1,99 €
"Rosi, ich sag dir - wenn du den nimmst, hast du dein Glück gemacht", spricht der Mitterlechner-Bauer eindringlich zu seiner Tochter. "Stell dir doch vor, in was du einheiratest! Die riesengroße Jagd, die Fischzucht und das Geld, was noch da ist! Da hätten wir alle ausgesorgt."
Ja, welche Frau würde nicht jubelnd Ja sagen, wenn ihr der reiche, tragisch verwitwete Xaver Seebacher einen offiziellen Heiratsantrag macht. Man stelle sich nur vor: Herrin auf dem malerischen, vornehmen Seehof werden. Und doch - irgendetwas in Rosi sträubt sich gegen diese Verbindung. Dabei ist ihr der Seebacher noch nicht einmal unsympathisch, und auch der große Altersunterschied täte ihr nichts ausmachen. Aber reicht tiefes Mitleid mit dem vom Schicksal schwer geprüften Mann wirklich, um ihre Zukunft in seine Hände zu geben? Ein dramatischer Zwischenfall nimmt Rosi die Entscheidung ab ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Das Mädchen vom Jägersee
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf
eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-6458-3
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Das Mädchen vom Jägersee
Ein dramatischer Bergroman um das Schicksal der schönen Rosi
Von Therese Brunner
„Rosi, ich sag dir – wenn du den nimmst, hast du dein Glück gemacht“, spricht der Mitterlechner-Bauer eindringlich zu seiner Tochter. „Stell dir doch vor, in was du einheiratest! Die riesengroße Jagd, die Fischzucht und das Geld, was noch da ist! Da hätten wir alle ausgesorgt.“
Ja, welche Frau würde nicht jubelnd Ja sagen, wenn ihr der reiche, tragisch verwitwete Xaver Seebacher einen offiziellen Heiratsantrag macht. Man stelle sich nur vor: Herrin auf dem malerischen, vornehmen Seehof werden. Und doch – irgendetwas in Rosi sträubt sich gegen diese Verbindung. Dabei ist ihr der Seebacher noch nicht einmal unsympathisch, und auch der große Altersunterschied täte ihr nichts ausmachen. Aber reicht tiefes Mitleid mit dem vom Schicksal schwer geprüften Mann wirklich, um ihre Zukunft in seine Hände zu geben? Ein dramatischer Zwischenfall nimmt Rosi die Entscheidung ab …
Xaver Seebacher sah zur Tür. Der Mann, der in das große, vornehme Jagdzimmer trat, war breitschultrig und untersetzt, besaß ein gesund gerötetes Gesicht und trug einen abgewetzt aussehenden Trachtenanzug.
„Grüß dich, Xaver“, sagte der Besucher mit freundlichem Respekt. „Wir haben uns lang net mehr gesehen, gell? Du hast dich rar gemacht. Aber dein Stammtischplatz wird noch allweil freigehalten.“
„Grüß dich Gott, Martin“, erwiderte der schlanke rotblonde Hausherr.
Er hatte kurzes Haar und ein scharf geschnittenes Gesicht, in dem das vorspringende Kinn auffiel und Energie verriet. Ein Paar hellgraue Augen unter rostroten buschigen Brauen verliehen dem markanten Gesicht einen wachsamen, intelligenten Ausdruck.
„Ich freu mich, dass wir uns mal sehen“, versicherte Xaver Seebacher. „Nimm Platz. Was verschafft mir denn die Freud?“
Der Besucher legte den Gamsbarthut auf den großen Eichentisch und zog ein buntes Sacktuch, um sich den Schweiß abzuwischen.
„Ich möcht mit dir etwas Geschäftliches bereden“, begann er.
„Vorher trinkst du aber einen Schnaps, oder?“, erkundigte sich der Hausherr und ging zu einer kostbar geschnitzten Vitrine. „Und wie ich dich kenn, schlägst du auch eine gute Zigarre net ab, gell?“
„Fahr sie nur her, Xaver“, schmunzelte Martin Mitterlechner und nahm auf einem der grün gepolsterten schweren Eichenstühle Platz, von denen vier um den Tisch standen.
Das Jagdzimmer besaß einen gemütlichen Erker mit Butzenfenstern, durch die farbiges Tageslicht in den Raum fiel und ihn behaglich erhellte. An den Wänden hingen unzählige Bockhörndl und Gamskrickeln – Trophäen, die den Jagdbesitzer verrieten. In der Ecke stand ein wunderschöner Kachelofen mit einer Polsterbank. Unter dem Fenster befand sich eine breite Liege, verdeckt durch ein riesiges Bärenfell.
„Wie geht dir’s, Martin?“, erkundigte sich Xaver Seebacher, mit einer Flasche Vogelbeerschnaps und zwei Gläsern an den Tisch kommend.
„Ja mei“, seufzte der Besucher, der noch von seiner halbstündigen Radtour zum Jägersee, zum Besitztum des Xaver Seebacher, erhitzt war, „die Arbeit wird halt net alle, und die Sorgen könnten auch weniger sein. Aber sonst bin ich g’sund“, fügte er mit einer Art Galgenhumor hinzu.
Xaver Seebacher ging noch einmal zur Vitrine, um die Zigarrenkiste zu holen.
„Wann kommst du denn wieder zum Stammtisch, Xaver?“, fragte der Besucher.
„Tja“, seufzte der Hausherr, an den Tisch tretend. „Mir ist eigentlich noch net danach, unter die Leut zu gehen.“ Er schob dem Besucher die Zigarren hin und murmelte: „Bedien dich, Martin.“
„Vergelt’s Gott“, bedankte sich der Mitterlechner. „Du musst doch mal damit fertigwerden, Xaver“, ermahnte er danach freundschaftlich. „Das Leben geht weiter.“
Der Schnaps gluckerte in die schön geschliffenen Gläser.
„Ich bin noch immer net fertig, Martin“, gestand Xaver Seebacher. „Wie ich mich dreh oder wend – sie fehlt mir, ’s ist ein Loch ins Dasein gerissen, das sich net verstopfen lassen will. Ich komm einfach net drüber.“
Der Besucher nickte teilnahmsvoll. „Jaja, Xaver, es war ein schwerer Schlag für dich. Das sagen alle. Aber eines Tages wird’s herauskommen, wer der elende Lump war, der die Anna umgebracht hat.“
Xaver Seebacher ließ sich am Tisch, dem Besucher gegenüber, auf den schweren Eichenstuhl nieder und faltete die Hände.
„Das ist mein einziger Wunsch, Martin“, sagte er dumpf und starrte vor sich hin. „Aber die Polizei tappt nach wie vor im Dunkeln. Die G’schicht wird wohl nie aufgeklärt werden. Es müsst schon ein Zufall sein, der Licht in das Verbrechen bringt.“
Der Schnaps blieb noch unberührt. Martin Mitterlechner wagte auch nicht, die Zigarre anzubrennen, obwohl er die Zündhölzer schon in der schwieligen Hand hielt.
Ein gutes Jahr war es nun her, dass Anna Seebacher auf der Bockjagd von einem Wilderer, den sie wahrscheinlich gestellt hatte, erschossen wurde. Unweit des Seehofes geschah die Tragödie. Anna Seebacher, knapp fünf Jahre mit Xaver verheiratet, eine geborene von Tannenberg, war eine leidenschaftliche Jägerin und starb an einer Kugel des unentdeckt gebliebenen Wilderers. Xaver saß an diesem Abend mit den Freunden beim Oberwirt und spielte Karten, als jemand hereingestürzt kam und das Unglück ins Lokal schrie.
Wastl Witt, das betagte Hausfaktotum bei den Seebachers, gab zu Protokoll, er habe an diesem Abend jenseits des Sees zwei Schüsse gehört. Der Alte nahm an, er könne jetzt rübergehen und den erbeuteten Bock holen, den die Herrin erlegt habe. Aber als er beim Hochsitz ankam, fand er sie tot am Boden liegen. Herzschuss, stellte man bei der Untersuchung fest. Der Wilderer, den sie wahrscheinlich gestellt hatte, schoss vom Waldrand herüber. Man fand dort eindeutig eine Fußspur, die sich in Richtung des Berges verlor.
Der Mord an Anna Seebacher war lange das einzige Gesprächsthema in der Gegend. Xaver Seebacher, dessen Vater eine Brauerei besaß, die aber aufgelassen und in ein städtisches Lagerhaus verwandelt wurde, war ein gebrochener Mann. Man sah ihn seit dem Unglück nur noch selten im Dorf – nur, wenn er das Grab seiner Frau besuchte. Die Ehe galt als harmonisch, obwohl Anna nur zwei Jahre jünger als ihr Mann und keine Schönheit war.
Ihr Vater hinterließ ihr nach seinem jähen Herztod den stattlichen Besitz am Jägersee und ein erhebliches Vermögen. Die riesige Jagd und eine große Fischzucht sowie ein dickes Bündel Wertpapiere sorgten dafür, dass Anna keine Angst vor der Zukunft zu haben brauchte.
Erst mit zweiunddreißig Jahren fand sich der Mann, dem sie ihr Jawort gab. Die Ehe blieb aber kinderlos. Anna war eine leidenschaftliche Jägerin und stand bis zu ihrer Verheiratung im Ruf, eine Amazone und Männerfeindin zu sein. Ihr gewaltsamer Tod und die damit noch offen gebliebene Frage, wer ihr Mörder war, beschäftigte noch immer die Leute und machte Xaver Seebacher zu einer zentralen Figur, der man allgemeines Mitleid entgegenbrachte.
„Komm, trink, Martin“, brach er das Schweigen, „und sag mir, was du auf dem Herzen hast. Wenn ich dir helfen kann, tu ich’s gern.“
„Auf dein Wohl, Xaver“, entgegnete Martin Mitterlechner und stieß mit Xaver an.
„Ich wollt dich fragen“, begann er umständlich, „oder vielmehr: Ich möcht dich bitten, mir den Schnepfenwald abzukaufen. Du kennst ihn doch, gell? Er ist sechs Hektar groß und hat schlagreifes Buchenholz. Ich brauch nämlich Bargeld, weißt du, ich will bauen. Die Rosi ist jetzt im heiratsfähigen Alter und wird wohl bald einen Hochzeiter angeschleppt bringen. Da möcht ich schon, dass mein Hof ein bissel moderner als jetzt ausschaut.“
Gespannt beobachtete der Mitterlechner Xavers Reaktion auf sein Anliegen.
Martin Mitterlechner besaß einen soliden Hof mit etwa dreißig Stück Vieh und gehörte zu den alteingesessenen Wangern. Rosi war sein einziges Kind, ein hübsches blondes Madel von zwanzig Jahren.
Xaver spielte nachdenklich mit dem Schnapsglas. Das Angebot schien ihn zu interessieren, zumal er sich auch mit Holzgeschäften befasste.
„Mhm …“, machte er schließlich, „darüber ließe sich reden, Martin. Hat die Rosi schon einen Hochzeiter in Aussicht?“, erkundigte er sich freundlich.
„Man weiß nix Genaues, Xaver“, schmunzelte Martin. „Aber der Gfell-Franzl, der Schreinergesell vom Pichler, hat sie schon zweimal zum Tanz abgeholt. Mir scheint, da hat sich was angesponnen.“
„So“, erwiderte Xaver aufmerksam, „der Franz Gfell hat Chancen, auf einen Hof einzuheiraten.“
„G’wiss ist es noch net“, beeilte sich Martin zu erklären. „Die jungen Leut von heut haben halt andere Ansichten als wir. Seit der Franzl ein Motorrad hat, braust er mit der Rosi durch die Gegend. Man weiß net, was dabei rauskommt. Aber er ist ein anständiger Bursch, und wir haben nix dagegen, dass er sich mit unserer Rosi angefreundet hat.“
„Aber du rechnest schon damit, dass etwas daraus wird?“, stellte Xaver lächelnd fest.
„Warum net, Xaver?“, schmunzelte der Besucher. „Der Hof braucht doch irgendwann mal einen Bauer. Von uns aus kann’s der Franzl sein.“
„Und du willst also bauen?“, hakte Xaver nach. „Du brauchst Geld dazu und willst den schönen Wald hergeben?“
„Wie ich’s gesagt hab, Xaver“, antwortete Martin.
Dann wurde eine Weile über den Preis gesprochen.
„Ich werd mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, Martin“, meinte Xaver schließlich.
Worauf der Besucher erwiderte: „Es eilt net so sehr, aber ich tät mich freuen, wenn du den Wald nimmst.“
***
Der Mitterlechnerhof hieß im Volksmund „Der Staffen“. Kein Mensch wusste, warum. Er lag am oberen Dorfrand, auf halber Hanghöhe, und sah ebenso alt wie ehrwürdig aus, mit einem hübsch geschnitzten Glockentürmchen auf dem Dach und einem Balkon, den tiefrote Geranien schmückten. Gepflegt sah alles auf dem Hof aus – man merkte, dass die Besitzer ordentliche Leute waren.
Am gleichen Tag noch, als der Mitterlechner von seinem Besuch bei Xaver Seebacher heimkehrte, stellte er das Ergebnis seines Besuches zur abendlichen Diskussion. Um den Tisch saßen außer ihm seine Frau Walli und seine Tochter, die bildhübsche Rosi.
„Mir scheint doch, dass er zugreifen wird“, sagte der Vater während des Essens. „Er war recht interessiert an meinem Angebot.“
Walli schaute auf ihren Mann und fragte: „Hast du es dir denn auch reiflich überlegt, Martin? Der Wald könnt dir doch auch Geld bringen, wenn du ihn selber abholzen lässt.“
„Das kostet wieder was“, lautete die Antwort. „Die Holzknechte verlangen auch ihr Geld.“
„Ich bin deiner Meinung, Vater“, schaltete sich die Rosi ein. Das Schönste an ihr waren ihre himmelblauen Augen mit den langen Wimpern. Aber auch sonst war alles an ihr in bester Ordnung. Die beiden Mitterlechners waren recht stolz auf ihre Einzige, um die es bei diesem Waldverkauf schließlich ging. „Wenn der Seebacher zugreift, dann gib ihm den Wald. Einen besseren Käufer kannst du net finden.“
Martin Mitterlechner warf seiner Tochter einen dankbaren Blick zu.
„Es ist ja für dich, Rosi“, sagte er. „Wenn du mal heiratest, soll der Hof in Ordnung sein.“
Das Gespräch drehte sich eine Weile um die Bauabsichten des Vaters. Als das Thema noch einmal auf den Xaver Seebacher kam, erkundigte sich Rosi angelegentlich beim Vater:
„Hat er denn das Unglück schon ein bissl überwunden? Was sagt er denn so?“
„Mir scheint, das Ärgste hat er hinter sich“, erwiderte der Vater. „Er war aufgeschlossen und freundlich. Aber es erinnert ihn doch alles an sie, wie er mir gestand.“
„Eines Tages wird er wieder heiraten“, stellte die Mutter fest. „Er braucht ja auch eine Frau. Wie alt ist er denn eigentlich?“
„An die vierzig muss er sein“, antwortete Martin. „Ich tät’s ihm wünschen, dass er bald eine find, die zu ihm passt.“
„Da wird er net lange zu suchen brauchen“, bemerkte Rosi ziemlich trocken. „Ein Witwer mit Geld bleibt net lange allein.“
„Für dich wär das eine Partie“, schlug der Vater, halb im Spaß, halb im Ernst, vor und sah schmunzelnd zu seiner Einzigen hinüber, die plötzlich feuerrot wurde und sogleich heftig den Kopf schüttelte. „Wenn du den kriegen tätest, Rosi, hättest du ausgesorgt.“
„Du redest aber einen Unsinn zusammen, Vater“, schalt sie ihn. „Erstens wär er mir zu alt, und zweitens … nein, er käm für mich nie infrage.“
„Du fährst lieber mit einem Schreinergesell Motorrad, gell?“, hänselte Martin mit gutmütigem Spott. „Möchte wissen, wie man an so etwas Spaß haben kann?“
„Der Franzl ist ein netter Kerl“, ereiferte die Rosi sich. „Er ist fleißig und ordentlich.“
„Reg dich nur net gleich so auf“, beschwichtigte er sie lachend. „Ich red dir ja nix drein.“
„Aber herumziehen sollst du net mit ihm“, mischte sich jetzt die Mutter ein. „Ein Madel kommt schnell ins Gerede!“
„Das ist auch meine Ansicht“, stellte der Vater ernst fest. „Ich hab gegen den Gfell-Franzl nix einzuwenden, aber für eine Liebelei bist du mir zu schad … und solltest auch du dir zu schad sein“, erklärte er ihr mit Nachdruck.
Das Dirndl lächelte bemüht spöttisch.
„Macht euch nur um mich keine Gedanken“, meinte sie. „Ich weiß schon, wie weit ich zu gehen hab und was ich mir selber schuldig bin.“
„Dann ist’s ja gut“, knurrte der Mitterlechner und begann von etwas anderem zu reden.
Am nächsten Tag gegen Mittag fuhr er mit dem Ross, das einen kurzen Kastenwagen zog, den Weg zum Dorf hinab, um Futtermittel aus dem Raiffeisenlager zu holen. Als der Mitterlechner dort ankam und die Apfelschimmelstute am Zügel vor dem Lagerhaus festband, fuhr ein staubgrauer Wagen vor.
Xaver Seebacher stieg aus. Ein Rauhaardackel sprang nach und kläffte ein paar Mal.
„Grüß dich, Martin!“, rief Xaver und ging auf den Bauern zu. „Was holst du denn?“
„Ein paar Sack Kleie“, erklärte der Mitterlechner und wechselte mit Xaver einen Händedruck.
„Und ich brauch Forellenfutter“, erklärte Xaver. „Übrigens, ich hab über dein Angebot nachgedacht und wär unter Umständen bereit, den Kauf abzuschließen. Ich müsst mir aber den Wald mal anschauen.“
„Dem steht nix im Weg, Xaver“, erwiderte der Mitterlechner erfreut. „Sag nur, wenn du kommen willst. Von mir aus können wir schon heut Nachmittag den Wald anschauen.“
„Gut“, entgegnete Xaver, „ich komm gegen zwei zu dir rauf.“
Dass die Verkaufsgeschichte so schnell in die Wege kommen würde, stimmte Martin freudig. Auf Xaver Seebacher war Verlass! Man konnte sich keinen besseren Käufer als ihn wünschen!
Als der Bauer wieder heimfuhr und über den Waldverkauf und alles, was damit zusammenhing, nachdachte, knatterte ein Motorrad heran, auf dem ein junger Bursche in Arbeitskleidung saß, anhielt und die schwere Maschine abstellte.
„Grüß Gott, Mitterlechner! Könntest du der Rosi was ausrichten?“
Der Bursche auf dem Motorrad war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, hatte ein schmales braunes Gesicht mit sympathischen grauen Augen – der Franz Gfell! Unter dem Motorradhelm quollen dunkle, krausgelockte Haare hervor.
Der Mitterlechner zügelte das Ross, erwiderte den Gruß und fragte: „Was soll ich ihr ausrichten?“
„Dass wir am Sonntag auf die Gimmlerhütte gehen. Eine ganze Corona! Der Buchner-Seppl hat Geburtstag, den wollen wir feiern. Die Rosi soll ein kleines G’schenk mitbringen, am besten ein Flascherl Wein.“
Franzl lachte und ließ sein prächtiges Gebiss blitzen.
Schon wollte der Mitterlechner Bedenken anmelden, aber er dachte plötzlich an den geplanten Hausumbau. Da brauchte man Handwerker, und besonders Schreiner waren wichtig.
„Ich werd’s ihr sagen, Franzl“, erwiderte der Mitterlechner und musterte den Burschen, der vielleicht mal sein Schwiegersohn werden würde. Ein netter Kerl, oh ja! Aber außer seinem sympathischen Gesicht und seinem erlernten Beruf hatte er nichts. Von seinem Verdienst musste er sogar noch seine alte Mutter ernähren, die an Gicht litt und kaum noch gehen konnte.
„Gibt’s sonst was Neues?“, fragte Franzl.
„Möglich, dass ich dich fragen werd, ob du zu mir schreinern kommst, wenn wir das Haus aufstocken und ein neues Dach auflegen.“
„Ui“, staunte der Franzl, „das wird aber ein Loch in deinen Geldbeutel reißen!“
„Bauen kostet allweil was. Dafür steht dann halt auch was da, mein ich.“
„Das ist wahr.“ Franzl nickte und trat die Maschine an. „Wenn’s so weit sein wird, kannst du mich haben!“, rief er in das Knattern, winkte und fuhr schneidig weiter, denn beim Grenzmüller wartete die Arbeit auf ihn.
Weiß Gott ein netter Kerl, dachte der Mitterlechner, als er das Ross antrieb. Ich kann verstehen, dass mein Madel ein Aug auf ihn geworfen hat. Jung ist er, fleißig und – wie man allgemein hört – verlässlich. Aber die Rosi sollte sich doch überlegen, ob net was Besseres für sie da wäre … Der Xaver Seebacher! Hm, der wäre mir recht! Da tät sie sich in ein gemachtes Bett setzen!
***
Der Vater hatte der Tochter das, was ihm vom Franz Gfell aufgetragen wurde, ausgerichtet. Rosi freute sich auf den kommenden Sonntag. Statt einer Flasche Wein wollte sie zwei in den Rucksack packen, denn der Sonntag auf der Gimmlerhütte, die in fast zweitausend Meter Höhe in einer romantischen Schlucht des Berges lag, versprach recht lustig zu werden. Der Buchner-Seppl war ein Spaßvogel, und wenn die ganze Corona der Freunde und Freundinnen mitkam, würde es bestimmt ein unvergesslich schöner Ausflug. Wichtig dabei war natürlich, dass Franzl mitkam!
