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Bert und Till sind die Urenkel von Albert Einstein und Paul Tillich. Sie sind im Norddeutschen Tiefland aufgewachsen und lernen sich bei der Aufnahme eines Studiums in Hamburg kennen. Gemeinsam erforschen sie eine Auseinandersetzung ihrer Vorfahren um die Frage nach der Beziehung von Naturwissenschaften und Religion. Dabei reisen sie in die Vergangenheit und durch das Star-Trek-Universum und das Tolkiensche Universum und die Norddeutsche Heimatwelt und machen Ausflüge in die Sportwelt. Am Ende ihrer Reise sind sie um viele Erfahrungen und eine erweiterte Basis reicher und stehen mit beiden Beinen auf der Erde und spüren mit allen Sinnen die Wirklichkeit.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Ein Haus braucht ein Fundament
Leuchten aus der Vergangenheit
Von weiteren Standbeinen
Bewegende Erfahrungen
Ein Schritt in die Welt
Ein Stein – ein Wurf
Es gibt Leben jenseits des Tellerrands
Von der Vermessung der Welt jenseits des Tellerrands
Das Leben ist ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss
Eine neue Verankerung
Wir sind Resonanzkörper
Hiob war auch ein Resonanzkörper
Erfahrung kann verdichtet werden
Der Mensch lebt nicht vom Geist allein
Alte Kräfte strömen in neue Fenster
Eine neue Zeit bricht herein
Es gibt verschiedene Koordinatensysteme
Von frohen Botschaften und anderen Heilmitteln
Vom Leuchten am Horizont
Eine neue Basis im Raum
Vom Überschreiten von Grenzen
Von fernen Punkten und parallelen Welten
Die Möglichkeit des Seins liegt dem Sein zu Grunde
Von stechenden Blicken
Hintergründiges wird unscharf, wenn Vordergründiges den Blick fängt
Gedankenkraft bewegt grenzenlos
Kraft fließt zwischen den Polen
Sprechen verbindet – eine gemeinsame Sprache noch mehr
Grundbetrachtungen
Einkehr
Ohne Beziehungen sind wir unvollständig
Sprunghafte Erkenntnis
Landung in heimatlichen Gefilden
Von der hohen Schule der alten Briefe
Ein Sprung in eine andere Welt
Besuch bei einem Hobbit im Auenland
Wundersame Bergung durch gute Mächte
Nach Dunkelheit erfrischt das Licht
Vom Umgang mit Schätzen
… und wieder zurück, mit geputzten Fenstern
Die Bürde geht über an Frodo
Der Ring wird nach Südosten getragen
Es endet die Macht des Bösen und das Dritte Zeitalter
Mitten im Vierten Zeitalter
Gedacht wird, damit es nicht hereinregnet
Durch den Wald aufs Dach der Heide
Das Wasser findet seinen Weg und wird gefunden
Wasser trägt das Leben
Kultur trägt den Menschen
Das Alte Land sperrt stürmische Zeiten aus
Leben mitten im Leben
Geschultes Leben
Anbindung durch Verwurzelung
Dreifach ist nicht nur des Raumes Maß
Leben zwischen Netzen und Sohlgleiten
Der Autor wuchs in Sittensen, im Norddeutschen Tiefland, auf. Er machte Abitur am St.-Viti-Gymnasium in Zeven und studierte Erziehungswissenschaft, Evangelische Theologie, Mathematik und Sport an der Universität Hamburg. Nach dem Referendariat in Celle arbeitete der Verfasser mit den Händen, indem er ein Haus baute. Dann unterrichtete er an der Waldorfschule in Ottersberg, bevor er ans St.-Viti-Gymnasium zurückkehrte. Zudem war der Schreiber als Trainer in den Sportspielen Fußball, Volleyball und Faustball von der Kreisklasse bis zur Ersten Bundesliga tätig.
„Moin.“ Den Raum hatte Bert sofort gefunden – im ersten Stock am Ende des Gangs. Und pünktlich war er auch. Doch irgendwie schien es, als wären alle anderen schon länger da und warteten auf ihn. „Guten Morgen“, sagte eine freundliche Brillenträgerin, „sei einfach mitten unter uns.“
Diesen Spruch hatte er bei anderer Gelegenheit schon gehört und die Sprecherin lächelte verschmitzt dazu. „Wir sind jetzt eine mehr als auf meiner Liste – und das bin ich“, fuhr sie fort. „Ich bin Sabine Schmidt und eure Kogastgeberin. Ich promoviere hier am Fachbereich und übernehme einige Aufgaben insbesondere für Paul Kroeger, der dienstags und donnerstags auch hier sein wird. Der Fachbereich Theologie hat extra für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer am Gymnasium eine zweiwöchige problemorientierte Eingangsstufe eingerichtet. Dazu seid herzlich eingeladen!“
Die so angesprochenen Gäste nutzten die kleine Pause ganz unterschiedlich. Ein mehrstimmig-weibliches „Hallo“ und einzelnes Kopfnicken war die Ernte.
„Ich will zunächst keine großen Reden halten“, meinte Sabine dann. „Aber natürlich bekommt ihr alle wichtigen Informationen zum Studium in Hamburg in den nächsten Tagen. Doch zuerst wollen wir uns kennenlernen und dabei vielleicht auch schon erste inhaltliche Akzente setzen. Dafür habe ich meine Schatztruhe mitgebracht. Ihr seht meine Schätze auf der Decke aufgebaut. Jeder darf nach drei Minuten der Orientierung eins von den Dingen nehmen. Aufgabe ist es, einerseits etwas über das Objekt und den Grund der Wahl zu sagen und andererseits auch etwas zur eigenen Persönlichkeit und warum ihr hier seid. Besondere Anerkennung für den, der beide Bereiche verbinden kann!“
Das sollte eine leichte Übung für Bert werden. Und tatsächlich hatte er schnell einen schönen flachen Stein ausfindig gemacht und sofort zugegriffen. Der lag angenehm in der Hand. Und zum Ditschen wäre der auch ziemlich gut. Aber dieser Stein war zu Höherem berufen.
„Ich fang´ gerne an, denn die Wahl fiel mir nicht schwer.“ Bert ergriff einfach das Wort, als alle wieder auf ihrem Platz saßen und Sabine die Eigeninitiative durch ihr Schweigen provozierte. „Mein Name ist Bert Stein. Und auch wenn ich Ecken und Kanten habe, so gefällt mir dieser Stein doch ganz besonders. Er ist so ein Mittelding zwischen Scheibe und Kugel. Vielleicht ist sein Leben im Fluss dafür verantwortlich. Auf jeden Fall steht er zwischen zwei Weltbildern. Einerseits ist die Erde eine Scheibe. Das erlebe ich immer wieder, wenn ich die Sonne untergehen sehe: die Erde steht, die Sonne geht. Andererseits kann ich mich gedanklich in den Weltraum beamen. Dann sehe ich, dass die Erde eine Kugel ist und sich um die Sonne dreht. Es ist halt eine Frage des Standpunkts. Da ich grundsätzlich mit beiden Beinen auf der Erde stehe, interessiert mich diese Position mehr. Und der Standpunkt als Mensch auf der Erde hat Geschichte. Zu diesem geschichtlichen Wurzelwerk gehört auch ein Bezugspunkt, der außerhalb naturwissenschaftlicher Erkenntnis liegt – so wie der Baum Richtung Sonne wächst. Deshalb bin ich hier: ich will geerdet werden und in den Himmel wachsen. Übrigens will ich euch nicht verschweigen, dass meine Familie stolz darauf ist, Albert Einstein in ihrer Ahnenreihe zu haben, obwohl das wohl nicht zu beweisen ist. Jedenfalls hat meine Oma einen Sohn zur Welt gebracht ohne einen Vater präsentieren zu können. Sie meinte, dass es sich bei dem Erzeuger um Einsteins Sohn Hans Albert handelte, der unmittelbar nach der Liason in die USA emigrierte.“
Das folgende ehrfürchtige Schweigen resultierte wohl nicht nur aus Berts vermeintlicher Abstammung. So sah sich Sabine genötigt den Faden wieder aufzunehmen. „Das war ja eine außerordentlich runde Sache. Ich will aber allen anderen sagen, dass man nicht gleich die ganze Welt aus den Angeln heben muss um andere zu bewegen.“
Das half. Und als eine fröhlich-kecke Blondine einen Flaschenöffner in Ankerform hochhielt und von Hoffnungen auf ein perfektes Getränk in einem Traumhafen erzählte, kam die Runde richtig in Schwung.
Als letzter kam Till an die Reihe. Er hatte sich eine Postkarte genommen, die auf der Bildseite außer Himmel noch ein paar kleine Wolken zu bieten hatte. „Ich finde es beeindruckend“, begann er, „dass die alten Landschaftsmaler sich auf ihren Bildern überwiegend um den Himmel gekümmert haben. Gerade die Worpsweder haben die Tiefe des Zauberlichts dokumentiert. Und diese Tiefe des Seins zieht mich an. Dieses Wort von der Tiefe des Seins stammt übrigens von Paul Tillich. Wahrscheinlich kennt den kaum jemand. Auch ich weiß nicht viel über ihn. Aber einerseits hat er den Symbolbegriff entscheidend geprägt und andererseits hat er wohl meine Urgroßmutter näher gekannt. Jedenfalls sagt meine Oma, dass Tillich ihr Vater sein könnte. Ich erwähne das natürlich lediglich, damit Bert nicht so alleine da- steht mit seiner Geschichte.“
Diesmal war das ehrfürchtige Schweigen von Raunen und Lächeln durchsetzt.
„Vielen Dank für eure großartigen Beiträge“, hob Sabine an. „Insbesondere zu Bert und Till fällt mir ein Wort von Max Frisch ein: Es ist immer das Fällige, was uns zufällt. Ich möchte darauf aufbauen, indem immer zwei von euch sich zusammentun und ihre Ansätze verknüpfen. Ich schlage vor, dass Bert und Till als Team gesetzt sind. Es kann dabei sowohl um Vertiefungen der Einzelbeiträge zu den Schätzen gehen als auch um eine vielleicht höhere Ebene, auf der beides zusammenpasst. Aber natürlich sollt ihr euch auch persönlich näher kommen. Nehmt euch Zeit für eine ausführliche Recherche – und zwar heute Nachmittag nach einer kleinen Führung durch die Fachbereichsbibliothek. Ich gehe jetzt in die Mensa um zu essen und freue mich über jeden, der mitkommt.“
Die Unimensa zeigte sich als Riesenbetrieb. Die meisten Gäste verfolgten allein das Ziel der Nahrungsaufnahme. Aber das war ja wohl gewollt: wer an eine große Uni in eine große Stadt geht, der will weg von der kleinen Schule mit der persönlichen Atmosphäre. Andererseits waren die frischen Studierenden in froher Erwartung dankbar für die Orientierung, die ihnen Sabine gab. Und als sie sich nach dem Essen in der Bibliothek des Fachbereichs Theologie trafen, stellten sie fest, dass diese wohltuend überschaubar war. Die Ordnungssysteme und die Spielregeln wurden von einer besonnenen Bibliothekarin erklärt. Auch einen Nutzerausweis gab es sofort.
Bert und Till waren ja nun als ein Forscherteam eingeteilt. Beide waren damit zufrieden, denn sie vertrauten dem Wort vom Fälligen, das ihnen zufiel. „Ich bin ganz gespannt, ob Einstein und Tillich überhaupt in der Kombination Suchmaschinentreffer ergeben“, meinte Bert. Till dachte eher an die Schätze und versuchte die Weite des Himmels mit der Masse des Steins in Beziehung zu setzen. Er erinnerte sich an das Stichwort Raumzeitkrümmung aus dem Physikunterricht – und saß für einen Augenblick neben Jean-Luc Picard, der mit seiner typischen Handbewegung und dem Befehl „Energie!“ den Warpantrieb aktivieren ließ.
Am nächsten Morgen lief Paul Kroeger auf. Er war in der Abteilung Kirchengeschichte unterwegs und betreute die Promotion von Sabine. Er skizzierte in groben Zügen einzelne Fachgebiete und stellte mögliche Studienpläne vor. Dabei wies er auf die teilweise beträchtliche Belastung durch das Sprachenlernen hin. Die meisten Studienanfänger brachten schon ein Latinum mit. Bert allerdings, der sein Abitur an einer Waldorfschule gemacht hatte, konnte ein solches nicht vorweisen und sah hier ein mühsames Vokabelpauken auf sich zukommen. Dazu kam dann das Bestehen einer Prüfung im neutestamentlichen Griechisch, damit man – zumindest ansatzweise – das Original lesen konnte. Dagegen sollte man für das Alte Testament lediglich eine Einführung in die Sprache und das Denken der Hebräer belegen. Das waren schon, auch vom zeitlichen Umfang her, hohe Anforderungen. Schließlich hatte jeder der Lehramtsstudenten ein zweites Fach und auch Beleg- und Prüfungsverpflichtungen im Bereich Erziehungswissenschaft.
Nachmittags wurde dann die Recherchearbeit im Team vorgestellt. Sabine sprach gezielt einzelne an, so dass Bert und Till erst am Ende das Wort ergriffen. Till hielt mit Daumen und Zeigefingern die Postkarte hoch, auf der mittig der Stein platziert war. „Auch wenn es kaum wahrnehmbar ist“, begann er, „so krümmt doch der Stein den Raum, der durch die Himmelkarte repräsentiert wird. Genauer gesagt, krümmt Masse die Raumzeit. Das hat Einstein in seiner Relativitätstheorie formuliert. Indirekt sichtbar wird dieses Phänomen durch sogenannte Schwarze Löcher. Die haben eine so große Masse, dass sie das Licht nicht nur quasi verbiegen sondern sogar schlucken können. Wenn man sich diesen Schwarzen Löchern nähert, dann vergeht die Zeit immer langsamer. Irgendwann übertritt man dann – theoretisch, da man wohl vorher zerquetscht wird – den Ereignishorizont. Das ist das Ende der Raumzeitstruktur, also Ewigkeit.“
Bert ergriff nun das Wort: „Eine Anmerkung ist hier zu machen. Zuerst wird der Modellcharakter dadurch deutlich, dass die Raumzeit vier Dimensionen hat, während das Postkartenbild lediglich auf die Hälfte kommt. In bestimmten Bereichen kommen wir also an die Grenzen der Beschreibbarkeit. Man darf die Beschreibung nicht direkt mit dem Beschriebenen identifizieren. Dieses Problem ist natürlich allein durch die Sprache gegeben. Jeder hat ja andere Assoziationen, wenn von „Gefühlen wie im siebten Himmel“ oder von einem „ewigen Moment“ die Rede ist. Das liegt auch an den Erfahrungen, die man gemacht hat. Im Deutschen unterscheiden wir auch gar nicht zwischen heaven und sky. Sky und Stein kann man in die gleiche Seinskategorie einordnen. Aber heaven und Stein passen zunächst nicht zusammen. Da denke ich an das Wort von Ernst Bloch, nach dem Hai und Löwe nicht streiten können. Bloch dachte dabei an das Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion. Aus heutiger Sicht ist diese Einschätzung aber nicht mehr stimmig. Denn einerseits hat auch heaven eine Wirkmächtigkeit und andererseits kann auch ein Stein als Symbol gebraucht werden. Ich denke da an Jesus als den Stein des Anstoßes beziehungsweise den Eckstein. Wir können Wirklichkeit nicht umfänglich begreifen – dafür sind unsere Hände zu klein. Wir können immer nur einen Aspekt beleuchten, anderes verschwimmt dann oder gerät vollständig aus dem Blick. Wir sehen je nach Standpunkt ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit. Wenn die Wirklichkeit eine Konservendose wäre und jemand würde sie in die dunkle Ecke eines Raumes halten, dann könnte man mit Hilfe einer Lampe sowohl einen runden als auch einen rechteckigen Schatten erzeugen. Wer nun behauptet, dass die Wirklichkeit ein Kreis ist oder ein Rechteck, der macht es sich zu einfach. Noch einfacher kann man es sich machen, wenn man die Grenzen der Wirklichkeit willkürlich festlegt. Deutlich wird das an dem Schlüsselsucher, der im Schein einer Straßenlaterne den Boden absucht und auf Nachfrage, ob er denn sicher sei, den Schlüssel im Lichtbereich der Laterne verloren zu haben, antwortet: „Nein, aber hier sehe ich wenigstens etwas.“ Wirklichkeit ist aber alles, was wirkt.“
Till hielt noch einmal die Karte mit dem Stein hoch. „Ich bin ja ein großer Star-Trek-Fan. Die Enterprise kann den Raum so stark krümmen, dass Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit möglich werden. Rein naturwissenschaftlich betrachtet gibt es hier berechtigte Einwände, denn die dafür benötigte Energie ist nicht verfügbar. Aber darum geht es auch gar nicht. Denn der Warpantrieb ist ein Symbol. Es greift die Erfahrung auf, dass ich in Sekundenschnelle von einem Kontinent zum anderen reisen kann – im Traum beziehungsweise in Gedanken. Ich kann auf himmlische Reisen gehen – schon im Hier und Jetzt.“
Nun war Bert wieder an der Reihe. „Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Vertiefung. Wir fühlten uns aber auch verpflichtet unsere Forschungen auf eine mögliche Begegnung unserer Vorfahren Einstein und Tillich auszudehnen. Und tatsächlich sind sie sich einmal begegnet und hatten noch einmal indirekt Kontakt. Aber bevor wir darauf konkret zu sprechen kommen, wollen wir euch noch etwas aus den Biographien aufdrängen, weil es überraschende Ähnlichkeiten gibt. Ich beginne mit Einstein. Am 13. April 1933 wurden in Deutschlands Zeitungen sogenannte Staatsfeinde aufgelistet. Dazu gehörten Bürger jüdischer Abstammung – wie Einstein. Dem zu diesem Zeitpunkt 54-jährigen Einstein wurden die Ehrenbürgerrechte entzogen, sein Vermögen wurde eingezogen und schließlich wurde sogar eine Prämie auf seinen Kopf ausgesetzt. Er war also gezwungen zu emigrieren. Einstein ließ sich am anderen Ende des großen Teichs an der Ostküste der Vereinigten Staaten nieder und nahm eine Professur in Princeton an. Wohl im Jahre 1940 erhielt er dann die amerikanische Staatsbürgerschaft.“
Till setzte fort: „Es wurde noch eine zweite Gruppe zu Staatsfeinden erklärt, nämlich die der linksorientierten Intellektuellen. Dazu wurde Paul Tillich gerechnet, weil er seit 1929 in der Sozialdemokratischen Partei war und 1932 ein Buch mit dem Titel „Die sozialistische Entscheidung“ veröffentlichte. Tillichs Lage im Jahr 1933 war allerdings zunächst nicht so prekär wie die von Einstein und so harrte er noch einige Monate aus. Er hoffte auf eine Veränderung der politischen Situation, musste dann aber am 10. Mai die Bücherverbrennung in Frankfurt erleben, wo er bis zum 13. April Professor für Philosophie war. Auch die „Sozialistische Entscheidung“ wurde verbrannt. Ende Oktober verließ Tillich Deutschland und kam wohl am 4. November mit seiner Familie in New York an. Dort nahm er eine Lehrtätigkeit am Union Theological Seminary auf, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1955 blieb. Wie Einstein bekam auch Tillich 1940 die amerikanische Staatsbürgerschaft.“
Nun übernahm wieder Bert: „Wir haben uns vorgenommen bei Gelegenheit weiter in unsere Familiengeschichten einzusteigen, wollen euch jetzt aber nicht damit langweilen. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass wir ein Foto gefunden haben aus dem Jahre 1928, auf dem Einstein und Tillich lediglich einen guten Meter von einander entfernt stehen. Anlass waren die sogenannten Hochschulwochen in Davos in der Schweiz. Dort versammelten sich etliche Jahre lang führende Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen. Insbesondere Physiker, Philosophen und Theologen wurden eingeladen zu interdisziplinären Gesprächen. Einstein hat wohl 1928 den Eröffnungsvortrag gehalten. Wir konnten aber nicht herausfinden, ob die beiden direkt miteinander gesprochen haben. Nach ihrer Emigration haben sie sicher zumindest indirekt kommuniziert. Es gab nämlich einen Kongress in New York vom 9. bis zum 11. September 1940 mit dem Thema „Naturwissenschaft, Philosophie und Religion“. Dort hielt Einstein einen Vortrag. Dieser wurde in der New York Times veröffentlicht. So geriet er in die Hände Tillichs. Dieser verfasste nun einen ausführlichen Leserbrief, in dem er genau auf Einsteins Argumentation einging. Diese Auseinandersetzung birgt ein riesiges Potential – das konnten wir bei einer ersten Sichtung erkennen. Allerdings fehlte uns die Zeit, das genauer aufzuarbeiten. Wir haben uns das aber fest vorgenommen für die nähere Zukunft.“
Sabine ahnte wohl schon, dass die beeindruckten Kommilitonen von sich aus den Vortrag der beiden nicht kommentieren wollten. „Glückwunsch, ihr beiden!“, sagte sie also. „So stellt man sich einen idealen Einstieg in ein Studium vor: Persönliches Interesse verbunden mit Forscherdrang. Ich habe absichtlich von „verbunden mit“ gesprochen, denn gelungenes Menschsein braucht Verbindlichkeit. Man muss sich inhaltlich verbinden können und insbesondere von Mensch zu Mensch. Einzelkämpfer haben es gerade zu Beginn des Studiums schwer. Leichter wird es, wenn man Teil eines funktionierenden Teams sein kann.“
Die zweiwöchige problemorientierte Eingangsstufe des Fachbereichs Theologie war nicht nur für Bert und Till ein guter Einstieg. Man hatte Kommilitonen kennengelernt, Berührungsängste abgebaut und konnte sich einen Überblick verschaffen über Inhalt und Ablauf des Studiums. Auf acht Semester war die Studienzeit angelegt – wenn alles gut ging. Und die Semesterferien waren im Prinzip auch gefüllt. Zwei Schulpraktika und ein Betriebspraktikum mussten absolviert werden. Die letzten Ferien sollten frei bleiben für die Prüfungsvorbereitungen. Und so boten sich die ersten Ferien an, um ein kleines finanzielles Polster anzulegen. Zwar waren Till durch BAföG und Bert durch Leistungen in entsprechender Höhe von seinen Eltern überlebens- und studierfähig, aber Leben sollte ja mehr sein als Überleben.
Im Fachbereich Mathematik musste Till feststellen, dass sich große Wahlfreiheiten nicht ergeben konnten, da genau festgelegt war, welche Scheine erworben werden mussten und der Weg dahin einer Treppe glich, deren Stufen aufeinander aufbauten. So belegte Till zunächst die beiden jeweils zweistündigen Vorlesungen Analysis I und Lineare Algebra und Analytische Geometrie I mit dazugehörigen jeweils vierstündigen Gruppenarbeiten mit Übungen. Über das Semester gesehen mussten mindestens 50 Prozent der Übungsaufgaben richtig gelöst werden. Das erledigte man in einer Arbeitsgruppe. Zu Beginn war ein gewisser sportlicher Ehrgeiz da. Der ließ aber gegen Ende des Semesters nach und so näherte man sich immer mehr der 50-Prozent-Marke an – mit einem kleinen Sicherheitsabstand. Überhaupt hätte man sich diese Leistungen auch einkaufen können, denn die Aufgaben waren sich selbst über Jahre ähnlich.
Im Fachbereich Sport hatte Bert ganz andere Einschränkungen bezüglich einer Wahlfreiheit. Denn viele sportpraktische Kurse waren so beliebt, dass gelost werden musste. Man bekam so viele Lose, wie man Semester vorweisen konnte. Aber Bert konnte sich nicht beklagen. Gleich drei dreistündige praktisch-methodische Veranstaltungen konnte er belegen: Volleyball, Trampolinspringen / Wasserspringen und Tanz. Dazu durfte er innerhalb einer Doppelstunde pro Woche im Förderkurs Kanu zum Beispiel Eskimotieren üben.
Eine echte Hürde musste Bert durch sein fehlendes Latinum nehmen. Drei Semester lang waren jeweils vier Semesterwochenstunden zu belegen – plus Abschlussprüfung.
Bert und Till kannten sich bei der Grobplanung ihres Studiums noch nicht besonders gut. Aber einerseits verband sie die positiv verlaufene Eingangsstufe, in der sie ja kundtaten, weitere Forschungen anstellen zu wollen. Und andererseits waren sie sich sympathisch und hatten überwiegend ähnliche Interessen. Beide waren erwachsen geworden in jeweils einer Sportfamilie. Bert war Faustballer und Till spielte Volleyball. Zudem hatten sie zwischen Konfirmation und Abitur intensiven Kontakt zu Jugendgruppen in ihren Kirchengemeinden.
Bert und Till planten in den Bereichen Theologie und Erziehungswissenschaft gemeinsam Veranstaltungen zu besuchen. Hier gab es glücklicherweise ein reichhaltiges Angebot und große Wahlmöglichkeiten. Da Bert sich nicht vorstellen konnte Latein und Griechisch gleichzeitig anzugehen, verschoben sie Griechisch auf das vierte Semester.
„Mathe packt mich irgendwie nicht“, meinte Till zu Bert, als sie einige Wochen nach Beginn des Semesters zusammen beim Essen in der Mensa saßen. „Die Vorlesungen tragen ihren Namen zu Recht. Das Skript wird heruntergelesen und –geschrieben und man wird einfach nur müde. Im Nachhinein muss ich sagen, dass meine Lehrer in der Schule doch ein erhebliches methodisches Geschick hatten im Vergleich.“ „Vielleicht entsprechen die Eingangsvorlesungen in Mathe dem Sprachenlernen in Theologie“, nahm Bert den Gesprächsfaden auf, „und es wird danach besonders spannend, weil man auf hohem Niveau mitreden und -denken kann. Ich habe jedenfalls auch keine echte Freude an Latein. Es könnte aber immerhin sein, dass unser Kurs sich zu einer verschworenen Leidensgemeinschaft zusammenfindet. Sport dagegen ist die reine Entspannung. Die Leute sind freundlich, offen – und gut aussehend. Die meisten kommen aus dem Teamsport. Gemeinsame Bewegung verbindet irgendwie direkter als Sprache. Ich bin total zufrieden, wenn ich in Richtung Rothenbaum marschiere.“
Im Bereich Erziehungswissenschaft begannen Bert und Till ihr Studium mit zwei ganz unterschiedlichen Seminaren. „Das Spiel des Kindes in pädagogisch-psychologischer Perspektive“ riss sie zwar nicht vom Hocker, zumal sie sich ganz bewusst für die „großen Kinder“ entschieden hatten. Dennoch war es interessant und völlig neu für sie. Dagegen hätte das Thema des zweiten Seminars auch eine Unterrichtseinheit in der Schule im Fach Geschichte sein können: „Die Entstehung des allgemeinen Schulwesens in Preußen im Hinblick auf die Französische Revolution“. Hier gab es eine Faktenlage, an der man sich festhalten konnte.
Das Zentrum ihres Studiums war für Bert und Till die Theologie. Im ersten Semester ließen sie sich in die hebräische Sprache und das hebräische Denken einführen. Dieser Kurs hatte keinen zu hohen Anspruch. Man konnte am Ende den Ersten Schöpfungsbericht übersetzen – vielleicht aber auch deshalb, weil man den Text ohnehin gut kannte. Dennoch war es wichtig, sich in einen ganz anderen Kulturkreis hineinzudenken. Und es wurde klar, dass eine Übersetzung nie perfekt sein kann. Einerseits haben zum Beispiel Wüstenbewohner viele Worte für ein Farbspektrum, das man mit Gelb bezeichnen würde – für die Inuit gilt das gleiche in weiß. Und andererseits schwingen bei einem Ausspruch sowohl eine Kulturgeschichte als auch persönliche Erfahrungen mit.
Weiterhin belegten die beiden die dreistündige Theologische Übung I mit dem Titel „Wozu Glaube und Religion?“. An dieser Stelle waren sie schon ganz ordentlich in Übung, denn sie konnten Vorwissen aus der Schule einbringen. Zunächst dachten sie bei der Beantwortung der dem Semester zugrunde liegenden Frage an den Garten Eden im Zweiten Schöpfungsbericht. Dort ist es Adam und Eva nicht gestattet vom Baum der Erkenntnis zu essen. Als sie es dennoch tun, gehen ihnen die Augen auf – sie sehen zum Beispiel, dass sie nackt sind. Sie verscherzen sich damit das Paradies. In diesem Mythos wird der Tier-Mensch-Übergang der Evolutionsgeschichte geschildert – also praktisch die Entwicklung des Großhirns. Erkenntnis führt zu Freiheit – aber auch zu Orientierungslosigkeit. Wenn die Instinktsteuerung ins Wanken gerät, gibt es nicht mehr nur den einen richtigen Weg. Nun entstehen Weggabelungen. Und man muss sich entscheiden. Das beinhaltet die Furcht vor einer Fehlentscheidung. Der Mensch braucht nun Orientierungshilfen und Trost bei Enttäuschungen. Hier kommt Religion ins Spiel. Soweit waren Bert und Till sich einig. Beide hatten im Religionsunterricht sich mit den Schöpfungsberichten der Bibel aber auch mit entsprechenden Stellen aus dem Koran befasst. „Die Vertreibung aus dem Paradies hat natürlich den Verlust von Heimat zur Folge. Aber die gewonnene Freiheit hat auch Vorteile. Frei wie ein Vogel kann der Mensch nun über den Dingen schweben. Und wir wissen ja, wie erfolgreich Adler jagen“, meinte Bert. „Aber die Vogelperspektive, also die Fähigkeit zur Abstraktion, führt auch zur Entfremdung“, entgegnete Till. „Nicht nur Adam und Eva werden sich fremd sondern allgemein distanziert sich der Mensch von seiner Mit-Welt. Er macht Beute und erklärt sich schließlich zum Maß allen Seins. Dieser Mittelpunktwahn wird deutlich wird am Wort Um-Welt und deren Zerstörung.“ „Erkenntnis ist eben ein ambivalentes Phänomen“, fuhr Bert fort. „Der Mensch erkennt sich selbst als eine unglückliche Mischung aus Göttern und Tieren. Götter sind unsterblich und wissen darum. Tiere sind sterblich und wissen das nicht. Diese problematische Erkenntnis muss der Mensch formulieren, um sie dadurch ein Stück weit aus sich heraus zu setzen und zu verarbeiten. So entsteht ein Mythos, der Stabilität geben kann, weil man um die Situation weiß und sie benannt hat.“ Till ergänzte: „Durch Mythen verbindet sich der Mensch mit dem Grund allen Seins – und gewinnt eine Perspektive für sein Da-Sein. Mythen erzählen aus einer Vor-Zeit, können aber für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Sie gewinnen dadurch eine fortwährende Bedeutung. Mythen sind Ausdrucksformen des kollektiven Unbewussten, in dem wesentliche Menschheitserfahrungen gespeichert sind. Mythen sind Grund und Element von Religion.“ Das Wissen von Bert und Till aus dem Religionsunterricht der Oberstufe war schon solide. In der Theologischen Übung wurde das vertieft und ergänzt. Und es wurde auch nach vorne gesehen. Kann Religion einen Beitrag leisten zur Gerechtigkeit? Wie wird also Religion dem Menschen heute gerecht – und der Mit-Welt? Für die Beantwortung dieser Fragen konnten in der Übung Ansätze aufgezeigt werden – und das war schon eine ganze Menge aus der Sicht von Bert und Till.
Wenn die beiden gemeinsame Wege machten oder zusammen aßen, dann war häufig Sport das Thema. Natürlich tauschten sie sich über die Entwicklungen im modernen Fußball aus und über den aktuellen Stand in der Bundesliga. Aber ihr persönlicher Fokus lag ja auf zwei Rückschlagsportarten. Und da Bert als Faustballer im ersten Semester einen Volleyballkurs belegte, lag es nahe, sich über Ähnlichkeiten und Unterschiede auszutauschen. „Sicherlich kenne ich mich im Volleyball besser aus als du im Faustball“, meinte Bert eines Tages. „Das liegt natürlich lediglich daran, dass Volleyball nicht nur in Deutschland viel verbreiteter ist. Zudem hat der aufstrebende Beachvolleyball das Interesse für diese Sportart geweckt. Dennoch interessiert es mich, wie du in wenigen Sätzen die Spielidee und die Entwicklung charakterisieren würdest.“ Till antwortete gern: „Ein Team verteidigt die eigene Spielfeldhälfte und greift die des Gegners an. Dabei wird der Ball durch einen Aufschlag ins Spiel gebracht und darf dann nach bestimmten Regeln verarbeitet werden. Der Ball muss über das Netz in die andere Hälfte gespielt werden.“ „Bis jetzt könnte das auch eine Beschreibung von Faustball sein“, entgegnete Bert. „Wenn man genauer hinsehen will“, nahm Till den Faden wieder auf, „muss man sich um die Verarbeitungsregeln kümmern. Der Ball darf nicht gehalten oder gefangen werden. Lediglich ein kurzer Kontakt ist erlaubt. Man nimmt für die Kontakte sinnigerweise die Hände, aber alles andere ist im Prinzip auch möglich. Mit den Händen kann man den Ball zuspielen, das nennt man Pritschen. Gepritscht wird normalerweise der zweite Kontakt innerhalb eines Teams. Die Annahme läuft meistens über das sogenannte Baggern. Dabei bildet man mit zusammengeführten langen Armen ein Spielbrett. Ein Angriffsball wird mit der flachen Hand geschlagen. Aber auch das Spielen mit Faust oder Fingerspitzen ist möglich. Die Zahl der Ballkontakte innerhalb eines Spielzugs ist limitiert – maximal drei. Es darf dabei der erste und dritte Kontakt vom gleichen Spieler ausgeführt werden.“ „Da haben wir die ersten Unterschiede“, unterbrach Bert, „die maximale Zahl von drei Kontakten gibt es zwar auch beim Faustball, aber pro Spielzug darf ein Spieler lediglich einmal den Ball berühren. Auch die Art der Berührung ist eingeschränkter. Nur mit den Armen darf der Ball gespielt werden und auch nicht mit der offenen Hand – deshalb heißt mein Spiel auch Faustball. Aber etwas ganz Entscheidendes hast du noch gar nicht erwähnt: sobald der Ball den Boden berührt, ist beim Volleyball Schluss – sprich Punktgewinn. Wir Faustballer dürfen den Ball sowohl direkt als auch nach einmaligem Aufkommen spielen – wie beim Tennis. Zu den maximal drei Ballkontakten innerhalb eines Teams können also noch bis zu drei Bodenkontakte des Balls innerhalb des Spielfelds der den Ball besitzenden Mannschaft kommen.“ „Das führt wirklich zu einem ganz anderen Spiel“, schloss Till. „Beim Volleyball setzt man den Gegner am einfachsten unter Zeitdruck, indem man den Ball nach einer möglichst kurzen Strecke im Feld platziert. Die Möglichkeit, durch das Pritschen genau zuzuspielen und in unmittelbarer Netznähe hart abzuschließen, bedeutet, dass der Block zu einem zentralen Spielelement wird. Wenn dieser einen Angriffsball nicht entschärfen kann, sind in der Abwehr häufig nur noch Notkontakte möglich. Da die Reaktionszeit kaum trainiert werden kann, wohl aber Schlagkraft und Sprunghöhe, hat man den Luftdruck des Balles verringert, damit längere Ballwechsel durch eine erfolgreiche Feldabwehr möglich werden.“ „Dagegen spielt man Faustball mit einem sehr harten Ball, damit die Angriffsschläge auch das ganze Feld bedrohen können“, setzte Bert fort. „Und der Block hat in der Halle schon eine Bedeutung, da hier das Spielfeld kleiner ist als draußen. Mit dem Volleyballblock ist er dennoch nicht zu vergleichen, auch, weil er einarmig ausgeführt werden muss. Man muss ja auch sagen, dass beim Faustball viel größere Distanzen zurückgelegt werden. Das gilt auch für den Ball innerhalb eines Spielzugs. Dadurch und auch durch das einarmige Zuspiel kann der Ball nicht immer genau oberhalb des Netzes dem Angreifer serviert werden.“ „Jetzt interessiert mich“, fragte Till nach, „wie groß euer Spielfeld eigentlich ist. Beim Volleyball verteidigen wir ja zu sechst eine Fläche von neun mal neun Metern.“ „Wenn man die durchschnittliche Fläche für einen Spieler betrachtet“, antwortete Bert, „kommt man auf den Faktor knapp sechs für die Halle und über sieben für das Feld unter freiem Himmel. Konkret heißt das, dass wir zu fünft eine Spielfeldhälfte verteidigen, die 20 Meter breit ist. Drinnen hat sie eine Länge von ebenfalls 20 Metern – es entsteht also insgesamt ein Handballfeld. Und draußen ist eine Hälfte sogar 25 Meter lang.“ Nun war Till doch beeindruckt. „Ich kannte die genauen Ausmaße eines Faustballfelds nicht. Das ist ja riesig! Ich denke, dass ich das Spiel unbedingt einmal ausprobieren muss. Wahrscheinlich unterscheidet sich die Angriffstechnik auch aufgrund der nötigen Länge der Bälle?“ „Ja“, entgegnete Bert, „da tun sich Faustballer häufig schwer, wenn sie auf Volleyball umschalten sollen. Da das Volleyballfeld ja vergleichsweise klein ist, braucht man mehr Präzision beim Angriff. Zudem spielen sich die Offensivaktionen in unmittelbarer Netznähe ab. Um keine Verletzungen zu riskieren durch Fußkontakte, muss man sehr kontrolliert landen. Beides führt dazu, dass man mit beiden Füßen abspringt, also einen sogenannten Stemmschritt ausführt, um auch wieder mit beiden Füßen landen zu können. Beim Faustballangriff dagegen braucht man die Diagonalspannung um die nötige Härte und Weite erreichen zu können. Man kennt das ja vom Schlagballwurf. Als Rechtshänder muss man das linke Bein beim Abwurf nach vorne bringen. Nur so geht Weite vor Genauigkeit.“ „Da kann man sich beim Faustballangriff ja richtig austoben“, meinte Till. „Das kommt wahrscheinlich pubertierenden Jungen entgegen: Immer wieder hart auf den Ball einprügeln dürfen ohne zu sehr auf Genauigkeit achten zu müssen.“ „Das ist zwar nicht falsch“, entgegnete Bert, „aber einerseits muss man schon variieren, also zum Beispiel einen genauen kurzen Ball einstreuen, damit sich die Abwehr nicht so gut einstellen kann. Und andererseits kann eine leichtfüßige und technisch gute Abwehr dem Schläger schon den Zahn ziehen, denn, wenn jeder Ball zurück kommt, verliert sein Arm an Kraft und seine Frustration steigt.“ „Also ist auch Leichtfüßigkeit gefragt beim Faustball“, nahm Till den Ansatz auf. „Ist also Faustball eine gute Grundlage für deinen Tanzkurs?“ „Unbedingt!“ lächelte Bert. „Tatsächlich braucht man natürlich bei beiden Sportarten nicht nur Beweglichkeit, Wendigkeit und Geschicklichkeit. Vielmehr braucht man auch einen guten Gleichgewichtssinn und eine Balancierfähigkeit und man muss sich im Raum orientieren können. Weiterhin muss man Bewegungen koppeln, harmonisieren und rhythmisieren können. Aber natürlich gilt das nicht nur für Faustball und Tanzen sondern für fast alle Sportarten. Als Grundlage für meinen Tanzkurs dient mir mindestens ebenso meine Eurythmieerfahrung.“ „Da kann ich jetzt gar nicht mitreden“, unterbrach Till, „das musst du erklären.“ „Eurythmie ist durchgängiges Unterrichtsfach an Waldorfschulen“, antwortete Bert. „Sie ist eine Bewegungskunst. Dabei wird Sprache durch den ganzen Körper gestaltet. Es gibt eine Verwandtschaft zu Ballett und Tanztheater. Aber in der Eurythmie geht es weniger um den sportlichen Aspekt als um das Erzählen von Geschichten. Zunächst werden Buchstaben dargestellt. Später wird die Darstellung freier und häufig musikalisch begleitet.“ „Interessant“, sagte Till, „warum bist du überhaupt auf eine Waldorfschule gegangen?“ „Ich wurde nicht gefragt“, entgegnete Bert, „meine Mutter ist Klassenlehrerin an der Waldorfschule Ottersberg. Und für sie bot es sich zunächst einmal an, mich mit ins Auto zu packen. So hatten wir noch zweimal pro Tag eine halbe Stunde für uns. Das war natürlich später uncool – aber auch praktisch.“ „Hattet ihr neben Eurythmie noch weitere besondere Fächer?“ fragte Till. „Man kann schon sagen, dass der Versuch einer ganzheitlichen Bildung unternommen wurde“, antwortete Bert. „Wenn man also Körper, Seele und Geist zugrunde legt, dann gehört Eurythmie eher in den Bereich der Seelenbildung. Natürlich hatten wir auch Sportunterricht. Daneben sprachen aber weitere Fächer ebenfalls zuerst das Körperliche an, wie zum Beispiel Gartenbau und Landwirtschaft, Schreinern, Nähen, Spinnen, Drucken und einiges mehr. Diese Inhalte wurden überwiegend epochal unterrichtet. Das galt aber auch für die klassischen Fächer wie zum Beispiel Mathe. Wir hatten pro Halbjahr eine dreiwöchige Mathematikepoche. Das bedeutete, dass man dann jeden Tag in den ersten beiden Stunden Mathe hatte. Außerhalb der Epoche blieben lediglich zwei Stunden zum Festigen des Gelernten. Aber selbst Mathe als Geisteswissenschaft wurde an körperliche Erfahrung angebunden. Im zehnten Schuljahr lag nämlich das sogenannte Feldmesspraktikum. Zwei Wochen lang wurden Vermessungen eines Geländes durchgeführt um die Trigonometrieepoche zur praktischen Anwendung zu bringen.“ „Bist du denn gern zur Waldorfschule gegangen?“ hakte Till nach. „Ich hatte ja keinen direkten Vergleich“, begann Bert. „Aber ich habe mich immer wohlgefühlt in Ottersberg. Die Schule ist dort in einem altehrwürdigen Gebäude in einem kleinen Wald direkt an der Wümmeniederung untergebracht – einfach traumhaft. Es gab immer nur eine Klasse pro Jahrgang und die ganze Schulfamilie von der ersten bis zur dreizehnten Klasse war auch durch Theater- und Musikaufführungen verbunden. Ich war zwar ein bescheidener Schauspieler und ein sehr mäßiger Geiger, aber ich bin zufrieden diese Erfahrungen gemacht zu haben.“ „Das kann ich nur teilweise nachvollziehen“, meinte Till, „ich war froh endlich aufs Gymnasium gehen zu können. Mir fehlten die kleinen Kinder nicht und ich war dankbar zumindest in der Oberstufe Wahlfreiheiten zu haben. Das geht natürlich nicht, wenn man lediglich einzügig unterwegs ist.“ „Viele Wege sollen ja nach Rom führen“, schloss Bert dieses Gespräch. „Schön, dass wir angekommen sind.“
Bert und Till erlebten das erste Semester als einen gelungenen Einstieg in ihr Studium. In einer Beziehung allerdings wurden sie zunehmend unzufriedener. Und zwar nahmen sie sich lediglich als Teilzeitstudenten wahr, da sie außerhalb von Hamburg wohnten und pendelten. Kein Problem war es für sie im elterlichen Haus zu wohnen. Beide hatten dort ihre Freiheiten und Bequemlichkeiten. Auch war für den Faustballer Bert und den Volleyballer Till klar, dass sie ihren Teams treu bleiben wollten und so mussten sie für Training und Spiel ohnehin „zurück aufs Dorf“. Beide hatten nach dem Abitur keinen Grund gesehen ihre Jugendzimmer aufzugeben. Till musste zwar während der Grundausbildung seines Wehrdienstes in Rotenburg an der Wümme meistens in der Kaserne bleiben. Aber er war immer froh diesem teilweise von ihm so empfundenen Gefängnis entfliehen und heimatlichen Gefühlen frönen zu können. Und Bert konnte seine Arbeitsplätze während seines sogenannten Freiwilligen Sozialen Jahres, welches er auf zwei Jahre ausdehnte, mit dem Fahrrad erreichen. Jeweils zur Hälfte wurde er vom Selsinger Schulzentrum und vom Sportverein des Ortes in Anspruch genommen. Er sorgte also einerseits für die Ausgabe von Spielgeräten in den Pausen und für Arbeitsgemeinschaften im Sportbereich und andererseits war er „Mädchen für alles“ bezüglich der Bedürfnisse des MTSV Selsingen. Er mähte die Rasenplätze, kümmerte sich um Geräte und Bälle und agierte als Faustballübungsleiter. Bert und Till hatten also zunächst gedacht, dass sie täglich nach Hamburg zum Studium pendeln wollten. Bert wurde von seiner Mutter am Bahnhof Ottersberg ausgeladen. Das war für diese lediglich ein minimaler Umweg. Aber am Ende des Tages musste seine Mutter häufig auf Bert warten, was sie nicht gern tat, da sie in der Schule keinen vollwertigen Arbeitsplatz hatte. Till war vergleichsweise privilegiert, denn er wohnte in Sittensen, welches einen Autobahnanschluss vorweisen kann, und hatte ein Auto zur Verfügung. Dieses parkte er in Harburg, um dann mit einem Tagesticket des Hamburger Verkehrsverbunds weiter Richtung Uni zu reisen. Am Ende des Semesters reifte in Bert und Till der Entschluss sich um eine Wohnung in Hamburg zu kümmern. Für beide war schnell klar, dass sie sich auch in dieser Hinsicht zusammentun wollten. Um den Markt zu sondieren, ließ sich Bert einige Male von seiner Mutter nach Sittensen bringen, damit er mit Till gemeinsam in die große Stadt aufbrechen konnte. Das war zwar für Berts Mutter ein Umweg von etlichen Kilometern, aber dafür musste sie sich nicht um seine Rückkehr scheren – das übernahm Till. Schnell wurde den beiden Umzugswilligen klar, dass der Hamburger Wohnungsmarkt umkämpft war. Und so zogen sie nach dem Hamburger Abendblatt auch den Harburger Anzeiger für ihre Suche heran. Einerseits war die Uni bequem mit der S-Bahn von Harburg aus zu erreichen und andererseits lag Harburg Richtung Heimat. Schließlich fanden sie in der Marienstraße eine einfache Zweizimmerwohnung mit großer Küche. Diese konnten sie zu einem fairen Preis mit Beginn des Aprils mieten. Der Einzug lag also unmittelbar vor Beginn des Sommersemesters. Doch konnten Bert und Till mit Kompromissen in den ersten Wochen leben. Sie wollten die Wohnung funktional einrichten – aber auch eine Beschränkung auf elementare Funktionalität kommt nicht ohne finanzielle Mittel aus. So kümmerten sich die beiden gleich nach Ende des Wintersemesters Anfang Februar um Ferienjobs. Till wurde an der Autobahntankstelle in Sittensen fündig. Dort konnte er relativ frei nach Absprache Urlaubsvertretungen und Wochenenddienste übernehmen. Bert verdingte sich bei der Zevener Post als Aushilfszusteller. Beide waren zufrieden mit ihren Tätigkeiten, insbesondere weil sie in Kontakt mit verschiedenen Menschen kamen.
Obwohl Bert und Till ihre Ferienjobs bei ihren Eltern wohnend angingen, konnten sie trotzdem ihre Forschungsziele im Auge behalten. Es ging ihnen im Vorwege der Bearbeitung des Streits zwischen Einstein und Tillich um genauere Betrachtungen ihrer Familiengeschichten. Einiges brachten sie in Erfahrung und tauschten sich eines Abends in einer Zevener Kneipe aus. Bert begann seinen Bericht: „Ich war ja gleich zu Beginn unseres ersten Semesters in der problemorientieren Eingangsstufe so frei von meiner Oma zu erzählen und ihrer Beziehung zu Einsteins Sohn. Erika Stein, so hieß meine Oma, wurde im Ersten Weltkrieg geboren und war die Nichte von Edith Stein, die mit jüdischen Wurzeln in Auschwitz ermordet und 1988 heiliggesprochen wurde. Erika war Sekretärin in einem Dortmunder Stahlwerk und traf dort Hans Albert Einstein, der in dem Werk als frisch promovierter Ingenieur arbeitete. Der gemeinsame Sohn Hans wurde Ende 1937 nach der Emigration seines Vaters und wohl ohne dessen Wissen geboren. Hans Stein lernte Kaufmann im Baustoffhandel in den fünfziger Jahren und leitet später einen Baumarkt in Zeven. 1972 heiratete er die Waldorflehrerin Helga Schröder aus Selsingen. Und Hans und Helga sind meine Eltern.“ „Und dein Vater ist also zu deiner Mutter gezogen?“ fragte Till. „Ich denke, dass das daran lag, dass meine Mutter stärkere familiäre Wurzeln ausgebildet hat als mein Vater“, antwortete Bert. „Und als echte Waldorflehrerin muss man im Grünen leben und nicht im Pott.“ „Und weil du in Selsingen groß geworden bist, spielst du heute Faustball?“ hakte Till nach. „Es stimmt schon“, meinte Bert, „dass Selsingen eine Faustballhochburg ist. Aber natürlich hätte ich auch Fußball im Verein spielen können. Es war einfach so, dass ein Spielkamerad mich eines Tages mitschleppte und ich Gefallen fand. Mit 17 bin ich dann aber in den Zweitligakader des TSV Essel gewechselt, weil beim MTSV die Spitze nicht breit genug war, wie Berti Vogts sagen würde.“ Auch Till hatte sich mit Hilfe seiner Eltern schlau gemacht bezüglich einer Aufarbeitung seiner Familiengeschichte. „Du weißt ja“, begann er, „dass meine Urgroßmutter eine Beziehung zu Paul Tillich hatte. Sie hieß Sophie Gerken, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren und nahm nach dem 1. Weltkrieg ein Philosophiestudium in Berlin auf. Tillich dozierte dort im Fachbereich Theologie von 1919 bis 1924. Er veranstaltete sogenannte Offene Abende, zu denen er auch Studenten und Studentinnen einlud. So lernte Sophie Paul Tillich näher kennen. Daraus entwickelte sich eine Schwangerschaft, zu der Tillich aber nicht stand. Jedenfalls wurde 1925 Gerda geboren. Sophie nahm eine Stelle als Haushälterin bei einem Pastoren an und wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff getötet. Gerda wurde am Ende des Krieges vergewaltigt und gebar 1946 Helene, deren Vater wohl ein russischer Soldat war. Gerda lebte alleinerziehend und arbeitete als Kindergärtnerin und Sekretärin. Helene lernte Steuerfachgehilfin und heiratete den Zimmermann Klaus Licht, der die väterliche Firma in Sittensen übernahm. Helene und Klaus sind meine Eltern.“ „Bei deinen Eltern ist es also umgekehrt“, sagte Bert. „Deine Mutter hatte die schwierigere Familiensituation und zog zu deinem Vater.“ „Das stimmt“, antwortete Till, „das lag wohl in erster Linie an der Zimmerei, die mein Vater übernahm. Eine solche Firma lässt sich nicht einfach verpflanzen. Und um meinen sportlichen Werdegang noch zu erwähnen: ich habe ganz viele Sachen ausprobiert wie zum Beispiel Schwimmen, Judo und Handball. Auf Volleyball bin ich zunächst durch die Schule aufmerksam geworden. Dort hatten wir einen Sportlehrer, der sich ganz diesem Spiel verschrieben hatte. Und so haben im Einzugsbereich der Schule mehrere Vereine eine Volleyballsparte aufgemacht. In Sittensen wurde dabei das höchste Niveau erreicht.“ „So sind wir nicht nur Kinder unserer Eltern“, folgerte Bert, „sondern auch Schüler unserer Lehrer und Pflanzen unserer Heimat.“ „Ja, wir sind die Summe unserer Erfahrungen“, schloss Till.
Am Ende ihrers ersten Semesters hatten Bert und Till sich den Vortrag Einsteins aus dem Jahre 1940 kopiert. Dieser lag vor in der Aufsatzsammlung „Aus meinen späten Jahren“, die 1979 in Stuttgart in der zweiten Auflage erschien, und war überschrieben mit „Naturwissenschaft und Religion“. Als Hausaufgabe nahmen sich Bert und Till am Ende des ersten Kneipenabends vor, sich einen kleinen Überblick über die Grundlagen zu verschaffen, auf der Einstein seinen Vortrag hielt.
Ihr zweites Treffen in den ersten Semesterferien fand wieder in der Zevener Kneipe statt. „Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Wissenschaftliche mit dem Philosophischen gleichgesetzt“, begann Till. „Im 19. Jahrhundert emanzipierten sich die Naturwissenschaften. Die große Synthese ging verloren. Vor allem die Physik begann einen Siegeszug, der sie fast als die einzige echte Wissenschaft erscheinen ließ.“ Bert übernahm: „Damit gerieten Philosophie und Theologie in eine bedrohliche Lage. Die Religion versuchte ihre gesellschaftliche Relevanz zu erhalten, indem sie die Lücken für sich beanspruchte, die der naturwissenschaftliche Erkenntnisfortschritt noch gelassen hatte.“ „Aber immer mehr dominierte die naturwissenschaftliche Sichtweise“, setzte Till fort. „Diese machte die sinnliche Betrachtung auf der Grundlage der Newtonschen Mechanik zum Ausgangspunkt, wobei vorausgesetzt wurde, dass die kontrollierbare sinnliche Erfahrung zu einer echten Kenntnis der Wirklichkeit führt. Durch die Herstellung von Kausalketten zwischen Erscheinungen sollte die Wirklichkeit dann vollständig erfasst werden. Das System der Naturgesetze schien sich selbst zu genügen und somit war der klassische Gott praktisch überflüssig. Zwar beantwortete die Naturwissenschaft die Frage nach Gott nicht direkt negativ. Indem sie aber verstehbare Zusammenhänge herstellte, ohne auf außerweltliche Einflüsse zurückzugreifen, blieb immer weniger Raum für einen Gott als Lenker irdischen Geschehens.“ Bert spitzte diesen Ansatz zu: „Je dichter das Netz der auf dem Prinzip von Ursache und Wirkung beruhenden nachvollziehbaren Zusammenhänge in der Natur wurde, desto radikaler wurde von den Naturforschern in der Nachfolge Newtons eine Bestimmtheit allen Geschehens verkündet. Ein besonderer Höhepunkt war der Laplacesche Dämon des französischen Mathematikers Pierre Simon de Laplace im Jahre 1776. Der Dämon brauchte vermeintlich lediglich zu einer Zeit alle relativen Lagen und Geschwindigkeiten aller Teile der „Weltmaschine“ genau zu kennen, um Vergangenheit und Zukunft berechnen zu können. Der freie menschliche Wille wäre danach eine Illusion.“ „Dieses mechanistische Weltbild liegt Einsteins Denken zugrunde“, schloss Till den Ausflug in die Geschichte ab. „Zwar hat er mit der Relativitätstheorie Bahnbrechendes geleistet, aber die Quantentheorie lehnte er ab, weil sie seinem Weltbild widerspricht.“ Bert und Till beschlossen beim nächsten Treffen den Vortrag Einsteins Satz für Satz durchzugehen.
„Wie läuft es an der Autobahn?“ fragte Bert, als sie sich das nächste Mal trafen. „Flüssig“, antwortete Till, „sowohl der Sprit als auch das Arbeiten an sich. In manchen Nachtschichten habe ich viel Zeit zum Lesen. Und bist du gerne Postbote?“ „Absolut“, meinte Bert, „man kommt mit vielen Leuten ins Gespräch und ist auf dem Laufenden, was das kleinstädtische und dörfliche Leben angeht.“ „Da wir beim letzten Mal abgemacht hatten, den Einsteintext kleinschrittig zu analysieren, habe ich die Sätze durchnummeriert – es sind 81“, kam Till auf das eigentliche Thema zu sprechen.“ „Schön“, sagte Bert, „ich schlage vor, dass ich jeweils einen Satz lese und wir dann kurz darüber ins Gespräch kommen.“ „Im Prinzip bin ich einverstanden“, antwortete Till, „aber ich habe einige Sätze zu einem Sinnganzen zusammengefasst. Vielleicht können wir meinen Ansatz zugrunde legen?“ „Okay“, sagte Bert und nahm sich die Kopie zur Hand, die Till mitgebracht hatte. „Ich habe noch nachgelesen“, setzte Till noch einmal an, „dass der Vortrag von Albert Einstein zum ersten Mal am 11. September 1940 in der New York Times erschien. Im darauf folgenden Jahr wurde er dann in einen Sammelband aufgenommen, der die Vorträge verband, die auf der Konferenz gehalten wurden. 1979 wurde dann ja die zweite Auflage von „Aus meinen späten Jahren“ als Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen Einsteins in Deutschland herausgebracht. Unser Vortrag ist überschrieben mit „Naturwissenschaft und Religion“. Schon bei der Überschrift muss man sich vor Augen führen, dass es sich um eine Übersetzung handelt. In den USA wird immer von science gesprochen, wenn man nach deutschem Verständnis natural science hätte sagen sollen. Mit science wird dort Naturwissenschaft gemeint und nicht etwa Wissenschaft.“ „Diese Tendenz kann man heute auch in Deutschland feststellen“, fiel ihm Bert ins Wort, „für viele Leute sind zum Beispiel Germanistik und Philosophie Laberfächer und keine Wissenschaft.“ „Na ja“, meinte Till, „diesen Leuten ist eben nicht bewusst, dass die Symbole und Modelle, mit deren Hilfe sie Phänomene beschreiben, Sprache sind und Geschichte haben. Ich glaube, dass wir mit diesem Problem ganz dicht am Vortrag Einsteins sind. Auf geht´s!“ Und Bert las die ersten drei Sätze vor: „Darüber, was wir unter Naturwissenschaft zu verstehen haben, dürften wir uns alle ziemlich leicht einigen können. Naturwissenschaft ist das durch die Jahrhunderte fortgesetzte Bemühen, die wahrnehmbaren Erscheinungen dieser Welt durch systematisches Denken in einen möglichst vollkommenen Zusammenhang zueinander zu bringen. Kühn ausgedrückt ist es der Versuch einer Nachschöpfung des Seienden auf dem Wege begrifflicher Konstruktion.“ „Zunächst bringt Einstein eine Definition von Naturwissenschaft“, begann Till. „Dabei setzt er Wahrnehmbares und Seiendes gleich.“ „Das ist natürlich eine völlig untaugliche Definition“, nahm Bert den Gedanken auf, „denn der Mensch ist ursprünglich konzipiert als Überlebensmaschine – und zwar als eine erfolgreiche, was die Evolutionsgeschichte beweist. Man kann also sagen, dass Augen ein Reflex auf Sonnenlicht sind und Beine die Antwort auf die Existenz festen Bodens. Man kann aber nicht sagen, dass der Mensch alles, was ist, auch mit seinen Organen wahrnehmen kann. Zum Beispiel kann ich bestimmte Töne nicht hören, trotzdem gibt es sie.“ Till stimmte ihm zu, gab aber zu bedenken: „Vielleicht meint Einstein, dass Wahrnehmung auch über Geräte und sogar über Antizipation oder zumindest Schlussfolgerung möglich ist. Trotzdem gebe ich dir recht: es bleibt eine Differenz zwischen Wahrnehmung und Sein. Mich stört aber noch mehr, dass Einstein sich als Schöpfer darstellt. Und zwar schafft er nicht mit der Hände Arbeit sondern konstruiert begrifflich. Ich sehe ihn förmlich, wie er auf einem Elfenbeinturm steht und sich gefeiert fühlt.“ „Jetzt bist du aber streng“, meinte Bert, „denn er spricht ja von Nachschöpfung. Das ist doch eine Anerkennung der Urschöpfung. Ich schlage vor, dass ich die nächsten vier Sätze lese.“ Till nickte. „Wenn ich mich aber frage, was Religion sei, fällt mir die Antwort nicht leicht. Und selbst nachdem ich eine für mich in diesem Augenblick befriedigende Antwort gefunden habe, bin ich doch davon überzeugt, dass sich keineswegs alle, die sich die Frage ernsthaft vorlegen, auch nur einigermaßen über die Antwort einigen können. Statt zu fragen, was Religion sei, will ich lieber zunächst fragen, wie das Streben eines Menschen beschaffen ist, der auf mich den Eindruck eines religiösen Menschen macht: einer, der sich nach seinem besten Vermögen von den Fesseln seiner selbstischen Wünsche befreit hat und erfüllt ist von Gedanken, Gefühlen und Bestrebungen, an denen er hängt um deren außerpersönlichen Wertes willen, der erscheint mir als ein religiös erleuchteter Mensch.“ Till nahm sich wieder den ersten Kommentar: „Einstein deutet an, dass er keine den Augenblick überdauernde Definition von Religion finden kann. Und keineswegs hält er es für möglich, sich mit anderen Menschen darüber zu einigen.“ „Das bedeutet ja nicht“, fügte Bert hinzu, „dass auch andere Menschen keine gemeinsame und überdauernde Definition finden können.“ „Stimmt“, meinte Till, „aber eine Definition scheint Einstein auch gar nicht wichtig zu sein. Vielmehr interessiert er sich für das Streben eines religiösen Menschen.“ „Natürlich fließt bei der Definition eines religiösen Menschen auch eine indirekte Definition von Religion ein“, unterbrach ihn Bert, „Einstein nennt ja als Kennzeichen eine bestmögliche Befreiung von Egoismus.“ „Richtig“, schloss Till, „und ein erleuchteter Mensch handelt auf eine bestimmte Weise, weil er geleitet ist von Werten, denen nicht persönliche Motive zugrunde liegen. Ich denke, dass Einstein schon hier eine Trennung von Naturwissenschaft und Religion anlegt. Der einen geht es um das Sein und der anderen um das Sollen. Lies doch weiter!“ „Sofort“, entgegnete Bert, „ich muss nur noch feststellen, dass Einstein nicht sagt, wer oder was Quelle sein kann für die Werte der Erleuchteten. Auf die Stärke dieser außerpersönlichen Inhalte und auf die Tiefe der Überzeugung von deren überwältigender Bedeutung scheint es mir dabei anzukommen, unabhängig davon, ob der Versuch gemacht wird, diese Inhalte mit einer göttlichen Person in Verbindung zu bringen; denn sonst dürfte man Buddha und Spinoza nicht zu den religiösen Persönlichkeiten zählen. Ein religiöser Mensch ist demnach in dem Sinne gläubig, dass er nicht zweifelt an der Bedeutung und Erhabenheit jener außerpersönlichen Inhalte und Ziele, die einer verstandesmäßigen Begründung weder fähig sind noch bedürfen. Sie sind da mit derselben Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit wie er selbst. Religion in diesem Sinne ist das durch die Jahrhunderte fortgesetzte Streben der Menschen, sich dieser Werte und Ziele vollständig und klar bewusst zu werden und sie zu stets verstärkter und vertiefter Wirkung zu bringen.“
