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Bertie ist ein kleiner, neugieriger Beagle-Welpe, der die Welt erkunden möchte. Wenn er nur nicht so schrecklich unter der Trennung von seiner Schwester Molly leiden würde. Trost findet er bei der netten Familie Green, die ihn bei sich aufnimmt und ihm ein wunderschönes neues Zuhause bietet. Doch Berties Glück ist bedroht: Seit dem Tod von Mrs Green vor zwei Jahren stecken die Greens in einer schweren Krise, an der die Familie zu zerbrechen droht. Bertie tut alles, um zu helfen – und er begibt sich auf die Suche nach Molly, die er einfach nicht vergessen kann. Als Weihnachten naht, kommt es zur Zerreißprobe. Wird es Bertie gelingen, ein frohes Fest zusammen mit seiner Schwester und den Greens zu feiern?
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Bertie ist ein kleiner, neugieriger Beaglewelpe, der die Welt erkunden möchte. Wenn er nur nicht so schrecklich unter der Trennung von seiner Schwester Molly leiden würde. Trost findet er bei der netten Familie Green, die ihn bei sich aufnimmt und ihm ein wunderschönes neues Zuhause bietet. Doch Berties Glück ist bedroht: Seit dem Tod von Mrs Green vor zwei Jahren stecken die Greens in einer schweren Krise, an der die Familie zu zerbrechen droht. Bertie tut alles, um zu helfen – und er begibt sich auf die Suche nach Molly, die er einfach nicht vergessen kann. Als Weihnachten naht, kommt es zur Zerreißprobe. Wird es Bertie gelingen, ein frohes Fest zusammen mit seiner Schwester und den Greens zu feiern?
Autorin
Hannah Coates lebt im Südwesten von England. Sie ist mit Hunden groß geworden. So verwundert es auch nicht, dass im Mittelpunkt ihres ersten Romans »Berties Weihnachtsfest« ein kleiner Beagle steht.
Hannah Coates
Berties Weihnachtsfest
Roman
Aus dem Englischen von Christina Riemann
Die englische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Bertie’s Gift« bei Hodder & Stoughton, an Hachette UK company, London. Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
1. AuflageDeutsche Erstveröffentlichung Oktober 2017Copyright © der Originalausgabe 2016 by Jane HollandCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenUmschlagmotiv: Picture Press/Ardea;FinePic®, MünchenRedaktion: Christiane MühlfeldBH · Herstellung: hanSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-21268-1V001www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
Für meine Tochter Indigo, die alle Fellnasen liebt
1
»Niemals verzweifeln – auch wenn es eklige Pampe zum Abendessen gibt.«
»Yippee.« Ich schlittere nun schon zum siebten Mal auf meinem Hinterteil über den nassen Küchenboden. Die Welt um mich herum dreht sich genauso fantastisch wie mein Körper, und meine Ohren heben ab. »Schau mal, Molly, ich fahre Schlittschuh!«
Meine Schwester schüttelt den Kopf über mich. Aber sie muss grinsen, und dabei hängt ihre rosa Zunge heraus. Sie hat die Vorführung amüsiert von ihrem sicheren Beobachtungsposten unter dem Küchentisch aus verfolgt, wo nicht die Gefahr besteht, dass Mr Minton ihr im Vorbeigehen versehentlich auf die Pfote oder den Schwanz tritt. Er ist schon alt, und daher tut das nicht besonders weh, außer wenn er seine schweren Stiefel anstelle der köstlich stinkigen Pantoffeln trägt. Aber Molly weiß, dass ich es nicht gern habe, wenn sie sich in Gefahr begibt. Besonders mit ihrem schlimmen Bein.
An Mollys schlimmem Bein bin ich schuld. Zumindest ich sehe das so. Als wir beide noch Hundebabys waren und mit unseren Geschwistern über einen anderen Küchenfußboden getollt sind, kam einmal ein Bote und brachte ein Paket an die Eingangstür. Die Besitzerin unserer Mutter ließ die Tür offen, als sie das Paket in die Küche trug. Unsere Mutter wusste, dass wir alle noch leichtsinnige Fellknäuel waren, weswegen sie uns eindringlich davor warnte, das Haus zu verlassen, egal wie grün und verführerisch uns der Rasen im Vorgarten auch erscheinen mochte.
»Außerhalb des Hauses ist es nicht sicher«, ermahnte uns Mommy immer wieder und schleckte uns dabei hinter den Ohren ab, wie sie es jeden Morgen und jeden Abend tat. »Die Straße ist stark befahren. Da sind überall Autos.«
»Was sind Autos?«, fragte ich aufgeregt.
»Große Maschinen, die sich rasend schnell bewegen und euch verletzen können. Geht also nie ohne einen Menschen hinaus. Habt ihr verstanden?«
Große Maschinen, die sich rasend schnell bewegen.
In meinen Ohren klang das großartig. Viel zu großartig, um dem allen fernzubleiben, gleichgültig wie oft Mommy ihre Warnung ausgesprochen hatte, wenn sie mein Fell säuberte.
Es war also klar, was als Nächstes geschehen würde.
In dem Moment, als die Eingangstür offen stand, erkannte ich meine Chance. Ich stieß Molly an – wir beide waren damals schon unzertrennlich – und flüsterte: »Komm schnell, die Eingangstür ist auf. Gehen wir raus und sehen uns mal den Rasen an.«
»Aber Mommy hat gesagt …«
»Vergiss, was sie gesagt hat. Sie weiß ja schon, wie es draußen ist. Sie darf jeden Tag auf den Rasen, ist doch klar, dass sie nicht neugierig ist. Aber das ist doch unfair, oder?« Ich zog sie am Ohr, und sie sträubte sich nun auch gar nicht mehr, sondern kam bereitwillig mit. Molly und ich konnten es schlecht aushalten, getrennt zu sein, nicht einmal für wenige Minuten. Doch sie war kleiner als ich und nicht so flink – das schmächtigste Tier unseres Wurfes. »Jetzt komm schon, Schwesterchen, wenn wir uns nicht beeilen, macht jemand die Tür zu. Willst du nicht sehen, was draußen los ist?«
Oh ja, draußen war etwas im Gange. Ein großer Lieferwagen, der rückwärts in unsere Einfahrt fuhr. Und plötzlich waren wir außerhalb des Hauses.
Frei!
Zum ersten Mal in unserem jungen Leben ohne Begleitung.
Ohne mir der Gefahren bewusst zu sein, sprang ich über das wunderbar saftig grüne Gras, über diesen Rasen, der mir mit meinen drei Monaten so groß und weit vorkam wie ein ganzes Feld. Gras! Herrliches Gras! Meine Pfoten liebten das Gefühl dieser seidigen Feuchtigkeit, und meine Nase zitterte vor Wonne, als sie mit dem frischen Duft der vielen grünen Halme in Berührung kam. Über uns der Himmel! Ein derart hohes Gewölbe hatte ich noch nie gesehen. Bis in die Unendlichkeit schien es sich wie ein riesiges blaues Segel auszudehnen. Und das wiederum flößte mir gleichzeitig auch ein wenig Angst ein.
Tief in mir drinnen hatte ich geahnt, was mich da draußen erwarten würde. Die Welt jenseits der trostlosen Begrenzung unseres Hauses war fantastisch und mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gesehen hatte. Mein einziger Gedanke war: Was gibt es noch? Was in dieser neuen Welt lässt sich noch bewundern, beschnuppern und befühlen?
Ich erreichte das Ende der Rasenfläche, was mich aber keineswegs aufhielt.
O nein, mein Forschergeist war gerade erst geweckt worden, und so lief ich weiter und weiter, während Molly mir dicht auf den Fersen folgte. Gemeinsam stürmten wir durch die weiche Erde eines Blumenbeets und sprangen dann laut bellend über den harten schwarzen Asphalt der Einfahrt, überwältigt von den Eindrücken um uns herum.
Die Hinterreifen des Lieferwagens, der immer noch rückwärtsfuhr, schrammten haarscharf an mir vorbei.
Molly hingegen hatte nicht so viel Glück.
Als ich hinter mir einen dumpfen Schlag und die quietschenden Bremsen des Lieferwagens vernahm, wusste ich, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste.
Dann hörte ich Mollys gellenden Schrei.
Es war die Art Schrei, die man nie vergisst. Manchmal höre ich ihn noch im Schlaf. Schrecke hoch. Zitternd von dem Gefühl der Schuld. Was hatte ich meiner Schwester an jenem Tag nur angetan?
Als Molly nach dem Unfall vom Tierarzt zurückkam, war eins ihrer Hinterbeine straff bandagiert. Sie schlief tagelang auf dem Sofa und raffte sich nur auf, wenn sie Hunger hatte oder ihr Geschäft auf einem Stück Zeitung erledigen musste. Um bei ihr zu sein, lag ich den ganzen Tag mit eingezogenem Kopf vor ihr auf dem Boden und schämte mich. Und jedes Mal, wenn jemand die Eingangstür auch nur einen Spaltbreit öffnete, schauderte ich vor Angst und duckte mich noch tiefer.
Die Welt außerhalb des Hauses war für mich von da an ein schrecklicher, gefährlicher Ort, und ich schwor mir, niemals wieder hinauszugehen.
Mein Vorsatz hielt gerade mal drei Wochen.
Man sollte annehmen, dass mir dieser entsetzliche Unfall eine Lektion erteilt hätte, doch sobald wir Welpen zum Spazierengehen und Spielen nach draußen durften, vergaß ich natürlich meine Angst und tobte mit den anderen über den Rasen, als sei nichts gewesen.
Dass auch ich für Mollys Unfall Verantwortung trug, vergaß ich jedoch nie. Vielleicht wäre die Erinnerung mit der Zeit verblasst, doch die Verletzung, die sie an jenem Tag unter den Rädern des Lieferwagens erlitt, heilte nie ganz aus – und so war es dann auch mit meiner Schuld. Sie verheilte nie. Sogar jetzt hinkt Molly noch immer stark. Oft bittet sie mich auch, ihr Bein an der Stelle, wo die Wunde war, zu lecken, während sie sich ausruht. Ihre Schmerzen werden dann für ein paar Stunden besser.
Dies alles erklärt, warum wir beide so große Angst davor haben, dass der alte Minton auf ihr Bein treten könnte.
Ich selbst mache mich meistens aus dem Staub, wenn er im Anmarsch ist. Seine Augen lassen nach, und da wir als Beagles ja eher klein geraten sind, entdeckt er uns nicht immer gleich zu seinen Füßen. Bei seinen größeren Hunden Jethro, Biscuit und der immer etwas reservierten Tina ist das anders. Doch Molly ist einfach langsamer, und das nicht nur, weil sie kleiner ist, sondern eben wegen ihres schlimmen Beins.
Mir dagegen kann man nicht unterstellen, ich sei langsam.
»Bertie, pass auf.« Ihr Ton wird jetzt etwas strenger, als ich ausgelassen über den Küchenboden rutsche. Ihre Augen weiten sich vor Angst. »Du bist zu schnell, Bertie, viel zu schnell. Du verletzt dich noch, wenn du nicht aufpa …«
Zu spät.
Meistens lande ich beim Eislaufen in dem riesigen weichen Haufen schmutziger Wäsche, doch diesmal stoße ich mit dem metallenen Gehäuse des Ofens zusammen.
Mit einem lauten Schrei lande ich auf dem Boden, alle Luft weicht aus meiner Lunge. Sekundenlang liege ich still da und starre aus diesem seltsamen Blickwinkel heraus an die Decke. Mein Gehirn fühlt sich an wie Watte.
»Autsch.« Ich richte mich vorsichtig auf und prüfe, ob ich mir etwas gebrochen habe. Glück gehabt, alles scheint so weit in Ordnung zu sein, auch wenn ich mich ansonsten recht wackelig auf den Pfoten fühle. Ich wanke davon, schüttele mich schließlich einmal kräftig, in der Hoffnung, dass mein Gehirn wieder seinen alten Platz einnimmt. »Hm, das war so eigentlich nicht geplant.«
»Ist alles okay?«
»Ich glaube, mein Gehirn befindet sich zum Teil in meinem Ohr«, ich schüttele wieder meinen Kopf. Das Summen lässt langsam nach. »Das war wohl keine gute Idee. Ich brauche mein Oberstübchen schließlich noch.«
Molly hinkt zu mir, um mich unter die Lupe zu nehmen. Ihre Nase schnüffelt über mein Gesicht, und dann leckt sie sicherheitshalber auch noch mein Ohr ab. »Bertie, du musst vorsichtiger sein«, schimpft sie mich mit Sorge in ihren wunderschönen dunklen Augen. »Was würde ich denn ohne dich machen?«
»So schnell wirst du mich nicht los«, erwidere ich, schon wieder ganz vergnügt. »Ich werde immer da sein und dir Ärger bereiten, Schwesterchen, auch wenn du alt bist und kaum mehr laufen kannst.«
Molly lässt sich nieder und wedelt mit dem Schwanz. »Ich kann jetzt schon kaum mehr laufen«, erinnert sie mich nüchtern. Aber ich kann erkennen, dass ich sie aufgeheitert habe.
Jethro kommt durch die leicht geöffnete Küchentür getrottet. Er ist ein großer gelber Labrador, sein Bauch aufgedunsen von dem Überfluss an Leckereien, die er von Mrs Minton bekam, als sie noch gelebt hat. Er starrt uns beide verdrießlich an. »Was macht ihr denn für einen Lärm? Ihr weckt mit diesem Krawall noch Mr Minton auf. Und warum ist der Boden nass?« Er schnüffelt prüfend herum. »Gepinkelt hast du nicht. Etwa wieder die Wasserschüssel umgeworfen?«
»Willkommen auf meiner Eislaufbahn«, sage ich und richte mich stolz auf.
»Deiner … was?«
Biscuit, ein noch größerer gelber Labrador, drückt sich an Jethro vorbei, seine Nase zuckt vor kulinarischer Verzückung. »Was ist los? Hat Minton wieder Leber gekocht? Verdammt, das riecht gut, das riecht sehr gut, das riecht …« Wir warten, ob sich nicht doch eine Perle in seinem Wortschatz versteckt, doch Biscuit ist damit nicht sonderlich gesegnet. »… gut«, beendet er seinen Satz und kratzt sich das juckende Ohr, offensichtlich nicht wirklich unzufrieden mit seiner Wortwahl.
»Keine Leber«, grummelt Jethro. Er ist sichtlich gelangweilt und sucht Streit. »Bertie ist wieder Schlittschuh gelaufen.«
»O nein, o nein, o nein.« Biscuit kratzt sich weiter, seine Pfote rotiert dabei wie verrückt. »Nicht schon wieder der nasse Fußboden. Minton hasst den nassen Fußboden. Er kürzt uns bestimmt wieder das Futter.«
Als wir von oben ein wohlbekanntes und beunruhigendes Geräusch vernehmen, verstummen wir. Es ist Mr Minton, der mit lautem Knarren in seinen schweren Stiefeln die Treppe herunterkommt. Vermutlich um nachzusehen, warum wir so einen Lärm veranstalten.
Ich stupse Molly an. »Stiefel. Nicht Hausschuhe. Schnell zurück unter den Tisch«, flüstere ich, und sie nickt und verzieht sich dann rasch in ihr Versteck, mit gesenktem Kopf und eingezogenem Schwanz.
Biscuit dreht sich heftig um und stößt an den Türrahmen. »Au«, murmelt er benommen und stolpert dann zurück ins Wohnzimmer.
Jethro ist bereits verschwunden. Er ist vielleicht nicht das intelligenteste Tier der Welt, aber er verfügt über gute Schutzinstinkte.
Ich stelle fest, dass Tina nirgends zu sehen ist. Vermutlich hat sie sich heute noch nicht einmal vom Fleck gerührt. Tina ist eine langbeinige Windhündin, die, wann immer möglich, den Vormittag am liebsten in ihrem gemütlich gepolsterten Korb verschläft, wohl wissend, dass ein Spaziergang normalerweise nicht vor dem späteren Nachmittag ansteht. Und das auch nur, wenn Mr Minton nicht vergisst, mit uns hinauszugehen.
Doch Tina geruht ohnehin nicht mit Molly oder mir zu sprechen, wenn es sich vermeiden lässt.
»Beagles«, rief sie an dem Tag aus, als wir im Park View Drive 167 ankamen – zwei flauschige, weiß-braune Welpen, die kläffend in ihrem Tragekorb herumzappelten. Ihre spitze Schnauze bebte vor Entrüstung, dann wandte sie sich ab, um sich in ihrem Korb zusammenzurollen. »Wie unsagbar gewöhnlich.«
Als hochgewachsene, elegante Dame fühlt sich Tina uns anderen weit überlegen. Und ich denke oft, dass sie das auch ist. Tina würde sich niemals dazu herablassen, aus reinem Vergnügen über den nassen Küchenboden zu rutschen, so viel ist klar.
Ich flitze zu Molly unter den Tisch, wo wir beide mit zitterndem Hinterteil zusehen, wie Mr Minton in die Küche stürmt.
Mr Minton.
Welche Eigenschaften, die ihn für andere liebenswert machen, könnte ich aufzählen?
Ehrlich gesagt: nicht viele.
Unser Besitzer geht ständig vornübergebeugt, ist griesgrämig und hat in letzter Zeit immer schlechte Laune. Obwohl das im Grunde nicht schwer zu verstehen ist, denn vor nicht ganz drei Monaten starb seine Frau. Ich wäre sicher für den Rest meines Lebens in schrecklicher Stimmung, sollte Molly sterben. Dabei ist sie »nur« meine Schwester und nicht mein Lebenspartner. Und ich kann den Alten sogar verstehen, wenn er über den Zustand des Hauses schimpft und darüber klagt, wie viel Arbeit er nun habe, seit sie nicht mehr da ist. Denn es war die gute alte Mrs Minton, die uns hierhergebracht und sich um uns alle gekümmert hat, die uns mit kleinen Happen vom Tisch versorgte, wenn ihr Mann nicht hinsah (wovon wir allerdings nur etwas abbekamen, wenn Biscuit und Jethro uns nicht aus dem Weg schubsten, bevor wir zuschnappen konnten).
Doch eines Morgens war sie nicht wie sonst nach unten gekommen. Und Mr Minton hatte stundenlang oben in seinem Zimmer gesessen und geweint und mit den Fäusten auf den Boden geschlagen, ehe schließlich mehrere Männer kamen und sie aus dem Haus trugen.
»O nein«, hatte Biscuit bedrückt gesagt, während er alles beobachtete, und sein Schwanz hatte sich kaum merklich hin und her bewegt. »O nein. Vielleicht ist sie nur müde. Ich bin auch oft so müde. Vielleicht kommt sie bald zurück. Morgen. Oder … morgen.«
Doch keiner von uns war so dumm, dass wir nicht verstanden hätten, was ihre plötzliche Abwesenheit zu bedeuten hatte. Es war das Ende all dessen, was wir kannten. Das Ende unseres schönen, bequemen Lebens.
Und der Beginn von Mr Mintons Schreckensherrschaft.
Zu Anfang betraf der Führungswechsel nur unser Essen. Als erste schreckliche Neuerung führte Mr Minton Hundefutter ein, das in wurstförmigen Plastikhüllen daherkam. Bis heute sieht so unser Dinner aus: braune Pampe, die aus einer bunten Verpackung quillt, um mit einem schmatzenden Geräusch im Napf zu landen. Ich bin zu gut erzogen, um anzudeuten, woran mich das erinnert. Irgendwie klar, dass diese Neuerung nicht sonderlich gut aufgenommen wurde, oder?
»Fresst das, ihr undankbaren Köter«, rief er die wenigen Male aus, in denen er in jener ersten Woche überhaupt daran dachte, uns zu füttern. »Glotzt mich nicht so an. Es ist billig. Ihr würdet mir glatt die Haare vom Kopf fressen, wenn ich euch ließe!«
Tina, die schon immer wählerisch gewesen war, wenn es ums Essen ging, rümpfte die Nase und behauptete, in dem Futter wäre Hundefleisch.
Also, das Fleisch anderer Hunde.
Molly weigerte sich daraufhin drei Tage lang, überhaupt etwas zu essen. Biscuit fand, das Zeug schmecke ganz okay, und vertilgte neben seiner eigenen Portion auch noch Mollys und einen Großteil von Tinas.
»Nicht schlecht, nicht schlecht«, brachte er zwischen hastigen Bissen hervor.
Ich war auch nicht scharf auf das Essen. Aber ich hatte Hunger. Und wenn man Hunger hat, kann einem sogar Pappe schmackhaft vorkommen, wie Molly bald feststellte, und so konnte ich sie überzeugen, den braunen Brei zu essen. »Ganz ehrlich, Biscuit hat schon recht, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, ist es gar nicht mehr so schlimm«, sagte ich, während ich an einem langen kalten Abend ihr schmerzendes Bein ableckte. »Komm schon, Schwesterchen, du brauchst Kraft für unsere Spaziergänge.«
»Welche Spaziergänge?«, fragte sie ausdruckslos.
»Ich bin sicher, dass er in den nächsten Tagen mit uns hinausgeht«, sagte ich, und nach einem Moment trüben Nachdenkens stimmte sie mir zu und rieb ihre Nase Trost suchend an meiner.
Wir beide glauben immer an das Gute. Das erscheint uns als die beste Möglichkeit, den Prüfungen des Lebens zu begegnen. Alles fällt einem doch gleich leichter, wenn man guter Dinge ist und nicht in Reglosigkeit verfällt. Ist man in Bewegung, kann einen der Ärger auch gar nicht einholen.
Doch es stellte sich heraus, dass Mr Minton kein großer Freund von Spaziergängen war.
In jenem ersten Monat blickten wir jedes Mal hoffnungsvoll auf, wenn er von seiner wöchentlichen Einkaufsrunde zurückkam, unsere Mägen grummelten bereits erwartungsvoll. Aber die schweren Konservendosen, gefüllt mit schmackhaften Futterstückchen in leckerer, cremiger Soße, sahen wir nie wieder. Uns blieb nur die Erinnerung an köstliche Häppchen vom Tisch, an Knochen, die wir abnagen und Schüsseln, die wir ausschlecken durften. Es war sehr schnell klar, dass die so wunderbar gefüllten Dosen nicht wiederkehren würden, sosehr wir auch jaulten und unsere Nasen über die pampigen Wurstpackungen rümpften. Denn mit Mrs Minton waren auch die guten Zeiten aus unserem Leben verschwunden.
Sogar Tina überwindet sich inzwischen, eine halbe Schüssel jener fragwürdigen Masse zu verspeisen. Ich vermute, sie will nicht noch dünner werden und – sollten wir tatsächlich mal einen Spaziergang machen – am Ende durch ein Abdeckgitter im Boden rutschen.
»Besser als Kacke zu essen«, sagt Jethro häufig freudlos, wenn er neben Biscuit zur Fütterungszeit hereintrottet. Sie sind beide recht anspruchslose Esser.
Manchmal, wenn ich darauf warte, dass der unappetitliche braune Brei in meiner Schüssel landet, bin ich mir nicht so sicher, ob er recht hat. Aber ich bin fest entschlossen, nicht zu verzweifeln.
Molly neben mir unter dem Tisch beginnt zu zittern, als Mr Minton laut über den nassen Boden schimpft und in seinen schweren Stiefeln davontrampelt, um einen Wischmopp zu holen.
»Überall das verfluchte Wasser«, ruft er, während er im Regal unter der Treppe herumpoltert. Eimer, Wischmopp und Besenstiel klappern laut gegeneinander. »Verdammte räudige Köter. Ihr seid eines Tages noch mein Tod, bei meiner armen Frau war es das Gleiche.«
Ich spüre, wie meine Schwester neben mir vor Angst bebt, und stupse sie tröstend an der Schulter. »Das meint er nicht so.«
»Tut er nicht?«
»Unser Leben wird wieder besser werden«, beruhige ich sie flüsternd. »Wirst schon sehen.«
»Das wird es. Auf jeden Fall«, stimmt sie mir schnell zu.
Sie hat recht. Wir haben beide recht.
Seit die alte Dame tot ist, läuft es für uns schlecht. Richtig schlecht. Doch das Leben wird bald wieder zur Normalität zurückkehren. Wenn Mr Minton endlich daran denkt, uns in den Park zu führen, denke ich voller Hoffnung, werden wir all die anderen Hunde mit ihren freundlichen Besitzern sehen und von einer Zukunft ohne Leine träumen, in der wir getätschelt werden und Leckereien bekommen und endlos hinter versabberten Tennisbällen herrennen dürfen.
Eines Tages wird das unsere Zukunft sein, meine und Mollys. Und bis dahin müssen wir fest die Pfötchen gedrückt halten.
Es ist ein wunderbarer Traum. Ein Traum, der den Schwanz sanft wedeln und die Augenlider flattern lässt.
Doch irgendwann wacht jeder einmal auf.
2
Gleich nach dem unglücklichen Eislaufunfall bewölkt sich der Himmel, und es regnet drei Tage ohne Unterlass. Der Regen rinnt an den Fenstern hinab, tröpfelt unaufhörlich von der Veranda und sammelt sich schließlich in großen, spritzenden Pfützen hinter dem Haus. Es regnet sehr stark, sodass es einem das Fell binnen Sekunden durchnässt und nur ein kräftiges Ganzkörperschütteln hilft, um wieder trocken zu werden.
Aus irgendeinem Grund ist Mr Minton nicht besonders scharf auf kräftiges Ganzkörperschütteln, und daher führt er uns nie spazieren, wenn es regnet. Stattdessen lässt er uns fünf Minuten morgens und fünf Minuten abends in den Hof, während er in der Tür steht und uns ärgerlich immer und immer wieder antreibt, unser »Geschäft« zu erledigen. Als ob das Antreiben irgendwie nützlich wäre, wenn man versucht, sich zu konzentrieren und in einer schlammigen Ecke des Hinterhofs tätig zu werden, während einem der Regen unter das Halsband läuft und die Pfoten kalt und nass werden. Doch ihm scheint das Spaß zu machen, sonst würde er nicht ständig die exakt gleichen Worte im exakt gleichen Tonfall wiederholen.
Am vierten Tag hört es auf zu regnen. Ein kleiner Sonnenstrahl wagt sich tapfer durch die eilig dahinziehenden Wolken. Wir alle heben hoffnungsvoll den Kopf, als Mr Minton nach seinen morgendlichen Spiegeleiern mit Speck einen Blick aus dem Küchenfenster wirft. Wird das heute ein Tag mit Ausgang? Geht es heute endlich raus?
Vor lauter Aufregung pupst Jethro einmal kräftig.
Zum Glück ist der alte Minton inzwischen ziemlich taub, zumindest scheint er nichts zu hören. Doch bald werden alle riechen, was da in der Luft liegt.
Nebenwirkungen der Pampe, denke ich voller Verständnis.
Nachdem er einen Moment lang den Himmel studiert hat, nickt Mr Minton und sagt: »Ich denke, heute gehen wir in den Park.«
Inzwischen hat er gelernt, dass er nicht »Spaziergang« sagen darf, wenn er vermeiden will, dass Biscuit dann vor Begeisterung völlig außer sich gerät.
Doch Jethro hat das Wort »Park« verstanden, und vor lauter Vorfreude beginnt er, mit dem Schwanz heftig auf den Boden zu trommeln.
Biscuit starrt auf den gelben Schwanz des Labradors und lässt dann seinen Kopf im Rhythmus des Trommelns auf und ab nicken. Er öffnet leicht den Mund, Speichel sammelt sich, und er hechelt voll Bedacht, bis sein Gesicht einen Ausdruck annimmt, als habe er eine Eingebung. Seine Augenlider zucken, er stemmt sein schweres Hinterteil nach oben, dreht sich dreimal um die eigene Achse und beginnt dann ebenfalls zu trommeln. In seinem ganz eigenen Rhythmus, überhaupt nicht synchron mit Jethro. Molly und ich protestieren jaulend. Biscuit hegt einfach nicht die gleiche Liebe zur Musik wie wir. Und grundsätzlich lässt sich über Labradore wohl sagen, dass sie nicht besonders künstlerisch veranlagt sind.
»Park?«, wiederholt Biscuit aufgeregt. »Park? Park?«
»Park«, stimmt Jethro zu.
Biscuits Grinsen wird breiter. Weiterer Speichel sammelt sich in seinen Lefzen, und ein langer feuchter Faden wandert langsam Richtung Boden. »Park«, seufzt er laut in offensichtlicher Verzückung, während Jethro zwei weitere Pirouetten dreht. »Park, Park.«
Tina erscheint in der Küchentür. Gähnend vor Langeweile, aber gleichzeitig unendlich graziös streckt sie ihre Vorderbeine. »Was um alles in der Welt geht hier vor? Bei dem Lärm, den ihr veranstaltet, hätte ich erwartet, dass Minton mindestens eine Floh- und Zeckenbehandlung gestartet hat.«
»Park«, klärt Jethro sie auf.
»Oh, das ist alles?«
»Park, Park, Park, Park, Park!«
Biscuit lässt in einem Zustand nahe der Hysterie eine Salve lautstarken Bellens in Richtung Mr Minton los, erntet aber nur einen missbilligenden Blick. Dann stößt er mit Jethro zusammen, der rückwärts in die Metallschale mit Wasser stolpert und sie erneut umkippt.
Wie ein kleiner Bach läuft das kalte Wasser über das Linoleum, und wir springen alle wild durcheinander, um uns in Sicherheit zu bringen.
Mr Minton sagt etwas, das Mrs Minton vor Empörung hätte aufschreien lassen. Jetzt kann er diesen Fluch ganz ungestraft ausstoßen. Laut und jederzeit.
Er erwischt Jethro am Halsband.
Wir anderen entkommen seinem Zorn, indem wir versuchen, uns unter dem kleinen Küchentisch zusammenzuquetschen. Doch es ist nicht genug Platz für alle. In dem Durcheinander tritt Tina auf Mollys schlimmes Bein, und meine Schwester heult auf. Ich knurre die unvorsichtige Windhündin an – normalerweise bin ich sehr höflich, aber wenn es um meine Familie geht, kann ich mich manchmal nicht zurückhalten – und sie beißt mir in den Hintern, was ich für vollkommen unangemessen halte.
In dem darauffolgenden Chaos dreht sich Biscuit voller Begeisterung und mit heraushängender Zunge zu mir um und fragt: »Was bedeutet ›Park‹ noch mal?«
Es dauert beinahe zwei Stunden, bis Mr Minton sich einigermaßen beruhigt hat. Wie immer nach solchen Zwischenfällen halten wir in der Küche Kriegsrat und schicken dann Tina ins Wohnzimmer, damit sie Mr Minton besänftigt.
Es klappt auch diesmal. Genau wie erhofft.
»Auf Tina ist Verlass«, sage ich zu Molly, und sie nickt.
»Beinahe unheimlich.«
»Ja, echt unheimlich.« Ich drehe meinen Kopf, um mein Gesäß zu lecken, denn es schmerzt noch immer von Tinas scharfen Zähnen. »Ich kann mir nicht erklären, wie sie das macht.«
Sie ist eine prima Schauspielerin, das ist ihr Rezept.
Dabei wendet sie am liebsten ihre spezielle Masche an, bei der sie sich an einen Menschen anpirscht, ihm ihren Kopf in den Schoß legt und ihn gefühlvoll ansieht. Sie hat nicht nur die richtige Größe für dieses Manöver, sondern eben auch den richtigen Gesichtsausdruck: große, runde Augen, eine sanfte Schnauze und die von Natur aus tragische Miene. Als ob nichts im Leben sie jemals wieder glücklich machen könnte. Außer vielleicht ein übrig gebliebenes Würstchen im Schlafrock. Ich als Beagle hätte in etwa so viel Chancen, Mr Mintons Schoß im Stehen zu erreichen, wie Biscuit einen Intelligenzwettbewerb für Hunde gewinnen könnte.
Zwanzig Minuten später sind wir im Park.
Es ist kein großartiger Park, eigentlich nur eine kleine Grünanlage mit einem umzäunten Spielplatz in der Mitte. Doch zwischen den ordentlich aufgereihten Bäumen gibt es wunderbare Trampelpfade, die nach Eichhörnchen duften und gespickt sind mit Hinterlassenschaften anderer Hunde, die deren Besitzer großzügig übersehen haben.
Auch Mr Minton denkt nicht immer daran, unsere Häufchen aufzusammeln, doch das liegt vielleicht an der Tatsache, dass sein Gedächtnis in letzter Zeit ein wenig nachgelassen hat.
Ich beobachte oft, wie er mit gerunzelter Stirn seine Taschen nach einem der Beutelchen durchwühlt und dann keines findet.
Er kann natürlich nichts dafür. Alte Hunde werden auch vergesslich.
Doch es würde unser Leben deutlich schöner machen, dächte er gelegentlich daran zu lächeln.
Und Hundecracker zu kaufen.
Sobald wir den kleinen Park erreichen, löst Mr Minton unsere Leinen und sieht hilflos dabei zu, wie wir in alle Richtungen davonstürmen.
»Dummer alter Minty«, lacht Tina und blickt ohne das geringste Schuldbewusstsein zurück, dann entdeckt sie auf einer nahe gelegenen Bank einen großen Mann im Anzug, der gerade ein Sandwich verspeist, und keine zehn Sekunden später sitzt sie neben ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und hat ihren gewinnendsten Blick aufgesetzt.
Wir haben alle einen Lieblingsplatz im Park. Jethro und Biscuit lieben die Blumenbeete, die den Park umranden – für Hunde natürlich streng verboten und daher für die beiden unwiderstehlich. Tina zieht menschliche Gesellschaft der ihrer Mithunde vor. Besonders wenn Essen im Spiel ist. Und so lugt sie am liebsten durch den Zaun, um die Kinder auf dem Spielplatz zu beobachten. Ganz sicher hofft sie, mit ihrem dünnen, zitternden Körper und ihren traurigen Augen früher oder später die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und wir alle wissen, dass Aufmerksamkeit bei Tina nichts anderes bedeutet als Leckereien. Kleinkinder halten ihre klebrigen Hände voller Süßigkeiten durch den Zaun, ältere Kinder schieben scharf riechende Chips hinterher und hin und wieder bieten aufmerksame Eltern eine Brotrinde an.
Ich dagegen liebe es, zwischen den Bäumen hin und her zu flitzen, schneller und immer schneller, und mit der Nase am Boden einem faszinierenden Duft zu folgen. Und Molly – nun ja, meine treue Schwester ist immer dort, wo ich bin. Sie ist nur etwas langsamer.
Heute renne ich ein paar Minuten lang im Kreis, schlage wild mit dem Schwanz und bin von so vielen Gerüchen, Düften und Aromen umgeben, dass mir ganz schwindlig wird und ich mich nicht entscheiden kann, welcher Spur ich zuerst folgen soll.
»Großartig!«, rufe ich, und meine Nasenlöcher blähen sich auf, als ich auf dem feuchten Rasen immer wieder umherschnüffle. »Was ist das für ein Geruch? Und dieser hier? Und der da?«
Molly setzt sich in die Mitte meines schwindelerregenden Laufweges und hechelt leise, während sie darauf wartet, dass ich mich entscheide. Dabei guckt sie mit aller Nachsicht aus ihrem kessen braun-weiß gefleckten Gesicht.
Man könnte auch sagen, sie ist an meinen Wankelmut gewöhnt.
Obwohl es sich genau genommen gar nicht um Wankelmut handelt. Ich versuche einfach nur, mich zu entscheiden! Ein ziemlich komplizierter und wissenschaftlicher Prozess ist das. Denn dabei gilt es zuerst, die reizlosen Gerüche auszusortieren, um mich dann mit aller Hingabe den verlockendsten zuzuwenden.
Unsere Mitbewohner sind indessen in ganz eigene problematische Entscheidungen verstrickt. Spaziergänge sind immer chaotisch und enden nicht selten in verhedderten Leinen und lautstarkem Tumult, doch heute geht es noch wilder zu als sonst, vermutlich weil wir die letzten Tage im Haus eingesperrt waren und darauf gewartet haben, dass der verfluchte Regen endlich aufhört. Daher dauert es nach dem Lösen der Leinen nur wenige Augenblicke, bis wir alle etwas tun, was wir nicht sollten, jeder an einem anderen Ende des Parks, während Minty herumsteht und uns der Reihe nach anschreit, was bei uns allerdings ohne die geringste Wirkung bleibt.
Jethro fühlt sich als unser Anführer, Biscuit als sein Stellvertreter. Es ist also eine Art Gemeinschaftsprojekt, als sie sich mit heftigem Schwanzwedeln einem arglosen kleinen Jungen nähern, der ein Eis in der Hand hält. Seine Mutter schreit auf und versucht, die beiden mit ihrer Handtasche zu verscheuchen. Biscuit blickt erschrocken und schuldbewusst zugleich, die Spitzen seiner gelben Schlappohren aufgerichtet, den Körper geduckt, als ob das alles ein schreckliches Missverständnis sei. Jethro dagegen, dem es überhaupt nicht gefällt, sich zu ducken, schlägt um ins andere Extrem und bellt den Jungen frech an, der daraufhin – wenig überraschend – das Eis fallen lässt und zu weinen beginnt.
Es wird Zeit, dass Mr Minton einschreitet.
»Ihr ungezogenen Köter!«, schreit er und greift Jethro am Halsband, damit er nicht entkommen kann. »Weg von dem Eis!«
Jethros Augen treten hervor, als er widerstrebend von der am Boden liegenden Eiscreme weggezogen wird.
»Nein«, stöhnt er und versucht, die Zwangsentfernung aufzuhalten, indem er sein dickes Hinterteil in den Boden rammt und die Krallen in die Erde versenkt, was zur Folge hat, dass er eine schöne Labradorspur im Boden hinterlässt.
»Will jetzt niemand mehr das Eis?«, fragt Biscuit scheinheilig. Er wartet natürlich nicht ab, ob jemand antwortet, sondern versenkt seine Nase sofort tief in das weiße Häufchen am Boden. »Lecker, aber kalt, kalt, kalt. Zähne schmerzen.« Dann stößt er auf die Waffel und beißt genüsslich hinein. »Oh, das ist besser. Nicht so … halt.«
Molly sieht ihn an, dann mich, ihr Köpfchen fragend zur Seite geneigt. »Halt?«
»Er meint, nicht so kalt.«
Ich spiele mit dem Gedanken, die letzten Reste der Eiscreme selbst zu untersuchen. Ich kann sie von hier aus riechen, es ist bestimmt sehr gut. Doch vermutlich wird Biscuit meine Einmischung nicht besonders schätzen, zudem hat Mr Minton Jethro wieder an die Leine genommen und blickt nun nicht gerade fröhlich drein. Er macht wieder die Sache mit seinen Haaren. Und er hat nun wirklich nicht mehr viele Haare übrig.
»Denkst du … sollten wir zurückgehen?«, fragt Molly vorsichtig und beobachtet dabei den alten Minton, der mit dem widerspenstigen Jethro kämpft.
»Vermutlich.«
Aber ich bewege mich nicht von der Stelle. Die Sache hat einfach zu großen Unterhaltungswert.
Mr Minton greift nun auch nach Biscuits Halsband und wendet sich dann an die Mutter des kleinen Jungen, um sich ausgiebig bei ihr zu entschuldigen. Die junge Frau müht sich gerade damit ab, ihren Sohn in den Buggy zu setzen und stößt allerlei Flüche über die ungezogenen Hunde aus. Ich schnappe das Wort »Polizei« auf und sehe, wie sich Mr Mintons Miene verändert.
»Es tut mir wirklich sehr, sehr leid«, sagt er nun fast schon verzweifelt. »Es wird nie wieder vorkommen.«
Doch die Frau ist bereits gegangen.
»Halt, nur noch einmal schlecken, einmal …« Biscuit wird nun auch fortgezogen. Mit seiner kummervollen Miene und seinem weißen Bart sieht er aus wie ein Hund im Weihnachtsmannkostüm. Er starrt vergeblich auf die vom Eis aufgeweichte Grasstelle, die er für einen anderen glücklichen Hund zurücklassen muss. »Ach, verdammt.«
Minton, dessen Gesicht inzwischen von einem gefährlichen Rotton überzogen ist, schnauft und bückt sich, um die Leine an Biscuits Halsband zu befestigen. »Du schrecklicher Hund.«
Biscuit streckt die Zunge heraus und schleckt suchend an seiner Schnauze herum, um an den letzten Rest Eis zu kommen, der an seinem Kinn klebt. Doch es gelingt ihm nicht. Sein Gesicht nimmt einen verdutzten Ausdruck an, als ihm klar wird, dass er den milchig-weißen Schatz, der so nah zu sein scheint, nicht lokalisieren kann. »Wo ist es? Wo?«
Unterdessen beschließt Jethro, einfach wild auf das Eis loszustürmen, doch dadurch verheddert sich seine Leine nur noch mehr mit der von Biscuit. »Komm, wir ziehen«, keucht er und zerrt an der Leine. »Ziehen, ziehen, ziehen! Los, Biscuit!«
Mr Minton, dessen Gesicht nun rot wie eine Tomate ist, flucht und müht sich ab, die Leinen zu entwirren, doch die beiden Labradore stehen einfach nicht lange genug still. Vielmehr versuchen die beiden Dummköpfe, so verknotet, wie sie sind, weiterzulaufen, was ihnen nur seitwärts gelingt und aussieht wie ein pelziger gelber Krebs.
Molly und ich sehen staunend dabei zu, wie sich die beiden plötzlich aus Mintons Griff befreien und gemeinsam über das Gras watscheln, die Leinen hinter sich her schleifend, untrennbar am Hinterteil verbunden, wie zwei Hälften eines riesigen torkelnden Monsters mit acht Beinen und zwei Schwänzen. Tina, die ankommt, um dieses sonderbare Geschöpf zu besichtigen, wird mit einem Schrei umgestoßen, als die beiden weiter einem unbekannten Ziel entgegenwanken, während Minton hinter ihnen herhinkt, seine Faust hilflos in die Luft gereckt.
In aller Ruhe pflanze ich mein eigenes Hinterteil nun aufs Gras und genieße die Vorführung. »Was für ein Spaß! Können wir das morgen noch mal machen?«
Molly hingegen – so stelle ich überrascht fest – ist von diesen Mätzchen nicht besonders begeistert. Sie steht neben mir, die Stirn sorgenvoll in Falten.
Ich neige meinen Kopf zur Seite und blicke sie an.
»Schwesterchen, was ist los?«
Molly stößt ein leises Wimmern aus. »Ärger«, sagt sie ein wenig rätselhaft und hebt dann ihren Kopf, um in der Luft zu schnüffeln. »Ich kann ihn schon riechen.«
3
Am nächsten Morgen, als Mr Minton hinter dem Haus zum fünften Mal einen Zaun reparieren muss, weil Biscuit ihn immer wieder umstößt, höre ich Jethro die Treppen heraufpoltern. Ich hatte die Gunst der Stunde genutzt, solange Mr Minton nicht im Haus war und mich verscheuchen konnte, und war auf dem Sofa eingeschlafen, doch beim knarzenden Geträusch von Jethros Krallen auf dem Treppenabsatz schrecke ich mit aufgestellten Ohren hoch.
Molly neben mir auf dem Sofa ist noch immer im Tiefschlaf. Aber Tina schielt ebenfalls zur Decke hoch, die unter Jethros Gewicht bebt.
Sie sieht mich an und schüttelt den Kopf. »Das wird Minton nicht gefallen. Dass einer von uns oben ist.«
Biscuit trottet auf drei Beinen aus der Küche herüber, während er sich mit dem vierten kratzt. Das ist so ein Trick von ihm. »O… o… oben?«
»Jethro«, kläre ich ihn auf.
»Oh, das ist nicht gut. Nicht gut.« Das Kratzen erreicht seinen Höhepunkt, und sein ganzer Körper schüttelt sich. Dann hört er plötzlich auf. »Nicht oben.«
»Er sollte besser runterkommen, ehe Minton ihn dort oben findet«, kommentiert Tina das Geschehen, bevor sie sich elegant in ihrem Körbchen umdreht und sich wieder schlafen legt.
Biscuit, der das Interesse an der Sache verliert, geht in die Küche zurück.
Ich lausche weitere dreißig Sekunden, lege dann mein Kinn auf die Pfoten, schließe die Augen und versuche, ebenfalls wieder einzuschlafen.
Doch ich bin unruhig.
Mr Minton mag es überhaupt nicht, wenn wir in den ersten Stock vordringen. Dort ist menschliches Hoheitsgebiet, das war schon so, als seine Frau noch lebte. Ich war in meinem ganzen Leben nur wenige Male oben, es ist düster und langweilig. Zugegeben, die Toilette riecht immer verführerisch. Doch abgesehen davon kann ich mir nicht vorstellen, wieso Jethro es wagt hinaufzugehen. Außer, dass er sehr eigensinnig ist und gerne Ärger macht. Und das bedeutet natürlich auch Ärger für uns.
Da ist Jethro sehr großzügig.
Ich denke, dass er schon nicht so dumm sein wird, länger oben herumzulungern, und beschließe, mir keine Sorgen mehr zu machen. Es ist so ein schöner warmer Morgen, und außerdem bin ich so müde …
Es vergehen zehn Minuten, und Jethro kommt noch immer nicht herunter.
Ein paar Minuten später schrecke ich wieder hoch, weil es im ersten Stockwerk plötzlich rumpelt, es folgt ein unterdrücktes Knurren, als ob Jethro mit jemandem ein wildes Spiel veranstalten würde. Oder vielmehr mit sich selbst, denn wir anderen sind ja hier unten.
Sogar Molly blickt dieses Mal auf und lässt ihren Blick sorgenvoll zur Decke wandern. »Was ist das?«
»Jethro«, antworte ich. »In Mintons Schlafzimmer.«
»Meine Güte. Hat er seit unserem Ausflug gestern nicht schon genug Ärger?«
»Offenbar nicht.«
Sie seufzt, dann streckt sie sich und hüpft vorsichtig vom Sofa. »Wir sollten ihn herunterholen, ehe Minton wieder zurückkommt.«
»Lassen wir ihn, er wird schon von selbst rechtzeitig zurückkommen«, sagt Tina mit gedämpfter Stimme von ihrem Korb aus, ihr Gesicht von der langen Vorderpfote verdeckt.
Molly zögert kurz und trottet dann langsam in die Küche. Als sie wieder da ist, ist ihr Blick beunruhigt. »Minton ist fast fertig mit dem Zaun«, berichtet sie.
»Und was bedeutet das?«, frage ich gähnend.
»Das bedeutet, dass wir Jethro nach unten locken müssen, wenn wir nicht noch so eine Szene wie gestern erleben wollen und am Ende nicht mal mehr Pampe zum Abendessen bekommen. Minton kann jeden Moment wieder hereinkommen.«
»Warum muss ich das machen? Kann Biscuit nicht gehen? Oder Tina?«
Tina hebt ihre Pfote vom Gesicht, starrt mich einige Sekunden lang an, lässt die Pfote wieder über ihre Augen sinken und täuscht ein Schnarchen vor.
Molly legt skeptisch ihren Kopf zur Seite. »Biscuit? Du willst Biscuit schicken, um Jethro herunterzuholen? Da könnten wir gleich den Teekannenwärmer nach oben schicken, der hätte größere Erfolgsaussichten.«
»Verdammt«, murmele ich.
Ich hatte gerade so einen schönen Traum. Von einem Eichhörnchen.
Doch ich springe schließlich vom Sofa und stupse Molly an der Schulter, um sie zu beruhigen. »Keine Sorge. Wenn du denkst, dass wir Jethro runterbringen sollten, dann tun wir das auch.«
»Danke, Bertie.«
Ich halte inne. »Tina?«
»Keine Chance«, antwortet sie.
Ich sehe Molly an und zucke die Schultern. »Also los, du und ich, Schwesterchen.«
»Kein Problem für mich.«
Ich spurte die Treppen hoch, Molly ist mit ihrem schlimmen Bein etwas langsamer. Oben ist es düsterer als in meiner Erinnerung, doch durch Mintons Schlafzimmertür, die einen Spalt offen steht, strömt Sonnenlicht auf die nackten Holzdielen. Mr Minton hat wohl die Vorhänge aufgezogen, als er heute Morgen aufstand, denke ich und stupse die Tür mit meinem Kopf an, um vorsichtig hineinzuspähen.
Jethro ist drinnen. Er steht auf den Hinterbeinen und ist schon halb im Kleiderschrank verschwunden, dessen Tür offen steht, und wühlt schnüffelnd darin herum.
»Was in aller Welt tut er da?«, fragt Molly irritiert.
Erschrocken wirbelt Jethro herum. Dann erkennt er, dass es nur wir sind und nicht Minton, und entspannt sich wieder. Seine Zunge hängt heraus, als er ein wenig schief grinst.
»Ach, ihr seid es.«
Ich bemühe mich zu erkennen, was er im Kleiderschrank sucht. »Was hast du denn da, Jethro?«
»Das geht dich überhaupt nichts an.«
»Das geht mich sehr wohl etwas an, wenn wir deswegen alle kein Abendessen bekommen.«
»Zischt ab, Zwerge«, fordert er uns von oben herab auf und fügt dann noch einen sehr unhöflichen Ausdruck hinzu, der Molly erstarren lässt.
»Seht ihr nicht, dass ich hier beschäftigt bin?«
Ich knurre, und meine kurzen Nackenhaare stellen sich auf. »Pass auf, was du in Gegenwart meiner Schwester sagst«, warne ich ihn.
»Sonst … was?«
Ich werde so wütend, dass ich nach vorn stürme und mich mit aller Kraft gegen ihn werfe. Da ich aber höchstens bis zur Hälfte von Jethros Bein reiche, ist das nicht gerade ein K.-o.-Schlag. Für mich fühlt es sich allerdings so an, als würde ich mit meinem Gesicht frontal in eine Mauer knallen, und ich taumele zurück, vorübergehend außer Gefecht gesetzt. Doch ich erhole mich schnell. Wer kein Hirn hat, fühlt auch keinen Schmerz, pflegte Mr Minton immer zu sagen, wenn ich als Welpe aus Versehen mit dem Kopf gegen eine Tür rannte.
Mein Angriff verfehlt trotzdem nicht ganz seine Wirkung.
Jethro wankt rückwärts, und so kann ich in den Schrank hüpfen, während er damit beschäftigt ist, sein Gleichgewicht wiederzufinden.
Ich stoße ein kurzes triumphierendes Bellen aus, doch natürlich hält mein Sieg nicht lange an. Wir haben nicht einmal ansatzweise die gleiche Gewichtsklasse, und daher war meine einzige Chance gegenüber einem größeren Hund wie Jethro der Überraschungsangriff, aber dieser Effekt ist jetzt verpufft.
»Du bist tot«, erklärt Jethro knurrend, während er auf mich zukommt, seine Stimme tief und bedrohlich.
Ich stehe auf einem von Mrs Mintons Sommerkleidern, das am Boden des Kleiderschranks liegt. Das alte Kleid ist zerknittert und zerknüllt, vermutlich wegen Jethros Wühlaktion. Als ich daran schnüffele, wird mir auf einmal klar, warum Jethro das getan hat.
Ich muss mich zusammennehmen, um nicht vor Abscheu und Mitleid über ihn die Nase zu rümpfen. Doch vermutlich hat er seine Gründe. Wir alle haben uns nicht besonders vernünftig seit Mrs Mintons Tod verhalten.
»Was ist das?«, fragt Molly und kommt aus ihrem Versteck unter dem Bett hervor. Ihre Augen werden groß. »Ist das … eines von Mrs Mintons Kleidern?«
»Ja«, muss ich zugeben.
»Was ist das für ein Geruch?« Sie schlüpft an Jethro vorbei in den Schrank, ignoriert dabei tapfer sein warnendes Knurren und schnuppert an dem Kleid. »Igitt«, ruft sie aus und sieht ihn von der Seite an. »Hast du auf das Kleid gesabbert?«
Jethro blickt leicht verlegen von einem zum anderen. »Nein«, sagt er, und nach einem kurzen Zögern: »Vielleicht.« Schließlich rollt er die Augen gen Himmel und gibt zu: »Okay. Ja. Na und? Ein wenig Sabber schadet doch nicht.«
»Ekelhaft«, sagt Molly nur.
»Es riecht so gut«, verteidigt er sich.
Darin sind wir uns alle einig. Das Kleid riecht tatsächlich wunderbar nach Mrs Minton. Es verströmt einen warmen, tröstlichen Duft nach Puder und Schweiß und Taschen voller Hundecracker. Der Geruch lässt mich an kleine Happen vom Tisch, lange Spaziergänge am Kanal und stundenlanges Bauchkraulen auf der Couch denken, all die Dinge, die wir jetzt nicht mehr haben.
Aber es hilft nichts. Die arme Frau ist seit Monaten tot. Und Jethro geht hin und sabbert eines ihrer alten Kleider voll. Dafür hätte vermutlich nicht einmal sie selbst Verständnis gehabt.
»Mr Minton wird das nicht gefallen«, warne ich ihn. »Die Menschen sind mit ihren Klamotten etwas eigen.«
»Inwiefern?«, fragt er.
»Nun, zunächst einmal wollen sie sie anziehen«, erläutere ich, doch daran kann er nichts Ungewöhnliches finden. »Und dann mögen sie es nicht, wenn sie vollgesabbert sind.«
»Sie ist doch gar nicht da. Sie weiß ja gar nichts davon.«
»Aber Mr Minton wird bald davon erfahren«, sagt Molly vorsichtig. »Und er wird darüber nicht sehr erfreut sein. Er wirft alte Dinge, die er nicht mehr braucht, doch normalerweise weg. Aber ihre Kleider hat er nicht weggeworfen, obwohl sie nicht mehr da ist.«
Jethro knurrt wieder. »Ich habe jetzt keine Lust mehr auf diese Unterhaltung.«
»Du meinst, du weißt nicht mehr, was du antworten sollst«, sage ich.
Er stürzt sich auf das Kleid und fasst es mit den Zähnen, um es unter meinen Pfoten vollständig aus dem Kleiderschrank herauszuzerren.
»Hey«, rufe ich, während ich mit dem Kleid vorwärtsgezogen werde.
»Meins«, knurrt er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, den gestreiften Stoff immer noch im Maul.
»Bring es zurück.«
»Versuch doch, mich zu zwingen.«
Ich habe keine Chance. Ich bin einfach zu schmächtig, um ihn aufzuhalten. Und beim nächsten schweren Angriff würde ich aus dem Schrank fallen, das Kleid mit herausreißen und womöglich auf Molly stürzen.
Ich setze mein Hinterteil am Boden ab, stemme mich seiner Kraft entgegen und knurre wütend zurück, ehe ich den Saum des Kleides, der langsam zu entschwinden droht, mit den Zähnen packe.
Jethro ist außer sich vor Wut. Er sieht aus, als wolle er mir bei nächster Gelegenheit den Kopf abreißen.
»Meins«, wiederholt er und zerrt an dem Kleid.
»Nicht deins«, widerspreche ich und zerre in die entgegengesetzte Richtung.
Er zerrt fester. »Meins!«
»Verdammt noch mal! Es ist nicht deins!«
»Meins, meins, meins!«
Ich knurre und ziehe kräftig, er knurrt und zieht ebenfalls kräftig. Das Kleid dehnt sich zwischen uns, der dünne Stoff ist zum Zerreißen gespannt.
»Bitte! Passt auf!«, japst Molly, die mit vor Schreck geweiteten Augen zusieht.
Auf der Treppe sind auf einmal schwere Schritte zu hören, doch in unserem Kampf um die Herrschaft über Mrs Mintons Kleid verdrängen wir das Geräusch, bis Mr Minton plötzlich höchstpersönlich in der Tür steht. Er starrt uns an, drei Hunde in seinem Schlafzimmer, in seinem privaten Bereich, zwei davon in ein Tauziehen um eines der Lieblingskleider seiner toten Frau verwickelt.
»Ihr …« Er ringt nach Atem und donnert dann seine Faust gegen die Wand. Sein Gesicht ist rot. »Ihr verfluchten Köter. Ich sollte euch alle einschläfern lassen!«
Er wankt fluchend auf uns zu, seine Faust schlägt dabei immer wieder gegen die Wand.
»Ich hab dir doch gesagt, dass er wütend sein wird, Jethro«, presse ich mühsam zwischen meinen noch immer in das Kleid verbissenen Zähnen hervor.
»Er ist immer wütend«, gibt Jethro zurück und zieht wieder an seinem Ende des Kleides. Er ist derart entschlossen, als Sieger aus diesem Kampf hervorzugehen, dass er Mr Minton völlig ignoriert.
Und er gewinnt.
Von dem dünnen Sommerkleid, das dem Zug nicht mehr standhalten kann, reißt mit einem lauten Ratsch der Saum ab. Ich falle rückwärts in den Kleiderschrank. Jethro taumelt gegen einen hölzernen Bettpfosten, einen Fetzen des Kleides immer noch siegreich zwischen den Zähnen.
Mr Minton stößt ein wütendes Röcheln aus und greift nach Jethros Halsband. »Das war’s, jetzt hab ich die Schnauze voll!«, schreit er und schlägt Jethro fest auf den Hintern. »Lass los! Lass es fallen! Gib es mir! Jetzt!«
Zu meinem Erstaunen knurrt Jethro – unbeeindruckt von den Schlägen – Mr Minton weiter an und weigert sich, das zerrissene Stück Stoff, das aus seinem Maul hängt, freizugeben.
Wir starren ihn alle mit weit aufgerissenen Augen an.
Er bricht die oberste Regel: Verhalte dich nie aggressiv deinem Herrchen gegenüber. Es scheint ihm völlig egal zu sein.
Molly stößt einen kleinen Schreckensschrei aus. »Lauf, Bertie!«, ruft sie mir zu, bahnt sich dann einen Weg durch Mr Mintons Beine hindurch und stürmt die Treppe hinab.
Ich warte ein paar Sekunden, bevor ich ihr hinterhersause, nach unten in unser bewährtes Versteck. Tina ist bereits dort, macht aber stumm Platz für uns. Wie meine Schwester hat sie einen siebten Sinn für drohenden Ärger.
Von oben hören wir dumpfes Rumpeln, Bellen und Geschrei.
Molly schlottert, als sie sich neben mir unter dem Küchentisch verkriecht. Ihre Miene verrät, dass ihr Bein schmerzt.
»Das ist nicht gut«, flüstert sie. »Gar nicht gut.«
Ich versuche, sie zu beruhigen. So wie immer, wenn sie sich Sorgen macht oder aufgeregt ist. Doch diesmal lasse ich es gleich wieder.
Denn zum ersten Mal weiß ich nicht, wie ich ihr die Sorgen nehmen soll.
Ich habe Mr Mintons Gesicht gesehen, als er in das Zimmer kam und uns um das Kleid seiner toten Frau kämpfen sah. Sein Ausdruck war kein besonders gnädiger gewesen.
Im Park hatte Molly gesagt, sie könne Ärger riechen, wenn er im Anmarsch ist.
Ich glaube, jetzt ist er da.
Und tatsächlich, keine fünfzehn Minuten später sind wir alle wieder an der Leine und traben eilig mit Mr Minton die Straße entlang.
Es scheint wie eine Wiederholung unseres vorigen Ausflugs.
Mit dem Unterschied, dass die Stimmung dieses Mal nicht voll energiegeladener Freude ist. Mit wildem Herumtoben im Park oder einem gemütlichen Spaziergang entlang des Kanals ist wohl nicht zu rechnen. Mr Minton trägt seine Schiebermütze, sein Blick ist grimmig. Er hat eine große Tasche dabei, die mit all unseren Futterschüsseln und Spielsachen vollgestopft ist. Sogar Tinas alte Wolldecke ist darin.
Nach einem langen Marsch in eine Gegend, die wir nicht kennen, über unbekannte Straßen voller Autos und Abgase, hält er vor einem niedrigen, düsteren Gebäude an, das nach Hunden und Angst riecht. Jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Ich kann das Schild über der Tür nicht lesen, erkenne aber das Bild eines Hundes und eines riesigen Pfotenabdrucks daneben.
Ich schnüffele, doch alles, was ich riechen kann, sind Autoabgase.
»Rein hier«, sagt Mr Minton barsch und zieht an unseren Leinen. Wir drängen uns alle hinter ihm durch den schmalen Eingang, rempeln uns dabei verängstigt gegenseitig an.
Als Tinas Schwanz beinahe von der zufallenden Tür eingeklemmt wird, schreit sie auf.
Minton blickt sich nicht einmal nach ihr um, sondern schleppt uns alle vor den Empfangstresen. »Ich habe genug von dieser Bande«, sagt er zu der jungen Frau. »Sie gehörten meiner Frau, doch die ist nun tot, also will ich sie loswerden.« Er zeigt ihr die Tasche. »Ich habe alle Papiere und das ganze andere Zeug hier. Ich wusste nicht genau, was Sie alles brauchen.«
Sie beugt sich über den Tresen und zählt uns. »Fünf Hunde?«, fragt sie ungläubig und lächelt dann Tina an. »Oh, die ist aber hübsch.«
Tina lächelt listig zurück.
»Ja, fünf.« Mr Minton hält inne. »Muss ich etwas bezahlen?«
»Nein, aber Sie können Ihre Meinung nicht mehr ändern, wenn die Hunde einmal aufgenommen sind. Sind Sie sich ganz sicher, Sir?«
»Absolut«, sagt er ohne das geringste Zögern.
