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Der 16-jährige Robin ist ein Straßenfußballer wie aus dem Bilderbuch, jede freie Minute verbringt er mit dem runden Leder und der schönsten Nebensache der Welt. Bei den B-Junioren seines kleinen Dorfvereins gilt er seit Jahren als der unumstrittene Star, führt die 'Blauen' auch als deren Kapitän auf das Spielfeld. Als jedoch ein neuer Trainer zu Robins Team stößt, der als ehemaliger Profi die Gesetzmäßigkeiten dieses Sports viel besser kennt, ändert sich der sportliche Alltag für die jungen Hobbykicker zusehends. Die Erfolge bleiben nicht lange aus und auch größere Clubs werden neugierig, was bei den unbekannten Amateuren in den Niederungen der Liga so passiert. Dabei bleiben Robin und seine Fußballer von Rückschlägen nicht verschont, sie müssen erkennen, dass Freud und Leid im richtigen Leben oft eng beieinander liegen. Sie kämpfen gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, setzen sich für Menschen mit Behinderung ein, integrieren Flüchtlinge in ihren Teamkreis. Nach dem unerwarteten Sieg im Pokalfinale seines Bezirks muss sich Robin die Frage stellen, ob er weiter der Held eines Dorfes sein will oder er das Ausbildungsangebot eines Bundesligisten nutzt, um dort seine Chance als Profi wahrzunehmen. Ein langer und steiniger Weg steht ihm bevor, bevor er sich seinen Kindheitstraum vom Spiel aller Spiele in Berlin erfüllen kann, wo jährlich das Deutsche Pokalfinale stattfindet, das stets Millionen Menschen in seinen Bann zieht.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2020
Dem besten Vater.
Uwe Lange
Berlin! Berlin!Robin fährt nach Berlin
© 2020 Uwe Lange
Autor: Uwe Lange
Umschlagfoto: Jan Hübner
Lektorat: Kathrin Lange
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-21360-9
e-Book
978-3-347-21463-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
PROLOG
Der Pfiff war laut und durchdringend, für einige der Spieler fast schmerzhaft in den Ohren zu spüren. Schiedsrichter Benjamin Reiter hatte fest in seine FOX 40 gepustet, lief mit schnellen Schritten auf den Strafraum zu. Dort angekommen, deutete der Unparteiische auf den weißen Punkt, der die Elfmeter-Markierung kennzeichnete. „Strafstoß für Blau, die ´2´ von Gelb hat die ´10´ am Standbein getroffen“, erklärte der erfahrene Referee seine Entscheidung.
„Nie und nimmer…habe den doch überhaupt nicht berührt“, schrie der Verteidiger mit der Nummer Zwei von Gelb den Mann in Schwarz an.
„Das können Sie doch jetzt nicht pfeifen, Schiri, wir sind schon in der letzten Minute, das darf doch nicht wahr sein!“, pflichtete der Kapitän der Gelben seinem Abwehrspieler bei, während immer mehr Spieler eine dichte Traube um den Spielleiter bildeten.
„Was gibt es da überhaupt zu diskutieren, der tritt mich doch klar um, ansonsten mache ich den doch locker rein!“, wollte nun auch der soeben Gefoulte der Blauen seinen Beitrag zur allgemeinen Diskussion liefern.
„Ein Foul dieser Art muss ich sowohl in der ersten Minute einer Begegnung als auch in der letzten ahnden, da darf ich keinen Unterschied machen“, sprach Reiter nun wieder den `C` der Gelben an, der ihn fast verzweifelt anblickte. „Und Ihnen - Nummer 2 - muss ich auch noch wegen des Foulspiels die Gelbe Karte zeigen“, ging der Schiedsrichter zwei Schritte auf den hünenhaften Abwehrrecken zu, um diesem den Karton zu präsentieren.
Die 78.000 Zuschauer im ausverkauften Berliner Olympiastadion tobten, die es mit Gelb hielten, riefen „Betrug!“ und sprachen von einer krassen Fehlentscheidung, die meisten Fans der Blauen hielten schon atemlos die Luft an, ihre Stimmen überschlugen sich im Eifer des Gefechts. Es war die 89. Minute des Pokalendspiels, die beiden Teilnehmer hatten sich einen grandiosen Kampf geliefert, die Presse sollte später von einer ‚wahren Schlacht‘ sprechen, der Spielstand von 2:2 war zu diesem Zeitpunkt ein gerechtes Ergebnis für die gezeigten Leistungen.
„Ich warte noch den VAR aus Köln ab“, deutete Reiter den beiden Spielführern die Überprüfung seiner Entscheidung durch den Video-Assistenten an, während er versuchte, die Rudelbildung der aufgeregten Spieler um sich etwas aufzulösen.
„Wer wird den Strafschuss ausführen?“, rief der Kommentator der ARD in sein Mikrofon. „Wer hat die Nerven, in den letzten Sekunden einen kühlen Kopf zu bewahren, wird diese Partie womöglich entscheiden?“ Matthias Ehmke blickte etwas ratlos hinüber zu seinem Co-Kommentator Max Schmidt, der als früherer Profi das Finale als Experte begleitete.
Schmidt, der als ehemaliger Torjäger so manchen Strafstoß verwandelt hatte, blies zunächst die Backen auf, rollte mit den Augen: „Der etatmäßige Schütze ist Robin Sommer, nur hat der ja im letzten Bundesliga-Spiel der Saison einen Elfer verbombt, seine Concordia damit um einen Europaliga-Platz gebracht. Weiß nicht, ob der Coach ihn nochmals ranlässt…“, stellte der ´Maxe´, wie ihn alle früher nur nannten, ein weiteres Fragezeichen in den Raum, während er sein Mikrofon fest umklammerte.
„Reiter kehrt zurück vom Spielfeldrand, nachdem er sich die Szene erneut am Bildschirm angesehen, wohl Rücksprache mit Köln gehalten hat“, übernahm Ehmke wieder das Kommando am Mikrofon. Die Spannung auf die Entscheidung des Referees war in seinen Worten mehr als deutlich zu spüren. Der lief ein paar Schritte auf das Spielfeld zurück, deutete beim Laufen die Form eines Bildschirms an, um dann mit dem ausgestreckten Arm Richtung Strafraum zu zeigen. „Er gibt ihn, Elfer bestätigt!“, schrie ein nun mehr als atemloser Reporter in die brodelnde Masse.
Sein Nachbar wurde währenddessen schon wieder sachlicher: „Den muss er geben, ich habe mir jetzt die Szene fast ein Dutzend Mal angeschaut, Renner trifft Hoffmann voll in der Wade, nimmt dessen Standbein den Halt!“
Auf dem Rasen waren die Diskussionen etwas weniger geworden, die Spieler gingen auf ihre Positionen um den 16-Meter-Raum, während die Fotografen mit ihren Objektiven den vermeintlichen Schützen suchten, der noch nicht klar zu erkennen war.
„Robin Sommer nimmt sich den Ball, geht nun mit diesem zum Punkt, das ist mutig“, schnaufte der stets so emotionale Ehmke in sein Mikro, fast so aufgeregt, als ob er den Elfer selbst würde treten müssen.
„Andererseits hat Sommer in den letzten Jahren auch viele souverän verwandelt, ohne ihn stünde die Concordia heute gar nicht hier im Finale im Berlin. Sein goldener Schuss im Halbfinale brachte die Jungs von Coach Schmitt ja erst in die Hauptstadt“, ergänzte Max Schmidt seinen aufgeregten Kollegen, aber auch ihm war die Anspannung deutlich anzumerken.
Der Schütze bekam von all der Hektik auf der Pressetribüne nichts mit. Sommer legte den Ball fast zärtlich auf den Kreidepunkt und ging langsam ein paar Schritte zurück, während es im ausverkauften Stadion beinahe totenstill wurde. Sein Blick war nur auf den Ball gerichtet, er schien alles um sich herum vergessen zu haben, als der Pfiff des Schiedsrichters zur Schussfreigabe ertönte. Sommer blies sich noch eine blonde Locke aus der Stirn, dann lief er an…
KAPITEL 1
Einige Jahre früher…
„Robin, wo bleibst du, komm endlich runter, wir müssen los, ansonsten sind wir zu spät!“, rief Jessica laut in den ersten Stock, wo sich die Kinderzimmer der beiden Geschwister befanden.
„Ja, ja, bloß kein Stress, ich komme ja schon“, tönte es aus dem Zimmer am Ende des kurzen Ganges zurück, wo es sich Robin schon vor Jahren gemütlich gemacht hatte, als sich die Eltern ein Reihenhaus am Stadtrand kauften. Jedes der Kinder hatte damals sein eigenes kleines Reich bekommen.
„Du und Stress…“, brummelte Jessica vor sich hin, die ihr Bruderherz mehr als gut kannte und wusste, dass er von derlei Symptomen gänzlich befreit war.
In der größten Hektik des Tages bewahrte ihr drei Jahre jüngerer Bruder die Ruhe, ließ sich durch nichts aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Eine Eigenschaft, die die angehende Abiturientin liebend gerne besessen hätte, wie sich Jessica in stillen Momenten eingestand, ihren oft phlegmatisch wirkenden Bruder darum ein wenig beneidend.
Sie selbst erwarb schon sofort mit 18 Jahren den Führerschein, nachdem die Eltern keinen erkennbaren Interessenkonflikt zum bevorstehenden Abitur für die überragende Schülerin sahen. Nun durfte sie hin und wieder den kleinen Flitzer der Sommers nutzen, der ansonsten im Carport der Familie vorwiegend der Mutter zur Verfügung stand. Heute stand die Ausarbeitung eines Referats auf der Tagesordnung, das Jessica gemeinsam mit ihrer besten Freundin Stefanie halten sollte. Steffi wohnte in direkter Nähe zu Robins Sportplatz, so dass sich die Mitnahme zum Trainingsgelände der Sportgemeinde anbot. Endlich kam er die Treppe herunter, fast bedächtig und ohne jedes Zeichen der Eile: „Was eine Hektik heute wieder, ein alter Mann ist doch kein ICE“, ließ Robin die wartende Schwester wissen, sein Blick wies fast so etwas wie gespielte Empörung auf.
„Du und ICE…jede Bimmelbahn hat mehr Tempo als du, dir kann man beim Laufen die Schuhe besohlen“, konnte sich Jessica einen Konter nicht verkneifen. „Ich muss dich nicht zum Training mitnehmen, kannst ja laufen oder das Fahrrad nehmen, ich will pünktlich bei Steffi sein.“
„Mannomann, ihr Weiber müsst andauernd so hektisch sein, dabei sagt Papa immer, dass er die meiste Zeit seines Lebens mit dem Warten auf die Frauen verbracht habe“, zitierte der 16-jährige seinen Dad, der gerne seine Lebensweisheiten mit der Familie teilte, anstatt die ins 3-Euro-Phrasenschein zu werfen. Schnell warf sich Robin die Trainingsjacke seines Clubs über, die Geschwister schickten ihrer Mutter ins Wohnzimmer ein hastiges „Tschüss!“, schlossen die Haustür und verschwanden in die Einfahrt, wo der Polo geparkt war.
Zehn Minuten später fuhren sie an der Seite des Fußballplatzes vor, wo sich schon einige Jungs versammelt hatten, die alle sichtbar in Robins Alter waren.
„Thanks Schwesterherz fürs Mitnehmen, gut gemacht, Einparken üben wir beim nächsten Mal“, konnte sich der freche kleinere Bruder einen Kommentar nicht verkneifen, nachdem er meinte, eine vermeintliche Schwachstelle bei Jessicas Fahrkünsten ausgemacht zu haben.
Die schnaufte sichtlich verächtlich, um dann prompt die Retourkutsche zu fahren: „Erst drei Haare am Sack, aber eine große Klappe…“, rief Jessica ihrem Bruder hinterher, der aber schon längst bei den Mitspielern gelandet war und dort lautstark begrüßt wurde. Während Jessica den Polo wendete, um zu ihrer Freundin zu fahren, fiel das ´Hallo´ mit den Jungs eher unsportlich aus: „Hast du schon Mathe gemacht, ich habe da überhaupt keinen Plan?“, wollte Verteidiger Erkan von seinem Kapitän wissen.
„Haben wir denn was in Mathe auf?“, kam sofort die Replik zur Frage des Freundes, der mit Robin gemeinsam das örtliche Gymnasium besuchte.
„Logo, der Müller-Herrmann hat uns doch noch die Aufgaben 1-3 aufgegeben, wo warst du da wieder mit deinen Gedanken?“, schüttelte Erkan ungläubig sein dunkles Haupt, hinter den langen Locken verschwand für Sekunden das Gesicht des Freundes.
„Na gut Alter, dann eben nach dem Training. Muss nochmal gucken, rufe dich an, falls ich die Lösung finde!“, zog Robin ein kurzes Zwischenfazit zum Thema, wohlwissend dass es dank seiner Schwester immer eine Antwort zu den diversen schulischen Themen gab.
„Eure Sorgen möchte ich haben“, sagte da Eddi, der Torhüter des Teams, „was bin ich froh, dass ich aus der Anstalt raus bin.“
Eddi hatte die Schule im Sommer beendet, eine Lehre zum Schreiner begonnen, was seinem handwerklichen Geschick besonders entgegenkam. Er kam aus einfachsten sozialen Verhältnissen, seine Eltern hatte man nur einmal bei einem Vereinsfest auf dem Sportplatz gesehen, Robin stufte danach den Vater als Trinker ein, die Mutter bedachte er mit einem Ausdruck, den selbst er für nicht hoffähig erachtete und runterschluckte.
Eddi, den alle nur ´Manu´ nannten, da sein großes Vorbild der Torwart des FC Bayern München Neuer war, hatte von der Erbmasse seiner Erzeuger wenig mitbekommen, entpuppte sich stets als dufter Kumpel, mit dem man Pferde stehlen konnte und der immer für andere da war.
Dazu war er noch ein glänzender Torhüter, hatte Hände groß wie Pfannen, konnte an einem guten Tag ein Spiel alleine entscheiden.
„Mach bloß die Zigarette vor dem Training aus, Manu, wenn dich der Coach sieht, bist du raus für das Spiel am Wochenende“, ermahnte Robin seinen Goalie, wohlwissend um die Konsequenz seines Trainers in gewissen Situationen.
Ihren Übungsleiter kannten die meisten der Jungs von Kindheitsbeinen an, er löste seinerzeit den ersten Trainer der Jungs ab, den es aus beruflichen Gründen an einen anderen Standort gezogen hatte. Als Vater eines spielenden Jungen gab der sich stets große Mühe die Kleinen zu begeistern, was ihm auch gelang, zumal das Team Talent zeigte, erste Erfolge feierte.
Doch der viel betrauerte Weggang des Trainers ebnete dem Club die Chance, für seine talentierten Spieler einen neuen Coach zu suchen. „Der noch mehr aus dem Kader machen kann, da er selbst schon in höheren Gefilden gegen das Leder getreten hat“, wie der Jugendleiter des Vereins Tim Hofmann den fragenden Eltern beim Sprechtag erklärt hatte.
Mit Bernd Lohr stellte sich den Verantwortlichen ein Mann vor, der es bis in die Dritte Liga geschafft hatte, durch eine Verletzung am Kreuzband aber um höhere Aufgaben gebracht wurde.
Das frühe und unerwartete Ende seiner Karriere wusste Lohr jedoch zu nutzen, indem er
die notwendigen Trainerscheine in Angriff nahm:
„Ich brauche den Duft des Rasens, ich brauche diesen Sport, ich brauche den Fußball“, erklärte er dazu seiner Gattin Jutta, die eigentlich hoffte, ihren Mann an den Wochenenden wieder mehr für die Familie zu gewinnen.
Er machte schnell die wichtigsten Scheine, mit dem B-Schein als Lehrgangsbester in Grünberg war seine Karriere und die Rückkehr in den Profibereich eigentlich vorprogrammiert.
„Und Sie wollen wirklich unsere Jugend übernehmen?“, zeigte sich Jugendleiter Hofmann sichtlich überrascht, als der Mann mit den prima Referenzen ihm gegenübersaß. „Sie sind doch überqualifiziert!“
„Das sehe ich etwas anders, denn für mich ist es wichtiger, dass Kinder eine gute Ausbildung haben, dementsprechend sollten die besten Trainer im Nachwuchsbereich tätig sein. In einer Bundesliga-Mannschaft können alle kicken. Da geht es mehr darum, die Herren Millionäre bei Laune zu halten, die zu bespaßen, sie auf dem Erfolgsweg als Motivator zu begleiten.“
Hofmann erstaunten diese Worte des Dreißigjährigen, die offene Art des ex-Profis imponierte ihm. Das Gesagte wirkte glaubwürdig, denn der Mann im saloppen Poloshirt vermittelte einen durchweg authentischen Eindruck. „Ihnen ist schon klar, dass wir kein Riesenhonorar werden zahlen können, ein Engagement im Seniorenbereich sicherlich lukrativer ist?“, legte der Jugendleiter von selbst einen Finger in eine mögliche offene Wunde.
„Das ist mir bewusst, aber ich möchte auch etwas zurückgeben was mir in den jungen Jahren widerfahren ist, als ich in etwa so alt war wie die Jungs heute. Ich kam nie auf dumme Gedanken, nach den Hausaufgaben ging es direkt auf den Bolzplatz mit den Kumpels, bis es dunkel wurde. Mein Vereinstrainer war ein ehemaliger Nationalspieler, der uns mit väterlicher Härte und Fürsorge die Grundlagen des Fußballs vermittelte. Ich habe mich nie für Zigaretten, Alkohol oder gar Drogen interessiert, denn das wäre der K.o. für das nächste Spiel gewesen, auf dass ich mich wie die anderen die ganze Woche über freute.“
Diese Worte hatte Robin nun im Ohr, als er ´Manu´ bat, seine angezündete Kippe zu löschen, damit der rauchende Torhüter nicht erwischt und bestraft würde.
Denn bei seiner Vorstellung als neuer Trainer für das Team trug Lohr den versammelten Jungs ebenfalls den letzten Satz seiner Bewerbung vor, erklärte ihnen schon damals unmissverständlich seine Philosophie.
Die ersten Jahre war das natürlich auch kein Problem für die lauschenden Knirpse, aber mit dem Stimmbruch und der Pubertät kam auch das Interesse an den vermeintlich schönen Dingen des Lebens und da waren fast unvermeidlich das Rauchen, ein gutes Bier oder die Mädels ein Thema.
Die Spieler hatten sich aber intern darauf geeinigt, dass man sich zumindest an den Trainings- und Spieltagen auf das Notwendigste beschränken wolle, um die gemeinsamen Ziele nicht zu gefährden. Die Definition des Notwendigsten war dann aber bei den jungen Akteuren eher unterschiedlich, denn während Eddi eine letzte Kippe vor dem Training als Motivation sah, war es für Robin klar, dies nur - wenn überhaupt - auf den Partys zu tun, zu denen oft geladen wurde.
„Ich habe ja als Kapitän auch eine gewisse Vorbildfunktion“, erklärte er seinem grinsenden Vater auf dessen Nachfrage, zumal der selbst ein überzeugter Nichtraucher war.
Dad Sommer verbat aber seinen beiden Großen nie, über die in seinen Augen ´unsinnigen Dinge´ wie Zigaretten oder Alkohol selbst zu entscheiden, damit Erfahrungen zu sammeln. „Die müssen das selbst merken, und Heimlichtuerei und das übliche Versteckspiel mag ich überhaupt nicht“, musste er seiner Frau die gelebte Strategie erklären, als die ob der ´langen Leine´ etwas verständnislos den Kopf schüttelte.
Eddi blickte seinen Spielführer kurz an, drückte die Kippe dann am Straßenrand aus, entsorgte sie im dort positionierten Abfallbehälter. „Hast ja recht, du kleiner Moralapostel, bin schon fertig für heute, schwöre“, hob der Torwart die rechte Hand und mit ihr drei Finger, grinste aber etwas zu frech in Richtung des Mahnenden. Dessen zuckende Augenbraune drückte erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des letzten Satzes aus.
„Auf, wir gehen jetzt rein, der Coach ist bestimmt wie immer schon längst da, wird in der Kabine auf uns warten“, gab Robin fast im Befehlston die nächste Anweisung, während die Mitspieler wie eine Herde Schafe hinterher trotteten.
In der Kabine gab es wie immer ein großes ´Hallo´, ein halbes Dutzend anderer Jungs war schon längst da, einige von ihnen bereits teilweise umgezogen, andere fingen nach der ausgiebigen Begrüßung damit an. Seit einiger Zeit begrüßten sich die Spieler per Handschlag oder klatschten sich zumindest ab, nachdem der Trainer dies mit der Begründung „Ihr seid ja jetzt schon fast erwachsen“, einführte. Die meisten der Jungs fanden das cool, bei einigen schwoll der Brustkorb förmlich, andere wiederum fanden es hingegen albern, als Kompromiss wurde ein Abklatschen daraus.
Als Robin seinen Freund Patrick begrüßte, der in der Grundschule noch sein Sitznachbar gewesen war, jetzt aber auf der Realschule der Mittleren Reife entgegen fieberte, fiel ihm bei der Begrüßung die erste Begegnung mit ihrem neuen Trainer ein, nachdem der die Zusage zur Übernahme des Teams gab: „Mein Name ist Bernd Lohr, ich werde ab heute euer Trainer sein und freue mich riesig mit euch Fußballspielen zu dürfen. Mein Ziel ist es, unheimlich viel Spaß zu haben, damit ihr euch auf jedes Training und Spiel freut. Natürlich macht Gewinnen mehr Spaß, dafür werden wir viel trainieren. Ich wünsche mir eine Mannschaft, die nicht nur auf dem Sportplatz als Team auftritt, sondern auch abseits des Rasens. Wenn ihr Fragen habt, stellt sie, es gibt für mich keine dummen Fragen, ich versuche jede gut und ehrlich zu beantworten, also traut euch!“, sagte der Neue mit einem Lächeln im Gesicht, dass die Kids sofort sympathisch fanden.
„Ach ja, ihr könnt mich Bernd oder Herr Lohr, Coach oder Trainer nennen, ob nun im Sie oder dem Du, das ist mir echt egal. Ich erwarte dies aber immer in einem stets respektvollen Ton, mir fällt sofort auf, sollte das einmal anders sein. Ich bin über 20 Jahre älter als ihr, vergesst das bitte nicht, dann werden wir eine großartige Zeit miteinander verbringen“.
Diese klaren Worte hatten Robin damals unheimlich beeindruckt, er hatte sich dann für die Ansprache „Trainer“ entschieden, die Du-Form rutschte ihm oft heraus, zumal die Beziehung zu seinem Förderer oftmals väterliche Züge annahm.
„Hallo ihr Granaten, alle fit, habt ihr Bock auf Kicken oder wollen wir lieber Laufen gehen?“, kam Lohr um die Ecke gebogen, stellte die mehr als rhetorische Frage.
„Ne, oder?“, ließ Sven als Erster seine dezente Abneigung gegenüber den alternativen Plänen seines Trainers wissen.
„Svenne, mein Liebling“, kam Erkan aus dem Hintergrund zu Worte, “auf welchem Kabel parkst du gerade, der Coach will uns doch nur veräppeln. Heute ist doch Abschlusstraining, da stehen immer taktische Übungen und ein Spiel im Mittelpunkt“, lachte der Vorstopper seinen Kameraden aus.
„Echt jetzt? Na, dann ist ja gut“, atmete Sven sichtlich erleichtert durch, der nicht gerade zu den Laufwundern im Kader gehörte, aber mit einer feinen Technik glänzte.
Erkan hingegen war schnell, ein knallharter Innenverteidiger, der immer ein paar Kilo zu viel mit sich herumschleppte, da er seine türkischen Wurzeln und deren gute Küche nie verleugnen konnte. Besonders die Süßspeisen seiner Mutter liebte er, sie kochte weiterhin grandios nach den heimatlichen Rezepten.
Die Firats lebten in der dritten Generation in Deutschland, hatten den Spagat zwischen mitgebrachter Kultur und deutschen Gewohnheiten schnell gefunden, die drei Kinder der Familie sprachen alle akzentfrei Deutsch und besuchten höhere Schulen. Erkans älterer Bruder studierte Jura an der Uni, ein Ziel, das auch Erkan verfolgte und dessen Erreichen ihm jeder zutraute.
Er war einer der fünf Jungs, die vom ersten Tag an im Team waren, seitdem die Jugendleitung eine Bambini-Mannschaft ins Leben gerufen hatte. Die meisten der zunächst acht Minikicker fanden über eine Anzeige des Clubs im Lokalblättchen den Weg an die Sportanlage am Wald. Sie waren zumeist zwischen vier und fünf Jahre jung, aber für jeden von ihnen war der Ball das Tollste, was es zu bewegen galt. Jetzt sollte der erste Schritt folgen: Die Übungen unter einem richtigen Trainer, mit ihm und Gleichgesinnten gleich zweimal in der Woche eine Stunde zu verbringen.
Das war nun ein paar Jahre her, heute trafen sich die inzwischen jugendlichen Kicker mindestens dreimal pro Woche, in der Vorbereitung nach der Sommerpause sogar ein viertes Mal an einem Tag des Wochenendes.
„Kick mir mal die Pille rüber“, sagte dann auch Erkan zu Robin, mit dem er die Aufwärmübungen bestritt, die immer zwei Akteure gemeinsam machten. Der Ball stand stets im Mittelpunkt der Übungen, was der Trainer von Anfang an durchzog, selbst wenn die Einheiten der Fitness und Ausdauer dienten. So wurde im Prinzip auch schon Kondition gebolzt, nur eben unter dem Deckmäntelchen des Ballspiels.
„Hast du die kleine Blonde da draußen gesehen, die zu uns rüber schaut?“, spielte Robin fragend den Ball mit der Innenseite seinem alten Kumpel zu, ohne dabei zwei Mädchen am Spielfeldrand aus den Augen zu lassen. Die beiden Teenies waren seit einigen Wochen fast immer bei den Trainingseinheiten anwesend, saßen zumeist kichernd auf der Bank, die an den Spieltagen die Gäste belegten.
„Ich finde ihre Freundin eher krasser, die hat so was…“, ließ die Antwort von Erkan nicht lange auf sich warten.
„Weiß, was du meinst, Alter, die ist schon ganz gut gebaut, hat schon einen recht ordentlichen…!“
„…und falls die Herren Jungstars sich wieder auf die wichtigen Dinge des Trainings beschränken würden, wäre es mir eine große Freude“, unterbrach Robin die Stimme seines Coaches, der ihren Blicken schon geraume Zeit schmunzelnd gefolgt war, sich an seine Tage der Pubertät erinnert fühlte.
„Mannomann, hier ist ja null erlaubt“, flüsterte Robin seinem Kumpel zu, der gerade die Augen niederschlug, sich ebenso ertappt fühlte.
„Wir passen uns jetzt in der Bewegung die Bälle zu, wechseln dabei aber die Position, tauschen mit dem jeweiligen Mitspieler die Seite“, kam die nächste Anweisung von Lohr präzise wie immer, holte er seine Schützlinge wieder in den fußballerischen Alltag ab.
90 Minuten dauerten die Einheiten im Schnitt, sie waren stets abwechslungsreich und nie monoton, oft baute der Trainer eine Überraschung für seine jungen Kicker ein. Lohr hatte sich während seiner Trainerausbildung auch bei anderen Sportarten umgeschaut, deren Abläufe studiert und speziell aus den Bereichen Handball und Basketball einiges übernommen. Die Übungen modifizierte er dann für den Fußball, ihm ging es besonders darum, seine Spieler mit ungewohnten und neuen Situationen zu konfrontieren, um dann deren Lösungsansätze und den Umgang damit zu sehen.
Das war seinen Kids zwar nicht in dieser Form bewusst, die hatten einfach nur ihren Spaß mit dem daraus entstehenden Chaos, das sich nach einiger Zeit in Wohlgefallen und mit vielen Lachern auflöste. Lohr erkannte an den gestellten Aufgaben und Spielsituationen die Möglichkeiten und Fähigkeiten seiner Zöglinge, wollte einen Aufschluss erhalten, welche Position für den einzelnen Jungen die optimalste sei.
Zwei Monate hatte er dafür sogar bei einem Bundesligisten des American Football hospitiert, jeder deren Einheiten an der Seite des Headcoaches beigewohnt.
„Ich finde für jeden meiner Spieler eine Position, wo der seine Stärken ausspielen kann und ihm nicht andauernd seine Schwächen vorgeführt werden“, erklärte der Deutsch-Amerikaner dem interessierten Football-Laien, der an der Aussage aber sogleich viel Gefallen fand. „Wäre doch absurd, einen 135-kg Mann als Läufer und Passempfänger zu nutzen, wo ihm nach kurzer erfolgloser Zeit der Spaß am Ei genommen wird“, führte der seine Strategie weiter aus. „Der kann aber in der Defensive einen tollen Job machen, wo es auf Kraft, Spielverständnis und Ausdauer ankommt.“
Lohr verstand nach diesem Ausflug in die Welt des ellipsenförmigen Eis dessen Philosophie besser, übernahm die auch für sich. Er versuchte danach noch mehr an den Stärken des Einzelnen zu arbeiten, dabei kleine Erfolgserlebnisse herzustellen.
Bei Robin beobachte er während der fußballfremden Übungen stets, dass der immer zunächst eine kleine Distanz aufbaute, um von dort zu schauen, wie es andere machten oder sich eine Sache entwickelte. Die meisten Jungs stürzten sich dagegen oft in die Sache ohne eine Sekunde des Nachdenkens, mögliche Konsequenzen waren für sie unspannend, das Erlebnis - ob nun mit positivem oder negativem Ausgang - war ihnen viel wichtiger.
Hatte Robin jedoch dieses Stadium des Studierens überwunden, analysierte er die Situation zügig und präsentierte immer eine Lösung, die für das Ganze erfolgversprechend aussah. Lohr stufte dies als nicht erlernbaren Instinkt ein, den es zu beobachten galt.
So versetzte der Trainer in den wöchentlichen Einheiten den gelernten Stürmer des Öfteren ins Mittelfeld, beobachtete dort dessen Entwicklung in der ungewohnten Position.
Robin war, wie fast zu erwarten, nicht sonderlich glücklich mit der Aufgabe. Zumal er als Torjäger mehr im Fokus stand, während er die Arbeit in der Zentrale stets für sich eher als Drecksarbeit definierte. Außerdem vermisste er schnell den häufigen Torjubel um seine Person.
Lohr suchte dann auch bald das Gespräch mit seinem sichtlich frustrierten Jung-Star, um ihm seine Überlegungen näher zu bringen: „Du hast eine Gabe, die nicht jeder hat, du kannst ein Spiel lesen und fast noch wichtiger: Du ziehst deine Schlüsse daraus, ohne jedoch egoistisch zu sein“, eröffnete der Trainer das Gespräch, als beide sich zu einer Cola nach dem Training im Vereinshaus trafen.
„Ich schieße aber viel lieber Tore, das finde ich geiler…“, kam postwendend die Antwort des damals Zwölfjährigen.
„Das kann ich nachvollziehen, ich verstehe dich absolut“, zeigte Lohr sofort Verständnis, „die sollst du auch weiterhin für uns schießen, wenn auch in etwas anderer Funktion!“, machte der Trainer weiterhin Werbung für seine Idee. „Robin, wir wissen beide, dass du zwar nicht der schnellste Spieler im Kader bist, sondern von deinen technischen Fähigkeiten, deinem Willen und deinem Instinkt lebst. Unser System definiert sich aber durch ein schnelles Flügelspiel über die beiden Außen, das Tempo wird von Jahr zu Jahr zunehmend höher. Die besseren Ligen spielen das alle schon so, versuchen über blitzartige Konter im Umschaltspiel die Partien zu entscheiden.“
„Das begreife ich schon, Coach, aber ich trainiere doch so hart, bekomme ich das nicht noch hin?“, wollte Robin nicht so einfach aufgeben, blickte seinen Gegenüber fast hilfesuchend an.
„Wir werden das auch weiterhin trainieren und mit Sicherheit noch verbessern, aber ob wir eine fehlende Grundschnelligkeit komplett wegtrainieren können, da fehlt mir heute der Glaube, da will ich ehrlich sein mit dir“, bezog Lohr klare Position zu seiner Idee, erzählte seinem Spielführer dann die Erlebnisse aus dem Football-Camp.
„Da bin ich bei dir, mein Dad geht mit unserer Familie mindestens einmal pro Saison zu den Footballern ins Stadion, die sind echt cool, obwohl da einige richtig fett sind“, zauberte die Erinnerung an die Besuche in der großen Arena ein Lächeln ins Gesicht des verkappten Spielmachers.
„Lass uns den Versuch mit der Umstellung einfach in der Saisonvorbereitung starten und üben, wir schauen ob es dir dann Spaß macht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, da du viel mehr Ballkontakte als in der Spitze haben wirst, du somit viel für den Erfolg des Teams tun kannst“, gab Lohr das Fazit des Gespräches wieder.
KAPITEL 2
Das Gespräch lag nun mehr als drei Jahre zurück, nach der Sommerpause wurde Robin in den zentralen Bereich des Mittelfeldes zurückbeordert, versuchte sich mit der neuen Aufgabe anzufreunden. Von Woche zu Woche fand er sich mit der ungewohnten Position besser zurecht, instinktiv machte er viele Dinge richtig, zumal der Ball, wenn erstmal in seinen Füßen gelandet, nie sein Feind war. In den Freundschaftsspielen bis zum Start der neuen Spielzeit ließ ihn der Trainer stets durchspielen, obwohl in diesen Klassen das ständige Wechseln üblicherweise erlaubt und an der Tagesordnung war. Schon während der ersten Partie hatte Lohr in sich hinein geschmunzelt, als er die Umsetzung seiner Idee auf dem grünen Rasen sah.
„War nicht so schlecht“, lobte er Robin, als der nach dem 4:1-Sieg mit ihm vom Feld lief. Gleich drei Tore hatte der Mittelfeld-Neuling mit klugen Pässen vorbereitet, als er das Passspiel des Gegners früh störte und sofort den Gegenstoß einleitete, dabei die Lücken der Abwehr erkannte und nutzte.
„Naja, ein Tor habe ich nicht geschossen, wäre cool gewesen!“, wusste der Gelobte nicht so wirklich mit der positiven Kritik umzugehen.
„Das wird auch noch kommen, die Torgefährlichkeit, die dich auszeichnet, wirst du ja deswegen nicht verlieren“, ließ Lohr keinen Zweifel an der baldigen Fortsetzung des Konzepts erkennen.
Ihm war während der Partie auch die Abwehrstärke des Jungen bewusst geworden, der viele brenzlige Situationen rechtzeitig erkannte und die aufkommenden Brände mit gekonntem Einsatz löschte. Robins gutes Tackling war auffällig, mit einem Foulspiel musste er sich ganz selten helfen, meistens war er mit der Fußspitze vor seinem Gegenüber am Ball, obwohl der über mehr Geschwindigkeit in der Bewegung verfügte.
Für Robins Entscheidung, es weiterhin im Mittelfeld zu versuchen, spielte auch die Meinung seines Großvaters eine gewichtige Rolle. Der saß bei fast jedem Heimspiel seines Enkels auf einer Bank, die auf dem kleinen Hügel nahe der Eckfahne positioniert war und einen guten Blick auf das Spielfeld bot. Dort hielt sich der Opa bis zum Abpfiff auf, bis Robin auf dem Weg zum Duschen kurz bei ihm vorbeischaute, um ihn noch zu verabschieden.
„Gut gemacht, mein Großer, so stark habe ich dich noch nie gesehen“, fiel das Lob des ansonsten eher ruhigen Seniors recht üppig aus. Robin war sichtlich überrascht, denn sein Opa war oft auch sein schärfster Kritiker. Ohne ihn zu verletzen, nannte er die positiven Dinge aber auch Fehlleistungen unverblümt beim Namen, was sein durchaus selbstkritischer Enkel dann zumeist nur bejahen konnte.
„Echt jetzt, meinst du wirklich?“, antwortete der Junior etwas verblüfft dem Großvater, der selbst einst ein großartiger Sportler gewesen sein musste, wie ihm sein Vater oft erzählte. Eine schwere Beinverletzung beim Handball hatte die hoffnungsvolle Karriere des Auswahlspielers jäh und viel zu früh beendet, ihn nun zum interessierten Zuschauer aller Sportarten gemacht. „Echt jetzt, ohne Wenn und Aber“, ließ der Opa keinen Zweifel an der Aussage aufkommen, was fast einem kleinen Ritterschlag glich.
„Ich geh dann mal duschen, wir sehen uns ja morgen beim Mittagessen. Grüß mir die Oma!“, beendete der schwitzende Mittelfeldspieler das Gespräch, drückte seinen Großvater kurz an sich und verschwand in der Kabine, wo Robin schon von seinen Mitspielern erwartet wurde.
Nach dieser gelungenen Premiere beließ es Lohr auch in den nächsten Begegnungen bei der geänderten Grundaufstellung. Robin versuchte sein Spiel zu verbessern, was ihm auch zusehends von Match zu Match gelang. Lohr gefiel die gewachsene Stabilität im Abwehrverbund, ohne dass sein Angriff dadurch schwächer geworden war. Das Spielsystem des Teams zeigte eine neue Flexibilität, war von den Gegnern schwerer auszurechnen, was sich auch in weiteren positiven Ergebnissen ausdrückte.
Am dritten Spieltag gab es ein weiteres Debüt für das Team von Lohr, denn Mitte der zweiten Halbzeit gab es Elfmeter für die Truppe in Blau. Ihr Mittelstürmer kam im Strafraum zu Fall, nachdem der Verteidiger ihm unsanft in die Parade gefahren war. Genauso schnell wie der Unparteiische auf den Punkt deutete, hatte der Trainer den Schützen für den Strafstoß auserkoren:
„Robin, dein Job!“, lautete die kurze und knackige Arbeitsanweisung für den Mittelfeldmotor. Bis dahin war die Benennung des Schützen eher willkürlich gewesen, der Trainer ließ sich von seinen Spieltags-Eindrücken leiten, handelte dabei stets nach seinem Bauchgefühl, ohne bereits auf einen Schützen festgelegt zu sein.
Robin war kurz überrascht über die Aufforderung, nahm sich dann aber kommentarlos die Lederkugel und legte sie in aller Ruhe auf den ominösen Punkt. Ein paar Schritte ging es zurück, erst einmal tief Luft geholt, ein erneuter Blick auf den Ball, die Locke aus der Stirn geblasen und nach einem kurzen trippelnden Anlauf trat Robin gegen das Leder. Knapp neben dem rechten Pfosten schlug der Ball, den er mit der Innenseite präzise und wuchtig getreten hatte, zum 2:1 für seine Farben ein. Der Torhüter der Gäste schüttelte resignierend den Kopf, er besaß nicht den Hauch einer Chance, obwohl er sich für die richtige Ecke entschieden hatte.
Während seine Jungs Robin zum Torerfolg gratulierten, strahlte der über alle Ohren, schließlich war es sein erster Saisontreffer seit einer gefühlten Ewigkeit. Den knappen Vorsprung verteidigten die Blauen bis zum Schlusspfiff gegen das Team, das ihnen noch im Vorjahr zwei klare Niederlagen beschert hatte.
„War das als eine Art Dankeschön gedacht, weil ich jetzt im Mittelfeld spiele?“, war Robins erste Frage an seinen Trainer in der Kabine.
„Nö, so sentimental bin ich, zumal bei einem engen und unentschiedenen Spielstand, dann doch nicht“, ließ Lohr seinen Torschützen wissen. „Mir war nur klar, dass du den heute reinmachst.“
„Echt jetzt? Ich war mir selbst nicht so ganz sicher, hatte aber auch kaum Zeit zum Nachdenken“, war der etwas verblüfft über den Vertrauensbeweis.
„Weshalb? Du weißt doch wo das Tor steht, hast genug Selbstvertrauen und vor allem eine Bierruhe, auch wenn du nur Cola trinkst!“, lachte der Trainer seinen etwas mit Selbstzweifeln behafteten Vollstrecker an. „Und damit du dich nun etwas besser auf solche Situationen vorbereiten kannst: Du bleibst ab sofort der Elfer-Schütze Nummer Eins bei uns. Das gilt auch dann, wenn du mal einen in den Himmel jagst“, beendete Lohr den Ansatz einer Diskussion im Keim.
Noch dreimal sollte es in dieser Spielzeit zu einer Strafstoßsituation zugunsten des Teams um Robin kommen, der jedes Mal eiskalt nach demselben Muster vollstreckte. Immer mit der Innenseite, immer knapp neben dem Pfosten, immer wuchtig kurz und flach über der Grasnarbe.
Die Jungs spielten eine gute Saison, rückten näher an die Spitzenteams heran, auch wenn es immer wieder kleinere Rückschläge gab, da ihnen noch eine gewisse Konstanz fehlte. Nur einen Punkt hinter dem Vizemeister bogen sie auf die Zielgerade ein, obwohl sie der jüngere Jahrgang waren. Die meisten Teams in ihrer Gruppe waren ein Jahr älter und traten damit auch körperlicher auf. Robin fand inzwischen Gefallen an der neuen Herausforderung: Das Mehr an Aufgaben und der häufigere Ballbesitz beseitigten seine anfängliche Skepsis, zumal der Erfolg des Teams auch seinen Spaß noch einmal erhöhte.
Die kommenden beiden Spielzeiten verliefen ähnlich, das Team von Coach Lohr war immer in der Spitzengruppe zu finden, schlechter als Rang drei war man nie in der Tabelle. Zum ganz großen Sprung an die Spitze fehlte der Mannschaft jedoch die Ausgeglichenheit im Kader. Einige Akteure verließen dann auch noch das Team, wendeten sich anderen Sportarten zu oder entdeckten neue Interessen für sich, die das Zeitfenster für Fußball zu sehr einschränkten.
Robin bedauerte besonders den Abgang seines Kumpels Karsten, der auch eins der Kids der ersten Stunde war, sich aber nun mehr dem Tennissport zu widmen gedachte. Karsten war ein Allround-Talent, in jeder Sportart stand er seinen Mann, ob nun Basketball, Leichtathletik oder Schwimmen auf dem Programm standen. Er sah auch auf allen Positionen im Fußball gut aus, war für seinen Coach somit fast unersetzlich. Selbst im Tor machte er eine gute Figur, als sich Goalie Eddi einmal während einer Partie verletzte und danach nicht weitermachen konnte. „Gib mir deine Handschuhe, das rocken wir schon“, hatte Karsten zu Eddi gesagt, nicht lange gezögert und war ins Tor gegangen, um dort eine einwandfreie Leistung zu bringen. Er rettete mit Glück und Geschick, vor allem aber ohne Gegentor, den knappen Vorsprung über die Zeit.
Dass Karsten für sich die richtige Entscheidung getroffen hatte, sollte sich Jahre später zeigen, als er in seiner Altersklasse sogar Hessenmeister wurde. Wenn es ging, kam er jedoch zu den Matches seiner Freunde, half oft am Spielfeldrand mit Tipps, guten Worten und kühlen Getränken.
Bei einigen Jungs war die Pubertät eingetreten, was sich nicht nur im Stimmbruch, einem dezenten Bartwuchs oder den ersten Muskeln andeutete. Auch Robin machte im Wachstum einen mächtigen Sprung, was seine Mutter abends dem Vater mit einem kleinen Seufzer der Verzweiflung mitteilte:
„Ich kann alle vier Wochen neue Hosen für Robin kaufen, dem kannst du beim Wachsen förmlich zuschauen“, begründete sie die gestiegenen Ausgaben der letzten Zeit kopfschüttelnd. Aus dem kleinen, schmalen Robin war binnen kurzer Zeit ein richtiger Brocken geworden, die einst so dünnen Beinchen waren jetzt muskulös und kräftig. „Du hast ja auch Stelzen wie ein Storch die Krampfadern“, hatte ihm einst sein ehemaliger Trainer von den Bambinis bei einer Schussübung lachend zugerufen, als ein Schussversuch aus gut 20 Metern mangels Kraft und Wucht aus den Beinen kurz vor dem Kasten einfach liegen blieb.
Robin selbst spürte die Veränderungen massiv, alles was ihm lange so leichtgefallen war, entpuppte sich plötzlich von heute auf morgen als echte Aufgabe. Sein Passspiel war ungenauer geworden, das Timing zudem schlechter, viele seiner gut gemeinten Standards verpufften, obwohl die Ansätze zu erkennen waren.
„Deine Motorik hat sich total verändert“, klärte ihn sein Trainer auf, als er den nach einem schwachen Spiel auf seine plötzlichen Defizite ansprach.
„Ich weiß schon gar nicht mehr, was ich wie spielen soll, die Pässe kommen ja alle im Nirwana an“, war der Junge aus dem Mittelfeld mehr als frustriert mit sich und seinem Körper.
„Habe jetzt in all den Jahren nicht mitgemessen, wie viele Zentimeter du gewachsen bist, aber das müssen doch um die 20 gewesen sein, da bin ich mir sicher, du schaust mir ja aktuell direkt in die Augen!“, beruhigte Lohr seinen Spielführer, der wie ein Häufchen Elend auf der Auswechselbank Platz genommen, den Kopf gesenkt hatte, ihn dabei ständig schüttelte. „Wichtig ist, dass du jetzt mit dir selbst einfach Geduld hast, die aufbringst und dich nicht selbst noch zusätzlich unter Druck setzt. Das kann zwei Wochen oder zwei Monate dauern, den Zeitraum wage ich nicht zu definieren, das ist bei jedem Menschen anders“, versuchte sich der Trainer als Muntermacher mit Optimismus. „Denk mal an die Zeit nach der Sommerpause, wenn ihr alle über Wochen kein Training gehabt habt und dann wieder in den Spielbetrieb einsteigt. Das ist oft gar grausam anzuschauen, dann läuft es aber plötzlich von jetzt auf gleich wieder gut.“
Da gab er dem Coach recht, es war Robin auch schon aufgefallen, dass er und die anderen Jungs nach den Ferien die nötige Feinabstimmung vermissen ließen, obwohl man sich seit Jahren kannte und zusammenspielte. Der Trainer hatte dem interessierten Ursachenforscher Robin dann berichtet, dass Wissenschaftler in einer Studie ermittelt hatten, dass selbst hart trainierende Leistungssportler immer und immer wieder dieselben Übungen wiederholten, um in ihrer Disziplin auf dem obersten Leistungsniveau zu bleiben. „Ich meine, ich hätte von einer Zahl von 12.000 oder 13.000 Wiederholungen gelesen, bis die Prozesse automatisiert sind“, erinnerte sich Lohr grob an die Tage des Studiums und der Lehrgänge.
Robin war ein wenig beruhigt, wenn auch nicht im Bereich der Glückseligkeit angekommen, aber die Mutlosigkeit der letzten Wochen war vorsichtigem Optimismus gewichen. Er selbst erinnerte sich an eigene Beobachtungen, wenn die neue Bundesliga-Saison gestartet wurde und er oft die ersten Spiele als ´übelst´ und ´nicht zum Hingucken´ empfand. ´Auch die Herren Profis haben da wohl so ihre Probleme, müssen erst wieder am Rad drehen, bevor sich das wieder schwungvoll bewegt´, war dann auch die Erkenntnis, die Robin aus der Diskussion mit nach Hause nahm. Den anderen Fußball spielenden Jungs, ob nun auf der eigenen Seite oder beim Gegner, ging es auch nicht viel besser, was nur ein schwacher Trost war.
Für Lohr war es eine schwierige Zeit als Trainer, da er bei so mancher Partie eigentlich vier bis fünf seiner Jungen nach wenigen Minuten aufgrund der Mängel hätte auswechseln können, ja sogar müssen. Doch das wäre gleichbedeutend mit einer Bestrafung seiner Kicker gewesen, denen man nie den Willen absprechen konnte, da nur das Zusammenspiel von Geist und Körper aus besagten Gründen nicht funktionierte. So wertete Lohr den Platz unter den Top drei als Erfolg, wohlwissend dass der schlafende Riese eigentlich nur schlummerte, seine elf Zwerge in absehbarer Zeit wieder im normalen Modus kicken würden.
KAPITEL 3
Der erste Schultag nach den Sommerferien begann wie erwartet mit dem großen ´Hallo´. Die Schüler hatten ihre Freunde oft über die kompletten sechs Wochen nicht gesehen, die Wiedersehensfreude startete mit vielen Umarmungen und tollen Geschichten rund um den Urlaub.
Robin und seine Schwester Jessica verbrachten mit ihren Eltern eine tolle Zeit in Spanien und genossen den auch entgegen aller Prognosen. Als im Frühjahr das Thema ´Urlaub´ diskutiert wurde, verspürten die beiden Geschwister eigentlich wenig Lust, mit ´den Alten´ die drei Wochen zu verbringen, zumal es genügend Alternativen für Ferien mit Klassenkameraden oder Altersgenossen aus dem Verein gab.
„Absolut uncool“, sei dies, waren sich Bruder und Schwester ausnahmsweise einmal einig, man sei „doch kein Baby mehr und auf den Schutz der Eltern angewiesen“, tat Jessica fast lautstark ihrem Unmut als die Ältere kund, holte ihren jüngeren Bruder aber mit ins Boot.
Wie immer suchte ihr Vater die Diskussion, konfrontierte sie sachlich mit Fragen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen: „Wie wollt ihr denn euren Urlaub finanzieren?“, lautete die erste Frage des Erzeugers, während seine Frau gespannt auf die Antwort der Sprösslinge wartete.
„Ich dachte, wir bekommen den Anteil als Zuschuss, den ihr für uns ausgeben würdet, wenn wir mitfahren“, schlug Jessica sofort einen pragmatischen Lösungsansatz vor.
„O.k., das verstehe ich“, konnte der Vater der Idee folgen, verwies aber sofort auf die weitergehende Problematik in der Kette: „Wir haben ein Ferienhaus, dass uns einen Betrag X kostet, ob wir da nun mit zwei oder vier Personen antanzen. Wir fahren mit meinem Firmenwagen, der mich außer dem geldwerten Vorteil für die Steuer nichts kostet, ich muss nur das Benzin für die Strecke bezahlen. Dem Auto ist es egal, ob dort im Fond zwei oder vier Leutchen Platz nehmen. Für die Verpflegung vor Ort ist das natürlich anders, da muss ich anders kalkulieren, da kann ich euch je ein Viertel der möglichen Aufwendungen zugutekommen lassen.“
„Wieviel ist das denn realistisch in Euro?“, meinte Robin die Chance erkannt zu haben, ging direkt zum nächsten Angriff über, sein Umschaltspiel klappte auch außerhalb des Fußballfeldes. Nun brachte sich auch die Mutter in das Gespräch ein, rechnete den Geschwistern die Kosten vor, die im Vorjahr beim Trip gen Italien für die Familie pro Woche angefallen waren.
„Was? Das ist alles?“, schreckte Jessica auf, „da bekomme ich ja nicht mal die Flugkosten für die Sprachreise mit der Gemeinde nach England zusammen“, wollte die angehende und strebsame Abiturientin doch ihre Kenntnisse für den Leistungskurs Englisch sogar in den Ferien optimieren.
„Ihr habt halt auch beide in letzter Zeit wenig ansparen können. Robin, weil er sich lieber auf den Sportplätzen dieser Welt herumtreibt als zu jobben, du Jessica, weil verständlicherweise die Geldverdienerei im Abi-Jahr nicht die alleroberste Priorität genießt“, zeigte der Vater durchaus Verständnis auf das kleine Loch in der Kasse seines Nachwuchses.
„Ich frage einfach die Omas und Opas, die spendieren uns ja jedes Mal einen Beitrag für unsere Ferien“, gab Robin die Hoffnung auf eine Zeit ohne die Eltern nicht auf.
„Macht das bloß, rechnet da mal nach, schlaft ein paar Nächte drüber und lasst uns eure Entscheidung wissen. Aber eins ist klar: Mama und ich freuen uns, wenn ihr erneut mit uns kommt!“, beendete der Vater die abendliche Diskussion, ließ die Kids mit Hausaufgaben in Sachen Urlaub zurück.
Am nächsten Morgen hatten sowohl Jessica als auch Robin ihren Freunden in der Schule von der ´entsetzlichen Vorstellung´ erzählt, schon wieder mit den Eltern in den Urlaub fahren zu müssen. Wenig überraschend war es denen nicht viel besser ergangen und nachdem sie die Kostenfrage stellten, waren auch sie in ein kleines Loch gefallen. Robins Kumpel Stefan hatte sich dann auch ´förmlich durchgerungen´, es erneut mit den älteren Herrschaften zu versuchen, zumal das Urlaubsziel sehr attraktiv war: Ein Ferienclub in Spanien, direkt am Meer, mit Essen und Trinken rund um die Uhr und einem sensationellen Animationsprogramm. Auch Jessica hatte dieselbe Story zu hören bekommen, denn ihre Freundin und Mitabiturientin Alexandra war Stefans ältere Schwester. In der zweiten großen Pause gab es deshalb eine Art konspiratives Treffen der Vier in einer Ecke des Schulhofes. Dort wurde beschlossen, den Sommer-Eltern einen gemeinsamen Urlaub der beiden Familien schmackhaft zu machen, zumal sich beide Elternpaare schon lange kannten und des Öfteren abends privat zu einem Gläschen Wein trafen.
Gesagt, getan, noch am selben Abend tagte die Familienkonferenz und kam nach kurzer Zeit zu dem Entschluss, die Idee zu verwirklichen. Einziges mögliches Problem: Die Verfügbarkeit der beliebten Anlage, da die andere Familie ja schon vor einigen Wochen dort gebucht hatte und das Angebot an freien Bungalows bereits ziemlich reduziert war. Glück im Unglück: Robins Patentante Gaby arbeitete in einem Reisebüro, unterhielt exzellente Kontakte in die Touristik-Branche und nutzte die gerne für „mein Lieblingspatenkind, zumal der Club wohl nach dir benannt wurde, lieber Robin“, schmunzelte die eifrige Lady bei ihren Aktivitäten. Sie besorgte sogar noch günstige Flüge nach Granada, so dass die stressige Autofahrt entfiel und die gesamte Reise jetzt nur noch sechzehn Tage statt der geplanten drei Wochen dauerte. Was alle nicht weiter tragisch fanden, zumal das Budget dadurch in den ursprünglich geplanten Dimensionen blieb, der teure Flug so ausgeglichen wurde.
Der Club entpuppte sich als ein El Dorado für Wassersportler, die Sportmöglichkeiten waren einzigartig, das Essen rund um die Uhr allererste Sahne und das Abendprogramm vom Feinsten. Sogar eine Diskothek gab es dort, die auch für die jüngeren Gäste zugänglich war, so dass Robin und Stefan stets bis 24 Uhr dort aufschlagen durften, während Jessica und Alexandra immer erst um diese Zeit den Abend für ihre Zwecke zu nutzen begannen. Die Eltern sahen sie kaum, obwohl sie einen wunderschönen gemeinsamen Bungalow am Meer hatten, Mama und Papa das große Schlafzimmer oben belegten, während die Kids die beiden kleineren Räume im Erdgeschoss zu ihrem Reich machten, obwohl sie die Zimmer eher selten sahen.
„Ich würde mich freuen, wenn wir uns wenigstens einmal am Tage treffen würden, dann etwas gemeinsam essen. Ansonsten macht ihr euer Ding, während die Mama und ich unseren Interessen nachgehen“, war die Ansage des Vaters gewesen, der die gemeinsamen Tage offen und ohne jegliche Kontrollfunktion gestalten wollte.
Das klappte auch vorzüglich, nachdem sich alle auf das Abendessen gegen 19 Uhr geeinigt hatten, sie sich bis dahin praktisch aus dem Wege gingen. Die Eltern waren dann eher die frühen Vögel, während Jessica und Robin den späten Wurm fingen, zumeist erst um die Mittagszeit gesichtet wurden. Eher zufällig traf man sich dann an der Poolbar bei den Getränken, nickte sich freundlich zu, um dann mit den anderen Clubteilnehmern zum nächsten Event aufzubrechen.
Beim Bogenschießen bekam Robin plötzlich einen Schubs von hinten, sein Vater hatte sich auch in die Schlange der Wartenden eingereiht, um sein Glück auf ungewohntem Terrain zu probieren.
„Bist du nicht etwas zu alt für Cowboy und Indianer?“, konnte Robin sich einen kleinen Seitenhieb nicht verkneifen, den sein stets schlagfertiger Vater sofort zu kontern wusste:
„Man nannte mich früher Winnetou, mein Sohn“, ließ er keinen Zweifel an den bald notwendigen Fähigkeiten um Pfeil und Bogen aufkommen. Nach einer guten Stunde wurden die Schießergebnisse ermittelt und jeder Teilnehmer erhielt eine Urkunde zur Erinnerung.
„Platz fünf geht an Robin Sommer, Applaus bitte!“, ließ der Animateur die Zuschauer wissen. „Und den vierten belegt Udo Sommer, mit nur fünf Punkten mehr als der Sohnemann, erneut Applaus für den Oldie“, wurde die Preisverleihung fast zum Familienfestival.
„Mach dir nichts draus, ich habe schon geschossen, da bist du noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gerannt“, raunte der Gewinner von Rang vier seinem Sohn im Vorbeilaufen schnell zu. „Und: Hier brauchst du eine ruhige Hand und keinen ruhigen Fuß“, lachte der einstige Indianerhäuptling seinen Minitou aus.
Die sechzehn Tage vergingen wie im Fluge und insgeheim mussten sich die Geschwister eingestehen, einen der schönsten Urlaube verbracht zu haben, die lange Leine der Eltern war vorbildlich und praktisch nie zu spüren. Das teilten sie auch so euphorisch ihren Klassenkameraden und Freunden am ersten Schultag mit, zumal Alexandra und Stefan es ebenso sahen, die gemeinsame Zeit total genossen zu haben.
„Ihr vier seht ja alle voll krass aus, seid ja schwarz wie ein…“, unterbrach Karsten sich mitten im Satz selbst, „…ne, darf man ja jetzt so nicht mehr sagen!“ In Zeiten der ´political correctness´ wollte er auch sprachlich ein Vorbild sein, selbst das Zigeunerschnitzel, das er so gerne aß, bestellte er nun als Paprikaschnitzel, obwohl er die ursprüngliche Form nie despektierlich meinte.
Die meisten Jungs aus dem Team waren jedoch an anderen Dingen wie dem Wetter interessiert, die Frage nach den hübschen spanischen Mädels ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten. Robin konnte sich überhaupt nicht erinnern, in dem deutsch geprägten Club eine Spanierin gesehen zu haben, wenn dann die Damen aus dem Servicebereich oder an den Event-Abenden auf der Bühne.
„Da war eine Einzige, die dir gefallen hätte, eine Flamenco-Tänzerin. Die bewegte sich wie eine Göttin, wog aber geschätzte drei Tonnen, also exakt deine Kragenweite“, gab es die prompte Rückantwort an seinen Sitznachbarn Erkan, der aus den Ferien in der türkischen Heimat mit einigen Kilos mehr auf den Rippen zurückgekommen war.
Bevor der einen Fluch in Richtung Robin ausstoßen konnte, klingelte die Schulglocke zum Start des Unterrichtes und die Schüler beeilten sich ihre Klassenzimmer zu erreichen, nahmen auf den Sitzen Platz, die sie auch am Ende des letzten Schuljahres innehatten. Die Mädels und Jungs der neuen 10c saßen kaum, als ihr Klassenlehrer Müller-Herrmann den Raum mit energischen Schritten betrat. In seinem Schlepptau befand sich ein großer blonder Junge, der eine kleine Tasche trug, sich interessiert im Raum umblickte, die zu ihm aufsehenden Schüler einen nach dem anderen musterte.
