Berg der Macht - Robert Corvus - E-Book

Berg der Macht E-Book

Robert Corvus

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Beschreibung

Der Granit des Bergs Ianapat verleiht dem Adel ewiges Leben. Der Preis dafür: die Trennung der Seele vom Körper, denn unsterblich sind nur Geister. Die Adelshäuser sind dem Willen jener Geister unterworfen. Nach den Launen der Unsterblichen fechten sie ihre Fehden aus – und besiegeln Bündnisse mit Heiraten. Doch die Grafentochter Semire von Schneegrund will beweisen, dass mehr an ihr von Nutzen ist als nur die Hand, die sie einem Baron reichen kann. Währenddessen tritt der Maler Quilûn in den Dienst des Tiefen Hauses Schneegrund. Unversehens wird er zu einer Figur im Machtkampf der Herrschenden. Seine Stellung könnte das Tor zur Gerechtigkeit und Freiheit für alle sein ...

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Cover & Impressum

Prolog: Neue Erfahrungen

Eins: Werde ein Mann

Sechzehn Jahre später

Zwei: Berufung

Drei: Suche

Vier: Spiele

Fünf: Der Kampf um Haus Schneegrund

Dramatis Personae

In Prolog und Kapitel Eins

Ab Kapitel Zwei

Glossar

Eins: Werde ein Mann

Semire von Schneegrund presste ihren Rücken an den Felsen. Ein scharfkantiger Vorsprung drückte neben ihrer Wirbelsäule. Flach atmend lauschte sie auf die Geräusche ihres Verfolgers.

Kemar bewegte sich auf einem Pfad unter ihr. Er benutzte den Weg aus festgetretenem Schotter, der unter seinen Stiefeln knirschte.

Vielleicht hätte Semire ihn sehen können, aber dazu hätte sie sich vom Felsen lösen und vorbeugen müssen. Dadurch hätte Kemar sie seinerseits leichter erspäht. Zudem trieb ihr schon der Gedanke daran, dass sie an einer vier Schritt hohen Kante stand, den Schweiß aus den Poren. Sie musste sich nicht auch noch vergewissern, dass es eine Fingerlänge vor ihren Fußspitzen nichts als Luft gab. Wenn sie hier oben strauchelte, würde sie ungebremst fallen.

Semires Herz klopfte, aber sie war froh, dass sie stärker war als ihre Angst. Sie hielt die Lider geschlossen, lauschte weiter auf Kemars Schritte und spürte die Sonne auf ihrem Gesicht. Steinstaub trocknete ihre Lippen aus. Der Wind drehte und zupfte an ihrem Haar. Sie hoffte, dass er keine Strähne mit sich nahm, um sie Kemar vor die Füße zu wehen. Der Mann war ein Giftzwerg, aber unaufmerksam war er nicht. Sicher fraß es an seinem Stolz, dass Semire ihm entwischt war.

Leider trug der Wind nun die Gespräche der Männer und Frauen in der Senke, die Meißelschläge, die Rufe der Bauarbeiter, das Knarren der Gerüste und das Knirschen der behauenen Steine heran, sodass sie Kemars Schrittgeräusche übertönten. Oder war er stehen geblieben?

Semire atmete etwas tiefer. Der Steinstaub kitzelte in ihrer Nase.

Sie konnte nicht ewig hier an den Felsen gepresst abwarten. Blinzelnd öffnete sie die Lider.

Zweihundert Schritt von ihr entfernt mühten sich Männer mit schweißglänzenden Oberkörpern an Flaschenzügen und Karren, auf denen sie behauene Steine zur Baustelle schafften. Andere wuchteten Trümmer aus dem beschädigten Palast. Ein Architekt, der unter seiner pelzbesetzten Robe und dem voluminösen Hut sicher ebenso schwitzte wie die Arbeiter, inspizierte die Bruchsteine. Er zog die Pergamentrollen zurate, die sein junger Gehilfe ihm anreichte, wohl, um zu entscheiden, welche davon sich noch verwenden ließen und welche man in die Schlucht werfen würde. Mit Gesten und Rufen versuchte er, die Arbeiter anzuleiten, aber die hatten anscheinend entschieden, besser ohne seine Anweisung auszukommen. Lautstark stritten sie miteinander, welcher Stein wo gesetzt werden sollte, um den kleinen Palast neu erstehen zu lassen.

Plötzlich erkannte Semire, dass die Männer sie ebenso leicht sehen könnten, wie sie umgekehrt die Baustelle in den Blick nahm. Ihr rotes Kleid hob sich deutlich vom grauen Granit in ihrem Rücken ab. Hätte sie über zauberisches Talent verfügt, hätte sie die Kraft des Gesteins vielleicht nutzen können, um sich unsichtbar zu machen. Aber als Tochter eines Grafen brachte man ihr nur bei, wie man Blumen steckte oder gefällige Muster stickte, wie man bedeutungslose Konversation trieb und Männer mit Gesang unterhielt. Wütend ballte sie die Hände zu Fäusten, bis die sorgfältig gefeilten Fingernägel in ihre Handflächen schnitten. Semire wünschte sich, sie würden abbrechen, und lächelte grimmig beim Gedanken an die entsetzten Rufe ihrer Erzieherin, wenn sie eine solche Misere entdeckte.

Entscheidend war, dass niemand die auf dem Sims an der Felswand stehende junge Frau entdeckte und ihren Aufseher auf sie aufmerksam machte. Nur einen Schritt müsste sie tun, verlangte Semire von sich selbst, schob den linken Fuß zur Seite und zog den rechten nach. Und noch einen Schritt, und dann wieder einen. Jeder einzelne von ihnen war zu bewältigen. An die vor ihr liegende Strecke versuchte sie nicht zu denken.

Der Granit war so kantig gebrochen wie gesprungenes Eis. Die Konzentration auf simple Bewegungen half Semire, die Aufmerksamkeit vom Abgrund zu lösen. Der Sims, auf dem sie sich entlangarbeitete, verbreiterte sich. Ein Felsbrocken auf der gegenüberliegenden Seite des Pfads unterbrach die Sichtlinie zur Baustelle.

Semire löste sich von der Felswand. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Sie schob ihr Haar am Hinterkopf zusammen, drehte es zu einem Strang und steckte diesen in den Kragen ihres Kleids, damit ihr die Strähnen nicht mehr ins Gesicht wehten.

Mit Mühe widerstand sie dem Drang, über die Kante zu spähen, um zu überprüfen, ob Kemar die Suche wirklich aufgegeben hatte und zu ihrem Vater zurückgekehrt war. Stattdessen setzte sie den Weg auf dem Vorsprung oberhalb des Pfades fort.

Sie folgte dem zerklüfteten Profil des Granits bis zu einer Stelle, an der ihr Sims in der Felsflanke verschwand. Semire hatte auf eine Gelegenheit gehofft, zurück auf den Boden zu gelangen.

Zögerlich knabberte sie an ihrer Unterlippe. Sie sah über die Schulter. Wenn sie denselben Weg nähme, den sie gekommen war, käme sie natürlich auch wieder hinunter und könnte dann dem Pfad folgen. Aber dort mochte sie auch Kemar erwarten und dann hätte sie ihn vergeblich mit dem honigbestrichenen Hasenbraten abgelenkt. Dabei hatte sie die Leibspeise des Wächters den ganzen Weg den Berg hinaufgeschleppt. Bei jedem Schritt hatte sie das zusätzliche Gewicht in ihrer Umhängetasche gespürt. Ein Rucksack, wie die Männer ihn trugen, wäre besser gewesen. Aber sie war ja kein Mann, sondern eine Dame. Wieder ballte sie die Hände.

Vorsichtig trat sie an den Abgrund. Ein paar Steinchen rutschten über die Kante. Das Klackern, mit dem sie die Flanke hinabfielen, erschien Semire sehr laut.

Sie schluckte und blickte mit angehaltenem Atem nach unten. War der Boden nicht mehr ganz so weit entfernt? Drei Schritt vielleicht noch?

Aber noch immer tief genug, damit man sich auf dem harten Untergrund alle Knochen brechen konnte. Es ging so steil abwärts, dass sie allenfalls flach an den Fels gedrückt hinunterkäme. Sie müsste sich an den Kerben festhalten, die das Wetter in den Granit gespült hatte, und an den krüppeligen Gewächsen. Wenn Semire abrutschte, war nicht einmal ausgeschlossen, dass sie sich ein Knie brach.

Sie dachte an Terenk, den Schuster, den alle wie einen Greis behandelten. Dabei war er noch gar nicht so alt. Es lag an seinem steifen Bein. Natürlich würden sich die besten Ärzte um Semire bemühen und auch die Zauberer vermochten viel zu richten, aber die Fehde mit Haus Adlerhoch hatte bewiesen, dass auch ihre Kunst Grenzen kannte. Am Ende mochte das Beste, was Semire bliebe, ein edel lackierter Stock mit einem Silbergriff sein.

Sie schluckte und machte einen Schritt zurück.

Statt sich am Abstieg zu versuchen, folgte sie dem Sims so weit wie möglich. Sie krallte sich an den Felsen und lehnte sich über den Abgrund hinaus. Auf keinen Fall durfte sie nochmals nach unten schauen …

Tatsächlich! Von hier aus konnte sie die zweihundert Schritt entfernte Brücke sehen, über die sie hergekommen waren. Eine Handvoll Wachen lagerte auf Decken, die den Untergrund aber wohl nur unwesentlich weicher machen würden. Die Männer aßen Brot, Wurst und Käse, die sie in einem Korb mitgebracht hatten. Die Sonne glänzte auf den Eisenharnischen und der Klinge eines Schwerts, das einer der Männer polierte. Ein Krieger, der sein Haupthaar geschoren hatte, dessen Bart aber ein wild wuchernder schwarzer Busch war, nahm seinen Helm ab. Trotz der Luftlöcher an den Seiten schwitzte man bestimmt unter dem aufgeheizten Metall. Dennoch sollte eine Wache stets bereit sein!

Der Fels knirschte unter Semires Fingernägeln.

Erschrocken bemerkte sie, wie weit sie sich herausgelehnt hatte. Sie zog sich zurück. Das Trauerband, das sie mit voller Absicht eng gebunden hatte, schnitt schmerzhaft in ihren rechten Oberarm.

Wieder klopfte ihr Herz so schnell wie der Flügelschlag einer Taube. Sie durfte nicht so feige sein!

Zu ihrem Ärger hörte sie sogleich die Stimme ihrer Erzieherin in ihrem Kopf. Schüchternheit stünde einer Dame gut an, würde sie jetzt sagen.

So gern wäre Semire bei den Kriegern an der Brücke gewesen … Mit einem Eisenharnisch und einem Kampfhammer. Nur, weil sie eine Frau war, durfte sie Haus Schneegrund nicht auf diese Art dienen. Es war so ungerecht!

Sie presste die Lider zusammen, öffnete sie wieder, suchte einen sicheren Halt und lehnte sich erneut hinaus.

Der Bärtige hatte den Helm wieder aufgesetzt. Er beschäftigte sich mit seinen Pfeilen, prüfte anscheinend die Befiederung. Ein Langbogen stand an einem der Pfosten, die die Hängebrücke auf dieser Seite der Schlucht verankerten.

Der Mann sah in Semires Richtung.

Hatte er sie vorhin bemerkt und tat deswegen jetzt so diensteifrig? Seine Kameraden ließen es ruhiger angehen. Das Essen schien ihnen zu schmecken.

Ein warmer Windstoß wehte Staub in Semires Nase. Sie nieste und hätte beinahe den Halt verloren. Mit einem Ruck zog sie sich zurück auf den Sims.

Sie ärgerte sich über das Zittern ihrer Oberarme. So lange hatte sie doch gar nicht in der Wand gehangen! Wenn Semires Vater ihr erlaubt hätte, sich mit den adligen Knaben im Kampf zu üben, hätte sie die Anstrengung sicher gar nicht gespürt. Vom Sticken bekam man natürlich keine Muskeln … Das gefiel ihrer Erzieherin. Schlanke Glieder seien vorteilhaft, meinte sie. Bei den Jungs sah sie das anders. Sie zog Semire damit auf, dass Derrek Eichfrost so etwas wie ein Held sei, weil er während der Fehde einen erwachsenen Gegner erstochen hatte. Semire verweigerte ihr den Gefallen, Derrek anzuhimmeln. Der Knabe war erst dreizehn, ein Jahr jünger als Semire, und seine Ruhmestat war das Ergebnis eines Versehens. Adlerhochs Truppen hatten das Haus seiner Familie gestürmt und Derrek hatte nicht rechtzeitig fliehen können. Semire dagegen hätte lieber selbst am Gegenangriff von Haus Schneegrunds Truppen teilgenommen, als Derrek zu bewundern. Als sie das ihrer Erzieherin erklärt hatte, war diese beleidigt gewesen. Sie dachte wohl, und das nicht ganz zu Unrecht, dass alle ihre Bemühungen an die Tochter des Grafen verschwendet seien.

Noch einmal nieste Semire und auch danach kribbelte ihre Nase noch, sodass sie auch ein drittes Mal nicht unterdrücken konnte. Außerdem brannten ihre Augen. Unglaublich, wie viel Staub eine Baustelle aufwirbelte!

»Wer ist da oben?«, fragte eine tiefe, ein wenig ungeduldig klingende Stimme.

Semire drückte sich an den Felsen. Ihr Herz klopfte schnell.

»Da oben ist doch jemand!«

Sie hielt den Atem an, bis helle Punkte wie Glühwürmchen vor ihren Augen tanzten.

»Borras!«, rief die Stimme. »Komm her, da oben versteckt sich ein Spion.«

Resignierend atmete Semire aus. »Schon gut!« Sie zwang sich zu einem entschlossenen Schritt, der sie an die Bruchkante brachte.

Unten stand der Mann mit dem wuchernden Bart. Seine linke Faust war um den Griff des Schwerts geschlossen, das in seiner Scheide steckte. Semire vermutete, dass das keine Angriffshaltung war, aber allein die muskulösen Arme und die grimmig zusammengezogenen Augenbrauen ließen den Mann bedrohlich wirken. Die Formen des Helms, vor allem die spitzen Bögen, mit denen der Nasenschutz in die Sichtöffnungen überging, verstärkten das noch.

Waffen und Rüstungen verwehrte ihr Vater Semire. Aber er hatte ihr beigebracht, wie sich eine Adlige durch ihre Ausstrahlung schützte. Auch kräftige Grobiane verhielten sich sanft wie Lämmer, wenn sie sich aufgrund einer natürlichen Ordnung unterlegen fühlten.

Sie hob die noch immer juckende Nase ein wenig an. »Ich versichere mich lediglich, dass wir keine unliebsamen Überraschungen zu befürchten haben.«

»Selbstverständlich, hohe Herrin.« Die Worte klangen nicht ehrerbietig, vielleicht sogar spöttisch.

Sollte sie den Krieger dafür zurechtweisen? Oder machte sich eine vierzehnjährige Grafentochter damit lächerlich?

»Gibt es dort oben Feinde, die einen Hinterhalt planen?«, fragte der Bärtige.

»Nein. Alles in Ordnung.«

Er trat zurück, so weit es der Pfad zwischen den Felsen erlaubte, und besah sich den Sims, auf dem Semire stand. »Dann könnt Ihr ja zurückkehren, junge Herrin.«

Semire presste die Zähne aufeinander. Sie hasste es, wenn man ihre Jugend betonte. »Nein, ich werde meinen Weg fortsetzen.«

Der Krieger wandte den Kopf, bis sein Blick auf die Stelle gerichtet war, wo der Granit den Sims blockierte, und lüpfte die linke Braue, bis sie unter dem Eisen des Helms verschwand.

Semire ballte die Hände zu Fäusten. Sie würde jetzt nicht klein beigeben! Krieger respektierten Mut. Wenn sie diesem Mann zeigte, dass sie keine Angst hatte, würde er sie vielleicht mit zu den Wachen an der Brücke nehmen. Dann könnte sie ihnen zusehen, wie sie ihre Waffen pflegten, und ihren Gesprächen lauschen. Mit etwas Geschick mochte Semire sie zu einem Übungskampf verleiten. Sie liebte es, wenn Funken aus Waffenstahl sprühten!

Ihr Herz flatterte, aber sie zwang sich, dennoch in die Hocke zu gehen und in eine Mulde im Granit zu greifen, von der sie hoffte, dass sie ihr Halt gäbe. »Ich komme hinunter«, kündigte sie an.

»Das wäre nicht weise.« Nun klang Besorgnis in der tiefen Stimme.

Das gefiel Semire. Wenn sie jetzt tapfer blieb, konnte sie den Mann beeindrucken! Sie schob einen Fuß über die Kante und raffte ihr Kleid bis zu den Knien, um ihren Bewegungsspielraum ein wenig zu erweitern. Grimmig lächelnd bemerkte sie den Staub auf den Stiefeln. Nicht gerade das Schuhwerk einer Dame. Terenk hatte sie ihr angefertigt, weil sie dafür gesorgt hatte, dass sich ein Heiler um den Keuchhusten seiner Frau kümmerte. Noch etwas, das sie von ihrem Vater gelernt hatte: Gefälligkeiten mit Augenmaß zu verteilen, um sich die Menschen zu verpflichten. Außerdem hatte sie Respekt vor dem Schuster, weil er seine Arbeit mit solcher Gründlichkeit versah. Auch bei Semires Stiefeln verband eine zusätzliche Naht das Leder mit der Sohle.

Gerade wollte sie wagen, ihr Gewicht dem Hang anzuvertrauen, als sie eine Bewegung bemerkte.

Mit einem herablassenden Lächeln schlenderte Kemar um einen Felsvorsprung. Dem in schwarzes Leder gekleideten Mann, der Semire nur knapp bis zum Kinn ging, machte der Abgrund zu seiner Rechten offensichtlich nichts aus. Er beachtete noch nicht einmal, dass sein kurzes Schwert gegen den Granit schlug, was wegen der eisernen Verzierungen an der Scheide ein metallisches Klacken verursachte. An seinem rechten Arm flatterte das graue Trauerband im Wind.

»Habt Ihr Euch auf dem Weg zum Abtritt verlaufen?« Kemars schiefes Grinsen verzog das spitze Gesicht, das Semire auch wegen der vorspringenden Nase an eine Ratte erinnerte.

Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, zog sie das Bein zurück, erhob sich und klopfte den Staub aus ihrem Kleid. Es kam auf die Würde an, dachte sie. Mit festem Schritt ging sie an Kemar vorbei – auf der Innenseite, zwischen ihm und der Granitwand – und trat den Rückweg an.

 

***

 

»Sie spricht nicht mit mir«, stellte Kemar sachlich fest. »Ich weiß nicht, was sie dort oben am Felsen gesucht hat.«

Ein Lächeln rundete die Wangen von Semires Vater. Obwohl der kurz geschnittene Bart ihm etwas Samtiges verlieh, wirkte das Gesicht nicht weich. Trotz des Sieges hatte die Fehde mit Haus Adlerhoch Falten in die Stirn und die Winkel neben den Augen gekerbt.

»Ich nehme an, meine Tochter hat unsere Truppen inspiziert.«

So weit oben auf dem Berg, außerhalb der Mauern des Familienpalastes, trug er einen Harnisch, dessen Leder beinahe so dunkel war wie sein Haar. Eiserne Applikationen in Form von Schneekristallen verstärkten ihn, aber der wichtigere Schutz waren natürlich die winzigen Figürchen auf den Schultern, die filigran aus Granit gemeißelte Burgen darstellten. Ihre zauberische Kraft machte einen Helm überflüssig.

»Steht alles zu deiner Zufriedenheit?«, erkundigte er sich bei Semire.

Der Wind zupfte an den losen Enden des grauen Trauerbandes am Oberarm ihres Vaters, als wollte er mit dem dünnen Stoff Semires Mutter nachwinken, wo immer diese jetzt sein mochte.

Sie spürte das Band an ihrem eigenen Arm. Semire hatte es gelöst und fester neu gebunden, als ihre Erzieherin außer Sicht gewesen war. Keinen Augenblick wollte sie ihre Mutter vergessen.

»Die Waffen unserer Krieger werden ihnen wenig gegen Imagolems nützen.« Semire versuchte, im Gesicht ihres Vaters zu lesen. Sie wollte ihm beweisen, dass sie etwas von der Kriegsführung verstand, obwohl man ihr den Unterricht darin verweigerte. Deswegen durfte sie nichts Dummes sagen. »Sie haben Schwerter und Bögen dabei. Keine Hämmer.«

Ihr Vater sah hinüber zur Baustelle, wo der kleine Palast neu entstand. »Erinnerst du dich, wie die Steine hierher gebracht werden?«

»Mit Ochsen, so hoch es geht.« Semire beschattete die Augen mit der flachen Hand, als könnte die Beobachtung der Männer, die Steintrommeln zu einer Säule aufstapelten, ihr verraten, welche Absicht ihr Vater mit seiner Frage verfolgte. »Dann mit Trägern. Sie benutzen Stangen aus Eisenholz.«

Ihr Vater nickte. »Und weiter?«

»Damit bringen sie die Steine hierher.«

Kemar spie aus. »Im Krieg und in jedem Kampf geht es um entscheidende Kleinigkeiten. Man siegt, indem man die wichtigen Zeitpunkte für sich nutzt und indem man die Orte versteht, an denen sich Sieg und Niederlage scheiden.«

Wollte der rattengesichtige Leibwächter ihr etwa wirklich helfen? Oder wollte er ihre Unfähigkeit in den Augen ihres Vaters nur noch deutlicher machen, indem er bewies, dass Semire trotz Hilfestellungen das Wesentliche entging?

Sie sah sich um. Rings um die weitläufige Mulde, in der sie standen, stiegen die Felsen nur maßvoll an. Im Norden stach der Uranier, einer der Gipfel des Ianapat, schneeweiß und spitz in den blauen Himmel. An der Flanke, die zu ihm hinaufführte, gleißte eine Anordnung aus Dutzenden großer Spiegel im Sonnenlicht. Den Großteil der hellen Strahlen leiteten sie in das Loch, um das herum sie aufgestellt waren. Diese Konstruktion war zweifellos das Wertvollste, was an diesem Ort zu finden war. Aber wie sollte es die Bewaffnung der Krieger erklären, die kaum geeignet war, dem steinernen Körper eines Imagolems eine Schramme beizubringen?

Eine Handvoll Lichtlenker bedienten Kurbeln, Hebel und Seilzüge. Damit schwenkten und kippten die in weiße Kutten gekleideten Männer die Spiegel, um die Wanderung der Sonne nachzuvollziehen. Stets führten sie die Strahlen durch prachtvoll geschnitzte, hohle Rahmen aus Elfenbein, durch die das Licht in die Tiefe fiel, hinein in das ansonsten dunkle Herz des Berges. Jede einzelne Korrektur betrug nur eine Winzigkeit, dann widmete man sich dem nächsten Spiegel. In der Summe und über die Zeit veränderte sich die Anordnung jedoch erheblich. Semire erkannte einen deutlichen Unterschied zu dem Bild, das sich ihr geboten hatte, bevor sie sich davongeschlichen hatte.

Ihr Blick wanderte weiter. In der Senke wuchsen kräftig grünes Gras und ein paar Büsche. Für größere Pflanzen reichten wohl weder das spärliche Erdreich in den Mulden des Granits noch das Wasser, das der Regen in dieser Höhe brachte. Nur neben dem Palast stand ein Baum, der auf wundersame Weise von den vergangenen Feindseligkeiten unberührt zu sein schien. Seine dünnen Äste reckten sich empor wie erhobene Arme, das Laub ähnelte dicken Schneeflocken.

Viele Bedienstete ihres Vaters tummelten sich in der Senke. Manche vermaßen das neu gewonnene Territorium, das vor dem Sieg noch die Adlerhochs ihr Eigen genannt hatten. Andere waren Träger, die sich vom Aufstieg erholten, oder Krieger, die sich im Schatten der Sträucher ausruhten, bis ihre Wache begann. Die Hälfte waren Adlige, die aus Neugier den beschwerlichen Bergpfad bewältigt hatten. Eine Dame in einem hellblauen Kleid inszenierte ihre Klage über diese Anstrengung besonders theatralisch. Sie fächerte sich unablässig Luft zu und tupfte ihr Gesicht mit einem Seidentuch ab, während vier junge Galane darum buhlten, ihr Fruchtsäfte anreichen zu dürfen, und ein fünfter ihre bleiche Haut mit einem Schirm vor der Sonne schützte.

Semire fragte sich, ob ihre Zukunft genauso aussehen musste. Die Dame mochte fünf Jahre älter sein als sie, beinahe zwanzig. Ein gutes Alter, um zu heiraten. Nach der Hochzeit galt es dann, alles anzuwenden, was man als Heranwachsende gelernt hatte. Das Haus zu führen, die Dienerschaft zu dirigieren, den Gästen des Mannes ein Willkommen zu vermitteln, seine Kontakte zu pflegen, seine Kinder zu erziehen. Semire schien es, als beendete eine Frau mit dem Ehegelöbnis den interessanten Teil ihres Lebens.

Kemar riss sie aus ihren Gedanken. »Die Brücke.«

Verwirrt sah Semire erst ihn, dann ihren Vater an.

»Die Hängebrücke ist zu schwach für Imagolems«, erklärte der Graf. »Unsere Metze mussten die Steine einzeln herübertragen. Ein Imagolem, der vollständig aus Granit besteht, würde durch die Planken brechen und in die Schlucht stürzen. Sogar einer aus Schiefer würde es nicht über die Brücke schaffen.«

»Deswegen ist sie so leicht gebaut«, übernahm Kemar. »Falls Haus Adlerhoch den Frieden bricht, wird es mit menschlichen Kriegern anrücken müssen, und gegen die …«

»… wirken Pfeile und Schwerter!«, warf Semire schnell ein. Sie ärgerte sich, dass ihre Stimme kippte.

Hoffentlich würde der Ärger ihr helfen, die Lektion zu behalten. Semire würde einen Weg finden, ihr Wissen über Strategie und Heerwesen anzuwenden, auch wenn sie eine Frau war. Noch blieben ihr ein paar Jahre, um ihrem Vater zu beweisen, dass sie Haus Schneegrund auf diese Weise nützlich sein könnte. Und ihr Vater konnte ihr jeden Weg öffnen, wenn er wollte. Noch war er der Lichtmeister des Hauses, aber niemand bezweifelte, dass er bald zum Landvogt aufsteigen würde. Die Fehde hatte viele Leben gekostet, nicht nur das von Semires Mutter, und der jetzige Landvogt war sich seiner Sterblichkeit sehr bewusst. Er würde sie bald hinter sich lassen.

»Ich denke, heute haben wir ohnehin nichts zu befürchten«, meinte Semires Vater. »Wir haben nun Frieden, auch wenn wir uns alle noch an diesen Gedanken gewöhnen müssen.«

»Dem Frieden kann man so lange trauen, wie er allen Beteiligten einen Vorteil bringt, schreibt Palion«, zitierte Semire.

»Du hast die Lektionen des Krieges gut gelernt.« Mit einem traurigen Lächeln setzte ihr Vater an, Semires Kopf zu tätscheln.

Sie entzog sich ihm, indem sie einen Schritt rückwärts machte. Semire wollte nicht wie ein kleines Mädchen behandelt werden.

Kemar sah zur Seite und ihr Vater räusperte sich. »Wir haben nur noch uns beide«, sagte er mit belegter Stimme.

Semire wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.

Kemar brach das unangenehme Schweigen, indem er zur Spiegelanordnung zeigte. »Allmählich müssten sie so weit sein.«

»Gehen wir nachsehen«, schlug ihr Vater vor.

Die erschöpfte Dame ließ sich von einem Galan ihr Kleid bürsten.

Semire lächelte grimmig. Sie war ganz anders als diese Frau. Der Staub machte sie ebenso stolz wie ihre Stiefel. Terenk hatte ihr Schuhwerk genauso gefertigt wie das ihres Vaters. Sie genoss das Knirschen des Leders, während sie den beiden Männern zu den Spiegeln folgte.

Ein sehniger Mann hockte neben dem zehn Schritt durchmessenden, bodenlos scheinenden Loch im Felsboden, in das die Spiegel die Lichtstrahlen lenkten. Er legte Seile in Schlaufen zusammen. Als er den Grafen kommen sah, sprang er auf.

Semires Vater streckte ihm die Hand hin. »Matz, nicht wahr?«

»Ja, Lichtmeister.« Die emporschnellenden Brauen verrieten die Überraschung des Mannes darüber, dass ein Graf seinen Namen kannte.

»Ist alles bereit?«, erkundigte sich Semires Vater.

»Alles in Ordnung.« Matz wandte sich halb um und deutete auf die Seilrollen. »Ich kontrolliere es nur noch einmal, damit ich sicher bin, dass ich nichts vergessen habe. Ich würde ungern wegen einer Kleinigkeit umkehren und dann eine Stunde verlieren.«

»Das gefällt mir«, sagte der Graf freundlich.

Matz sah ihn prüfend an.

Semires Vater lächelte.

Der einfache Mann war ein solches Verhalten von einem Edlen wohl nicht gewohnt. Sein Blick huschte zur Seite und fand einen Jungen, der mit einem Stück Kohle auf trockener Rinde zeichnete.

»Mein Sohn wird mir heute helfen«, erklärte Matz. »Komm her, Quilûn!«

Das Haar des Knaben war so geschnitten, dass Semire vermutete, seine Mutter habe ihm einen Kochtopf auf den Kopf gesetzt und die Kante zur Orientierung für ihre Schere benutzt.

»Quilûn!«, rief eine Frau, deren Zöpfe dieselbe Farbe hatten wie der Schopf des Jungen: die von reifem Weizen. »Geh zu deinem Vater!«

Der Knabe blinzelte, wandte träge den Kopf und stand dann gemächlich auf, um zu ihnen zu kommen.

Die Mutter widmete sich wieder den drei Rucksäcken, die geöffnet vor ihr standen. Einer war etwas kleiner als die anderen beiden. Sie war eine schlanke, jedoch nicht dürre Frau. Ihr braunes Kleid machte einen einfachen, aber gepflegten Eindruck.

Semires Vater griff prüfend an den Oberarm des Jungen. »Du bist kräftig, kleiner Mann«, lobte er. »Willst du auch einmal ein Lichtknecht werden?«

Quilûn sah ihn mit großen Augen an, sagte aber nichts.

Semires Vater wandte sich an Matz. »Wie alt ist er?«

»Zwölf.«

Semire straffte sich. Sie war schon vierzehn und sie war auch ein bisschen größer als Quilûn.

Ihr Vater hob die Hand des Jungen an. Die Kohle hatte die Fingerspitzen geschwärzt.

»Ich gebe euch Pergament«, kündigte Semires Vater an. »Er soll mir den neuen Palast zeichnen.«

»Der ist noch nicht fertig.« Quilûn hatte eine hohe Stimme. Er war ein Knabe, kein Mann.

»Zeichne ihn so, wie du ihn dir vorstellst, Junge. Kinderträume sind sehr kostbar …«

Quilûn presste die Lippen zusammen.

Semire sah ihm an, dass er ebenso wenig ein Kind sein wollte wie sie selbst. Als Kind war man wie ein Gefangener, andere bestimmten über das Leben, das man führen sollte. Aber dieser Junge würde niemals in die Fesseln einer Ehefrau geschlagen werden. Er war ein Bürgerlicher und doch wäre er in seinen Entscheidungen freier als sie. Niemand fragte Semire, welchen Beruf sie einmal ergreifen wollte.

»Die Rucksäcke sind fertig«, rief Quilûns Mutter herüber.

»Wir sollten …« Unbestimmt deutete Matz auf das Loch.

»Natürlich, ihr müsst das Tageslicht nutzen«, bestätigte Semires Vater.

Die Frau gab Quilûn den kleineren Rucksack, einen der größeren reichte sie ihrem Mann und den letzten schulterte sie selbst. Matz band ein Seil an einem Eisenpfosten fest und warf das andere Ende in das Loch hinab. Mit einem Geräusch, das Semire an einen groben Stoffvorhang erinnerte, den man zur Seite zog, rollte es sich ab.

Zwei weitere Seile legte sich Matz über die Schultern, das letzte nahm seine Gemahlin. Sie arbeitete ganz selbstverständlich mit. In gewisser Weise waren die Frauen in den niederen Ständen freier als die Adligen im Käfig der gesellschaftlichen Erwartungen.

Die Familie verschwand im Loch. Semire blieb in sicherem Abstand davon, sie hatte keinen Anlass, in den Abgrund zu blicken.

»Haben sie schon für Haus Adlerhoch die Spiegel gereinigt?«, fragte Kemar.

»Ich habe sie nicht gefragt«, sagte ihr Vater. »Einer muss mit dem Vertrauen beginnen. Nur so können wir den Frieden gewinnen, nachdem die Fehde beigelegt ist.«

Semire sah zur Baustelle hinüber. Wenn sie den Palast gemalt hätte, dann von einer Wehranlage umgeben.

 

***

 

Der Weg des Lichts war kein Schacht, der senkrecht in den Berg geführt hätte. Vielmehr gingen miteinander verbundene Kavernen in beliebigen Winkeln ineinander über. Wie viele es waren oder wie weit sie sich erstreckten, konnte Quilûn nicht einmal erahnen. Der Großteil dieses zerklüfteten Labyrinths blieb im Dunkel. Seine Eltern und er folgten den Pfaden, die die Lichtbahnen vorgaben.

In geraden Linien verbanden die hellen Strahlen Hunderte sehr unterschiedliche Spiegel miteinander. Manche waren oval, andere eckig, die meisten größer als Quilûn. Sie bestanden aus poliertem Metall, aus Glas oder Kristall.

Auch auf den Teilstrecken, auf denen die Familie nicht klettern musste, sondern gehen konnte, blieben sie angeseilt. Quilûns Platz war hinter seinen Eltern. Seine Mutter ging voran, sein Vater in der Mitte. Ihre Schritte hallten in den Kavernen, aber das waren nicht die einzigen Geräusche.

Wasser sammelte sich in Mulden. Quilûns Vater hatte erklärt, dass es vom Regen kam, der in die große Öffnung schlug oder seinen Weg durch winzige Löcher im Granit fand. So hoch oben im Berg gab es keine Quellen. Dennoch tropfte das Nass an manchen Stellen aus der Decke oder es lief an spitzen Felszapfen hinab, die sein Vater Stalaktiten nannte. Flügelschlag war zu hören, auch wenn Quilûn vergeblich nach den Tieren Ausschau hielt, die ihn verursachten. Er fand nur ein kleines, helles Etwas, das einer entpelzten Ratte ähnelte und an einer ausgedehnten Pfütze kauerte. Seine Haut war fahlgrau wie altes Pergament, die Nase rosafarben, Augen schien es nicht zu besitzen. Die langen Barthaare zitterten, als es witterte.

Quilûn trat auf einen losen Stein, der zur Seite rutschte und klackernd eine Spalte hinabfiel. Vier Herzschläge lang schlug er gegen die raue Felswand, dann war nichts mehr von ihm zu hören.

Sein Vater drehte sich um und leuchtete ihn mit der Laterne an, deren kaltes, blauweißes Licht von einem flammenförmigen Sandstein ausging, der beinahe schon zu klein war. Er wackelte in der Halterung. »Alles in Ordnung?«

Quilûn schluckte und nickte. Sie setzten den Weg fort. Das nackte Tier war verschwunden.

Über ihnen stach eine Lichtbahn, in der Staub tanzte, durch ein Loch, das ihre Kaverne mit einer angrenzenden verband. Sie folgten jedoch einem anderen Strahl, der so dick war, dass er Quilûn vollständig hätte umhüllen können, zu einem runden Spiegel, der ihn durch einen steil abfallenden Schacht beinahe senkrecht in die Tiefe schickte.

Quilûn trat an die Öffnung und spähte hinab. Auch hier tanzten Staubkörner im umgeleiteten Sonnenlicht.

»Siehst du die Meißelspuren?« Quilûns Vater zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf eine Stelle an der Wand. »Dort stand der Fels ein bisschen vor und hat ein wenig vom Lichtstrahl abgefangen. Die Lichtbereiter haben seine Bahn frei geschlagen.«

Quilûn glaubte zu erkennen, dass der Granit an dieser Stelle eine Mulde bildete, die nicht zur Struktur des umgebenden Gesteins passte. Er hatte einen Blick dafür, welche Farben und Formen die Dinge haben sollten, bei Bäumen, bei Gebäuden und auch bei Felsen.

Er spürte einen sanften Zug am Sicherungsseil, das um seine Taille und unter den Achseln hindurch geschlungen war.

»Komm vom Loch weg, Quilûn.« Seine Mutter holte die Lederhülle mit der Spiegelkarte aus ihrem Rucksack. »Hilf mir, unsere Position zu finden.«

Quilûn presste die Lippen zusammen. Er wusste, dass es ihr nur darum ging, dass sie sich sorgte, er könnte in den Abgrund stürzen. Für sie war er trotz seiner zwölf Jahre noch immer ein kleiner Junge. Er hatte seine Eltern dabei belauscht, wie sie darüber gestritten hatten, ob er mitkommen durfte. Am nächsten Morgen hatte er seinem Vater versprechen müssen, vernünftig zu sein und seiner Mutter keinen Kummer zu machen.

Er ging zu ihr, während sein Vater ein Seil an den Eisenring am Schacht knotete.

Sie stellte ihre Laterne auf einen Vorsprung neben dem Spiegel und pustete auf die gemeißelte Wolke im Leuchtstein, der sich daraufhin verdunkelte, bis er nur noch graublau glomm. Dann entrollte sie das Pergament auf einer ebenen Stelle im Fels. Es war so groß wie ein kleiner Teppich.

Seine Mutter öffnete ein Kästchen und holte eines der steinernen Augen heraus, die wie Murmeln darinlagen. »Willst du?« Ihre dicken Zöpfe baumelten vor ihrer Brust.

Quilûn streckte ihr eine Hand hin.

Sie legte das Auge hinein. Es hatte keine Lider, aber die Iris war ein mit einem nadeldünnen Meißel geformter Strahlenkranz.

»Mal schauen, wo wir sind.« Sie lächelte ihn an.

Da die Karte außerhalb des Lichtstrahls lag und die Laterne gedämpft war, konnte Quilûn die Zeichnung nur als Gewirr gerader Linien erkennen. Aber ohne das Auge aus Sandstein war sie ohnehin unbrauchbar.

Behutsam beugte er sich vor und legte das Steinkügelchen auf einen Kreis in einer Ecke des Pergaments.

Knisternd löste sich die Zeichnung und kletterte empor. Die Karte zeigte nicht die Kavernen. Sie wurde zu einem Gerüst von geraden Stäben, die beschriftete Linsen miteinander verbanden. Diese Linsen standen für die Spiegel, unabhängig davon, welche Form sie tatsächlich hatten. An jedem Stäbchen vermerkte eine Zahlenfolge, in welchem Winkel der Spiegel das Licht weiterleitete und in welcher Distanz man den nächsten fand. In die Farbe, mit der der Kartograf die Stäbe bemalt hatte, war Metallstaub gemengt. Sie glänzten kupferfarben. Die Spiegellinsen waren schwarz.

Dieses Gebilde wuchs an wie eine Gittersäule. Ganz oben, auf Quilûns Brusthöhe, schwebte eine kupferfarbene Kugel, von der Zacken ausgingen, über dem Gerüst. Sie symbolisierte die Sonne. Um die Karte vollständig aus dem Pergament zu ziehen, hätte man weitere Augen in die Kreise an den anderen Ecken legen müssen. Noch immer kreuzten sich viele Linien auf dem Blatt. Aber wenn man die Augen gebrauchte, zerbröselten sie zu Sand. An demjenigen, das Quilûn platziert hatte, konnte man es bereits sehen. Kerben bildeten sich in der Kugel.

»Bei welchem Spiegel stehen wir jetzt?« Das Lächeln seiner Mutter wärmte Quilûns Herz, obwohl er wusste, dass sie ihn nur auf die Probe stellte. Sicher war ihr vollkommen klar, wo sie sich innerhalb des Gewirrs der Kavernen befanden.

Quilûn begann an der Sonnenkugel und folgte den Stäben. Bislang hatte sich die Familie entweder auf einer Höhe bewegt oder war tiefer abgestiegen, aber nicht aufwärtsgeklettert. Die Abzweigungen, bei denen die Verbindungsstäbe anstiegen, schieden also aus. Da der Spiegel, an dem sie nun hockten, das Licht senkrecht in die Tiefe schickte, musste bei ihm der Stab wie ein Lot abfallen. In die Stäbchen waren jeweils drei Zahlen geritzt, die exakt die Winkel bezeichneten. Seine Mutter hatte eine Wasserwaage und einen Gradmesser dabei, mit denen sie notfalls die Bahn eines Lichtstrahls genau nachvollziehen konnte. Aber für diese Aufgabe sollte das eigentlich nicht notwendig sein.

Quilûn schwitzte, weil er nicht ganz sicher war, wie viele Spiegel sie bereits passiert hatten. Waren es sieben oder acht gewesen? Gesehen hatte er noch mehr, aber nicht alle hatten den Lichtstrahl weitergeleitet, dem die Familie folgte.

Seine Mutter tat, als würde sie ihn gar nicht beachten, und holte Lappen, ein Tonfläschchen mit Reinigungstinktur, ein Messer, eine kleine Sichel und eine Schere aus dem Rucksack. Ordentlich legte sie alles so vor dem Spiegel ab, dass es nicht in der Lichtbahn stand.

Quilûn zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Das half ihm, sich zu konzentrieren.

In passender Entfernung zum Einstieg entdeckte er nur drei Linsen in der Karte, von denen aus ein Lichtstab steil abfiel. Einer davon musste es sein.

Quilûn sah den Spiegel an. Ein verschnörkelter Bronzerahmen fasste seine ovale Fläche ein. Da er an einigen Stellen bereits grün anlief, stand er wohl schon länger hier, als Quilûn alt war. Hoffentlich hatten die Jahre das Siegel der Werkstatt, die ihn gefertigt hatte, noch nicht getilgt.

Quilûn tastete über das Metall.

Seine Mutter beobachtete ihn jetzt genau. Sie fürchtete wohl, dass er den Spiegel mit einer ungeschickten Bewegung umwerfen könnte.

Er fand eine Markierung, aber das war nur der Raubvogelkopf von Haus Adlerhoch. Die half ihm nicht weiter, sie war bei allen Spiegeln gleich. Ein Zeichen des Handwerkers, wie sie auch in der Karte verzeichnet waren, suchte er vergeblich.

Ratlos seufzte er.

Vielsagend sah seine Mutter den Lichtstrahl entlang, dem sie gefolgt waren. Dann blickte sie lächelnd auf die Karte.