Berlin - Andris Kuprišs - E-Book

Berlin E-Book

Andris Kuprišs

0,0

Beschreibung

»Berlin ist eine traurige Stadt, aber die Traurigkeit ist nicht spürbar. Es ist wie mit Schwermetallen, die sich allmählich im Körper anreichern. Man kann Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre hier verbringen, ohne zu merken, dass einem das Herz schwer wird.« In 21 kurzen Texten und einer Novelle schickt der Autor seinen wütenden Doppelgänger auf eine berauschte Reise: von der Eckkneipe in Berlin über das Krankenhaus in Riga bis zu den seelenlosen Autobahnen Deutschlands. Berlin ist hier kein geografischer Ort, es ist eine ganze Welt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Proletarische Therapie
Die Entschuldigung
Du bist der Erste, dem ich das erzähle
Die Absage
Die Vergewaltigung
Der letzte Spaziergang vor dem Beginn
Kurze Beschreibung eines typischen Anfalls von Melancholie
Erfolgreiche Menschen schaffen sich ihre Möglichkeiten selbst
Vor der Vorstellung
Über die Vorzüge und die Mängel einer fremden Sprache
Ein sehr wichtiger Mensch
Der Zurückgebliebene
Finger
Magische Stunde
Das Telefon
Eine mutige Entscheidung
Durchs Fenster geschaut
Kalte Hände
Ein pathologischer Fall
Zwei Dinge, die die gegebene Situation unterscheiden
Schneematsch
Berlin

Titel der lettischen Originalausgabe: Berlīne

Die Übersetzung wurde gefördert von:

Erste Auflage 2022 © 2012 ammian Verlag Rahnsdorfer Straße 26, 12587 Berlin Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Björn Hofmann,elf62.net Lektorat:Konrad H. Roenne Korrektorat:Elisa Garrett Satz und Layout:Sabrina Milazzo,sabrinamilazzo.net

Gedruckt in der EU.

Proletarische Therapie

Die kleine Einrichtung liegt am Rande der Stadt; man kann sie sofort übersehen, denn der Keller und das zweistöckige Haus mit der winzigen Bar selbst liegen abseits der Hauptstraße. Ein schmaler, asphaltierter Pfad führt zum Keller, hohe Bäume schützen das Haus vor fremden Blicken, am Eingang wächst ein Jasminstrauch.

Obwohl es Winter war und die Büsche kahl, musste man genau wissen, wo diese kleine Eirichtung lag. Aber ich wusste, wohin ich ging, und auch, warum. Es musste ein Freitag oder Samstag gewesen sein, denn der winzige Barraum war vollgepackt mit Menschen. Mir wurde sofort klar, dass nur die Kellnerin in dieser Einrichtung nüchterner war als ich. Der Raum wirkte noch enger durch die massiven Holzbänke, die für diese Art Kneipe typisch waren. In der Mitte stand ein großer Billardtisch. Ich ging sofort zum Tresen, aber weil niemand dahinter war, drehte ich mich um und schaute, wohin ich mich setzen könnte. Alle Tische waren besetzt, einige Leute standen rum, andere spielten Billard. Als ich mich zurückdrehte, betrachtete mich bereits eine Kellnerin mit rötlich gefärbten Haaren. Das tiefe Dekolleté entblößte ihre trockene, über die Jahre eingefallene Haut. Ihr direkter Blick überraschte mich, weil er nicht das übliche »Was willst du?« vermittelte, sondern eher etwas Angenehmes und sogar Weiches hatte. Ich beschloss, mich mit ihr zu unterhalten, aber sie kam mir zuvor.

»Deine Augen sind rot! Hast du geweint?«

Ich überlegte, doch ich konnte mich nicht erinnern, geweint zu haben.

»Mach dir keine Sorgen, mein Lieber! Ich weiß nicht, was dir passiert ist, aber alles wird vorübergehen. Wahrscheinlich ein Mädchen, oder? Das geht vorbei, es wird sich alles geben.«

Ich schwieg und versuchte über das Gesagte nachzudenken. Dann überlegte ich, was ich erwidern wollte.

»Was möchtest du trinken?«, fragte sie.

Ich bestellte ein Bier und Pistazien, gleichzeitig sah ich einen kleinen Tisch mit zwei Stühlen in der Ecke der Bar, direkt neben der Toilette.

»Setz dich, ich bin in ein paar Minuten da«, sagte sie und nickte.

Es stellte sich heraus, dass ich den ganzen Barraum gut von meinem Platz aus überblicken konnte; ich hingegen saß bequem in der Ecke und störte niemanden. Das war durchaus nützlich, denn bald änderte sich die Atmosphäre in der Kneipe unvermittelt – eine Schlägerei brach aus. Dem Grad der Trunkenheit der Anwesenden nach zu urteilen, musste es etwa drei oder vier Uhr nachts sein. Worüber sich die beiden Männer lautstark stritten, warum die Frauen kreischten, weshalb die Billardspieler ruhig weiter den Kugeln nachjagten, warum die Kellnerin über den Tresen brüllte, drohte, die Polizei zu rufen, obwohl alle wussten, dass niemand die Polizei rufen würde, aus welchem Grund bald der erste und einzige Schlag mit der rechten Faust direkt auf eine Nase niederging, aus der eine unvorstellbare Menge Blut auf das Hemd des Opfers floss – warum mich das alles nicht störte, wusste ich nicht. Ich dachte noch immer daran, was die Kellnerin gerade zu mir gesagt hatte. Ich begann sogar zu zweifeln, ob ich ihr richtig zugehört hatte, mir kam in den Sinn, ob das nicht ein zweideutiges Angebot gewesen sein könnte. Inzwischen war das Blut vom Fliesenboden verschwunden, nur abgehackt hörte man Satzfetzen, wer ein Idiot sei und wer der Hurensohn, und Ideen für eine Zukunft, in der sich die beiden wiedersehen und das Problem lösen könnten. Schließlich setzte sich die Kellnerin an meinen Tisch, auf dem sie ein halb geleertes Glas Grapefruitsaft abstellte.

»Du hast wirklich rote Augen. Man hat ja Angst, hinzuschauen. Aber, mein Lieber, trauere nicht. Solche wie dich sehe ich jeden Tag. Sie kommen, beschweren sich über das Leben …«

An dieser Stelle wollte ich einwerfen, dass ich mich über nichts beschwerte, aber ich kam nicht dazu.

»Aber du bist irgendwie komisch – nicht von hier. Ich hab dich hier noch nie gesehen. Bist du zum ersten Mal hier?«

Ich wollte antworten; es gelang mir abermals nicht.

»Glaub mir, mein Lieber. Ich weiß nicht, was mit dir los ist, was in deinem jungen Leben nicht stimmt, aber ich bin mir sicher, dass alles gut wird und du keinen Grund hast zu weinen. Wenn es ein Mädchen ist – ich bin mir sicher, es ist ein Mädchen –, dann braucht sie deine Tränen nicht. Verstehst du, mein Lieber? Und wenn du hier bist, weil jemand gestorben ist, dann erst recht – warum weinen? Die Verstorbenen werden nicht zurückkehren. Herrje, wie rot deine Augen sind!«

Sie schwieg einen Moment.

Ich beschloss abzuwarten, ob sie weiterreden oder auf meine Antwort warten würde, merkte jedoch bald, dass sie es nicht tat. Eigentlich wollte sie gar nichts von mir. Sie saß da, dem Barraum zugewandt, und wartete vielleicht auf einen weiteren Kampf. Ein Mann winkte ihr von der Theke aus zu.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte sie und stand auf.

Ich blieb noch etwas sitzen, trank mein Bier aus. Dann ließ ich die restlichen Pistazien in meine Manteltasche gleiten und ging hinaus.

Die Entschuldigung

Ich erinnere mich, dass eine Unterrichtsstunde fünfzehn Lats kostete. Insgesamt waren für den Unterricht vier Einheiten eingeplant – also sechzig Lats für den gesamten Kurs. Ich weiß nicht, wie hoch das Gehalt meines Vaters damals gewesen sein mag. Vielleicht zweihundert Lats. Schon möglich, dass es eher dreihundert waren. Ich weiß nur, dass ich unbedingt zum Unterricht gehen wollte. Mein Papa wusste das auch, also stimmte er zu, die Stunden zu bezahlen. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, ich wusste, dass sich unsere Familie solch teure Kurse nicht leisten konnte, aber er gab nach, weil ich es wirklich, wirklich wollte. Ich bettelte nicht. Mir war klar, wie viel das kosten würde. Aber mein Vater versprach es, er wusste, wie wichtig es mir war. Der Unterricht fand einmal wöchentlich statt. Ich glaube, es war dienstags. Aber vielleicht war es auch mittwochs. Jetzt erinnere ich mich, dass es definitiv Mittwoch war, denn davon zeugt etwas, woran ich mich erst erinnerte, nachdem ich bereits geschrieben hatte, dass der Unterricht dienstags stattfand, obwohl er mittwochs stattfand, weil die Tatsache, dass es Mittwoch war, eine wichtige Rolle spielte bei dem, was später geschah. Als ich mich also daran erinnerte, was später geschah, erinnerte ich mich wegen des Wortes daran, dass es Mittwoch gewesen sein muss. »Mittwoch« erwähnten sowohl ich als auch mein Vater in jenem Gespräch, das später stattfand, das heißt einige Zeit – Tage, Wochen später –, nachdem ich den Kurs besuchen wollte und mein Papa zugestimmt hatte, ihn zu bezahlen. Doch das Gespräch war sehr wichtig. Tatsächlich war es genau jenes Gespräch, woran ich mich zuerst erinnert habe und warum ich mich dazu entschieden habe, überhaupt darüber zu schreiben.

Nach der ersten Stunde kam der Anleiter zu mir und fragte, ob ich das schon mal gemacht hätte. Ich verneinte. Er schien überrascht, weil es von der Seitenlinie so ausgesehen hatte, als wüsste ich, was ich tat. Dabei war es in Wahrheit das erste Mal in meinem Leben. Offensichtlich hatte ich Talent. Ich fühlte mich geschmeichelt und glücklich. Ich hatte etwas gut verstanden. Was mich noch glücklicher machte, war, dass andere Schüler älter waren als ich. Ich war der Jüngste, doch ich war der Beste in dem, was uns beigebracht wurde.

An jenem Mittwoch fand die zweite oder dritte Unterrichtsstunde statt. Zum Mittagessen war ich wie üblich in der Schule, aber nach dem Unterricht ging ich direkt zur Stunde. Die fand fünfzehn Minuten zu Fuß von der Schule oder zwanzig Minuten zu Fuß von zu Hause entfernt statt. Normalerweise wäre ich nach der Schule nach Hause gegangen, um meine Tasche zu verstauen und zu essen, und wäre erst dann irgendwohin gegangen. Meinem Vater war es sehr wichtig, dass ich satt war. Zu Hause gab es immer etwas Vorbereitetes – geschälte Kartoffeln in einem Topf mit Wasser auf dem Herd. Der andere Teil des Gerichts wartete im Kühlschrank – fertige Hähnchenbrust oder Schweinekotelett. Alles, was ich tun musste, war, die Kartoffeln zu kochen und das Fleisch in der Pfanne zu erhitzen. Mein Vater hatte schon immer Magenprobleme gehabt, und es schien, als seien alle seine gesundheitlichen Probleme dadurch verursacht worden. Es war ihm sehr wichtig, dass ich regelmäßig und ordentlich aß, weil er dachte, ich bekäme sonst auch Verdauungsstörungen. Er war hartnäckig und wurde oft wütend, wenn er von der Arbeit nach Hause kam und feststellte, dass ich tagsüber nichts gegessen hatte. Er wurde wirklich wütend, und ich fürchtete mich vor seiner Wut, obwohl sie sehr nuanciert war. Sie zeigte sich nur in seinen Augen und in einigen Sätzen und nur selten in seiner erhobenen Stimme, aber niemals durch körperliche Gewalt. So hatte ich mir angewöhnt, eine Mahlzeit vorzutäuschen, indem ich nämlich Kartoffeln kochte und die Pfanne mit Öl beschmierte, damit es so aussah, als hätte ich gegessen, obwohl ich oft gar nichts essen wollte. Manchmal nahm ich das Essen mit, wenn ich nach der Schule Freunde traf, und warf es in die Büsche, weil ich das Gefühl hatte, dass die Koteletts und die Kartoffeln abgezählt waren und ich sie zumindest teilweise loswerden musste, damit meine Lüge glaubwürdig sein würde.

An diesem Mittwoch fand die dritte Stunde statt. Vielleicht musste ich aus irgendeinem Grund länger in der Schule bleiben, also entschied ich mich, direkt von dort zum Kurs zu gehen. Der Unterricht dauerte mehrere Stunden, dazu kam noch die Zeit, die ich brauchte, um dorthin zu gelangen. Ich weiß nicht, ob ich an diesem Tag gelobt wurde, aber ich erinnere mich, dass ich nach der Stunde mit leichten Schritten nach Hause ging. Es war später Nachmittag; ich meine, es war warm, obwohl es noch nicht Sommer war – es konnte nicht Sommer gewesen sein, denn da hatte ich keine Schule. Jetzt, während ich schreibe, fange ich an zu zweifeln, ob ich tatsächlich in der Schule gewesen war, bevor ich zum Unterricht ging, oder ob es vielleicht Sommer war und die Schule vorbei, sodass ich wahrscheinlich am Vormittag in die Kolkasraga iela zu Imants gegangen war, wo ich viele Tage meiner Kindheit und Jugend verbrachte – zusammen reinigten wir die Hinterradnaben unserer Fahrräder, ölten sie und bauten sie später wieder zusammen. Ich glaube, dass wir das immer taten, unabhängig davon, ob das Fahrrad kaputt war, nur aus Routine. Ich bin mir sicher, dass ich immer noch weiß, wie man das Hinterrad eines Fahrrads aus der Sowjetzeit zerlegt und wieder zusammenbaut, obwohl ich es eigentlich bezweifle. Jedenfalls wird diese Annahme nicht durch meine Probleme mit dem aktuellen Rad bestätigt, bei dem regelmäßig die Kette herausspringt, und was auch immer ich tue, ich kann es nicht ändern, also springt sie manchmal heraus, manchmal nicht und alles ist in Ordnung.

Es war später Frühling, an einem Mittwoch, als ich zur dritten Stunde musste. Zuerst war ich in der Schule gewesen, das Wetter war warm und die Büsche blühten wahrscheinlich, denn nach der Schule gingen wir in die Kolkasraga iela zu Imants, aber es gab viele Büsche in der Nähe von Imants’ Haus, die zu dieser Zeit blühen konnten. Als es Zeit für den Kurs war, bemerkte ich, dass ich es nicht schaffen würde, nach Hause zu gehen, meine Tasche abzustellen und zu essen, also ging ich von der Kolkasraga iela zur Bezdelīgu iela, wo der Unterricht stattfand, und kam erst spät an diesem warmen Frühlingsnachmittag nach Hause. Ich hatte gute Laune, obwohl nichts Besonderes passiert war – auf jeden Fall war sie gut im Vergleich zu der Laune, die ich hatte, nachdem ich nach Hause gekommen war.

Alles geschah schnell und gnadenlos. Ich hatte nicht einmal meine Tasche abstellen oder meine Schuhe ausziehen können, denn sobald ich die Türschwelle überquert hatte, stand mein Vater vor mir. Er war ungewöhnlich wütend; kann sein, dass er schrie, obwohl es in meiner Erinnerung nur einen einzigen Vorfall gab, bei dem er aus vollem Hals geschrien hatte. Als ich noch sehr klein gewesen war, hatte meine Mutter mich irgendwohin mitgenommen, ohne Papa zu sagen, dass wir den ganzen Abend nicht zu Hause sein würden, also wusste er nicht, wo wir waren, und als wir endlich nach Hause kamen, schrie er Mama lange aus vollem Hals an. Wütend war er auf dem alten, graugrünen Teppich des Wohnzimmers auf und ab gegangen, während Mama im Bett gelegen und sich einen mit kaltem Wasser angefeuchteten Umschlag auf die Stirn gelegt hatte; meist nutzte sie dazu die Taschentücher meines Vaters. Bei uns zu Hause war dies die einzige Möglichkeit, Kopfschmerzen zu behandeln, deshalb nehme ich an, dass Mama Kopfschmerzen hatte. Sie sagte nichts, ruhte nur und drückte den Umschlag fester, während mein Vater herumschrie, um ihr deutlich zu machen, wie verantwortungslos sie gehandelt hatte, ihn nicht am Telefon vorzuwarnen oder eine Notiz am üblichen Platz auf dem Küchentisch zu hinterlassen. Papa schrie auf Russisch – also musste es vor 1994 geschehen sein, als Papa beschloss, mit meiner Mutter nur noch Lettisch zu sprechen, obwohl er mein ganzes bisheriges Leben lang Russisch mit ihr gesprochen hatte. Ein Wort aus dem Monolog meines Vaters hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Bедьма1. Mein Vater muss wirklich wütend gewesen sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass er meine Mutter oder mich davor oder danach mit einer ähnlichen Bezeichnung beschimpft hätte. Er fluchte eigentlich nie und in meiner Erinnerung war es das einzige Mal, dass er herumschrie.

Als ich an diesem Mittwoch nach dem Unterricht nach Hause kam, betrat ich unsere Wohnung in der Sabiles iela, wo mich mein Vater erwartete. Er fragte nichts, beschimpfte mich sofort. Ich war überrascht und konnte mich nicht verteidigen. »Wo warst du die ganze Zeit?«, fragte Papa. Ich wollte antworten, aber er ließ mir keine Gelegenheit dazu. Mein Vater warf mir Verantwortungslosigkeit vor, Leichtsinn. Dass ich am Morgen fortgegangen wäre, erst jetzt nach Hause käme, nicht angerufen und Bescheid gegeben hätte. Ja, und es ist doch Mittwoch, und es gab den Kurs, sagte er, den ich, sicher, vergessen hätte. Selbst die Kurse hätte ich vergessen – wie leer mein Kopf sei! Ich blieb stehen und versuchte, mich ein wenig zu erholen. Auch wenn ich automatisch Schuldgefühle hatte, weil ich mich nicht bei ihm gemeldet hatte, gab es eine Sache, gegen die ich mich verteidigen konnte. Ich sagte leise: »Ich war beim Kurs. Ich war beim Kurs und komme gerade von dort.«

Es war Mittwoch, ein heißer Sommernachmittag, bald sollte es Abend werden, aber es war so heiß wie im Süden, und ich war nach Hause gekommen. Auf dem Herd in der Küche kochten Fleisch und Kartoffeln. Mein Vater verstummte und betrachtete mich wie betäubt. Vielleicht gingen ihm in diesem Moment tausend Gedanken darüber durch den Kopf, was hier geschah und was er getan hatte. Er war verwirrt. Er war nicht bereit nachzugeben, aber griff auch nicht mehr an. Ich ging an ihm vorbei in mein Zimmer. Auch ich war verwirrt, obwohl ich mich bereits schuldig dafür fühlte, zu Unrecht beschuldigt worden zu sein. Ich mochte dieses Gefühl von allen Gefühlen, die ich erlebt hatte, am allerwenigsten. Papa verschwand im Badezimmer. Nach einem Moment kehrte er zurück und kam zu mir. Mit von der Sommerhitze erwärmten Augen sagte er ruhig: »Bitte verzeih mir, mein Sohn!« Dann spazierte er hinaus in diesen Nachmittag im August, wenn die Abende schon kühler werden und die von der Sonne ausgeblichenen Blätter daran erinnern, dass der Herbst bald kommen wird.

Du bist der Erste, dem ich das erzähle

Gustavs freute sich, als der Lehrer ihn einlud, ihn zu Hause zu besuchen. Man konnte nicht behaupten, dass sie Freunde geworden waren, aber sie hatten sich einige Male in der Stadt getroffen – beim ersten Mal waren sie in eine beliebte Bierkneipe gegangen, wo sie »Guinness« getrunken und über die geschmacklichen Eigenschaften einiger Biersorten und über Weinanbautechniken diskutiert hatten. Der Lehrer sprach über die charakteristische Säure einer bestimmten belgischen Biersorte und Gustavs konnte etwas über die Unterschiede in der Herstellung von Weiß- und Rotwein berichten. Stolz erzählte er, dass es ihm mit sechzehn Jahren schon gelungen war, den Weinwissen-Wettbewerb eines Lifestyle-Magazins zu gewinnen, indem er die Frage richtig beantwortet hatte, ob man aus Rotweintrauben einen Weißwein herstellen kann. Gustavs hatte gelesen, dass die rote Farbe des Weins von den Traubenschalen herrührt, sodass der Wein seine helle Farbe behält, wenn dieser Teil vom hellen Fruchtfleisch getrennt wird. Als Preis hatte Gustavs die Einladung zu einem offiziellen Mittagessen erhalten.

Das zweite Mal traf er den Lehrer einige Wochen später, sie trafen sich zum Abendessen. Das Restaurant suchte der Lehrer aus, und Gustavs, der wusste, dass es sicher sehr fein sein würde, beschloss, sich entsprechend zu kleiden. An diesem Abend zog er den dunkelgrauen Anzug seines Vaters an und band sich eine seiner älteren Krawatten um. Bevor er aus dem Haus ging, musterte sich Gustavs im Spiegel im Flur der Zweizimmerwohnung seiner Eltern, während seine Mutter und sein Vater ihn vom Wohnzimmer aus betrachteten. Nach einigen Versuchen war es ihm doch gelungen, die Krawatte so zu binden, wie er es bei seinem Vater gesehen hatte. Gustavs war zufrieden, im Spiegel erblickte er einen ganz erwachsenen Mann. Das Sakko war einige Nummern zu groß, trotzdem fühlte sich Gustavs darin wohl. Er war ein aufmerksamer Junge mit einem Auge für Kleinigkeiten und die winzigen, aber wichtigen Details, trotzdem entgingen ihm die spöttischen Blicke und das Lachen der Restaurantmitarbeiter, als der Lehrer und er sich einen der besseren Tische am Fenster aussuchten, mit Blick in den kleinen umzäunten Altstadtinnenhof. Er hörte auch nicht den Sarkasmus in der Stimme der Kellnerin, als sie die beiden Herren bediente. Dieses Mal tranken sie Rotwein, den Gustavs aussuchte, aßen Garnelensalat, den der Lehrer aussuchte. Gustavs hatte zuvor noch nie Garnelensalat gegessen, darin war sehr viel Mayonnaise, deswegen schmeckte er ihm sehr gut. Dieses Mal sprachen sie vor allen Dingen über die deutsche Sprache und die Erinnerungen des Lehrers, der früher in Berlin gewohnt hatte.

Beim dritten Mal lud der Lehrer Gustavs zu sich nach Hause ein. Der Lehrer öffnete die Tür – er war angezogen wie zu einer alltäglichen Deutschstunde: das gleiche abgetragene, aber dennoch gut geflickte Sakko und Hosen in einer anderen Farbe. In der geräumigen und sonnigen Wohnung roch es nach Weihrauch. Es mochten gut fünf Zimmer sein, aber Gustavs konnte sie nicht alle anschauen, weil ihn der Lehrer schon in das Wohnzimmer gebeten hatte. Gustavs trat an das Fenster und schaute hinunter. Es war Wochenende und an der Straßenbahnhaltestelle auf der anderen Straßenseite standen nur ein paar Leute. Gustavs überlegte, ob einer von ihnen einen genauso interessanten Sonntag hatte wie er. Als er aus der Küche zurückkehrte, erzählte ihm der Lehrer davon, dass außer ihm in dieser Wohnung noch ein Deutscher wohne, dem er für einige Monate ein Zimmer vermietet habe. Gustavs entdeckte auf einem niedrigen Tisch einen Teller, auf dem Käse und Weintrauben angerichtet waren; auf dem Rand einer Kommode an der Wand erblickte er eine Drei-Liter-Packung Rotwein mit einem kleinen, schwarzen Zapfhahn. Den Wein habe man ihm von einer Reise mitgebracht, die Packung sei nicht voll, die Gäste hätten ihn bereits am vorhergehenden Abend geleert, aber noch etwa ein Liter befinde sich darin – dafür seien die Gläser, die der Lehrer in der Hand hielt.

Sie begannen ihre Unterhaltung mit einer Besprechung des Weins. Gustavs saß im Clubsessel und der Lehrer ihm gegenüber auf einem kleinen Sofa. Gustavs erwähnte erneut seinen Sieg beim Weinwettbewerb und auch, wie überrascht die Wettbewerbsveranstalter ausgesehen hatten, als sie beim offiziellen Mittagessen einen so jungen Menschen zu Gesicht bekamen. Gustavs war etwas enttäuscht gewesen, dass keiner der Pressevertreter oder der anderen Wettbewerbsteilnehmer bereit gewesen war, ein Fachgespräch über Wein mit ihm zu führen, auch wenn sich Gustavs jetzt eingestehen musste, dass er sowieso nicht viel hätte sagen können, denn er wusste nur das, was er in einem Buch gelesen hatte, doch er war bereit gewesen, über andere Dinge zu sprechen, die das Leben schöner machen, nicht nur über Wein, sondern auch über Essen oder Zigarren; auch wenn Gustavs noch nie Zigarren geraucht hatte, wollte er sich doch darüber unterhalten, denn er kam nicht oft dazu, über Dinge zu sprechen, die das Leben schöner machen, nur über Alltägliches, über das, was seine Freunde interessierte, aber Wein und Zigarren interessierten die überhaupt nicht, wenn dann nur der billige und saure Wein, mit dem man sich betrinkt, und an dem hatte Gustavs seinerseits kein Interesse, er wollte Weine probieren und verstehen, deshalb hatte er sich so gefreut über seinen Sieg im Wettbewerb, trotzdem war er am Ende enttäuscht gewesen, obwohl der Nachmittag gut gewesen war und die beiden Sorten Wein, die er den Anwesenden zum Probieren gegeben hatte – einer weiß und einer rot –, auch gut gewesen waren, wie Gustavs meinte, sehr teuer, sechs oder sieben Euro pro Flasche, so einen würden seine Eltern nie kaufen, überhaupt tranken sie nicht, der Vater sagte, sie schmeckten sauer, und überhaupt war der Vater nicht erfreut, dass sich Gustavs für Wein interessierte, denn sechzehn Jahre seien zu jung, um sich für Alkohol zu interessieren, aber Mama dachte, es sei durchaus zu begrüßen, dass er über Wein las und sich schon von Beginn an mit einer Trinkkultur bekannt machte, dennoch hatte Gustavs beim Mittagessen eine Enttäuschung gefühlt, hatte sich nicht wohl in der Gesellschaft von erwachsenen Menschen gefühlt, die sich schnell ebenfalls unbehaglich gefühlt hatten in der Gesellschaft des so unpassenden Weintrinkers, deshalb hatte Gustavs abgewartet, bis Dessert, Weintrauben und anderes Obst serviert worden waren, hatte sich höflich verabschiedet, dem Chefredakteur der Zeitschrift die Hand geschüttelt und war gegangen.