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Wann ist ein Mensch beruflich erfolgreich? Wie wirkt sich eine AD(H)S auf den beruflichen Erfolg aus? Gibt es besondere individuelle und betriebliche Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit Menschen mit AD(H)S Erfolg im Beruf haben? Unterscheiden sich diese Voraussetzungen von denen, die für Menschen ohne AD(H)S erfüllt sein müssen. Diesen Fragen sind die Autorinnen nachgegangen. Im Mittelpunkt des Buches steht eine Befragung von Berufstätigen mit AD(H)S zu ihren Erfolgsfaktoren. Berufstätige ohne AD(H)S wurden als Kontrollgruppe befragt. Die Ergebnisse dieser Studie werden im ersten Teil des Buches dargestellt. Auf dieser Basis und im Zusammenspiel mit wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten die Autorinnen praxisnahe Hinweise und Tipps zur Förderung des beruflichen Erfolgs ab. Diese finden sich im zweiten Teil. Die Interviewten kommen immer wieder durch Zitate zu Wort, in denen sie ihre Sicht auf den beruflichen Alltag und eigene Strategien zur Bewältigung von beruflichen Alltagssituationen schildern.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2021
Sander / Kögler
Beruflich erfolgreich sein mit AD(H)S
Danksagung:
Wir bedanken uns zuallererst bei den Menschen, die bereit waren, uns in den Interviews ausführlich Auskunft über ihre berufliche Biografie und ihre aktuelle Situation zu geben. Ohne ihre Offenheit und persönliche Aufrichtigkeit hätten wir das Buch nicht schreiben können.
Wir bedanken uns weiter bei der Fakultät für Gesundheitswesen der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wolfsburg und besonders bei Herrn Gerold Niemeyer für die Unterstützung und den Zugang zur Auswertungssoftware.
Ein Dank geht auch an den Selbsthilfeverein „Juvemus“ der es ermöglicht hat, Interviewpartner über seine Zeitschrift und über seine Homepage zu finden. Unser Dank gilt ebenfalls Herrn Dr. Matthias Rudolph für das Verfassen des Geleitworts und für ein ausführliches Interview, in dem wir unsere Ergebnisse mit seinen Erfahrungen abgleichen konnten.
Letztlich möchten wir auch unseren Familien für die Ermutigung und Unterstützung danken.
Beruflich erfolgreich sein mit AD(H)S -Individuelle und betriebliche Voraussetzungen
Ortrud SanderundUte Kögler
© 2021 Sander, Ortrud / Kögler, Ute
Herausgeber: Dr. Sander, Ortrud; Am Heerberge 12, 31311 Uetze
Kögler, Ute, Am Stadtwald 73, 53177 Bonn
Umschlagbild: www.shutterstock.com – Shutterstock, Inc. | 350 Fifth Avenue, 21st Floor | New York, NY 10118 | USA
Verlag& Druck: tredition GmbH, Halenriede 40-44,22359 Hamburg
ISBN 978-3-347-37370-9 (Paperback)
ISBN 978-3-347-37372-3 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar
Inhalt
Geleitwort
Vorwort
Teil I Was beeinflusst den beruflichen Erfolg? Gibt es Unterschiedebei Menschen mit AD(H)S im Vergleich zu Menschen ohne AD(H)S? – Eine Befragung
An wen richtet sich das Buch?
Kapitel 1: Annahmen zur AD(H)S bei Erwachsenen
Öffentliche Wahrnehmung der AD(H)S
AD(H)S bei Erwachsenen – Ein kurzer Abriss
Potenziale bzw. Stärken von Menschen mit AD(H)S
Kapitel 2: AD(H)S und Beruf
Arbeitsfähigkeit und Job-Passung als Grundlage des beruflichen Erfolges
Konzept der Salutogenese – Umgang mit Stressoren
Verschiedene Sichtweisen aufdie AD(H)S
Erweiterte Sichtweisen der AD(H)S
Kapitel 3: Studie zum beruflichen Erfolg von Menschen mit und ohne AD(H)S
Grundlagen der Befragung
Beschreibung und Auswertung der Stichprobe
Analyse der Ergebnisse
Unterschiede zwischen Interviewten mit und ohne AD(H)S
Zusammenfassende Betrachtung
Teil II Wie kann beruflicher Erfolg bei Menschen mit AD(H)S in der Praxis gefördert werden?
Kapitel 4: AD(H)S und beruflicher Erfolg – Maßnahmen zur Umsetzung in die Praxis
Blick der Interviewten mit AD(H)S auf ihre Arbeitssituation
Stressoren und individuelle Strategien zur Stressbewältigung
Individuelle Strategien zur Stressbewältigung
Voraussetzungen für Arbeitsfähigkeit und beruflichen Erfolg
Eigene Stärken und Schwächen erkennen und realistisch einschätzen
Hartnäckigkeit und Disziplin bei derVerfolgung von Zielen
Mitteilung der Diagnose im beruflichen Umfeld
Zusammengefasst: ´Hinweise und Tipps zur Förderung der eigenen Arbeitsfähigkeit
Betriebliche Voraussetzungen – Arbeitsorganisation und Mitarbeiterführung
Zusammenfassend: Förderung der Arbeitsfähigkeit im Betrieb
Kapitel 5: Arbeitsfähigkeit auch mit AD(H)S langfristig erhalten
Bezugspersonen als soziale und emotionale Unterstützer
Coaching
Therapie
Kapitel 6: Fazit und Ausblick
Fazit
Abschließende Anmerkungen
Anhang
Ergänzende Informationen zur AD(H)S
Neurophysiologische Vorgänge bei der AD(H)S
Komorbiditäten bei AD(H)S
Glossar
Literaturverzeichnis
Geleitwort
„Beruflich erfolgreich sein mit AD(H)S“ von Dr. Ortrud Sander und Ute Kögler. Lange Zeit war man der Überzeugung, bei ADHS handele es sich um eine reine Kinderkrankheit. Heute wissen wir, dass ungefähr die Hälfte der Betroffenen auch im Erwachsenenalter noch eine relevante Symptomatik aufweisen. Probleme mit Konzentration, Aufmerksamkeit, Motorische Unruhe, Vergesslichkeit, Desorganisiertheit, Stimmungsschwankungen, etc. können nicht nur das Privatleben, sondern auch das Berufsleben ganz erheblich beeinträchtigen.
Gleichzeitig haben Menschen mit ADHS im Vergleich zu nicht Betroffenen besondere Fähigkeiten und Stärken, wie zum Beispiel Neugier, Risikobereitschaft, Energie, Kreativität, Phantasie, rasche Auffassungsgabe, Begeisterungsfähigkeit u.v.a.m. Davon können sie im Berufsleben sogar besonders profitieren. Grundsätzlich gibt es nicht „Den Beruf für ADHS’ler“ und auch kaum echte „No Gos“, also Berufe, die sich grundsätzlich gar nicht für Menschen mit ADHS eignen.
Aus der Praxis heraus finden sich zwei Abschnitte im Leben eines ADHS die mit Bezug auf den Beruf besondere Fallstricke beinhalten:
1. Berufswahl und Einstieg ins Berufsleben
Menschen mit ADHS sollten sich besonders gründlich mit den eigenen Stärken und Schwächen beschäftigen (Potentialanalyse) und sich im Rahmen von Praktika ganz konkret mit den Arbeitsbedingungen vertraut machen. Im Studium könnte die Aufschieberietis ober Prokrastination zum Problem werden. Hier sollten ggf. konkrete Hilfen und Unterstützungsmaßnahmen in Anspruch genommen werden.
2. Mitten im Berufsleben,
wenn sich Rahmenbedingungen ändern oder die Kräfte nachlassen. Sollte es nach vielen erfolgreichen Jahren im Berufsleben plötzlich zu ADHS-typischen Problemen kommen, kann eine genaue Analyse der persönlichen Situation hilfreich sein. Ggf. kann durch gezielte Maßnahmen im Rahmen von medizinischer und oder beruflicher Rehabilitation der Verbleib im Erwerbsleben langfristig gesichert werden.
Frau Dr. Ortrud Sander und Ute Kögler haben mit viel Sachverstand und einem hohen Maß an persönlichem Engagement eine sehr gut gemachte Untersuchung zur Fragestellung: „Mit AD(H)S erfolgreich im Beruf. Geht das?“ verfasst. Es ist das besondere Verdienst der Autorinnen das Thema „ADHS und Beruf“ nicht klassischerweise defizitorientiert anzugehen, sondern aufzuzeigen, welcher Maßnahmen es Bedarf, damit auch Menschen mit ADHS im Beruf erfolgreich sein können. Sie machen Mut und stellen dabei eine Vielzahl ganz konkreter Handlungsoptionen vor. Ich wünsche der Arbeit eine breite und wohlwollende Rezeption und viel Erfolg.
Dr. Matthias Rudolph
Ärztlicher Direktor der Mittelrhein-Klinik, Bad Salzig
Vorwort
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung, (AD(H)S) galt lange als Störung, die ausschließlich im Kindes- und Jugendalter auftritt. Mittlerweile ist es Konsens, dass ca. 60% der Betroffenen auch im Erwachsenenalter Symptome einer AD(H)S aufweisen. Bei einer Prävalenz von 4 bis zu 6% und einem Weiterbestehen bei ca. 60 % im Erwachsenenalter kann davon ausgegangen werden, dass ca. 1,5 bis 2 Mio. Erwachsene in Deutschland eine mehr oder weniger ausgeprägte Form der AD(H)S aufweisen.
Bisher spielt das Thema „AD(H)S und Beruf“ bei der Betrachtung der Erwachsenen-AD(H)S noch eine untergeordnete Rolle. Aber die Kernsymptome der AD(H)S – Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Affektlabilität – haben auch Auswirkungen im beruflichen Alltag. In der Literatur zum Thema 'AD(H)S im Erwachsenenalter' werden anhand der Kernsymptome häufig Berufe abgeleitet, die pauschal als geeignet bzw. ungeeignet für Menschen mit AD(H)S bezeichnet werden. Tatsächlich gibt es aber Menschen mit AD(H)S in vielen unterschiedlichen Berufsfeldern, auch außerhalb der empfohlenen Bereiche. Neuere Erkenntnisse zur AD(H)S wie auch das Modell der Neurodiversität (z.B. Armstrong 2010, Hendrickx 2010) zeigen andere Wege zur Betrachtung der AD(H)S im Zusammenhang mit Berufstätigkeit und möglicher Berufs- und Tätigkeitsfelder auf. Auch das Modell der Arbeitsfähigkeit von Tempel/Ilmarinen (2013) ermöglicht eine andere Betrachtung der Berufstätigkeit. Danach tragen mehrere individuelle Faktoren wie Gesundheit oder persönliche Ressourcen sowie soziale und betriebliche Umgebungsfaktoren dazu bei, ob eine Arbeit erfolgreich, d.h. mit einem guten Ergebnis geleistet werden kann. Diese Sichtweise von Arbeitsfähigkeit bestimmt das weitere Vorgehen im Rahmen dieser Arbeit.
Vor diesem Hintergrund führten die Autorinnen eine Befragung von Menschen mit AD(H)S durch, um aus deren Sicht eine Einschätzung zu erhalten, welche Faktoren ihren beruflichen Erfolg beeinflussen. Um einen Vergleich zu haben, wurde eine Vergleichsgruppe von Menschen ohne AD(H)S befragt. Befragt wurden in beiden Gruppen Menschen mit einer abgeschlossenen Ausbildung bzw. Studium und einer beruflichen Tätigkeit, die auch außerhalb der Abschlüsse liegen konnte. Die Befragung ist als qualitative explorative Vorstudie konzipiert. Die Daten wurden durch halbstandardisierte Interviews erhoben. Die Grundlage zur Konzeption und Analyse der Interviews bildet der Ansatz von Gläser und Laudel (2010) zur Durchführung von Experteninterviews und qualitativen Inhaltsanalysen.
Die Auswertung der Interviews zeigt, dass die Unterschiede hinsichtlich der Motivation, der Strategien, der Einschätzung der eigenen Stärken und Ressourcen bei beiden Gruppen wenig voneinander abweichen. Deutliche Unterschiede gab es bei den Faktoren Stress und Stressbewältigung, den betrieblichen Rahmenbedingungen und der Bedeutung sozialer Beziehungen. Überraschend ist, dass Auswirkungen der AD(H)S als förderlich für die berufliche Tätigkeit gewertet werden. Insbesondere Hartnäckigkeit und Disziplin, die nur wenig mit AD(H)S assoziiert werden, sowie die Fähigkeit, „Sachverhalte oft anders zu denken“ (andere Sichtweisen einzunehmen) werden häufig genannt.
Die Ergebnisse der Befragung sowie die angeführten theoretischen Ansätze bilden den Hintergrund für die Hinweise und Umsetzungsvorschläge zur Förderung des beruflichen Erfolges von Menschen mit AD(H)S in der beruflichen Praxis. Aufgrund der Befragungsergebnisse liegt das Augenmerk einerseits auf individuellen Möglichkeiten zur Stressminimierung und andererseits auf der Ebene der Arbeitsorganisation und der Mitarbeiterführung. Dabei kommen auch Befragte durch Zitate zu ihrer Sicht auf ihre Arbeitssituation zu Wort. Hinweise und Umsetzungsvorschläge weisen auf Möglichkeiten hin, wie auf der individuellen Ebene eine gute Passung zwischen den eigenen Potenzialen und den Anforderungen aus der Tätigkeit hergestellt werden kann. Dazu werden Methoden aufgezeigt, eigene Potenziale selbst oder durch Unterstützung durch andere zu ermitteln sowie ein passendes Tätigkeitsfeld zu finden, in dem diese Potenziale eingesetzt werden können. Des Weiteren werden Verfahren vorgestellt, solche Strukturen innerhalb der Arbeitsorganisation zu schaffen, die es erleichtern, die Potenziale von Menschen mit AD(H)S angemessen in den betrieblichen Alltag einzubeziehen. Zur Unterstützung sind Checklisten und Leitfäden aufgeführt. Auch werden Hinweise und Tipps zur Förderung der Arbeitsfähigkeit bei Menschen mit AD(H)S und der Einbindung ihrer Potenziale durch klare Strukturen im Arbeitsprozess gegeben.
Abschließend wird kurz auf Möglichkeiten verwiesen, durch präventive Maßnahmen die Arbeitsfähigkeit nachhaltig zu sichern.
Teil IWas beeinflusst den beruflichen Erfolg? Gibt es Unterschiede bei Menschen mit AD(H)S im Vergleich zu Menschen ohne AD(H)S? – Eine Befragung
An wen richtet sich das Buch?
Beruflich erfolgreich sein mit AD(H)S– geht das? Fragten wir uns. Und wenn ja, was trägt dazu bei und wann muss man ansetzen, um auch mit AD(H)S beruflich erfolgreich zu sein.
Zwei Zeitpunkte in der Berufsbiografie erschienen uns wichtig: Der Einstieg in den Beruf und die Phasen, in denen deutlich wird, dass eine Veränderung sinnvoll oder notwendig ist. Das Buch richtet sich daher an Verantwortliche in Betrieben und anderen Institutionen, die Menschen mit AD(H)S bei der Berufswahl oder in beruflichen Umbruchphasen bzgl. ihrer Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten beraten und begleiten.
Es richtet sich aber auch an Jugendliche und Erwachsene mit AD(H)S, die sich selbst Orientierung bei der Berufswahl verschaffen oder ihr Berufsleben gezielt gestalten wollen.
Kurze Ausführungen zu theoretischen Erkenntnissen zur AD(H)S weisen auf die besondere Situation von Menschen mit AD(H)S im Beruf hin. Sie werden ergänzt durch eine von uns durchgeführte Studie.
Die Studie erfasst mittels Interviews die Einschätzung von Menschen mit AD(H)S hinsichtlich der Faktoren, die den eigenen beruflichen Erfolg beeinflusst haben; Vergleiche mit Menschen ohne AD(H)S zeigen auf, wo es Gemeinsamkeiten und wo es Unterschiede gibt. Ausschnitte aus den Interviews präzisieren die Aussagen im Text. Diagramme geben einen Überblick über die Ergebnisse. Zusammenfassungen geben einen schnellen Überblick über die einzelnen Kapitel, praxiserprobte Checklisten und Leitfäden im Teil II unterstützen bei der Suche nach geeigneten Tätigkeiten und Handlungsoptionen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (AD(H)S sehr unterschiedlich beschrieben. Die
AD(H)S wird als Modediagnose negiert, als Folge von Erziehungsfehlern oder gesellschaftlichen Entwicklungen dargestellt Allerdings werden auch immer wieder Genies wie Albert Einstein, Ludwig van Beethoven und Winston Churchill als Menschen angeführt, die möglicherweise eine AD(H)S hatten. Dabei werden Kreativität, die Fähigkeit, Dinge anders denken zu können oder Risikobereitschaft als solche Stärken und Potenziale in den Vordergrund gestellt, die mit der AD(H)S verbunden werden. Also entweder Verlierer oder Genie. Uns dagegen interessiert die große Bandbreite dazwischen.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (AD(H)S) ist eine mittlerweile nachgewiesene Störung, die hauptsächlich durch drei Symptome gekennzeichnet ist: schwankende Aufmerksamkeit, impulsives Handeln und schnell wechselnde emotionale Stimmungslage. Diese Symptome haben vielfältige Auswirkungen im Privatleben wie auch im Beruf. Sie führen dazu, dass Menschen mit AD(H)S im Beruf und im Privatleben mit Problemen zu kämpfen haben. Das beginnt häufig schon in der Schule und setzt sich beim Berufseinstieg und während des Berufslebens fort. Aber die AD(H)S stellt keine eindimensionale Störung dar. Sie bietet vielmehr ein komplexes Bild hinsichtlich der Auswirkungen der Symptome. Dabei hängt es von der Situation ab, in welchem Grad die Auswirkungen zum Tragen kommen (vgl. Brown 2018). Ältere Jugendliche und Erwachsenen mit AD(H)S sind daher in der Phase der Berufsfindung, im Beruf oder bei der Suche nach einer geeigneteren Tätigkeit immer auch mit den Auswirkungen der AD(H)S konfrontiert. Das Thema „AD(H)S und Beruf“ hat deshalb Relevanz. Es gibt aber bisher nur wenige Studien und Veröffentlichungen, in denen das Thema diskutiert wird und wenn, dann hauptsächlich vor dem Hintergrund der Defizite durch die AD(H)S.
In unserer jahrelangen Arbeit in der Personalentwicklung, im Coaching, der Berufsberatung und für den Selbsthilfeverein Juvemus haben wir aber auch die Erfahrung gemacht, wie unterschiedlich Menschen mit AD(H)S im beruflichen Alltag zurechtkommen. Die Defizite und Probleme, die sich aus der AD(H)S ergeben, können zu Problemen bei beruflichen Aufgaben, im Umgang mit Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten führen. Wir haben aber auch viele positive Beispiele dafür erlebt, dass Menschen mit AD(H)S mit beruflichen Anforderungen gut zurechtkommen und im Beruf erfolgreich sind. Unsere Erfahrung zeigt, dass Menschen mit AD(H)S eben nicht immer unaufmerksam, hyperaktiv oder impulsiv sind. Sie weisen auch Potenziale auf, die einerseits erforderlich sind, um berufliche Anforderungen persönlich bewältigen zu können, die andererseits aber auch die Bewältigung beruflicher Anforderungen für alle am Arbeitsprozess Beteiligten positiv beeinflussen können. Für uns stellt sich die Frage, welche Faktoren dazu beitragen, den beruflichen Erfolg für Menschen mit AD(H)S zu erleichtern, zu fördern oder auch zu behindern. Zusätzlich wollten wir wissen, welche Faktoren für Menschen ohne AD(H)S wichtig sind.
Um unsere Erfahrungen zu überprüfen und Antworten auf unsere Fragen zu finden, haben wir die vorliegende Studie durchgeführt. Wir wollten aber nicht nur über Menschen mit AD(H)S im Beruf reden. Wir wollten mit ihnen reden und hören, welche Erfahrungen sie gemacht haben, was für sie wichtig ist, welche Faktoren ihren Erfolg im Beruf beeinflussen. Deshalb haben wir Betroffene interviewt. Um einen Vergleich zu haben, ob diese Faktoren anders sind als bei anderen Menschen, haben wir auch Berufstätige ohne AD(H)S befragt. Wir haben uns weiter die Frage gestellt, welche Verfahren und Handlungsmöglichkeiten zur beruflichen Förderung von Personen mit AD(H)S aus den Ergebnissen der Befragung abgeleitet werden können.
Der Aufbau des Buches soll unser Bestreben veranschaulichen, unterschiedliche Interessen am Thema aufzugreifen.
Im ersten Teil sind die theoretischen Hintergründe der Studie aufgeführt, außerdem wird die Studie selbst, ihr Aufbau und die Auswertung der Ergebnisse beschrieben.
Im zweiten Teil werden diese Ergebnisse aufgegriffen und auf die berufliche und betriebliche Praxis übertragen. Dabei kommen auch immer wieder Interviewte durch Zitate zu Wort, in denen sie ihre Sicht sowohl auf Rahmenbedingungen im Arbeitsprozess als auch auf eigene Strategien, Stärken, Potenziale aber auch problematische Situationen darstellen. Vor diesem Hintergrund beschreiben wir Handlungsmöglichkeiten, Maßnahmen und Methoden, die den beruflichen Erfolg von Menschen mit AD(H)S fördern können.
Im Kapitel 6 gehen wir darauf ein, wie Arbeitsfähigkeit langfristig erhalten werden kann. Dazu geben wir Hinweise auf Hilfen und Unterstützung durch präventive Maßnahmen von Bezugspersonen aus dem persönlichen Umfeld und von Coachs und Therapeuten.
„Man ist aber nicht nur ein Störungsbild. (…) Natürlich bin ich nicht nur meine AD(H)S, aber mein ganzes Leben ist durch diese AD(H)S geprägt und ich wäre heute ganz jemand anderes, hätte ich sie nicht.“ (weiblich, AD(H)S)
Dieses Zitat steht als Motto über unserer Arbeit.
Kapitel 1: Annahmen zur AD(H)S bei Erwachsenen
Öffentliche Wahrnehmung der AD(H)S
Wir stellen in unserer Studie und in diesem Buch den Bezug zwischen AD(H)S und Beruf in den Vordergrund. Deshalb verzichten wir auf eine umfassende Darstellung der AD(H)S, wie sie in der Fachliteratur ausführlich zu finden ist. In diesem Kapitel sollen lediglich einige allgemeine Anmerkungen zur Sichtweise der AD(H)S in der Öffentlichkeit aufgeführt werden. Außerdem werden wir Aussagen zur AD(H)S bei Erwachsenen in Bezug zum Beruf beschreiben, die häufig in der Fachliteratur zu finden sind.
Das Thema Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit und ohne Hyperaktivität war in der öffentlichen Wahrnehmung lange durch Vorurteile geprägt und wird immer noch kontrovers diskutiert. Die öffentliche Wahrnehmung ist durch die kontroverse Darstellung der AD(H)S in Dokumentationen, Zeitungsartikeln und Reportagen beeinflusst (vgl. „ADHS in den Medien“ auf: www.adhspedia.de). AD(H)S wurde als „Zappelphilipp-Syndrom“, als Modediagnose, als Folge falscher Erziehung oder als Pathologisierung von lebhaften Kindern beschrieben. Als Ursache wurde auch zu viel Fernsehen und Spielen am Computer gesehen. Außerdem herrschte lange die Sicht vor, dass sich das „Zappelphilipp-Syndrom“ auswachsen würde, Erwachsene also nicht betroffen seien. Medikamentöse Therapie durch Methylphenidat wurde in den Medien als Ruhigstellung lebhafter Kinder mit Psychopillen diskutiert.
Als Folge dieser Sichtweise fühlten sich Eltern von Kindern mit AD(H)S verunsichert. Sie sahen sich in die Ecke der „inkompetenten, versagenden Eltern“ gestellt. Das betraf sowohl das eigene Erziehungsverhalten als auch eine medikamentöse Therapie. Sie hatten „die Situation nicht im Griff“ und gaben ihren Kindern auch noch „Psychopillen“.
Zur AD(H)S gibt es mittlerweile eine Reihe von Studien, die die Störung bei Kindern gut untersucht haben. Anerkannt ist, dass Kinder mit AD(H)S im Vergleich zu Kindern ohne AD(H)S schlechtere schulische Leistungen erzielen, die nicht ihrem intellektuellen Potential entsprechen, häufiger ein Schuljahr wiederholen und oft keinen Schulabschluss erreichen. Diese Erkenntnisse lassen sich allerdings nicht für alle Kinder mit AD(H)S verallgemeinern. Bei Kindern mit einer geringeren Ausprägung der AD(H)S treten diese Leistungsdefizite und deren Folgen nicht oder weniger ausgeprägt auf als bei Kindern mit einem schweren Ausprägungsgrad der AD(H)S. Vor allem wenn die AD(H)S mit einer Hyperaktivität verbunden ist, fallen die Kinder mit einer stark ausgeprägten AD(H)S im schulischen Alltag eher auf. Die aufgeführten Ergebnisse beschreiben daher stark die schulische Situation der Gruppe mit der starken Ausprägung der AD(H)S (vgl. Bonnes 2016: 55; Barkley et al. 2006 (45/2): 192–202; Barkley 2012: 224 ff.).
AD(H)S bei Erwachsenen – Ein kurzer Abriss
Bei Erwachsenen wurde die AD(H)S erst mit zunehmendem Wissen über die Störung bei Erwachsenen oft erst in Erwägung gezogen, wenn diese Störungen zu einem Burnout führten und eine weitere Berufstätigkeit nicht mehr oder nur bedingt möglich war. Mittlerweile ist die AD(H)S weiter erforscht und als psychische Störung anerkannt. Die Symptome werden im DSM und der ICD-10 klassifiziert. Beides sind international anerkannte Klassifikationssysteme, die Diagnoseschlüssel für psychische Störungen zur Verfügung stellen.
Die Prävalenz bei AD(H)S beträgt 4–6 %, es wird also davon ausgegangen, dass bei 4 bis 6 % der Kinder und Jugendlichen eine AD(H)S auftreten kann, bei ca. 60 % der Betroffenen bleibt die AD(H)S auch im Erwachsenalter weiter bestehen (vgl. Krause/Krause 2009: 7 ff.). Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass sich Symptome, die bei Kindern auftreten, bei Erwachsenen anders zeigen. So wird die Hyperaktivität des Kindes, dass überall draufklettert und nicht stillsitzen kann, bei Erwachsenen kaum in dieser Form auftreten. Beim Erwachsenen wird eher die Neigung zu beobachten sein, mit den Fingern zu trommeln, riskante Sportarten auszuüben oder mehrere Arbeiten gleichzeitig anzufangen (vgl. Krause/Krause 2009: 47 ff.). Außerdem treten bei Erwachsenen Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) stärker in den Vordergrund. Das sind bei einer AD(H)S sehr häufig Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch. Wodurch eine AD(H)S genau entsteht, ist noch nicht abschließend geklärt. Als Ursache wird aber mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine genetische Komponente angenommen, an der mehrere Gene beteiligt sind. Umwelteinflüsse alleine lösen keine AD(H)S aus, sie beeinflussen aber bei einer entsprechenden genetischen Disposition „(…) die Ausprägung des Störungsbildes (…)“ (Krause/Krause 2009: 44).
Therapiert wird die AD(H)S auch im Erwachsenalter medikamentös und psychotherapeutisch. Als unterstützend werden auch Coachings angeboten, die auf die spezifische Situation der Betroffenen ausgerichtet sind.
Seit erkannt wurde, dass die AD(H)S in den meisten Fällen im Erwachsenenalter weiter bestehen bleibt, rücken die Themen „Erwachsene mit AD(H)S“ sowie „AD(H)S und Beruf“ mehr in den Vordergrund.
Im Zentrum stehen dabei Eigenschaften und Verhaltensmuster, die bei Menschen mit AD(H)S gehäuft zu beobachten sind. Sie stellen Potenziale und Defizite von Erwachsenen mit AD(H)S im Hinblick auf berufliche Tätigkeiten dar. Anhand dieser Stärken und Schwächen werden dann wiederum Tätigkeitsfelder und berufliche Anforderungen abgeleitet, die für Erwachsene mit AD(H)S als geeignet oder nicht geeignet beschrieben werden.
Stärken und Schwächen, die generell mit einer AD(H)S in Verbindung gebracht werden, sind im Folgenden aufgeführt.
Potenziale bzw. Stärken von Menschen mit AD(H)S
▪ Sind künstlerisch kreativ
▪ Zeigen eine hohe Flexibilität im Denken
▪ Können NEUE Lösungen für Probleme finden
▪ Können sich schnell einen Überblick verschaffen
▪ Sind „Entdecker“ und bereit, Risiken einzugehen
▪ Können Dinge mehrdimensional und von mehreren Seiten beleuchten
▪ Können gut Verknüpfungen herstellen
▪ Sind ehrgeizig
▪ Sind bis ins hohe Alter verspielt
▪ Können viele Dinge gleichzeitig tun
▪ Haben einen großen Gerechtigkeitssinn
▪ Sind da, wenn man sie braucht
▪ Betreten gerne Neuland bzw. bewegen sich gerne außerhalb „eingetretener Pfade“
▪ Sind sensibel für ihre Mitmenschen und zeigen großes Mitgefühl
▪ Sind spontan, hilfsbereit und fürsorglich
▪ Geben nicht leicht auf bzw. haben eine große Zähigkeit („Stehaufmännchen-Phänomen“)
▪ Bei Interesse Hyperfokussierung, d. h. extreme Konzentration und Arbeiten „bis zum Umfallen“(vgl. D'Amelio et al. 2016: 18 ff.)
Demgegenüber stehen Eigenschaften und Verhaltensweisen, die häufig in Verbindung mit einer AD(H)S gesehen werden und Defizite beschreiben. Die aufgeführten Schwächen beziehen sich auf die Aufmerksamkeitsstörung, die Impulsivität und die Affektlabilität, die Kernsymptome der AD(H)S,
Defizite bzw. Schwächen von Menschen mit AD(H)S Aufmerksamkeitsstörungen
▪ Schwierigkeiten, Gesprächen zu folgen
▪ Erhöhte Ablenkbarkeit
▪ Schwierigkeiten, sich auf Aufgaben und schriftliche Dinge zu konzentrieren
▪ Vergesslichkeit
▪ Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gebrauchsgegenständen
Hyperaktivität
▪ Gefühl der inneren Unruhe
▪ Unfähigkeit bzw. Schwierigkeiten, sich in Ruhe zu entspannen
▪ Nervosität
▪ Unfähigkeit, längere sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
▪ Bei Untätigkeit stets das Gefühl, „auf dem Sprung zu sein“
Impulsivität
▪ Unterbrechen anderer im Gespräch
▪ Ungeduld
▪ Schwierigkeiten, Handlungen nach Plan umzusetzen
▪ Sprechen, Handeln und Entscheidungen, ohne lange über die Folgen nachzudenken
▪ Risikofreudigkeit
Affektlabilität (schnell wechselnde Stimmungslage)
▪ Leichte Reizbarkeit/Explosivität
▪ Gesteigerte emotionale Empfindlichkeit/ erhöhte Stressempfindlichkeit
▪ Desorganisiertes Verhalten / Aufgaben nicht zu Ende bringen / Prokrastination (vgl. D'Amelio et al. 2016: 14 ff.)
