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Der cholerische Rico ist ein etwas seltsamer Gorilla mit einer Vorliebe für Frankreich. Er nennt sich lieber "Jean-Pierre", wird aber seinem vornehmen Anspruch aufgrund zahlreicher Wutausbrüche nur selten gerecht. Als er im Wald ein Rehlein mit französischem Akzent trifft, verliebt er sich und jagt ihm hinterher bis nach Frankreich. Wie er glaubt … In Wirklichkeit verirrt er sich bei seiner Suche nach Berlin und ist bald umgeben von eingebildeten Hühnern, aggressiven Nashörnern und fiesen Schweinen. Wird Rico nicht nur seine Contenance wahren, sondern auch sein geliebtes Rehlein finden?
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das Buch
Der cholerische Rico ist ein etwas seltsamer Gorilla mit einer Vorliebe für Frankreich. Er nennt sich lieber „Jean-Pierre“, wird aber seinem vornehmen Anspruch aufgrund zahlreicher Wutausbrüche nur selten gerecht.
Als er im Wald ein Rehlein mit französischem Akzent trifft, verliebt er sich und jagt ihm hinterher bis nach Frankreich. Wie er glaubt …
In Wirklichkeit verirrt er sich bei seiner Suche nach Berlin und ist bald umgeben von eingebildeten Hühnern, aggressiven Nashörnern und fiesen Schweinen. Wird Rico nicht nur seine Contenance wahren, sondern auch sein geliebtes Rehlein finden?
Der Autor
Philipp Skoeries wurde 1981 in Landshut, Bayern geboren und lebt in Berlin. Er studierte Professional Teaching and Training sowie Wirtschafts- und Organisationspsychologie. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Lebenslanges Lernen, Personalentwicklung und Bildung. Berlin liegt in Frankreich ist sein Debütroman.
Philipp Skoeries
Berlin liegt in Frankreich
Über eingebildete Hühner, aggressive Gorillas und fiese Schweine.
© 2021 Philipp Skoeries
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Lektorat: Sophie Fendel ([email protected])
Kurt Marti, wo chiemte mer hi? © 2018 Nagel & Kimche in der MG Medien Verlags GmbH, Haar
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Hörbuch erhältlich ab 2021 bei Audible, Amazon und iTunes
ISBN
Paperback:
978-3-347-32227-1
Hardcover:
978-3-347-32228-8
e-Book:
978-3-347-32229-5
„Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, ‚wo kämen wir hin?‘, und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“
Kurt Marti, 1921–2017
Vorwort
Der Wald und die Stadt sind zwei Orte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Trotzdem ähneln sie sich in gewisser Weise. Ein Wald strotzt nur so vor Vielfalt. So viele verschiedene Lebensformen, jede auf ihre Art schön. So viele Besonderheiten und Charaktere. Jeder für sich nützlich. Aber auch so viele Konflikte!
Manchmal könnte man meinen, Tiere lernten nicht vom Menschen, sondern umgekehrt. So wie der Wald, in seiner Vielfalt, eine Heimat für unterschiedlichste Tierarten ist und seine Bewohner sich in einem Zustand von Konkurrenz und fortwährendem Misstrauen befinden, spielt sich dies in ähnlicher Weise nämlich auch in der Stadt ab – dem Biotop des Menschen.
Manchmal mag man in den einfachen Bedürfnissen eines Tieres, in seinen Emotionen auch uns Menschen sehen. Manchmal kann das lustig sein und uns zum Lachen bringen. Manchmal mögen wir mitfiebern, denn es gibt auch unter Tieren allerhand Spannungen und Missverständnisse.
Manche sagen, dass das, was uns zu Menschen macht, der Unterschied zwischen den Tieren und uns sei. Dass wir eben nicht wie Tiere sind. Andere fühlen pessimistischer und halten Tiere grundsätzlich für ehrenwerter als Menschen.
Welche von diesen beiden Parteien auch immer recht hat: Wenn wir genau hinsehen, können wir uns selbst in Tieren wiederentdecken – wie in einem Spiegel. Und vielleicht hilft uns das: wenn wir das nächste Mal wütend werden. Oder traurig. Oder wenn wir das nächste Mal denken: „Solche Affen!“
Denn so gebildet und reif wir auch sein mögen, scheitern wir doch so oft und regelmäßig an ganz ähnlichen Dingen: Wir vergleichen uns mit anderen, wir sprechen die Sprache von Neid und Missgunst gegenüber Stärkeren und Arroganz und Ignoranz gegenüber Schwächeren. Womöglich ist uns das nicht bewusst, womöglich denken wir: „So etwas mache ich doch nicht!“
Doch genau dann wäre es spannend, einen Spiegel parat zu haben. Einen, in dem man nicht sein Gesicht, sondern sein Verhalten reflektieren könnte, um zu lernen und seine Fehler zu sehen.
Denn ein bisschen von Rico, den Sie, liebe Leser, gleich kennenlernen werden, steckt in jedem von uns.
Rico – oder Jean-Pierre?
Wenn die Sonne durch die Baumwipfel blitzte und auf Ricos Fell schien, dann konnte man sehen, dass er bereits die ersten silbernen Haare am Rücken hatte, und das bedeutete nicht etwa, dass er alt war (um Himmels willen, nur das nicht!); es bedeutete vielmehr: Er war auf dem Weg, ein echter Silberrücken-Gorilla zu werden.
Er war größer und muskulöser als seine Artgenossen und manche fürchteten ihn, denn Rico konnte schnell wütend werden, wenn etwas nicht so lief, wie er es sich vorstellte.
Er mochte es außerdem überhaupt nicht, wenn man ihn bei seinem richtigen Namen rief, er hielt ihn für viel zu gewöhnlich. Er wollte immer schon einen besseren Namen finden, einen passenderen, edlen. Am besten etwas Französisches. Aber wenn er den Versuch wagte und laut sagte: „Vielleicht Jean-Pierre?“, dann lachten die anderen Affen schrill und machten sich über ihn lustig.
Für gewöhnlich verstummten sie aber schnell wieder und rannten davon, denn Rico nahm so etwas nicht gerade mit Humor. Er trommelte mit seinen Fäusten auf seine Brust und spannte seine Muskeln an, um jedem zu zeigen, wie stark er war.
Allerdings war Rico nicht besonders brutal oder gar gefährlich, er war einfach nur sehr aufbrausend. Er war auch ein wenig eitel, aber das durften die anderen nicht erfahren, da sie nur wieder lachen würden.
Manchmal ging Rico an eine Wasserstelle mit dem Vorwand, etwas trinken zu wollen, aber eigentlich wollte er nur prüfen, ob sein Gesicht sauber war und die Haare glatt anlagen. Dafür hatte er immer eine Glasscherbe dabei, in der er sein Gesicht wie in einem Spiegel betrachten konnte.
Wann genau Rico seine Vorliebe für Frankreich und französische Namen entwickelt hatte, ist unbekannt. Manche, die ihn kennen, meinen, er war schon immer etwas seltsam. Andere sagen, wir sind grundsätzlich alle etwas seltsam und Frankreich, das romantische Paris, der Eiffelturm – das gefällt doch eigentlich jedem, jeder träumt doch ab und zu davon, in einer Stadt zu leben, die schöner ist als die eigene. Oder davon, vielleicht selbst ein klein wenig bemerkenswerter zu sein als andere.
Ein Ereignis war aber besonders prägend für ihn und mit dieser Geschichte soll es erzählt werden:
Es war ein warmer Herbsttag, Rico zog allein und wütend durch den Wald. Es war nur eine Kleinigkeit gewesen, aber er hatte sich heute einfach nicht unter Kontrolle gehabt. Ein Affe hatte ihn provoziert, eins war zum anderen gekommen. Er war furchtbar zornig geworden und wollte sich prügeln. Letztendlich aber rangelten sich die beiden Affen nur ein wenig und gewonnen hatte am Ende keiner.
Rico war das alles im Nachhinein peinlich. Auch wenn er von den anderen Tieren durch seine aggressive Art respektiert wurde, sah er in ihren Augen auch Furcht – manche dachten wohl über ihn, er sei ein gefährlicher Wahnsinniger. Wer ihn respektierte, weil er ihn fürchtete, ja ihn sogar für einen Wahnsinnigen hielt – was für eine Art Respekt wäre das? Jedenfalls nicht der Respekt, den er sich wünschte.
Aber was sich Rico wünschte, war für die anderen und sogar für ihn selbst nur schwer zu verstehen. Es schien so, als würde er etwas suchen, das er nicht im Wald finden könnte.
Wie unrecht er haben sollte!
Nun schlurfte er niedergeschlagen vor sich hin, missmutig, traurig. Er fühlte sich nicht nur allein, er fühlte sich einsam. Von etwas weiter weg drang leise Musik zu ihm hinüber. Es klang ganz nach einer wilden Tanzparty in einiger Entfernung.
Für einen Moment überlegte er, ob er sich einfach davon wegbewegen sollte, Tanzen war nichts für ihn. Tanzen war ihm zu doof. Dieses sinnlose Herumgewackel!
Aber aus Neugier fasste er dann doch den Entschluss, sich in Richtung der Klänge zu bewegen.
Als er ankam, lugte er durch ein paar Zweige, um einen Blick auf das Treiben zu bekommen. Er sah eine große Lichtung vor sich. Große Gorillas tanzten mit ihren Gorillamädchen wild zur Musik. Schrille Gitarrenklänge schallten durch den Wald und ein DJ mit einer übermäßig dicken Goldkette konnte sich vor Mitwippen zur Musik kaum noch auf den Beinen halten.
Was für ein schrecklicher Ort! Alles voller oberflächlicher Proleten! Wer weiß, vielleicht war es sogar gefährlich?! Schließlich sahen diese Affen ungewöhnlich groß aus und er war als Fremder ganz allein hier. Zeitgleich passierte etwas Seltsames: Ein fremdartiger, süßlicher Duft machte sich breit. War er nicht allein? Hatte sich hinter ihm unbemerkt ein fremdes Wesen angeschlichen, ohne dass er es wahrgenommen hatte? Er schauderte und zögerte sich umzudrehen, denn er ahnte, dass er in eine Falle getappt war.
Plötzlich bewegte sich spürbar ein Finger hinter seinem Rücken, um ihn anzutippen. Wutentbrannt und bereit, sich seinem Schicksal und einer Übermacht an fremden Wesen zu stellen, drehte sich Rico nach hinten, um gleichzeitig mit seiner rechten Pranke zum tödlichen Schlag auszuholen.
Ey, Alter, ey!
Hi!“, sang es ihm entgegen. Zwei Affenmädchen standen goldbehangen und außerordentlich aufgedonnert vor ihm. „Was bist du denn für ein Süßer?“, kicherten sie ihm zu.
Rico stammelte, sichtlich erleichtert, aber auch schon wieder etwas ärgerlich: „Was riecht hier so seltsam?“
Zugegeben, es klang eher, als brummte er es vor sich hin.
Die Gorillamädchen kicherten wieder.
„Das ist 111 Flanel Bleur, hihihi!“
„Das klingt irgendwie französisch“, wunderte sich Rico laut. Waren das Affen aus Frankreich?
„Französisch?“, kreischten ihm die Mädchen entgegen. „Warum französisch?“
„Ähm, keine Ahnung“, brummte Rico. „Ich mag Frankreich“, fügte er schüchtern hinzu.
Nun wandelte sich der Blick der Mädchen in eine Mischung aus Langeweile, Unverständnis und Gleichgültigkeit. „Aha“, meinten sie. „Wer bist du eigentlich?“, fragte die größte, anscheinend mutigste von ihnen und sie wippte ihren Kopf dabei, sodass ihre großen Creolen nach links und rechts schwangen.
Rico überlegte einen Moment. Diese Mädchen wirkten nicht so, wie er sich echte Franzosen vorstellte. Aber er wollte es wagen. Er wollte das wagen, was er schon lange hätte machen sollen. Er wollte nicht mehr Rico sein. Er wollte nicht mehr jemand sein, den er selbst nicht leiden konnte. Er wollte sich neu erfinden. „Ich bin …“, sagte er zögernd. „Ich bin …“, wieder eine Pause und dann fuhr er schließlich mit entschlossener Stimme fort: „Ich bin Jean-Pierre Gargouille!“
Für einen Moment sahen ihn die Gorillamädchen an, als käme er von einem anderen Stern. Oder zumindest aus Frankreich. Dann aber verfielen sie in lautes Gelächter und kugelten sich fast vor Lachen, während sie wieder und wieder kreischten: „Scho Pjer, hahaha – Scho Pjer!!“
Rico wurde dieses Mal nicht wütend. Er schämte sich. Er wusste gar nicht, warum, schließlich klang „Jean-Pierre Gargouille“ unglaublich interessant. Wie ein französischer Schriftsteller. Oder ein französischer Wein? Jedenfalls klang es nicht nach diesen primitiven Gören und ihren Gorillafreunden.
Missmutig schritt er in einen abgelegenen Teil der Lichtung. Aber sein Auftritt war nicht unbemerkt geblieben. Drei junge Gorillas, deutlich kleiner als Rico, näherten sich ihm mit schnellem Schritt.
Er versuchte, ein wenig zurückzuweichen, aber hey, das war nicht wirklich seine Art. Also standen die drei nach kurzer Zeit vor ihm, im Hintergrund die schallende Musik.
„Hey, Alter!“, meinte einer von ihnen. „Hast du gerade Chantal angemacht, oder was?“
Rico wurde wütend und schrie: „WAS BILDET IHR DREI MUSKETIERE EUCH ÜBERHAUPT EIN? UND WER IST CHANTAL? Moment: Ist das jemand aus Frankreich?“
ZACK! Schon landete die erste Faust krachend in seinem Gesicht und er wusste gar nicht, wie ihm geschah, da hatte er schon die nächste verpasst bekommen. Rico riss sich los, schubste einen der Halbstarken mehrere Meter zur Seite (das heißt, besser gesagt, er flog mehrere Meter zur Seite) und verpasste einem anderen einen Tritt in den Hintern, wodurch dieser in einer etwas weiter entfernten Baumkrone hängen blieb.
Der dritte Affe aber war gar nicht einmal so einfältig, wie er laut Ricos Ersteinschätzung aussah. Denn er hielt kurz inne, packte dann zwei seiner Finger in den Mund und pfiff lautstark!
Die Musik ging aus, alle blickten in seine Richtung und damit auch in Ricos. „Ey, Alter, ey, der fremde Typ hier hat meine Freundin angemacht!“, schrie er lauthals zu seinen Kameraden hinüber.
„Auf ihn!“, hallte es zurück, als würde eine Armee den Befehl eines Offiziers bestätigen, und eine ganze Affenhorde machte sich nun auf die Beine. Von allen Seiten liefen sie auf Rico zu, bis er komplett umstellt war.
Nur weg von hier!
Stopp! Stoooooooooooooopp!!“, schrie Rico. „Ich, ähm, es tut mir leid“, stammelte er.
Einer der größten und erfahrensten Gorillas, ein muskulöser Silberrücken, der auf einer Sänfte getragen wurde, stoppte den Mob mit einer Handgeste.
„Stolze Feieraffen“, sagte er, „ihr wisst, wir sind in diesem Quartal schon leicht über der geplanten Totschlagsrate. Wir kriegen Probleme mit der Landesüberwachung, wenn wir so weitermachen. Es muss sich schon lohnen, wenn wir den hier“, er deutete auf Rico, „plattmachen wollen. Nicht, dass ich das nicht gerne wollte, versteht mich an dieser Stelle nicht falsch. Aber es muss schon richtig Spaß machen und damit es Spaß macht, muss auch eine gute Geschichte darüber her, warum es dieser fremde, seltsame dicke Affe verdient hat, von uns zerlegt und aufgefressen zu werden, okay, Alter, ey?“
Das „Alter, ey“ klang ein wenig aufgesetzt, denn ansonsten konnte sich der erfahrene Anführer höchst gewählt ausdrücken. Zumindest im Gegensatz zu seinen anscheinend Untergebenen. Trotzdem: Spätestens bei dem Wort „auffressen“ wurde es Rico schlecht. Er war immer sehr aufbrausend gewesen und dadurch auch manchmal das eine oder andere Risiko eingegangen. Aber er war noch nie in eine so große und gleichzeitig fremde Affenhorde geraten, wie das nun der Fall war. Das Risiko, schlicht und ergreifend aufgefressen zu werden, erschien ihm außerordentlich realistisch, denn es war dieser aufgepeitschten Meute allemal zuzutrauen.
„Also“, sagte der Oberaffe und deutete mit dem Finger auf Rico, „wer kann eine tolle Geschichte zu diesem hässlichen Typen erzählen?“
„Ich“, sprang der geprügelte Gorilla, der Rico angegriffen hatte, auf und reckte dabei die Hand in die Höhe. „Das war so“, sagte er, „dieser krasse vollbehinderte Typ – ey, Alter, ey. Der hat misch erst mal voll so beknackt angeschaut.“ Dabei demonstrierte er einen wirklich selten bescheuerten Gesichtsausdruck, der sich mit Worten kaum beschreiben ließ. Er zog dabei die Unterlippe über seine Oberlippe und schielte mit seinen Augen so weit nach oben, dass nur noch das Weiße darin zu sehen war.
„Laaaaangweilig“, brüllte ein dicker Affe nach vorne.
„Iiiiiih, voll so eklig, ey, Alter, ey“, meinte ein Gorillamädchen.
Der Geprügelte fuhr unbeirrt fort: „So, und dann hab isch ihm halt so voll krass in sein hässlisches Gesischt geschlagen, so boom“, dabei demonstrierte er seine Heldentat mit einem weit ausholenden Schlag nach vorne und traf damit (wahrscheinlich, weil er immer noch mit den Augen schielte) einen kleineren Gorilla, der dadurch nach hinten flog und sich unfreiwilligerweise auf eine Gruppe junger, kräftiger Affendamen legte, die dadurch kreischend zu Boden fielen.
„Der hat so krass meine Freundin angemacht, ey, Alter, ey!“, brüllten die jeweiligen Freunde im Dreiklang und stürzten sich auf den nicht besonders begabten Geschichtenerzähler.
Gleichzeitig schien sich der Affe, der vorher durch Ricos Schlag auf dem Baumwipfel gelandet war, davon zu lösen, um schließlich krachend auf drei andere Damen zu fallen. Wieder hörte man kurz einen Satz von der anderen Seite, der irgendwie mit „ey, Alter, ey“ endete und mit „voll krass“ begann. Es startete eine wilde Prügelei, die schließlich die ganze Affenhorde erfasste, inklusive des gebildeten Anführers, der anscheinend versuchte, die Situation zu entschärfen, indem er von seiner Sänfte aus rief: „Bitte haltet die quartalsweise Regulierung der Totschlagszahlen im – äh – Auge … ey, Alter, ey.“
Rico nutzte die Chance und kletterte einfach über die sich prügelnden Streithähne, um so schnell wie möglich diesen Ort zu verlassen.
Das „ey, Alter, ey“ wurde langsam immer leiser und auch die kreischenden Gorillamädchenstimmen, die Wetten darüber abschlossen, wer welchen Affen besiegen würde.
Rico verspürte große Erleichterung, dieser Situation noch mal entkommen zu sein. Er lief und lief und irgendwann wusste er gar nicht mehr, wo er war und wie er überhaupt wieder nach Hause zurückkommen würde. Aber eigentlich war ihm das nicht mehr wichtig. Wo war überhaupt sein Zuhause?
Rico beschloss an diesem Tag, dass es nicht mehr der Wald sein sollte. Sein Zuhause musste ein anderer Ort sein. Er musste weg. Er musste weit weg. Es musste einen Ort auf dieser Erde geben, der ihm etwas Neues versprechen könnte. Etwas Größeres. Etwas, das seinem Leben Sinn verleihen könnte.
Es war schon dunkel geworden und Rico konnte kaum noch erkennen, wo er eigentlich war, der Weg war schlecht zu sehen. Er musste irgendwo ein Nachtlager errichten. Oder einfach an einem Baum ausruhen und ein wenig schlafen, schließlich hatte er genug erlebt. Er lehnte sich an einen gemütlich wirkenden Baumstamm und schloss die Augen.
Doch zur Ruhe kommen sollte er nicht.
Allein in der Nacht
Gerade als er es sich einigermaßen gemütlich gemacht hatte, störte ein leises Geräusch seine Ruhe.
„Wer macht hier Geräusche!“, raunte er etwas ängstlich in die Nacht. Aber die Nacht raunte nichts zurück und seine Worte verhallten in der Finsternis.
Es fiel schwer, etwas zu erkennen, der Wald war dunkel geworden. Ein paar fahle Umrisse zeichneten sich ab, aber man konnte immer nur vermuten, was sie bedeuteten.
Wieder ertönte ein leises Geräusch. Es klang so, als würden Blätter, die am Waldboden lagen, langsam nach unten gedrückt werden. Dann, wieder einige Sekunden – vielleicht sogar dreißig – Ruhe. Danach erklang es wieder.
Sollte sich hier etwas nähern? Rico drückte sich stärker an den Baum und hielt den Atem an – vielleicht könnte er in der Dunkelheit doch etwas erkennen? Er zwickte die Augen zusammen, als könne er das fahle Bild, das vor ihm lag, damit scharf stellen und heller beleuchten. War da etwas? Ein Schatten schien von links nach rechts zu huschen, aber das geschah viel zu schnell. Ein normales Tier konnte das nicht sein.
Kam das Geräusch von diesem Schatten? Wieder ein leises Rascheln. War es nun lauter geworden? Er hatte das mulmige Gefühl, dass etwas immer näher zu ihm kam. Mittlerweile presste sich Rico an den Baum und umklammerte ihn regelrecht. Es könnte ja nicht schaden, sich einige Meter aufwärts zu bewegen, dachte er und versuchte, sich langsam über einen tiefer liegenden Zweig vom Erdboden abzuheben, in der Hoffnung, niemals einem fremden Wesen begegnen zu müssen, das leise Blätter vor sich zusammendrückte (wahrscheinlich durch seine immens großen Füße) und dabei gleichzeitig kaum sichtbar blieb. Er hangelte sich also langsam den ersten Meter nach oben. Dabei merkte er, dass er wohl in letzter Zeit einiges an Gewicht zugenommen hatte – und das womöglich nicht nur aufgrund wachsender Muskeln.
Wieder ein Rascheln! Es musste fast direkt unter ihm sein, denn nun war es eindeutig lauter geworden! Rico brach der Schweiß aus – nicht schon wieder Ärger mit den Nachbarn. Noch dazu noch fremdere Nachbarn, vielleicht ein wütendes Flusspferd oder ein wild gewordener, hungriger Löwe oder vielleicht noch schlimmer: ein völlig fremdes Wesen unbekannter Art?
Rico erschrak vor seinem eigenen Einfallsreichtum. Nicht ohne Grund, denn nun kam zu einem weiteren, wieder deutlich lauter werdenden Rascheln ein eindeutig fremder Geruch hinzu. Panisch hangelte er sich nun den Baum nach oben, dem Wipfel entgegen. Dieser wankte und knarrte unter seinem Gewicht und Rico versuchte, auf seinem Weg an die Spitze noch einmal innezuhalten – vielleicht konnte er den Angreifer von dort besser erkennen und einen schweren Ast nach ihm werfen?
Gerade als er einen passenden, kräftigen entdeckte, fing es an zu regnen. Besser gesagt, es tropfte auf ihn herab und er hielt schützend die Hände über seinen Kopf, denn wenn Rico eines hasste, dann eine ungepflegte Frisur!
Als er seine Hände an einem Blatt trocknen wollte, sah er es. Es hatte nicht angefangen zu regnen und die Tropfen, die ihn trafen, waren keine Wassertropfen.
Seine Hände waren voller Blut!
Panisch reckte er den Blick nach oben in den Wipfel, woher die Tropfen kamen, und sah direkt in das blutende Gesicht eines Affen. Es war der, den er vorhin in eine Baumkrone geschleudert hatte. Er grinste Rico direkt ins Gesicht und presste ihm zynisch entgegen: „Hi, JEAN-PIERRE!“
Ehe der geschockte Rico reagieren konnte, traf ihn die wilde Pranke des Verletzten voll am Oberkörper und beförderte ihn blindlings in die trübe Nacht. Das irre Lachen des verletzten Schlägers verfolgte ihn auf seinem Sturzflug zum Boden.
George Hampelton
Waaaaaaaaaaaahhhhhhhh!“, schrie Rico lauthals.
Ein kleines Eichhörnchen war direkt auf ihn gekrochen und stand mehr oder weniger auf seinem Gesicht.
„Sie haben schlecht geschlafen, Sir, yes, Sir!“, brüllte es ihm mit leicht englischem Akzent entgegen.
„Was?“, fragte Rico. „Was zum Geier machst du auf meinem Gesicht und warum brüllst du mich an?!“
„52. Kompanie, melde mich zum Dienst!“, brüllte es und fügte etwas schüchtern hinzu: „Habe meine Einheit verloren.“
„O Mann … wieso muss mir so etwas immer passieren“, dachte sich Rico. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“, fragte er sich eigentlich selbst, bekam aber prompt eine Antwort des militärischen Tierchens, das ihm entgegenbrüllte: „Sechs Stunden und zweiunddreißig Minuten, Sir, yes, Sir!“
Rico klatschte das Eichhörnchen aus seinem Gesicht und es plumpste vor ihm auf den Boden. „Rühren“, fügte er hinzu.
Es stellte sich – kaum verändert – beeindruckend beherrscht und diszipliniert vor ihm auf und entgegnete wieder ein halb gebrülltes „Sir, yes, Sir!“.
„O Mann, was willst du denn eigentlich von mir? Warum und seit wann sind eigentlich ausgerechnet Eichhörnchen im Krieg?“
„Das ist eine lange Geschichte“, entgegnete das Eichhörnchen traurig.
„Ist ja auch egal“, meinte Rico, „ich brauche ehrlich gesagt keine Begleitung.“
Das Eichhörnchen blickte entmutigt zu Boden. „Noch nicht mal eine kleine Begleitung? Also ein klein wenig, meine ich“, sagte es schüchtern.
Rico ächzte genervt. „Nein! Brauche ich nicht!“
Beide saßen nun stumm nebeneinander. Rico wendete seinen Kopf ärgerlich dem Eichhörnchen entgegen und räusperte sich deutlich wahrnehmbar.
„Sir, ich sitze hier einfach nur!“, erwiderte es beleidigt. „Darf ich das nicht?“
Rico dachte nach. Brauchte er wirklich keine Hilfe? Er wusste nicht einmal, wo er war.
„Wie geht es hier raus aus dem Wald?“, sagte er etwas leiser, als wäre es ihm peinlich, wenn jemand mithören könnte, dass er ausgerechnet ein Eichhörnchen nach dem Weg aus dem Wald fragte.
Es kramte eine Karte hervor und entgegnete selbstbewusst: „Sir, yes, Sir! Wir befinden uns aktuell im Südosten an genau diesem Punkt. Ein strammer Fußmarsch in Richtung Nordwesten und wir könnten es bereits heute Abend aus dem Wald herausschaffen, Sir! Danach möchte ich nach England zurück, es gibt einen Flughafen nicht weit von hier.“
Rico beäugte das kleine Tier argwöhnisch. Wenigstens wusste es, wo es hinwollte. Und immerhin wollte es auch weg von hier. Außerdem wusste er nicht einmal, wo „nordwestlich“ war, also mochte dieser kleine Wicht ja doch noch hilfreich sein.
„Wie heißt du überhaupt?“, fragte er skeptisch.
„George Hampelton“, antwortete das Eichhörnchen prompt und fügte ein überstürztes „Sir, yes, Sir!“ hinzu.
„Soso …“, knurrte Rico.
„Wie ist Ihr Name, mit Verlaub, Sir?“, guckte es Rico fragend an.
Er dachte einen Moment nach, ehe er antwortete. „Ähm, Jean-Pierre Gargouille“, meinte er schließlich zögerlich und fügte hinzu: „Ach, sag einfach Rico!“
„Jean-Pierre?“, fragte Hampelton. „Das ist doch ein exzellent klingender Name! Ich gehe davon aus, Sir, Sie wollen – wie ich – in Ihre Heimat, Frankreich, zurück. Es wäre mir eine Ehre, Sie dabei zu unterstützen!“
„Hm …“, meinte Rico, „ja, also, Frankreich, ja, natürlich möchte ich dahin. Also, ich möchte da wieder hin. Ist ja schließlich meine Heimat und ich war deswegen ja auch schon mal dort. Also eigentlich komme ich ja von dort. Und jetzt möchte ich da wieder hin. Das ist schon richtig. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, das ich mich ähm – kaum erinnern kann. Alles, was ich über Frankreich weiß, kenne ich nur vom Hörensagen.“
George Hampelton hatte Ricos Gestopsel nicht wirklich verstanden und sah ihn ein wenig fragend an.
„Frankreich ist weit weg und fliegen ist nicht unbedingt meine Leidenschaft. Ich muss mir das also noch genauer überlegen“, ergänzte Rico nun erklärend.
„Sir, yes, Sir“, rief George ihm gehorsam entgegen.
„Sei mal nicht so formal“, sagte Rico. „Du kannst Du zu mir sagen.“
„Sir, yes, du, äh, Sir!“, presste ihm George wieder entgegen, sichtlich verunsichert, einen so großen Gorilla einfach mit Du anreden zu dürfen.
Aber Rico hatte ein gutes Gefühl. George war wohl das erste Wesen, das seinen selbst gewählten Namen gut fand. Das war doch kein schlechtes Zeichen! Kaum hatte er sich entschlossen, den Wald zu verlassen, hatte er auch schon den ersten Unterstützer. Zugegeben, ein etwas mickriger, aber immerhin anscheinend mit einem gewissen Orientierungssinn.
„Wo geht es denn nun genau hin?!“, fragte Rico bestimmend.
George kramte wieder seine alte Karte hervor und glich sie umständlich mit ihrer aktuellen Position ab. „Die Sonne steht nun hier, also muss hier Süden sein und dort Norden.“ Er fuchtelte dabei erklärend mit seinen Armen umher. „Folge mir nach, Jean-Pierre, es geht genau hier entlang“, ergänzte er und deutete auf den Weg vor sich.
„Gut“, sagte Rico zögerlich, „lass es uns versuchen – umkehren können wir immer noch.“
So stapften die zwei ungleichen Tiere durch den Wald, ihr Ziel vor Augen. Sie ahnten nicht, dass ihnen etwas folgte.
Die entscheidende Wendung
Den ganzen Tag waren sie nun schon durch die Wildnis gelaufen, hier und da hatten sie eine Pause eingelegt, etwas getrunken und gegessen, aber so eine lange Reise war anstrengend.
„Weißt du wirklich, wo es langgeht?“, meinte Rico genervt.
„Sir, yes, Sir!“, schrie George und Rico verdrehte die Augen.
„Kannst du das mal bitte sein lassen, mit diesem ‚Yes, Sir, yes, Sir‘?“, imitierte Rico ihn etwas übertrieben.
„Du meinst: Sir, yes, Sir!?“, entgegnete George.
„Jaaa“, meinte Rico, „es nervt mich.“
„Nun, in meiner Welt ist dies ein Zeichen von Respekt. Ich habe gedient. Bin unter englischer Flagge in viele Krisengebiete dieser Welt gereist und meinen Offizieren immer treu gewesen. Sie sind nun für mich mein neuer Offizier.“
„Du“, entgegnete Rico nur knapp, „du kannst Du sagen. Lass uns mal nicht so verkniffen sein. Mir ist viel wichtiger, dass du mich von hier wegbringst. Ich will endlich raus aus diesem öden Wald.“
„Okay, Si… äh, du, äh, Jean-Pierre, wir machen das so. Ich werde Ihnen – äh – dir den Weg zeigen, du wirst sehen. Außerhalb des Waldes ist es ganz großartig. Es gibt Nüsse ohne Ende und tolle, freistehende Bäume und – äh – es gibt sicher dort auch diese intellegenten Tiere, von denen du gesprochen hast.“
„Intell –i – gent!“, korrigierte Rico den Kleinen. „Es heißt intell –i – gent! Was redest du denn für einen Blödsinn! Hältst du die Karte überhaupt richtig rum?“, fügte er zweifelnd hinzu.
„In meiner Welt sagt man intell – e – gent“, entgegnete George beleidigt. „Aber vielleicht wirst du diese ja eines Tages kennenlernen.“
Rico antwortete nicht mehr. Er war genervt. Er hatte erst jetzt Zeit dazu gefunden, all die Beleidigungen und Eskapaden im Wald zu reflektieren. Er war geschlagen worden. Beleidigt. Man hatte ihn als hässlich und dick bezeichnet. War er wirklich so hässlich geworden? Er brauchte dringend eine Pause.
„Ähm“, meinte Rico, „da vorne kommt eine Wasserstelle, ich müsste mal kurz etwas trinken gehen.“
„Jetzt? Echt?“, entgegnete George. „Es hat doch gerade geregnet!“
„Ja, nur einen kurzen Moment“, beschwichtigte Rico. „Dauert nur eine Minute“, fügte er hinzu.
Er entfernte sich ein wenig von George in Richtung der Wasserstelle. Sie hatte einen Radius von circa zehn Metern. Wie ein kleiner See sah sie aus. Umgeben von Sträuchern und dahinter hoch aufragenden alten Bäumen.
Die Wasseroberfläche lag ruhig da, fast regungslos. Rico trat heran und kniete sich direkt davor nieder. Nun konnte er ein wenig Luft holen, ein wenig Wasser daraus entnehmen und sich außerdem ein wenig frisch machen. Er musste unbedingt einen Blick auf sich werfen, seine Eitelkeit verlangte es geradezu. So zog er die Spiegelscherbe, die er immer bei sich trug, aus seinem Fell und senkte den Blick darauf. Er erschrak, als er sich sah. Die Auseinandersetzung mit den anderen Affen war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Eine tiefe Schramme zog sich durch sein Gesicht und seine Haare lagen wild zerzaust in alle Richtungen. Rico ließ seine Hand ins Wasser gleiten, befeuchtete damit seine Mähne und kämmte sie mit seinen Fingern ordentlich in eine Richtung.
Nun geschah etwas Besonderes. Es gibt vielleicht nur einen oder zwei Momente in einem ganzen Leben, an denen so etwas passiert. Nämlich, dass ein zufälliger Moment einen anderen zufälligen Moment erzeugt, der wiederum Folgen für den weiteren Verlauf der eigenen Entwicklung hat.
Im Falle Ricos war dies ein kleiner Biber, der ins Wasser sprang. Er hatte irgendetwas Schweres dabei, was, wusste Rico nicht, aber er erzeugte einen ganz außerordentlichen Platscher.
Dieser zog eine Welle nach sich und lenkte damit die Aufmerksamkeit eines Tieres, das sich im Wald verborgen hatte, auf die Szene. Nur für einen kleinen Moment lugte es aus seinem Versteck im Dickicht in Richtung Wasser.
Genau in diesem Moment sah Rico in seiner Scherbe für den Bruchteil einer Sekunde das Bild des Waldes, der sich hinter ihm befand, und er sah, was den beiden Reisenden dicht gefolgt war. Es sollte dieser Geschichte die entscheidende Wendung geben.
Flow
Flow“ nennt man den Zustand völliger Konzentration, der puren Hingabe an etwas. Wenn man diesen „Flow“ fühlt,
verliert man jedes Gefühl für Zeit.
Genauso ging es Rico in diesem Moment. Wie in Zeitlupe nahm er die leicht im Wind wehenden Blätter des Waldes wahr und das feine Antlitz eines wunderschönen Rehs, das ihn mit großem, sanftem Blick ansah. Als könne es durch Rico hindurch auf sein Spiegelbild blicken, so sah es ihn an. Sein Blick strahlte Weisheit, Verlässlichkeit, Integrität, Intelligenz und eine ungeheuerlich wirkende zarte Erhabenheit aus.
Alles, was sich Rico für seine Zukunft vorgestellt hatte, alles, was er für sich wünschte zu sein, schien als Person vor ihm zu stehen. Kein grober Gorilla, der von Wutanfall zu Wutanfall stolperte. Sondern ein graziles Wesen, das vor allem eines ausstrahlte: Würde.
Mit einem Ruck riss es ihn aus seinem Tagtraum. Er drehte sich schnell nach hinten, um zu sehen, wo genau das Rehlein war. Für einen Moment stand es ihm direkt gegenüber. Es blickte ihn mit leicht geneigtem Kopf an und sagte mit französischem Akzent: „Enschuldigen Sie, Monsieur, isch möschte nach ’ause – können Sie mir sagen, wo …?“
Plötzlich knisterten einige Zweige, denn George Hampelton raschelte durch das Gebüsch. Schon war das Reh verschwunden.
„George?“, rief Rico aufgeregt, während er sich zurück in den Wald bewegte. „Bist du das? Hast du das gesehen?“
Hampelton tauchte vor ihm auf. „Was denn, ähm, Jean-Pierre, Sir“, antwortete er etwas unsicher, denn wenn Rico etwas gesehen hatte, das Eichhörnchen aber nicht, bedeutete dies wohl unweigerlich, dass es etwas übersehen hatte. George, sichtlich nervös, wollte sein Gesicht nicht verlieren und entschied sich daher in aller Kürze der Zeit zu einer korrigierenden Lüge, die ihm das Leben nicht unbedingt leichter machen sollte.
„Ach das? Ja, das hab’ ich natürlich gesehen, Jean-Pierre, Sir, Sie, du weißt ja, mir entgeht nichts!“
„Hast du gesehen, wo es hingelaufen ist?“, antwortete Rico.
„Nun ja, also, in diese Richtung“, sagte George und deutete auf den vor ihnen liegenden Weg.
„Sicher?“, entgegnete Rico, der die deutliche Unsicherheit in Georges Stimme bemerkte.
„Hundertprozentig!“, sagte George nun im Brustton der Überzeugung, wenngleich diese auch nur gut gespielt war. „Das, äh, Ding ist in diese Richtung gelaufen“, fügte er wieder etwas unsicher hinzu, denn von was dieser cholerische Gorilla genau sprach, war ihm ein Rätsel.
„Du meinst das junge Reh“, erwiderte Rico und wunderte sich, mit wem er sich da nur eingelassen hatte, denn dieser George wusste offensichtlich noch nicht einmal, was ein Reh war.
„O ja, natürlich, ich kannte den Namen für diese Tierart nur nicht!“, erwiderte George mit gespielter Verwunderung, die Chance ergreifend, lieber Unwissenheit gegen Unaufmerksamkeit einzutauschen. Würde Rico ihm glauben, dass er noch nicht mal wusste, was ein Reh war? Sicher, denn dieser knurrige Gorilla war anscheinend eh davon überzeugt, dass alle kleineren Tiere ungebildete Dummköpfe waren.
Dieses Spiel funktionierte problemlos mit Rico. Unkritisch nahm er die Verteidigung des Eichhörnchens grummelnd zur Kenntnis. „George, dieses Reh war etwas Besonderes. Es war nicht nur wunderschön – es kam aus Frankreich! Es hat sogar nach dem Weg nach Hause gefragt! Es ist ganz sicher auf dem Weg nach Frankreich und mir wurde jetzt eines klar: Ich muss auch dorthin. Nicht nur raus aus dem Wald – ich muss tatsächlich nach Hause! Der Ort, wo ich hingehöre, ist Frankreich, mein Freund!“
George dachte blitzschnell nach. „Hier entlang, Jean-Pierre, vertrauen Sie mir. Das Rehlein ist genau in die Richtung gelaufen, in die wir eh gehen müssen! Denn Frankreich ist ein ganzes Stück entfernt – wir werden zum Flughafen laufen, um dort hinzugelangen.“
„Also, ähm, fliegen? Meinst du nicht, wir könnten einfach ein wenig schneller … gehen?“ fragte Rico zögerlich.
„Tz, tz, tz“, entgegnete George. „Da gibt es leider keine Alternative, Jean-Pierre.“
Rico antwortete dieses Mal nur mit einem Schnaufen. Fliegen? Er? Am Ende würde ihn dieses ganze Vorhaben noch das Leben kosten! Aber für Frankreich musste man eben einiges auf sich nehmen. Frankreich war nicht leicht zu erreichen. Das Rehlein aber hatte ihm die Augen geöffnet. Dieses Land voller Träume, dieses Land voller Schönheit und Edelmut. Es war Zeit, dieses Frankreich zu sehen.
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