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Ein berauschender Trip durch die Hauptstadt, erotisch, fesselnd und voll dunkler Leidenschaft. Die Studentin Sara zieht nach Berlin und meldet sich auf einer Datingplattform an, um neue Bekanntschaften zu machen. Nach einer Reihe kurioser Erfahrungen mit den Männern der Hauptstadt begegnet sie schließlich IHM. Corvo ist ebenso gutaussehend, kultiviert und scharfsinnig wie geheimnisvoll und unberechenbar. Schon bei ihrem ersten Date spürt Sara, dass ihn eine Aura aus Dominanz und Gefahr umgibt. Dennoch kann sie ihm nicht widerstehen und verfällt seinem düsteren Charme mit ganzer Seele. Doch Corvo will mehr von ihr als eine normale Beziehung, er will die absolute Kontrolle über sie und verführt Sara zu immer ausgefalleneren erotischen Spielen, die weit über ihre persönlichen Grenzen hinausgehen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine sinnliche Reise durch Berlins Nachtleben und Sara verstrickt sich immer tiefer in Corvos sexuellen Fantasien, bis sie eines Tages durch Zufall seinem finsteren Geheimnis auf die Spur kommt. Wer ist Corvo wirklich und was hat er mit ihr vor?
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die Studentin Sara ist neu in Berlin und lernt über eine Dating-App den mysteriösen Corvo kennen. Obwohl seine düstere Aura sie verunsichert, verfällt sie seinem dominanten Charme mit ganzer Seele und begibt sich mit ihm auf eine sinnliche Reise durch Berlins Nachtleben. Sie verstrickt sich immer tiefer in Corvos ausgefallene erotische Spiele und Fantasien, bis sie eines Tages durch Zufall seinem finsteren Geheimnis auf die Spur kommt. Wer ist Corvo wirklich und was hat er mit ihr vor?
Warnung
Dieses Buch enthält explizite Sexszenen.
Für alle, die furchtlos, wild und abenteuerlustig sind.
Inhalt
Berlin Blackness Playlist
Vorspiel
Winter - Playlist: Juju, »Winter in Berlin«
Kapitel 1 - Playlist: Peter Fox, »Schwarz zu blau«
Kapitel 2 - Playlist: Bloc Party, »Kreuzberg«
Kapitel 3 - Playlist: Paul Kalkbrenner, »Berlin calling«
Kapitel 4 - Playlist: Lail Arad, »Everyone is Moving to Berlin«
Frühling - Playlist: Endlich August, »Das ist Berlin, die Hymne für die Stadt«
Kapitel1 - Playlist: Brando, »Berlin an der Spree«
Kapitel 2 - Playlist: Seeed, »Dickes B«
Kapitel 3 - Playlist: Rainald Grebe, »Prenzlauer Berg«
Kapitel 4 - Playlist: Charlotte,»Im Winter ist Süden im Sommer Berlin«
Kapitel 5 - Playlist: Angelika Express, »Geh doch nach Berlin«
Kapitel 6 - Playlist: Tobias Panwitz, »Sommer in Berlin«
Kapitel 7 - Playlist: Ludovico Einaudi, »Berlin Song«
Kapitel 8 - Playlist: Kuult, »Berlin!«
Kapitel 9 - Playlist: Juju, »Sommer in Berlin«
Kapitel 10 - Playlist: Marteria, Yasha, Miss Platnum,»Lila Wolken«
Kapitel 11 - Playlist: Talstraße 3-5 feat. Ellen Pitches,»Berlin Berlin«
Kapitel 12 - Playlist: King & Potter, »Berlin«
Kapitel 13 - Playlist: Grossstadtgeflüster, »Fickt-Euch-Allee«
Sommer - Playlist: Udo Jürgens, »Sommer in Berlin«
Kapitel 1 - Playlist: Sedlmeier, »Sommer in Berlin«
Kapitel 2 - Playlist: Sido (feat. Mario Barth), »Berlin ick liebe dir«
Kapitel 3 - Playlist: Kraftklub, »Ich will nicht nach Berlin«
Kapitel 4 - Playlist: Kaiserbase, »Berlin, du bist so wunderbar«
Kapitel 5 - Playlist: Tiemo Hauer, »Mädchen aus Berlin«
Kapitel 6 - Playlist: Fokko Wolkenstein, »Sommer in Berlin«
Kapitel 7 - Playlist: Alpa Gun, »Das neue Berlin«
Kapitel 8 - Playlist: Babylon-Berlin-Soundtrack, »Du bist alles«
Kapitel 9 - Playlist: Bushido, »Berlin (instrumental)«
Herbst - Playlist: Samra und Capital Bra, »Berlin (instrumental)«
Nachspiel
Danksagung
Link zur Playlist auf www.instagram.com/s_m_dyster/
Winter
Juju, »Winter in Berlin«
Peter Fox, »Schwarz zu blau«
Bloc Party, »Kreuzberg«
Paul Kalkbrenner, »Berlin calling«
Lail Arad, »Everyone is Moving to Berlin«
Frühling
Endlich August, »Das ist Berlin, die Hymne für die Stadt«
Brando, »Berlin an der Spree«
Seeed, »Dickes B«
Rainald Grebe, »Prenzlauer Berg«
Charlotte, »Im Winter ist Süden im Sommer Berlin«
Angelika Express, »Geh doch nach Berlin«
Tobias Panwitz, »Sommer in Berlin«
Ludovico Einaudi, »Berlin Song«
Kuult, »Berlin!«
Juju, »Sommer in Berlin«
Marteria, Yasha, Miss Platnum, »Lila Wolken«
Talstraße 3-5 feat. Ellen Pitches, »Berlin Berlin«
King & Potter, »Berlin«
Grossstadtgeflüster, »Fickt-Euch-Allee«
Sommer
Udo Jürgens, »Sommer in Berlin«
Sedlmeier, »Sommer in Berlin«
Sido (feat. Mario Barth), »Berlin ick liebe dir«
Kraftklub, »Ich will nicht nach Berlin«
Kaiserbase, »Berlin, du bist so wunderbar«
Tiemo Hauer, »Mädchen aus Berlin«
Fokko Wolkenstein, »Sommer in Berlin«
Alpa Gun, »Das neue Berlin«
Babylon-Berlin-Soundtrack, »Du bist alles«
Bushido, »Berlin (instrumental)«
HerbstSamra und Capital Bra, »Berlin (instrumental)«
DJWhizz, »Berlin Blackness«
Wehrlos. Meine Arme waren am Treppengeländer hoch über meinem Kopf festgebunden, meine Füße tänzelten auf den Zehenspitzen.
Dunkelheit. Die Augenbinde hüllte alles in Schwärze, orientierungslos baumelte ich im Nichts.
Stille. Nur hin und wieder hörte ich das Knarzen der Dielen unter seinen Füßen, spürte einen Luftzug auf meinem nackten Körper.
Gänsehaut. Die Härchen an meinen Armen stellten sich auf, wie um sich ihm entgegenzurecken.
Aus der Finsternis ertönte seine Stimme, sinnlich, dunkel, unerbittlich.
»Zähl mit.«
Luft holen. Ich atmete tief ein, dann folgte der Schlag. Zack. Hart und schnell. Aufflammender Schmerz an meinem Po und meinem unteren Rücken. Die Stelle wurde warm, aber es war ein breiter, großflächiger, sanfter Schmerz. Ich erkannte deutlich die vielen ledernen Schnüre der neunschwänzigen Peitsche.
»Eins«, sagte ich leise.
Einatmen, ausatmen. Schritte auf den Dielen, Sausen in der Luft. Zack. Nächster Schlag. Stärkerer Schmerz ließ mich kurz zusammenzucken. Diesmal begrenzte sich das Brennen und die Wärme auf einen engeren Bereich auf meiner Pobacke, aber der Schmerz war dennoch flächig. Breites Paddle, vermutete ich.
»Zwei.« Meine Stimme war nur ein Flüstern in der Dunkelheit.
Seine Hand strich über die warme Stelle an meinem Po, sanft, zärtlich, verführerisch. Ich beugte mich ihm entgegen. Sausen in der Luft. Zack. Nächster Schlag. Diesmal schrie ich schrill auf. Beißender Schmerz, konzentriert auf eine winzige Stelle und daher umso mächtiger. Es brannte, es puckerte, es hörte lange nicht auf. Reitgerte.
»Drei«, zitterte meine Stimme.
Sein Duft stieg mir in die Nase, diese Mischung aus Sommer und Nacht, die mir die Sinne vernebelte, und ich atmete tief ein. Plötzlich waren da seine Lippen auf meinen. Weltuntergangskuss. Seine Zunge drang sanft in meinem Mund ein und übernahm dabei jeden meiner Gedanken, löschte ihn aus, schob ihn aus dem Weg, bis nur noch das Hier und Jetzt blieb.
Leere. Als er sich von mir löste, hing ich frei im Raum, ohne Anker. Wäre ich nicht festgebunden gewesen, hätte ich einfach davonschweben können, wie ein Gasluftballon ohne Schnur. Zack. Der Schlag traf mich unvorbereitet und mit heruntergelassener Abwehr. Ich schrie laut und lange, halb vor Schmerz, halb vor Verlangen nach ihm. Einmal quer über meinen Po brannte es wie Feuer. Harter Schlag, unnachgiebig, unerträglich schmerzhaft. Rohrstock, eindeutig.
»Vier«, brüllte ich.
Plötzlich lösten sich die Fesseln um meine Hände. Ich sank zusammen, da meine Beine nach dem langen Strecken auf Zehenspitzen einfach nachgaben. Arme, die mich auffingen, aufhoben und wegtrugen. Wärme umfing mich und sein alles vergessen machender Duft. Mein Kopf an seiner Schulter. Stille. Ruhe.
Kälte. Eis und Schnee meterhoch auf jeder Straße. Der Wind pfiff eisig durch die Berliner U-Bahn-Tunnel. Ich stand eingemummelt bis zur Nasenspitze im U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße und wartete mit leerem Blick auf den Zug. Aus meinem iPod dröhnte »Vanilla Twilight« von Owl City in Endlosschleife in meine Ohren. Ich hörte dieselbe Playlist seit Wochen ununterbrochen, während ich Tag für Tag durch das zu Eis erstarrte Berlin wanderte, und der Eispanzer, der in den letzten Wochen alle Straßen überzogen hatte, erreichte langsam auch mein Herz.
Es war dunkel, wenn ich morgens aufstand, und dunkel, wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam. Die Schneepflüge türmten den Schnee zu mannshohen Bergen am Straßenrand auf und verschütteten die geparkten Autos. Meine Füße schlitterten durch die eisige Dunkelheit über verschneite Straßen, vereiste Bahnsteige und festgefrorene Wege quer durch die ganze Stadt und wieder zurück. Jeden Tag wieder und immer wieder. Nur neuer Schnee und neues Eis und diese schmutzige dunkle Stadt, die noch so fremd war und mir ihr kaltes Wintergesicht zeigte. Es schien, als würde es niemals mehr Sommer werden, als wären wir alle in einer Eiswüste gefangen und würden in Dunkelheit und Kälte langsam zugrunde gehen.
Wie sehr ich mich doch irrte. Der Sommer wartete bereits auf mich, nach außen hin strahlend hell und nach innen so finster wie die Hölle. Die Sonne ist die Wärme und das Leben …, aber sie verbrennt dich, wenn du ihr zu nahe kommst.
Ich war erst im Dezember nach Berlin gezogen, um hier eine Stelle für eine Doktorarbeit in einem neuen Institut an der Medizinischen Fakultät anzutreten, dem Institut für Forensische Entomologie und Molekularbiologie, kurz IFEM. Ich war mit Sack und Pack, zwei Kolleginnen und einem Haufen Kisten voller Käferlarven und Würmer in meinem uralten Nissan Micra auf spiegelglatten Straßen hierhergeschlittert. Nun, Wochen später, überzog noch immer eine undurchdringliche Schicht aus einem Meter Schnee, Matsch und Eis alle Wege und Straßen. Obwohl ich seit zwei Monaten in der Stadt lebte, hatte ich Berlins Oberfläche noch nie gesehen. Alles war kalt, grau und wie aus einem russischen Märchen, düster, surreal und unheimlich.
Ich war mitten hineingeraten in einen Jahrhundertwinter und einen schwierigen beruflichen Neuanfang, denn die ursprüngliche Belegschaft des Institutes war wenig überzeugt von dem neuen leitenden Professor und den Doktorandinnen, die er mitgebracht hatte. Ich und meine zwei Kolleginnen Lucy und Maren hatten einen schweren Stand bei den technischen Assistentinnen und mussten außerdem aus einem mehr oder minder heruntergekommenen alten Gebäude eine moderne Anlage der Sicherheitsstufen 1 und 2 machen. Seit Wochen hatten wir nicht an unserer Forschung gearbeitet und stattdessen Müll entsorgt, neue Tische und Stühle aufgebaut, sogar Türen und Einbauschränke zerhackt und ausgetauscht und uns über jede Neuerung mit dem alten Stammpersonal gestritten.
»Nein, Frau Tjarkovski, ich habe es Ihnen doch erklärt. Ihre Pflanzen können ab heute nicht mehr im Labor stehen und auch Ihre Pausenbrote müssen Sie woanders essen. So was ist in einem S1-Labor verboten!«
Ich hörte Maren schon, bevor ich sie sah, nur wenige Augenblicke später stürmte sie mit glühenden Augen ins Doktorandenzimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
»Ganz ehrlich, sie will es einfach nicht verstehen. Da komme ich heute Morgen in das neue S1 und da stehen überall ihre Kakteen auf den Arbeitsflächen und sie hockt seelenruhig dadrinnen am Rechner und isst Käsebrote.« Maren schlug sich die Hand gegen die Stirn.
»Lass mich raten«, grinste ich und ahmte die Stimme der älteren Frau nach: »Das haben wir hier aber immer so gemacht.«
»Sie macht mich wahnsinnig«, lamentierte Maren weiter, während sie sich auf den Stuhl vor ihrem Rechner sinken ließ. »Sie machen mich einfach alle wahnsinnig.« Sie rang die Hände und fing an, nervös eine ihrer Haarsträhnen um ihren Zeigefinger zu wickeln, was sie immer tat, wenn sie gestresst war.
Ich konnte ihr nur beipflichten, nach fast zwei Monaten andauernder Umbaumaßnahmen und mit ihnen andauernder Scharmützel mit den neuen Kollegen waren wir alle drei vollkommen erledigt und aufgerieben. Und dabei hatte alles so voller Hoffnung begonnen. Als wir erfuhren, dass unser Doktorvater eine Stelle in einem neuen Institut in Berlin angenommen hatte und alle seine Mitarbeiter mitnehmen würde, waren Lucy, Maren und ich völlig aus dem Häuschen gewesen. Berlin, die Hauptstadt, das war eine aufregende Verheißung, ein Ort wie im Film, ein Leben, das uns erwartete voller Wunder und Abenteuer. Wochenlang hörten wir »Schwarz zu blau« von Peter Fox und fühlten uns schön, gefährlich und bereits auf wundersame Weise der Kleinstadt entrückt. Alle drei erkämpften wir uns auf dem überrannten Berliner Wohnungsmarkt winzige Charlottenburger Altbauwohnungen in fußläufiger Entfernung zueinander. Ich zog in ein heruntergekommenes Hinterhofhaus, fünfter Stock, kein Fahrstuhl, zweiundvierzig Quadratmeter, ein Zimmer plus Küche bestehend aus Gasherd und Spüle sowie Berliner Schlauchbad und winziger Balkon mit Blick in den Himmel. Ich liebte die Wohnung. Von meinem Bett aus guckte man durch die doppelflügelige Balkontür auf das von Schornsteinen übersäte Dach des Vorderhauses. Bei diesem Anblick kam mir immer Mary Poppins in den Sinn.
Die Kälte zog durch die einfach verglasten, löchrigen Holzfenster, die zerkratzten Dielen quietschten bei jedem Schritt und im Bad musste man über die Toilette klettern, um in die Dusche zu gelangen. Ja, ich liebte die Wohnung vom ersten Moment an.
Was ich weniger liebte, war die Tatsache, dass sich meine On-off-Beziehung aus der alten Heimat Kassel schon nach kurzer Trennung entschieden hatte, dass eine Fernbeziehung nichts für ihn war, und seitdem nichts mehr von sich hören ließ. Und was ich ebenfalls wenig liebte, war der neue Job, der bisher kaum noch etwas mit Wissenschaft zu hatte, sondern eher mit Innenausbau und Konfliktmanagement. Ich war beides leid.
»Wir müssen mit dem Professor sprechen«, sagte ich entschieden zu Maren. »Wir müssen alle drei zu ihm gehen und fordern, dass er sich einschaltet. Es muss ein für alle Mal geklärt werden, wie die Zusammenarbeit in Zukunft laufen soll.«
»Was ist schon wieder passiert?«, fragte Lucy, die gerade ins Doktorandenzimmer gekommen war und meinen letzten Satz gehört hatte.
»Das Übliche, Tjarki macht wieder Stress. Sie kämpft für das Recht, ihr Käsebrot dort zu essen, wo ich in Zukunft mit meinen Leichenteilen hantieren werde.«
Lucy schüttelte entnervt den Kopf, doch sofort veränderte sich ihre Miene und Neugier blitzte in ihren Augen. Ich wusste schon, was jetzt kam.
»Und, wie war dein Date gestern Abend?«, ein genüssliches Grinsen trat auf ihr Gesicht, wie bei einer Katze, die Sahne aufleckt.
Meine Laune sank sofort in den Keller.
»Er hat sich nicht mehr gemeldet. Er wollte mir bis gestern Nachmittag sagen, wo und wann wir uns treffen, hat er aber nicht. Das Interesse ist wohl plötzlich versiegt.«
»Oh, schade«, maulte Lucy ehrlich bekümmert, »nur der Gedanke an eine neue Abenteuergeschichte von dir hat mich heute auf dem Weg hierher aufrecht gehalten.«
»Was soll’s, kommt der Nächste«, murmelte ich und zuckte betont lässig die Schultern, um zu zeigen, wie egal mir das war. Aber verdammt noch mal, es war mir nicht egal. Warum zum Teufel war es mir in diesem Fall nicht egal?
Ich unterhielt seit drei Wochen unser kleines Grüppchen mit den skurrilen Geschichten meiner Internetbekanntschaften. Nach nur zwei Monaten in dieser düsteren Berliner Hölle, und von meinem Freund sitzen gelassen, hatte ich beschlossen, dass es so nicht weitergehen konnte, und entschieden, mich unter das Volk zu mischen. Der Gedanke war weniger, einen neuen Partner zu finden, als vielmehr die neue Stadt kennenzulernen an der Seite von hoffentlich amüsanten jungen Männern. Kurz entschlossen hatte ich mich auf einem einschlägigen Internetportal angemeldet und nach dem Prinzip nicht kleckern, sondern klotzen jede Woche drei Verabredungen mit verschiedensten Typen an den verschiedensten Orten ausgemacht, um so viele neue Berliner Erfahrungen zu sammeln wie möglich. Und das waren Erfahrungen. Himmel.
Ich hatte mit einem Opernfreak in einer Weinbar in der Nähe der Hackeschen Höfe gesessen und mir zwei Stunden lang von seiner Passion (manche würden es vielleicht auch kranke Besessenheit nennen) für Adelsgeschlechter vorschwärmen lassen. Offenbar gab es eine Oper über Ludwig den XIV., in der dieser auf einem Schwanenboot herumschippert, was meinen schrägen Begleiter in solche Ektase versetzt hatte, dass er danach völlig beseelt auf seinem Fahrrad durch die Stadt nach Hause gefahren war und nur noch lächeln und singen konnte. Von diesem denkwürdigen Abend berichtetet er etwa eineinhalb Weingläser lang in aller Detailtreue. Er war entsetzt, als ich ihn wahrheitsgemäß darüber informierte, sowohl Wein als auch Opern zu verabscheuen, und das Date endete damit schnell und ohne weitere Verpflichtungen, ganz nach meinem Geschmack. Des Weiteren war ich mit einem lustigen, aber recht jungen Mann in einer Szenekneipe in Friedrichshain, wo er mir stundenlang von seinen Trinkgelagen mit seinen Mitbewohnern und seinen liebsten Playstation-Videospielen vorschwärmte. Das fasziniert doch jede Frau. Date Nummer drei war ein Herr, der angab, sehr dominant veranlagt zu sein, was mich neugierig machte und mich dazu brachte, mich mit ihm in einer Bar in Neukölln zu treffen. Er sah in echt sehr viel unattraktiver aus als auf seinen Profilfotos und versuchte schon in den ersten Minuten am Tisch mit seinen dicken feuchten Fingern nach meiner Hand zu greifen. Ab diesem Moment umklammerte ich mein Glas mit beiden Händen und beendete das Date so schnell wie möglich, er folgte mir noch bis zur S-Bahnstation und fasste mir allen Ernstes an einer roten Ampel mit seinen klebrigen Fingern in meine langen blonden Haare und fummelte darin herum, während er seiner Hoffnung Ausdruck gab, mich bald wiederzusehen. Alter, darauf kannst du lange warten.
Außerdem ging ich noch mit einem netten Automechaniker zum Angeln in Zehlendorf. Er war wirklich ein guter Kerl und ich traf ihn mehrmals. Allerdings führte die traurige Tatsache, dass er nicht nur gerne angelte, sondern auch küsste wie ein schleimiger Fisch dazu, dass ich ihm schließlich den Laufpass gab. Nachdem wir siegreich aus einer Quiznight in einem Irish Pub hervorgegangen waren und er danach auf der Straße über Gefühle sprechen wollte, beendete ich die Sache. Ich überließ ihm großzügig die gemeinsam gewonnene Flasche Whiskey, damit er sich wenigstens einen antrinken konnte.
Das kürzeste Date hatte ich mit einem Polizisten in einer Fußballkneipe in Schöneberg, er hatte sich so hingesetzt, dass er während unserer Unterhaltung das Spiel auf dem Fernseher verfolgen konnte, was unhöflich, aber noch tolerierbar gewesen wäre. Allerdings kam er schon relativ schnell auf seine Liebe zu deutschem Schlager und seine eindeutig rechte Gesinnung zu sprechen, was mich das Date fluchtartig verlassen ließ. Dreißig Minuten und nur eine halbe Apfelschorle später stand ich schon wieder auf der Straße, lief zurück zur U-Bahn und fragte mich, ob das alles wirklich mein Ernst sein konnte.
Tja, und dann war da noch ER.
Vor zwei Tagen hatte sich ein Mann bei mir gemeldet, der gänzlich anders war als die unzähligen Typen, mit denen ich mir seit Wochen schrieb. Erster Punkt: Er hatte kein Profilfoto, jedenfalls keins, auf dem man ihn erkennen konnte. Auf dem einzigen Bild, das der Account hatte, sah man einen Klippenspringer, von hinten, gegen die Sonne, im Zwielicht. Es war unmöglich, mehr auszumachen als ein paar muskulöse Schultern. Zweiter Punkt: Seine erste Nachricht war in gewisser Weise Poesie und eine Frechheit gleichermaßen. Dritter Punkt: Er war verdammt witzig und schlagfertig. Vierter Punkt: Zwischen den Zeilen schwang bei ihm etwas Dunkles mit, es war mir unerklärlich, aber seine Worte und die Art, wie er sie schrieb, brachten eine Seite in mir zum Klingen.
Er: Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung.
Ich möchte Dich anfassen, Schätzchen. :)
Ich: Nette Anmache, selbstgedichtet oder geklaut?
Er: Guten Abend, holde Schönheit. Sehr gerne würde ich Euch mit eigener Dichtkunst umgarnen, doch mich deucht, das würde Euch in die Flucht schlagen. Daher habe ich mich am Genie Morgensterns bedient. :)
Ich: Oh, werter Herr, Ihr beliebt zu scherzen. So schnell fliehe ich nicht.
Er: … sagte das Lamm zum Wolf. :) Vielleicht würdest Du anders denken, wenn Du mich kennen würdest.
Na, der hält sich wohl für besonders geheimnisvoll. Pah.
Ich: Und welchem Umstand verdanke ich Ihren Besuch auf meinem Profil, werter Herr?
Er: Neugierde, Prinzessin. Deine faszinierenden Fotos, auf denen man gefühlt alles, aber doch nichts erkennt.
Ich hatte es tatsächlich ähnlich gemacht wie er und als Profilfotos nur Bilder genommen, die entweder von hinten oder überstrahlt von zu viel Sonnenlicht aufgenommen worden waren. Aber man konnte sich definitiv einen gewissen Eindruck von meinen Vorzügen verschaffen, daher auch die vielen Dates. Ich machte niemals halbe Sachen.
Ich: Da sind wir ja schon zwei. Bei Dir erkennt man noch weniger als Nichts. Du könntest ebenso gut der schwarze Mann sein oder ein buckliger Glöckner.
Er: Wer sagt, dass ich das nicht bin?
Mann, der Typ hatte echt Nerven. Er wollte sich wohl so richtig interessant machen. Tja, nicht mit mir. Ich wechselte den Bildschirm und antwortete nebenbei ein paar anderen Kontakten. Fünf Minuten später:
Er: Ich habe ein bisschen in Deinem Profil gestöbert. Interessant, wie du Dir Deinen Traummann vorstellst. Er soll wissen, was er will, und eine dominante Ader haben … soso. Was hast Du denn diesbezüglich für Erfahrungen?
Hups, der verschwendet offenbar keine Zeit mit Vorgeplänkel. Statt »was sind deine Lieblingsrestaurants« will er gleich wissen, auf was du in der Kiste so abfährst. Finden wir das gut oder eher schlecht? Vor allem wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich hatte bereits in einigen vorherigen Beziehungen die Erfahrung gemacht, dass es mir gefiel, wenn der Mann im Bett die Führung übernahm. Ich mochte wilden Sex und glaubte, dass ein dominanter Mann mir gefallen könnte, aber mein Erfahrungsschatz war eher gering.
Ich: Über meine sexuellen Erfahrungen rede ich prinzipiell erst nach dem dritten Date und by the way, auf Deinem Profil steht überhaupt nichts über Dich. Von daher hast Du sowieso keine weiteren Infos von mir verdient, geheimnisvoller Fremder.
Er: Hmm, diese Beschwerde könnte berechtigt sein, aber ich wäre bereit, dies zu ändern. Frag mich, was Du wissen willst, Kleene.
Ich: Kleene? Ein echter Berliner, schlussfolgere ich also. Fangen wir an mit Alter, Name und Geschlecht … Nach dem Bild zu urteilen könntest Du auch eine hässliche Frau mit sehr breitem Kreuz sein.
Er: … frech ist sie auch noch … :)
Er: Und ja, Sherlock, ick bin een Berliner. Ein echter, keiner dieser Hipstervögel, die hier Schwabenpapis Geld für überteuerte Fairtrade-Kartoffelsäcke und Quinoa-Salat ausgeben.
Alter: süße 35, Name: Corvo, und bevor Du fragst, ja, ungewöhnlicher Name, meine Mutter wollte immer nach Portugal und hasste das DDR-System, welches sie davon abhielt, daher mein portugiesischer Name.
Ich: Der Name klingt schön, hat er eine Bedeutung?
Er: Corvo heißt auf Portugiesisch Rabe oder Krähe.
Ich: Nicht sehr schmeichelhaft, sein Kind so zu nennen …
Er: Wie man es nimmt, der Rabe steht in vielen Kulturen für Weisheit … aber auch für die Dunkelheit und den Tod …
Ich: Na, Du warst wohl ein ungezogener Bengel. :)
Er: :) Das bin ich heute noch.
Ich: Und was machst Du beruflich?
Er: Genug der Fragen, Kleene. Jetzt bist Du dran, mir zu antworten. Wie heißt Du wirklich? Ich hoffe mal, Selina27 ist nicht Dein richtiger Name. Bist Du aus Berlin? Und falls nicht, woher kommst Du und was machst Du in meiner Stadt?
Ist er mir gerade ausgewichen, als es um seinen Beruf ging? Womöglich ist er erfolgloser Langzeitstudent oder von Beruf Sohn. Nach einer Weile Onlinedating kannte man alle Formen von gescheiterten Männerexistenzen.
Ich: Deine Stadt? Da hat aber jemand glücklicherweise gar kein übersteigertes Ego. Ich heiße Sara und ich komme aus Kassel. Ich bin hier in Berlin, um grob gesagt die Entwicklung verschiedener Larvenstadien einiger Käfer- und Fliegenarten in Leichen zu erforschen. Dabei will ich herausfinden, welche äußeren Gegebenheiten für das Einschalten gewisser Gene bei diesen Tierchen verantwortlich sind. Ich hoffe, dafür bald meinen Doktortitel zu bekommen, wenn ich denn irgendwann mal fertig werde mit dem Mist.
Er: Eine Wissenschaftlerin, interessant. Ich möchte alles darüber erfahren, was Du mit diesen Käfern vorhast. Wie wäre es morgen Abend zum Essen?
Wow, das geht schnell. Aber der Typ war so wahnsinnig interessant und witzig wie schon lange keiner mehr, mit dem ich mir hier geschrieben hatte, also warum Zeit verlieren? Mir war eh schon klar, dass ich nicht widerstehen konnte. Mit ihm würde es wenigstens kein langweiliger Abend werden.
Ich: Okay, wo und wann?
Er: Hahaha, das hätte ich mir schwerer vorgestellt. Du überraschst mich, Kleene.
Ich: Ich habe zufällig morgen eine Lücke zwischen meinen vielen Dates.
Gut, dass er nicht weiß, dass das kein Scherz ist.
Er: Ich schreibe Dir morgen, wann und wo wir uns treffen. Gute Nacht, Schönheit.
Ich: Gute Nacht, Fremder.
Ich wartete den ganzen nächsten Tag ungeduldig auf eine Nachricht von ihm, doch es kam keine. Als ich schließlich um achtzehn Uhr zurück in meine Wohnung kam und immer noch keine Message von ihm in meinem Postfach vorfand, hakte ich die Sache verärgert ab, zog meinen Kuschelpyjama an und guckte sechs Folgen »Gilmore Girls«, wobei ich eine Riesenportion Nudeln mit Ketchup verdrückte. Ich wollte es nicht zugeben, aber etwas an ihm hatte mich unwahrscheinlich in den Bann gezogen. Der Teil meines Hirns, welcher der seltsamen Anziehungskraft dieses Mannes nur zu gerne erliegen wollte, hatte sich schmollend in einer Ecke meines Bewusstseins zusammengerollt und flüsterte von dort unaufhörlich: »Schreib ihm. Frag ihn zum Teufel, was das sollte und warum er sich nicht gemeldet hat. Schreib ihm!«, während der Rest meines Verstandes auf meiner Ehre und meinem Stolz bestand und sich weigerte, die Computertastatur auch nur zu berühren.
Ich hielt bis zum folgenden Abend durch. Nach meinem Gespräch mit Lucy über das nicht stattgefundene Date mit Mr Superarsch war ich noch missgestimmter über die ganze Sache und feilte schon auf dem Nachhauseweg von der S-Bahn an einer gesalzenen verbalen Tracht Prügel für den Kerl. Was fiel ihm ein, mich zu versetzen? Ich war verdammt noch mal eine wunderschöne, charmante siebenundzwanzigjährige Göttin, mit einer großartig kurvigen Figur, langen blonden Haaren bis zum Hintern und was am wichtigsten war: einem leistungsfähigen Gehirn. Was bildete sich dieser arrogante Penner eigentlich ein?
Nachdem ich schwer atmend die hundertsechs Altbautreppenstufen bis zu meinem Adlerhorst unterm Dach hinter mich gebracht hatte, schloss ich die Tür auf, betrat zielstrebig die Wohnung, ließ auf dem Weg zum Schreibtisch meine Tasche achtlos zu Boden fallen und startete den Rechner.
Ich: Wenn ich mich nicht schwer irre, und das tue ich selten, waren wir gestern verabredet. Bist Du immer so unhöflich und lässt Verabredungen kommentarlos platzen? Ihr echten Berliner habt wohl einfach nicht so gute Manieren wie die Schwabenhipster. Vielleicht verdrängen die Euch deshalb überall.
So. Du blöder Arsch. Befriedigt lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und starrte auf den Posteingang. Es dauerte keine drei Minuten.
Er: Guten Abend, Süße. Ist wohl eher die Frage, wer hier wen versetzt hat. Ich saß gestern mutterseelenallein in einer wunderschönen Bar, die ich für uns ausgewählt hatte, und wer war nicht da?
Moment. Was soll das denn jetzt? Lebt der Typ in einer anderen Realität als ich?
Ich: Echt jetzt? Du gehst zu einem Date und vergisst der anderen Person zu sagen, wo das Date stattfindet? Und dann wunderst Du dich, dass sie nicht auftaucht? Sorry, mein Fehler, ich hatte Dich für intelligent gehalten. Du weißt schon, Rabe und Weisheit und so.
Er: Kleine Raubkatze. :) Ich hatte Dir gestern geschrieben. Vielleicht ist meine Nachricht nicht angekommen.
Ich: Ja genau. Verarschen kann ich mich alleine. Ausgerechnet diese eine wichtige Nachricht kommt nicht an. Ja, so ein Zufall.
Ich war jetzt echt wütend und er scheinbar auch.
Er: Schluss jetzt, das bringt so nichts. Lass uns telefonieren. Sofort. Gib mir Deine Nummer.
Das war eine Grenze, die ich bei keinem meiner Dates überschritt. Ich schrieb mir mit ihnen auf dem Portal, aber meine Nummer bekamen sie nicht. Ich wollte nicht, dass sie mich noch weiter auf meinem Handy verfolgen und terrorisieren konnten, wenn ich ihnen den Laufpass gegeben hatte. Das ging mir durch den Kopf, während ich meine Hände beobachtete, die wie ferngesteuert zur Tastatur wanderten und Nummer für Nummer eintippten. Ganz kurz zögerte mein Finger über der Returntaste, und es war genau dieser Moment, in dem ich die Wahl hatte zwischen wegrennen oder in den Abgrund springen.
Ich sprang.
Keine dreißig Sekunden, nachdem ich die Nummer abgeschickt hatte, klingelte mein Telefon. Mit einem mulmigen Gefühl nahm ich es in die Hand. Es tat mir inzwischen etwas leid, dass ich so biestig gewesen war, und ich spürte eine leichte Aufregung in meinen Eingeweiden kribbeln.
Dann nahm ich ab und hauchte zögerlich »Hallo?« in den Hörer.
»Guten Abend, kleine Hexe.«
O mein Gott! Diese Stimme. Ich hatte alles erwartet, aber nicht, dass mich seine Stimme so vollständig umhauen würde. Sie klang wahnsinnig männlich, selbstbewusst, verheißungsvoll. Man hörte dieser Stimme an, dass ein Lächeln in ihr verborgen war und eine tiefe innere Ruhe vor einem gefährlichen Orkan. Noch nie in meinem bisherigen Leben hatte mich eine Stimme so angemacht, ohne dass ich wusste, wie der Mann aussah, der zu dieser Stimme gehörte. Verdammt, er könnte ein psychopathischer Serienkiller sein oder hässlich wie eine Kröte, aber der Teil meines Bewusstseins, der wie eine rollige Katze gerade imaginär um meine Beine strich, schnurrte zufrieden.
»Bist du noch dran?«, wieder dieser leicht amüsierte Unterton.
»Ja … ja«, stammelte ich, während ich versuchte, der Lage Herr zu werden.
»Nun, nach deinen frechen Antworten von eben hatte ich eigentlich erwartet, dass du dich sofort auf mich stürzt, aber du bist überraschend handzahm.«
Ein Lauern lag hinter diesen Worten, das mich schlucken ließ und dafür sorgte, dass ich mich zusammenriss. Er würde mich nicht so schnell kleinkriegen.
»Ich war mir nur noch nicht sicher, ob ein Gespräch sich überhaupt lohnt«, sagte ich betont gleichgültig, »du scheinst ein Lügner zu sein, und auf Lügner fahre ich eigentlich nicht so ab.«
Ein leises Lachen auf der anderen Seite der Leitung, eine Mischung aus freundlich, geheimnisvoll und bedrohlich. Ich merkte, dass ich das Telefon so fest an mein Ohr presste, als wollte ich hineinkriechen, und lockerte bewusst meinen Griff.
»Ich würde dich ja zu gerne fragen, worauf du stattdessen abfährst«, er betonte das letzte Wort, sodass es lächerlich wirkte, und ich ärgerte mich über ihn, »aber darüber sprichst du ja erst nach dem dritten Date. Also, lass mich eins klarstellen, Prinzessin. Ich habe dir gestern eine Nachricht geschickt und ich habe in dem Restaurant auf dich gewartet. Punkt. Warum die Nachricht nicht angekommen ist, keine Ahnung. Das Internet ist ein unergründlicher Ort. Aber ich könnte ja genauso dir unterstellen, dass du die Nachricht bekommen hast und es jetzt leugnest, weil du gestern kalte Füße bekommen hast.«
Das ist ja wohl die Höhe.
»Was bist du nur für ein unverschämter Kerl? Ich kriege keine kalten Füße. Hältst du dich für so furchteinflößend, dass ich mich zu Hause vor dir verstecke? Und warum hätte ich dir dann vorhin schreiben sollen, das wäre ja wohl mehr als dämlich.«
Himmel, warum diskutierst du überhaupt mit ihm? Du kennst ihn nicht mal, leg einfach auf.
Wieder dieses wahnsinnig bezaubernde Lachen auf der anderen Seite der Leitung.
»Du kleine Furie. Ich bin ungewöhnlich gespannt darauf dich kennenzulernen. Hast du heute schon was vor?«
»Nein, wieso?«
Na, wieso wohl, Dummerchen? Was redest du da nur die ganze Zeit?
»Ich hole dich ab. Wo wohnst du?«
Puh, das war die zweite Linie, die ich nie übertrat. Ich gab niemandem meine Nummer und ich verriet ihnen schon gar nicht, wo ich wohnte. Ich traf sie immer nur an irgendwelchen öffentlichen Orten.
Aber nachdem ich schon über die erste rote Linie gehüpft war wie ein sorgloses Schäfchen, erschien mir die zweite nur noch wie ein kindischer Witz, außerdem bohrte sich diese unwiderstehliche Stimme wieder in meinen Gehörgang und machte mir das Denken schwer. Sanft, aber nachdrücklich, befehlsgewohnt und keine Abfuhr akzeptierend: »Sag mir deine Adresse!«
Ich sagte sie ihm. Er antwortete, er wäre in anderthalb Stunden da und legte auf.
Was bitte war das gerade? Hat hier jemand auf Vorspulen gedrückt? Du musst verrückt geworden sein, aber nun solltest du ziemlich schnell duschen und irgendwas Heißes anziehen.
Neunzig Minuten später stand ich in einer engen Jeans, meinem Geheimwaffen-supersexy-Top und einem schwarzen Mantel auf der Straße vor meiner Haustür und wartete auf ihn. Und ich fragte mich zum hundertsten Mal, ob ich eigentlich von allen guten Geistern verlassen war. Ich hatte einem Wildfremden, den ich nur aus dem Internet kannte, gerade meine Nummer und meine Adresse gegeben und wartete nun brav darauf, mich als Nächstes zu ihm ins Auto setzen zu können, um ihm auch wirklich jede Möglichkeit zu geben, ein Verbrechen an mir zu verüben. Ich musste wahnsinnig sein.
Und zudem war er schon zehn Minuten zu spät und ich ärgerte mich bereits darüber, ihm eine zweite Chance gegeben zu haben. Wenn er mich jetzt wieder versetzte, während ich hier draußen stand, aufgebrezelt wie ein Zirkuspferd, und in der Kälte wartete, dann war ich wirklich die größte Lachnummer weit und breit.
Weitere fünf Minuten vergingen und ich war drauf und dran, wieder nach oben zu gehen und es für heute gut sein zu lassen. Mich jetzt einfach ins Bett zu legen und meine Wunden zu lecken, erschien mir immer verlockender.
Da bremste ein grüner Jaguar vor mir auf der Straße und hupte einmal kurz. Das Auto sah aus wie ein Sammlerstück, altmodisch und klassisch. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von Autos, aber dieses wirkte recht kostspielig. Ich versuchte einen Blick ins Innere zu werfen, aber es gelang mir auf die Entfernung durch die kleinen Scheiben kaum.
Noch kannst du abhauen. Geh einfach durch diese Tür hinter dir zurück ins Haus und lass den Scheiß mit dem Onlinedating sein. Das wird dich noch umbringen. Stattdessen spürte ich, wie meine Füße mich unaufhaltsam Richtung Auto trugen. Augen zu und durch. Mit einer einzigen fließenden Bewegung öffnete ich die Tür und stieg ein, ohne mir anzusehen, wer auf dem Fahrersitz saß, erst nachdem ich die Tür geschlossen und den Gurt um mich gelegt hatte, wagte ich einen Blick zur Seite und meine Augen versanken in seinem Lächeln. Er hatte ein markantes Gesicht, nicht klassisch schön, eher interessant, ein stoppeliger Dreitagebart zog sich über seine Wangen und das dunkelblonde Haar hatte er offenbar gewollt unordentlich aus der Stirn frisiert. Um seine tiefblauen Augen tummelten sich Lachfältchen, und seine breiten Schultern zeichneten sich unter dem Hemd und dem legeren Sakko ab, dazu trug er eine schwarze Jeans. Er wirkte wie ein Geschäftsmann am casual friday mit einem Hauch Surfer und einer Prise Oberboss. Eigentlich nicht so richtig mein Typ, das war mir sofort klar, aber irgendetwas hatte er an sich, das meine Aufmerksamkeit erregte und meine Nerven flattern ließ.
»Na, Pünktlichkeit ist wohl auch keine Stärke von euch echten Berlinern, was?«, hörte ich mich zickiger sagen, als ich gewollt hatte.
»Hallo erst mal, junge Dame«, das Lächeln blieb, aber seine Augen verengten sich ein Stück.
»Können wir dann, junger Mann?«, fragte ich provozierend und blickte demonstrativ auf die Straße vor mir.
Neben mir ertönte wieder das hinreißende Lachen, das mir mehr unter die Haut ging, als ich vor mir selbst zugeben wollte. Ich hatte einen regelrechten Kloß im Hals vor Nervosität. Himmel noch mal, reiß dich zusammen, Sara.
»Dein Wunsch ist mir Befehl«, antwortete Corvo leise und eine Spur zu verführerisch. Dann rollte das Auto los, die Straße hinunter und hinein in den dichten Berliner Verkehr.
Die Lichter der Stadt rasten vorbei, während er sich schnell, aber mit großer Sicherheit durch die Staus und Schleichwege der Hauptstadt schlängelte. Man merkte, dass er hier jeden Winkel kannte. Hin und wieder machte er mich auf Gebäude aufmerksam und erzählte mir kurze Anekdoten dazu, wie ein Fremdenführer. Meine Nervosität ließ langsam nach, zumindest schien er kein Serienkiller zu sein. Ich entspannte mich mehr und mehr und die höfliche Kennenlern-Konversation fiel mir leicht mit ihm, obwohl ich eigentlich Small Talk verabscheute. Corvo war eloquent und charmant und ganz eindeutig verliebt in Berlin, was mir gelegen kam, denn wozu hatte ich dieses Daten überhaupt angefangen, wenn nicht, um so meine neue Heimat besser kennenzulernen.
»Wohin fahren wir eigentlich?«
»Lass dich überraschen, Kleene.«
Immer dieses »Kleene«, ganz schön frech, schon beim ersten Date mit solchen Kosenamen zu kommen.
»Gehen wir in dasselbe Restaurant, in dem du gestern schon so einsam gewartet hast?«, ich ließ meine Stimme süß und unschuldig klingen, obwohl ich ihm noch immer kein Wort glaubte.
»Ha, du freches Biest«, lachte er, »nein, wir fahren woanders hin, denn ich habe ja gestern schon einmal dort gegessen. Da du mich versetzt hast, bekommst du nun leider nur meine zweite Wahl, aber ich verspreche dir, dass dir dieses Restaurant ebenso sehr gefallen wird.«
Und damit sollte er recht behalten. Als wir wenig später ausstiegen und er mir seinen Arm anbot (Gentleman-Alarm), um mich über einen kurzen, schlammigen Waldweg zu führen, war ich hin und weg. Ein romantisches Holzhaus mit großen Panoramascheiben stand direkt an einem verwunschenen See, auf dem kleine Ruderboote trieben. Über dem angrenzenden Biergarten zogen sich gelbe Lampions durch die Bäume und auf der hölzernen Terrasse brannten Kerzen in großen Leuchtern. Es war der Inbegriff von Romantik, viel zu romantisch für ein erstes Date, wenn man mich fragte, doch ich wurde wohl nicht gefragt. Corvo bugsierte mich gekonnt ins Innere und an einen Tisch direkt an der Panoramaglasscheibe.
Bevor ich auch nur Anstalten machen konnte, meinen Schal abzulegen, stand er schon hinter mir und nahm mir mit geübten Bewegungen den Mantel von den Schultern, um mir im nächsten Moment den Stuhl zurechtzurücken, damit ich mich setzen konnte. Das hier hatte wahrhaftig nichts mit irgendeinem Date zu tun, das ich jemals zuvor gehabt hatte. Woher kommt dieser Kerl? Achtzehntes Jahrhundert?
Er setze sich mir gegenüber und begann die vom Kellner gebrachte Karte zu studieren, während ich ihn verstohlen musterte. Seine Nase war gerade und brachte einen irgendwie aristokratischen Ausdruck in sein Gesicht, die Lippen hatten einen sanften Schwung und manchmal verzogen sie sich zu einem schiefen, geradezu lausbübischen Schmunzeln, was so gar nicht zum gediegenen Aussehen seiner restlichen Erscheinung passte. Seine Hände, die die Karte hielten, waren groß, mit schlanken Fingern, meine Mutter hätte Pianistenhände dazu gesagt.
»Spielst du Klavier?«, entfuhr es mir ohne Vorwarnung. Mein Gott, hallo Selbstkontrolle, wo bist du bloß?
Corvo sah überrascht von der Karte auf und runzelte leicht die Stirn.
»Ja, wie kommst du darauf?«, in seiner Stimme lauerte eine Art Wachsamkeit, die nie ganz zu verschwinden schien.
»Nur so eine Ahnung. Bist du gut?«
»Du bist eine merkwürdige Frau,« seine Augen musterten mich intensiv, als versuchte er, aus mir schlau zu werden. »Ich denke, ich bin ganz gut, ja. Was ist mit dir, spielst du ein Instrument?«
»Blockflöte«, grinste ich.
»Na, wir können ja nicht alle wahnsinnig talentiert sein, nicht wahr«, säuselte er. Ein Tritt unter dem Tisch gegen sein Schienbein ließ ihn überrascht einatmen und wenig später breitete sich ein gefährliches Lächeln auf seinen Lippen aus, das seine lauernden Augen nicht erreichte.
»Ich nehme das Steak, und du?«, knurrte er.
»Die talentfreien Nudeln in Salbeibutter. Und nun erzähl mir mal, was du sonst so treibst. Was macht der werte Herr denn beruflich? Von mir weißt du es ja schon.«
Statt zu antworten, gab er dem Kellner einen Wink, zu uns an den Tisch zu kommen, und bestellte sowohl für sich als auch für mich Essen und Wein. Obwohl er mich gar nicht gefragt hatte, ob ich Wein mochte, was nicht der Fall war. Allerdings sah ich großzügig darüber hinweg, irgendwie hatte es mir gefallen, wie er mir die Entscheidung darüber abgenommen hatte.
»Ich bin selbstständig im Finanz- und Investmentbereich«, erklärte er, nachdem der Kellner den Tisch verlassen hatte. Das sagte mir einfach nur gar nichts.
»Hmm, und was macht man da so?«, meine Unwissenheit stand mir ins Gesicht geschrieben. Wissenschaftler waren vermutlich in keinem Bereich weniger versiert als im Bereich Finanzen. Ansonsten würden wir wohl auch nicht jahrelang für weniger als den Mindestlohn Sechzigstundenwochen im Labor durchziehen und nicht mal darüber jammern oder uns fragen, ob achthundert Euro im Monat für eine Vollzeitstelle ohne richtigen Urlaub und mit Wochenenddienst wirklich angemessen sind.
Er schmunzelte. »Das kann vieles sein. Ich berate zum Beispiel Firmen, die in erneuerbare Energien investieren wollen, vermittle Kredite für große Immobilienprojekte, verwalte das Vermögen und die Geldanlagen für wohlhabende Geschäftsleute. Es ist nicht so spannend wie dein Beruf, fürchte ich. Lass uns nicht weiter davon reden. Erzähl mir von deinen Käfern. Was machen die so den ganzen Tag?«
»Sie leben in Leichnamen und fressen sich dort dick und rund. Manche Menschen haben Vorbehalte gegen das Thema Verwesungsprozesse beim Essen, also entscheide selbst, ob du wirklich etwas darüber hören möchtest.«
»Ich denke, ich bin stark genug, das durchzustehen«, flüsterte er, »hau raus, Dr. Frankenstein.«
Ich berichtete ihm also wortreich von meiner Forschung und sparte auch die ekeligen Details nicht aus. Er hing an meinen Lippen, lachte viel und herzlich und schien viel gelöster als noch am Anfang des Dates. Allerdings entging mir auch nicht, dass er sehr wenig über sich selbst erzählte. Nachdem er schon das Thema Job recht schnell abgebügelt hatte, sorgte er dafür, dass auch der Rest des Gespräches eher mein Leben betraf als seines.
Sei nicht so misstrauisch, es ist doch schön, dass er sich so für dich interessiert.
Das Essen kam und ging und plötzlich wurde mir bewusst, dass das Restaurant sich langsam leerte. Wir waren fast die Letzten, die noch an ihrem Tisch saßen.
»Wir sollten wohl langsam«, meinte ich mit einem Blick zum Kellner, der in diesem Moment ungeduldig auf die Uhr sah. Verwirrt stellte ich fest, dass ich es bisher noch nie so lange bei einem ersten Date ausgehalten hatte und dass ich außerdem sogar fast so etwas wie Enttäuschung verspürte, dass es nun zu Ende sein sollte.
Corvo sah ebenfalls auf die Uhr und winkte dann den Kellner heran, um zu zahlen. Ich versuchte nicht einmal, die Rechnung selber zu übernehmen, wie ich es normalerweise getan hätte. Corvo bezahlte so selbstverständlich, als wäre ich mittellos. Was bei meinem Doktorandengehalt auch fast der Wahrheit entsprach. Dann stand er auf und half mir in den Mantel, dabei trat er so nah von hinten an mich heran, dass ich seinen Atem in meinem Nacken fühlte, und flüsterte in mein Ohr: »Lass uns tanzen gehen.«
Irritiert sah ich mich zu ihm um, damit hatte ich nicht gerechnet. Dieser Abend steckte voller Überraschungen und normalerweise war ich kein Mensch, der es schätzte, wenn die Dinge aus dem Ruder liefen. Überraschungen waren nichts für mich, als Wissenschaftlerin wusste ich gerne, was mich erwartete, und behielt die Kontrolle, doch an diesem Abend war meine Kontrolle sowieso schon vor einigen Stunden links abgebogen, während ich mit der Geschwindigkeit eines Projektils weiter geradeaus ins Unbekannte raste. Die Kontrolle hatte hier eindeutig jemand anders übernommen und ich staunte innerlich mit offenem Mund, wie bereitwillig ich mich ihm ergab.
»Okay«, hauchte ich nur, während ich ihm noch immer in die blauen Augen starrte. Sein Blick hatte an Intensität immer mehr zugenommen, wie bei einer Schlange, die ihre Beute fixiert. Verdammt, gleich küsst er mich. Will ich das? Will ich das nicht? Mann, was läuft hier, ich kenne ihn doch gerade mal ein paar Stunden.
Doch er lächelte nur, unterbrach unseren intensiven Blickkontakt, als hätte dieser nie stattgefunden, und legte dann besitzergreifend den Arm um meine Schultern, während er mich zum Auto zurückführte. Ein starkes Gefühl, zu ihm zu gehören, kam viel zu schnell, viel zu früh und war vollkommen verwirrend für mich, doch ich ließ es zu und stürzte mich mit ihm kopfüber in diese Nacht.
Wir fuhren in einen Club in Prenzlauer Berg, dort gab es scheußliche Livemusik von einer Art Ein-Mann-Band mit Mundharmonika und Trommeln, aber mir gefiel es trotzdem. Es war laut, es war bunt, ich trank Cuba Libre und überließ mich vollkommen dem Rausch dieser ungewöhnlichen Nacht. Noch mehr als der Club gefiel mir, dass meine Begleitung offensichtlich ähnlich gestrickt war wie ich, was das Tanzen anging. Die Tanzfläche war aufgrund der recht speziellen Musik halb leer, aber wir fegten in den Club hinein wie eine Naturgewalt und tanzten alles aus uns raus, was schon lange rausmusste. Offenbar gab er ebenso wenig darauf, was andere Leute von ihm hielten, wie ich, wir bewegten uns mit großen Gesten, schwangen die Hüften, sprangen unkontrolliert und nahmen den ganzen Raum ein, der sich uns bot. Er grinste breit und auch ich bekam das Lächeln nicht mehr aus dem Gesicht. Verdammt noch mal, ich musste morgen arbeiten und es war schon halb zwei und es war mir so egal. Das Licht tauchte unsere Gesichter in immer neue Farben, der Nebel verschluckte uns halb und ließ uns wieder auftauchen, die Musik dröhnte und wir konnten nicht sprechen, uns nur immer wieder ansehen, durch den Raum und die Menschen hindurch, die neben uns tanzten. Corvo schien zu glühen, er versprühte eine Energie, die mich schwindelig machte. Seine Bewegungen waren fließend und kraftvoll wie bei einer Raubkatze und er schien vollkommen eins zu sein mit der Musik. Manchmal schloss er die Augen und wirbelte mit geschmeidigen Bewegungen herum, als wäre er in einer anderen Welt. Dann erlaubte ich mir, verstohlen seine breiten Schultern und seinen muskulösen Oberkörper zu mustern, der sich bei jeder Bewegung unter dem Oberteil abzeichnete. O Mann, habe ich vorhin nicht noch gedacht, er sehe nur durchschnittlich gut aus?
