Berserk - Makoto Fukami - E-Book

Berserk E-Book

Makoto Fukami

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Beschreibung

Im Mittelpunkt des ersten Romans zur populären Manga-Serie steht der dämonische Recke Grunbert, der im Manga mit einem kurzen Auftritt als Herausforderer der Hauptfigur Guts für Furore sorgt. Der Roman erzählt Grunberts Vorleben von den prägenden Ereignissen seiner frühen Jugend bis zur Wiedergeburt als sogenannter "Apostel" und seiner Mitgliedschaft bei den "Neuen Falken". Ein Muss für jeden echten "Berserker"! Geschrieben von Makoto Fukami und mit Illustrationen des Original-Berserk-Zeichners Kentaro Miura. Der Kult-Manga jetzt auch als Roman! Mit Illustrationen!

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Titel

ROMAN

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Titel der Japanischen Originalausgabe: „BERSERK: FLAME DRAGON KNIGHT“ von Makoto Fukami und Kentaro Miura, erschienen 2017 bei Young Animal Comics, Hakusensha, Tokyo, Japan.

SHOSETSU BERSERK ENRYU NO KISHI by Makoto Fukami and Kentaro Miura

© Makoto Fukami 2017

© Kentaro Miura 2017

All rights reserved.

First published in Japan in 2017 by HAKUSENSHA, INC., Tokyo.

German language translation rights arranged with HAKUSENSHA, INC., Tokyo through Tuttle-Mori Agency, Inc., Tokyo.

Cover Illustration: Kentaro Miura

Deutsche Ausgabe 2018 by Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: John Schmitt-Weigand

Lektorat: Robert Mountainbeau

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDBERS001E

ISBN 978-3-7367-9984-4

Gedruckte Ausgabe: 1. Auflage, Mai 2018

ISBN 978-3-8332-3617-4

Findet uns im Netz:

www.paninibooks.de

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inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

Epilog

Die Geschichte, die hier zu erzählen ist, hat zweifellos das Zeug zu einer schönen Legende. Der Legende von einer tapferen Jungfrau, die ihr Leben opfert, um dem Wüten eines schrecklichen Drachen Einhalt zu gebieten. Aber die Geschichte so zu erzählen, würde bedeuten, mit der Wahrheit Schindluder zu treiben. Denn dass etwas schön und zugleich auch wahr ist, dürfte in jener Welt die große Ausnahme gewesen sein. Und so bezeugen die folgenden Aufzeichnungen, wie es um diese Welt wirklich bestellt war, bevor die Dinge zur Legende wurden. Sie berichten von einer Welt, in der Krieg und Gewalt etwas Alltägliches waren. Von einem Kontinent, auf dem das Feuer und das Schwert regierten. Von ganzen Völkern, die von der Heiligen Inquisition geknechtet wurden und einer Kirche, die den Glauben an den einzigen Gott über alles andere erhob. Von einer Welt, die wenig mehr war als eine niemals enden wollende Abfolge schrecklicher Kriege zwischen den Mächtigen und Reichen, die unablässig miteinander um Vorherrschaft rangen …

prolog

Die Tote lag in der Leichenkammer der Hauptwache der Städtischen Garde auf einem steinernen Tisch. Sie war grausam misshandelt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden. Noch vor wenigen Tagen hatte dieser Körper einer außergewöhnlich schönen Frau gehört, aber daran erinnerte nun nichts mehr. Der Kopf, beide Arme und beide Beine waren vom Rumpf abgetrennt worden, sodass der Leichnam aus insgesamt sechs Einzelteilen bestand. Es erforderte schon das geschulte Auge eines routinierten Wundarztes – oder die Erfahrung eines an den Anblick von Leichen gewöhnten Soldaten –, um auch nur das Geschlecht zu bestimmen.

Zwei Männer standen an dem Tisch, auf den die Tote gelegt worden war. Einer der Männer schickte sich gerade an, die Leiche genauer zu untersuchen. Er war von Beruf Barbier und zugleich Wundarzt. Die Zunft der Bartscherer war ohnehin im Umgang mit Messern und Klingen geübt, weshalb ihre Angehörigen meist auch über Fertigkeiten auf dem Gebiet der Chirurgie verfügten. Wer es nötig hatte, eine Wunde nähen zu lassen, vertraute sich daher eher den Händen eines Barbiers als denen irgendeines Quacksalbers an. Und so kam es, dass in dieser Stadt eine ganze Anzahl von Barbieren zugleich als Wundärzte tätig waren. Diese Stadt, das war Nortkapiti, die Hauptstadt des Königreichs Grant.

„Die Tote wurde am Großen Markt gefunden, sagt Ihr?“, fragte der Barbier.

„So ist es“, erwiderte der Hauptmann der Städtischen Garde. „Eigentlich an dem Haupttor, das zum Großen Markt führt, denn der Marktplatz selbst ist während der ganzen Nacht verschlossen. Dort hing sie. Jemand hat sie an dem Bogen über dem Tor … nun ja … aufgehängt … an Stricken … wie eine Marionette.“

Der Barbier schluckte. Was hier vor ihm lag, war zweifellos kein gewöhnlicher Leichnam. Er betrachtete den Kopf der Toten. Offensichtlich war mehrfach auf ihn eingeschlagen worden, als die Frau noch lebte. Davon zeugten die starken Schwellungen und die schwarzen und roten Flecken, mit denen der Kopf übersät war. Die Lippen der Toten waren aufgerissen und geschwollen. Als der Barbier sie zurückschob, wurde offenbar, dass die Schneidezähne fehlten. Allem Anschein nach hatte man sie ihr mit einem harten, stumpfen Gegenstand – zum Beispiel einem Hammer – zertrümmert. Schneidezähne, die unter der Wucht eines Hammers splitterten … Eiskalte Schauer jagten dem Barbier über den Rücken.

An Armen, Beinen und Rumpf des Leichnams fanden sich zahllose Schnittwunden, als ob dort jemand mit einer kleinen, aber scharfen Klinge Fleisch aus dem Körper gekratzt oder geschabt hatte. Und die Spuren starker Blutungen verrieten dem Barbier, dass die Frau noch gelebt hatte, als sie so zugerichtet worden war. Alles sprach dafür, dass der Mörder bei seinem Vorgehen sorgsam darauf geachtet hatte, sein Opfer nicht zu schnell sterben zu lassen. Die Hand- und Fußgelenke wiesen Spuren von Ketten auf, die sich tief ins Fleisch gegraben hatten. Offenbar war die Frau über längere Zeit gefesselt gewesen.

Was der Barbier hier sah, ließ keinerlei Zweifel daran, dass man es mit einem außergewöhnlich grausamen Täter zu tun hatte. Was ihn aber am meisten beunruhigte, war der Umstand, dass es sich bereits um die dritte derartig zugerichtete Tote seit Beginn des Jahres handelte. Alle drei Opfer hatte man in diese Leichenkammer geschafft, und alle drei waren von ihm selbst untersucht worden.

Schritte näherten sich. Der Barbier und der Gardehauptmann warfen sich einen fragenden Blick zu. Ein groß gewachsener Mann, dessen Körper in einen dunklen Kapuzenmantel gehüllt war, betrat den Raum.

„Wer da?“, rief der Gardehauptmann scharf.

Doch statt einer Antwort ließ der geheimnisvolle Besucher nur ein missmutiges Schnauben hören. Dann schlug er die Kapuze seines Mantels zurück und enthüllte sein Gesicht. Als der Barbier und der Soldat erkannten, mit wem sie es zu tun hatten, nahmen sie umgehend Haltung an.

„Ich bitte um Vergebung, Herr!“, rief der Hauptmann bestürzt.

Der geheimnisvolle Besucher war kein Geringerer als General Kirsten, Oberkommandierender der Königlichen Streitkräfte von Grant. Mit seinem massigen Körper, seinen breiten Schultern und dem ausgeprägten Stiernacken war der Sechzigjährige mit dem schlohweißen Haar eine imposante Erscheinung. Kirstens Gesicht war von alten Narben übersät. Von seinen Augen waren kaum mehr als zwei scharf gezeichnete Schlitze zu erkennen. Und die Furchen, die sich tief in seine Stirn gegraben hatten, zeugten davon, dass dieser Mann viel Zeit seines Lebens, vermutlich zu viel, auf Schlachtfeldern verbracht hatte.

„Ist das Nummer drei?“

„Jawohl …“

„Die ersten beiden Berichte habe ich gelesen.“

„Herr …?“

„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem ich die Suche nach dem Mörder selbst in die Hand nehmen sollte.“

„Wie meinen …?“

Der Hauptmann und der Barbier rissen erstaunt die Augen auf.

„Gewiss, die Einwohner dieser Stadt leben wegen der Vorfälle in großer Angst“, räumte der Hauptmann ein. „Aber mit Verlaub, Herr, … hat unser Land nicht derzeit mit viel größeren Bedrohungen zu kämpfen? Etwa unserem Erzfeind Tudor … Wir können doch nicht zulassen, dass ein großer General wie Ihr seine Zeit mit solcherlei Nebensächlichkeiten vergeudet!“

„Deine Worte sind durchaus vernünftig“, erwiderte Kirsten und seufzte. „Allerdings ist mir beim Lesen der Berichte etwas aufgefallen. Die Opfer sind allesamt Frauen, die für ihre außergewöhnliche Schönheit bekannt waren. Das ist sicher kein Zufall. Und alle drei waren keine leichten Opfer, keine Frauen aus dem einfachen Volk. Sie alle sind über einen längeren Zeitraum gefangen gehalten und nach ihrem Tod an einem öffentlichen Ort zur Schau gestellt worden.“ Kirstens schmale Augen verengten sich noch weiter. „Wenn mein Instinkt mich nicht trügt, dann ist der Täter eine Person von Rang und Namen. Ein Adliger.“

Der Gardehauptmann und der Barbier stöhnten leise. Kirsten fuhr fort. „Und wenn das stimmt, dann wird die Städtische Garde bei ihrer Suche nach dem Mörder nicht sehr weit kommen. Also überlasst alles Weitere besser mir! Ich werde einen Ritter mit untadeligem Leumund wählen und ihn mit der Untersuchung beauftragen.“

„Sehr wohl, Herr.“

„Obwohl ich mir in diesem Fall wünsche, dass mein Instinkt sich ausnahmsweise einmal irren möge …“

1. kapitel

Um den Drachen milde zu stimmen, wurde ihm eine Prinzessin als Opfer dargebracht. Aber der Drache hörte nicht auf zu wüten, bis es schließlich ein Krieger mit ihm aufnahm und ihn bezwang. Und seit jenem Tag verrichten die Tempeldienerinnen Gebete, um die Seelen von Drache und Prinzessin zu besänftigen. So erzählt es die Legende …

1

Nahe der Grenze zwischen dem kleinen Königreich Grant und dem mächtigen Kaiserreich Tudor stand ein Mann auf einem Turm und starrte auf die riesige Streitmacht hinab, die sich über die gesamte vor ihm liegende Ebene bis zum Horizont erstreckte. Der Ort, an dem der Turm sich befand, trug den Namen Drachennest.

Das Königreich Grant lag auf einer Insel, deren Name ebenfalls Grant lautete. Dieses Eiland war nicht allzu groß. Man konnte es innerhalb dreier Tage von einem Ende zum anderen durchmessen, wenn man im Galopp ritt und unterwegs die Pferde wechselte. Trotz seiner Lage weit im Norden war Grant durchaus wohlhabend, da es über mehrere Seehäfen verfügte, die auch im Winter eisfrei blieben.

Die Insel selbst wirkte aufgrund ihrer besonderen Form wie ein einziges großes Becken. Der Grund dafür lag im vulkanischen Ursprung der Insel. Sie war nichts anderes als der Überrest eines mächtigen Vulkankraters. Und auch jetzt noch spie die Erde hier und da gelegentlich Feuer, und die Menschen erzählten sich Legenden von einem Drachen, der angeblich unter der Erde schlummerte …

Die Hauptstadt Nortkapiti befand sich im Mittelpunkt der Einsenkung des ehemaligen Kraters und war zu allen Seiten hin von den mächtigen Bergen des Kraterrands wie von Mauern umringt. Dies schuf ideale natürliche Voraussetzungen, um sich gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Zudem hatte man in den Bergen hier und da Geschützbatterien angelegt, deren schmiedeeiserne Kanonen ihre Mündungen drohend auf das Meer hinaus richteten.

Die Bergkette, welche die Insel umschloss, war aber viel mehr als nur ein natürlicher Verteidigungswall. Sie war zugleich eine reiche Quelle für viele wertvolle Rohstoffe, die in ihrem Gestein lagerten. Es gab einen blühenden Handel mit den dort abgebauten Erzen, und in den Häfen der Insel wimmelte es nur so von Frachtschiffen aus aller Herren Länder. Und das war beileibe nicht der einzige Reichtum Grants. Seine Küstengewässer waren voll von Fisch und anderem Getier, und auf den grasigen Ebenen im Inselinneren sowie auf den sanfteren Hängen auf der Innenseite der Kraterberge wurden Schafe und Rinder in großer Zahl gehalten.

Am südlichen Ende von Grant gab es einen tiefen Einschnitt im Ring der Berge, die den Kraterrand bildeten. An diese Lücke schloss sich eine Ebene an. Und diese Ebene hatte das mit Grant verfeindete Reich Tudor mittels seiner militärischen Übermacht erobern können. Anschließend hatten die Eroberer dort eine Festung namens Chester errichtet. Vierzehn Jahre waren seitdem vergangen, in denen Tudor von Chester aus immer wieder große Armeen gegen Grant anrennen ließ. Aber trotz aller Versuche war es seinen Soldaten noch kein einziges Mal gelungen, die Hauptstadt Nortkapiti zu erobern. Die Gründe dafür waren mannigfaltig, aber der wichtigste von allen lag sicherlich in der natürlichen Gestalt der Insel selbst.

Die Umgebung der Hauptstadt war nämlich kaum weniger schroff und abweisend als die Bergkette, welche die gesamte Insel umringte. Nur ein einziger Weg führte durch diese zerklüftete Landschaft und verband die Ebene mit der Hauptstadt. Der Zugang zu diesem Korridor wurde Angreifern von einer Burg verwehrt – dem „Drachennest“.

Burg Drachennest war nach dem Prinzip einer Bastion gebaut. Diese Art des Festungsbaus war auf dem Festland noch nicht häufig anzutreffen. Als Bastionen bezeichnete man dabei vorgelagerte Verteidigungsstellungen, die aus der eigentlichen Burgmauer herausragten. Durch ihre vorgeschobene Position erleichterten die Bastionen es den Verteidigern, die Angreifer jederzeit im Auge zu behalten und sie mit Pfeilen und Kugeln zu beschießen. Wenn man eine Bastion mit Kanonen bestückte und dort treffsichere Bogen- und Armbrustschützen positionierte, würde keine noch so starke Streitmacht der Welt sich unbedacht nähern …

Burg Drachennest besaß auf ihrer der Ebene zugewandten Seite sechs solcher Bastionen und verfügte neben dem äußeren Festungswall noch über eine zweite, innere Burgmauer. Das machte sie zu einem äußerst schwer zu erobernden Bau. Es gab auch Burgen, bei denen innerhalb der Mauern Wohnquartiere und ganze Städte entstanden waren, doch bei Burg Drachennest handelte es sich um eine ausschließlich militärische Einrichtung. In ihrem Inneren hielten sich nur Ritter und Soldaten auf.

Innerhalb der Burganlage ragten zwei Gebäude besonders hoch auf. Das waren der Bergfried und das Torhaus. Der Bergfried war nichts anderes als der Hauptwehrturm der Burg. Dort befanden sich die Wohnung des Burgherrn, die Waffenkammern sowie Versammlungs- und Vorratsräume. Das Torhaus umfasste neben dem eigentlichen Haupttor der Burg noch weitere Wohnräume und war für den Fall einer Belagerung hergerichtet. Sowohl der Bergfried als auch das Torhaus waren massive Steinbauten.

An den vier Ecken der Burganlage im Norden, Osten, Süden und Westen ragte jeweils ein Turm auf, der allerdings nur von bescheidener Höhe war, da er ansonsten eine allzu leichte Zielscheibe für die Kanonen und Katapulte des Feindes abgegeben und so den Nutzen der Bastionen zunichtegemacht hätte.

Der Mann in schwerer Rüstung, der vom südlichen Turm der Festung auf die feindliche Streitmacht herabblickte, hieß Grunbert Earlquist. Grunbert war seit zehn Jahren Herr und oberster Befehlshaber von Burg Drachennest. Rund vierzehn Jahre lag es zurück, dass Tudor-Soldaten Grunberts Mutter ermordet hatten. Die schrecklichen Bilder und Geschehnisse dieses Tages waren in Grunberts Erinnerung immer noch äußerst lebendig. So lebendig, dass es ihm vorkam, als ob das alles erst gestern geschehen sei …

2

An jenem unglückseligen Tag vor vierzehn Jahren war der junge Grunbert auf der Suche nach Trinkwasser. Seine Lippen waren aufgeplatzt, und der Geschmack von Blut breitete sich in seinem Mund aus. Grunbert hatte sich geprügelt. Seine Gegner waren ältere Jungen gewesen.

Der feuerrote Haarschopf machte Grunbert zu einer auffälligen Erscheinung. Seine Mutter stammte aus einer höher gestellten Familie, aber das Schicksal hatte es nicht gut mit ihr gemeint. Nach dem Tod ihres Mannes war sie in der gesellschaftlichen Achtung gesunken und bewohnte inzwischen mit ein paar treuen Dienern und Mägden ein in die Jahre gekommenes Anwesen auf dem Land. Ihr Sohn war ein Jugendlicher, der mit seiner überreichlich vorhandenen Kraft nichts Rechtes anzufangen wusste und deshalb ständig in Streit mit Älteren geriet.

Grunbert war damals vierzehn Jahre alt gewesen und nicht nur für sein Alter eine sehr stattliche Erscheinung. Selbst die meisten erwachsenen Männer überragte er bereits an Körpergröße, und er hatte noch nie einen Kampf Mann gegen Mann verloren. Aber an diesem Tag waren es einfach zu viele Gegner gewesen. Er hatte einige Hiebe einstecken müssen, und ihm brummte der Schädel. Wenn er jetzt nach Hause ging, würde die Mutter ihn wohl ausfragen, zu wievielt seine Gegner gewesen waren und ob er gewonnen hatte. Dann würde Grunbert antworten: „Die anderen waren zu dritt, aber ich habe ihnen eine Abreibung verpasst!“

Grunberts Mutter hieß Euphemia. Sie entstammte einem stolzen Volk von Nordmeerjägern. Grunberts Vater war jung im Kampf gestorben. Der Junge genoss seitdem eine strenge Erziehung durch die Hand seine Mutter. Sie ermahnte ihn vor allem, dass er kein Lotterleben führen dürfe und fleißig den Umgang mit dem Schwert üben müsse. Sonst würde er es niemals schaffen, in die Halle der Götter einzuziehen, wo sein Vater sehnsüchtig auf ihn wartete.

Der Heilige Stuhl, dessen Glaubenslehren das Festland beherrschten, predigte, dass die guten Menschen nach ihrem Tod ins Paradies kämen, aber hier, in diesem kleinen nordischen Inselreich, waren bei vielen Menschen immer noch ganz andere Vorstellungen verwurzelt. Man ging davon aus, dass nur jene nach ihrem Tod in die Halle der Götter aufgenommen würden, die zu Lebzeiten tapfere Helden gewesen waren. Aber außerhalb der Priesterschaft gab es nur wenige Sonderlinge, die so gläubig waren, dass sie diese Vorstellung auch im Alltag lebten. Für Grunbert mit seinen gerade einmal vierzehn Jahren war der Gedanke an den Tod jedenfalls schon ein ständiger Begleiter.

Ich will mir den Mund ausspülen. Ich will mir das Gesicht waschen. Danach werde ich mich bestimmt schon viel besser fühlen. Wenigstens das Blut sollte ich mir vom Mund wischen. Wenn ich zu schlimm aussehe, wird Mutter bestimmt böse mit mir sein.

Allerdings …

„Ist das dieser Grunbert?“

Der Anführer einer Gruppe Jungen, die regelmäßig gegen Grunbert den Kürzeren zogen, hatte seinen älteren Bruder, einen Soldaten, um Hilfe gebeten und neun oder zehn Schläger zusammengetrommelt, um Grunbert nachzustellen. Als sie ihn schließlich entdeckten, ging eine wilde Rauferei los. Grunberts Gegner waren nicht nur in der Überzahl, einige von ihnen hatten auch Waffen wie Knüppel oder Peitschen mitgebracht. Grunbert mochte noch so stark sein, dieser Kampf war für ihn nicht zu gewinnen. Er wurde geschlagen, getreten und wieder geschlagen. Schließlich verlor er das Bewusstsein und sackte zusammen.

„Verdammt!“

„Das schmeckt mir gar nicht …“

Die jungen Leute hielten Grunbert irrtümlicherweise für tot und bekamen es mit der Angst zu tun. Also schafften sie ihren Gegner in ein abgelegenes Waldstück, legten ihn dort ab und überließen ihn sich selbst.

Grunberts Bewusstsein war eingetrübt. Sein Körper fühlte sich schwer und träge an, so als ob ein hohes Fieber ihn heimsuchen würde. Und bewegen konnte er sich auch nicht. Nicht einmal einen Finger konnte er rühren. In Grunberts Kopf blitzten Bilder und Szenen aus seinem kurzen Leben auf. Der Tag, an dem sein Vater gestorben war … Es war das einzige Mal, dass er seine Mutter hatte weinen sehen. Und wie sie ihn ganz alleine großgezogen hatte, als Fremde und Außenseiterin in einem Dorf. Das strenge Regiment seiner Mutter bei der Erziehung, das tagtägliche Üben … Und wie kaum ein Tag vergangen war, an dem die Menschen im Dorf nicht mit dem Finger auf diese beiden Sonderlinge gezeigt hatten – stolze Nachfahren eines Volkes von Nordmeerjägern. Die Angst vor seiner Mutter – und seine Liebe zu ihr … Und das Bewusstsein der eigenen Ohnmacht bei einem Kind, das zu schwach war, seine Mutter zu beschützen, die wegen ihrer Abstammung und ihrer Überzeugung ein Leben in Einsamkeit und Ausgrenzung führte.

Grunbert spürte, wie eine Welle von Zorn durch seinen starren Körper wogte.

Verdammt! Ich kann noch nicht sterben. Nicht an so einem Ort …

Hier, mitten im Wald, weit weg vom Dorf. Nichts war zu hören, nur ein leises Plätschern wie von einem weit entfernt fließendem Wasser. Eine mystische Stimmung lag über dem Ort. Es war Grunbert, als ob er jeden Moment die Schritte eines Tiers vernehmen würde. Und dann, tatsächlich … Inmitten der Stille konnte sogar der halb tote Grunbert spüren, wie sich ihm ein wildes Tier näherte.

Ist das ein Reh? Oder ein Wildschwein?

Noch während Grunbert darüber nachsann, blickte er plötzlich in das Gesicht eines riesigen Silberwolfs.

„Ah!“

Einen Augenblick wurde Grunbert von Furcht überwältigt. Dann hörte er die Stimme eines jungen Mädchens:

„Nicht, Ludovic! Geh nicht so nah an ihn heran! Sonst wirst du noch aufgefressen! Was weißt du schon! Vielleicht liegt der Mann nur da herum, weil er sich vor lauter Hunger nicht mehr auf den Beinen halten kann!“

„Was?“

„Ein junger Drache, aber immerhin … ein Drache. Wenn du nicht aufpasst, verschlingt der Kerl dich noch mit Haut und Haar!“

Das Mädchen – ein ziemlich junges Mädchen – spähte aus der Deckung einiger umgestürzter Bäume vorsichtig in Grunberts Richtung. Das Mädchen, das mit dem Silberwolf, der offenbar Ludovic hieß, redete, war von mehreren Elchen umgeben.

„Ich fresse niemanden …“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Wer gibt schon etwas auf die Worte eines Drachen? Man wendet ihm den Rücken zu und, schwups, verschwindet man in seinem Rachen.“

„Ich bin kein Drache. Was redest du da für ein törichtes Zeug?“

Das kleine Mädchen trat aus dem Schatten der Bäume. Beim Anblick ihrer elfengleichen Schönheit dachte Grunbert einen Moment, er würde träumen. Alabasterfarbene Haut und langes Haar. Große aschgraue Pupillen, die auffällig blitzten … volle Lippen … eine flache Brust … kurze Arme und kurze Beine …

Und dann trat das Mädchen in aller Seelenruhe ganz nahe an Grunbert heran. Offensichtlich ohne Furcht vor einem Mann, der um ein Vielfaches größer war als sie selbst und aus dessen Mund Blut floss. Jetzt endlich begriff Grunbert anhand der Bewegungen und Blicke des Mädchens, dass sie blind war.

„Wer bist du?“

„Ich heiße Benedikte. Und du?“

„Grunbert Earlquist.“

„Hm.“

Das Mädchen … Benedikte … betupfte die Wunde an Grunberts Lippe.

„Ich hab vorhin aus der Tiefe des Waldes ein leuchtendes Rot auflodern sehen! Ein so leuchtendes Rot habe ich hier im Wald noch niemals beobachtet. Du bist ein Feuerdrache! Was solltest du auch anderes sein?“

„Ich bin ein Mensch. Ein … Mann.“

„Also ein Feuerdrache, der sich als Mensch ausgibt …? Verstehe! Du hast dich in einen Menschen verwandelt, um deine Verfolger zu narren!“

„Wenn ich es doch sage, ich bin ein völlig normaler …“

In diesem Moment versagte Grunbert die Stimme, und er verzog vor Schmerz das Gesicht.

„Sag bloß, du bist verletzt? Ludovic!“

Auf Benediktes Zuruf hin schnappte der riesige Silberwolf mit seinem Maul Grunberts Kragen, hob ihn in die Luft und warf ihn mit einer geschickten Bewegung auf seinen Rücken.

„Komm mit!“

Benedikte führte Ludovic immer tiefer in den Wald. Grunbert überlegte, ob das Mädchen ihn vielleicht ins Reich der Toten geleiten wollte. Nach der nordischen Mythologie wurden nämlich jene, die als Helden im Kampf starben, von einer kriegerischen Jungfrau vom Schlachtfeld fortgebracht … Aber Grunbert fühlte sich im Moment nicht sonderlich heldenhaft, und Benedikte erschien ihm auch ganz gewiss nicht wie eine kriegerische Jungfrau.

Tief im Wald erreichten sie schließlich eine Quelle. Der aufsteigende Dampf verriet Grunbert, dass es sich um eine heiße Quelle handelte. So ein Ort war auf Grant nichts Außergewöhnliches, denn die ganze Insel war mehr oder weniger ein einziger schlafender Vulkan. Aber hier, über dieser heißen Quelle, lag eine reine und geläuterte Atmosphäre. Einige wilde Tiere badete andächtig und leise in dem heißen Quellwasser. Und auf Ludovics Rücken liegend konnte auch der junge Mann in das heiße Wasser der Quelle eintauchen, ohne dass die Gefahr bestand, dass er ertrank.

In dem Moment, als das heiße Wasser Grunberts Wunden berührte, wurde sein Körper von neuem Schmerz durchflossen. Beinahe hätte Grunbert laut aufgeschrien. Aber schon während er sich den Schmerzenslaut verbiss, konnte er spüren, wie sein Körper leichter wurde … immer leichter … geradezu unglaublich leicht. Das war nicht einfach nur heißes Wasser, in dem er badete. Es war regelrechte Medizin. Der Duft von Heilkräutern ließ die Anspannung aus Grunberts Körper weichen.

Benedikte entledigte sich ihres einteiligen Kleides, kletterte splitternackt auf den Rücken eines Elchs, und die beiden begannen ebenfalls, in der Quelle umherzuschwimmen. Das Mädchen wurde jetzt immer ausgelassener. Es war zwar nicht spindeldürr, aber doch schlank genug, dass sich seine Rippen deutlich unter der Haut abzeichneten.

„Das ist fast … wie in einem Märchen“, murmelte Grunbert unwillkürlich angesichts der Unwirklichkeit der ganzen Szene. Benedikte näherte sich ihm.

„Das hier ist ein ganz besonderer Ort. Nur ich und meine Kinder wissen davon. Er ist unser Geheimnis. Immer, wenn uns das Geschwätz der alten Weiber auf die Nerven geht, dann kommen wir hierher. Das heiße Wasser heilt bei den Tieren alle Wunden. Es hilft also bestimmt auch einem Drachen …“

„Wie kommst du darauf, dass ich ein Drache bin? Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass ich ein Mensch bin …“

„Das kann gar nicht sein! Ich hab noch nie einen Menschen gesehen, der so stark und so feuerrot ist.“

„Du hast noch nie einen gesehen? Wie denn auch, schließlich bist du blind …“

„Stimmt, meine Augen nehmen nichts wahr. Aber ich kann mit dem Herzen sehen. Ich kann die Naturgeister sehen … und den Fluss, den Odo. Und bei dir vorhin, da war’s mir … es war mir geradewegs so, als ob einer der Berge Feuer spuckte. Ich dachte schon, der Feuer speiende Drache, der der Legende nach in den Feuerbergen schlummert, wäre plötzlich zum Leben erwacht.“

Vorhin? Das muss in dem Moment gewesen sein, als mich die Wut überkommen hat, erinnerte sich Grunbert. Erst jetzt fiel ihm auf, dass diese heftige Wut sich verflüchtigt hatte, nachdem er in das heiße Wasser der Quelle eingetaucht war. Oder war das schon vorher geschehen? In dem Moment, als er Benedikte begegnet war?

„Ein Feuer speiender Drache … Da übertreibst du maßlos. Ich bin bloß ein Junge. Und noch dazu einer, der irgendwie nichts zuwege bekommt.“

Grunbert ballte die Faust.

„Wenn ich doch bloß so ein Feuerdrache wäre! Dann könnte ich mit meinen Flammen alles verbrennen!“