Table of Contents
Berg der Freude
Impressum
Dramatis Personae
Muirna (80 v.Chr. – 0)
Monjo
Rigwena
Ambiorix
Der Plan
Prätorianer
Die Priesterin
Romreise
Römische Strafe
Berg der Scham
Wechselbad
Aufstand
Käuflich
Keltische Mauern
Keltischer Verrat
Was ist Sieg?
Zwei Seiten
Die Eidechse
Muirnas Feier
Thing
Liebe und Hass
Römische Opfer
Druiden
Tod
Bataver
Die erste Schlacht
Das Schlachtfeld
Alesia
Die Entscheidung
Das gallische Heer
Rückreise
Nach Ara
Monjo
Nachwort
QuellenverzeichnIS
Die AuTORIN
Berg der Freude
Katharina Franken
Frauenerbe
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-3537-2
ISBN e-book: 978-3-7103-3774-1
Umschlagabbildung: Katharina Franken, KI-generiert
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
Innenabbildungen: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_Gallia_Tribes_Towns.png, User: Feitscherg, accessed 07.09.2025.
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Dramatis Personae
Eburonen
-Ammanti: kleine Schwester von Ambiorix
-Ambiorix: Stammesfürst, Sieger gegen anderthalb von Caesars Legionen
-Arduinna: Göttin der nach ihr benannten Ardennen
-Cato: Dorfältester in Monjo
-Catuvolcus: Stammesfürst, Vater von Muirna, starb für sein Volk
-Keylan: Jugendfreund und Leibwache des Ambiorix
-Muirna: Priesterin, Jugendfreundin von Ambiorix
-Rigani: Muirnas Mutter
Haeduer
-Diviciacos: Stammesfürst und Druide
-Dumnorix: wegen Verrats ermordeter Stammesfürst, Bruder des Diviciacos
-Eporedorix: Sohn des Dumnorix, Stammesfürst
-Viridomarus: Sohn der Schwester des Dumnorix und des Diviciacos, Leibwache des Eporedorix
-Litaviccus: Stammesfürst und Verräter
Andere Gallier/ Sklaven
-Vercingetorix: Averner und Anführer des Gallieraufstandes 52-51 v. Chr.
-Critognatus: Averner und Berater des Vercingetorix
-Gallicus: Sklavenhändler
-Diorbhail: römische Sklavin, Köchin
-Lioslaith, Siusaidh, Morag, Issa, Mairi: römische Sklavinnen
-Fenia: von Villius erfundene Freundin
Römer
-Caesar: Feldherr und späterer Imperator
-Villius Volero Civilis: Decurio und Praetorianerpräfekt
-Vipsiana: Tante der Agrippina
Keltische Völker in Mittel- und Westeuropa im Ersten Gallischen Krieg 58-50 v. Chr.
Muirna (80 v.Chr. – 0)
Muirna stolperte durch das Moor, ihre Stute am Zügel. Im beginnenden Frühjahr, nach der Schneeschmelze, stand das Wasser im Moor so hoch, dass nur noch wenig Gras über den Wasserspiegel hinausschaute, jetzt im Sommer jedoch war das Wasser unter den Büscheln kaum zu erahnen. Die Stellen, auf die man seinen Fuß setzen konnte und sicheren Halt bekam, waren dennoch ganz einfach zu erkennen: Die runden Grashalm-Büschel wuchsen wie eine Halbkugel. In der Mitte war der sichere Tritt gewiss. Hier konnte man nicht fehltreten oder im Moor versinken, nein, dieses Hochmoor barg eine ganz andere Gefahr. Es war für sie, als ob sie jeden der scharfen Grashalme, die im Moor wuchsen, von frühester Kindheit an kannte.
So rund, wie die Grasbüschel wuchsen, so rund wie eine perfekte Halbkugel zeigte sich auch die gesamte Vegetation, soweit das Auge reichte. Kein Baum und kein Busch gaben Orientierung. Hier konnte man sich nur verirren; es sei denn, Sterne und Sonne leiteten den Weg. Allerdings hing immer Nebel über dem Moor, tiefe Wolken, die den Blick zum Himmel nur in einheitliches Grau tauchten. Nicht einmal Schattierungen waren zu erkennen. Ein leichter Nieselregen spiegelte die Trauer in ihrem Herzen wieder.
Wo war Ambiorix? Muirnas Vereinbarung mit dem jungen Sieger gegen Cäsars Legionen war, sich an einem Ort hier im Moor mit ihm zu treffen. Wie sie vorausgesehen hatte, hatte ihn das Kriegsglück verlassen. Das änderte nichts an der Tatsache, dass er für sie gekämpft hatte. Für sie und ihren Glauben.
Die Römer verachteten die Frauen. Ihre Götterwelt sah Frauen nur als schöne, intrigante und hinderliche Staffage. Was für ein Unterschied zu dem, wie Muirna die Welt sah: Die Göttin bewahrte die Welt. Sie war alles, was man in ihren Augen zum Leben brauchte. Luft zum Atmen, Liebe, Leidenschaft, die unendliche Kette des Lebens. Männer konnten diese beschützen und zerstören. Aber die Glieder der Kette konnten nur Frauen sein. Muirna musste sich eingestehen: Für sie waren die Männer nur Staffage, eine stolze, aufgeblasene noch dazu, die teilweise gefährlich sein konnte.
Dennoch war sie Ambiorix dankbar. Er hatte ihr den Glauben bewahrt, dass die Göttin auch lieben konnte und nicht nur die Priesterinnenpflicht von ihr verlangte. Pläne mit ihm gegen die Römer zu schmieden, das hatte ihr geradezu diebische Freude gemacht. Bis Ambiorix sich dann den anderen keltischen Stammesfürsten zuwenden und sie die Vorbereitungen für ihre Flucht beginnen musste. Fast zwei Jahre hatten sie sich nicht gesehen. Jetzt musste ihr Ziel, ihre Oase im Nebel, halten, was sie ihm versprochen hatte. Selbst, wenn er nicht zurückkam.
Langsam veränderte sich auf ihrem Weg die Vegetation. Vereinzelt tauchten Birken und Haselsträucher auf. Sie wusste, gleich würde sie an einer Klippe stehen, die den Blick freigab auf ein fruchtbares Tal. Und auf der gegenüberliegenden Seite stand der erste Steinturm, den sie je gewagt hatten. Sie hatte sich darüber mit vielen Druiden und Seherinnen beraten. Schließlich hatten ihr die Galaterinnen weiterhelfen können. Hinzu kam, dass sie bei den Galaterinnen schreiben lernen konnte. Verrückt, dass die Druiden dies verbaten. Sie war sich mit den Galaterinnen einig gewesen, dass nur die Schrift das Wissen wirklich sicher bewahrte. Das hatte doch nichts mit der römischen Lebensweise zu tun, wie die Druiden behaupteten.
Sie hatte die Pläne für den Steinturm mit den galatischen Architektinnen entworfen und sogar Römer danach gefragt. Als sie zufrieden war, hatte sie gemeinsam mit den anderen Frauen und Kindern der Eburonen an dem „Allo“ gebaut. Sie hatten die Schiefersteine zusammengetragen und aufgetürmt. Von diesem Turm aus hatten sie den Blick über das gesamte Tal. Kein Römer würde den Fuß in das Tal setzen, ohne dass es bemerkt würde. Zudem schützte das Moor die Eburonen nahezu von allen Seiten. Nur im Süden lagen die Gebirge der Arduinna. Hier wohnte die Göttin. Arduinna würde sie ganz besonders von dieser Himmelsrichtung aus beschützen.
Mit der Hand beschattete Muirna die Augen, als sie ins Tal hinabschaute, das nebelfrei war. Wie wunderschön friedlich sah das Treiben dort aus. Die Rur floss jetzt im Frühsommer etwas träger als normalerweise. Im Winter war sie reißend und kalt.
Und schon sprang die kleine Ammanti ihr entgegen. Ammanti musste sie von der Aussichtsplattform gegenüber dem Allo erspäht haben. Dort hatten sie nur ein Holzhaus erbaut. Aber die Plattform auf dem Berg der Freude – so hatten sie die Felsenspitze genannt – wurde offensichtlich zumindest von den Kindern genutzt.
Von dieser Felsenspitze aus hatten Ambiorix und Muirna das Tal zum ersten Mal gesehen und gewußt, dass es die Lösung war: Die Lösung, wie man den alles beherrschenden Römern für Jahrhunderte aus dem Weg gehen konnte. Und die Welt für die eburonische Bevölkerung erhalten konnte, ohne dass sie ihren Glauben und ihre Kultur aufgeben und die weibliche Hälfte ihres Volkes zu einem Leben in Scham und Schande als römische Sklavinnen unter römischem Gesetz verurteilen mussten. „Berg der Freude“, das war er in der Tat.
Die eburonischen Frauen waren schon immer besonders gewesen. Die Göttin Arduinna hatte ihnen mehr Bedeutung gegeben als den Frauen bei allen anderen keltischen und erst recht den römischen Völkern. Das lag vielleicht daran, dass die Großwildjagd hier nicht möglich war. Es gab nur Niederwild oder Hirsche und Rehe. Nicht besonders kraftaufwändig, das Ganze. Und kämpfen musste man ums Überleben, um die Freude am Leben, aber sicherlich nicht um das Land der Arduinna. Das wollte sowieso keiner haben. Keiner jedenfalls, der es nicht kannte, so wie sie.
Monjo
„Hast Du uns etwas mitgebracht?“ Ammanti holte sie aus ihren Gedanken mit dieser uralten Kinderfrage. Muirna hatte ihre Stute hinter sich hergeführt. Etwas, was sie auch mit ihren Schwestern im weit entfernten Galatien geteilt hatte: rassige Pferde von der arabischen Halbinsel. Sie liebte es, darauf hoch selbst über den reitenden Kriegerinnen und Kriegern auf ihren kleinen stämmigen Pferden zu sitzen. Sie hatte Ambiorix den passenden Hengst dazu geschenkt. Seine stolze Haltung auf seinem Rappen hatte Freund und Feind gehörig beeindruckt, wie sie es geplant hatte. Ob der Hengst und sein stolzer Reiter noch lebten?
„Ammanti, in meinen Satteltaschen habe ich Samen von Weizen aus Galatien, aber der wird kaum hier wachsen. Also nimm Dir ein paar Körner. Probier‘ einfach mal.“
„Hast Du Ambiorix gesehen?“
„Nein, Ammanti, habe ich nicht.“
„Aber Du liebst ihn noch?“ Dieses Kind mit den für Eburonen recht blonden Zöpfen war die kleine Schwester von Ambiorix, sehr wach, sehr klug, aber auch unverschämt neugierig.
„Genauso wie Du, kleine Schwester!“
„Wohl kaum“, schnaubte sie, griff aber fröhlich nach Muirnas Hand. Eigentlich war sie schon fast zu groß dafür. Im letzten Sommer war sie noch gewachsen. Die ersten Ansätze für weibliche Rundungen zeigten sich schon. Muirna spürte einen leichten Anflug von Neid. Ach, wenn sie doch nochmal… Aber ihre eigene Jugend war auch wunderschön gewesen, die Liebe zu Ambiorix eingeschlossen.
Muirna wusste nicht, wann sie angefangen hatte, sich Sorgen zu machen und damit ihre Jugend verloren hatte. Planung war nun einmal Priesterinnen-Pflicht. Aber sie hatte den Verdacht, dass sie hätte einfach nicht immer so neugierig sein sollen, um ihre Jugend noch ein wenig länger zu bewahren. Sie hatte aber soviel lernen wollen, fast wie Ammanti. Sie verstand, dass die Galaterinnen es geschafft hatten, von den Griechen „das Richtige“ zu lernen. Das wollte sie auch für die Eburonen. Und damit fing ihre Reise in den Südosten bis nach Galatien und nach Rom an.
Jetzt aber wollte sie nur noch in Ruhe und Frieden gemeinsam mit Ambiorix alt werden. Wollte sie das wirklich? Würde sie Rinder- und Schweinehüten, Kinder unterrichten und gebären und all die täglichen Verrichtungen wirklich zu schätzen lernen? Ihr Heiligtum kam ihr in den Sinn: der große Fels über dem kleinen See, nur eine Stunde zu Fuß von hier entfernt. „rigwena“-Stein, „Königsliebe“ hatte sie den Ort genannt. Der König war für sie Ambiorix, aber der Ort war durch Arduinna verzaubert. Wie oft hatte sie an dem Felsen geopfert und nach weiteren Visionen gesucht. Aber ihr Leben hatte für die Göttin wohl keine große Bedeutung mehr. Umso wichtiger, dass sie Ammanti unterwies.
„Ammanti, hast Du schreiben geübt, wie ich Dir aufgetragen habe?“
„Der alte Cato hat mir gesagt, das brauche ich nicht.“
„Aber Ammanti, was hat der denn dazu zu sagen? Du bist langsam in einem Alter, in dem Du Dir eine eigene Meinung erlauben kannst. Aber sicher nicht die eines alten Mannes übernehmen solltest, der zu lange bei den Römern war.“
„Ich glaube, er findet Schreiben und Lesen an sich nicht gut. Würde nur die Augen verderben und teures Pergament verbrauchen. Darüberhinaus ist es noch viel Arbeit und das Gedächtnis würde dann bald auch nicht mehr funktionieren….“
„Und was glaubst Du?“
„Wenn ich keine Lust zum Schreiben habe, finde ich es sehr bequem, Cato zu glauben. Ist das so falsch?“
Muirna musste wider Willen lächeln. „Nein, das zeigt nur, dass ich Dich noch nicht vom Sinn des Schreibens und Lesens überzeugen konnte, trotz des Allos und der anderen Konstruktionen für die Rinder und Schweine. Na, warte, ich schaffe das noch, spätestens, wenn wir die Römer mit neuen Waffen schlagen.“
„Brauche ich das Schreiben für Waffen? Wäre es dann nicht besser, niemand würde schreiben…“
„Da bist Du ja, Muirna.“ Der Göttin sei Dank, wurde Ammanti von Muirnas Mutter unterbrochen, die ihr ebenfalls, allerdings bergan und deutlich gemessener, entgegengeeilt war. „Wie froh bin ich, Dich zu sehen! Du siehst blaß aus. Was hast Du auf dem Weg gegessen? Hast Du überhaupt gegessen? Und wie siehst Du eigentlich wieder aus? Warum hast Du unsere Hosen an? So erkennt Dich ja jeder Römer!“ rief sie schon von weitem. Warum musste eigentlich eine Priesterin auch eine Mutter haben? Große Göttin, sie machte Muirna wahnsinnig. Aber sie war ihr auch unendlich dankbar.
„Mama, ich bin durch das Moor gekommen. Da kommen die Römer mit ihren Sandalen nicht hin.“
„Wir haben das…das…das Mühlrad gebaut, genau wie Du gesagt hast. Es ist schon ganz gut. Auch wenn ich nicht verstehe, wozu Du das brauchst. Römischer Schnick-Schnack. Ambiorix würde das auch nicht mögen. Hast Du das wenigstens mit ihm besprochen?“
„Mama, Du weißt, dass ich ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen habe. Und, dass er über so etwas nicht nachdenkt. Er hat mehr damit zu tun, unsere Brudervölker hinter sich und gegen die Römer aufzubringen. Da liegen Mühlräder nicht unbedingt auf seiner Prioritätenliste ganz oben.“
„Prioritäten? Was soll das nun? Die Göttin liebt es, wenn man alles gleich schätzt. Prioritäten sind eine römische Erfindung. Du warst zu lange in dieser Welt. Ja, ich weiß, Du hast da viel gelernt und bist eine bedeutende Persönlichkeit geworden, mit einem Ruf weit über die Eburonen hinaus. Ich bin ja auch stolz auf Dich, aber könntest Du Dich mal um das Naheliegende kümmern? Ambiorix will Dich bestimmt nicht mehr, weil Du nicht das tust, was naheliegend ist. Und wie kommt es eigentlich, dass Du nicht mehr jenseits des Moores benötigt wirst? Könntest Du Ambiorix nicht helfen? Warum hast Du überhaupt all das gemacht, wenn Du es jetzt nicht nutzen kannst?“
Mit „all das“ meinte ihre Mutter die Reise nach Galatien, den Aufenthalt in Athen und Rom, die ständige Suche nach Geld und Gold, die vielen lehrreichen Jahre ihrer Reise. Ambiorix hatte all das Gold genommen, um es den anderen Stammesfürsten als Brudergabe anzudienen. Damit sie mit ihm gegen die Römer kämpften. Muirnas Vater war zur gleichen Zeit gestorben und ihr war eh alles egal gewesen. Jetzt war ihre Mutter allein und sie auch.
„Hast Du von meiner Schwester gehört, Mama?“
„Nein, und es ist mir auch egal. Sie ist mit ihrem Römer nach Hispania gezogen. Sie behauptet, dass die Römer viel gebildeter sind als wir und die einzige Zukunft sind. Vielleicht hat sie recht, aber…“
„Ambiorix kommt bestimmt bald, Mama, und dann hast Du wieder eine Familie. Könntest Du Dich bitte wenigstens ein bisschen in der Zwischenzeit um Ammanti kümmern? Sie weiß doch noch nicht, wo die Göttin wohnt. Sie hat noch immer nicht gelernt.“
Wenn sich ihre Mutter und sie in einer Sache einig waren, dann darin, dass man möglichst viel lernen sollte. Ja, dass das sogar die einzige Chance gegen die Römer war. Aber Lernen bedeutete auch Versuche zu machen, und da waren sie sich schon nicht mehr so einig. Aber immerhin, das Mühlrad war da.
Sie kamen im Dorf an, das sie stolz Aduatuca getauft hatten. Aber eigentlich nannte es jeder Monjo – Berg, Berg der Freude. Kein Römer hatte wohl davon gehört und erst recht keine Römerin. Muirna musste bei dem Gedanken lächeln, dass sie bei den Römern immer nur an Männer in Sandalen dachte. Römerinnen kamen gar nicht in ihrer Gedankenwelt vor. Ja, so würde es wohl bei den Römern sein. Die römische Geschichte war eine Geschichte der Männer. Das hatte sie schon bei diesen unsinnigen Propaganda-Geschichten von Caesar gestört.
Sie besichtigten das Mühlrad. Wenigstens Wasser, vielleicht aber auch anderes könnten sie mit dessen Hilfe bewegen und auch über Berge befördern. Die Römer in Ara, früher einmal ein großes Dorf der Eburonen, und die Römer, die sich um die heiligen Städte des Grasnos versammelten, würden vielleicht Wert auf das frische Wasser legen. Bei Grasnos gab es zwar die heiligen Quellen, aber die stanken ja unerträglich. Das würde die empfindlichen Näschen der Römer nicht akzeptieren. Und, zugegeben, die Aquaedukte der Römer hatten sie schon immer fasziniert.
Jetzt musste sie erst einmal schnell einen Grund finden, warum Cato, der alte Zimmermann, das Mühlrad hatte bauen müssen. Der Alte stand schon mürrisch da und wartete neben dem schweren Stein, der sich als Gegengewicht auf der anderen Seite des Mühlrads drehte. Muirna streute den mitgebrachten Weizen auf einen anderen flachen Stein und schob ihn vorsichtig unter die Unterseite des drehenden Steins.
„So kann man zum Beispiel Korn mahlen, ohne dass sich jemand anstrengen muss.“ sagte sie, ohne große Hoffnung, dass das Cato überzeugen würde.
„Muirna, das ist Energie und Bewegung, wie sie auch in Mensch und Tier wohnt. Ich glaube, die weiß ich zu nutzen. Aber misch Dich nicht ein. Du solltest Dich lieber um die Götter kümmern. Das Praktische überlässt Du lieber uns.“ Mit dem „uns“ schloss er einfach die gesamten Dorfbewohner, fast vier Hände voll an Menschen mit ein, die sie von Kindesbeinen an kannte. Das waren viele Menschen und doch, das Volk der Eburonen war einmal ein stolzes Eibenvolk gewesen, mit so vielen Menschen, wie die Eibe Nadeln hatte.
Sie fühlte sich – nicht zum ersten Mal – ausgeschlossen. Als hätte sie das Dorf verraten, als sie es zum ersten Mal verlassen hatte, nur, dass das Aduatuca ihrer Kindheit nicht hier in Monjo, sondern im herrlichen Rheintal lag. Ambiorix, ja Ambiorix, würde ihr wieder das Gefühl von Heimat zurückbringen, das ihr spätestens beim Tod ihres Vaters verloren gegangen war. Mit ihm würde sie Kinder haben, die sie mit den anderen Kindern des Dorfes zusammen unterrichten würde. Nie mehr sollte Wissen verloren gehen.
Am Abend schlief sie in der Hütte ihrer Mutter, nachdem sie noch lange mit den anderen Dörflern am Feuer gesessen hatten. Meist drehten sich die Gespräche um Ambiorix und Muirnas Vater. Es gab keinen wirklichen Anführer mehr im Dorf, seitdem ihr Vater gestorben und Ambiorix auf der Flucht war. Ihr Vater war Catuvolcus gewesen, der die Menschen aus Aduatuca vor dem Zugriff der Römer gerettet hatte. Er war ein stolzer Mann, mit eigentlich römischer Nase und so beeindruckenden blauen Augen, dass sich vor ihnen sicherlich nichts verbergen ließe. Immerzu lächelte er und hatte nie ein böses Wort. Aber keiner zweifelte letztendlich seine Autorität an.
Ambiorix, der zweite der Doppelkönige der Eburonen, und Muirnas Vater hatten sich nicht wirklich geschätzt. Ambiorix war soviel jünger, voll Energie und Tatendrang. Sentimentalitäten waren nicht sein Ding, während ihr Vater immer versuchte zu verbergen, wie traurig es eigentlich in seiner Seele aussah. Catuvolcus hatte schließlich zum Wohle des eburonischen Volkes, aber auch um Ambiorix Vorsprung zu geben, den Eibenbecher gewählt – ein Opfer für die Römer. Insgeheim glaubte Muirna, dass es ihrem Vater damals wohl nicht so unrecht war, eine Ausrede für diese Wahl zu haben. Eigentlich war er am Leben verzweifelt, daran, dass es kein dauerhaftes, endgültiges Mittel gegen die Römer geben würde. So war der Eibenbecher, das tödliche Gift, für ihn das Mittel der Wahl.
Den Frieden, wie Muirna gehofft hatte, und die Ruhe, hier auf Ambiorix zu warten, fand sie in Monjo nicht. Ammanti und die anderen Kinder, ein Dutzend, hatten sich zumindest auf den Unterricht am nächsten Morgen mit ihr gefreut. Als die Sonne wieder aufging, hatte Muirna in der Hütte ihrer Mutter kaum Schlaf gefunden. Sie traf sich dennoch mit den Kindern. Ammanti war natürlich wieder die Klügste, aber alle waren sie noch nicht so weit, wie sie gehofft hatte. Muirna sprach noch einmal mit ihrer Mutter Rigani über den weiteren Unterricht und dass endlich eine eigene Hütte dafür entstehen müsse.
„Du weißt doch, dass Cato keine Lust dazu hat, eine Schule zu bauen. Er findet, dass es reicht, wenn die Kinder lernen, was Arbeit bedeutet. Und wie sie sich und später ihre Kinder durch den Winter bringen. Alles andere liegt in der Hand der Göttin.“ Muirna hatte wider besseren Wissens den Verdacht, dass Rigani nur ihrer eigenen Meinung Ausdruck verlieh. Sollten sie doch machen, was sie wollten. Es war nicht mehr ihre Sorge. Sie hatte für eine sichere Zukunft gesorgt. Alles andere legte sie tatsächlich in die Hand der Göttin.
Schon am Nachmittag brach sie auf nach Rigwena. „Aber Du bist doch gerade erst hier angekommen. Willst Du nicht wenigstens etwas zu essen mitnehmen? Wir geben Dir Nachricht, sobald Ambiorix hier eintrifft. Ach, Muirna, sollen wir Ambiorix und Dir eine Hütte bauen? Die kannst Du doch dann als Schule benutzen….“ Rigani wollte sie nicht loslassen, aber sie konnte das alles nicht mehr ertragen. Warum nur war sie nicht mehr zufrieden mit dem Leben hier?
Der Weg nach Rigwena ging immer bergauf. In dem kleinen Perlbach spiegelten sich die Strahlen der Sonne, die glitzernden Schuppen der kleinen Forellen erzeugten bewegliche Lichtpunkte im Wasser. Auch die Süßwassermuscheln funkelten, von denen sie wußte, dass sie einige Perlen in sich verschlossen. Die Sonne schien durch das dichte Blattwerk von Buchen und Eichen. Da lag der kleine See auf einer Lichtung – Rigwena, wo sie sich eine einsame Hütte bauen wollte und die Göttin suchen.
Rigwena
Geräusche ließen sie aufmerksam werden. Auf ihrem Platz auf der Lichtung war ein Lager entstanden! Und offensichtlich nicht so gebaut, wie es Kelten tun würden: Eine frei gerodete Fläche, Gräben, ausgehobene Latrinen, die entsprechend stanken, Zelte. Kein Zweifel, das war ein römisches Lager, aber höchstens für eine Dekurie. Was machten die Römer hier? Hatten sie Monjo schon entdeckt, war das ein Spähertrupp, der vielleicht Ambiorix suchte? Die Römer durchkämmten das Eburonengebiet und alle angrenzenden Gebiete der Belger systematisch und auf Befehl Caesars, um Ambiorix endlich zu finden. Wenn die gewußt hätten, dass eigentlich sie, Muirna, hinter der Finte gesteckt hatte, die Caesar anderthalb Legionen gekostet hatte! Aber dass eine Frau, noch dazu Keltin, dazu überhaupt in der Lage war, lag außerhalb ihrer Erfahrungswelt. Sie musste schmunzeln. Von Ambiorix würden sie das auch nicht erfahren, dazu war der mittlerweile viel zu stolz auf „seinen“ Sieg. Und immerhin hatte er ja auch die Falle organisiert, die Muirna sich ausgedacht hatte.
Was sollte sie nun machen? Muirna beobachtete das Lager. Etwa fünf oder, nein, sieben Männer konnte sie sehen. Einer trat gerade aus einem größeren Zelt. Das war mindestens ein Decurio oder Zenturio! Wie widersinnig hier in voller Uniform herumzulaufen. Selbst den Helm mit einem merkwürdigen Besatz von langen – wahrscheinlich Pferde - Haaren hatte er fast stolz in der Hand. Die anderen Männer waren alle in gallischen Hosen. Also tatsächlich ein Spähertrupp. Sie hatten sich also hier eingerichtet, um in alle Richtungen ausschwärmen zu können. Wahrscheinlich war das hier nur der Anlaufpunkt. Eine Pferdekoppel hatten sie auch schon errichtet, mit mindestens 20 Pferden darauf. Auf den braunen Hengst ging der römische Offizier zu. Aha, der muss wohl Meldung machen.
Sie sah sich den Offizier genauer an: Ihr erster Eindruck war der von Stärke. Er war groß, für einen Römer sowieso, und hatte ausgesprochen breite Schultern. Starke Arme, einen aufrechten Gang, aber irgendwie wollte die Uniform nicht so recht zu ihm passen. Die Sandalen sahen lächerlich aus, die nackten Beine ebenso und, obwohl die eitlen Römer doch für Männer durchaus schmeichelhafte Uniformen hatten; sie war definitiv für schmächtigere Menschen gemacht.
Von dem, was sie sehen konnte, war sein Gesicht ebenso kantig wie seine Figur, und die Erfahrung, die sich in ihm spiegelte, hatte auch schon einige Kerben hinterlassen. Die entschlossene Überlegenheit des Eroberers lag in seiner Miene, hier natürlich völlig deplatziert genau wie seine Uniform. Sie wollte unbedingt mehr über die Römer so nah an Monjo wissen und fasste einen – vielleicht nicht ganz durchdachten - Plan.
Schnell versteckte sie ihre Stute Direign in der Nähe und querte zu Fuß den Weg des Römers, der gerade losgeritten war. Sie hatte sich die ohnehin kurzen Haare noch ein bißchen zerzaust, ihre Kleider konnte sie nicht mehr wechseln, aber mit ein bißchen Glück würde sie glaubwürdig einen männlichen Kelten auf Wanderschaft abgeben können.
Muirna verstellte dem Römer den Weg und winkte. Ungeduldig zügelte der Offizier sein Pferd. „Was willst Du, Gallier?“ Er hatte nun diesen Helm auf, der sogar ein Visier hatte. Lieber wäre es ihr gewesen, er hätte das Visier geschlossen gehabt. Blaue Augen musterten sie von oben bis unten, zu Schlitzen verengt – verdammt, wie ihr Vater.
„Ihr habt hier Euer Lager aufgeschlagen.“ Es war mehr ihre Feststellung als eine Frage, so sehr Muirna sich auch bemühte, einen unterwürfigen Ton anzuschlagen.
„Ich wüsste nicht, was Dich das anginge, Gallier…oder Gallierin?“
Nun, dass sie eine Frau war, hatte er leider offensichtlich schon bemerkt. Muirna überlegte fieberhaft, wie sie ihn ausfragen konnte und nicht er sie. Am wichtigsten war jedoch, dass sie keinerlei Bedeutung für ihn hatte, so dass er sich später an die Begegnung nicht mehr erinnern konnte.
„Also, was willst Du?“ Offensichtlich war er ungeduldig geworden. Die Ungeduld ließ sich nutzen.
„Ich wollte überhaupt nicht stören,“ sagte sie in gutem Latein, damit er den Eindruck gewann, dass sie aus dem zivilisierten Teil Galliens kam, jedenfalls dem, den die Römer als zivilisiert betrachteten. „Ich habe überlegt, ob ich Euch anbieten soll, dass wir Euch mit Nahrungsmitteln und Baumaterial versorgen? Oder braucht ihr andere Dinge? Wir haben auch schöne Töchter und Met...“
„Wer bist Du überhaupt?“ Er ließ sich nicht abbringen, selbst durch das Versprechen auf die Erfüllung von gewissen Grundbedürfnissen aller Krieger und Legionäre. Was hatte sie nur an sich, dass sie nie unauffällig sein konnte? Oder hatte er sie mit diesen blauen Augen schon durchschaut? Na, ein bißchen konnte sie zugeben. Er würde nichts über die Lebensweise der Eburonen wissen oder wissen wollen. „Ich habe meine Mutter besucht; sie sind Torfstecher im Moor.“
„Und da wandert eine junge Gallierin hier ganz alleine im Wald herum? Wo willst Du denn hin? Und von wo willst Du mir Proviant besorgen?“ Er grinste, mehr wie ein Raubtier, dass genüsslich seine Beute in die Enge treibt. Das lief gar nicht wie geplant. Immerhin stieg er vom Pferd, aber irgendwie trieb sie das noch mehr in die Enge.
„Es war nur so ein Gedanke. Ich wollte nur nicht den Eindruck erwecken, dass ich Euch feindlich gesinnt bin. Schließlich gibt es genügend Mitglieder meines Volkes, die das tun. Ich hingegen…“ Sie wusste genau, dass sie plapperte. Dabei sollte sie sich erst einmal darüber freuen, dass er sie jung fand, obwohl sie das mit ihren 27 Jahren mit Sicherheit für einen Römer nicht mehr war. Jung und Frau – und damit ungefährlich. Er schnitt ihr das Wort und die Gedanken ab.
„Liebe Frau, das ist alles nicht wichtig für mich. Du kannst mir nichts bieten, was ich haben will. Und gefährlich wirkst Du auf mich wahrlich nicht.“
„Dann werdet Ihr mir nichts tun, auch wenn ich Euch öfter begegnen würde?“ Irgendwie hatte sie das Gefühl, das er zu seinem Wort stehen würde, wenn er ihr das verspräche.
„Mach, was Du willst, aber lass meine Jungs in Ruhe. Sie sind nicht gewohnt, Begegnungen mit einsamen Frauen im Wald einfach so hinzunehmen. Sie würden Dich auf eine Weise beschützen wollen, die Dir bestimmt nicht gefällt.“ Sie nickte. Es hatte ihr die Sprache verschlagen.
Er stieg wieder auf. Sie wollte gehen. „Falsche Richtung. Den See solltest Du bei Deinen weiteren Besuchen meiden.“ rief er über die Schulter, bevor er davon galoppierte. Sie blieb stehen und musste erst einmal durchatmen und die Schultern straffen. Das war ganz und gar nicht so gelaufen, wie sie das geplant hatte.
Egal, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, und schließlich hatte er sogar in gewisser Form recht gehabt. Sie würde das Lager meiden. Außerdem hatte er nicht durchgezogen. Er hätte auf Antworten drängen können. Das hatte er nicht getan. Vielleicht ein guter Anfang. Was für ein Unsinn, wenn, dann konnte das nur ein guter Anfang vom Ende sein! Die Römer mussten so schnell wie möglich weg von hier. Was, wenn sie den Berg der Freude entdeckten? Erst einmal musste sie zurück nach Monjo und die anderen warnen.
Sie wollte dennoch mehr über diesen Decurio wissen... Nein, sie atmete noch einmal durch, noch vor Monjo würde sie erst einmal zur Göttin gehen. Würde und Ruhe, das brauchte sie jetzt für einen Plan. Nicht die Gedanken an einen Decurio, der Römer, Mann und Feind war. Wenn ihre Nase sie nicht getäuscht hatte, roch er gut. Wie, zur Arduinna, hatte sich jetzt dieser Gedanke…
An der Felsenhöhle auf dem Altar entzündete sie zunächst ein Feuer. Das natürliche Steinbecken war mit klarem Wasser gefüllt. Arduinna hatte – wie immer – für genügend Regen gesorgt. Sie nahm den Becher an ihrem Gürtel und schöpfte damit das heilige Wasser. Ihren Armreifen warf sie ins Becken und schaute auf die sich kräuselnde Wasseroberfläche, die sich langsam wieder beruhigte. Sie schob alle Gedanken von sich. Ja, so könnte es gehen. Aber warum nur kam sie sich beobachtet vor?
Direign schnaubte. Wenn Muirna dem Römer gefolgt wäre, hätte sie gewußt, woher er seine Befehle empfängt. Aber dann hätte sie Monjo nicht warnen können. Viel mehr Sinn machte es, jetzt erst einmal mit den Eburonen zu sprechen. Die Nacht verbrachte sie am Heiligtum, um die Helligkeit des Tages für ihre Rückkehr nach Monjo zu nutzen.
Ambiorix
„Ambiorix ist da!“ Ammanti rannte ihr entgegen. Freude glühte auf ihrem Gesicht, als sie Muirna durch den strömenden Regen in die Arme lief. „Er hat gute Nachrichten: Vercingetorix ist zum Aufstand bereit. Und er kann hierbleiben, Vercingetorix will den Oberbefehl selbst haben. Und Ambiorix will sich um uns kümmern und Dich sehen…Er hat schon Pläne für das Mühlrad…“
Mittlerweile kam sie in der Mitte der kleinen Dorfgemeinschaft an. Obwohl es erst Mittag war, saßen alle in der Hütte des Cato. Als sie eintrat, sah Ambiorix auf, der als einziger stand. Sie sahen sich in die Augen. Seine grün-grauen Augen, die im Zwielicht der Hütte kaum als farbig zu erkennen waren, verbanden sich mit ihren. Seine Augen und seine Miene zeigten Härte, eine Härte, die undurchdringlich war. Sie hasste diese Verschlossenheit, auch wenn sie wußte, dass sie nur sein verletzliches Inneres beschützen sollte. Oder war das vielleicht gar nicht mehr da?
„Muirna, da bist Du ja!“ sagte ihre Mutter und sah von Ambiorix zu ihr und wieder zurück. „Muirna, setz Dich zu uns!“ sagte Ambiorix ohne viel Emotion in der Stimme und als ob er ihr Befehle erteilen könnte. Sie schlenderte in eine der hinteren Reihen und setzte sich. Ambiorix erzählte und die Eburonen hingen alle an seinen Lippen. Wie er von Stammesfürst zu Stammesfürst in Gallien geritten war, während Caesar ihn bei den Belgern oder im Rheintal vermutet hatte. Wie er mit Vercingetorix und Dumnorix gesprochen hatte. Wie er Muirnas Geld und Gold für den Aufstand verwendet hatte. Wie sie Caesar jetzt schlagen würden. Wie er sich geopfert hatte, um Vercingetorix den Vortritt zu lassen. Wie er unerkannt wieder zu seinem Volk zurückkehrte, um hier jetzt ein neues Zuhause aufzubauen. Mit seinem Volk.
Oder was davon übrig war. Mit der Schuld, dass nur noch wenige Eburonen überlebt hatten, würden sie beide leben müssen. Aber das neue Zuhause, das hatte sie, verdammt noch mal, allein aufgebaut! Während er seine wichtigen Gespräche geführt und Reisen gemacht hatte, hatte sie die Eburonen hierhergeführt und alles für sie vorbereitet. Hatte sie ihren Vater verloren und nur noch funktioniert. Hatte sie die Freude am Leben verloren, auch wenn der Berg von Monjo Freude versprach.
Als Ambiorix geendet hatte, löste sich die Versammlung auf. Nur die Kinder liefen noch immer um ihn herum, als er auf Muirna zuging. „Ich habe ihnen heute frei vom Unterricht gegeben“, sagte er lächelnd und für einen Augenblick der listige, kleine Junge, der er früher einmal war. „Du kannst sie ja morgen wieder unterrichten! Was für ein Glück, dass Du da bist, Muirna. Jetzt können wir wirklich von vorne beginnen. Lass uns gleich anfangen damit. Ich will Kinder haben!“
Er hatte sie noch nicht einmal berührt. Für ihn war ihr Körper nur das Mittel zu dem Zweck, eine Familie zu gründen und sesshaft zu werden, sich auch mit einem unbedeutenden Leben abzufinden. Er schaute sie an: „Wie siehst Du überhaupt aus? Zerzauste Haare, Hosen und wahrscheinlich tagelang nicht gewaschen. Ich dachte, wir wären uns einig, dass die Reinlichkeit der Römer durchaus ein Zugewinn ist. Ich dachte, mich begrüßt hier meine Königin. Na, egal, wo ist unsere Hütte?“
„Sie sollte in Rigwena sein. Aber da sind jetzt Römer,“ antwortete sie mit einem leisen Anflug von Zynismus.
„Wo ist Rigwena und wo sind jetzt Römer?!?“ Sie erzählte von ihren Beobachtungen und Ambiorix rief die Dörfler wieder zusammen. Sie brauchten einen Plan. Ambiorix vermutete, dass sich Caesar selbst nur eine bis zwei Tagesreisen von hier aufhielt. Das war zumindest deswegen wahrscheinlich, weil Caesar gerade aus Britannien gekommen war und jetzt sicher die Vorbereitungen für die Winterlager auf dem Festland traf. Das könnte die Anwesenheit hoher Offiziere im Wald erklären. Vielleicht hatten sie Ambiorix auch verfolgt. Das erörterte Ambiorix allerdings nicht vor den Dörflern. So genau wollte er diesen Gedanken wohl auch nicht weiterverfolgen.
Die Römer mussten weg, bevor sie Monjo entdeckten. Oder hatten sie es schon entdeckt? Wenn ja, dann hatten sie es noch nicht zerstören wollen. Warteten sie auf die Ankunft von Ambiorix und wollten sie es dann überfallen? Egal, ob sie Monjo nun gesehen hatten, oder nicht, die Römer mussten weg. Das war allen Dörflern klar. Aber wie? Der Befehl musste von Caesar selbst kommen. Er musste die Suche nach Ambiorix aufgeben und sich naheliegenderen Problemen wie anderen Aufständen zuwenden, mit allen Kräften, auch mit der Turma, der Reitereinheit, im Wald der Arduinna.
Der Plan