Berlin: Kontrollverlust - Frank Martin Hein - E-Book

Berlin: Kontrollverlust E-Book

Frank Martin Hein

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Beschreibung

Ein Berliner Assistenzprofessor und Psychologe wird von seiner jungen Mitarbeiterin zum Abendessen eingeladen. So attraktiv sie ist: Ihn treibt der Zwang, seinen Job durch ein neues Forschungsprojekt zu retten. Doch der Versuch, das berühmte amerikanische Milgram-Experiment aus den Sechzigern in unsere Zeit zu übertragen, gerät bald außer Kontrolle. Als die ersten Studenten spurlos verschwinden, steht der Ruf der Universität auf dem Spiel. Ein ehemaliger Doktorand auf den Spuren der Berliner Luftbrücke sorgt für weitere Probleme, die weder ein mysteriöses Genie aus den Tiefen des DDR-Wissenschaftsparks Adlershof noch ein Privatdetektiv in Amerika schnell lösen können. Liebe und Macht, berufliche Ambitionen und deren Fallstricke sind die Themen, mit denen sich die Akteure dieses Buches in Berlin auseinandersetzen – wenn sie sich nicht gerade in die wissenschaftlichen Details ihres Experiments zu Fragen des 'freien Willens' vertiefen. Das kommerzielle Potential des Projekts aber erkennen Internet-Experten in Frankreich, Tokio und Los Angeles viel früher als dessen Urheber… Wer bereit ist, seine Selbstverantwortung an Unbekannte abzugeben, erfährt durch die neuen Systeme den ultimativen Kick. Professionelles 'Fate Enhancement' per Mausklick wird zur Mode und zum medialen Entertainment, noch bevor die Versuche in Berlin abgeschlossen sind. Kann man sein eigenes Schicksal wenden, wenn man sich selbst freiwillig den Anweisungen anonymer Instruktoren ausliefert? 

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Frank Martin Hein

Berlin: Kontrollverlust

Wissenschaftskrimi

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zum Buch

Vorzeit 1

Vorzeit 2

Vorzeit 3

Vorzeit 4

Woche 11—2

Erster Durchlauf

Woche 1—1

Zweiter Durchlauf

Woche 1—2

Woche 11—4

Dritter Durchlauf – 1

Woche 1—3

Dritter Durchlauf – 2

Woche 1—4

Vierter Durchlauf

Woche 2—1

Fünfter Durchlauf

Woche 2—2

Sechster Durchlauf

Woche 3—1

Siebter Durchlauf

Woche 3—2

Woche 3—3

Achter Durchlauf

Woche 4—1

Woche 4—2

Neunter Durchlauf

Woche 5—1

Woche 6—1

Woche 6—2

Woche 6—3

Woche 7—1

Woche 7—2

Woche 7—3

Woche 8—1

Woche 8—2

Woche 9—1

Zehnter Durchlauf

Woche 9—2

Woche 9—3

Woche 9—4

Woche 9—5

Woche 10—1

Woche 10—2

Woche 10—3

Woche 10—4

Woche 10—5

Woche 10—6

Woche 10—7

Woche 10—8

Woche 10—9

Woche 11—1

Woche 11—3

Woche 11—5

Woche 11—6

Woche 11—7

Woche 11—8

Woche 11—9

Woche 11—10

Woche 12—1

Woche 12—2

Woche 13—1

Woche 13—2

Woche 13—3

Woche 14—1

Woche 14—2

Woche 14—3

Woche 14—4

Woche 14—5

Woche 14—6

Woche 14—7

Woche 14—8

Woche 14—9

Woche 14—10

Woche 14—11

Woche 14—12

Woche 14—13

Woche 14—14

Woche 14—15

Ausblick 1

Ausblick 2

Ausblick 3

Im Buch verwendete Links und Quellen:

Inhaltsstruktur:

Zur Entstehung dieses Romans

Zum Autor

Impressum neobooks

Zum Buch

Ein Berliner Assistenzprofessor und Psychologe wird von seiner jungen Mitarbeiterin zum Abendessen eingeladen. So attraktiv sie ist: Ihn treibt der Zwang, seinen Job durch ein neues Forschungsprojekt zu retten. Doch der Versuch, das berühmte amerikanische Milgram-Experiment aus den Sechzigern in unsere Zeit zu übertragen, gerät bald außer Kontrolle. Als die ersten Studenten spurlos verschwinden, steht der Ruf der Universität auf dem Spiel. Ein ehemaliger Doktorand auf den Spuren der Berliner Luftbrücke sorgt für weitere Probleme, die weder ein mysteriöses Genie aus den Tiefen des DDR-Wissenschaftsparks Adlershof noch ein Privatdetektiv in Amerika schnell lösen können.

Liebe und Macht, berufliche Ambitionen und deren Fallstricke sind die Themen, mit denen sich die Akteure dieses Buches in Berlin auseinandersetzen – wenn sie sich nicht gerade in die wissenschaftlichen Details ihres Experiments zu Fragen des ‚freien Willens‘ vertiefen. Das kommerzielle Potential des Projekts aber erkennen Internet-Experten in Frankreich, Tokio und Los Angeles viel früher…

Wer bereit ist, seine Selbstverantwortung an Unbekannte abzugeben, erfährt durch die neuen Systeme den ultimativen Kick. Professionelles ‚Fate Enhancement‘ per Mausklick wird zur Mode und zum medialen Entertainment, noch bevor die Versuche in Berlin abgeschlossen sind.

Kann man sein eigenes Schicksal wenden, wenn man sich selbst freiwillig den Anweisungen anonymer Instruktoren ausliefert?

Vorzeit 1

Soldat Ilja Kotikow vollzog den ersten Koitus mit Margot Wrobbel lustlos und innerlich unbeteiligt. Er hatte mit seinen Kameraden gewettet, dass er sich trauen würde, als Jüngster. Er tat ja nicht mehr als das, was sie auch taten und was für Sieger üblich war. Deutsche Frauen zu demütigen war ihm weniger wichtig, als dass er die Seelower Höhen überlebt hatte. Er wollte nun vor allem schnell zum Studium nach Kiew zurück. Als er erfuhr, dass er eine Sechzehnjährige vergewaltigt hatte, die im Oderbruch vor den Bomben auf Berlin geschützt werden sollte, war ihm die Sache peinlich. Er ging mit Lebensmitteln zu ihr nach Wuschewier zurück und entschuldigte sich. Sie verzieh ihm. Bevor sie ihren Sohn Alexander zur Welt brachte, heirateten sie. Er blieb mit ihr im Oderbruch. Alexander ging später fort.

Vorzeit 2

In den frühen Achtzigern lag die Kanzlei der Anwälte Schmendrick & Schtupp International (LA-ASSI) noch direkt neben dem Wilshire Theater in Los Angeles. Erst durch die Nachfrage der Medienkunden wuchs das Büro so stark an, dass es eine ganze Etage im Aon Center in der Nähe mieten musste. Tim Brawn, ein gut aussehender, ehrgeiziger Juniorpartner bei LA­ASSI mit einer Vorliebe für gestreifte Hemden mit weiß abgesetzten Krägen und Manschetten, ging zu jeder Premiere. Marjorie Brimm, Literaturkundlerin mit Bachelor, hatte ihren Studentenjob dort an der Kasse noch eine Weile über den Abschluss hinaus behalten. Es war so schwer, als Nobody in der Unterhaltungsbranche Fuß zu fassen. Tim verliebte sich in die kleine brünette, quirlige Person mit den hellblauen Augen und dem fröhlichen Lachen. Er machte ihr den Hof. Nach zwei Spielzeiten nahm sie seinen Antrag an.

Vorzeit 3

Als Christa Lommel 1985 die Driburger Straße in der Paderborner Innenstadt überqueren wollte, war sie in Eile. Sie hatte ihren Sohn im Schlepptau, den sie gegen seinen Willen, aber auf Wunsch seines Vaters, nach Schulschluss vom Pelizaeus-Gymnasium abgeholt hatte, um ihn noch rechtzeitig vor Ostern zum Friseur zu bringen. Termine um diese Zeit waren knapp. Während Frau Lommel über den Reismannweg zügig in südlicher Richtung auf den Übergang der Driburger zusteuerte, näherte sich aus östlicher Richtung ein hellbeiger VW-Bus in der rechten Spur. Der Fahrer, ein Heizungsmonteur aus Neuenbeken, war Raucher. Circa sechzig Meter vor der Kreuzung griff er nach den Roth-Händle in der Brusttasche seiner blauen Monteursjacke, die er vor der Abfahrt ordentlich auf dem Beifahrersitz abgelegt hatte. Die Schachtel rutschte unversehens heraus und weg von ihm, auf den Wagenboden. Der Blick des Fahrers war daher vor der Kreuzung mit dem Personenübergang nicht mehr auf die Straße gerichtet, sondern nach unten. Er steuerte mit links und griff mit rechts – sich stark streckend – vergeblich nach den Zigaretten. Christa Lommel drehte sich gleichzeitig nach ihrem Sohn um, der eine Verabredung zum Tischtennis mit einem Freund treffen wollte, der zufällig gerade aus dem benachbarten Reismanngymnasium gekommen war. Der VW traf Frau Lommel frontal, mit fast unverminderter Geschwindigkeit, mehr als vierzig Stundenkilometer gewiss, nachdem das Auto mit dem rechten Vorderrad den Bordstein geschnitten hatte. Mehr schleudernd als fahrend war es auf den Bürgersteig geraten. Christa Lommel wurde zur Seite geworfen, schlug mit dem Kopf hart auf den Boden und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Sohn blieb unverletzt. Der Verlust der Mutter, die alles für ihn tat, die ihn liebte und er sie, maßlos, wenn sie ihn einmal mehr vor den Schlägen seines Vaters schützte oder danach in den Schlaf sang, bescherte dem Kind ein schweres Trauma, das ihn nicht mehr loslassen sollte.

Vorzeit 4

Der erste Moment war immer der schönste. Jeden Tag aufs Neue. Wasser kräuselte sich in klitzekleinen Wellen rund um die niedlichen runden Zehen mit den knallig rot lackierten Nägeln. Sie glänzten im Licht. Kalt war es und warm zugleich, der Sand weich unter den Fußsohlen, die Luft frisch und mild. Die Brise versprach Energie und gute Laune. Die Morgensonne schickte ihre ersten, kitschigen Strahlen über den Berg. Harriet Brimm ließ sich Zeit und zelebrierte den Einstieg ins Meer wie ein Ritual. Das Wasser reichte ihr mit jedem Schritt etwas höher: die hübschen Waden entlang, über die Knie und die Oberschenkel. Bis es endlich die Bikinihose direkt zwischen ihren Beinen berührte. Der hellblaue Stoff sog sich voll und wurde dunkler. Sie spürte, wie ihre Scham feucht wurde, das Wasser stieg und schließlich ihr rundes Bäuchlein umspülte. Das Baby darin sollte keinen Schock bekommen, sondern an ihrer Freude teilhaben. Kurz nach Sonnenaufgang in der Santa Monica Bay zu schwimmen machte Harriet glücklich. Ihr erstes Kind durfte an diesem Glück von Anfang an teilhaben. Endlich glitt Harriet ganz ins Wasser und machte ein paar entschlossene Züge in die Bucht hinaus. Brustschwimmen hatte sie schon in der Schule gelernt; es fiel ihr nicht schwer. Mit geschlossenen Augen, knapp unter der Oberfläche gleitend, konnte sie die Strömung bei jeder Bewegung noch besser um sich spüren. Nach ein paar Minuten drehte sie sich auf den Rücken und ließ sich treiben, perfekt und anstrengungslos gehalten an der Grenze zwischen Wasser und Luft. Als sie zu frieren anfing, drehte sie sich zurück in die Bauchlage und begann ihr Training: Jeden Tag während der Schwangerschaft kraulen zu üben, das hatte sie sich vorgenommen, seit ihr Mann John es ihr letzte Saison beigebracht hatte. Bei ihm sah es wie schwebend, so leicht und selbstverständlich aus. Obwohl Harriet beim Luftholen oft Wasser in den Mund bekam, übte sie unverdrossen weiter. Jeden Tag ein wenig mehr, so ging das über Wochen. Sie war stolz auf sich und ihre Disziplin, denn die Anstrengung nahm schneller zu als ihr schwimmerisches Geschick. Kein Problem, ich bin ja schwanger‘, sagte sie sich. Bis sich eines Tages beim Schwimmen ihr Unterbauch so zusammenkrampfte, dass sie vor Schmerzen kaum noch den Kopf über dem Wasser halten konnte. Mit letzter Kraft schaffte sie es an Land, schleppte sich auf ihr Handtuch und hielt sich den Bauch. Sie weinte, bis sie einschlief, und kam nie mehr in die Bucht zurück.

Woche 11—2

Michael Lommel saß in einem dieser maroden alten Berliner Mercedes-Taxis, als ihm das erste Mal so richtig klar wurde, wie tief er in der Scheiße steckte. Hinter ihm lag ein langer Tag vollgepackt mit Arbeit. Die Verpflichtungen hatten alles Nachdenken über seine eigene Lage verhindert. Dafür traf ihn jetzt, um kurz vor elf Uhr abends, die Erkenntnis umso härter, in Schwierigkeiten zu stecken. In ernsthaften. Er fühlte sich schlagartig müde, elend. Ihm war kalt. Der Weg von Berlin Adlershof nach Tempelhof erschien endlos lang und zu kurz gleichzeitig. Die fröhliche Musik aus dem Radio des russischen Fahrers quälte ihn. Es war unmöglich, dabei einen klaren Gedanken zu fassen. Was würde er gleich gefragt werden? Was würde er antworten? Er versuchte, sich die Situation vorzustellen. Was? Wie bitte? Denken Sie bitte noch einmal nach. Was? Lommel hasste das Gedudel. Er verabscheute Fahrer, die mit einer Hand telefonierten und mit der anderen steuerten. Irgendwie steuerten, schalteten und blinkten. Oder auch nicht. Er verabscheute seinen Fahrer jetzt im Augenblick. Wie soll man nachdenken, wenn man jeden Moment gegen eine Ampel krachen kann? Denken Sie bitte noch einmal nach. Lommel hasste den stetigen, dünnen Berliner Regen draußen, echten Pissregen, und den kalten, feuchten Luftzug, der permanent ins Auto kroch. Warum war die Seitenscheibe vorne rechts nicht ganz zu? Warum mussten sich alle alten Mercedesgetriebe, praktisch also alle alten Taxis in Berlin, so durch die Gangwechsel quälen, mit Schlägen, als ob das Auto urplötzlich festgehalten würde und gleich darauf wieder ruckartig freikäme? Ob sich das Mercedes so gedacht hatte? Was? Was war die Frage? Denken Sie noch einmal nach. Welche Taktik hatte er sich doch gleich überlegt? Warum waren die Scheibenwischer nicht in Ordnung? Bitte? Sie quietschen? Beschwerden sind nicht im Fahrpreis inbegriffen. Berliner Taxifahrer hassen Beschwerden. Lommel hasste Berliner Taxifahrer. Lommel hasste es auch, von der Polizei nach Tempelhof bestellt worden zu sein. Das war jetzt eine gute halbe Stunde her. Vielleicht keine gute halbe Stunde, aber immerhin so lange. Und nicht abzulehnen. Er war dran. Jetzt. Das war das Ergebnis der letzten Monate. Alles hatte sich verändert, alles. Und jetzt war auch noch das öde Taxi zu bezahlen. „Kein Trinkgeld?“ „Nö. Nichts. Nicht für sone olle Schüssel.“ „A…“ „Idiot.“ Lommel drehte sich noch einmal um, bevor er die Polizeistation betrat. Vor ihm lag es: das lang gestreckte Gebäude des Flughafens Tempelhof. Durch die Wolke blauen, stinkenden Dieselqualms schaute er direkt auf den Ort, an dem alle seine Probleme angefangen hatten.

Erster Durchlauf

Rosalie Fechner hängte sich artig das hässliche graugrüne Teil um den Hals, steckte sich die Stöpsel in die Ohren und bestätigte den Soundcheck. „Ja, ich höre dich. Alles klar, Alter.“ Die Psychologiestudentin aus Frankenthal war die Erste im Institut, die verkabelt wurde. Sie fand das sehr cool. Hoffentlich ging es endlich los! Jetzt saß sie noch im tristen Flur auf einem alten kantigen Holzstuhl, wartete und schaute sich gelangweilt um. Der Boden vor ihr war großflächig gefliest, die Wände waren beige und dunkelgelb gestrichen, an der Decke hingen Neonröhren, soweit man blicken konnte. Dieser Geruch nach Putzmittel. Sonst nichts los, kein Mensch auf dem Gang. Gut so. Rosalie hatte keine großen Vorstellungen, was sie erwartete. Damit, sich nicht zu viel vorzustellen, war sie in ihrem Leben bisher immer am besten gefahren. ‚Das Leben besteht ohnehin aus einer immensen Serie von Zufällen‘, davon war sie überzeugt. ‚Es gibt keine Vorhersehung. Ordnung ist Zufall. Unordnung genauso.‘ Genaue Pläne konnten damit nur kollidieren. Zum Beispiel jetzt. Hauptsache war, immer anständig, aufrichtig und ehrlich zu bleiben. Kant galt. Egal in welcher Situation. Ehrlich dran bleiben, keine Ausflüchte! ‚Steh auf‘, tönte es plötzlich in ihren Kopfhörern. Die erste Instruktion! ‚Dreh dich nach rechts.‘ Rosalie gehorchte. ‚Renn!‘ Es war nicht schwierig, dem Folge zu leisten, bis sie an die erste Kurve des rechtwinkeligen Gebäudes kam. Sie stockte. Schlagartig spürte Rosalie einen Schmerz in ihren Ohren. „Autsch“, entfuhr es ihr. Ihr wurde warm in ihren Wintersachen. ‚Renn, habe ich gesagt. Kurve oder nicht: renn.‘ Rosalie krachte fast in eine Gruppe anderer Studenten, nachdem sie den Befehl umgesetzt hatte. Sie zuckte zur Entschuldigung kurz mit den Schultern. Dann ging es fast einmal ganz um die Etage. Sie kam ins Keuchen, ihre Haare flatterten und die Geräusche ihrer Stiefel hallten lange nach in den kahlen Gängen. Unauffällig war das jedenfalls nicht. ‚Stopp. Dreh dich um. Renne zurück.‘ Es war bescheuert, aber wohl nicht zu ändern. Diesmal machte sie einen Bogen um die Studenten. Sofort kam der Schmerz wieder. Sie schwitzte. ‚Stopp. „Rennen“ hatte ich gesagt. Nichts von wegen Umwegen und so.‘ Rosalie stand untätig und unschlüssig im Gang und atmete schwer. Die Studenten gingen vorbei, drehten sich nach ihr um und schüttelten verständnislos den Kopf. Dann ging es wieder los. Direkt zurück. Sie wurde über einen Gang ins Nachbarinstitut geschickt. Musste stehen. Und warten. Gefühlte fünf Minuten später kam der nächste Befehl. ‚Dreh dich um nach links, bis du eine Tür siehst. Gehe darauf zu. Bleibe davor stehen.‘ Rosalie hatte keine Ahnung, wo sie war. ‚Mach die Tür auf und frage laut, ob Justin Bieber da ist. Laut!‘ Rosalie zuckte. Ich will nicht stören. Niemanden stören. Sie war ein Typ, der ungern störte, egal wen. Ausgerechnet Justin Bieber. Gar nicht ihr Fall. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Auf einmal fuhr ihr ein heftiger Schmerz in den Kopf. „Aua!“ ‚Los jetzt. Aufmachen und rufen!‘ Rosalie machte einen kleinen Schritt vorwärts, legte die Hand auf die Klinke und zögerte. Sie war klatschnass geschwitzt und fühlte sich beschissen. Am liebsten wäre sie einfach abgehauen. Mein Gott, so ein Scheiß-Experiment. Aber selber schuld. An dieser Zwickmühle bin ich ja selber schuld. Wieso mache ich auch mit? ‚Jetzt aber los. Sonst verliere ich meine Geduld!‘ Diese Sprüche kannte sie von ihrer Mutter. Genau so. Danach setzte es meistens was – früher. Rosalie drückte langsam die Klinke herunter, öffnete die Tür und rief laut nach Justin Bieber.

Woche 1—1

Bitte beschreiben Sie Ihr Sozialverhalten.

Ich bin nicht der soziale Typ. Ich fühle mich nicht wohl unter fremden Leuten. Ich weiß nicht wohin mit meinen Händen. Ich lächele ungern. Ich stehe ungern im Rampenlicht.‘ Dr. Michael Lommel, ein Berliner Motivationspsychologe, arbeitete sich durch einen interaktiven psychologischen Test. Als Kandidat. Er rechnete damit, sehr bald seinen Job zu verlieren. Er wusste nicht, was er anfangen sollte mit seinem Leben, ohne Job. Was tun?

Wie gehen Sie mit ,Small Talk‘ um? ,

Small Talk vermeide ich. Ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll. Ich sage oft Falsches, drücke mich falsch aus. Also halte ich den Mund und höre zu. Keine Ahnung, wie die Leute auf ihre Themen kommen. Warum sie überhaupt reden. Wann sie lächeln sollen? Wie sehr sie jemanden provozieren können? Oder nicht. Und was sie sonst noch tun sollen?‘

Sie stellen bitte keine Fragen. Wir fragen hier. Was treibt Sie beruflich an?

Gewohnheit. Der Wunsch nach Geld. Anerkennung. Aufstieg – wie alle.

Warum wollen Sie so sein wie alle?

Will ich ja nicht. Habe ich nicht gesagt. Ich bin anders, was Besonderes. Also, ich will für das geschätzt werden, was ich bin.

Warum denken Sie, sind Sie etwas Besonderes?

Hat meine Mutter ganz früher oft gesagt. Manche Leute halten mich für seltsam, andere ignorieren mich. Ich bin einfach kein Durchschnitt. Ich finde eine anständige Depression befriedigender als langweilige Normalität. Und außerdem: Anders hält man es auch nicht aus, ohne feste Anstellung, wenn man sich nicht für was Besonderes hält. Oder es halt einfach ist.

Warum machen Sie Ihren gegenwärtigen Job? ,

Ich hab nichts anderes, kann nichts anderes, will nichts anderes. Mich interessiert einfach, warum Menschen das tun, was sie tun.

Warum wollen Sie wissen, warum Menschen das tun, was sie tun?

Weil ich zu oft dazu gebracht wurde, Sachen zu machen, die ich nicht wollte. Von meinem Vater, meinen Lehrern, O. K.? Warum habe ich sie trotzdem gemacht? Das wollte ich wissen. Und wie andere mit so was umgehen.

Lommel war vom Programm genervt. Zu viele bohrende Fragen. Er schaute an die Decke und sah große, rechteckige, gelbe Deckenplatten aus Gips, Rigips oder so was. Ein Kabel von der langen Neonröhre in der Mitte baumelte herab. Rötliche Farbe. Warum? Was war passiert? Warum hing es gerade da? Warum wurde es nicht gebraucht? War sein Vorgänger schuld? Ein dunkler Fleck in der Ecke hinten links fiel auf. Wasser? Keine logische Verbindung. Der Rest der Decke war einfach nur langweilig. Und irre staubig. Lommel folgerte: ‚Wenn’s in dem Gebäude irgendeine anregende Stelle gibt, dann gewiss nicht hier.‘ Als Schüler hatte Lommel kleine Löcher mit einem Elektromotor in sein Englischbuch gefräst, das fand er meist befriedigender, als zu lernen. Hier hatte er leider keinen Elektromotor zur Hand, als Erwachsener. Er schaute umher, aus dem Fenster. Draußen gab es große, stille schwarze Bäume ohne Blätter. Feucht und glänzend. Ein verödeter, asphaltierter Weg führte zwischen ihnen hindurch, verband die S-Bahnstation mit der Uni. Zehn Minuten zu Fuß, gut frequentiert während des Semesters, vereinsamt jetzt. Berlins berühmte Humboldt-Universität – sie lag da wie tot. Er strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Warum machen Sie das, was Sie jetzt gerade machen?

Gute Frage. Wenn ich das nur wüsste, dachte Lommel und überlegte wieder ausführlich. Er suchte nach einer positiveren, dynamischen Antwort. Er brauchte zu lange für das Programm.

Denken Sie nach. Konzentrieren Sie sich, Sie wollen vorankommen.

Lommel gehorchte und aktivierte mehr Gehirnzellen. Aber nun mischte sich ein Stimme tief in seinem Hinterkopf ein: ‚Weizenbaums Eliza, damals in den Sechzigern, hat genauso gefragt. Aber das Programm war viel freundlicher. Lommel, Mann, warum machst du nur diesen blöden Test?‘ Zwei Fragen auf einmal waren zu viel. Lommel schrieb einfach drauflos und beantwortete beide gleichzeitig. Ungefähr, zumindest.

,Also, ich denke viel nach. Ich suche nach einem Sinn, einem Zweck. Meistens weiß ich nicht, was ich – also ich und niemand sonst – wirklich will. Und warum ich’s dann tue. Ich glaube, es geht im Grunde darum herauszufinden, ob und warum ich das will, was ich tue, ja. Wenn ich das will, was ich tue. Und warum ich es dann tue, wenn ich es tue. Oder einfach, warum ich das mag, was ich tue, wenn dem so ist. Oder auch nicht. Genau. Ist doch klar.‘

Jetzt musste Lommel auf das Programm warten, ehe eine Antwort erschien. Aus irgendeinem Grund gab es offenbar Störungen im Ablauf. In der Zwischenzeit liefen drei Personen den Weg entlang und in das psychologische Institut. Warum? War Lommel nicht klar. Er sah zwei Studenten und eine Studentin. Alle waren sie recht langsam, vielleicht depressiv? Kandidaten für einen Test? Schließlich erschien die nächste Zeile auf seinem Bildschirm. Es ist nicht klar.

Bitte erklären Sie sich.

‚Das dachte ich mir‘, redete Lommel halblaut mit sich selbst. ,So ein blöder Programmierer. Dich kann ich immer noch austricksen!‘ ,Ich mache, was ich mache, weil ich ein High-Achievement-Persönlichkeitsprofil habe und extrem entschlussfreudig veranlagt bin.‘ Lommel strahlte, als er diese Lüge eintippte. Voller Begeisterung fuhr er fort: ,Ich folge einer Reihe klar strukturiert geplanter Schritte. Ich konzentriere mich auf Aufgaben und erledige sie. Allesamt und fehlerfrei. Beispiel: mein Weg über Grundschule, Gymnasium, Uni-Diplom, PhD, Anstellung. Ich setze mir anspruchsvolle Ziele und erreiche sie.‘ Tatsache war: Seit er das erste Mal einen Uni-Job ergattert hatte, fehlte ihm jede Idee, wie es weitergehen könnte. Außer natürlich, er würde einen vollen Posten als Professor bekommen. ,Und wenn ich das schaffe, fehlt mir wieder die Fantasie. Ich habe einfach keine wirklichen Ziele‘, dachte er. ,Ich warte darauf, dass etwas mit mir passiert. Ab und an habe ich eine Inspiration. Die vergeht auch wieder. In der Zwischenzeit erledige ich meine Pflichten. Ich tue, was mein Körper von mir verlangt. Damit bin ich ungefähr genauso weit wie Freud vor hundert Jahren.‘ Er schrieb: ,Mein Leben ist ein Experiment mit schlechtem Start und offenem Ende.‘

Was wollen Sie damit machen?

,Ich dachte, Sie sagen mir das. Ich suche eine Stimme, die mir sagt, was ich tun soll. Die gab es früher immer. Sagen Sie mir was. Irgendwas, das ich mag. Irgendwas Sinnvolles. Na los!‘ Stopp.

Bitte mit der Ruhe. Erklären Sie sich, bitte.

,Ich bin professioneller Psychologe. Ich habe einen Zeitvertrag als Assistenzprofessor. Der Vertrag läuft diesen Sommer aus. Alle klar? Meine Karriere hängt, hat eigentlich noch gar nicht richtig angefangen. O. K., mit dem ganzen Standardkram hatte ich keine Probleme. Aber jetzt brauche ich eine neue Idee, etwas Einmaliges. Das wäre wichtiger als ein neues Büro oder eine Freundin. Ich brauche vor allem eine neue Idee! Sonst werde ich auf der Straße …‘ Lommel schrieb so schnell vor sich hin, dass er, ohne es zu merken, die vorgesehene Zahl an Zeilen überschritt. Er schrieb über seine fehlende Motivation aufzustehen und sein Zeug zu machen, und über das Fehlen eines coolen, neuen Experiments. Ein Experiment, das ihm seinen Job erhalten oder ihm sogar einen besseren bescheren würde. Dieser Wunsch aber kam kaum über das abgegriffene, schmutzige Dell-Keyboard hinaus, auf das Lommel eingehämmert hatte. Jedenfalls kam er nie im Programm an, denn es erschien eine neue Frage.

Spielen Sie Online-Spiele? Auf welchem Niveau?

,Keine Online-Spiele. Beendet, seit ich meinen Avatar zum Zahnarzt geschickt habe …‘ Natürlich wusste Lommel, dass in Jobinterviews nach seinem Rang in diesem oder jenem Spiel gefragt werden könnte. Als Beleg für seine Führungsstärke und so weiter. Er machte trotzdem nirgends mit – verlorene Zeit. Vielleicht war das ein Fehler. Während er nun darüber nachdachte, produzierte das Programm schon die nächste Frage.

Welche Gefühle verbinden Sie mit einem Zahnarztbesuch? Bitte wählen Sie: Angst, Vergnügen, Auslieferung, andere.

Lommel zögerte nur kurz und klickte auf ,andere‘.

Bitte beschreiben Sie, was ,andere‘ für Sie heißt.

„O. K.“ Lommel sprach vor sich hin. „Mal sehen, was passiert, wenn ich ehrlich bin.“ Er tippte: ,Sexuelle Anziehung.‘ ‚Wahr ist, ich habe meinen Zahnarzt vor allem wegen seiner Assistentin ausgesucht. Genau genommen, ich bin einer Empfehlung gefolgt. Wo sonst kann man Frauen derartig ungestraft ins Gesicht starren? Es ist doch nur normal – wenn man den Kopf nicht wegdreht, muss man es ja tun! Und man kann ihn nicht wegdrehen! Die Frauen selber also müssen es wollen. Sie sind einfach zu eitel für jeden anderen Job. Sie wollen es.‘ Er lächelte in sich hinein.

Was meinen Sie mit ,Sexueller Anziehung‘?

Na ja, Lommel hatte eine bestimmte Sprechstundenhilfe im Auge (während sie sicher nur an seinen Mund dachte und wie sie seine bezaubernd belegten Zähne reinigen würde). Er schuckelte unruhig auf seinem Bürostuhl mit dem graublauen, abgenutzten Bezug umher. Einerseits musste er sie wohl bald mal wieder besuchen. Andererseits war ihm sein eigenes Geständnis etwas peinlich. Trotzdem folgte er artig und schrieb noch einmal die Wahrheit: ,Wenn ich – wenn ich das Aussehen einer Frau mag, dann starre ich sie an. Sprachlos.‘ ‚Und wenn jemand Mist erzählt‘, fügte er in Gedanken dazu, ‚dann ziehe ich meine Augenbrauen hoch.‘ Tatsache war, sie bewegten sich so oft in unterschiedliche Richtungen, dass die Studenten darüber redeten. Er galt als streng, O. K. War O. K. Wenigstens streng.

Trotz seiner einunddreißig Jahre suchte er noch nach Fixpunkten, einer Formel für sein Leben, aber hatte bisher keine gefunden. Nichts war verlässlich. Wenn überhaupt, dann, dass man der Realität nicht mit Gefühlen Herr wird, sondern nur mit Argumenten. Das stimmt doch. Sein Büro an der Humboldt-Universität war klein. Er hatte nur wenige Kurse abzuhalten. Akademisch war auch nicht viel los, da er kaum mehr publizierte. Es gab keine Theorie von ihm, keine Affären mit Studentinnen. Er fand sich selbst farblos, ja blass. Ohne ein originelles, neues Forschungsprojekt würde er kaum an Profil gewinnen und wieder an einer Uni angestellt. Daher die Frage nach seiner Bestimmung. Sie stellte sich drängender denn je. Er träumte vor sich hin, dachte an seine Zukunft, die Zahnarzthelferin und die Dinge, die eigentlich jetzt sofort zu erledigen wären (einen Termin dort machen, ja), als sich leise die Tür öffnete und eine junge Frau das Zimmer betrat. Ohne dass er es merkte, kam sie an seinen Schreibtisch, gerade als der Computer ,Ping‘ machte und ihm eine neue Frage präsentierte.

Warum starren Sie Frauen an?

„Warum starrst du mich so an, Michael?“ Petra Pachlower, seine Assistentin, war ebenso verwirrt von seiner Überraschung wie er von ihrem Erscheinen. „Guten Morgen, Petra. Gott, ich war so bei der Arbeit, dass ich dich gar nicht gehört habe.“ Sie lächelte. Strahlend. „Morgen, Doc. Was machst du denn gerade – kann ich mal gucken?“

Zweiter Durchlauf

Frederike Felsensprung hielt sich nicht für besonders verklemmt. Aber mit Schnecken hatte sie es noch nie so. Sie hockte im Innenhof des Instituts im abendlichen Halbdunkel mitten auf der feuchten Wiese und fühlte sich miserabel. ‚Such! Verdammt noch mal!‘ Die verzerrte Stimme über Kopfhörer klang bedrohlich. Frederike fuhr vorsichtig mit den Fingern durch das halbhohe Gras und spähte aufmerksam umher. Ihre Ohren kochten noch von den Stromstößen, die sie ein paar Minuten zuvor bekommen hatte. Das sollte sich nicht wiederholen. ‚Los, streng dich gefälligst an. Hier muss es Nacktschnecken geben! Geh halt zu den Büschen da rüber.‘ Die Studentin erhob sich langsam, suchte weiter das Gras ab und peilte die kahlen Sträucher an. Ihre Ohren zuckten. ‚Jetzt mach mal hinne, Mädel! So kommen wir ja nie zum Ziel!‘ Frederike war sich nicht sicher, ob sie überhaupt am Ziel ankommen wollte. Ihr war jetzt schon übel von den Schmerzen und der nach vorne gebückten Haltung. Schließlich entdeckte sie tatsächlich eine fette, orangerote Nacktschnecke. Shit. ‚Na also, mein Schatz, wer sagt’s denn! Nimm sie auf, bitte, nimm sie auf deine Hand, mein Engel.‘ Das Experiment ging Frederike eindeutig zu weit. Was sollte dieser vertrauliche Ton. Einfach anmaßend und geschmacklos. Und ihr Durchlauf war erst in zehn Minuten vorbei. ‚Na los, mein Schatz, sonst setzt’s was! Nimm deinen Liebling in die Hand.‘ Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihren Ekel zu überwinden und zuzugreifen, wenn sie die Regeln nicht brechen wollte, oder noch mehr Stromstöße bekommen. Frederike bückte sich, schob drei Finger unter das glitschige Etwas und hob es auf. Dann reckte sie sich und streckte den Arm weit von sich weg. Das Tier krümmte und streckte sich in der fremden Umgebung. ‚Wunderbar, na also, es geht doch. Hol deinen Freund näher ran, schau ihn von ganz nah an, meine Beste. Näher!‘

Nicht nur der Auftrag war widerlich, der Ton war ebenso eine Zumutung. Frederike war nicht mehr klar, wieso sie sich je auf das Seminar eingelassen hatte. Als es wieder anfing, tief in ihren Ohren zu schmerzen, winkelte sie ihren Arm ab und brachte ihre Hand mit dem Tier näher an ihr Gesicht. ‚Prima, gut gemacht. Schau genau hin, mein Engel.‘ Frederike fürchtete, dass damit noch nicht alles vorbei war. Aber mal sehen. Langsam ergab sie sich ihrem Schicksal. Sie hielt die Hand direkt vor die Kamera, die ihr vom Hals baumelte. ‚Ist es nicht niedlich, das Tierchen? Jetzt lecke es ab.‘ Frederike war sprachlos vor Ekel und Entsetzen. Die beleuchteten Institutsfenster rings um sie drehten sich. Gleich würde sie umfallen. ‚Los, leck deinen neuen Freund, sonst muss ich dir helfen!‘ ,Perverser geht es kaum‘, dachte Frederike noch, als ein heftiger Stromstoß sie traf. Sie zuckte unfreiwillig und fuhr mit ihrem Mund über das schleimige Getier in ihrer Hand. ‚Spürst du nichts? Soll ich dir noch mal helfen? Jetzt leck endlich, mein Schatz! Richtig!‘ Frederike streckte die Zunge aus und fuhr über die raue, bittere Oberfläche der Schnecke, bis der Brechreiz übermächtig wurde, sie sich übergab und das schleimende Tier fallen ließ.

Woche 1—2

Ohne seine Zustimmung abzuwarten, kam Petra um Lommels Schreibtisch herum zu seiner Seite. Ihre Augen waren so groß und glänzend, dass seine kaum zurück zum Bildschirm fanden. Er schaffte es nur knapp, vom Interviewprogramm zurück zu seiner E-Mail zu schalten, als sie schon auf einer Ecke seines Tisches saß, ihn anlächelte und mit ihren Beinen wippte. Der Anblick machte ihn fertig, obwohl sie Jeans und einen dicken Pullover anhatte. Ihre Figur zeichnete sich deutlich genug ab. Und dann gab es auch noch diese vielen braunen Haare, die geschwungenen Augenbrauen und diesen zarten, einladenden Mund, wie eine sanfte Doppelwelle. Aber er war hier nicht beim Zahnarzt. Er musste aufpassen. Das Beste an ihr, sagte er sich, war sowieso ihre Unverfrorenheit, jederzeit und an jedem Ort den Eindruck zu erzeugen, hier und jetzt genau richtig zu sein. Voll da. Und richtig glücklich. ‚Was für ein Unterschied zu mir‘, dachte Lommel, ‚so fröhlich!‘ – und sagte laut: „Nur die Post. Nichts Aufregendes. Aber wir müssen das Sommersemester vorbereiten.“ „Klar, hab ich auch schon gedacht. Deine Vorlesung und ein paar Praktika. Das Seminar zur Motivationspsychologie 2.0. Wir haben um die zwanzig Teilnehmer. Also alles ganz normal.“

Bei Licht besehen war er mit seinen Vorbereitungen spät dran. Er hatte einfach keine Böcke dazu. Sein ‚High Achievement Style‘ hatte einer leichten Depression Platz gemacht. Und die wissenschaftliche Lektüre hatte er durch ausgiebige Recherchen im Internet ersetzt. Was es da nicht alles gab – ein Boulevard für Voyeure! Seine Lust auf das kommende Semester hielt sich wirklich in Grenzen. Im Grunde eine gesunde Vermeidungsreaktion. „O. K., gehen wir einen Kaffee trinken“, schlug er vor, um sich selbst in Trab zu bringen und Zeit zu schinden. Er griff sich einen alten Ordner aus dem Regal. In der Cafeteria schaute er mit Petra rein und fand tatsächlich eine Liste mit Literatur. Petra würde die Bücher organisieren und er ein paar neuere Aufsätze suchen. Genug! „Ist dir schon mal aufgefallen, wie wenig diese ganze Forschung eigentlich bislang konkret gebracht hat?“, fragte er sie. „So ernsthaft gibt es das Fach bereits seit dem letzten Jahrhundert. Ein paar Ideen sind noch älter. Baltasar Gracián y Morales hat sich im frühen siebzehnten Jahrhundert so seine Gedanken gemacht. Und jetzt reißen sich die Neurobiologen, Verhaltensökonomen und Spieltheoretiker das Thema ,Motivation‘ unter die Nägel. Wir sind’s wieder los, bevor es richtig angefangen hat, spannend zu werden. Von ‚Früchte tragen‘ ganz zu schweigen.“ „Doc, sei nicht so negativ. Psychologie ist jetzt Allgemeinwissen. Jeder redet drüber und benutzt es, aber die Wenigsten machen sich einen Kopf, wo die Theorien erfunden wurden.“ „Stimmt. Die Personaler nutzen unsere Arbeit, Headhunter und, eh, diese neuen Tests zur Beschäftigungsfähigkeit. Ich kenne sogar Berater, die mit Libets Versuchen argumentieren. Bloß: Was kommt noch Neues von uns? Die Agenda bestimmen die Gehirnwissenschaftler und die Ökonomen. Die einen haben die tollen Apparate und die andern das Geld aus der Konsumforschung. Wir haben trainierte Ratten und eine lange Geschichte.“ „Also Michael …“ „Im Ernst. Solange von uns niemand Brainscans oder Neuropharmakologie drauf hat, werden uns sogar noch die Soziologen das Feld streitig machen. Wir müssen der Welt unseren Wert beweisen. Und nicht darauf warten, dass die Welt zu uns kommt. Statt nur teure Sitzungen abzuhalten, müssen wir konkret werden. Mehr Beweise liefern als Worte. Einfache, praktische Lösungen finden, um Leute zu motivieren, die durchhängen, zum Beispiel!“

Diese Art von Meckerei an ihrem Fach und ihrem Institut passte Petra gar nicht. Hatte sie nicht gerade erst vor drei Jahren mit dem Studium begonnen? Jetzt konnte sie doch nicht in Selbstkritik versinken! Im Gegenteil: Sie liebte große Theorien über die Welt und schlaue Experimente, um die zu beweisen. Und schlaue Leute, die spannende Wissenschaft machten. „Deswegen bist du ja hier so wichtig, Michael. Genau darum geht es doch im nächsten Semester! Wieso machen wir nicht einfach einen, hm – einen Kriminalroman aus dem Theorieblock? Das ist nur eine Frage der Verpackung. Ein cooles Experiment, das die Studenten nicht mehr loslässt, das brauchen wir, genau! Brauchst du doch sowieso, oder? Das isses – et voilà!“

Petra liebte das ,et voilà‘. Eingebracht hatte es ihr frankokanadischer Kollege, Luc. Luc war vor ein paar Wochen an die Humboldt gekommen, um seine Doktorarbeit zu machen. Luc benutzte das ,et voilà‘ anders als Petra. Für ihn war es ein Ausrufezeichen, ein Symbol seiner Überlegenheit und Hinweis darauf, dass bohrende Nachfragen fehl am Platz waren. Jegliche. Wie das Amen in der Kirche, fand Lommel. Es war manchmal schwierig mit Luc. Bei Petra klang das ,et voilà‘ eher beschwingt. Fröhlich. Es machte Aufgaben leicht. Als ob sie fast schon gelöst wären. Lommel liebte Petras ,et voilà‘. Anders war es mit dem ,ich sage mal‘. Das konnte er überhaupt nicht leiden. ,Ich sage mal‘ zeigte ihm, dass sie ihre Sache nicht zu Ende gedacht hatte. Es erinnerte ihn an seinen Vater. Dies saublöde, westfälische ‚in die Tüte gesprochen‘. Lommel hatte sich geschworen, nie ‚in die Tüte‘ zu sprechen, nie! Mein Gott, alleine das Bild, ‚in die Tüte‘ zu sprechen! Aber das ,ich sage mal‘ war nicht viel besser. Einfach schlampige Kopfarbeit. Schon optisch war das ,et voilà‘ viel schöner als das ,ich sach mal‘. Allein die Bewegung der Lippen – ein Genuss. Und dann diese subtile Mischung aus Emotion und Kognition. Er konnte nicht genug davon bekommen. Auch wenn nicht jeder Satz, den sie davor sagte, auch stimmte. Was soll’s. Außer dem eben. Mit dem Seminar hatte sie einfach nur recht.

Der Rest des Arbeitstages verlief ebenso ereignislos, wie er begonnen hatte. Er speicherte den dämlichen Fragebogen auf halber Strecke, obwohl davon ausdrücklich abgeraten wurde. Im Grunde könnte man ja das gleiche Programm über ein Smartphone laufen lassen. Dann könnte man in der U-Bahn über sein Leben nachdenken, statt den Pennern zuhören zu müssen. Aber vielleicht waren die einfach nur einen Schritt weiter und konsequenter. Lommel blätterte durch eine Publikation der American Psychological Society, suchte nach Ankündigungen wissenschaftlicher Konferenzen und besuchte die Websites anderer Unis. Es war immer spannend zu sehen, was andere machten. Ob sie bessere Kurstitel hatten oder die Referenten ein schärferes Profil.

Lommel blätterte gerade durch die letzte Ausgabe von ,Hormones and Behavior‘, als er ein vorsichtiges Klopfen an der Tür hörte. Petra Pachlower wollte ihn nicht schon wieder überraschen. „Alles klar, Michael?“ „Klaro. ,Hormones and Behavior‘ ist immer noch bei den gleichen Themen, aber das sind wir wohl alle, oder, Petra?“ Er lächelte. „In ein paar Wochen ist wieder eine gute Konferenz in Wien. Da werde ich wohl dieses Jahr wieder hingehen, willst du mal sehen?“ „Also Doc, ja. Sicher. Ich bin etwas in Eile. Wien schaue ich mir gerne nächste Woche an. Ich wollte dich was fragen: Willst du heute Abend zu uns zum Abendessen kommen? Also, nichts besonders. Rob ist da, heute ist Freitag und morgen müssen wir nicht arbeiten.“ „Rob …?“ „Oh, mein WG-Mitbewohner. Das ist ein Netter.“ Michael spürte einen kleinen Stich im Bauch. Was war das denn? Vorsicht, weiter lächeln! „Klar. Gute Idee eigentlich, Petra. Ich war schon lange nicht mehr aus meinem Viertel raus. Mein Kühlschrank ist auch leer. Also, wann geht’s los und wie komme ich hin?“ „Super. So was gegen acht. Du musst in den ,Wrangelkiez‘. Ich hab dir hier die Adresse – ciao!“ Sie gab ihm schnell ein Blatt aus ihrem Protokollbuch, winkte und war weg.

Eine Stunde später saß er in der U-Bahn. Er mochte die überirdische Strecke, die auf Brücken über den Straßenverkehr führte. Er mochte den Blick in die hellen Fenster der Häuser bis in die zweite Etage. Was dort zu sehen war, war spannender als die endlose Dunkelheit unten. Die unterirdischen Strecken waren – wenn überhaupt – nur unterhaltsam durch die anderen Passagiere (die man ja in der Regel nicht anstarren durfte, zumindest nicht offen, weil zumeist keine Sprechstundenhilfen und so weiter). Lieber fragte er sich, wie es sich wohl in diesen Wohnungen wohnte, in denen die Insassen sich wie auf einem Tablett präsentierten – und das auf Augenhöhe. Konnte man eigentlich genauso viel in den Zügen sehen wie aus den Zügen? Lommel liebte die Stillleben der winterlichen Balkone, verblichenen Inszenierungen der vergangenen Saison, mit Blumenkästen und Schränken, verstaubten Gartenmöbeln und Kartons, Fahrrädern und Wäscheständern. Nur wenige Balkons waren wirklich leer. Es gab die statuengleichen Raucher mit ihren Leuchtzeichen und die grell beleuchteten Küchen; die wenigsten davon durch Gardinen geschützt und einladend eingerichtet. Sie strahlten dennoch eine Heimeligkeit aus, die ihn stets magisch anzog. Dann die Wohnzimmer. So wenig zu sehen war, das Leben rund um die Fernseher oder Computerschirme weckten in ihm jedes Mal den Wunsch, eine Fotoserie gestohlener Privatsphären zu schaffen. Moderne Lagerfeuer, so banal sie auch waren.

Mit einem Kreischen der Stahlräder auf den Schienen kam sein Zug am ,Schlesischen Tor‘ in Kreuzberg zum Stehen. Lommel ging in einen der kleinen Läden und kaufte Wein, einen einfachen, zuverlässigen Côtes du Rhone, dann einen Block weiter in die Oppelner Straße, bog an der Wrangelstraße rechts ab und dann links in die Sorauer Straße ein. Nun war er genau da, wo ihn der Zettel mit der Adresse (aus dem Protokollbuch! Herausgerissen!) hinbeordert hatte. Es ging durch den dunklen Hausflur der Nummer drei zum Hinterhaus. Vor ihm war eine alte Holztür mit den Kratzern vieler Jahre. Und da war auch das Klingelbrett. Sein Herz schlug einen Tick schneller, als er das schiefe, fast unleserliche Schild mit den Namen ,Pachlower / Burke‘ sah. Er klingelte.

Woche 11—4

Als Lommel von der Polizeistation in Tempelhof nach Hause gefahren wurde, war es immer noch kalt und nass. Ein dicker Nebel lag über den alten Bäumen im Treptower Park und verwandelte sie in einen Reigen stummer, dunkler Geister. Der Nebel verschlang jedes Geräusch. Lommel war saumüde, aber wenigstens noch immer ein freier Mann. Vorhin im Leichenschauhaus hatte er bestätigt, dass es sich bei der weiblichen Leiche aus Königs Wusterhausen tatsächlich um seine Studentin, Margrit Meyer, aus Österreich handelte. Es war seine erste kalte Leiche, seit er seine Studienfreundin Jutta in den Anatomiesaal zum Präparieren begleiten durfte. Bloß diesmal handelte es sich nicht um alte, eingetrocknete Männer in Formalin, einen offenen Brustkorb oder ein loses Bein, sondern um eine komplette, ausnehmend schöne, junge Frau. Was mit ihrem Gesicht passiert war, überstieg seine schlimmsten Vorstellungen. Es machte ihn so betroffen, dass er nicht einmal versuchen musste, irgendetwas vorzuspielen. Es war grausig genug.

Er erzählte den Kommissaren, was er über sie wusste und dass die Verantwortung für das Seminar nicht bei ihm lag, sondern bei Luc De Blanc, als sie das letzte Mal gesehen wurde. Also bei seinem Promotionsstudenten, dem ranghöchsten Mitglied seines Teams, was deutlich gesagt werden musste. Ja, als sie verschwand, war er nicht da, sondern in Wien, auf einer Konferenz. Das waren die Fakten. „Fragen Sie Trudie Maierhofer, wenn Sie mein Alibi brauchen“, sagte Lommel. „Und hier ist der Name der Konferenz.“ Er schrieb alles auf einen Zettel und schob ihn zu den Polizisten. „Und ja, leider ist Herr De Blanc jetzt weg. Stimmt. Sie haben recht – er ist gleich nach Fräulein Maierhofer verschwunden.“ Lommel hielt sich an die Tatsachen. Irgendeine Verbindung? Kann schon sein. Wäre Herr De Blanc so eines Verbrechens fähig? Das war eine andere Frage. Also, sehr kollegial war das klammheimliche Verschwinden meines Stellvertreters nicht, oder? Eigentlich ein grober Vertrauensbruch. Verarschung? Von mir? Na ja, wenn Sie unbedingt so wollen. Meine Wortwahl wäre das nicht. Und eines solchen Mordes fähig? Als promovierter Psychologe würde ich das eher verneinen, bin aber kein Forensiker. War er seltsam, abnormal? Na ja. Luc war, sagen wir mal, oft etwas schwierig, aber doch nicht offensichtlich krankhaft gestört. Wenn man das überhaupt so einfach beurteilen kann. Ohne Tests. Nein. Privat haben wir uns nie getroffen, die ganze Zeit nicht, nein. Keinen einzigen Abend, nie. Also keinerlei persönliches Verhältnis entwickelt – in den ganzen sechs Monaten? Nein. Und nein, ich habe keinerlei verdächtige Storys über ihn gehört. Könnte er seine Autorität missbraucht haben – sagen wir, um eine Studentin aus der Uni zu locken, und sie, oder auch andere Studentinnen zu missbrauchen? Hmm, schwierig. Schwer zu sagen, aber warum nicht? Intelligent genug war er. Bei Weitem. Und sehr gut aussehend auch, haben mir Frauen gesagt. Fragen Sie doch einfach mal unsere Verwaltungsleiterin am Institut! Sie hat sich bei mir über ihn beschwert. Geflirtet hat er, ja klar. Ja, natürlich war er arrogant. Die Verwaltungsleiterin sagte ‚typisch französisch‘, verstehen Sie? Jetzt hätte ich aber gerne eine Glas Wasser, bitte. „Gut, Dr. Lommel, jetzt erzählen Sie uns bitte mal was über Ihre Experimente.“

Da war sie nun: die Frage, auf die Lommel seit zwei Stunden gewartet hatte. Insofern war er vorbereitet. Wenigstens im Prinzip. „O. K. Vorab, meine Herren, eigentlich sind wir ja Kollegen“, fing Lommel seine Antwort an. „Das ist wichtig für das Folgende. Sie studieren menschliches Verhalten, ich auch. Nicht aus den gleichen Gründen, nicht am gleichen Ort, aber eigentlich sehr ähnlich, richtig?“ Die beiden Kommissare nickten. Unisono. „O. K. Wir, also ich für meinen Teil, arbeite im psychologischen Institut. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich deswegen nun ein wenig vereinfache. Unser Thema ist die Motivation. Das bedeutet, kurzgefasst: ‚Was treibt Menschen an?‘ Erinnern Sie sich an Maslow?“ Die beiden Kommissare nickten wieder und schrieben mit. Das Neonlicht war erbarmungslos. Beide Männer sahen müde aus. Wahrscheinlich viel jünger, als sie jetzt wirkten. Und stärker engagiert. Ein Mord. Nicht schön, aber Routine. Besser als Zigarettenschmuggel immerhin.

„O. K. Unser Kurs heißt ,Introduction to free will‘. Das heißt so viel wie ,Einführung in den freien Willen‘. Die ganze Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. Unsere Studenten erforschen die Gründe für ihre eigenen Entscheidungen und den Einfluss von vermittelnden Faktoren. Wir sprechen unter Fachleuten von ,Mediating Factors‘, die von außen kommen.“ Jetzt schauten die beiden Kommissare ihn mit großen Augen an. Sie erwarteten eine weitere komplizierte Erklärung, bei der es auf jedes Wort ankommen würde. Und bei der sie trotzdem wahrscheinlich nur einen Bruchteil verstehen würden. Einen Moment lang dachte Lommel daran, genauso vorzugehen. Dann entschied er sich spontan zu folgender Aussage: „Es kann sein, dass Herr De Blanc versucht hat, den jüngeren Studenten seinen Willen aufzuzwingen. Margrit insbesondere. Es kann sein, dass es einen Wettbewerb gab. Sagen wir, zwischen ihrem Willen und seiner Autorität, verstehen Sie?“ Wieder Nicken. Die letzte Weiterbildung der beiden Kriminalfachleute lag Jahre zurück. In Berlin wurde an allem gespart. Die Worte eines veritablen Doktors der Psychologie infrage stellen? Jemanden, dem sie jederzeit als Experten im Gericht begegnen konnten? Nein. „Zum Beispiel kann es so gewesen sein, dass De Blanc ihr aufgetragen hat, einen bestimmten Weg zu gehen. Und danach, ihre Gefühle dabei aufzuschreiben. Solche Versuche können dazu dienen, im übertragenen Sinne, dass Sie und Ihre Vorgesetzten bessere Befehle und Anweisungen geben. Wobei sich unsere Versuche selbstredend an die Uni-Vorschriften und unsere ethischen Normen halten.“

Die Kommissare signalisierten Verständnis.

„Ein anderes Ergebnis kann sein, dass wir mehr darüber erfahren, wie die Mitglieder einer Gruppe – auch einer kriminellen Bande! – untereinander ihre Macht ausspielen.“ O. K., wollen Sie noch etwas wissen? Wissen Sie, ich könnte noch stundenlang über meine Arbeit reden. Allein die Forschung aus den USA ist faszinierend. Bitte? Ja, wir arbeiten mit wechselnden Zweiergruppen von Studenten. Selbstverständlich randomisiert, doppelt blind. Wie in der Pharmaforschung. Die Evaluation der Ergebnisse ist statistisch streng kategorisiert. ,Gut‘ und ,böse‘ werden sauber getrennt. Wir wenden hoch belastbare, multiple Korrelationsverfahren und Faktorenanalyse der dritten Generation an. Darf ich ein wenig über sechs Sigma und Phi sprechen, nein? Konfidenzintervalle? Schade. Vielleicht führt das für Ihre Arbeit auch ein wenig zu weit, aber wenn Sie ein paar Aufsätze dazu lesen wollen, lasse ich Ihnen gerne etwas zukommen.

Nachdem Lommel den Bericht unterzeichnet hatte und für ihn ein Fahrer gerufen wurde, zögerte er einen Moment. „Ja, Dr. Lommel, ist noch was?“ Lommel konnte sich einfach nicht zurückhalten, seine alte Schwäche. Er strich sich die Haare aus der Stirn. „Haben Sie – also haben Ihre Leute – irgendetwas bei der Leiche gefunden?“ „Warum, Herr Dr. Lommel?“ Er biss sich auf die Zunge und machte eine Kunstpause, um Zeit zu gewinnen. „Na ja, wenigstens einen Walkman oder ein Handy oder so was?“ Dann kriegte er doch noch die Kurve. „Oder irgendwelche Anweisungen von De Blanc, einen Zettel oder so was?“ „Warum?“ „Ich frage mich einfach, ob sie irgendwie mit De Blanc in Verbindung geblieben ist. Ob sie was miteinander hatten, vielleicht. Wissen Sie, De Blanc hat immerhin die Vorschriften unserer Uni missachtet. So viel ist sicher. Die Humboldt-Ethik. Das muss ihm doch klar gewesen sein. Ihr vielleicht auch. Sie hat trotzdem mitgemacht. Warum?“

Die Polizei hatte nichts gefunden. Aber würde noch einmal nachsehen. Also hatte er Glück, erst mal, und das verdammte Gerät von ihrem Experiment war woanders gelandet. Vielleicht durch den Mörder. Oder der hatte es noch. Oder sie hatte gar keines dabei gehabt. Lommel war ganz zufrieden. Genug Aufmerksamkeit auf Luc gelenkt. War O. K. „Wenn ich Ihnen noch irgendwie helfen kann, lassen Sie es mich bitte wissen.“

Zu Hause in seiner Wohnung in Treptow machte Lommel zuerst eine Flasche Whiskey auf und dann seinen Laptop. Minuten später hatte er einen Artikel vor Augen, der offenbar seit zwei Stunden im Netz stand – die Online-Version der Zeitung, die in spätestens vier Stunden die ganze Stadt gedruckt würde lesen können.

Frauenleiche aus Königs Wusterhausen wahrscheinlich vermisste Studentin

Voodoo-Experimente an Humboldt Universität Berlin. Gestern wurde in einer Garage nahe der Bahnstation von Königs Wusterhausen eine tote Frau gefunden. Den Fund verdankt die Polizei der Reaktion eines Schäferhundes, der zufällig nahe der Leiche vorbeigeführt wurde, und der Hartnäckigkeit des Hundehalters, der auf dem Erscheinen einer Streife bestand. Die Suche durch eine Hundertschaft der Polizei selbst am Morgen war ergebnislos geblieben. Ohne den Hundehalter wäre die Leiche vermutlich noch längere Zeit unentdeckt geblieben. Warum die Hundertschaft überhaupt suchte, ist bislang unklar. Einwohner von Wildau berichteten, dass Zugang zu ihren Garagen verlangt wurde, aber auch sie erhielten keine Erklärung, wieso.

Derzeit wird geprüft, ob es sich bei der Leiche um die österreichische Studentin handelt, deren Verschwinden erst vor ein paar Tagen offiziell gemeldet wurde. „Wir können nicht ausschließen, dass die Tote und Margrit M. ein und dieselbe Person, also identisch sind“, sagte die Polizei. „In einem solchen Fall allerdings verbieten sich jegliche Spekulationen – schon der Eltern wegen. Derzeit fehlen noch Fakten, um alle anderen Optionen auszuschließen.“ Inoffizielle Quellen bestätigten dennoch, dass Alter, Haarfarbe und Größe der Frauenleiche mit der Margrit M.’s genau übereinstimmen. Ob die Eltern der Studentin bereits auf dem Weg nach Berlin sind, ist nicht bekannt. Eine erste pathologische Untersuchung ergab, dass die Frau vor ihrem Tode missbraucht wurde. Die Polizei bittet alle Bürger um Mithilfe bei der Suche nach dem oder den Tätern. Wer während der letzten zwei Wochen verdächtige Aktivitäten oder Personen gesehen hat, möchte sich bitte bei jeder Polizeistation in Berlin oder Brandenburg melden.

Institut der Humboldt University verletzt eigene Ethikstandards – Experimente zu gefährlich für deutsche Studenten?

Berichten zufolge beteiligte sich Margrit M. vor ihrem Verschwinden an einer Serie von Experimenten zu Fragen des ,freien Willens‘, die am Psychologischen Institut der Universität durchgeführt wurden. Nach wie vor ist unklar, warum die Mehrzahl der Teilnehmer an dem Projekt ausländische Studenten sind. Aus dem veröffentlichten Lehrplan des Instituts wird klar, dass das zugehörige Seminar nicht schon in früheren Semestern angeboten wurde – in denen die Mehrheit der Studenten Deutsche waren. „Das Seminar ist Spitze und wir lernen eine Menge“, sagte uns ein teilnehmender Student, der seinen Namen nicht nennen wollte. Andere Studenten berichteten dagegen von einer enorm hohen physischen Belastung, Lärm, verletzendem und ungewöhnlichem Verhalten während der psychologischen ‚Durchläufe‘. Von ihren Kommilitonen wurde Margrit M. das letzte Mal gesehen, bevor sie an einer der experimentellen Sitzungen des Seminars teilnahm, die von inoffiziellen Vertretern der Humboldt-Universität als ,Voodoo mit elektronischen Mitteln‘ beschrieben wurden. Der Dekan der Universität und der verantwortliche Professor – der sich während der Vorgänge offenbar zu einer Konferenz in Wien befand – werden unseren Lesern noch erklären müssen, was hier wirklich vorging.

Dritter Durchlauf – 1

Brigitte Miesch dampfte noch von der schnellen Radfahrt zur Uni, als sie den gründlich abgedunkelten Raum hinter der spanischen Wand betrat – voller Respekt, langsam, fast andächtig. Sie schaute sich im Licht einer schwachen Deckenlampe um. Sie war zum ersten Mal im ‚War Room III‘ im Institut. Als Studentin im fünften Semester empfand sie ihre Aufgabe hier als sehr wichtig. Rechts von ihr, vor der Wand, gab es ein kleines, mit blauem Filz bezogenes Podest, darauf befanden sich ein winziger, quadratischer Bürotisch und ein einfacher Stuhl. Auf dem Tisch lag eine dunkelblaue Decke, die bis zum Boden reichte. Außer einem Flachbildschirm stand fast nichts darauf – nur ein Intercom und eine drahtlose Maus lagen daneben. Die Wände umher waren völlig nackt; nicht einmal einen Abfalleimer gab es. ‚Fehlen nur noch Kerzen und Räucherstäbchen‘, dachte sie. Direkt hinter Brigitte folgte Luc De Blanc, der gut aussehende, elegante Doktorand. Er brachte eine Wolke von Hermès mit in den Raum und schloss sofort die Tür, was sie verunsicherte. De Blanc unterschied sich sehr von den deutschen Männern aus ihrem Studentenwohnheim. Aber er hatte es eilig und legte nur flüchtig eine Hand auf ihre Schulter. „Absolute Vertraulichkeit“, sagte er. „Das ist die Regel. Ich weise jetzt dich in deine Aufgabe an der Konsole ein, bist du soweit? Dann setz dich auf den Stuhl bitte.“ Brigitte stieg auf das Podest und nahm an der Konsole Platz. Sie war prinzipiell gründlich, wollte ja nichts falsch machen und ließ sich alles genau erklären: die Funktion der Maus, das Intercom, die Bildschirmaufteilung mit der Liveübertragung des Kamerafeldes, den Zoom. „Wenn du das Kopfhörer aufsetzt, so, bekommst du alles zu hören, was deine Versuchsperson des Durchlaufs auch hört, O. K.? Deine Stimme aber – hier ist das Mikro – wird verzerrt komplett“, erklärte Luc. „Keine deiner Kommilitoninnen und Kommilitonen – auch nicht dein Versuchsperson – erfährt, wer du bist – personne! Und voilà, du bist gehalten, dich auch auf keine Fall zu verraten, nicht. Verstanden?“

Brigitte nickte folgsam.

„Gut. Du kannst sprechen jederzeit. Wenn du nicht gehört werden willst, zum Beispiel, falls du musst husten, klickst du auf dies Feld am Schirm. Und wenn du eine Spannung anlegen willst, schiebst du mit der rechten Mausetaste den Regler auf den gewünschte Wert und löst mit der linken den Strom aus, d’accord?“ Brigitte nickte wieder. „Gut. Mehr ist nich zu sagen. Du bist für alles, was du mit deine Versuchsperson tust, selbst verantwortlich.“ Er schaute auf die Uhr. „Es geht los in drei Minuten – da oben erscheint eine grüne Licht. Nach dreizehn Minuten wechselt es auf orange, bei fünfzehn erscheint rot und bei sechzehn wird automatisch unterbrochen. Ich werde dich hier einschließen jetzt, sodass dich niemand stören kann. Ich bin im Zimmer um die Ecke im War Room II. Im äußersten Notfall – also nur wenn es brennt und so – kannst du mich erreichen, wenn du klickst hier. Bingo? Bon courage.“ Mit diesen Worten verließ Luc den Raum und ließ Brigitte allein zurück mit seinem Duft und ihrer Versuchsperson. Kurz darauf schaltete die Konsole auf grün. „Hallo. Bist du so weit?“, fragte Brigitte mit trockener Kehle.

Woche 1—3

„Dritter Stock, Doc“, klang Petras fröhliche Stimme verzerrt durch die alte Sprechanlage. Lommels Neugier stieg mit jedem Schritt auf der alten Holztreppe. Jedes Stockwerk zeigte seine eigene kleine Welt aus Gerüchen, Sportschuhen oder Kinderspielzeug, Kisten, alten Blumentöpfen und Fußabtretern jeder Form und Gestaltung. Keine zwei Türen hatten die gleiche Farbe oder den gleichen Renovierungszustand. Schließlich stand Lommel vor einer halb offenen Tür. Sein Herz schlug nicht nur wegen der Treppe.

Petra war in der Küche und kochte Spaghettisoße in einem alten Aluminiumtopf auf dem Gasherd. In der Mitte der Küche stand ein kleiner runder Tisch, an der Wand ein Ikea-Regal. Ein Salat tropfte in einem Sieb. Nur der Mann fehlte, von dem Petra vor zwei Stunden gesprochen hatte. Lommel schaute sich um und traf unversehens ihre Augen. „Rob hat gerade angerufen. Er hat wieder mal länger gebraucht als geplant. Das geht ihm immer so beim Programmieren. Wir werden deswegen nicht warten. Also mach’s dir bequem, Michael. Und hey, hallo, super, dass du kommen konntest!“ Lommel war noch nicht weiter als bis zum Rahmen der Küchentür gekommen. Er machte einen schüchternen Schritt in die Küche und winkte mit der Flasche Côtes du Rhone. „Hallo Petra“, sagte er mit einem undeutlichen Lächeln und wischte sich die Strähne aus der Stirn. „Vielen Dank für die Einladung! Ich hab was zu Trinken mitgebracht …“ „Super, danke! Die Garderobe ist rechts draußen im Flur. Wenn du dir die Hände waschen willst, unser Badezimmer ist gleich dahinter. Und dann könntest du mir vielleicht helfen, den Tisch zu decken?!“ Lommel stellte die Flasche auf den Tisch und nickte. Dabei sah er sich weiter um. Alles sah aus wie bei jeder anderen Studenten-WG. Keine Anzeichen einer Familiengründung. An der Wand neben dem Fenster hingen die üblichen Kunstdrucke, an der gegenüber zwei Poster von Riesenmonstern. Dem Efeu auf dem Fensterbrett fehlte Wasser, der Kaktus daneben war eingestaubt. In einem dritten Topf war frisches Basilikum mit Farbe und Duft wie im Frühling. Er drehte sich um und ging in den schmalen Korridor. Sah alles eher zufällig aus, als sorgfältig arrangiert. Die Schuhe im Regal aus weißem Pressspan, Stiefel und Sandalen wild durcheinander. Genauso die Mäntel: Schichten auf zwei Haken übereinander, offenbar ohne Ordnung: männlich, weiblich, Wolle, Plastik, Baumwolle, grau, schwarz und rot. Er hing seinen Wintermantel darüber und ging zurück in die Küche. Die Erkundung des Badezimmers hatte Zeit.

„Kochst du oft?“, fragte er. „Nö. Ab und zu. Rob kocht auch, aber nur wenn er Lust darauf hat. Und dann besser als ich. Ich hab’s meistens eilig beim Einkaufen und will die Sachen vor allem schnell erledigen. Da ist er anders. Ach ja – die Teller sind dahinten auf dem zweiten Brett von oben. Genau, die Gläser sind da, nimm bitte die von rechts.“ Um dahin zu kommen, musste Lommel sich zwischen dem Tisch und Petras Rücken durchquetschen. Das politisch völlig korrekt zu erledigen war praktisch unmöglich. Er kam ihr näher denn je. Ihre Haare dufteten und kitzelten ihn fast in der Nase. Ihre Präsenz, die Wärme ihres Körpers waren überdeutlich. Er atmete tief ein und bekam trotzdem zu wenig Luft. Als er schließlich vorbei war, meldete sich sein Körper mit Wünschen, die nichts mit Essen zu tun hatten. Also konzentrierte sich Lommel auf das Besteck, die Teller und Gläser, um seiner Emotionen Herr zu werden. Petra konzentrierte sich ungerührt auf ihre Tomatensoße, trocknete den Salat und opferte einen Großteil des Basilikums. Ihm fiel die Aufgabe zu, einen Korkenzieher aufzutreiben, die Flasche zwischen seinen Beinen einzuklemmen, das Werkzeug in den Korken einzuführen und diesen dann an die Luft zu ziehen. Als sich Petra nach dem ´Plopp‘ umdrehte, strahlte sie. Lag das nur am Kochen? „Super, Doc, danke. Es gibt auch noch was Prosecco, da im Kühlschrank. Kochst du selbst?“

„Nur wenn’s nicht anders geht, wenn ich Gäste habe oder während einem langen Wochenende, manchmal. Ehrlich gesagt, das Putzen danach ist nicht so mein Fall.“ „Wie alle Männer“, lachte sie. „Rob vergisst das auch gerne mal. Oh – ich glaube, da kommt er gerade …“ Lommel hörte, wie das Türschloss bewegt wurde. Dann knackte der alte Holzboden im Flur. Schließlich tauchte ein massiver Schatten hinter der Milchglasscheibe der Küchentür auf. „Wow. Das riecht ja toll. Bin gleich da.“ Robert Burke steckte seinen Kopf schnell in die Küche, blinzelte und verschwand wieder. Viel mehr als ein paar rote Haare unter einer Pudelmütze waren nicht zu sehen. „Also, du wirst Rob sicher mögen. Er ist echt locker und genauso helle wie du. Allerdings interessiert er sich für völlig andere Sachen. Und in denen ist er Experte“, erklärte sie stolz.

„Was macht er denn?“, fragte Lommel. „Na ja, programmieren halt. In Berlin ist er, seit er auf dieser ,Electronic Games Convention‘ in Leipzig war. Letztes Jahr. Ist Engländer. Sein Deutsch ist, na, so lala. Interessiert ihn wohl kaum. Als Programmierer von Online-Spielen ist es auch nicht so wichtig, glaube ich. Aber frag ihn selbst, er kann endlos über Spiele reden. Rob? Was machst du eigentlich gerade?“ „Was ich mache? Ich komm an! Hi Petra – cool, Dinner.“