels, auf den Abbildungen stets in der Abendsonne fotografiert, schrundige, rostrote Zinken, wie blutverkrustet. God's Window, ein Aussichtspunkt auf der Passhöhe, wo der Besucher, glaubt man dem Namen, auf ein vollkommenes Werk hinabblickt, das unmöglich von Menschenhand gemacht oder von menschlicher Phantasie erdacht sein konnte. Auch die Entstehungsgeschichte der Bourke's Luck Potholes wirkte auf ihn wie die Beschwörung einer höheren Macht, die sich der Erschaffung reiner Schönheit verschrieben hat, zur Heilung des Menschen. Am Zusammenfluss des Blyde mit dem Treur River hatten mitgespülte scharfe Kiesel in den Strudeln der Wasserfälle, aus denen die Steine, einmal in den Sog geraten, nicht mehr herausfanden, über die Jahrmillionen tiefe Löcher in den Fels gefräst; wie sich auch Alexander im Lauf der Jahre durch seelische Schürfbewegungen in Vinz eingraviert, der eine im andern sein Relief hinterlassen hat. Es wird schön, dachte er an Alexanders Worte. Verbissen hielt er den Wagen links und raste auf die Berge zu.

In der Ferne ragten die Kühltürme eines Kraftwerks. Der Himmel war gelb und rauchig, schwarze Krusten bedeckten die Verkehrsschilder, die Zeichen fast unlesbar unterm Kohlestaub. Zwei Stunden zogen die Weideländer und Felder des Highvelds vorüber, eine Ebene so verheißungslos, dass sich seine Befürchtung, einen schweren Fehler begangen zu haben, zur Verzweiflung steigerte. Kilometerlang durchquerte die Straße Eukalyptusplantagen, die den Blick in einer Art Tunnel engführten. In unregelmäßigen Abständen tauchte ein Warnschild auf, rotes Dreieck mit Ausrufezeichen und den Worten Crime Alert. Do not stop. Der Anblick der in militärischer Ordnung aufgereihten Bäume mit den blassgrünen Kronen, deren Form an überdimensionale Kerzenflammen erinnerte, war so bedrückend, dass Vinz den Atem flach hielt, wie in einem Versteck, in dem er auf jeden Fall unentdeckt bleiben musste. Kein Busch wuchs in der Düsternis dieses Waldes, kein Unterholz, nicht einmal einen Grashalm ließ der gebieterische Baum an seinen Wurzeln gedeihen, nichts, was sie hätte schützen können, wenn sie im Notfall davonlaufen müssten.

Alexander war eingeschlafen. Vinz fühlte sich im Stich gelassen, allein mit dem Linksverkehr und den Gefahren des fremden Landes. Er schämte sich für seine Eifersucht auf Alexanders Schlaf, diese unschuldige Aussparung von Welt, in die er sich geflüchtet hatte. Erst als ihn das Navigationsgerät nach zweihundert endlosen Kilometern aufforderte, den Freeway zu verlassen, bäumte sich die Landschaft halbherzig auf. Die Nebenstraße war in wesentlich schlechterem Zustand und führte am Sporn eines Gebirgszugs in Serpentinen über einen Sattel, fiel dann wieder in eine Senke ab. Die Berge, noch kaum so zu nennen, rückten auseinander, sackten zur einen Seite weg in den Dunst, duckten sich rötlich unter die Sonne. Sie stand im Norden und beunruhigte ihn, gab ihm das Gefühl einer verkehrten Welt, eines nutzlos gewordenen Instinkts. Die nördliche Sonne war die Neuorientierung, die er suchte, die Kehrtwende, von der nun alles abhing. Sie hatten den Teil der Erde verlassen, der sich nach Süden ausrichtet, hin zu den Ursprüngen seiner Kultur. Wo sonst die Sonne im Zenit stand, spannte sich ein leerer Himmel auf. Als der Wagen über ein Loch im Asphalt holperte, schreckte Alexander hoch, wischte sich den Speichel aus dem Mundwinkel und blickte Vinz fragend an, als wüsste er nicht mehr, wo sie waren; und wenn es einen Grund gab, noch irgendwo gemeinsam zu sein, warum dann hier.

Alle zehn oder zwanzig Kilometer kündigten sich Ortschaften an. Wo eben noch der Zaun einer Farm oder eines Game Reserve die Straße flankiert hatte, standen plötzlich Menschen. Frauen in buntgemusterten Kleidern, eine hob die Hand. Sie beschrieb eine wellige Bewegung zum Boden hin, der ausgestreckte Zeigefinger wies nach unten. Er ahnte, dass sich im Gebüsch am Straßenrand noch andere verbargen, vielleicht die Männer und Söhne. Im Internet hatte er von Fallen gelesen, in die Touristen gelockt würden: eine vorgetäuschte Autopanne, Anhalter, die ein Messer zückten, sobald sie auf der Rückbank Platz nahmen, sogar von scheinbar Verletzten war die Rede gewesen, die verkrümmt auf der Fahrbahn lagen, in einer Lache aus Hühnerblut. Im Rückspiegel senkte die Frau ihre Hand, dann verschwand sie aus dem Blickfeld. Am Scheitelpunkt der Straße tauchten Hütten auf. Der Menschenauflauf am Straßenrand wurde dichter, er sah Kinder in Schuluniformen auf dem Heimweg, Fußgänger, die prall gefüllte Taschen schleppten, manche schienen einfach an der Straße entlangzulaufen, ohne Grund und Ziel, zum Zeitvertreib. Marktstände reihten sich aneinander, das übliche Obst, die Avocados und Ananas. Aus dem Nichts heraus bildeten sich plötzlich Fahrzeugkolonnen. Vor ihnen schwankten Lieferwagen mit aufgetürmter Fracht, Pick-ups überholten in gefährlichen Manövern, auf der Pritsche junge Männer, deren T-Shirts im Fahrtwind flatterten. Vinz bemerkte, wie Alexander ihnen lange nachschaute. Er prüfte, ob die Türen verriegelt waren. Eine Tankstelle, gefolgt von einer Shopping-Mall auf freiem Feld, Parkplätze mit abgestellten Autowracks. Ein Supermarkt, ein Kleidungsdiscounter, Stände davor, Schnellrestaurants. Dann das Dorf, mehr eine Stadt, die sich den Hügel hinaufzog. Das stumpfe Meer der Wellblechdächer, dazwischen die aufgespannte Wäsche, Rauch aus den Kaminen, von Holzfeuern und Ziegelöfen, eine Mülltonne brannte, die Luft waberte, Alexander stellte die Lüftung ab und sagte: Afrika. Nach wenigen Kilometern war alles vorbei. Letzte ausfransende Feldwege, vernachlässigte Gärten mit gesprungener Erde und krüppeliger Saat, das Baugerippe einer weiteren Mall, ein Bagger, in der Schaufel spielten Kinder. Dann wieder Menschenleere. Das Grasland mit seinen Zäunen und Buschgürteln rückte heran, gleichförmig, entkörpert, amnestisch, als wäre das Dorf, die Stadt, das Stadtdorf nur ein Trugbild gewesen. Vinz atmete auf und gab Gas. Die Straße verengte sich, der Belag wölbte sich auf und platzte. Schlaglöcher rissen die Mäuler auf.

Und zwischen den Dörfern die liegengebliebenen Autos. Meist waren es Kleinlaster, bepackt mit Möbeln, Baumaterialien, in Plastikplanen geschnürten Ballen. Die Fahrzeuge standen am Straßenrand, halb auf dem Asphalt, halb im Sand. Einen Trupp, der sie einige Kilometer zuvor überholt hatte, erkannte Vinz wieder. Die Männer hatten auf der Ladefläche gehockt, auf dem Weg zu einer Arbeit oder von der Arbeit nach Hause, jetzt lehnten sie am Wagen, saßen im offenen Führerhaus oder taten ziellos ein paar Schritte, schauten und warteten. Im Rückspiegel sah er, wie einer ihnen nachblickte, weder enttäuscht noch verärgert darüber, dass sie nicht anhielten und ihre Hilfe anboten. Was machen sie da?, fragte er. Alexander drehte sich noch einmal nach ihnen um und schwieg, als wäre die Antwort sein Geheimnis.

Einmal mussten sie den Wagen doch verlassen. An einer Shell-Tankstelle erstanden sie die Treibstoffe, die sie für ihr Fortkommen brauchten: Benzin, Coca-Cola und Nestlé-Schokolade für eine bessere Konzentration auf den Verkehr. Marlboros, die sie im Zehnminutentakt rauchten, gegen die Unendlichkeit der Straße. Im Chicken Inn herrschte Chaos. Ein Radio plärrte durch das Schnellrestaurant, Stimmen schwirrten, Säuglinge schrien. Vinz verstand das System nicht, nach dem die bestellten Gerichte ausgegeben wurden, weder gab es eine Warteschlange noch Nummern. Alle standen herum, kamen und gingen, auf dem Tresen wurden Tabletts von einem zum Nächsten geschoben, die Kassiererinnen schlurften zwischen den Kassen und der Durchreiche hin und her. Hinten spritzte das Fett, standen die Köche in fleckigen Hemden und Flipflops. Sie riefen sich Witze zu, lachten oder schäkerten mit den Frauen, die ihre Hintern schwangen. Das Schleppende und Anstößige ihres Gangs rief Ärger in ihm hervor, er wusste nicht, was an den Körpern ihn so bedrängte, sprungbereit stand er neben Alexander in der Ecke. Er wollte schnell raus hier, zurück in den Wagen und auf die Straße, in den einhelligen Rhythmus, der ihre Reise antrieb und die Geschwindigkeit vorgab, die Pausen, die sie sich gewährten, die Abstände, in denen geraucht und getrunken, Süßigkeiten verteilt, gepinkelt wurde, immer im Einklang, ihr gemeinsamer Puls. Alexander beobachtete still das Treiben, auf der Stirn der keilförmige rote Fleck, der immer dann wie ein Warnzeichen in seinem Gesicht aufflammt, wenn etwas nicht stimmt. Hast du den Wagen abgeschlossen?, fragte er plötzlich. Vinz nickte, doch er war sich nicht mehr sicher. Er griff nach dem Smartphone in der Hosentasche, betastete es, ließ es stecken. Befühlte dann das Portemonnaie, den Autoschlüssel unterm Hosenstoff, den Stoff selbst, darauf gefasst, bereits alles verloren zu haben, nichts mehr festhalten zu können. In Gedanken eilte er auf den Parkplatz hinaus, seine Blicke aber hingen an einem Kleinkind, das zwischen heruntergefallenen Pommes und zertretenen Bonuskarten über den Boden kroch. Noch nie hatte er ein Kind als so abstoßend empfunden. Es war unerträglich heiß, die Sonne knallte auf die Glasfront, von den Fritteusen wehte in Wellen der Fettdunst herüber, der Schweiß rann ihm über die Schläfen. Niemand beachtete sie. An diesem Ort schienen sie unsichtbar, Alexander, der an Körpergröße alle überragte, und Vinz mit seinem südländischen Aussehen, das sein dunkler Bart noch unterstrich; zu Hause hielt man ihn manchmal für einen Türken oder Araber. Außer ein paar Touristen und vom Menschenstrom am internationalen Flughafen abgesehen, hatte er bisher noch niemanden erblickt, den er als Ausländer identifizieren würde; er wusste, wie lächerlich und deutsch dieser Gedanke in einem Einwanderungsland wie diesem war. Wie sah ein Ausländer hier aus, und was unterschied ihn von ihnen selbst? Plötzlich schnellte Alexander vor, nahm irgendein Gericht vom Tresen und eilte nach draußen.

Sie aßen im Stehen. An einer Mülltonne, hastig und schlingend, wie Raubtiere über ihrer Beute, um die schon die Hyänen schleichen. Auf dem Straßenmarkt kauften sie ein paar der kümmerlichen Ananas und ein Bund Kochbananen. Nach dem Chaos im Chicken Inn empfand Vinz den Kauf tröstlich und beruhigend; er gab ihm das Gefühl, etwas Gutes zu tun, sich selbst und dem Land, während er die Münzen in die schwielige Hand der alten Frau zählte und auf das Wechselgeld verzichtete. Die Bananen warf er in den nächsten Müllkübel, weil sie sich als ungenießbar erwiesen, später im Wagen verströmten die Ananas einen süßlich fauligen Geruch. Die anderen Marktfrauen hatten gesehen, wie sie etwas erstanden hatten – sie hatten intuitiv die älteste der Frauen gewählt, in der Annahme, sie sei gleichzeitig die ärmste –, und nun boten alle lautstark ihre Waren feil. Man drängte ihnen Spinat auf, die bräunlichen Avocados, Holzschnitzereien. Ein junger Typ hielt Alexander zwei faustgroße Hippos vors Gesicht; how are you, my friend? Alexander blieb stehen, das war der Fehler. In Sekundenschnelle hatte er die Holztiere in der Hand, ein Elefant drängte rechts, links ein Löwe dazu, Vinz wurde von einer Antilope mit zierlich gedrechselten weißen Hörnern attackiert, ebony, ivory, schallte es in seinen Ohren. Alle wollten ihnen einen »good price« machen, niemand hörte sein gequältes »Nein, danke«, das um Erbarmen flehte.

Alexander kam mit einem Baby-Hippo davon, Vinz ließ vor Aufregung fast die Antilope fallen. Der Händler fing sie auf und schob ihm eine hölzerne Maske zwischen die Finger, die sardonisch grinste. Sie zahlten. Mitbringsel brauchten sie ohnehin, so war das schon mal erledigt. Ihre Einkäufe schienen auf dem Markt eine Kettenreaktion ausgelöst zu haben. Auf dem Weg zum Auto heftete sich ein Schmuckverkäufer an ihre Fersen. Unterwürfig flüsternd, zuletzt mit fordernden Bitten, die wie Befehle aus seinem Mund schossen, versuchte er, Vinz zu überreden, ein Geschenk »for your girlfriend« zu erstehen. Er kroch an Vinz heran und hakte ihm eine Muschelkette an den kleinen Finger. Matches with blond, sagte er, als wüsste er Bescheid. Er hatte schlechte Zähne und roch. Vinz schob ihn weg. Der Mann schlängelte sich um ihn herum und kam von der anderen Seite. She will love this one, sagte er und präsentierte ein Korallencollier. Da blieb Vinz stehen. Er stehe weder auf Schmuck noch auf Frauen, sagte er und packte Alexander am Arm. Der zog ihn zum Wagen, riss ihm den Schlüssel aus der Hand, stieß Vinz hinters Steuer, rannte um die Kühlerhaube herum, sprang auf den Beifahrersitz und verriegelte die Türen. Bist du wahnsinnig, sagten seine Augen. Der Kettenverkäufer klimperte mit seinem Kram gegen die Scheibe. Vinz zitterte am ganzen Körper. Scheiße, stöhnte er, es klang wehleidig und viel zu kraftlos für einen Fluch. Er starrte auf den Parkplatz; die Autos standen kreuz und quer, fuhren an und scherten aus, dazwischen Mütter mit vollen Einkaufswagen und kleinen Kindern, Gruppen modisch gekleideter Mädchen, in den Händen Papiertüten aus Boutiquen und große Becher mit Softdrinks. Am Rand die bunten Stände, die Marktfrauen dahinter, reglos wie selbst aus einem Ebenholzstamm geschnitzt. Vor der Tankstelle warteten Scheibenputzer in ihren orangen Westen auf Arbeit. Ein Parkplatzwächter lehnte am Heck eines Fahrzeugs, den Fuß auf die Stoßstange gesetzt, warf er eine Münze in die Luft und fing sie auf, warf und fing, unablässig. Vinz erwartete, dass das Geldstück jeden Moment auf den Boden fiel. Das kleine Versagen würde alles verändern, das Bild draußen, das dazu verdammt war, sich als Endlosschleife fortzusetzen, erlösen und in ein anderes verwandeln, das ihm weniger beliebig erschien; die Menschen wären plötzlich Pygmäen oder Ureinwohner einer noch unentdeckten Insel, vielleicht auch ein Ameisenstaat oder Dinosaurier in einer prähistorischen Felslandschaft, irgendetwas, das ihn berechtigte, sich einsam, bedroht und in seinem Ekel auf der richtigen Seite des Menschseins zu fühlen, doch die Münze fiel nicht. Vor dem Betonklotz der Shopping-Mall mit ihren Werbebannern sprang sie in den Himmel, der staubig und blind war, ein Himmel über einem Ausschnitt alltäglichen Lebens ohne Tiefe und Deutung am Rand einer gelben Straße, sie waren irgendwo auf der Welt.

Wir müssen aufeinander aufpassen, sagte Alexander plötzlich. Aber ich werde ihn doch nicht wiedersehen, erwiderte Vinz benommen, nachdem er lange eine Antwort gesucht und keine gefunden hatte. Die Vorstellung, auf Manuel zu verzichten, ihn jetzt, nach seiner Entscheidung für diese Reise, nicht einmal mehr begehren zu dürfen, war absurd; sie schien ihm wie das Ende seines Denkens, ein verschlingendes Loch. Wer wäre er dann noch, ohne das Recht auf seine Sehnsucht? Sonst schaffen wir das hier nicht, sagte Alexander, als hätte er Vinz gar nicht gehört, und deutete nach draußen. Vinz duckte sich unter die Handbewegung. Wie in Zeitlupe spannte Alexander vor seinen Augen das Panorama auf, über das er schreiben wollte: die Shopping-Mall mit der Hühnchen-Hölle, den überfüllten Parkplatz, das Gewimmel darauf, die gierigen Straßenhändler mit ihrem Kitsch, das wertlose Obst, die Armut der Marktfrauen, die, sofern sie nicht von Touristen besichtigt wurde, einfach nur lästig war. Den Müll im Wagen und den Unrat seiner Gedanken, das ganze Mitgebrachte und Herumgeschleppte ihrer Geschichte, die ihn nicht mehr brauchte, sie schrieb sich nun selbst. Sein geplanter Roman würde sich ereignen, sobald sie diesen Ort verlassen hätten, er ist die Geschichte dessen, was nie geschieht, weil er nichts davon weiß. Alles, was er dazu beisteuern konnte, war, das hier auszuhalten.

Als Vinz den Motor anließ, fing drüben der Parkplatzwächter die Münze aus der Luft. Er stieß sich von der Stoßstange ab und eilte herüber, um sie aus der Parklücke zu winken. Sie warfen die Einkäufe auf die Rückbank und schnallten sich an. Plötzlich war der Schmuckverkäufer wieder da. Er klopfte ans Fenster, bleckte die Zähne und winkte mit Elfenbein. Vinz gab so abrupt Gas, dass der Parkplatzwächter erschrocken zur Seite sprang. Die Reifen drehten durch, dann schüttelten sie die Verfolger ab.

Der Schlag lässt ihn gegen Alexander prallen, heftiger, als sie in den letzten Monaten je aneinandergeraten sind. Die Finsternis platzt mit hundert Kilometern pro Stunde in den Wagen, presst ihre gemeinsame Zeit auf den einen Punkt zusammen, auf den nun alles hinausläuft. Es gibt nur noch diese eine Richtung, in das Schwarz am Ende des Scheinwerferlichts. Er packt Alexander am Arm, seine Hände sind jetzt überall. Dazwischen Fetzen von Außenwelt, das Armaturenbrett, die Türverschalung, das Lenkrad, das plötzlich wie ein Keil zwischen ihnen klemmt. Gerüche, die auf ihn einstürzen, Alexanders Schweiß, die Anstrengung der letzten vierundzwanzig Stunden, ein Hauch der abgestandenen Luft aus dem Flugzeug, der noch in der Kleidung hängt oder in der Erinnerung. Der Mentholgeruch der Eukalyptusplantagen, der durch die Lüftung strömte. Plötzlich etwas Scharfes, Beißendes, wie von verbranntem Gummi. Zuletzt sieht er Alexanders Gesicht, die aufgerissenen Augen, die Anklage. Du bist schuld. Oder ist es doch der Blick des Liebenden, der im Angesicht des Endes alles verzeiht, um nicht allein zu sterben? Dann kommt der Wagen zum Stehen. Er hört den Motor weiterdröhnen, merkt dann, dass es das Blut in seinen Ohren ist. Irgendwann sagt Alexander: Das war's.

Sie stehen quer. Alexander schaltet die Warnblinkanlage an. Sie klackert rot in der Stille. In Intervallen glimmt die Finsternis auf, wirft eine gespenstische Blässe auf sein Gesicht. Vinz sinkt zurück in den Sitz, sieht den Tachometer, die Nadel auf null. Zu ihrem Ziel in den Bergen sind es noch knapp neunzig Kilometer, anderthalb Stunden auf dieser Straße. Im Kopf fährt er sie weiter zu ihrer Lodge im Nationalpark, gemütliche und geschmackvoll eingerichtete Holzhäuser im großzügigen und auf der Internetseite paradiesisch wirkenden Garten von Willem und Aneke Viljoen, einem älteren Ehepaar, das nach der Buchungsanfrage bedauernd zurückgeschrieben hatte, dass alle Cottages bereits belegt seien, bis auf die Honeymoon Hut; Vinz hatte das als Zeichen verstanden und reserviert. Auf den Fotos der Bildergalerie spannte sich über dem Bett ein kitschiger Baldachin aus blauen Stoffbahnen. Er hatte Alexander den Link geschickt, mit dem Betreff: Sex? :-). Doch als sie am Nachmittag noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft hatten, wusste er, dass er sich verkalkuliert hatte. Ein befreundetes Paar hatte einige Monate zuvor das Land bereist, allerdings die touristische Südküste. Bei einem Treffen präsentierten Bernd und Alf stolz die Mappe, die das Reisebüro für sie vorbereitet hatte; die Wegstrecken waren genau berechnet, sogar die ungefähren Ankunftszeiten bei den Hotels darin verzeichnet. Das ist unter unserer Würde, hatte Vinz zu Alexander auf dem Heimweg gesagt.

Nicht auf offener Strecke anhalten und den Wagen verlassen, warnt die Internetseite des Auswärtigen Amts. An roten Ampeln die Türen verriegeln. Gepäck und Wertsachen nicht sichtbar im Auto liegen lassen. Nebenstrecken in der Dunkelheit meiden. Darunter die Liste der empfohlenen Impfungen, die sie hörig abgearbeitet hatten, von der Typhus-Spritze hatte sich Vinz drei Tage lang krank gefühlt.

Alexander löst den Sicherheitsgurt, reißt die Tür auf, steigt aus. Vinz sieht seine hochgewachsene Gestalt im Scheinwerferkegel. Er taucht weg, sitzt nach ein paar Sekunden wieder im Wagen, zieht die Tür zu und sagt: Total zerfetzt. Vinz muss an die liegengebliebenen Fahrzeuge am Straßenrand denken; plötzlich versteht er das Bild, das sie warnen wollte. Wir rufen Avis an, sagt er und tastet nach dem Smartphone, als hätte er endlich einen Grund dazu. Aber wir leben noch, fügt er hinzu. Im Blinklicht sieht er, wie Alexander die Augenbrauen hochzieht, als wollte er kontern: Tatsächlich? Der Spiegel ist weg, sagt er stattdessen; erst jetzt sieht Vinz den Stumpf an der Beifahrertür, das abgerissene Gelenk. Alexander dreht das Gesicht gegen die Wand aus Nacht, die im Warnblinker aufscheint und wieder erlischt. Dann stößt er die Autotür auf und verschwindet nach draußen. Vinz spürt den Lufthauch, erfüllt vom Geruch nach verbranntem Reifengummi und Benzin, dahinter strömt das Buschveld in den Wagen, der würzige Duft von warmem Gras. Er schließt die Augen. Er möchte schlafen, in der Holzhütte für Verliebte, davor ein Abendessen, zwei Gläser Wein, ein paar Zigaretten auf einer Terrasse mit Blick ins Tal, wo die Lichter der versprengten Dörfer glühen wie vereinzelte Feuernester. Alexander säße neben ihm, sein »Schön« auf den Lippen, das er nicht aussprechen muss, das Vinz nur spürt und sieht, am Glanz seiner Augen. Das Smartphone hat er im Zimmer liegen lassen, es für ein paar Minuten tatsächlich vergessen, seit Monaten das erste Mal. Vinz streckt die Hand nach Alexander aus, der sie fasst und sich zwischen die Schenkel legt. Im Tal heulen Schakale.

Stattdessen hört er die Heckklappe aufspringen. Alexander, der das Gepäck aus dem Kofferraum hievt. Es wieder zurückfallen lässt, die Karosserie knackt. Schritte, die sich entfernen. Dann Stille, so dicht, dass Vinz das Knistern der Nacht zu hören glaubt, die sich, zusammengestaucht von dem abrupten Bremsmanöver, über dem Wagen entfaltet. Plötzlich ein langgezogener, wimmernder Laut, wahrscheinlich von einem Tier, draußen im Busch. Es gäbe Vögel, hatten Bernd und Alf nach ihrer Rückkehr aus dem Land berichtet, die schrien nachts wie gequälte Kinder.

Wenige Sekunden später sitzt Alexander wieder im Wagen. Er keucht, knallt die Tür zu. Die Augen sind aus den Höhlen getreten, das Gesicht bleich, nur auf der Stirn zeichnet sich von der Nasenwurzel bis zum Scheitel der Stressfleck ab, blinkt im Warnlicht. Da liegt was, sagt Alexander, dann lauter, fast schreiend: Da liegt einer, o Gott! Doch Gott ist weit weg in diesem Moment und die letzte Eukalyptusplantage, das letzte Crime-Alert-Schild erst ein paar Kilometer her. Vinz drückt wie im Reflex die Türverriegelung, die Schlösser schnappen zu. Er ringt nach Luft, dann rasselt ein trockener Laut aus seiner Kehle: Tot?

Einzig eine Schildkröte ist ihnen bisher in die Quere gekommen. Auf offener Strecke saß sie mitten auf der Fahrbahn, Vinz konnte gerade noch ausweichen. Ein Lastwagen kam ihnen entgegen, gab keine Lichthupe und bremste nicht ab, die chromblitzende Front bereit, den Toyota auf die Hörner zu nehmen. Er riss das Steuer herum, der Tanklastzug donnerte vorüber, mit Hupsalven wie Gelächter. Er brachte den Wagen mit zitternden Händen zum Stehen. Alexander blickte eine Weile starr auf seine Knie, dann stiegen sie aus. Die Sonne stand auf der Horizontlinie, ihre waagrechten Strahlen dickten die Luft ein, über dem Land hing das schwermütige Gelb kurz vor dem Schwinden des Lichts. Die Fahrbahn spiegelte. Sie liefen am Straßenrand zurück. Die Schildkröte saß auf dem aufgeheizten Asphalt und sonnte sich. Hinter ihr verlief die Straße in die Senke eines Flusslaufs. Ein Fahrzeug näherte sich auf der anderen Seite, Vinz lief schneller. Der schwarze Range Rover raste mit unverminderter Geschwindigkeit auf ihn zu und nahm die Schildkröte zwischen die Räder. Vinz hielt die Luft an, in Erwartung des Geräuschs, Knirschens oder Knackens, mit dem der Panzer zerplatzte. Der Fahrer wandte nicht einmal den Kopf. Arschloch, rief Vinz ihm hinterher; seine Stimme klang in der Weite seltsam tonlos, die Landschaft wellte sich in ihrem Rotbraun und Grüngelb wie ein aufgeschobener Teppich zu den fernen Bergen hin, nirgends ein Hindernis, das sich seiner Wut entgegenstellte.

Die Schildkröte hatte nur ein wenig den Kopf eingezogen, schob ihn jetzt wieder aus dem Panzer hervor, kroch ein Stück, die Bewegung ungelenk, mühsam. Vinz schlich heran und beugte sich über das Reptil. Es hielt inne, die Augen zwei schwarze Knöpfe, ohne Blick und Bewusstsein für die Gefahr. Noch nie hatte er in freier Wildbahn etwas derart Unzeitgemäßes und Lebensunpraktisches gesehen. Weltvergessen glotzte das wulstige Gesicht mit der spitzen Nase und der Mundspalte aus den Jahrmillionen. Vinz war, als grinste es dabei, wie nur ein Ding grinsen kann, dem man in der Phantasie menschliche Züge aufzwingt, um seine Andersartigkeit zu ertragen: Rindengesichter in verwachsenen Baumstämmen, Wolkenfratzen, der Mann im Mond. Es grinste wie damals der Schwanz des Soldaten. Er packte die Schildkröte und setzte sie abseits der Straße ins Gras. Sie fuhr den Kopf wieder aus, beäugte das neue Umfeld, drehte sich um die eigene Achse. Von der Langsamkeit wurde ihm schwindelig. Er ging zum Wagen zurück. Alexander, der hinter ihn getreten war, betrachtete noch eine Weile das Tier, dann folgte er. Als Vinz am Auto noch einmal zurückschaute, sah er die Wölbung des Panzers wieder am Fahrbahnrand. Alexander stand auf halber Strecke. Er wirkte sehr groß vor der leeren Landschaft, in der die höchsten Bäume ihn kaum überragten. Vinz fühlte sich plötzlich bleiern und betäubt, als hätte die Müdigkeit der Schildkröte nun auch ihn befallen, angesteckt wie mit einem Virus. Er schleppte sich an Alexander vorbei zurück. Die Schildkröte saß auf dem Asphalt, mitten in der Todeszone. Vinz setzte sie auf der anderen Straßenseite neben einen Strauch. Mit dem Fuß schob er nach. Er schwitzte in der noch immer heißen Abendsonne, fror gleichzeitig, Wind war aufgekommen, drang unter das feuchte T-Shirt und trieb ihm eine Gänsehaut über die Arme. Von der Senke wehte der Geruch von fauligem Wasser herauf, die Straße querte auf einer niedrigen Brücke den Sumpf. Er fragte sich, ob es dort Krokodile gab. Die Schildkröte betastete ihre neue Umgebung, verharrte, stakste weiter. Es war jetzt so still, dass Vinz das Gras unter den Krallen rascheln hörte. Nach ein paar Minuten saß das Tier wieder auf der Fahrbahn, den Kopf ins Licht gereckt, ausgeliefert seinem Instinkt und einer störrischen Sehnsucht nach Wärme, die noch nie ein Gefühl gewesen war.

Die Tränen brachen unvermittelt hervor. Er bemühte sich nicht, sie zu verbergen. Er stand da, tropfte auf den Asphalt und atmete gegen das entzündete Gefühl in der Brust an. Alexander war herangetreten und betrachtete die nassen Flecken auf dem Asphalt vor Vinz' Schuhspitzen, eine Zigarette zwischen den Fingern. Am Scheitel der Straße tauchte ein Fahrzeug auf. Alexander hob die Hand und beschrieb die wellige Bewegung der Anhalterinnen. An ihm, dem Hellen, Blonden, wirkte sie fremd. Das Fahrzeug verminderte das Tempo, ein Pick-up, auf der Pritsche drei junge Männer. Alexander deutete auf das Hindernis, der Wagen wich aus, fuhr im Schritttempo vorbei, der Fahrer hob kurz die Hand, how are you. Vinz spürte ihre Blicke auf sich, zum Wegdrehen fühlte er sich zu schwach. Er hat doch nur mit dir gespielt, sagte Alexander und schnippte die Zigarette weg. Dann ging er an Vinz vorbei, zog einen Ast aus dem Gebüsch, brach ihn überm Knie entzwei und legte die Stücke um die Schildkröte herum. Vinz wischte sich mit dem T-Shirt übers Gesicht und lief zum Auto zurück, das mit offenen Türen am Straßenrand stand. Er nahm das Smartphone aus der Ablage, entsperrte den Bildschirm und rief den Chat auf. Die unbeantwortete Nachricht war der Beweis für Alexanders grausamen Satz. Er setzte sich in den Wagen und wartete. Die Sonne war plötzlich weg. Als Alexander eingestiegen war, gab er so abrupt Gas, dass die Reifen durchdrehten. Noch eine ganze Weile sah er im Rückspiegel den Buckel auf der Fahrbahn. Dann beschrieb die Straße eine Kurve und überließ Vinz, Alexander und die Schildkröte ihrem Schicksal.

Blut

Die Baseballkappe liegt einen Meter vom Wagen entfernt auf der Straße. Alexander hebt sie auf; die Hoffnung, vielleicht doch nur ein Tier überfahren zu haben, stirbt. Der Rest kommt in Schüben. Mit dem Herzrasen die Erkenntnis, dass ihnen genau das passiert ist, was Touristen in diesem Land niemals passieren sollte. Can you hear me?, ruft Alexander. Als nach ein paar Sekunden ein unerwartet kräftiges »Yes« zurückkommt, gibt es keinen Zweifel mehr. Alexander tritt einen Schritt heran. Er blutet, sagt er. Vinz versteht es als Aufforderung, etwas Sinnvolleres zu tun, als den Atem anzuhalten. Er muss das Gepäck auf die Straße räumen, um den Verbandskasten zu finden. Der Schatten auf dem Asphalt neben dem Kopf des Mannes könnte alles sein, ein Schlagloch, ein Ölfleck, Hühnerblut. Er fragt sich, wer die Crime-Alert-Schilder aufstellt und an wen sie sich richten. Ob ein Einheimischer arm und verzweifelt genug sein kann, um für ein bisschen Bargeld und ein Smartphone auch einen Landsmann zu töten, einen Brother. Alexander hat den Mann in die stabile Seitenlage gebracht. Die weit geöffneten Augen verfolgen jede ihrer Bewegungen. Ob ihm etwas wehtue? Er atmet schwer. Maybe the right arm. Alexander kniet sich hin und tastet den Körper ab. Der Mann stöhnt auf. Do you need an ambulance? Auch die anderen Fragen hört Vinz in Alexanders Stimme zittern: Wie lange braucht ein Rettungswagen in dieser Einöde hierher, und was machen sie in dieser Zeit mit dem Mann? Was macht er mit ihnen? Und wenn sich der Rest der Bande doch im Gebüsch versteckt? No thanks, erwidert er zu ihrer Erleichterung, das sei nicht nötig. Auch die stabile Seitenlage scheint ihm für seinen Zustand übertrieben, er setzt sich auf. Für einen Moment friert die Szene so ein: der Mann auf der Straße kauernd, sie sprungbereit über ihm, auf engstem Raum in der unermesslichen Dunkelheit. Gern würde Vinz das Bild einfach wegwischen wie ein misslungenes Foto im Urlaubsalbum, wissend, dass bessere folgen.

What about you? Are you guys okay? Sie blicken sich an, mit der Gegenfrage scheint auch Alexander nicht gerechnet zu haben. Vinz weicht zurück. In der gefassten Stimme des Mannes glaubt er die Mühe zu hören, die ihm das Wegdrücken der Schmerzen bereitet, aber das könnte auch gespielt sein; beides, der Schmerz wie die Unterdrückung. We are really sorry, sagt Alexander. Es ist sein erstes Schuldbekenntnis in einer langen Nacht der Reue. Did we hit you? Vinz weiß nicht, welche Antwort die schwerwiegenderen Folgen hätte. Haben sie ihn erwischt, müssen sie sich um ihn kümmern; lag er schon vorher dort, gäbe es nun niemanden, der ihnen zur Hilfe kommt.

Er habe einen Knall gehört und dann … Der Mann fasst sich an den Kopf, ruft: Fuck! Vinz wartet auf Alexanders Zeichen. Das Verbandszeug ist eingeschweißt. Er reißt die Plastikfolie mit den Zähnen auf und spürt den Baumwollstoff zwischen den Lippen, der in diesem Moment schon nicht mehr steril ist. Dann steht er da, den Mull wie eine lächerliche Waffe in der Hand. Ich hab ihn nicht gesehen!, fährt Alexander ihn plötzlich an. Vinz zuckt zusammen, kniet sich hin und beginnt zu tupfen. In den Achseln spürt er den Schweiß. Der leichte Wind kühlt nicht, obwohl die Hitze längst nachgelassen hat. Die Luft ist mild und von fremden Düften erfüllt, geradezu balsamisch; die perfekte Nacht, um noch ein wenig auf der Terrasse der Honeymoon Hut zu sitzen. Der Mann zischt durch die Zähne, das Jod scheint zu brennen. Where are you guys from? Vinz spürt seinen Atem in der Nase, neutral, nur ein wenig warm. Germany, sagt Alexander. Der Mann zischt wieder, jetzt nicht vor Schmerz. Er nennt die Bundeskanzlerin, deren Vornamen er auf Englisch und so zärtlich ausspricht, als handele es sich um eine alte Freundin. Vinz riecht jetzt doch etwas, eine Zigarette, vor Stunden geraucht, und die innere Übersäuerung eines Menschen, der lange nichts gegessen und getrunken hat. Er wartet ab, ob der Mann noch etwas sagt, doch der hält nun still. Vinz ist sich nicht sicher, ob er die Wunde auf der Stirn trifft. Ob da überhaupt eine ist. Die Finsternis beginnt kurz hinter seinem Scheitel. Am Straßenrand versickert das Standlicht zwischen Konturen, die eine Vegetation nur erahnen lassen. Nichts raschelt dort, keine Blätter, kein Tier. Er weiß, dass es hier Puffottern gibt. Im Gegensatz zu anderen Schlangen ergreifen sie bei Erschütterungen des Bodens nicht die Flucht, sondern verharren, so dass man leicht auf sie tritt. Beim Kauf der neuen Wanderschuhe haben sie sich für knöchelhohe entschieden. Jetzt trägt er die ausgetretenen Turnschuhe; während des Flugs und der Märsche durch die Abfertigungshallen hätte ihre Outdoor-Kluft sie sofort als Safari-Pärchen entlarvt. Der Dieb, der ihr Gepäck nach Wertsachen durchwühlt, fände zunächst Spuren ihrer Intimität. Auf den Anhängern, die sie für den Fall eines Gepäckverlusts sorgfältig ausgefüllt haben, steht eine identische Adresse. Zwei Männer Mitte vierzig, die zusammen wohnen und reisen, ohne Frau und Familie, und für eine berufliche Mission ist ihre Ausstattung zu privat. Zwei Hartschalenkoffer von Samsonite, Sonderangebot aus einem Räumungsverkauf. Um Platz zu sparen, haben sie nur einen Rasierapparat eingepackt, Deodorant und Gesichtscreme benutzen sie zusammen. Nur die Liebhaber teilen sie sich nicht. In ihrem fünften Jahr haben Bernd und Alf ebenfalls diese Vereinbarung getroffen; Vinz hat es mit Alexander immerhin bis zum achten geschafft. Da spätestens weiß man, wann der andere nachts schnarcht, an welchem Tag er nach was schmeckt, was ihn zum Stehen und was zum Fallen bringt. In Vinz' erstem Roman haben sie noch gemeinsam in die eigene Wohnung eingeladen oder haben fremde Wohnungen immer auch durch die Augen des Freundes betrachtet – Möbelhaus-Besuche zur Folge, ihre Inneneinrichtung hat durch die Öffnung der Beziehung erheblich profitiert. Im zweiten Buch ist jeder auch eigene Wege gegangen. Erst heimlich, später in Absprache, was eine andere und problematischere Form der Heimlichkeit erfordert. Hätte Alexander an jenem Abend Einspruch erhoben, alles wäre anders gekommen – oder geblieben, wie es war.

Er hatte Manuel auf der Dating-App angeschrieben, die er seit ihrer Vereinbarung regelmäßig durchforstet, teils aus sexuellem, teils aus künstlerischem Interesse an dieser Art digitalen Volksseele der Schwulen, die von einem Satellitennavigationssystem gesteuert ruhelos um den ganzen Erdball kreist. Es hatte I_manu in 3,4 Kilometer Entfernung geortet, unter der Headline »Ich tu es trotzdem« und mit den Basisangaben 179/70/26, von denen mindestens eine nicht stimmen mochte. In der Szene, die der Auftakt des dritten Teils ihrer Geschichte sein könnte, sitzt Alexander an den Vorbereitungen seines Mikrobiologie-Seminars, als Vinz mit dem Smartphone in der Hand in sein Zimmer schleicht. Du, sagt er und dehnt das U. Alexander wirft einen Blick auf das Profilfoto und sagt: Kenn ich nicht. Es ist die wichtigste Klausel ihres Abkommens: niemals auf den Haufen des anderen scheißen. Sie haben es nicht nötig, sich gegenseitig ihre Territorien streitig zu machen. Alexander lehnt sich im Stuhl zurück. Hübsch, sagt er, mit Handlauf, und er greift sich an den Gürtelspeck. Vinz mag die kräftigeren Männer, ihren Ansatz zum Bauch, auch Alexanders, der dagegen verbissen antrainiert. Keiner von beiden hat sich während ihrer Freigänge je in Gefühle verirrt, sie folgen nur ihren Trieben. Viel Spaß, sagt Alexander und wendet sich wieder dem Computer zu. Und denk an den Heizungsableser morgen. Vinz nickt und beugt sich vor, der Kuss geht fehl. Alexander ist mit den Gedanken zurück in seinem Vortrag über die menschlichen Proteine, bei den elementaren Bausteinen des Lebens. Zeitsprung, Ortswechsel, zweites Kapitel. Manuel öffnet die Tür und setzt das Gesetz ihrer erfolgreichen Synthese mit einem einzigen Molekül außer Kraft.

Er hört hinter sich den Sand auf der Straße knirschen. Alexander geht um den Wagen herum, der Scheinwerfer wirft seinen Schatten in die Nacht. Vinz nimmt es ihm übel, dass er ihn mit dem Fremden allein lässt. Bei seinen Reisevorbereitungen hat er auf einer Seite von Amnesty International gelesen, dass über sechzig Prozent der Bevölkerung dieses Landes Homosexualität »inakzeptabel« finden, trotz der modernen Verfassung, in der sogar die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich verankert ist. Der Artikel berichtete von Hassverbrechen gegen Schwule und sogenannten Korrekturvergewaltigungen, die lesbische Frauen wieder auf den rechten Weg bringen sollen. Sie hatten daraufhin beschlossen, unauffällig zu bleiben.

May I, sagt der Mann und nimmt ihm den Tupfer ab. Vinz späht zum Wagen, wo Alexander verschwunden ist. Am Straßenrand blüht etwas, blüht oder verwest, es riecht aasig. Die Finsternis dort hat etwas Wesenhaftes, wie ein heimlicher Beobachter. Er spürt ihre Bewegungen. Sie atmet, blinzelt, dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen. Seine Nachtblindheit hat in den letzten Jahren zugenommen, selbst in der hell erleuchteten Stadt traut er sich kaum mehr ans Steuer. Alles könnte jederzeit aus dem Dunkeln auftauchen: ein Elefant, die Räuberbande, ein Raumschiff; das, was er schon immer am meisten gefürchtet hat. Wie in einem Alptraum würde er jeder Erscheinung glauben, sie für wahr und unausweichlich halten.

Als Alexander am Nachmittag des folgenden Tages in sein Schreibzimmer platzte, war Vinz auf alles gefasst. Rückkehr ins gemeinsame Bett, lautet der zweite Paragraph ihres Vertrags, egal zu welcher Uhrzeit. Alexander trug noch den Mantel, auf seiner Stirn flammte der Ärger. Er warf Vinz die Post hin. Die Stromfirma habe ihn während des Seminars angerufen. Vinz rückte näher an das Textfeld auf dem Computerbildschirm. Er scrollte hoch und wieder runter, die Sätze waren zu allen Seiten löchrig, boten keinen Halt. Und überhaupt das Ganze hier! Alexander deutete hinter sich. In drei von vier Zimmern brannte das Licht. Das Fenster im Bad, wo Vinz sich eine halbe Stunde lang Manuels Geruch vom Körper geduscht hatte, stand offen, die Heizung bollerte, die Küche ein Chaos. Dave, den Labrador, der winselnd neben Alexander saß, hatte er nur schnell vor die Tür geführt und gegen das nächste Auto pinkeln lassen. Er drückte die Löschtaste, von rechts nach links fraß der Cursor die Szene. Du bist wie eine Zecke, sagte Alexander in das Stürzen der Sätze hinein, die dem hässlichen Wort nicht standhalten konnten; und das kleine, anämische Tier, das naturgemäß keine andere Nahrung kennt und, wenn es am Blut der anderen nicht saugen darf, kläglich verendet, Vinz also, in den Geburtswehen seines neuen Romans, die ohnehin kaum zu ertragen waren, stellte sich tot.

Alexander kommt zurück, Vinz' Smartphone in der Hand. We better call the police, sagt er und schaut dabei Vinz, nicht den Mann an. Don't!, sagt der, dann weniger nachdrücklich: I don't think we need them. Vinz sieht, wie er das Smartphone beäugt. Die Polizei könnte Probleme machen. Welcher Art?, fragt Vinz. Es sind seine ersten Worte seit dem Unfall, er ärgert sich über den ängstlichen Tonfall. Dann gute Reise, sagt Alexander und reicht ihm das Smartphone mit einer Nachricht von Manuel. Vinz weiß nicht, welcher Stich schmerzhafter ist, Manuels zynischer Gruß oder Alexanders triumphierende Geste. Die Blicke des Mannes wandern zwischen ihnen hin und her. Well, sagt er und deutet auf die Schlaglöcher im Asphalt, because of the speed. Vinz richtet sich auf, auch Alexander weicht ein Stück zurück; die Geschwindigkeitsbeschränkung fällt beiden im selben Moment ein, Vinz kann den Gedanken trotz der Dunkelheit von Alexanders Gesicht ablesen. That's why you crashed, fügt der Mann hinzu und versucht aufzustehen. Are you okay?, fragt Alexander, macht jedoch keine Anstalten, ihn zu stützen. I'm fine, sagt der Verletzte, man möge ihm nur auf die Füße helfen, und er streckt die Hand aus.

Codes

Wenn am Straßenrand eine Gestalt auftaucht, drosselt er die Geschwindigkeit. Es ist ein Spiel: guter Anhalter, böser Anhalter. Wie früher auf den Ferienfahrten der Kindheit Kennzeichen oder Automodelle erraten. Vom Aussehen der Männer schließt er auf mögliche Absichten; solche mit schlechter Kleidung und tief in die Stirn gezogenen Kappen, die das Gesicht zusätzlich verfinstern, kommen nicht in Frage. Überhaupt alle Unattraktiven. Entfernung, die blendende Sonne und eine Physiognomie, die sich erst im letzten Moment offenbart, machen eine Einschätzung schwer. Er wartet auf eine Reaktion von Alexander, der alles unter Kontrolle zu haben scheint: den Gegenverkehr, die gelbe Mittellinie, die vom Navigationsgerät angezeigte Höchstgeschwindigkeit. Ihren Hunger, Nikotinspiegel, Blasendruck, die vorüberziehende Landschaft mit dem unveränderlichen Gebirgszug am einen und den Anhaltern am anderen Rand des Blickfelds wie die spannungssteigernde Panoramasequenz eines Films, in dem der nächste Schnitt die Wende bringt. Wenn sie vorüberfahren, schauen sie den Fremden an und er sie, von außen durch die getönte Scheibe, dahinter zwei männliche Weiße – was auch für den Anhalter einen Unterschied macht. Der Gedanke ist so schnell vorbei wie der kurze Augenkontakt. Vinz gibt Gas; dass auch sie Objekt der Mutmaßung sind, verleiht dem Spiel seinen Reiz. Alexanders Augen wandern zum Außenspiegel, Vinz späht in den Rückspiegel. Leicht zeitversetzt durch die verschiedenen Winkel taucht der Typ noch einmal auf. Wortlos gleicht er mit Alexander ab, was sie sehen.