Bernie ist Juttas einziger Trost - Marisa Frank - E-Book

Bernie ist Juttas einziger Trost E-Book

Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Ich habe Hunger!« Fordernd sah Jutta Kaiser, ein Mädchen von acht Jahren, ihre Tante an. Beatrix Hinz, Juttas Tante, warf ihrem Freund, der hinter dem Lenker des Lastwagens saß, ihrerseits einen Blick zu. Als sie sah, dass sich Marks Gesicht ärgerlich verzog, sagte sie rasch: »Ein wenig musst du dich schon noch gedulden.« »Ich will aber nicht«, jammerte Jutta. »Nun sitzen wir schon wieder eine Ewigkeit im Auto. Du hast mir versprochen, dass wir immer wieder eine Pause machen. Das müssen wir schon wegen Berni tun. Ich bin sicher, das Autofahren gefällt auch ihm nicht.« Jutta kniete sich auf die Bank im Führerhaus des Lastwagens und hob ein Stück Plane an, die zwischen dem Führerhaus und der Ladefläche war. Sofort ertönte ein heftiges Gebell. Ein schöner Golden Retriever, Juttas Liebling, hob den Kopf. Traurig, wie es Jutta schien, sah er sie an und leckte ihr auch die Hand. »Er kann nicht einmal mit dem Schwanz wedeln«, empörte sich die Achtjährige. »So eng hat er es. He, Mark! Du musst sofort anhalten.« »Nichts dergleichen werde ich tun«

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sophienlust – 328 –Bernie ist Juttas einziger Trost

Ein kleines Mädchen fasst neuen Lebensmut

Marisa Frank

»Ich habe Hunger!« Fordernd sah Jutta Kaiser, ein Mädchen von acht Jahren, ihre Tante an.

Beatrix Hinz, Juttas Tante, warf ihrem Freund, der hinter dem Lenker des Lastwagens saß, ihrerseits einen Blick zu.

Als sie sah, dass sich Marks Gesicht ärgerlich verzog, sagte sie rasch: »Ein wenig musst du dich schon noch gedulden.«

»Ich will aber nicht«, jammerte Jutta. »Nun sitzen wir schon wieder eine Ewigkeit im Auto. Du hast mir versprochen, dass wir immer wieder eine Pause machen. Das müssen wir schon wegen Berni tun. Ich bin sicher, das Autofahren gefällt auch ihm nicht.«

Jutta kniete sich auf die Bank im Führerhaus des Lastwagens und hob ein Stück Plane an, die zwischen dem Führerhaus und der Ladefläche war. Sofort ertönte ein heftiges Gebell. Ein schöner Golden Retriever, Juttas Liebling, hob den Kopf. Traurig, wie es Jutta schien, sah er sie an und leckte ihr auch die Hand.

»Er kann nicht einmal mit dem Schwanz wedeln«, empörte sich die Achtjährige. »So eng hat er es. He, Mark! Du musst sofort anhalten.«

»Nichts dergleichen werde ich tun«, knurrte der Kraftfahrer Mark Steiner. Seine gute Stimmung war schon lange verflogen. Er hatte sich auf ein paar nette Tage mit seiner Freundin Beatrix gefreut. Während ihres Urlaubs hatte er sie auf seine Fahrten, quer durch Deutschland, mitnehmen wollen. Aber dieses Kind machte ihm einen dicken Strich durch die Rechnung. Beatrix, die jüngere Schwester von Juttas Mutter, hatte stets alle Hände voll zu tun, um die Kleine zu versorgen. Mark fand, dass er dabei ganz schön zu kurz kam. Auch nachts, wenn sie irgendwo übernachteten, schlief Beatrix bei dem Kind und nicht bei ihm.

»Ich finde es sehr egoistisch von deiner Schwester, dir das Kind anzuhängen«, fuhr er knurrend fort. »Als ob du nicht auch einen Urlaub verdient hättest.«

»So ist es nun auch wieder nicht«, korrigierte Beatrix Hinz ihren Freund sofort. »Du weißt doch, dass ich mich selbst angeboten habe. Britta wollte zuerst nicht darauf eingehen.«

»Das war eine Schnapsidee. So blöd konntest auch nur du sein.«

»Na, hör mal!«, begehrte Beatrix nun doch auf. Sie war nicht auf den Mund gefallen, und in letzter Zeit war es zwischen ihr und Mark Steiner schon öfters zu lautstarken Auseinandersetzungen gekommen. »Ich konnte ja nicht wissen, dass du mich mitnehmen willst. Ich wollte mir mit Jutta einige schöne Tage machen.« Beatrix streckte ihre Hand aus und streichelte Juttas Wange. »Wir hatten uns schon einiges vorgenommen. Wir wollten ins Schwimmbad gehen, hatten auch einen Zoobesuch auf unserem Programm …«

»Ich wollte mir mit dir auch ein paar schöne Tage machen«, unterbrach Mark sie. »Natürlich ohne Zoobesuche, ich wollte dir die Gegend zeigen. Schließlich und endlich kommen wir bis Basel. Aber das scheint dich überhaupt nicht mehr zu interessieren.«

Berni bellte laut und anhaltend und machte somit ein weiteres Streitgespräch zunichte.

»Kannst du den Hund nicht zum Schweigen bringen?«, fuhr Mark Steiner Jutta an.

»Kann ich nicht«, behauptete das Kind. »Berni will hinaus. Er hat genug vom Autofahren.«

»Wir könnten doch wirklich irgendwo anhalten. Machen wir Rast. Dann kann Jutta ein wenig mit ihrem Hund herumtollen«, kam Beatrix ihrer Nichte zu Hilfe.

»Nein, es ist noch nicht zwölf Uhr. Ich pflege erst mittags anzuhalten und muss dich bitten, dich danach zu richten.« Mark sagte es so scharf, dass Beatrix unwillkürlich zusammenzuckte. Auch sie hatte sich das Mitfahren anders vorgestellt, sonst hätte sie sich überhaupt nicht darauf eingelassen.

»Wie lange ist es noch bis Mittag?«, meldete sich Jutta kleinlaut. »Ich kann wirklich nicht mehr sitzen.«

Beatrix zog ihre Nichte an sich. »Ein klein wenig musst du dich noch gedulden.« Während sie Jutta durch ihre hellen Locken fuhr, sagte sie zu Mark: »Es ist wahrscheinlich besser, du setzt uns nach dem Essen an einem Bahnhof ab, und wir fahren nach Hause.«

»Bist du jetzt ganz verrückt geworden?«, fragte Mark. Er konnte aber nicht verbergen, dass er verwirrt war. Er nahm die linke Hand vom Lenkrad und griff über Jutta hinweg nach dem Arm seiner Freundin.

»Es ist besser«, beharrte Beatrix.

»Unsinn!« Mark begann nachzugeben. »Wenn ihr unbedingt wollt, dann machen wir eben früher Pause. Ich muss sowieso nach Maibach. In der Nähe dieser Kreisstadt liegt der idyllische Ort Wildmoos. Dort gibt es den Gasthof ›Zum grünen Krug‹. Er ist wegen seiner guten Küche bekannt. Jutta kann anschließend hinter dem Gasthof mit ihrem Hund spielen.«

Sofort wirbelte Jutta wieder herum. »Hast du gehört, Berni?«, rief sie und hob die Plane an, sodass der Retriever seine Schnauze hervorstrecken konnte. »Das wird schön werden. So schnell bekommen sie uns dann nicht wieder in diesen Kübel.«

»Moment, mein Kind, so haben wir nicht gewettet. Eine Stunde, länger wird nicht Mittagspause gemacht. Ich will heute Abend noch an der Grenze sein.« Mark vergaß Jutta und sprach jetzt nur noch zu Beatrix. »Den Lastwagen lassen wir an der Grenze stehen, nehmen uns ein Taxi und fahren nach Basel. Wir werden uns dort einen herrlichen Abend machen.«

Diese Vorstellung konnte Beatrix zwar reizen, aber gerade noch rechtzeitig fiel ihr Jutta ein. Daher sagte sie: »Das geht nicht. Das dauert sicher einige Stunden. So lange kann ich Jutta nicht allein lassen.«

Mark Steiner nahm jetzt keine Rücksicht mehr auf das Kind. Er fluchte lauthals.

»Bitte«, mahnte Beatrix. »Das ist doch nicht so schlimm. Einen kleinen Abendspaziergang können wir schon machen. Jutta hat ja Berni, und ­außerdem ist sie bereits sehr vernünftig.«

In diesem Moment merkte man davon allerdings nichts, denn die ­Achtjährige beschwerte sich: »Warum musste ich überhaupt mit euch ­mit­fahren? Ihr hättet mich zu Hause ­lassen können. Berni und ich wären schon zurechtgekommen. Ich kann mir schon Eier in die Pfanne hauen.«

»Das wäre das Beste gewesen«, brummte Mark. »Aber deine liebe Tante wollte ja nicht.«

»Siehst du!« Jutta schmiegte sich an Beatrix. Dabei schossen ihr Tränen in die Augen. »Ich habe ja schon immer gesagt, dass er mich nicht mag. Und Berni mag er noch viel weniger.«

»Mark, wie kannst du nur!« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Beatrix ihren Freund an.

»Entschuldige, aber da kann einem wirklich einmal der Gaul durchgehen. Ich freue mich …, und nun …«

»Nicht!« Unwillig stieß die ­Zweiundzwanzigjährige ihren Freund an.

»Ich bin ja schon still. Es dauert auch nicht mehr lange, bis wir da sind.«

Beatrix sagte nichts mehr. Insgeheim seufzte sie aber. Sie nahm sich vor, auf keinen Fall ein zweites Mal nachzugeben. Nochmals würde sie nicht mitfahren. Jetzt verstand sie nicht mehr, dass sie so kurzsichtig hatte sein können.

Sie hatte gedacht, Jutta würde es auch Spaß machen, etwas von Deutschland zu sehen. Erst jetzt begriff sie, dass es für ein Kind keine Freude war, stundenlang ruhig im Auto zu sitzen.

Jutta hatte ihr Gesicht nahe bei der Schnauze des Hundes und versuchte ihn zu trösten. »Nur noch ein bisschen musst du aushalten«, sagte sie leise zu ihm. »Umso lustiger wird es dann sein. Dann laufen wir um die Wette. Weißt du was, Berni? Einmal kannst du mich auch gewinnen lassen. Ich weiß ja, dass du schneller bist.«

»Ich fahre zuerst über Wildmoos«, sagte Mark Steiner. »Dort lasse ich euch heraus. Dann fahre ich nach­ ­Maibach weiter und liefere das ab, was ich abzuliefern habe. Es dauert sicher nicht länger als eine Stunde. Wenn es euch zu lang dauert, könnt ihr schon voraus in den ›Grünen Krug‹ gehen!«

Ungeniert schrie Jutta: »Hurra! Bitte, fahr ganz schnell, dass wir gleich dort sind.«

Beatrix sagte hingegen nur: »Danke.«

Bald darauf war Wildmoos erreicht. Begeistert hatte Jutta das Ortsschild gelesen. Mark stoppte seinen Lastwagen in der Nähe der Kirche.

»So, hier lasse ich euch heraus. Der Gasthof ist gleich dort drüben, und wenn ihr in diese Richtung geht, dann kommt ihr zu einer Wiese.«

Jutta achtete nicht mehr auf seine Worte. Sie rutschte schon über die Knie ihrer Tante hinweg. Erst als sie auf der Straße stand, besann sie sich.

»Berni! Er muss Berni dalassen.« Entsetzt sah die Achtjährige zu ihrer Tante empor.

»Das tut er schon«, meinte Beatrix begütigend.

Erleichtert seufzte das Kind, als Mark ebenfalls ausstieg und Berni hinter den geladenen Waren hervorholte.

Die Freude von Hund und Kind war groß. Jutta verbarg ihr Gesicht im goldfarbenen Fell des Hundes.

Beatrix sagte: »Willst du Mark nicht auf Wiedersehen sagen?«

Doch Jutta schüttelte den Kopf. »Wozu? Er ist dein Freund. Wir werden ihn sowieso nicht los.«

»Aber, Jutta!« Beatrix warf Mark einen abbittenden Blick zu.

»Mein Kind dürfte das nicht sein«, sagte Mark ärgerlich und stieg wieder in seinen Lastwagen ein.

Jutta störte das nicht im Geringsten. Für sie existierte im Moment nur der Hund.

»Beatrix, komm!«, rief sie über die Schulter zurück. Dann lief sie, Berni am Halsband haltend, über den Wiesenweg davon. Beatrix hatte Mühe, ihr zu folgen.

Der Pfad führte aus dem Dorf hinaus und endete auf einer Straße. Beatrix wollte in Richtung Wald gehen, aber Jutta – besser gesagt Berni – zog die Straße vor.

Berni war einfach weitergelaufen, ehe Jutta ihn hatte an die Leine nehmen können.

Beatrix kamen Bedenken. »Auf der Straße fahren sicher Autos.«

»Du weißt doch, wie gescheit Berni ist«, versuchte Jutta diese Bedenken zu zerstreuen. »Er läuft nicht in ein Auto. Er weicht aus. Bitte, Tante Beatrix, er muss sich ein wenig austoben. Er hat ja viel weniger Platz gehabt als wir.«

Das sah Beatrix ein. Also pfiff sie den Hund nicht zurück.

Jutta behielt recht. Als sie um eine Kurve kamen, stand Berni am Straßenrand und versuchte die Herankommenden auf einen Wegweiser aufmerksam zu machen. Er tat es auf seine Art, indem er kurz hintereinander dreimal bellte.

»Schau, Tante Beatrix, er hat etwas entdeckt«, rief Jutta begeistert und schlang die Arme um den Hals ihres Hundes. »Was ist das?«, fragte sie dann ihre Tante.

»Ich nehme an, das ist ein Wegweiser«, antwortete Beatrix und betrachtete interessiert die holzgeschnitzten Figuren. Sie stellten Kinder und Tiere dar.

Juttas Begeisterung kannte keine Grenzen, als sie an der nächsten Weggabelung wieder so ein Ding entdeckte. »Ich muss unbedingt wissen, wohin diese Wegweiser führen«, sagte sie entschlossen und packte Berni am Halsband.

Beatrix stoppte sie jedoch! »Das dauert sicher zu lange. Wir müssen sowieso umkehren, sonst sucht uns Mark.«

»Immer Mark«, maulte Jutta. Sie seufzte. »Ich wäre wirklich froh, wenn wir nicht mit ihm mitgefahren wären. Ich glaube, Kinder mag er nicht sehr.«

»Nein, da irrst du dich sicher«, sagte Beatrix gegen ihre Überzeugung. »Er ist nur nicht an Kinder gewohnt.«

»Und Hunde mag er auch nicht«, fuhr Jutta unbeirrt fort. »Aber Berni und ich machen uns nichts daraus. Hauptsache, du magst uns.« Zutraulich schob sie ihre kleine Hand in die Hand der Tante. »Müssen wir wirklich zurückgehen?«, fragte sie dann.

Beatrix nickte.

»Na ja, wenn es sein muss …« Jutta seufzte erneut. »Du, da kommt wer. Darf ich fragen, wohin die Wegweiser führen?«

Ehe Beatrix antworten konnte, hatte Jutta heftig gewunken, um den Motorradfahrer zu stoppen. Es war ein älterer Mann, der auch sofort anhielt.

»Bitte, entschuldigen Sie«, plapperte Jutta unbefangen drauflos. »Ich bin hier fremd und habe auch nicht viel Zeit, da ich wieder weiter muss. Trotzdem möchte ich gern wissen, ob das Wegweiser sind.« Sie zeigte auf die geschnitzten Figuren.

»Das kann ich dir sagen«, meinte der Mann freundlich. »Wenn du ihnen folgst, dann kommst du zu dem Kinderheim Sophienlust.«

Erstaunt riss Jutta ihren Mund auf. »Ein richtiges Kinderheim? So eines, wo die Kinder ohne ihre Eltern wohnen?«

Der Mann nickte.

»Das verstehe ich nicht. Die geschnitzten Kinder sehen alle so lustig aus. In einem Kinderheim ist man doch nicht lustig.«

»O doch, in Sophienlust ist man lustig. Das ist ein ganz besonderes Kinderheim. Dort haben die Kinder viel Spaß. Daher wird es auch ›das Heim der glücklichen Kinder‹ genannt.«

Jutta sah sich nach ihrer Tante um. »Ganz verstehe ich das aber nicht.«

Beatrix kam heran. »Vielen Dank für die Auskunft. Diese lustigen Wegweiser haben unser Interesse erregt.«

»Nichts zu danken, gern geschehen.« Der Mann neigte den Kopf zum Gruß und fuhr weiter.

*

»Jutta, so iss doch«, ermahnte Beatrix Hinz ihre Nichte. Sie hatte bemerkt, dass diese ständig zum Nebentisch hinübersah.

»Pst!«, machte Jutta und legte ihren Löffel weg. »Das ist interessant. Die sprechen von diesem Kinderheim. Das, was der Mann gesagt hat, muss stimmen.«

»Das Kind soll essen«, mischte sich Mark Steiner jetzt in das Gespräch ein. »Es wird Zeit, dass wir weiterfahren.«

Jutta hörte ihm gar nicht zu. Sie hatte ihren Teller weggeschoben und sich nun direkt dem Nachbartisch zugewandt. »Entschuldigen Sie«, sagte sie höflich. »Ist es in diesem Kinderheim wirklich so schön? Ich meine, können da die Kinder auch spielen? Wird da nicht immer nur geschimpft?«

»Du bist aber neugierig, kleines Fräulein«, meinte einer der Gäste vom Nachbartisch gutmütig. »Viele Fragen hast du auch, aber ich will sie dir gern beantworten.«

»Was hat das Kind denn?« Ärgerlich schlug Mark mit der Hand auf den Tisch. »Jutta, wie kannst du fremde Leute belästigen?«

»Das Kind belästigt uns nicht«, meinte der Gast. Dann wandte er sich direkt an Jutta. »Woher hast du von Sophienlust erfahren?«

»Da waren die Wegweiser. Ich finde sie ganz toll.«

Jutta hätte noch weitergeplappert, hätte Mark sie nicht unterbrochen.

»Iss jetzt!« Er sah von Jutta auf den Gast. »Sie müssen entschuldigen, aber wir haben es eilig.«

Der Gast lächelte verstehend. Er zwinkerte Jutta zu, dann wandte er sich wieder an die anderen Herren.

Jutta schob ihren Teller noch weiter von sich. »Ich habe keinen Hunger mehr.« Marks missbilligenden Blick übersah sie. Sie rutschte von der Bank und schmiegte sich an ihre Tante. »Dürfen Berni und ich noch ein bisschen hinausgehen?«

»Wir fahren gleich«, sagte Mark, ehe Beatrix sich äußern konnte.

»Nur ein bisschen, bitte«, bettelte Jutta. »Ihr müsst ja auch erst bezahlen.«

»Wozu? Wir sind gleich so weit.« Mark machte seinem Ärger wieder einmal Luft.

Das veranlasste Beatrix, Juttas Partei zu ergreifen.

»Du hast ja noch nicht ausgetrunken. Inzwischen kann Jutta noch etwas hinausgehen.« Sie tätschelte die Wange ihrer Nichte. »Aber nicht auf die Straße. Ich kann mich doch auf dich verlassen?«

»Sicher, Tante Beatrix. Berni und ich werden vorsichtig sein.«

Jutta riskierte keinen neuen Einwand von Mark Steiner, sondern nahm ihren Hund am Halsband und verzog sich.

»Komm, dorthin müssen wir«, flüsterte sie ihrem Hund zu, als die beiden auf der Straße standen. »Und wir müssen ganz schnell gehen, denn lange bleiben sie sicher nicht mehr hier.«

Willig folgte der Hund seiner kleinen Herrin den Wiesenpfad entlang.

»Jetzt kann ich dir ja verraten, wohin wir gehen«, erklärte Jutta. Sie war gewohnt, mit ihrem Hund zu reden. »Wir wollen uns dieses Kinderheim ansehen. Auf keinen Fall steigen wir wieder in dieses Auto ein.«

Der Hund bellte, und Jutta lachte. Sie war überzeugt, dass Berni alles verstand.

»Du bist also einverstanden. Dann lass uns nur schnell laufen.«

Jutta stieß ihren Hund in die Seite, dann rannte sie los. Bellend folgte Berni ihr.

Bald war Jutta außer Atem und musste stehen bleiben.

»Du hast es gut. Ich kann fast nicht mehr.« Sie lehnte sich an ihren Hund. »Ob Tante Beatrix uns schon sucht? Berni, ich glaube, wir müssen ganz schnell weiterlaufen, sonst findet sie uns doch noch, und dann müssen wir wieder in den Lastwagen einsteigen.«

Jutta hielt sich am Fell ihres Hundes fest und begann wieder zu laufen. »Wie weit das ist«, jammerte sie nach einiger Zeit und rang um Atem. »Ich habe genau aufgepasst. Nun sind wir schon an vier Wegweisern vorbeigekommen. Berni, ich glaube, es war keine gute Idee von mir. Oh, ich kann nicht mehr.«

Jutta ließ sich einfach auf den Wegrand sinken. Empört jaulte Berni.

»Pst! Sonst hören sie uns, wenn sie uns suchen«, mahnte Jutta. »Vielleicht sollten wir uns verstecken?«, überlegte sie. »Aber das hat wohl keinen Sinn. Allein können wir hier nicht leben. Da müssten wir schon das Kinderheim erreichen.« Sie schlang die Arme um den Hals ihres Hundes und schmiegte sich an ihn.

»Weißt du, wenn es dort wirklich so lustig zugeht, wie die Leute sagen, dann könnten wir ja dort bleiben, bis Mama und Papa aus den Bergen zurück sind. Dann wäre uns allen geholfen. Mark hätte Tante Beatrix, und Tante Beatrix müsste auf uns keine Rücksicht nehmen. Ich bin nämlich sicher, dass sie es tut«, setzte sie altklug hinzu. »Daher streiten die beiden jetzt auch so oft.«

Einige Zeit lang saß Jutta schweigend am Straßenrand, den Kopf an ihren Hund gelehnt. »Berni, was soll ich tun?« Sie beugte sich etwas vor und sah dem Retriever ins Gesicht. Der Hund bellte kurz.

»Dumm, dass ich dich nicht verstehe. Jetzt brauche ich jemanden, der mir einen Rat gibt. Weißt du, ich habe das dumme Gefühl, dass das, was wir getan haben, nicht richtig war. Tante Beatrix wird uns suchen. Sie wird Angst um uns haben. Im Grunde ist Tante Beatrix doch eine sehr liebe Tante, oder?«