Berlin City Blues - Philipp Beck - E-Book

Berlin City Blues E-Book

Philipp Beck

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Beschreibung

Berlin an einem heißen Sommertag. Ein Bankberater sinnt nach einem unerwarteten Ereignis auf Rache. Eine Tierpflegerin jagt auf einem Kinderbauernhof nächtliche Diebe. Eine mysteriöse Frau verleitet einen Musiker zu einem fatalen Fehler. Lose miteinander verbunden geben uns die Geschichten Einblick in das Leben von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam.

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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Philipp Beck

Berlin City Blues

8 Geschichten

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Witwenflüsterer

Apfelkuchen mit Zucker

Amy

Cube

5. Juli

Vollgas

Krautrock never dies

Catch me, I’m falling

Impressum

Danksagung

Urhebernachweise

Impressum neobooks

Der Witwenflüsterer

Berlin City Blues

Acht Geschichten

Philipp Beck

Schweißperlen tropften ihm von der Stirn. Trotz Klimaanlage herrschte in dem Raum eine unerträgliche Hitze. Er streckte den Arm aus. Hielt das Lineal kerzengerade. Fixierte das Ziel wie ein spanischer Stierkämpfer. Es war nur fünfzig Zentimeter entfernt. Nur fünfzig Zentimeter! Und schien doch so fern. Er baute Spannung auf. »Konzentration! Konzentration ist das halbe Leben!«, sagte er zu sich. Dann stieß er zu.

Die unterste Schreibtischschublade sprang mit einem Klicken auf. Sein Schatz schimmerte golden. Gierig griff er nach ihm, löste die pinkfarbene Schleife und - auf seinem Gesicht spiegelte sich blankes Entsetzen. Die Schachtel war fast leer. Unmöglich, jemand musste ihn bestohlen haben! Anders war der plötzliche Schwund nicht zu erklären. Aber er wusste nur zu gut, dass dieser abwegige Gedanken von seinem schlechten Gewissen erschaffen wurde. Natürlich war er für den Mundraub in der Schublade selbst verantwortlich.

Bernd Menzel entnahm die letzte Praline. Genussvoll schob er es in den Mund und schloss die Augen. Die Nougatfüllung zerging langsam auf der Zunge. Ein Wohlgefühl durchströmte seinen Körper und entfachte einen rauschartigen Zustand, der für einen kurzen wertvollen Moment alles andere vergessen ließ. Bernd empfand nichts als Glück. So, genau so stellte er sich das Paradies vor.

Das Telefon klingelte. Der Ton verriet einen internen Anruf.

»Herr Menzel?«

»Mhhm?«

»Ihr Termin bei Frau Spieß findet in einer halben Stunde statt. Sie müssen jetzt los, sonst schaffen Sie es nicht mehr rechtzeitig nach Potsdam.«

»Mhm, oh, ja, vielen Dank für die Erinnerung. Ich mach mich gleich los. Könnten Sie mir bitte noch die Produktinfo zum Fortunes-Fonds ausdrucken? Danke!«

Auf dem Weg zur Tiefgarage der WKP-Bank überflog er das Blatt. Seine Hoffnung, die Funktionsweise des Fonds endlich zu verstehen, verflüchtigte sich mit jeder neuen Zeile. Warum hatte das System ausgerechnet diesen Anlagevorschlag und nicht den bewährten Rendite Doppelplus gewählt? Nun musste er improvisieren und darauf hoffen, dass er den kritischen Fragen ihrer wichtigsten Kundin standhalten würde.

Er öffnete die Tür seines grauen Volvos und ließ den massigen Körper auf den Fahrersitz fallen. Die betagten Stoßdämpfer antworteten mit einem müden Quietschen und bestimmten den Takt für das Rascheln der gelben Bonbondose. Diese befand sich in der Mittelkonsole, ihre Füllung war genauso wichtig wie ein voller Tank. Bernd entnahm ein Zitronenbonbon und startete den Wagen.

Er wollte schon nach hinten setzen, als er plötzlich etwas im Rückspiegel erblickte. Er drehte sich um, spähte durch die Heckscheibe, doch da war nichts. Aber er hätte schwören können, gerade einen Fuchs gesehen zu haben.

Gleich einem Schiff glitt der Wagen aus dem Parkhaus in den Verkehr, synchron zu den Rhythmen von Duke Ellingtons »Money Jungle«. Das Piano rief den Geist vergangener Zeiten wach und katapultierte Bernd in das New York der Swinging Sixties. Eine Zeitreise mit der Zeitmaschine Musik. Die Altbauten der Schöneberger Hauptstraße verwandelten sich in hochgeschossige Apartmentgebäude der 57th Street. Döner fressende Passanten mutierten zu elegant gekleideten New Yorkern, ihre sabbernden Rottweiler zu edlen Collies. Grelles Sonnenlicht wich angenehmen Sepia-Farben. Das war nun sein ganz persönlicher Film, in dem er das Geschehen lenkte. Gleich würde er im Sound Making Studio sein und den Duke auf seinem Kontrabass begleiten. Spielen, einfach nur spielen und den mythischen Augenblick für immer in sich aufsaugen.

Gedankenverloren übersah Bernd den Fußball, der über die Fahrbahn kullerte. Es wirkte wie eine klassische Szene aus der ARD-Sendung »Der siebte Sinn«, die er in den 80er Jahren regelmäßig gesehen hatte. Man konnte immer etwas lernen.

Plötzlich tauchte vor dem Wagen ein verschwitzter Junge in einem roten Fußballtrikot auf. Bernd stieg sofort auf die Bremse. Die Reifen des Volvos quietschten wie ein aufgescheuchter Elefant, doch der Koloss wollte nur schleppend langsamer werden.

Es hätte niemals gereicht. Die massive Stoßstange hätte das Kind voll erwischt und in die Luft geschleudert. Wenn, ja wenn das Schlagloch nicht genau an der Stelle gewesen wäre, wo es war. Der Junge trat hinein, kam ins Stolpern und flog im hohen Bogen auf die andere Straßenseite. Der Volvo schlitterte an ihm vorbei.

Als der Wagen endlich zum Stehen kam, stieg Bernd aus und rannte zu dem Jungen. Er lag weinend auf dem Bauch. Vorsichtig drehte Bernd ihn zur Seite. Blut rann aus den aufgeschürften Knien. Er nahm den Jungen auf den Arm und trug ihn zum Auto. Dort verarztete er die Wunden mit Pflastern aus dem Verbandskasten. Außer ein paar Prellungen war glücklicherweise nichts passiert. Als der Junge sich etwas beruhigt hatte, fragte Bernd, ob er ihn nach Hause bringen sollte. Der Junge schüttelte den Kopf. Schluchzend gestand er, dass er die Schule schwänzte. Seine Mutter arbeitete noch und kam erst in einer Stunde nach Hause. Da wäre der Unterricht ohnehin vorbei gewesen, so dass sie nichts bemerkt hätte.

Der Junge zitterte am ganzen Körper, er stand noch unter Schock. Seine Mutter durfte unter keinen Umständen etwas erfahren, sonst würde es wieder wochenlang Fernsehverbot geben. Bernd erklärte sich widerwillig einverstanden. Er schenkte dem Jungen eine Packung Butterkekse, die er noch im Handschuhfach fand. Im Gegenzug musste der Junge versprechen, nie wieder die Schule zu schwänzen.

Mit einer Verspätung von zwanzig Minuten fuhr er auf das Anwesen von Frau Spieß. Er parkte den Wagen auf dem mit »Besucher« ausgewiesenen Stellplatz.

»Herr Menzel!«, hörte er ihre martialische Stimme beim Aussteigen. Sie musste ihn gehört haben und wartete bereits am Villeneingang.

»Guten Morgen Frau Spieß, ich grüße Sie!« Mit einem bemühten Lächeln ging er die breite Sandsteintreppe hoch, Stufe für Stufe mehr von ihr erspähend: schwarze Pumps, hellgrauer Hosenanzug, weiße Bluse mit tiefem Ausschnitt. Schweigsam beobachtete sie seinen angestrengten Aufstieg. Er fühlte sich wie ein Volltrottel. Sie hätte ihn vor dreißig Jahren sehen sollen, als er noch täglich im Boxring stand.

»Tut gut, ein wenig Bewegung? Treten Sie ein.«

»Ich muss mich wirklich entschuldigen für die Verspätung, aber es gab Probleme. Ich–«

»Das gibt es doch immer«, unterbrach sie ihn. »Probleme sollten gut eingeplant sein.«

Sie drehte sich um und ging hinein. Das Foyer verfehlte auch dieses Mal nicht seine imposante Wirkung. Der weiß gesprenkelte Marmorboden und die emporragenden Säulen waren Zeugnis einer Bauweise, bei der Geld keine Rolle gespielt hatte. Hinter grünen Palmen bewachten angriffslustige Porzellantiger die Eingangshalle.

Sie schritt voran, begleitet vom wiederkehrenden Hall ihrer Absätze. Es erinnerte ihn an seinen ersten Hausbesuch, der einer Museumsführung glich. Bei ihren Worten »Italienischer Carrara, dreißig Millionen Jahre alt« hatte er an die Carrera-Bahn seines Sohnes Philipp denken müssen. Bis heute wusste er nicht genau, wie sie zu ihrem beträchtlichen Vermögen gekommen war. Vermutlich Immobiliengeschäfte. Der Depotwert betrug allein bei der WKP-Bank dreißig Millionen Euro und es gab noch weitere Depots bei anderen Banken. Diesen Umstand bekam er regelmäßig zu spüren, wenn es um die Verhandlung seiner Provisionshöhe ging.

Im Salon angekommen bedeutete sie ihm, auf dem linken Chesterfield Sessel Platz zu nehmen. Bereitwillig folgte Bernd der Anweisung. Sie holte einen Tabletcomputer aus dem Biedermeier Sekretär und setzte sich auf den rechten Sessel. Für einen kurzen Moment schauten sie sich an, ohne etwas zu sagen. Gleich würden sie über Dinge wie Rendite, Rating oder Volatilität sprechen. Aber in diesen Sekunden der Stille war ihre Strenge einer Schutzlosigkeit gewichen. Sie sah verletzlich und müde aus. Selbst das Make-up konnte nicht verbergen, dass die Augenringe einen weiteren Kreis geschlagen hatten. Der Alterungsprozess ging in die nächste Runde. Welche Sorgen plagten einen Menschen wie sie, der eigentlich alles besaß? Eine Krankheit?

»Schön, dass Sie es doch noch geschafft haben.« Eine Anspielung auf seine Unpünktlichkeit. Sie hatte sich gefangen. Der Termin stand seit vier Wochen fest, nachdem sie die letzten beiden Male jeweils kurzfristig abgesagt hatte.

Bei der Besprechung ihres Depots verhielt sie sich wieder sachlich. Bernd gelang es, den Fortunes-Fonds ohne eine einzige Unsicherheit zu präsentieren. Merkwürdigerweise stellte Frau Spieß kaum Detailfragen. Er spürte, dass etwas anders war.

Dieses Einfühlungsvermögen war einst Bernds Stärke im Verkauf gewesen. Er kannte die Bedürfnisse seiner Kunden und konnte die Auswahl der WKP-Produkte darauf abstimmen. Zugegeben, manchmal machte er von dem »Interpretationsspielraum« großzügig Gebrauch. Aber die Kunden waren stets zufrieden. Mit seinen kindlichen Augen und der Stupsnase weckte er bei der weiblichen Klientel zudem mütterliche Instinkte, was sich ebenfalls verkaufsfördernd auswirkte. Die Kollegen nannten ihn deshalb den »Witwenflüsterer«. Eine Anspielung auf das Alter seiner Klientel. Bernds Berufsleben verlief ohne nennenswerte Höhen und Tiefen.

Bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Algorithmus die Produktauswahl übernahm und er Vermögensanlagen verkaufen musste, die er selbst nicht mehr wirklich verstand.

Frau Spieß erklärte ihr Einverständnis zu sämtlichen Empfehlungen. Ausfertigung und Unterzeichnung der Orderaufträge wären die nächsten logischen Schritte gewesen. Aber etwas in Bernd sträubte sich. Auch wenn es jedes Mal ein harter Kampf war, so fehlte ihm jetzt das übliche Feilschen um Provisionen und Margen. Sie hatte keinen einzigen Alternativvorschlag gefordert, sondern alles ohne Widersprüche akzeptiert. Ein völlig wehrloser Gegner. Die Aufträge hätte er zwar gut gebrauchen können, um seine Verkaufsbilanz aufzubessern. Aber nicht auf diese Art. Er kaute auf seiner Unterlippe. Schließlich wagte er sich vor.

»Frau Spieß, bitte verzeihen Sie mir. Ich möchte weder indiskret wirken noch Ihnen zu nahe treten, ich bin ja lediglich ihr Bankberater. Es ist nur so, ich habe das Gefühl, dass Sie etwas bedrückt.«

Zunächst kam keine Reaktion. Sie wirkte abwesend. Schien nachzudenken. Bernd meinte, den gleichen, verletzlichen Blick wie zu Beginn des Termins zu sehen.

Nach einem Räuspern begann sie, zu erzählen. Von ihrem Sohn Maximilian. Den Auseinandersetzungen wegen Kleinigkeiten. Musik zu laut, Jeans zerrissen, das Übliche bei pubertierenden Jugendlichen. Irgendwann bemerkte sie, dass Max nachts aus dem Fenster kletterte. Es gab eine Woche Hausarrest.

Eines Tages rief der Klassenlehrer an. Er kam sofort zur Sache. Max schwänze häufig den Unterricht und wenn er mal doch im Klassenzimmer auftauche, stinke er nach Alkohol. Von den Noten ganz zu schweigen. Es stehe ihm als Pädagoge zwar nicht zu, den Schuldigen zu suchen. Aber Max treibe sich in letzter Zeit mit Steven aus der 8b herum. Ein ausgemachtes Problemkind.

Sie stellte ihren Sohn zur Rede. »Weil ein verschissener Lehrer anruft, interessiert es dich plötzlich, was ich mache. Du bist echt eine Fotze!« Der Streit eskalierte. Es gab vier Wochen Hausarrest. Außerdem beschloss sie, mit ihm eine Therapeutin aufzusuchen.

In der folgenden Nacht verschwand Max spurlos. Niemand wusste, wo er steckte. Zunächst suchte sie mit ihrem Lebensgefährten fieberhaft. Dann gingen sie zur Polizei und engagierten sogar einen Privatdetektiv, nachdem sie wochenlang kein Lebenszeichen von ihm gehört hatten. Ohne Erfolg.

In sich kauernd klagte sie immer wieder, sie habe als Mutter völlig versagt. Jeglicher Hochmut und jegliches Klassenbewusstsein waren verflogen. Mit solch einem Gefühlsausbruch hatte Bernd nicht gerechnet. Mal stammelte er ein »tut mir leid« mal ein »ach herrje«. Sie begann, zu schluchzen.

Bernd rückte den Sessel unauffällig näher und legte seine Hand auf ihre im Schoß gefalteten Hände. Allmählich beruhigte sich Frau Spieß. Lange saßen sie so zusammen, ohne dass ein Wort fiel. Er empfand diesen Moment weder als peinlich noch übergreifend, sondern einfach nur als menschlich. Er sollte es bereuen.

«Besser, Sie gehen jetzt.» Sie flüsterte ihre Worte in seine Richtung.

Bernd zog seine Hand zurück und stand auf. Auch sie erhob sich, wirkte jedoch unsicher auf den Beinen. Normalerweise wäre sie nun in Richtung Foyer geschritten. Doch nichts geschah. Sie schaute durch die Fensterfront hinaus in den gepflegten Garten.

Er überlegte, was er Sinnvolles sagen könnte. »Das mit den Orderaufträgen hat Zeit, das können wir gerne auf ein anderes Mal verschieben.« Beinahe hätte er noch hinzugefügt »wenn es besser passt«, realisierte jedoch, dass es das soeben Geschehene unnötig thematisieren würde. Der Anständige schweigt. Sie nickte stumm und wandte sich Richtung Foyer.

Mit einem angedeuteten Handkuss nahm Bernd an der Haustür Abschied. Als er in seinem Volvo saß, schaute er noch einmal zur Villa hoch. Er kam ins Grübeln. Hatte er sich angemessen verhalten? Wäre es nicht besser gewesen, wie üblich zu verfahren? Ob diese Episode Folgen für ihre zukünftige Geschäftsbeziehung haben würde?

Ach seine Kunden. Den meisten graute davor, das Vermögen falsch anzulegen. Er konnte ihnen diese Angst nehmen. Auch die persönlichen Gespräche schätzte er. Ein guter Bankberater musste eine gesunde Menschenkenntnis besitzen und nicht nur finanzielle Ratschläge erteilen können. Hinzu kam das Savoir-vivre: Er liebte es, mit seinen Mandanten über Oldtimer, kubanische Zigarren oder schottischen Single-Malt-Whiskey zu fachsimpeln. Dann wähnte er sich mit ihnen auf einer Stufe. Bei diesem Gedanken beschloss er, seinem Lieblingsitaliener in der Bleibtreustraße einen Besuch abzustatten.

Eine Pizza Parma und ein Glas Nero d’Avola später war er auf dem Weg zurück in die Bank. Sein Oberkörper wippte rhythmisch zu dem Song »Root Down« von Jimmy Smith, als ein Anruf den Groove zerriss. Im Handydisplay erschien »Andreas Vollenhart« sowie das Foto eines Pavianhinterteils. Es war der Leiter des Private Banking, sein direkter Vorgesetzter. Bernd stellte die Musik leiser.

»Hallo Andreas, wie geht’s, wie steht’s?«

»Bernd, du hast Nerven, so ans Telefon ranzugehen. Beweg deinen Arsch sofort in die Bank!«

»Was ist denn los? Was passiert?«

»Das brauch ich dir nicht zu erklären, das weißt du ganz genau. Komm sofort her!«

»Aha, auch gut. Ich bin in zehn Minuten da.«

Er hatte Andreas noch nie so erlebt. Etwas stimmte nicht. Zu allem Überfluss war die Tauentzienstraße wegen einer Demonstration gesperrt. Vor der Umfahrung hatte sich ein langer Stau gebildet.

Es war mühsam geworden, mit dem Auto durch Berlin zu fahren. Ständig neue Baustellen und Absperrungen. Fanmeile, Fashionweek, Marathon, Velothon. Der Preis der Hauptstadt.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er den Anruf bei Herrn Karl vergessen hatte. Herr Karl war der Geschäftsführer eines großen Verlages. Die aktuelle Marktanalyse wollte er stets montags um 13.30 Uhr von Bernd persönlich erhalten. Er wählte seine Nummer und las beim Stop-and-go-Verkehr den Online-Bericht aus der WKP-Berater-App ab. Herr Karl war zufrieden.

In der Abteilung angelangt wurde Bernd von Andreas und Frau Dr. Gottwald, der Justitiarin der WKP-Bank, regelrecht abgepasst. Dunkler konnten die Wolken wohl kaum aufziehen. Hätte er doch nur auf den Rotwein verzichtet. Andreas harschte Bernd an, mit in den Konferenzraum zu kommen. Was hatte das zu bedeuten? Seine Umsatzzahlen verfehlten zwar die Vorgaben, aber so schlecht sahen sie auch nicht aus. Außerdem blieben einige Kollegen ebenfalls unter dem Soll.

Nachdem Andreas die gläserne Tür geschlossen hatte, setzten sie sich an den eichenhölzernen Konferenztisch. Bernd auf der einen, Andreas und Frau Dr. Gottwald auf der anderen Seite.

Andreas eröffnete das Gespräch: »Bernd, du weißt, warum wir hier sitzen. Dein Termin bei Frau Spieß.«

Doch die Umsatzzahlen. Hätte er das Geschäft mal besser geradlinig durchgezogen.

»Wir stehen kurz vor dem Abschluss, aber leider kam etwas dazwischen. Frau Spieß wird die Orderaufträge bald unterschreiben, versprochen.« Bernd rückte den Krawattenknoten zurecht.

»Etwas dazwischen? Etwas kam zwischen Euch? Wie soll ich das verstehen?« Die Stimme von Andreas überschlug sich. Seine Augen glühten vor Wut und schienen in dem tiefroten Kopf eine Kernschmelze in Gang zu setzen. Frau Dr. Gottwald verharrte hingegen regungslos.

»Darüber möchte und kann ich jetzt nicht sprechen. Das wäre auch ganz im Sinne von Frau Spieß.« Bernd gab sich betont reserviert.

»Das ist doch Bullshit! Vor einer halben Stunde hat Dr. Hartmann angerufen, der Anwalt von Frau Spieß. Es werden schwere Vorwürfe gegen dich erhoben.«

»Bitte? Was denn für Vorwürfe?«

»Das habe ich gehofft, von dir persönlich zu erfahren und nicht von Dr. Hartmann. du sollst Frau Spieß in ihrer Villa bedroht haben, nachdem sie sich weigerte, die Orderaufträge zu unterschreiben. Genau genommen sollst du sogar handgreiflich geworden sein und versucht haben, sie zu vergewaltigen.«

Bernd wurde schwindelig. Er kam sich vor wie in seinem schlimmsten Alptraum. Wenn er vergeblich versuchte, an die Wasseroberfläche zu schwimmen. Keine Luft mehr bekam. Zu ertrinken drohte. Schweißgebadet wachte er dann jedes Mal auf. Seine Frau Sylvia drängte ihn schon seit längerem, wegen der Atemaussetzer endlich einen Arzt aufzusuchen.

Er wollte etwas sagen, aber aus seinem trockenen Mund kam nur ein Krächzen. Andreas fuhr fort.

»Okay, du hast dazu also nichts zu sagen. du wirst sicherlich verstehen, dass wir bei diesen schweren Vorwürfen das Arbeitsverhältnis mit dir nicht fortsetzen können. Frau Dr. Gottwald hat ein Kündigungsschreiben aufgesetzt, das du bitte gleich schriftlich bestätigen magst. Der Sicherheitsdienst wird dich dann zu deinem Schreibtisch begleiten, wo du deine persönlichen Gegenstände holen kannst. Alles andere bleibt selbstverständlich in der Bank.«

Bernd konnte noch immer nichts sagen. Dafür meldete sich sein Magen mit der Pizza Parma.

»Ach ja, Bernd, noch eines: Dr. Hartmann hat angedeutet, dass Frau Spieß eventuell von einer Strafanzeige absehen

würde. Voraussetzung ist aber, dass du jetzt nicht mit einer Kündigungsschutzklage oder so was kommst, sondern darauf verzichtest und die Bank mit sofortiger Wirkung verlässt. Es wäre auch in unserem Interesse, wenn das Ganze nicht öffentlich würde. Frau Dr. Gottwald hat hierzu etwas vorbereitet, das du auch gleich unterschreiben kannst. Aber natürlich nur, wenn du willst, es besteht keine Verpflichtung.«

Andreas schob drei verschiedene Blätter über den Tisch: das Kündigungsschreiben, den Verzicht auf die Kündigungsschutzklage sowie eine Verschwiegenheitserklärung.

Nun ergriff Frau Dr. Gottwald das Wort: »Sollten Sie noch Unterlagen der WKP-Bank zu Hause oder in sonstigem Privatbesitz haben, sind diese unverzüglich an die Bank zurückzureichen. Im Falle der Weigerung oder Nichtbefolgung werden wir Sie auf Herausgabe sowie Zahlung von Schadensersatz verklagen. Die Kosten des Verfahrens haben Sie selbstverständlich zu tragen. Damit wir sicher gehen können, erhalten Sie diesen Fragebogen, den Sie an die Rechtsabteilung vollständig ausgefüllt bis spätestens morgen 12.00 Uhr im Original zurückschicken mögen, vorab per Fax reicht zur Wahrung der Frist aus. Ach ja, Ihren E-Mail Zugang haben wir natürlich auch per sofort sperren lassen. Hier bräuchten wir aber noch das Passwort. Sollten Sie sich weigern, es uns zu geben, würden wir das ebenfalls gerichtlich klären.«

Bei ihren letzten Worten reichte Frau Dr. Gottwald Bernd den Fragebogen. Sie lächelte. Bernd lächelte zurück. Er hatte nicht zugehört, sondern nur ihr hübsches Gesicht und die wallenden Haare betrachtet. Sie erinnerte ihn an jemanden aus längst vergangenen Zeiten. Eine Schauspielerin?

Andreas hatte sich mittlerweile beruhigt und sein Business-Lächeln aufgesetzt. Bernd hasste es. Er schaute auf die vor ihm liegenden Blätter. Am liebsten hätte er die Pizza Parma darauf gekotzt.

Es hatte keinen Zweck, sich zu verteidigen. Er lag blutend am Boden und war bereits ausgezählt. Sie warteten nur darauf, dass er unterschrieb. Seine Sicht der Dinge? Ohne Belang. Die ganze Geschichte erweckte den Anschein, als ob ihnen der Vorfall höchst gelegen kam. Einen verheirateten Familienvater mit zwei Kindern im Schulalter wird man sonst nicht so schnell los. Es sei denn, es gibt einen Grund zur außerordentlichen Kündigung. Et voilà. An Marlene Spieß dachte er in diesem Moment komischerweise nicht. Andreas zog seinen Montblanc Füller aus dem Jackett. Bernd nahm ihn stumm entgegen und wollte schon unterschreiben, aber etwas sträubte sich in ihm. Sollte er so widerstandslos aufgeben? Ihr Vorgehen war unfair, es war brutal. Das hier kam einer Vergewaltigung gleich. Mit einer Unterschrift würde er sein Einverständnis dazu erklären. Eine einvernehmliche Vergewaltigung. Bernd verzog den Mund ob dieser Absurdität.

Plötzlich stand er auf. Die Erwartung auf ihren Gesichtern wich einer Verwunderung. Er führte seinen rechten Arm mit dem Montblanc in der Hand langsam nach oben. Als dieser senkrecht in der Luft stand, hielt er inne. Mit großen Kinderaugen bestaunten Andreas und Frau Dr. Gottwald das Geschehen.

»Na, wo ist das Vögelchen?« platzte es aus ihm heraus. Ehe sie reagieren konnten, legte er den Schalter um.

Wie schweres Pendel raste sein Arm abwärts. Die geballte Faust hämmerte den Montblanc auf den Konferenztisch. Das Vorderteil platzte krachend, Kunststoffteile schossen in alle Richtungen. Bernd war überrascht, dass ein Füller so laut sein konnte. Montblanc eben. Das abgebrochene Schaftende festhaltend, betrachtete er sein Werk voller Zufriedenheit. Sogar Tinte war auf die Blätter gespritzt. Einmal in Fahrt, öffnete er die Faust und schnippte das Füllerwrack in die Luft. Nach einem perfekten Bogen landete es auf dem Tisch und kullerte bis zu Andreas. Entsetzt schauten sie ihn an. Es herrschte völlige Stille. Bernd nutzte den Augenblick und ergriff das Wort: »Au revoir Mesdames et Messieurs. Es war mir ein Fest.« Mit entschlossenen Schritten ging er zur Tür und ließ diese schwungvoll zurück ins Schloss fallen. Die hinter ihm losbrechende Aufregung bekam er nicht mehr mit.

Unter den fragenden Blicken seiner Kollegen verließ er das Büro. Sollten die sich um den Inhalt seines Schreibtisches kümmern. Der Schokoladenvorrat war erschöpft und das Bild seiner Kinder vergilbt. Bernd Menzel lächelte, als er aus dem Bankgebäude heraustrat.

Das Lächeln hielt jedoch nur für kurze Zeit an. Was nun? Seine Frau Sylvia anrufen? Und ihr erklären, dass sie ihn wegen »angeblicher« Vergewaltigungsvorwürfe gefeuert hatten? Nein, unmöglich. Er brauchte erst etwas Abstand von der Sache.

Bernd lockerte den Krawattenknoten und zog das Jackett aus. Hier draußen war es unerträglich heiß. Unschlüssig begann er, die Potsdamer Straße entlang zu gehen. Vorbei am Wintergarten Varieté, das im grellen Tageslicht schmucklos aussah. Weiter über die Kurfürstenstraße mit dem Babystrich. Jedes Mal, wenn er am Feierabend die Freier aus den Autos heraus mit den Mädchen gestikulieren sah, dachte er, dass man diese Typen allesamt kastrieren sollte. An der Winterfeldstraße angelangt, musste er an seine zahlreichen Einkäufe auf dem Winterfeldmarkt denken. Das Flanieren zwischen den Ständen mit frischem Obst und Gemüse. Ein Plausch hier, ein Plausch da und vor dem Weg nach Hause noch einen kleinen Aperitif. Bernd ging weiter bis zu Pallasstraße, wo er vor dem »Sozialpalast« stehen blieb. Auf den Trümmern des ehemaligen Sportpalastes war dieser gigantische Wohnkomplex gebaut worden. Was für eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet an dem Ort, wo Joseph Goebbels 1943 zum totalen Krieg aufrief, nun zweitausend Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich zusammenlebten.

Das Leben. Bernd wurde plötzlich bewusst, dass er zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos war. Eine Ohnmacht stieg in ihm auf, ähnlich wie beim Aufwachen nach einem K.O.-Schlag.

Du kommst zu Bewusstsein und merkst, es ist zu spät ist. Du kannst nichts mehr ausrichten. Dein Mund ist voller Blut und dein Kopf fühlt sich wie eine zermanschte Melone an. Jede Bewegung ist qualvoll, der Schmerz übermächtig.

In diesem Moment entdeckte er einen Discounter. Mit einer Plastiktüte voller Bierdosen kam er wieder heraus.

Auf dem Weg ins Unbestimmte öffnete er die erste Büchse und trank sie in einem Zug leer. Einen Moment später musste Bernd herzhaft rülpsen. Er blickte sich peinlich berührt um. Es schien niemanden zu kümmern. Ein rülpsender, Bier trinkender Mann gehörte zum Berliner Alltagsbild wie ein Scheißhaufen auf dem Gehweg. Bernd rülpste noch einmal lautstark und lachte bei dem Gedanken, dass er mit Bierdose, weißem Hemd und blauer Hose wie Homer Simpson aussah.

Beim Erreichen des Heinrich-Lassen-Parks war die zweite Dose bereits leer. »Mensch Junge, das läuft ja heute mal wieder!«, sprach er zu sich selbst.