Lothar zwischen Mütze und Podest - Peter Baumann - E-Book

Lothar zwischen Mütze und Podest E-Book

Peter Baumann

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Beschreibung

Die Reformation im engeren Sinne ist Geschichte. Aber einerseits kann sich Leben ohne geschichtliches Wurzelwerk nicht voll entfalten. Und andererseits kann das postfaktische Zeitalter nur überwunden werden durch eine neue Aktivierung alter Verbindungen von Himmel und Erde, von Inhalt und Form, von Botschaft und Botschafter. In Lothar und Mütze sind diese Verbindungen auf eindrucksvolle Weise sichtbar. Sie ringen ganzheitlich und nachhaltig mit Mächtigen und Machtlosen um Freiheit. Dieses Ringen ist elementar und aktuell.

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Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Der Autor studierte Erziehungswissenschaft, Evangelische Theologie, Mathematik und Sport an der Universität Hamburg und arbeitet als Lehrer am St.-Viti-Gymnasium in Zeven.

Er schrieb den Bildungsroman Bert und Till auf der Suche nach Heimat.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Akt

Akt

Akt

Akt

Akt

Erläuterung

Bert und Till auf der Suche nach Heimat

Vorwort

Wir sind immer wieder aufgerufen, die Basis unseres Lebens in den Blick zu nehmen. Das kann dazu führen, dass gute Verbindungen energetisch aufgeladen werden. Oder es wird von Grund auf renoviert. Das ist Reformation. Dabei geht es nicht darum, Wurzeln zu kappen. Diese brauchen wir für einen festen Stand. Aber es geht um den Mut, sich für ein Wachsen in neue Sphären zu öffnen. Ein solches Wachstum braucht Semipermeabilität. Wir müssen also Einflüsse aufnehmen und verarbeiten können, aus denen wir dann Lebensenergie ziehen. Wir müssen uns aber auch abschotten können gegen destruktive Elemente. Dafür müssen wir nicht in Drachenblut baden und womöglich vertrocknen in unverletzbarer Hülle. Es geht vielmehr um die Fähigkeit des Abwägens von Argumenten und nicht um Rechthaberei. Wir dürfen nicht nur das aufnehmen, was unsere Vorurteile bestätigt. Wir sollten nicht nur die Informationen als glaubwürdig erachten, die in unser Weltbild passen. Das sind Zeichen des postfaktischen Zeitalters.

Nun ist es aber so, dass wir viele Vitamine nicht verarbeiten können, wenn wir sie nicht in einer bestimmten Art und Weise aufnehmen. Ein reines Auflisten von Fakten erreicht uns als Leser und Hörer immer weniger. Auch der gute Inhalt dringt kaum durch, wenn er schwach präsentiert wird. Dagegen kann Unsinn sehr wohl Eindruck hinterlassen, wenn der Transporteur fasziniert.

Wir wollen uns mit dem Überbringer der Botschaft verbinden. Dann kann die Botschaft in uns zu voller Entfaltung kommen. Solche Verbindungen sollen im Folgenden ermöglicht werden. So kann die Reformation aus der Geschichte in unser Leben wachsen und uns Perspektiven eröffnen für Ganzheitlichkeit, Nachhaltigkeit und Freiheit.

Wer nun noch nicht gerüstet ist für die Lesereise, der kann zuvor die Erläuterungen aufnehmen, die dem Lehrstück nachgeordnet sind. Diese ermöglichen einen tieferen Blick in den Sitz des Lebens der Verkündigung der Botschaft und auf das Leben der Verkünder.

Personen:

Lothar (engagierter Bürger zwischen den Stühlen)

Mütze (rebellischer Intellektueller)

Podest (Stimme der Herren aus dem Diesseits)

Grünwald (Bildungsbeauftragter)

Plakatträger (verstummter Holzhandwerker)

Hans (Zeitzeuge)

Lenchen (Botschafterin der Liebe)

Mutter (Fürsorgerin)

Jo (Begleiter)

Landpfleger (Faustträger)

Christina (Pfadfinderin)

Christian (Pfadfinder)

Tatze (Versicherungskaufmann)

Käthe (Lothars Komplement)

1. AKT

1. Szene – im Vordergrund Grünwald, im Hintergrund mit Isenheimer Gesten Plakatträger, Hans, Lenchen, Jo und Mutter; auf dem Plakat R.I.P., R.I. durchgestrichen

GRÜNWALD: Moin! Mein Name ist Grünwald. Manch einer wird sich denken: Was soll dieser Name? Es ist doch selbstverständlich, dass ein Wald grün ist. Schön wäre es! Zumindest hier in Europa geht im Winter dem Wald die Farbe aus – jedenfalls das hoffnungsvolle Grün. Und um Hoffnung geht es beim grünen Wald. Ohne den grünen Wald würde uns die Luft zum Atmen fehlen. Kommt nun nicht von ganz alleine in jedem Frühjahr die Farbe Grün in den Wald zurück? Leider nein! Es gibt Momente in der Geschichte, da erscheint statt des Hoffnungswalds verbrannte Erde und verdorrtes Gestrüpp. Und darum geht es hier und heute. Insbesondere Lothar wird sich nachher in einer schweren Waldkrise für ein neues frisches Grün ’reinhängen. Aber vorher will ich euch die Figuren hinter mir vorstellen. Es ist übrigens vollkommen berechtigt, dass ich hier vor Lothar auflaufe. Denn ich habe mit meinen Figuren eine Vorlage gegeben für eine Neubegrünung des Walds. Dabei sind es eigentlich gar nicht meine Figuren. Vielmehr sind es Figuren aus der Geschichte, die ich quasi zu einer Collage zusammengestellt habe. In der Mitte mit dem Plakat, das ist der Verstummte. Der war nicht immer stumm. Das hat sich so ergeben. Einerseits wurde er mundtot gemacht, weil er das Spiel der Mächtigen störte. Andererseits wurden einige seiner Botschaften eingebaut in das gesellschaftliche Leben. Denn er hat ja durchaus Staatstragendes verkündet. Man solle zusammenhalten und sich nicht immer auf die Glocke hauen. Allerdings wurden etliche seiner Kernaussagen umgedeutet. Und die Umdeuter haben es dann nach und nach verstanden, den Botschafter an den Rand zu drängen. Da hat es ihm dann die Sprache verschlagen. Aber vielleicht hilft gerade seine neue Rolle, dass seine Thesen zu wahrem Leben erwachen. Denn die Leute können sich nun nicht mehr hinter einem großen Redner verstecken, sondern müssen selbst aktiv werden, wenn sie den positiven Impuls in der Gesellschaft etablieren wollen. Der mit dem Fingerzeig, das ist der Hans. Der Hans ist der Entdecker und der Förderer vom Verstummten. Dabei ist die Aussage eigentlich falsch. Denn als der Hans den Plakatträger traf, da war der noch gar kein Plakatträger und auch nicht stumm. Das meinte ich mit dem Begriff der Collage, den ich vorhin verwandt habe. Der Hans ist ein zentraler Zeitzeuge, aber er gehört streng genommen in die Zeit, in der der Verstummte begann große Reden zu schwingen. Mutter dagegen war die ganze Zeit dabei, vom Anfang bis zum Ende. Wobei es sich eigentlich um ein offenes Ende handelt. Denn sowohl der Plakatträger lebt, auch wenn er keine Reden mehr hält, als auch Mutter, die aus der heutigen Gesellschaft gar nicht wegzudenken ist. Sie ist die große Fürsorgerin, die zwar nicht ohne eigenen Einfluss ist und auch eine riesige Fangemeinde hat, die aber immer wieder auf die Botschaft verweist und manchmal auch dem Plakatträger den Rücken freihält. Das gilt ein Stück weit auch für Jo. Jo ist so etwas wie ein kleiner Bruder vom Verstummten. Und dadurch wird er praktisch auch zu einem Sohn von Mutter. Jo ist zu jung, um eigene scharfe Konturen auszubilden. Seine große Zeit kommt wohl noch. Zunächst geht er quasi in die Lehre beim Plakatträger. Er ist einfach dabei – und zwar aufmerksam. Das gilt sowohl für das Aufnehmen der Botschaft als auch für sein Verhalten, wenn jemand in Not ist und Hilfe braucht. Lenchen allerdings braucht grundsätzlich keine Hilfe. Lenchen ist eine starke Frau, die voller Liebe ist. In diesem Moment aber wird auch sie an ihre Grenzen geführt. Denn sie braucht den lebendigen Austausch. Und seitdem der Verstummte nicht mehr spricht, fehlt ihr ein wichtiger Pfeiler in ihrem Leben. Doch wird sie lernen mit der Situation umzugehen und sich einzustellen auf die veränderten Rahmenbedingungen. Und so wird auch sie zu einer Gärtnerin des Lebens. Denn sie ist mehr als meine Figur. Sie hat Geschichte und lebt weiter. Sie ist Teil der Basis zur Neubegrünung des Walds. Grünwald ist mein Name.

2. Szene – Tatze steht auf Podest

TATZE: Sehr geehrte Damen und Herren! Sie alle stehen in der Blüte ihres Lebens. Und ich wünsche ihnen, dass sie auf der Sonnenseite des Lebens bleiben werden. Allerdings sagt mir meine Erfahrung, dass man etwas dafür tun muss. Manchmal werfen Ereignisse Schatten. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten neu in den Lichtbereich zu gelangen. Entweder versetzt man die Träger des negativen Geschehens in den Ruhestand oder auf ein anderes Abstellgleis. Oder man schafft sich eine eigene Lichtquelle. Beide Möglichkeiten müssen vorbereitet werden. Wer unvorbereitet auf elementare Probleme stößt, kann sie unter Umständen nicht lösen. An dieser Stelle darf ich ihnen meine Hilfe anbieten. Ich bin bereit, ihnen in größter Not zu helfen. Häufig tritt am Ende eines Lebens eine solche Situation ein. Man kann dann nichts mehr aus eigener Kraft ändern. Man muss Vorsorgemaßnahmen treffen. Ich bündele diese Maßnahmen. Ich bin der verlängerte Arm einer Solidargemeinschaft. Eins ist uns ja allen gemeinsam, nämlich der Wunsch nach himmlischen Zuständen. Wenn man diese Zustände sich nicht mehr selbst erarbeiten kann, dann ist es gut, wenn man vorgesorgt hat und quasi trotz fehlender eigener Leistungsfähigkeit in den Himmel getragen wird. Für kleines Geld können sie sich von allen Nöten freikaufen. Und das gibt Sicherheit. Wenn sie den Versicherungsvertrag unterschreiben, dauert es nur noch wenige Tage bis zum Paradies. Sobald das Geld auf dem Konto eingeht, der Mensch fröhlich im Himmel steht.

PODEST: Und was springt für mich dabei ’raus?

TATZE: Nun, da ist zunächst einmal Versicherungssteuer fällig und damit eine Steigerung des Bruttosozialprodukts. Und dann wird ja die staatliche Führung von ihren Fürsorgepflichten ein Stück weit entbunden, wenn die Menschen private Vorsorge treffen. Vor allem aber sind die Menschen glücklich und zufrieden, wenn sie den Himmel erwarten dürfen. Und vielleicht entwickeln sie auf ihrem Lebensweg auch eine größere Frustrationstoleranz, wenn am Ende die gebratenen Tauben warten.

PODEST: Und du? Bist du der Wohltäter der Menschheit? Was bringen dir die Verträge?

TATZE: Du darfst mich ruhig Menschenfreund nennen. Meine Provision ist im Vergleich zur Versicherungssteuer sehr bescheiden. Entscheidend ist für mich, dass die Richtung stimmt. Und die Menschen rennen doch alle dem Glück hinterher. Ich bin also ein Glücksverwalter.

3. Szene – Lothar

LOTHAR: Guten Abend! Keineswegs will ich grundsätzlich der Versicherungsbranche die Existenzberechtigung absprechen. Wenn mir jemand oder eine Gemeinschaft Hilfe zusichert, dann ist das positiv. Entscheidend ist für mich dabei aber, ob für diese Inanspruchnahme von Hilfe von mir im Vorwege eine Leistung erwartet wird. Und ganz besonders schwierig ist es, wenn diese Vorleistung in Heller und Pfennig zu bezahlen ist. Denn es gibt Bereiche im Leben, in denen Geld nichts zu suchen hat. Ein gutes Lebensgefühl entsteht durch freundschaftliche Beziehungen. Und diese können auch durch Krisen tragen. Es gibt Situationen, in denen eine klassische Versicherung nicht wirklich helfen kann. Es gibt Leid und Tod. Und es gibt die Erfahrung von Unglück und fehlender Liebe. Diese Erfahrungen selbst sind weder konkret messbar noch liegen sie in Raum und Zeit. Sie führen zu einem negativ aufgeladenen Bewusstsein, dem man schwerlich mit einem Maßnahmenkatalog und erst recht nicht mit einer bestimmten Summe Geld begegnen kann. Helfen kann nur die Anbindung an eine Struktur, die von Zuneigung geprägt ist. Helfen kann nur eine an uns herangetragene Quelle der Liebe. Das Merkmal dieser Liebe ist, dass wir uns herausgenommen fühlen aus Raum und Zeit. Wir erfahren dann eine himmlische Qualität. Wir spüren Ewigkeit. Diese Qualität kann uns nur zufallen, wenn wir in lebendigen Beziehungen leben.