Berni - Marco Wendzioch - E-Book

Berni E-Book

Marco Wendzioch

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Beschreibung

Wer möchte nicht gerne noch einmal in die Kindheit zurück und die Welt mit Kinderaugen betrachten? "Denn vom Standpunkte der Jugend aus gesehn, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkte des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit." (Arthur Schopenhauer, deutscher Philosoph, 1788 – 1860) Berni, ein Bremer Junge, der bei seiner Mutter um 1905 aufwächst, zeigt uns auf eine ganz einzigartige Weise, wie das Leben zu der Zeit war. Wir dürfen die Entwicklung des Fünfjährigen vom Vorschulkind zum Schulkind begleiten. Dieses Buch lädt ein, Bremen zu verstehen. Tauchen Sie ein in die Welt des vorigen Jahrhunderts und besuchen sie Orte, die so urbremisch sind, dass wir sie uns gar nicht fortdenken können. Lesen sie die spannenden Geschichten bei den Packhäusern oder am Weserdeich. Begleiten Sie Berni bei seiner Reise nach Heiddorf.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Berni

Ein Junge aus Bremen

Band 1

Marco Wendzioch

Impressum

Veröffentlicht über Bookmundo

(Delftsestraat 22, 3013AE, Rotterdam, Niederlande).

Gedruckt in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort1

Einleitung5

Eine kleine Zeitreise9

Berni - Ein kleiner Junge25

Berni - Aus seiner ersten Schulzeit137

Nachwort269

Vorwort

Lieber Leser, liebe Leserin,

eine Leidenschaft meiner Frau und mir ist es, im Antiquariat zu stöbern und das eine oder andere auch unbekannte Werk mit Genuss an der Sprache und Ausdrucksweise zu lesen. Wir mögen die Art zu schreiben und Geschichten zu erzählen.

Als wir auf eine Kiste mit den „Berni-Büchern“ von Heinrich Scharrelmann gestoßen sind, war es mal wieder geschehen.

Heinrich Scharrelmann (1871 – 1940) war ein Bremer Lehrer und Buchautor. Er hat zahlreiche Kinder- und Schulbücher verfasst. Das besondere an seinem Schreibstil war die kindliche Perspektive. Als Reformpädagoge hatte er einige Ansätze, die seiner Zeit weit voraus waren. In den Berni-Büchern nimmt uns Scharrelmann mit in die Welt um 1910 und lässt uns durch die Augen eines kleinen Jungen schauen.

Diese Bücher waren ursprünglich in altdeutscher Schrift (Fraktur) gesetzt worden und wurden in liebevoller Handarbeit übersetzt. In beiden Büchern sind kleine Veränderungen vorgenommen worden, da die Sprache zur damaligen Zeit aus heutiger Sicht zum Teil diskriminierend war.

In diesem Buch sind die ersten zwei der 6-teiligen Berni-Serie zusammengefasst worden:

Erster Band: Berni – ein kleiner Junge. Was er sah und hörte, als er noch nicht zur Schule ging. (1908) und

Zweiter Band: Berni – aus seiner ersten Schulzeit. (1912).

Um den Zeitgeist etwas besser abzubilden, wurden Zeichnungen und Bilder aus der damaligen Zeit eingefügt.

So sah der Text in der ursprünglichen Form aus:

Und hier ist er übersetzt:

„Die Badeanstalt

Dort lag die Badeanstalt. Sie lag an einer Stelle, wo sich das Ufer ganz langsam und vorsichtig in den Fluss hineinsenkte. Ringsherum war der Badeplatz mit hohen Bretterwänden abgesperrt. Eine große Holzbude war da zum An- und Auskleiden. Viele Kinder waren im Wasser. Einige schwammen, andere tauchten mit dem Kopfe ganz unter, wieder einige spielten Dampfer und strampelten mit den Beinen, dass das Wasser hoch aufschäumte und umherspritzte. Andere spielten Kriegen, aber anstatt sich zu bauzen, spritzten sie sich nass. Wer von einem Spritzer getroffen war, der war es, der musste nun die andern kriegen.

Berni ging mit Herrn Meyer in die Bude, um sich auszuziehen. Endlich waren sie fertig. Der weiße Sand, der auf dem Badeplatze lag, brannte an den Füßen, so heiß hatte die Sonne darauf geschienen. Einige Jungens lagen der Länge nach auf dem Boden und ließen sich von der Sonne bescheinen.“

Während ich die Berni-Bücher überarbeitet habe, ertappte ich mich oft dabei, wie ich über meine eigene Kindheit nachdachte. Die Erzählungen meiner Großeltern und Eltern, die Erinnerungen an die Abenteuer und Entdeckungen, die ich als kleiner Junge erlebte, wurden wieder lebendig. Inmitten von Bernis aufregenden Erlebnissen steckt eine Botschaft, die uns daran erinnert, dass auch die kleinste Person die Fähigkeit hat, die größten Geschichten zu erleben.

Also setzt euch in einen bequemen Sessel, nehmt eine Tasse Tee und lasst euch die Geschichten gefallen. Vielleicht mögt ihr die Erzählungen ja auch vorlesen? Sie eignen sich hervorragend für Kinder und Großeltern.

Ich danke meiner Frau Antje. Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um ihr von Herzen für ihre unermüdliche Unterstützung als Lektorin und Ideengeberin zu danken. Ihre Hingabe und Leidenschaft für jedes Detail haben dazu beigetragen, dass dieses Buch auf ein höheres Niveau der Perfektion und Lesbarkeit erhoben wurden.

Ich wünsche allen Lesern und Leserinnen vergnügliche Lese – und Vorlesestunden.

Marco Wendzioch

Einleitung

Berni ist ein kleiner Junge aus Bremen Anfang des 20. Jahrhunderts, der uns durch seine Kindheit mitnimmt.

Berni wächst gut behütet bei seiner verwitweten Mutter auf. Die Geschichte beginnt 1905 und der kleine Berni ist 5 Jahre alt.

Die Erzählung mutet im ersten Augenblick trivial an, erzählt sie doch einen kindlichen Alltag aus dem Blickwinkel des Kindes. Doch gerade dieser Umstand macht das Faszinierende aus. Wir erleben einen fünfjährigen Jungen in seiner Entwicklung vom Vorschulkind zum Schulkind und das Ganze in einer Zeit, die wir nur noch aus Museen oder aus Erzählungen der Urgroßmütter oder Urgroßväter kennen.

Wie lebte es sich als Kind vor über 100 Jahren? Welche Alltagsprobleme hatten die Menschen damals? Welche Spiele wurden gespielt? Wie verabredete man sich? Welche Freiheiten oder Einschränkungen hatte die Kinder damals? Wie wurden die Kinder in die Gesellschaft eingeführt? Einiges kommt uns merkwürdig vor und vieles auch vertraut.

Mit diesem Buch möchte ich ein wenig Hoffnung spenden. Denn oft erscheint uns der Alltag als schwierig und wir wähnen uns vor großen Problemen. Diese Geschichte zeigt auf schöne Weise, dass wir unser ganzes Leben mit „Schwierigkeiten“ zu kämpfen haben. Im Laufe des Lebens und mit dem Zugewinn von Lösungsstrategien und Erfahrungen erscheinen uns die kindlichen Probleme immer kleiner und unbedeutender. Wir dürfen aber nie vergessen, dass die Probleme, die ein Kind hat, für dieses Kind genauso groß sind und zunächst unlösbar erscheinen, wie die Probleme, die wir als Erwachsene haben. Daran möchte uns dieses Buch erinnern.

Ich habe diesem ersten Band ein (Geschichts-) Kapitel hinzugefügt, damit der Lesende sich etwas in die Zeit einfühlen kann. Danach geht es mit dem ersten Teil, „Berni – ein kleiner Junge“ weiter. Was er sah und hörte, als er noch nicht zur Schule ging“ los. Wir lesen eine Menge über den schwierigen Alltag einer verwitweten, alleinerziehenden Mutter, die als Nähterin (Näherin) arbeitet und ihren Jungen glücklicherweise bei liebevollen Nachbarn unterbringen kann. Überhaupt scheint sich das Leben vorwiegend in der Nachbarschaft abzuspielen. Man kennt sich und hilft einander. Erstaunlich erscheint – im Gegensatz zum heutigen Leben – wie reizarm, d.h. ohne Fernseher und Internet – das Leben damals noch war. Und trotzdem hat man den Eindruck, dass die Erlebnisse für einen kleinen Jungen sehr aufregend sind.

Ich habe in diesen Geschichten die altdeutschen Wörter, soweit es möglich war, beibehalten, um die besonderen Atmosphären zu erhalten. Auch die altertümlichen und – teilweise urbremischen – Ausdrucksweisen und die Grammatik aus der Zeit wurden original übernommen.

Im Anschluss an den ersten Teil folgt der zweite Teil, „Berni – Aus seiner ersten Schulzeit“. Hier können wir die Schule um 1905 aus der Schülerperspektive nachempfinden. Hierzu ist es mir wichtig anzumerken, dass die Bücher von dem Reformpädagogen Heinrich Scharrelmann geschrieben worden sind. Heinrich Scharrelmann, selbst Volksschullehrer, war ein großer Befürworter eines Unterrichts, der durch die Bedürfnisse, die natürliche Neugier und den Wissensdurst der Schüler mitgestaltet werden sollte. In dieser Weise beschreibt er auch den Unterricht, den Berni erhielt. Der Unterricht, der im Allgemeinen erteilt wurde, war weit weniger frei und wurde vorwiegend durch schulbehördliche Pläne und strenge Vorschriften durch den „Schulvorsteher“ (später Rektor) bis ins kleinste Detail (die Feder hat bei Nichtbenutzung in der Rille des Pultes zu liegen) bestimmt. Heinrich Scharrelmann kämpfte Zeit seines Lebens mit dieser behördlichen Gängelei.

Außerdem lernen wir etwas über das Leben auf dem Lande bei einem Ferienbesuch von Berni bei seinem Onkel Karl und seiner Familie auf dem Bauernhof.

Durch die kindliche Erzählperspektive habe ich mich immer wieder selbst in meiner Kindheit wiedergefunden.

Euch erwartet eine spannende Reise durch die Kindheit eines kleinen Jungen und durch Bremen mit seinen Sitten und Gebräuchen um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts.

Eine kleine Zeitreise

Damit ihr euch das Bremen um 1905 besser vorstellen könnt, habe ich ein paar Eindrücke aus der Zeit gesammelt.

Im 19. Jahrhundert erlebte Bremen aufgrund der massiven Industrialisierung einen starken Zustrom von Landbewohnern, die in den umliegenden Fabriken Arbeit suchten.

Um 1800 lebten etwa drei Viertel der Menschen auf dem Land, 1910 waren es nur noch 40 Prozent. Im Prozess der Urbanisierung wuchsen die Städte in wenigen Jahrzehnten rasant an. Mit Urbanisierung ist aber nicht nur das quantitative Wachstum der Stadt, sondern auch der qualitative Wandel städtischer Lebensstile und Wohnformen gemeint.

Die hygienischen Verhältnisse der damaligen Zeit sind aus heutiger Perspektive nur schwer vorstellbar: 9 von 10 Wohnungen hatten kein eigenes Bad. Auch elektrisches Licht oder fließendes Wasser waren die Ausnahme. Toiletten befanden sich im Hof oder im Treppenhaus und wurden von mehreren Mietparteien gemeinsam genutzt.

Der Nienabersgang in der Neustadt, 16 kleine Häuser, in denen Arbeiter und Witwen wohnten.

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zwang viele dazu, vorhandene günstige Wohnungen mehrfach zu teilen und unterzuvermieten. Familien lebten in beengten Verhältnissen, oft in einem einzigen Zimmer, das sie aus Kostengründen mit anderen Familien teilen mussten.

Bremer Marktplatz 1885

Die Abbildung zeigt das geschäftige Treiben auf dem Marktplatz im Zentrum von Bremen. Zahlreiche Buden und Stände bieten Waren an, während Bauern aus umliegenden Dörfern und preußischen Gebieten ihre landwirtschaftlichen Produkte verkaufen. Eine Kutsche überquert den Platz in Richtung Langenstraße, während oben links eine Straßenbahn fährt. Der Marktplatz war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, auf dem sich ländliche Transportmittel wie Leiterwagen und Kutschen mit der Pferdebahn des aufkommenden städtischen Massenverkehrs kreuzten.

Ich möchte euch anhand einer normalen Arbeitswoche eines Städters ein paar Unterschiede aufzeigen. Heute leben wir im Jahr 2024, zum Vergleich ziehe ich das Jahr 1904 heran. Für unser Beispiel habe ich einen der eingangs genannten Fabrikarbeiter genommen.

In der Nacht schlafen wir, damals wie heute. Morgens werden wir vom Wecker oder Smartphone geweckt.

Damals gab es vereinzelt mechanische Wecker, doch nicht jeder konnte sich einen leisten. Wer in einer großen Fabrik gearbeitet hat, der wurde von der werkseigenen Hupe geweckt. Dann wusste er, in 30 Minuten ist Schichtbeginn.

Also schalten wir das Licht ein und steigen aus dem Bett.

Elektrisches Licht gab es 1904 noch nicht. Es wurde eine Petroleumlampe oder Kerze angezündet. Bei den wohlhabenden Leuten gab es Gaslampen.

Wir gehen ins Badezimmer, verrichten unsere Notdurft, putzen die Zähne, rasieren uns und duschen.

Tja damals… befand sich das Plumpsklo auf dem Hof und wurde von der ganzen Hausgemeinschaft benutzt. Das Spülkloset wurde erst (1909) eingeführt. Für das kleine Geschäft in der Nacht gab es einen Nachttopf, der durchaus morgens aus dem Fenster entleert wurde. Fließendes Wasser aus einem Wasserhahn gab es auch noch nicht als Standard. Also hatten die Leute eine Schüssel und einen Krug mit Wasser, um sich zu waschen.

Wir kommen in die Küche, schalten das Radio und die Kaffeemaschine an und bereiten das Frühstück vor.

Die „Küchenhexe“, ein Herd aus früherer Zeit, der mit Holz befeuert wurde

Vor 120 Jahren gab es weder ein Radio noch eine Kaffeemaschine, ganz zu schweigen von einer Kaffeekapselmaschine oder einem Kaffeevollautomaten. Auf dem Holzofen oder der „Küchenhexe“ wurde ein Topf mit Wasser erhitzt und Kaffee aufgebrüht. Die Kaffeebohnen, die man damals noch ungeröstet gekauft hatte, wurden in einer Pfanne auf dem Herd geröstet und mit einem Mörser zu Pulver verarbeitet. Der Kaffeefilter wurde übrigens erst 1909 von Frau Melitta Bentz erfunden und so kann man davon ausgehen, dass in dem Kaffee zur damaligen Zeit etwas trübe vom Kaffeesatz war. Durch die Massenproduktion von Kaffee auf Plantagen in Südamerika und die erhöhte Kaufkraft bei den einfachen Bevölkerungsgruppen wurde der Kaffee um 1850 in Deutschland wie in Europa zu einem Massengetränk. Damals wurde der Kaffee auch kalt getrunken und auch die Kinder bekamen Kaffee. Es gab zum Frühstück oft einfachen Hafer- oder Hirsebrei.

Wir werfen einen Blick in die Tageszeitung mittlerweile am Tablet als e-paper.

Na klar, Damals gab es weder Internet noch Tablet und natürlich keine e-papers. Die etwas Wohlhabenden hatten eine Zeitung aus Papier, die mit Druckerschwärze bedruckt war.

Der Weg zur Arbeit gestaltet sich heute sehr komfortabel – der morgendliche Stau auf der Straße kann nerven – aber im Auto sitzt es sich bequem. Je nach Entfernung zur Arbeitsstelle können wir gehen, mit dem Rad, mit Bus und Bahn oder dem Auto fahren. Dabei ist es für uns selbstverständlich, im Auto das Radio anzumachen oder auf dem Fahrrad mit Kopfhörern Musik oder Podcasts zu hören. Wer mit dem Bus oder der Bahn zur Arbeit fährt, hat meistens sein Smartphone in der Hand.

Damals sind die meisten Arbeiter bei Wind und Wetter zu Fuß gegangen, und das durchaus auch mal eine Stunde pro Strecke. Ein Fahrrad war schon Luxus und nicht für jeden zu bezahlen. Es gab mit der „Elektrischen“ zwar schon eine gut funktionierende Straßenbahn, allerdings musste man sich das Billet (Ticket) auch leisten können. Auch wenn eine einfache Fahrt nur 15 Pfennige an Wochentagen und am Sonntag 30 Pfennige kostete, war das bei den damaligen Löhnen für einen einfachen Arbeiter, der oft nur einen Verdienst von 800 – 1.200 Mark im Jahr hatte, sehr viel Geld. Genau wie heute gab es damals ein Taxi-System: die Droschkenkutschen. Und genauso wie heute waren diese nicht für jeden erschwinglich.

©

Elektrische vor dem Bremer Bahnhof

Auf dem Bild "Ein Blick in die Bahnhofstraße vom Breitenweg aus", das 1915 von Oberbaurat Lempe aufgenommen wurde, ist die Szenerie lebhaft und charakteristisch für das damalige Leben in Bremen. In der Mitte des Bildes fährt eine "Elektrische", eine Straßenbahn, die seit 1893 in Bremen unterwegs war, direkt auf den im Jahr 1889 eingeweihten Hauptbahnhof zu. Auf der rechten Seite hinter einer Litfasssäule und einem Kiosk, an dem Fahrpläne und Postkarten verkauft werden, befindet sich die öffentliche Badeanstalt am Breitenweg Nummer 61.

Auf der linken Seite ist das Hotel "Stadt Hamburg" zu sehen, das einen Zigarrenladen im Souterrain beherbergt. Vor dem Bahnhof waren Hotels der gehobenen Klasse angesiedelt, darunter das "Hotel Central", das später in "Hotel Columbus" umbenannt wurde.

Auf der Arbeit geht es zunächst in die Umkleide und die Arbeitskluft wird angezogen. Das gilt für körperliche Arbeit. Bei den Bürotätigkeiten ist dieses seltener der Fall.

Um 1904 kamen die Arbeiter in ihren privaten Kleidern zur Arbeit und legten sich eine Schürze an.

Die heutigen Arbeitszeitverhältnisse wie Teilzeit, 8-Stunden-Tag und 5-Tage-Woche oder gar die 4-Tage-Woche waren noch nicht erfunden. Die luxuriöse Möglichkeit, einen Teil der Arbeit von zu Hause aus zu erledigen, das heutige Homeoffice, gab es aufgrund der noch nicht vorhandenen technischen Mittel natürlich auch noch nicht.

Ab 1897 gab es den 10-Stunden-Tag und man arbeitete 6 Tage die Woche, also auch am Sonnabend. Der Arbeitstag fing um 5 oder 6 Uhr an und ging bis 17 bzw. 18 Uhr mit einer zweistündigen Mittagspause. In den großen Fabriken gab es einen Speisesaal mit kostenloser Verpflegung, oft die einzige richtige Mahlzeit für die Arbeiter. Da die Arbeitslöhne zur damaligen Zeit im Verhältnis zu den Lebenserhaltungs-kosten recht gering waren, haben oft sowohl der Mann als auch die Frau gearbeitet, um halbwegs über die Runden zu kommen. Für die häufig zahlreiche Kinderschar bedeutete das, dass 60 % der Kinder berufstätiger Eltern sich selbst überlassen oder von Tanten oder Großeltern aufgezogen wurden. Später gab es bei einigen Fabriken Vorläufer der Kitas. Hier konnten die Kleinen auch erste handwerkliche Arbeiten erlernen und so wurde die nächste Arbeitergeneration herangezogen.

Danach kam der Heimweg und so waren die Arbeiter gute 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche unterwegs.

Zu Hause angekommen, gibt es bei den Meisten von uns ein Abendbrot bzw. wer den ganzen Tag auf der Arbeit war, eine warme Mahlzeit. Wir könnten auch auf dem Heimweg an einem der unzähligen Schnellrestaurants halten oder uns eine Pizza kommen lassen. Falls wir vorgekocht haben, packen wir eine Portion schnell in die Mikrowelle.

Damals wurde abends auch gekocht. Lieferdienste oder Schnellrestaurants gab es natürlich noch nicht. Und auch nicht diese kleinen Küchenhelfer wie eine Mikrowelle oder einen elektrischen Kühlschrank. Gekocht wurde entweder auf dem Kohleofen, der gleichzeitig als Heizung diente oder auf einer „Küchenhexe“ (s. Abb. auf Seite 15). Da die Arbeiterwohnungen üblicherweise nicht größer als 30 qm waren und die ganze Familie darin lebte, kann man sich die Gerüche, wenn gekocht und gelebt wurde, gut vorstellen. Die Kost war recht einfach. Es gab das, was günstig zu erstehen war. In Bremen waren dies Fisch, Kartoffeln Reis und Gemüse. Fleisch war in der Stadt ein Luxusgut. Es war recht teuer und wurde meist nur am Sonntag zubereitet. Das es nur wenig exotische Früchte gab, lag an der noch nicht vorhandenen Infrastruktur, wobei erwähnt werden muss, dass Bremen durch den Kolonialhandel eine größere Vielfalt zu bieten hatte als andere Städte. Jedoch waren diese Produkte für die meisten Arbeiter nicht erschwinglich. In der Regel gab es drei Mahlzeiten über den Tag verteilt, morgens, mittags und abends.

Am Abend stellt sich für uns die Frage: Was kann ich noch Schönes machen?

Vielleicht mag ich einfach mit einem schönen Buch auf dem Sofa entspannen. Oder ich stelle das TV an. Ob Streaming oder eine DVD, Videospiele in unglaublicher Auswahl – wir haben eine Menge an Möglichkeiten. Wir können uns auch noch mit Freunden treffen oder gehen zum Sportverein oder ins Fitnessstudio. Bei uns scheint es tatsächlich sowas wie Freizeitstress zu geben.

Wie man vermuten könnte, gab es nach einem 12 Stunden Arbeitstag nicht mehr so viel, was die Arbeiter machen wollten. Doch auch damals gab es eine große Kneipenszene. Durch die beengten Wohnverhältnisse verlagerte sich das Leben in die Innenhöfe und Kneipen. So mancher ist dadurch zum Alkoholiker geworden und hat den Lohn vertrunken, was eine große Katastrophe für die Familie bedeutete. Es gab auch einige Sportvereine, die in der Masse natürlich nicht mit der heutigen Zeit mithalten konnten. In Bremen gab es um die Zeit ca. 15 Sportvereine mit insgesamt vielleicht 1.000 Mitgliedern. Die Gesetze zur damaligen Zeit waren zum Teil verwunderlich: Wer z.B. ohne ersichtlichen Grund durch den Wald rannte (heute: Joggen) machte sich strafbar und musste ein Ordnungsgeld in Höhe von 5 Mark entrichten.

Tja, so geht die Arbeitswoche dahin für uns 5 Tage die Woche und dann zwei Tage Wochenende. Damals 6 Tage die Woche und dann ein freier Sonntag. Bei vielen wird die Zeit zum Hausputz und zum Wäsche waschen genutzt. Die vielen kleinen Helfer wie Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler, Staubsauger und heutzutage die modernen Saug- und Wischroboter machen die Hausarbeit um ein Vielfaches einfacher.

Früher wurde die Wohnung oft einfach ausgefegt und Teppiche wurden ausgeklopft. Die Wäsche wurde nicht so oft gewaschen und wenn natürlich mit der Hand.

Tja, und dann müssen wir noch Einkaufen. Die heutigen Möglichkeiten auf dem Sofa mit dem Tablet mal eben etwas zu bestellen oder fast rund um die Uhr in einem Discounter einzukaufen, gab es so noch nicht.

Es wurde auf dem Wochenmarkt oder in einem der kleinen Fachgeschäfte, die sich im Souterrain oder Erdgeschoss vieler Häuser befanden, eingekauft. Große Warenhäuser waren sehr selten. Der Konsum war wesentlich geringer, was natürlich an der Kaufkraft und dem Warenangebot zur damaligen Zeit lag. Die schnelllebige Mode im heutigen Sinne gab es so auch nicht. Es wurde erst etwas „Neues“ gekauft, wenn das „Alte“ nicht mehr zu reparieren war und nicht, weil die Farbe unmodisch geworden war.

Hiermit habt ihr ein kleiner Eindruck aus der Zeit um 1900. Es gebe sicher noch vieles zu erzählen, aber das wäre dann ein neues Buch.

Berni - Ein kleiner Junge

Was er sah und hörte,

als er noch nicht zur Schule ging

erzählt nach

Heinrich Scharrelmann

1908

Am frühen Morgen

Die Sonne stand schon seit ein paar Stunden am Himmel, denn sie war um 5 Uhr aufgegangen und ihre Strahlen vergoldeten die Dächer und Häuser und spiegelten sich in den vielen Fensterscheiben der Stadt. Sie glänzten auf dem Wasser und hatten längst die Schwalben und die Stare und die Spatzen aufgeweckt. Die Schwalben flogen oben in der blauen Luft herum, die Stare suchten in den Gärten nach Würmlein und Käfern, und die Spatzen saßen in den Dachrinnen und blickten auf die Fahrstraße, um ein Stück Brot oder sonst was zu finden, was sie fressen konnten. Sie schalten sich und jagten einander von einem Orte zum anderen.

Die Sonne meinte es heute gut. Es hatte acht Tage lang so stark geregnet, dass die Kinder draußen nicht spielen konnten, aber heute war schönes Wetter, und der Himmel so klar, dass es eine Lust war, ihn anzusehen. Ein paar niedliche, weiße Wolken schwebten noch unter ihm dahin, aber sie sahen so freundlich aus, dass die Leute gar nicht mehr an die dicken, grauen Wolken dachten, die so lange den Himmel bedeckt hatten. So still war es in den Straßen! Kein Wagen fuhr, kein lautes Wort hörte man, und alles war sauber und blank, denn es war Sonntag. Und alle Glocken läuteten.

In der Kammer

Als die Sonne noch ein wenig höher gestiegen war, drangen ihre Strahlen auch bis an ein Fenster, dessen Vorhänge noch dicht zugezogen waren. Es war ein Kammerfenster. In der Kammer standen zwei Betten, ein großes und ein kleines. Das große war leer und in dem kleinen lag ein Junge, der hatte blonde Locken auf dem Kopfe und rote Backen und schlief noch fest. Nur ab und zu zuckte seinen Mund ein wenig, als wenn er lachen wollte, und das eine Bein hatte die Decke weggestrampelt und guckte neugierig in die Kammer. Ein Sonnenstrahl aber drängte sich an der Seite zwischen dem Fensterrahmen und dem Vorhang hindurch und traf gerade die Nase des kleinen Jungen. Er musste niesen und – wachte auf. Ein paar Augenblicke lag er still und sah sich in der Kammer um, dann richtete er sich im Bette auf und rief: „Mutter! Mutter!“

Da wurde die Kammertür geöffnet, und eine Frau trat herein. „Na, mein Liebling, bist du aufgewacht?“ fragte sie, als sie das Kind im Bette sitzen sah.

Der Traum

Der kleine Junge nickte und rieb sich die Augen und sagte: „O Mutter, eben habe ich was Schönes geträumt.“ „Was hast du denn geträumt, Berni?“ „Ganz was Feines!“ sagte er. „Ich hatte ein kleines Pony, der hieß Hans und war mein Pferd, und ich durfte immer auf ihm reiten, und er war gar nicht wild und trug ganz neues Geschirr und einen Federbusch auf dem Kopfe, weißt du, wie ihn die Pferde im Zirkus haben, und wenn er hungrig war, gab ich ihm Gras und Blumen, und dann fraß er mir aus der Hand und biss mich gar nicht. Ist das nicht fein?“

„Ja, das ist ein schöner Traum,“ sagte die Mutter. „Solch ein Pony möchte ich wohl haben,“ sagte Berni. „Mutter, kauf mir ihn doch, ich will ihn auch immer gut füttern, und kauf auch einen Wagen dazu, und dann sollst du mit mir ausfahren.“

Die Mutter sagte: „Vielleicht bekommst du ein Pferd, wenn du groß bist. Aber nun komm mein Liebling und zieh dich an.“

„Musst du heute nicht ausgehen?“ fragte er. „Nein,“ antwortete sie, „heute ist ja Sonntag, da bleibe ich den ganzen Tag bei dir, und am Nachmittag gehen wir zusammen aus.“

„Wohin gehen wir denn?“ – „Wir wollen heute Nachmittag ganz weit ausgehen, du wirst es schon sehen.“

„Das ist fein,“ sagte Berni und sprang mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette.

Der Krämerladen

Als Berni angezogen war und gegessen und getrunken hatte, setzte die Mutter sich ans Stubenfenster und nähte.

„Darf ich auf die Straße?“ fragte er. – „Bleibe lieber bei mir, mein Kind,“ sagte die Mutter, „wenn du heute Nachmittag mit mir ausgehen willst, darfst du dich jetzt nicht schon müde laufen. Spiele lieber hier in der Stube.“

Berni kletterte auf einen Stuhl am Fenster und sah hinaus. Er konnte kaum die Straße sehen und musste schon seine Nase dicht an die Fensterscheibe drücken, wenn er die Leute, die unten gingen, überhaupt sehen wollte. So hoch war das Haus.

Unten fuhr eine Elektrische dahin. Er konnte sie schon von weitem kommen und das „ping, ping“ der Wagenglocke hören. Dicht bei dem Hause war eine Weiche. Da mussten alle paar Minuten zwei Elektrische, die sich entgegenfuhren, aufeinander warten, dann durften sie erst weiterfahren.

„Wo ist eigentlich mein Krämerladen?“ fragte er und sah sich in der Stube um. „Ich möchte mit meinem Krämerladen spielen.“ „Den habe ich in die Küche gestellt, hole ihn dir nur.“

Berni ging hinaus und kam gleich wieder mit einer Kiste. Darin lagen eine ganze Menge Schwefelholzschachteln und Papierstücke. Er stellte die Kiste auf den Tisch und packte die Schachteln alle aufeinander, sodass sie richtig aussahen wie eine Reole im Laden. Eine große Schachtel war der Tresen, und an einen Nagel hing ein Bündel kleiner Tüten, die hatte ihm die Mutter aus Zeitungspapier geklebt.

„Willst du mir was abkaufen?“ fragte er. „Gewiss Herr Weber,“ sagte die Mutter. „Hier hast du Geld,“ rief Berni und brachte seiner Mutter runde Papierstücke, darauf stand geschrieben, wie viel Geld jedes Stück Papier bedeutete.

Die Mutter kaufte ihm Reis und Sago und Stärke und Salz und Rosinen und Mandeln und Zucker ab, für das Mittagessen und für einen großen Kuchen, denn sie backen wollte.

Else

Draußen hörten sie Tritte. Die Tür ging auf, und Else kam herein. Else war Bernis Freundin, mit der er fast jeden Tag spielte. Sie hatte ihr neues Kleid an und eine rote Schleife im Haar. „Soll ich mitspielen,“ fragte sie leise. „O ja,“ rief Berni, „du musst Frau Behrens sein und mir auch was abkaufen und musst die Sachen hinbringen, die andere Leute bei mir gekauft haben. Willst du das?“ Else nickte. „Ich wohne hier,“ sagte sie und ging nach dem Lehnstuhle, drehte ihn in der Ecke herum und holte sich die Fußbank, die sollte ihr Stuhl sein.

Als die Kinder miteinander spielten, ging die Mutter in die Küche, um für das Mittagessen zu sorgen.

Der Spaziergang

Am Nachmittag, als Mutter ein halbes Stündlein in der Sofaecke geschlafen und dann mit Berni Kaffee getrunken hatte, zog sie sich an, um mit ihm auszugehen. Vier Treppen ging‘s hinab, denn sie wohnten hoch oben in der obersten Etage des Hauses, dicht unter dem Boden. Ein Sonntag ist doch ein ganz besonderer Tag. Alles sieht festlicher und schöner aus, als in den Wochentagen. Die Straße war bunt von Menschen, alle in ihren Sonntagskleidern und mit Sonntagshüten. Bei dem schönen Wetter wollte wohl keiner zu Hause bleiben. Ein paar Straßenbahnen fuhren an ihnen vorbei, alle voll von Menschen. Im Wagen saßen sie dicht an dicht, hinten und vorne standen sie aneinander, Männer, Frauen und Kinder. An ein paar Wagen war sogar das kleine Schild, worauf „besetzt“ stand, heruntergelassen. Die hielten dann nicht an den Haltestellen, weil niemand wegen der Vollheit mehr einsteigen durfte.

Bekannte

Als sie durch ein paar Straßen gekommen waren, bogen sie um die Ecke in eine andere. Darinnen standen lauter kleine Häuser mit Gärten davor. Mädchen spielten Springtau, und die Jungen ließen ihre Kreisel laufen. „Morgen will ich auch Kreisel laufen lassen,“ sagte Berni, „aber ich habe keine Peitsche.“ „Die will dir Frau Meyer wohl machen,“ sagte die Mutter „Du muss sie nur bitten.“ „Sie hat ja keinen Bindfaden und kann keinen Knoten machen.“ – „Den gibt Herr Weber dir, und einen Knoten macht er dir auch hinein.“

Vor einem Hause der Straße standen eine Menge Kinder und guckten in die Tür, und eine Droschke hielt auch da. Gerade als Berni mit seiner Mutter vorbeikam, wurde die Haustür geöffnet, und eine junge Frau kam mit ihrem Manne heraus. Die Frau trug ein ganz kleines Kind vorsichtig auf beiden Armen, das war ganz in weiße Schleier und Spitzen gehüllt. Der Mann nahm den Hut ab und lachte, als er Frau Becker sah. Und seine Frau rief: „O Elisabeth! Guten Tag! Wie geht es dir?“ „Danke ganz gut,“ sagte Frau Becker. „Wo wollt ihr denn hin?“ „Das Kleine soll getauft werden,“ sagte die Frau und schlug den Schleier zurück und zeigte Berni und seiner Mutter ihr kleines Kindchen. „Ist es ist ein Junge?“ „Nein, ein Mädchen,“ sagte der Mann, „aber eine Stimme hat es wie ein richtiger Junge.“ Dann stiegen sie in den Wagen. „Besucht uns doch mal,“ rief die Frau mit dem Kinde Frau Becker zu. Die nickte und lachte und sagte: „Ich wünsche euch viel, viel Glück.“ „Danke, danke,“ riefen die beiden, dann fuhr der Wagen davon.

„Wer war das?“ fragte Berni. „Ach,“ sagte die Mutter, „die Frau kenne ich schon lange, das ist eine Freundin von mir, mit der habe ich schon als Kind gespielt, und ihr Mann hat mit unserem Vater zusammen auf dem Bau gearbeitet, er ist auch Mauermann.“

Schwachhausener Chaussee 1899

Auf der Chaussee

Dann kamen sie auf eine lange, breite Chaussee hinaus. Da wimmelte es von Spaziergängern. Radfahrer jagten dahin, Autos tuteten, und Droschken und Equipagen fuhren an ihnen vorbei. Rechts und links lagen große, schöne Häuser. Jedes in einem weiten Garten mit sauberen Kieswegen und bunten Blumenbeeten.

Berni hatte seine Mutter angefasst, und seine Augen waren überall. Hier war er noch niemals gewesen. Eine solche breite Straße kannte er noch nicht, so viele vornehme Häuser hatte er noch nicht gesehen. In einem dieser Häuser war Besuch angekommen. Wohl zwanzig Damen und Herren saßen auf einem breiten Balkon, der war von einem großen, bunten Zeltdache beschattet. Die Damen hatten bunte, lange Kleider an und die Männer lange, schwarze Röcke.

© John Kemp Starley (1888) mit Rover III

Anton