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'Besessenheit.Libanon' erwuchs aus einer Leidenschaft für Orte, von denen man meist nur die düsteren Bilder kennt. Die mediale Präsenz des Nahen Ostens scheint uns heute gleichzeitig aufdringlich und undurchschaubar. Stanislaw Strasburger geht in seiner Geschichte darum einen anderen Weg und überschreitet in 'Besessenheit.Libanon' bewusst die Grenzen der literarischen Gattungen. Ausgehend vom liberalen Libanon sucht er nach den historischen und politischen Wurzeln für die Diskurse im und über den heutigen Nahen Osten, aber zugleich weitet und verdichtet er seinen Bericht mit den fiktionalen Mitteln des Romanciers. Denn gerade in der Partikularität der Ereignisse und ihrer Wahrnehmung, in Vorlieben, Gefühlen, Ängsten und Beziehungen zu anderen erschließt sich für den Autor eine Gesellschaft. 'Besessenheit.Libanon' spielt in den Jahren zwischen 2006 und 2014 in Warschau, Köln und Beirut. Im Mittelpunkt stehen der Ich-Erzähler, ein polnisch-deutscher Reporter, seine Freundin, eine ukrainische Mathematikerin und Tänzerin aus Köln, und eine libanesisch-armenische Pharmazeutin aus Beirut. Mittels der verschachtelten Dreiecksgeschichte erzählt Strasburger von Träumen, Leidenschaften und Lebenszielen in den unterschiedlichen kulturellen Settings und entwirft damit ein Bild des Nahen Ostens, das der Fiktion ebenso entspringt, wie es den erlebten und recherchierten Fakten entspricht. 'Besessenheit.Libanon' wagt es, anders zu erzählen, um besser zu verstehen.
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Seitenzahl: 505
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Stanisław Strasburger Besessenheit.Libanon Eine Sachbuchfiktion
STANISłAW STRASBURGER
EINE SACHBUCHFIKTION
ÜBERSETZT AUS DEM POLNISCHEN VON SIMONE FALK
Titel des polnischen Originals: OPĘTANIE. LIBAN © by Stanisław Strasburger © der polnischen Ausgabe 2015 by Państwowy Instytut Wydawniczy, Warschau
Die »Impressionen« entstanden auf der Grundlage von Veröffentlichungen des Autors in Latarnia Morska, Tygiel Kultury, Le Monde Diplomatique und Więź. Das Porträt »Im Sog der Finsternis« erschien in erster Fassung bei Tygiel Kultury. Kurze Passagen aus dem Buch wurden auch in der Reihe literarischer Fotocollagen A Journey to a Perfect Fantasy verarbeitet.
Die vorliegende deutsche Fassung des Textes wurde in Zusammenarbeit mit dem Autor angefertigt. Es wurden einige Veränderungen gegenüber dem polnischen Originaltext vorgenommen.
Erste Auflage© der deutschsprachigen Ausgabe 2016 Secession Verlag für Literatur, Zürich Alle Rechte vorbehaltenÜbersetzung: Simone FalkLektorat: Alexander Weidel Korrektorat: Peter Natterwww.secession-verlag.com
Gestaltung und Satz: Erik Spiekermann und Robert Grund, Berlin Herstellung: Renate Stefan, Berlin Papier Innenteil: 100g Fly 05 Papier Überzug: 130g Napura PURA 1064 Grey Papier Vor- und Nachsatz: 115g Fly 05Gesetzt aus Lyon Text und OXIDE ISBN 978-3-905951-77-6eISBN 978-3-905951-78-3
There’s no truth in Beirut, only versions. BILL FARRELL
Das Schlimmste an Kriegen ist, dass der Feind auf eine Eigenschaft reduziert wird. Das Land ist nicht länger Geschichte, Sprache, Dichtung, Architektur, ist nicht länger sein Theater, seine Gärten, Legenden, Dynastien der Träume, ist nicht mehr sein Erbe, das Erzählungen über Liebe, Philosophie und Weisheit umfasst, und besteht nicht länger aus seinen zahlreichen Formen menschlichen Strebens auf den Pfaden des Seins. Es ist nur noch Etikett, ein Brandmal, ein Schlachtfeld. Eben das hat der Krieg aus […] dem Libanon gemacht.MOURID BARGHOUTI
Die Namen von Privatpersonen und Teile ihrer Biografien wurden verändert.
(ÜBERARBEITETES VORWORT FÜR DIE POLNISCHE AUSGABE) WARSCHAU, WINTER 2015–2016
HABT IHR SCHON MAL alte Fotos von Reisen in den Nahen Osten gesehen? Sie sind voller Ruinen, maroder Altstädte und anderer Dinge, die wir noch heute mit dem Orient verbinden: Minarette, Kuppeln, Männer in Turbanen und verschleierte Frauen mit Krügen auf ihren Köpfen. Auch mittelalterliche Stadttore waren beliebte Motive. Im Idealfall vervollständigt durch eine Frau, die mit ihrem Kind auf einem Esel durch das Panorama schaukelt.
Was sagt uns das? Lebten die damaligen Bewohner des Nahen Ostens in Ruinen, ritten sie auf Eseln und trugen von morgens bis abends Krüge auf ihren Köpfen? »Die Sache ist doch ganz simpel«, erklärt der britische Publizist und Fernsehproduzent Karl Sabbagh. »Schließlich waren es Reisende auf der Suche nach dem Heiligen Land. Für die Realität vor Ort interessierten sie sich nur, solange diese den Fantasien entsprach, die sie im Gepäck trugen: erdichtete Szenen, wie sie in zweitausend Jahre alten Texten geschrieben stehen, Gemälde voller märchenhafter Folklore und lasterhafter Projektionen.«
Vom Nahen Osten hat man seit Langem die Nase voll. Seine Gegenwart in den Medien ist ebenso aufdringlich wie nebulös. Momentaufnahmen von Kämpfern, exotisch und grausam, und die Namen ihrer Gruppierungen, über die kaum jemand den Überblick behält; Menschenmassen, die irgendwas über Gott schreien und bärtige Politiker mit dicken Bäuchen, von Kopf bis Fuß in vermeintliche Bettlaken gehüllt … – Einen Sack voll Gold für den, der all das versteht! Ganz zu schweigen von der inszenierten Grausamkeit der Mörder, die sich irgendwo in der Wüste vor eine Kamera stellen, um einem geschundenen Menschen den Hals abzuschneiden. Mörder! Mörder! … Aber können wir uns ganz sicher sein? Ein Filmausschnitt taugt schließlich nicht immer als Beweis.
Bis vor Kurzem, da war noch alles einfach. Es ging lediglich um den einen oder anderen ›Terroristen‹ – von ›dort‹ gekommen, wohnte er heimlich, still und leise unter ›uns‹. Er war bereit zu allem. Und tatsächlich, der Supermarkt um die Ecke, die S-Bahn oder unser Büro wurden zum Ziel eines Angriffes. Einen Moment lang spürten wir Angst, dass ›dort‹ plötzlich auch ›hier‹ werden könnte. Der Täter lebte nebenan. Siehe da! Er war einer von uns, aber gleichzeitig auch wieder nicht: Schließlich ging es um einen anderen Glauben, eine andere Kultur, und dann waren da noch diese schrecklichen Worte – Verbrechen im Namen der Religion … Aber sind wir uns ganz sicher? Warum sollte man einem Mörder glauben? Wenn einer behauptet, er sei Napoleon, kommt er in die Klapse (oder hinter Gitter, sobald er jemanden tötet, auch wenn er dabei schreit: »Im Namen des Kaisers ...!«). Die Medien berichteten nicht, Napoleon sei ein blutgieriger Despot gewesen und jeder Sammler von Zinnsoldaten ein Killer in spe.
Ja, früher, da fühlte man sich irgendwie sicher. Klapse oder Knast – mit Michel Foucault hat man es gelernt –, der Unterschied ist nicht allzu groß: Hauptsache die ›Terroristen‹ blieben fein säuberlich von ›uns‹ getrennt. Auch wenn die Tragödie ab und zu an unsere Türen klopfte, bald legte sich der Trubel wieder und die Grausamkeiten kehrten dorthin zurück, von wo sie in unser Wohnzimmer gekommen waren, auf den Fernsehbildschirm.
Heute ist es leider nicht mehr ganz so einfach. Plötzlich scheint es, als wollten alle ›von dort‹ zu ›uns‹. Es ist, als stünde die Welt Kopf, als gäbe es keine Grenzen mehr. Mehr noch: Als schwände unsere heimelige Welt, fein säuberlich von der ›ihren‹ getrennt. Grauenvoll! Bei ›uns‹ herrscht doch Freiheit, Sicherheit und Offenheit, Frauen werden geachtet und in einer gemischten Sauna weiß jeder, wie er sich zu benehmen hat. ›Die von dort‹ wissen es hingegen nicht. Plötzlich leben nebenan ganze Scharen von ... ›Tätern‹ – möchte man sagen.
Ist es Zufall, dass Robert Fisk, ein Star des britischen Journalismus, seine Recherchen über den sogenannten Libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990) im Jahre 1986 im schneebedeckten Warschau, in der Litewska-Straße, begann? Ein alter Mann mit Kinderaugen führt den Journalisten in die Tiefen seiner Wohnung. Sie ist bis in den letzten Winkel mit Büchern angefüllt. Fisks Gastgeber ist Überlebender des Holocaust, und – allem zum Trotz – im Land geblieben. Vor dem Krieg war er Gymnasiallehrer von Jitzchak Schamir, dem späteren Premierminister Israels. »Ich schreibe ein Buch über den Libanon und darüber, was dort vor sich geht«, erzählt Fisk dem Pädagogen. »Ich versuche, das ganze Gewirr zu verstehen. Mein Gefühl sagt mir, die dortigen Ereignisse hängen mit dem Holocaust zusammen. Deshalb bin ich nach Polen gekommen.«
Nebenbei lohnt sich der Hinweis darauf, dass der Journalist Warschau auch noch in einem anderen Kontext erwähnt. In das Jahr 1980 fiel nicht nur die euphorische Zeit der August-Abkommen von Solidarność, sondern auch die Phase verstärkter Waffenlieferungen von Polen an die Palästinensische Befreiungsorganisation. Die in Beirut landenden Flugzeuge der polnischen Fluggesellschaft LOT hatten nicht nur die Koffer der Reisenden geladen, sondern auch Kästen mit Flugabwehrkanonen für die Kämpfer Arafats.
Der damalige New-York-Times-Korrespondent im Libanon, Thomas Friedman, hat ebenfalls eine interessante Geschichte zu berichten. Zwei Jahre nach den erwähnten Lieferungen nahm ein anderer israelischer Premierminister, Menachem Begin, den halben Libanon ein. Drei Monate lang belagerte seine Armee Beirut. Die Operation wurde im guten alten Stil des Zweiten Weltkriegs durchgeführt. Es ging um denselben Arafat, der sich laut Begin in der Stadt verschanzt hatte »wie Hitler in seinem Bunker« (aus polnischen Waffen schießend, wohlgemerkt).
Friedman zeigt auf, dass die Entscheidungen des israelischen Politikers nicht ganz frei von psychologischen Motiven waren: nämlich den erschütternden Erinnerungen an seine Jugend im Polen der Zwischenkriegszeit. »Jüdische Generäle«, »jüdische Panzer« und die »jüdische Armee« in Aktion (zum Beispiel vor den Toren Beiruts) – das war für Begin wie Pornografie. Sie sollten dabei helfen, das Trauma der »jüdischen Impotenz« zu bekämpfen. Jene Impotenz, die das geduldige Ertragen von antisemitischen Erniedrigungen im Warschau der Zwischenkriegszeit bedingte.
Schön und gut – nur folgt daraus auch etwas? Ist das alles nicht schon längst vergessene Geschichte? Nein! Fisk und Friedman zeigen, dass die Verbindungen zwischen ›denen‹ und ›uns‹ viel enger sind, als es uns seit jeher scheint. Doch solange ›die da‹ nur irgendwo in der Wüste sich mal die Köpfe eingeschlagen haben, war ›unsere‹ Welt in Ordnung. So gab es immer jemanden, dem wir kleinlaut Waffen verkaufen konnten. Und wenn das ausnahmsweise gerade nicht ging, dann eben Milchpulver. Die Rechnung war einfach – der Krieg erschwert die Produktion, und essen muss man ja trotz allem. Als Sahnehäubchen verbesserten wir noch unser eigenes Wohlbefinden: Bei ›uns‹ herrscht Wohlstand, und ›die da‹ sind nicht nur (im wahrsten Sinne des Wortes) Halsabschneider, sondern auch zu blöd, um Milchpulver herzustellen.
Mehr noch: In ›unserer‹ vorwärtsgewandten Welt konnte man darauf vertrauen, dass die Schrecken des Zweiten Weltkriegs schon lange der Vergangenheit angehörten. Mittlerweile waren wir doch alle miteinander versöhnt, glaubten fest an Solidarität und hatten unser ersehntes gemeinsames Europa samt der liberalen Dritten Polnischen Republik. Die ihre Minderheiten unterdrückende Vorgängerrepublik oder die zum Export von kommunistischen Bajonetten gewillten Warschauer Volksgenossen waren Schnee von gestern. Wer rückwärtsgewandt lebte, egal ob in Warschau, Tel Aviv oder Beirut, war selbst schuld … – Mochte man glauben!
Zwar gehen heute nach wie vor Milchpulverexporte gut mit Waffenexporten einher (surprise, surprise! Nicht nur die unglückselige Volksrepublik, sondern auch das heutige Polen ist eifrig im Geschäft). Aber was sollen wir mit den Abertausenden von Menschen, die sich ›dort‹ mit all unseren pulvrigen Gütern nicht abfinden konnten und nun – wer hätte es gedacht? – zu ›uns‹ fliehen? Man siehe und staune: Auf einmal ist Europa nicht mehr ganz so solidarisch und die Versöhnung möglicherweise nicht so gelungen wie gedacht.
Und so leben die Geister der Vergangenheit wieder auf. Der Unterwerfungswahn macht die Runde: Kollektive Frauenjagden und Vermehrung wie die Karnickel als insgeheime Kolonialisierungsstrategie. Ein sarkastisches Auflachen lässt sich da kaum unterdrücken – die wiederauflebenden Geister, und dann noch ausgerechnet die der Kolonialisierung! Nun, ist das aber nicht etwa so wie mit den alten Fotos von den Reisen in den Nahen Osten? Auch die aktuellen Porträts der ›Täter in spe‹, (re-)produziert von den Medien und eingedrungen in unsere Köpfe, erzählen vor allem von uns selbst. Von unseren Ängsten. Von unserer Besessenheit.
Als ich das erste Mal nach Beirut reiste, war ich ein Ignorant. Auch wenn dies letztlich Zufall war, so fügt es sich gut ins Konzept: Ich wusste weder etwas von alten Fotos noch von Krieg und Konfessionalismus, ganz zu schweigen von den Terroristen. Ich lebte vor Ort, und dieses (Nicht-)Wissen ersparte mir so manche Projektionen. Es überrannte mich auch nicht auf Schritt und Tritt. Bis heute bezweifle ich, dass man es wirklich braucht. Ich kenne zahlreiche Libanesen, von denen kein einziger – unabhängig von der Generation – als Kind wusste, welcher Religion er angehört. Alle spielten auf demselben Hinterhof. Wenn es später unglücklicherweise dazu kam, dass sie aufeinander schossen, dann hatte die Religion dabei keine große Bedeutung.
Der britische Orientalist Richard F. Burton behauptete einst: Wenn die Grundlage von Literatur Faszination ist und nicht der Wille, etwas zu beschreiben (zum Beispiel eine andere Kultur), dann wächst die Wahrscheinlichkeit, einen guten Text zu schaffen. Also einen solchen Text, in dem wir niemandem die ›Wahrheit‹ aufdrängen und ihn so beherrschen wollen.
Auf meine Reisen in den Nahen Osten begleitet mich oft folgende Frage: Wenn ich Geschichten (nach-)erzähle, habe ich es da mit ›Wahrheit‹ oder mit Gedächtnis zu tun? Ich bin kein Historiker. Fremde Erinnerungen zu hinterfragen, ist nicht meine Aufgabe. Wenn ich schreibe, überlege ich nur, was könnten die ›Tatsachen‹ sein, jenseits von Interpretation, Kontext und dem Erzählenden – kurzum: bar jeder Fiktionalisierung. Sind diese ›Tatsachen‹ nicht eine Abstraktion, die den in die Geschehnisse Involvierten in keinem Moment zugänglich ist? Sowohl jene ganz oben, die Herrscher über Himmel und Erde, als auch die Normalsterblichen – sie alle verfügen nur über ihre eigenen Eindrücke. Ich nenne sie Impressionen. Warum also einer ›Wahrheit‹ nacheifern, die niemandem zugänglich ist und vielleicht nicht einmal existiert?
Wenn ich auf einer Straße in Beirut ein Taxi anhalte und der vorgeschlagene Fahrpreis ist zwei- oder dreimal höher als üblich, ist das für mich kein Betrugsversuch, sondern die Einladung zu einem Gespräch. Es kam schon vor, dass der Fahrer eine Extrarunde mit mir drehte, nur damit er die Rezitation eines Gedichtes von Khalil Hawi beenden konnte (den Skeptikern sei gesagt, dass nicht per Kilometer bezahlt wird, sondern man eine Pauschale vereinbart).
Was lehren mich die Beiruter Abenteuer mit Taxifahrern? Erstens: Wenn poetisches Denken Bestandteil des Alltags ist, dann ist es kein Wunder, dass es auch zu anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gehört. Zum Beispiel zur Politik. Daher verflicht sich in Besessenheit.Libanon die Sprache der Dichtung mit der Sprache der Geschichte. Sie sind untrennbar. Entgegen allem Anschein bilden sie ein harmonisches Ganzes.
Zweitens: Es gibt Dinge, die man wissen sollte. Zum Beispiel, wie hoch die Pauschale für eine Taxifahrt in Beirut ist. Der gesprächslustige Fahrer meint etwas ganz anderes. Es ist, als würde er sagen: »Die Sprache dient dazu, Geschichten zu erzählen, sich zu unterhalten und Gefühle zu erwecken. Sie dient natürlich auch der Poesie.« Sag da bloß jemand, das sei Orientalismus, wie er nur Reisenden des neunzehnten Jahrhunderts zustehe! Nein, das ist Erfahrung, gesammelt auf den Straßen der Städte im Nahen Osten. Literatur ist dort nicht eine Domäne weltfremder Liebhaber, sondern Alltag. Eben in ihrer vibrierenden, dezentralen Form, ohne den Anspruch, ›Tatsachen‹ zu vermitteln.
Es gibt noch einen zusätzlichen Aspekt, der mit der Sprache verbunden ist. Warum behaupten wir ohne mit der Wimper zu zucken, Araber oder Muslime seien so oder so, aber kaum jemand ist willig, eine Meinung über, sagen wir mal, Katholiken oder Slawen zu formulieren?
Der Libanon verbindet die Protagonisten von Besessenheit.Libanon auf unterschiedliche Weise miteinander. Dennoch sind es einzelne Menschen und keine -ismen oder -isten. Jeder von ihnen hat seine Geschichte. Und jeder hat das Recht, etwas für sich zu behalten. Daher verbergen sich in ihren Porträts auch einige Geheimnisse. Der syrisch-libanesische Dichter Adonis sagte einst, vom Orient könne man Offenheit für das Unerklärliche lernen. Der Libanon ist unerklärlich, Besessenheit schlussendlich auch.
Zurück zu unserem Taxifahrer. Wenn er von mir dreimal mehr für die Fahrt haben will, als üblich – natürlich bin ich dann manchmal verärgert. Gelegentlich schreie ich ihn sogar an. Aber wären wir, ehrlich gesagt, nicht alle glücklicher, wenn wir Worten weniger Gewicht beimäßen? Wenn wir jede ›Tatsache‹ als eine der polyphonen Repräsentationen der Welt betrachteten? Gentlemen sprechen schließlich nicht über Geld. Selbst wenn, so ist doch klar, dass etwas ganz anderes gemeint ist.
Zugegeben, in Besessenheit.Libanon leben die Geister der Vergangenheit wieder auf. Ich glaube, dass man sich ihnen stellen muss. Auch die kollektive und individuelle Gewalt, die ›ihre‹ und die ›unsere‹, schwebt uns deutlich vor Augen: die Kolonialisierung, der Rassismus, die Verachtung für das menschliche Leben und die zynische Doppelmoral. Um den Geistern näher zu kommen, vermeide ich Chronologie (Geister sind schließlich keine historische Spezies). Aber es gibt auch andere Erklärungen. Es folgt ein kleines Gedankenspiel. Auf der Straße treffe ich einen Bekannten. Habe ich nur seine physische Gestalt vor Augen? Und denke ich nur an das letzte Treffen? Nein. Mal erinnere ich mich an Ereignisse von vor Jahren, dann wieder an unsere vorherige Begegnung. Das Gedächtnis ist dynamisch, es lebt. Die Präsenz von Erinnerungen schert sich herzlich wenig um Entstehungsdaten.
Über Staaten und Gesellschaften hingegen denken wir gewöhnlich in chronologischer Ordnung nach. Daten dominieren historische Narrationen, und die natürliche Mehrdimensionalität des Gedächtnisses wird an den Rand gedrängt. In der Wissenschaft führt sie das Leben eines Verbannten; dem ihr zugeneigten Sachbuchautor wird im besten Fall Künstlichkeit vorgeworfen. Doch wenn wir unseren Bekannten auf der Straße treffen – und auch wenn wir die gewichtigsten politischen Entscheidungen treffen –, wir bleiben Menschen. Emotionen und die Dynamik des Gedächtnisses haben mindestens ebenso viel Bedeutung wie Chronologie und die auf ihr beruhenden Strategien.
Und da wären noch die Kausalitäten. Besessenheit.Libanon nimmt oft Abstand von »deswegen«, »trotzdem« und anderen ach so brauchbaren Denkhilfen. Auch wenn man an der einen oder anderen Stelle meint, da fehle etwas: Nein! Denn entweder sind Kausalitäten ganz willkürlich, oder sie spiegeln im besten Fall den Einfallsreichtum des Autors wider. Teil der beschriebenen Realität sind sie in keinem der Fälle. Das Fehlen all dieser Strukturen stellt im Text also keine Entgleisung der Form dar. Im Gegenteil: Es erlaubt, anders zu erzählen, um besser zu verstehen.
Werfen wir zum Schluss nochmals einen Blick in unseren eigenen Hinterhof. Wie sieht es mit unserem Europa aus: Ist es eine Gemeinschaft großer Nationen oder eher eine Föderation von Regionen? Was wäre, wenn gerade der Libanon als Beispiel für einen authentischen Pluralismus diente: eine multikulturelle Republik frei von der Dominanz irgendeiner Gruppe? Mit seinen Blütezeiten und Konflikten (ist in Europa denn kein Blut geflossen?), als postmodernes Projekt eines dezentralisierten Staates, im ewigen Werden begriffen? Und zwar nicht inmitten der Europäischen Geborgenheit, sondern in einem kriegerischen Umfeld, in dem sich die mächtigen Nachbarn nationale und religiöse Parolen mit Blut auf die Fahnen schreiben.
Und so ganz nebenbei: Was ist jenes geheimnisvolle Geschöpf, die Nation? Taugt diese fast zweihundertjährige, romantische Idee von ethnischen Gemeinschaften heute noch etwas? Haben wir nicht genug Gewaltorgien erlebt, erwachsen aus eben dieser Idee? Ist gerade jetzt nicht die Zeit, da unsere Welt so grenzenlos grenzlos geworden ist, diese Idee ein für allemal aufzugeben?
Auf ihrer Suche nach Antworten bemerkt die Historikerin und Publizistin Idith Zertal: Wenn wir den Begriff der Nation in den europäischen Staaten einer Kritik unterziehen, lohne sich ein Blick auf die postkolonialen Länder. Warum sollten sie unsere Erfahrungen wiederholen und gewaltsam nationale Demokratien bilden? Gibt es nicht andere Szenarien? Für ›sie‹, aber auch für ›uns‹?
Besessenheit.Libanon ist letztendlich auch ein Schrei der Verzweiflung. Aus der Perspektive der Menschen im Nahen Osten führen wir dort eine Politik, die Konflikte schafft und aufrechterhält. Und anschließend berichten wir darüber von oben herab. Wir teilen die Welt auf in ›uns‹ und ›die Anderen‹, schaffen Grenzen, klagen an und kreieren Feindbilder. Auch wenn wir einander ganz nahe kommen, sogar mit breitem Lächeln und aus tiefstem Herzen »Welcome!« sagen: Bleiben wir nicht allzu oft nur bei den Projektionen hängen? Der Nestor der libanesischen Literaturkritik, der Essayist und Dichter Abbas Beydoun, schrieb einst, »die Araber begreifen sich nicht nur als Angehörige des Orients oder des Islam. Sie wollen einfach nicht glauben, dass auf der Erde zwei Welten existieren. […] Der gegenwärtige ›Orient‹ ist eine westliche Erfindung. Es existiert nur eine einzige Welt und ein einziges System, nämlich das westliche. Der sogenannte Orient ist das […] ›falsche Gesicht‹, das hässliche Gesicht des Westens.«1 Er ist eben ein lasterhaftes Projektionsfeld.
Oft empfinde ich Scham gegenüber den Menschen ›von dort‹. Viele von ihnen wurden meine Freunde. Ich wünsche mir, dass Besessenheit.Libanon auch zur Stimme ihres mehrdimensionalen Gedächtnisses wird. Ihnen widme ich dieses Buch.
WARSCHAU & BEIRUT, 2006–2012
Scheherazades Ring versank in dir, Strom der Asche2
… ALL IHR ELEFANTEN, Löwen und Kamele. Ihr schlanken Gazellen mit schokoladenfarbener Haut, euer Traben flink wie der Windhunde Lauf. Vielleicht hat das gastfreundliche Polen euch das Leben gerettet? Den Gewehrmündungen der Wilderer entkommen, gelangtet ihr in das Freigehege einer europäischen Hauptstadt. Doch in euren Augen schimmert Wehmut. Lindern wir die Sehnsucht durch eine vergitterte Imitation von Heimat? Oder reißen wir die Wunden jeden Morgen von Neuem auf?
Es ist Frühling, im Jahr 2006. Wir lassen die Schicksale aus den Gehegen des Warschauer Zoos hinter uns. Der trübsinnige Spaziergang hat mich ein wenig hungrig gemacht. Gegenüber dem Eingangstor befindet sich ein beliebtes libanesisches Restaurant. Ich überrede meine Freunde zum Abendessen. Im kleinen Vorraum hängen Zeitungsausschnitte, die Appetit machen.
ARTIKEL: Die arabische Küche duftet nach Minze, Sumak (gewonnen aus den Früchten des Essigbaums), Muskatnuss, Knoblauch, Zimt, Basilikum und Kreuzkümmel (nicht zu verwechseln mit Kümmel, auch wenn beide Gewürze gut für die Verdauung sind). Die Levantiner bedienen sich gerne des Reichtums von Gemüse, Obst und Meeresfrüchten. Fleisch ist nicht das Wichtigste, aber in den kärgeren Regionen verliert die Küche an Farbe und Geschmack. Die Beduinen bewirten ihre Gäste gerne mit einem Gericht, das wir den »Alptraum des Vegetariers« nennen: Eine ganze Ziege, serviert auf in Fett schwimmendem Reis.
Ein warmhäutiger, leicht verlegener Kellner führt uns ins Innere. Pastellfarbene Vorhänge bilden um die Tische herum intime Räume. Das Interieur wirkt, als hätte jemand Möbel bei IKEA gekauft und sie dann mit orientalischen Accessoires dekoriert: flimmernde Lämpchen, vergoldete Shishas, mit Ornamenten verzierte Rahmen … Das riesige Wandgemälde eines phönizischen Hafens rundet das Werk ab. Aber ziehen wir keine voreiligen Schlüsse, das Angebot ist nun mal eine Funktion des Marktes.
Und tatsächlich: Im Raum ist jeder Platz besetzt, die Bedienung bringt extra Stühle für uns. Hummus und Falafeln kennen wir aus den Warschauer Kebabläden, die seit einiger Zeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Geduldig erklärt uns der Kellner, was es mit den restlichen Gerichten auf sich hat. Plötzlich geht das Licht aus, Musik ertönt. Wie in einem geheimnisvollen Ritual wiegt sich eine halbnackte Tänzerin stolz im Takt, dann zittert sie wie besessen vom vibrierenden Gesang. Die Gäste lassen sich verführen. Jeder einzelne hat das Gefühl, sie tanze nur für ihn.
»Woher kommst du?«, frage ich unseren Kellner in der Pause. Der Junge lächelt, als er Arabisch hört, und mustert mich aufmerksam. Schließlich bittet er mich in übertrieben korrektem Polnisch, die Frage zu wiederholen.
»Entschuldigen Sie bitte, ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen …«
»Ich habe Lust auf ein Almaza, am besten ein dunkles«, fahre ich unbeirrt auf Arabisch fort. Die Libanesen lieben ihr Land, und das lokale Bier ist ihr Nationalstolz.
»Ich komme aus Metn«, antwortet er in libanesischem Dialekt. »Ich bring dir sofort eins.«
Aus der Provinz Metn führt eine gewundene Straße die Berghänge entlang nach Beirut. Hier, im Schatten der Pinienwälder, gab Sherin ihren Künsten als Gebirgsfahrerin den letzten Schliff. Sie war stolz darauf, uns nachts, nach einigen Gläsern Wein, sicher nach Hause gebracht zu haben. Nicht einmal ein Konvoi schwarzer Land Cruiser konnte sie aus der Fassung bringen. Wenn Gewehrläufe aus halbgeöffneten Fenstern ragen, ist nie ganz klar, wer dich da von der Straße drängt: ein demokratisch gewählter Abgeordneter oder ein Gangster mit seiner aufgeblähten Leibwache. Und nicht selten trifft beides zu.
Es war im September 2012. An diesem Abend hatte Eddie uns zum Abendessen eingeladen. Die sehnsüchtig erwarteten Ferien verbrachte er immer in der Familienvilla in Metn. Eigentlich lebte er in den Vereinigten Staaten und war dort stolzer Besitzer einer Tankstelle und eines libanesischen Restaurants.
Eddie ist einer dieser gutherzigen, zart besaiteten Drusen. Wann immer es Gelegenheit gab, lud er uns zu sich ein. Kürzlich hatte er gemeinsam mit zwei philippinischen Haushälterinnen mexikanisch für uns gekocht. Einfach köstlich! Es gab nur ein kleines Problem. Eddie glaubte, Sherin sei meine Freundin. Wenn er etwas getrunken hatte, schmiedete er wie ein fürsorglicher Onkel Pläne für unsere gemeinsame Zukunft. Das Missverständnis ließ sich nie aufklären. Schade war nur, dass die schöne Sherin es war, die mich nicht wollte … Wann immer wir zu Eddie fuhren, erzählte sie von ihrer großen, unerfüllten Liebe zu einem anderen Drusen. »Schau, hier ist es«, säuselte sie, wenn wir an seinem Haus vorbeifuhren.
Warum musste auch ausgerechnet sein Dorf auf unserer Strecke liegen?!
Anfang des Jahres hatte Sherin ihn mir auf der Handwerksmesse in Beirut vorgestellt. Der Junge verkaufte mit seiner Mutter Keramik. Ich kenne diesen Typ kleinwüchsiger, magerer Libanesinnen: pechschwarze Haare und die Nase einer Hexe. Eine solche Schwiegermutter zu haben ist das reinste Vergnügen! Der Sohn hatte einen hellen Teint, eine sportliche Figur und führte sich auf, als läge ihm die Frauenwelt zu Füßen. Nur dass unser Don Juan jeden Morgen etwas zu vergessen schien: Der Geruch des Essens vom Vortag strömte mittags noch immer aus seinem Mund. »Ich bin nicht umsonst Pharmazeutin!«, empörte sich Sherin, als ich eine Bemerkung riskierte. »Mit Hygiene kenne ich mich aus. Und ich weiß auch, wie man mit Menschen redet. Ich bringe ihm schon bei, sich um seine Zähne zu kümmern!«
Seitdem plagte mich das Bild der schönen, den vergesslichen Don küssenden Pharmazeutin wie lästiger Schluckauf. Aber lassen wir das. Die Geschichte mit Sherin stand noch in den Sternen. Vielleicht würde alles noch ganz anders kommen. Beginnen wir von vorn. Jeder hat das Recht auf ein Geheimnis … Gut, was mich betrifft, eines will ich nicht verheimlichen: Die Wichtigste für mich war Ina. Und wer weiß, vielleicht ist sie es immer noch. Aber psssst …
Der Kellner verteilt die Vorspeisen.
»Wissen Sie«, sagt er auf Französisch, »ich bin Phönizier. Auch wenn ich nur ein Kellner bin.«
Während des Hauptgangs wechselt er zurück ins Arabische.
»Wo hast du meine Sprache gelernt?«, fragt er melancholisch.
Der libanesische Dichter Khalil Hawi stammte auch aus Metn. Er war der Sohn eines Steinmetzes, der in Syrien gearbeitet hatte. Sein Bruder Ilya beharrte darauf, der Schriftsteller sei 1919 zur Welt gekommen, aber die Mutter gab 1920 als Geburtsjahr an. Der Erste Weltkrieg war gerade beendet. Das Schicksal der Libanesen lag den Osmanen nicht sehr am Herzen, Hunger und Krankheiten rafften ein Viertel der Bevölkerung dahin.
In Hawis Kindheit unterlag der Libanon französischem Mandat, das die Regierung in Beirut im Jahre 1943 von sich abzuschütteln versuchte. Die freien Franzosen sprachen dem Land zwar die Unabhängigkeit zu; aber sobald der Ministerrat sich anschickte, Worte in Taten umzusetzen, wurden seine Mitglieder ins Gefängnis gesteckt. Die Engländer hatten von dieser Politik des »Freien Frankreich« die Nase voll. Man ließ die Gefangenen frei. So entstand – kurz gefasst – der moderne Libanon.
In »Rückkehr nach Sodom« schreibt Hawi:
Mit den Persern zerschlug der Beduine den Kaiser,
mit den Barfüßigen bändigte das Christenkind
den Wilden in Rom,
entriss des Tyrannen Kiefer Zähne.
Als der Junge ein Teenager war, erkrankte Vater Hawi. Die Sorge für Geschwister und Mutter lastete von nun an auf den Schultern des Sohnes. Zehn Jahre vergingen, bis die Familie das Geld zusammen hatte, um Khalil wieder in die Schule zu schicken.
Hawi betrachtete sich selbst als libanesischen Patrioten. Er liebte sein Land: Blumen und Bäume, schneebedeckte Berge und die warme, behagliche Küste. Sein Studium absolvierte er an der von protestantischen Missionaren gegründeten Amerikanischen Universität Beirut (AUB). »Garten Eden« – so wurde der Campus voller Sehnsucht von Jugendlichen genannt, die davon träumten, eines Tages hier zu studieren. Auch der Dichter unterlag dieser Faszination. Selbst sein Stipendium im renommierten Cambridge empfand er als Verrat. Das nebelverhangene, klaustrophobische Städtchen quälte ihn. Libanon – das war für ihn die blühende Oase der Araber. Er schrieb wehmütige Briefe an seine Verlobte. Sie sollte Weintrauben für ihn essen. Im grauen, fremden Land dienten sie nur als Schmuck in den Schaufenstern, vertrocknet und verstaubt.
Die bestellten Speisen schmecken ausgezeichnet. Wir lassen uns Zeit. Die Tänzerin macht eine Pause und im Hintergrund ertönt die Lieblingssängerin des Restaurantbesitzers: Julia Boutros. Am Durchgang zur Küche hängt ein Foto. Es zeigt das Panorama einer kleinen Ortschaft in Metn, Shweir. Das ist die Heimat Khalil Hawis. Auch sein Jugendfreund stammt von dort: Antun Sa’ada, Schriftsteller und Gründer der Syrischen Sozialnationalistischen Partei (SSNP).
Meine erste Begegnung mit der SSNP habe ich nicht in bester Erinnerung. Im Beiruter Hotel Bristol befindet sich ein renommiertes Café. Hier trifft sich die intellektuelle Crème de la Crème. Einer der Stammgäste ist Rashid al-Daif, Star der libanesischen Literaturszene. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Eines sonnigen Tages im Jahre 2008 machte ich mich nach einem Treffen mit ihm auf den Weg nach Hause. Die Wohnung, in der ich lebte, befand sich ganz in der Nähe. Unterwegs sprang mir eine modernistische Moschee ins Auge. Ich machte ein Foto. Ein bulliger Herr im T-Shirt winkte nach mir. Ich fühlte keine Verpflichtung zu einem Gespräch. Ich hätte einfach so tun können, als hätte ich ihn nicht gesehen. Aber nach dem Frühstück mit Rashid hatte ich gute Laune. Ich wollte nicht arrogant wirken, also kehrte ich um.
Ein Fehler. Der bullige Herr im T-Shirt fing an zu schreien und riss mir meine Kamera aus der Hand. Seine Kollegen verdrehten mir die Arme und führten mich ins Büro der SSNP.
»Warum hast du Fotos gemacht? Hier gibt es keine Sehenswürdigkeiten!«, polterte der Büroleiter. Er machte einen kultivierten Eindruck, aber die Herren mit den Pistolenholstern hatten mich noch immer fest im Griff.
»Mir gefiel einfach die Moschee. Geben Sie mir meine Kamera zurück!«, spielte ich den Mutigen.
»Einen Moment noch …« Immer wieder vergrößerte der bullige Herr im T-Shirt den Bildausschnitt von einem Balkon. »Was soll das Fenster da?«
Der Büroleiter nahm die Kamera und betrachtete die Bilder. Zum Glück hatte ich erst am Morgen alles auf meinen Laptop überspielt. Nur die Fotos von der Zeugnisübergabe an der Uni waren noch auf der Speicherkarte.
»Was machst du im Libanon?«
Ich zeigte meinen Studentenausweis. Der Leiter befahl, eine Kopie zu machen, und gab mir meine Kamera zurück.
»Lösch das Bild. Sofort!«
Die Herren mit den Pistolenholstern ließen von mir ab. Doch mit meiner Lust am Fotografieren in Beirut war es nun vorbei.
Hawi schreibt:
Was ließ das Feuer übrig
von meinem Haus, meinen Gefährten
und der Geschichte meines Lebens?
Unter den Vorkriegsintellektuellen im Nahen Osten brodelte eine Diskussion über die Grenzen der Länder, die bald ihre Unabhängigkeit erlangen sollten. Die künstlichen Aufteilungen der Kolonialmächte hemmten die Staatenbildung. Die Franzosen gaben es selbst zu: Sie hatten die Grenzen so gezogen, um Konflikte leichter schüren zu können. Ideen für Veränderungen gab es wie Sand am Meer. Nur in einer Hinsicht waren sich alle einig: Es konnte nicht so bleiben. Doch die Geschichte spottete der arabischen Gründerväter. Die nach dem Ersten Weltkrieg abgesteckten Grenzen (Teile und herrsche!) sind bis heute Ursache allen Unglücks.
Antun Sa’ada engagierte sich für die Unabhängigkeit. Er wandte sich gegen die koloniale Vorherrschaft Frankreichs, lehnte aber gleichzeitig die Hirngespinste eines Lawrence von Arabien ab, der sich ein Reich von Marokko bis in den Jemen erträumte. Die Visionen des britischen Träumers (und Spions!) eigneten sich nicht als realpolitisches Programm. Die SSNP propagierte ein weltliches Syrien, ein anderes, als es die Engländer und Franzosen auf die Landkarten gezeichnet hatten. Der erträumte Staat Sa’adas sollte sich auf eine gemeinsame Geschichte und verwandte Bräuche der Bewohner stützen. Er dachte an den sogenannten Fruchtbaren Halbmond. Seine natürlichen Grenzen umfassen den heutigen Libanon, Syrien, einen Teil Jordaniens, Sinai, Irak, Kuwait und Zypern. Sa’ada wollte das Fundament für eine moderne Nation schaffen, deren Traditionen bis in die Antike zurückreichen.
»Mein Vater bekam die Grausamkeiten des Ersten Weltkriegs am eigenen Leib zu spüren«, erinnerte sich seine Tochter. »Schon in seiner Jugend quälte ihn die Frage, warum seine Landsleute Gefangenschaft und Elend erleiden müssen. Er widmete sein Leben der Wiedergutmachung des historischen Unrechts. Aber als seine Tochter schätze ich es sehr, dass er seine Familie nie vernachlässigt hat. Mein Vater hat uns sehr geliebt. Trotz seiner Verpflichtungen hat er die Zeit gefunden, mich auf Konzerte zu begleiten. Er war ein Musikliebhaber; ich erinnere mich an die Arien, die er sang, während er sich rasierte.«
Die SSNP begann ihre Tätigkeit an der AUB in Beirut. Ebenso wie viele andere Studenten der Hochschule, trat Hawi der Partei aus voller Überzeugung bei. Als Sammelbecken der bürgerlichen Jugend verschiedener Konfessionen bildete die AUB eine ideale Basis fürpolitische Arbeit. Die Trennung von Religion und Staat war die Hauptforderung der Partei. Darüber hinaus postulierte sie die Abschaffung des Feudalismus und den Aufbau einer dynamischen Volkswirtschaft. Im Laufe der Zeit weitete die SSNP ihren Wirkungskreis aus und wurde zu einer Massenbewegung in der gesamten Region. Der Fruchtbare Halbmond sollte die Aussicht haben, ein stabiler Staat zu werden, fähig dazu, in der Welt der Gegenwart zu überdauern.
Die Revision der Grenzen lag allerdings weder im Interesse der Großmächte noch in dem der lokalen Eliten. Im Jahr 1949 unternahm die SSNP einen verzweifelten Putschversuch. Der damalige Präsident Syriens, der erst wenige Monate zuvor mit Unterstützung der CIA an die Macht gekommen war, versprach Waffen. Aber nicht nur, dass er die SSNP mit leeren Händen stehen ließ. Der nach Damaskus geflüchtete Sa’ada wurde auch noch festgenommen und den Libanesen ans Messer geliefert. Die Rebellion wurde niedergeschlagen. Innerhalb von achtundvierzig Stunden sprach ein Kriegsgericht das Urteil. Der Anführer der SSNP wurde vor ein Erschießungskommando gestellt. Man ließ ihn niederknien.
»Irgendwas piekst mich ins Knie. Kann ich das wegmachen?«, fragte er.
Einer der Soldaten grub den Stein aus und klopfte die Erde wieder fest. Dann fielen Schüsse.
Einen Monat später wurde der treulose Verbündete aus Damaskus selbst Opfer eines Umsturzes. Angeblich war das die Rache für die Auslieferung von Sa’ada. In den kommenden Jahren verstrickte sich die SSNP in lebensmüde Revolten und brutale Anschläge. Repressionswellen dünnten die Reihen der Bewegung aus und radikalisierten ihre Anhänger. Aber ist das wirklich so verwunderlich? Wie soll man denn am politischen Leben eines Staates teilnehmen, wenn man ihn als Irrtum der Geschichte ansieht?
»Unsere Rolle ist es«, behauptete einst der gegenwärtige Anführer der Bewegung, die heute im libanesischen Parlament mit zwei Abgeordneten vertreten ist, »den unabhängigen Staaten eine nationale Identität zu verleihen. Diese liegt außerhalb jeder Landesgrenze. Ohne diese Identität hat die arabische Renaissance keine Aussicht auf Erfolg.«
In Syrien ging die SSNP einen Kompromiss mit dem Regime ein: Sie wurde zu einer der wenigen legalen Parteien im autokratischen Staat Baschar al-Assads. Ihre libanesische Schwester gilt als Interessenvertreterin des Nachbarlandes. Mein Abenteuer mit den bulligen Herren wunderte in Beirut niemanden. Mit der SSNP assoziiert man frustrierte Jugendliche auf Mopeds, die blindlings durch die Gegend schießen. Kürzlich sprach ich mit einer wahren Grande Dame der libanesischen Theaterwelt, Verehrerin von Sa’ada und Schwester eines der zwei SSNP-Abgeordneten, über dieses Thema.
»Mein Lieber«, sagte die Dame. Und es folgte ein Vortrag über die Vorzüge der Partei: Ihre weltliche Orientierung sei authentisch, sie repräsentiere alle gesellschaftlichen Schichten und Regionen, kämpfe gegen Klientelismus und Klanstrukturen. »Die Frustration dieser jungen Männer ist nur allzu verständlich. Sie haben viele Feinde, denn die Partei bekämpft als einzige im Land aufrichtig den Konfessionalismus. Den Menschen, die blind in ihre religiösen Anführer vernarrt sind, sind sie ein Dorn im Auge. Manchmal kannst du es eben einfach nicht mehr ertragen, wenn ständig jemand mit dem Finger auf dich zeigt.«
Hawi schreibt:
Was pulsiert frei und frisch
in der Asche der Leere unsrer Brust?
Der Besitzer des Warschauer Restaurants Le Cedre serviert zum Nachtisch eine wahre Köstlichkeit: libanesische Malban. Die orange-weißen mit Pistazien mag ich am liebsten! Moment mal, das stimmt so nicht. Ina ist verrückt nach Malban. Und ich? Wie war das mit dem Recht auf ein Geheimnis? Ich bin verrückt nach ihr …
Jimmy kam vor über zwanzig Jahren nach Polen und eröffnete ein Restaurant. Der lächelnde Blondschopf mit seinem Dreitagebart sieht auf den ersten Blick ein wenig zerstreut aus. Wenn es ums Geschäft geht, behält er jedoch einen kühlen Kopf. Wie es sich für einen Profi gehört, hat er sogar eine philanthropische Ader: Stellt jemand ein libanesisches Kulturereignis auf die Beine, kann er auf Jimmy zählen.
Als er sein Abenteuer mit Polen begann, ging ich noch in die Grundschule. Toilettenpapier war damals Mangelware. Immer wieder schleppte ich paketweise Altpapier heran und tauschte es im Pfadfinderraum gegen die kostbaren Rollen. Ein Freund von Jimmy war besessen von Klopapier. Leider starb er, bevor sich die Lage im Land verbesserte.
»Im Flur seiner Wohnung stand ein riesiger Schrank«, erzählt Jimmy. »Man konnte sich kaum daran vorbeizwängen, um in die Küche zu gelangen. Wir rätselten, was er wohl versteckt hielt. Als er starb, öffneten wir den Schrank. Was glaubt ihr, war drin?«
Auch William Hawi kam aus Shweir. 1908 in New York geboren, kehrte er in seiner Kindheit zurück in den Libanon. Als Liebhaber von Tennis, Fußball und Skifahren befreundete sich William in einem Sportclub mit Pierre Gemayel, dem Mitbegründer und Anführer der Libanesischen Phalange. Das Motto der sogenannten Kata’ib war »Gott, Nation und Familie«, ganz nach dem Vorbild der spanischen Faschisten. In den Dreißigerjahren trat Hawi der Partei bei.
Anders als Sa’ada, der sich dem Nationalsozialismus fern erklärte, verbarg Gemayel seine Faszination für Hitler nicht. An den Olympischen Spielen von 1936 nahm er als Fußballkapitän der Nationalmannschaft teil. »Diese Art von Ordnung würde dem Libanon guttun«, sagte er unter dem Eindruck der faschistischen Spiele. »Damals hatte der Nationalsozialismus noch nicht den Ruf, den er heute hat«, fügte er Jahre später hinzu.
Der offizielle Name der Kata’ib lautet »Partei der libanesischen Brigaden«. Ihren Kern bildete eine paramilitärische Jugendorganisation. Pierre Gemayel blickte zähneknirschend auf die Kompromisse mit der Kolonialmacht zurück. Die Phalangisten, die sich den Römischen Gruß wohl bei Mussolini abgeguckt hatten, strebten nach radikalen Veränderungen. Straßenkrawalle waren an der Tagesordnung. Zugleich übernahm die Partei gewerkschaftliche und karitative Aufgaben, förderte Bildung und sportliche Aktivitäten. Darüber hinaus setzte sie sich für die Verbesserung der Lage der Frauen ein. Die Ausbildung von Schattenstrukturen des Mandatstaates, eines Handlangers der kolonialen Besatzer, sollte das System zu Fall bringen: Eine Macht, die von den Bürgern nicht gebraucht wird, verliert ihre Daseinsberechtigung. Das langfristige Ziel der Bewegung war nicht nur die Befreiung des Landes aus den Fängen der Franzosen, sondern auch die Zerschlagung der Klanstrukturen und der von diesen Strukturen bedingten Korruption in der Politik.
Ähnlich wie die SSNP erwuchsen auch die Phalangisten der Tradition des Kampfes für die Unabhängigkeit. Nur, ihr Verständnis der Nation war ein anderes. Die Kata’ib kämpfte verbissen gegen den Panarabismus. Der Kern ihres Programms war der Mythos einer phönizischen Rasse. Deren angebliche Nachfahren sind frankophone Maroniten aus dem Libanon. Ihre natürliche Rolle sei es, die Macht im Land auszuüben. Sie waren es übrigens auch, die die Reihen der Partei füllten.
Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 gelang es den maronitischen Politikern, die Grenzen des Landes so durchzusetzen, dass die Christen die knappe Mehrheit der Bevölkerung stellten. Schließlich gab es etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Der konfessionelle Verteilungsschlüssel bei der Besetzung von Ämtern sicherte den Maroniten die Position von Präsident und Generalstabschef zu. Das Wohl des Staates und seiner Bürger blieb auf der Strecke.
Im nun unabhängigen Land verkümmerte das Programm der Kata’ib zusehends. Die politischen und gesellschaftlichen Schattenstrukturen, die sich im Kampf gegen den Kolonialismus als erfolgreich erwiesen hatten, wurden weiter ausgebaut und bedrohten das junge politische System. Paradoxerweise begünstigten die nationalistische Mythologie und der Konfessionalismus ausländische Einflussnahme. Besonders Frankreich profitierte davon: Die Feinde von einst bildeten nun eine gemeinsame Front.
Pierre Gemayels Sohn Amin hatte passende Worte für die Haltung der Phalangisten parat. Es war 1975. Der sogenannte Bürgerkrieg war soeben ausgebrochen und das »Komitee zum nationalen Dialog« arbeitete an Reformen, welche die Versöhnung der verfeindeten Fronten zum Ziel hatten. Die Karten waren noch nicht verteilt – alles hätte noch anders kommen können. Aber der Anführer der Kata’ib blockierte die Durchführung der Reformen.
»Wir haben verhindert, dass der Staat Veränderungen unterworfen wird«, erklärte Amin dem französischen Radio. »Zugegeben, Gewalt führt zu nichts. Aber sie half uns dabei, an der Macht zu bleiben. Natürlich glauben wir weiterhin an die Kraft des Dialogs. Genau deshalb greifen wir zu den Waffen.«
William Hawi verantwortete den Militärflügel der Partei. Zu seinen Pflichten gehörten die Kampfschulungen und die Rüstungslieferungen. Neben Handfeuerwaffen verfügten die Truppen von Gemayel auch über Flugabwehrartillerie und Panzer. Im Gewirr der Kämpfe stellte sich ein Teil der Armeeeinheiten in den Dienst der Kata’ib. Sämtlichen Allianzen aus dem Kalten Krieg zum Trotz, ließ sich die Phalange aus Rumänien und Bulgarien, aber auch aus der Bundesrepublik, Belgien und Israel beliefern. Letzteres versorgte sie zudem mit Uniformen und organisierte Militärübungen.
Hawi schreibt:
Ich erinnerte die Schlacht Dämons und Drakons
auf meiner Erde.
Ihre Geiseln waren meine Brüder, der Vernichtung nah,
die einen in Dämons, die anderen in Drakons Schlund.
Es war der 13. April 1975. An jenem Frühlingstag geriet die Situation außer Kontrolle. Bewaffnete Mitglieder der Kata’ib umstellten einen Beiruter Bus. Man bat die von der Arbeit zurückkehrenden Palästinenser auf die Straße hinaus. Am helllichten Tag wurden siebenundzwanzig Personen ermordet. So brach der fünfzehnjährige sogenannte Bürgerkrieg aus, der über hundertfünfzigtausend Opfer verschlang. Doppelt so viele Menschen erlitten bleibende Verletzungen.
Der historische Bus ist heute Teil der Ausstellung eines der Beiruter Zentren für Kultur und zeitgenössische Kunst, dem sogenannten UMAM D&R. Die Einrichtung der deutschen Monika und ihres libanesischen Mannes Lokman dokumentiert die Geschichte der Stadt und erforscht die Auswirkungen von politisch motivierter Gewalt in der Gesellschaft.
NACHRICHT AUS DEM INTERNET: Das Verhältnis der Libanesen zu Bussen ist kompliziert. Leidenschaftliche Liebe verflicht sich mit brennendem Hass. Das sogenannte Busmassaker war der Anfang eines Gewaltausbruchs, der katastrophale Folgen hatte und fast zwei Jahrzehnte andauerte. Diese Phase ging als libanesischer Bürgerkrieg in die Geschichte ein, obwohl er rein gar nichts mit Bürgern zu tun hatte. Der klapprige, von Kugeln durchlöcherte Bus ist eine Ikone der Vergangenheit, die im Leben eines jeden Libanesen ihre Spuren hinterlassen hat.
Während der darauffolgenden Monate befehligte »Chef William« diverse Kampfeinsätze in Beirut. Die systematische Auslöschung der palästinensischen Flüchtlingslager erinnerte an ethnische Säuberungen. Doch die Überlegenheit der palästinensischen Truppen und ihrer linken, libanesischen Verbündeten war zu groß. Als die Phalangisten versagten, rief der ihnen nahestehende Präsident die Syrer auf den Plan. Die brüderliche Hilfe sollte die linke Front zerschlagen.
Auf der politischen Bühne der Region vollzog sich eine überraschende Wende. Damaskus hatte bis vor Kurzem die Linke mit Waffen versorgt. Jetzt empfand es die revolutionären Ambitionen seiner Schützlinge als Bedrohung, und es kam der Bitte Beiruts nach. Der wichtigste Verbündete der UdSSR in der Region – Syrien wurde damals das Kuba des Nahen Ostens genannt – stellte sich auf die Seite der libanesischen Faschisten. Obwohl der Krieg mit Israel formal andauerte, wurden die Syrer im Libanon zu Verbündeten Tel Avivs. Die dreißigjährige Besatzung begann.
William Hawi konnte aus der neuen Mächteverteilung keinen Nutzen mehr ziehen. Eines heißen Tages im Sommer 1976 inspizierte er Einheiten der Kata’ib. Sie belagerten ein Palästinenserlager auf dem sogenannten »Thymian-Hügel«. Ein Scharfschütze schoss ihm in den Kopf.
Neben dem Bild des phönizischen Hafens im Le Cedre hängt ein Plakat. Es zeigt den Ort Bischarri. Die berühmte Zeder darf hier natürlich nicht fehlen – der Baum ist identisch mit dem auf der libanesischen Fahne. Das Naturdenkmal mit dem es umgebenden Hain ist der Stolz aller Libanesen. Als irgendein reicher Schnösel einige Zedern abholzen wollte, um ein Gebäude errichten zu können, geriet das ganze Land in Aufruhr.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprachen die Menschen in Bischarri Aramäisch. Der Ort erstreckt sich bis auf eine Höhe von etwa 2000 Metern. Eine sich in zahllosen Kurven dahinschlängelnde, stellenweise nicht abgesicherte Straße führt von der Küste etwa eine Stunde lang hinauf. Auf dem Weg liegt ein malerisches Tal, das an der Wende vom neunten zum zehnten Jahrhundert die Anhänger einer Religion des östlichen Christentums für sich entdeckten: die Maroniten. Ihre Unterstützung für die Kreuzritter näherte sie später Rom an. Nach 300 Jahren wurde eine Union geschlossen und seitdem gehören die Maroniten zur katholischen Kirche.
Eddie war es, der mir von der berühmten Eisdiele am Rande des Tals erzählte. Das bunte Kalt wird hier mit einem flachen Spachtel Klecks für Klecks ineinander geschichtet. Am Schluss wird der spitze Kegel in ein Streuselmeer getunkt – und voilà: Auf der Zunge zergeht dir das beste Eis Libanons!
Im Jahre 2010 fahre ich zusammen mit Ina und einem befreundeten Paar hier entlang. Nur mit Mühe kann ich meine Begleiter davon überzeugen, dass man sich in der Eisdiele nicht vergiftet. Den Einheimischen mangelt es häufig an Vertrauen in ihre Heimat. Ina erklärt, das sei nur natürlich. Es sei ein Luxus, in einem Staat zu leben, der sich darum kümmert, dass dich niemand betrügt (zum Beispiel durch den Verkauf von vergammeltem Eis). Diesen Luxus genössen nur die Bewohner einiger der reichsten Länder der Welt. »Menschen sind von Natur aus misstrauisch«, sagt sie. »Nur wenn du unter den Deinen bist, stellst du dein Gewehr in die Ecke. Und selbst dann ist es besser, du hast es in Reichweite.« Kurzum, du trinkst deinen Kaffee nicht aus fremden Tassen. Zu dumm nur: Alle drei lieben Eis …
In den Touristenführern wird der Ort mit der Zeder wie auf der libanesischen Fahne einfach »Les Cèdres« genannt. So wie Jimmy’s, Eddie’s und viele andere Restaurants auf der Welt.
Das erste Mal war ich 1999 in Bischarri. Am Eingang zum Reservat erbrachte ich eine freiwillige Spende von einigen US-Dollars. Knapp 400 ausgewachsene Bäume bilden den rauschenden »Wald der Zedern Gottes«. Einige Naturfans geben darauf Acht, dass niemand die Setzlinge zertrampelt. Am Rande des Parks hat ein örtlicher Bildhauer die Äste eines alten Baums in Heiligenfiguren verwandelt. So sagt es zumindest die Informationstafel. Einige Jahre später kam mir eine weltlichere Assoziation in den Sinn: Die geschmeidigen Figuren erinnerten mich an die Tänzerin aus dem Warschauer Restaurant.
Les Cèdres ist auch ein beliebter Skiort. Der Weg entlang des Lifts ist nicht so beschwerlich, wie es von unten scheint. Der Blick aus fast 3000 Metern Höhe auf das sogenannte Heilige Tal belohnte mich für die Anstrengungen des Aufstiegs. Auf dem sanften Bergrücken erschienen Hirten. Ein paar müde Esel tappten inmitten der Schafherde. Ihre Satteltaschen waren vollgestopft mit Kalaschnikows. Ich wusste nicht, wer diese Leute waren, dachte aber an die Partei Gottes.
Abhängig von politischen Sympathien, aber auch schlichtweg von Launen, nennen die Libanesen die Hisbollah mal Widerstandsbewegung, mal Partei des Teufels. Eine besondere Verteidigungsdoktrin des Landes verkündet, das Volk habe ein Recht, bewaffnete Einheiten zum Zweck des Widerstands aufzustellen. Warum ist das so?
»Wir sind überzeugt«, sagte Scheich Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hisbollah, in einem Interview mit dem libanesischen Fernsehen, »dass es nicht unserem Vaterland dient, die Streitkräfte des Libanon an die Grenze mit Israel zu verlegen. Gegenwärtig ist es sogar umgekehrt: Es würde dem Feind dienen. Denken wir mal über die Rolle der Armee nach.« Der Scheich ist ein außerordentlicher Redner. Seine Logik ist vorbildlich, seine Rhetorik schöpft aus dem literarischen Reichtum des Arabischen, bleibt aber gleichzeitig der Umgangssprache nah. Man hört ihm einfach gerne zu. »Die Rolle der Armee ist es, die Grenzen zu schützen. Wenn am Himmel israelische Flugzeuge erscheinen, müsste das Militär reagieren. Wenn israelische Soldaten unser Gebiet betreten, müsste man ihnen die Stirn bieten. Hier ergibt sich allerdings ein technisches Problem, das mit Politik nichts gemein hat. Kann unser Militär diese Aufgabe bewältigen? Nehmen wir an, wir verlegen die Armee an die Grenze und beauftragen sie mit der Verteidigung. Libanon besitzt keine Flugzeuge. Wir verfügen auch nicht über eine Flugabwehr. Zudem hat unser Militär einen konventionellen Charakter. Es verfügt über Panzer und Geschütze und ist in Kasernen stationiert. Was das bedeutet? Das bedeutet leider, dass die israelische Luftwaffe innerhalb weniger Stunden unsere Truppen zerstört. Befählen wir der Armee, das Land zu verteidigen, schickten wir die Soldaten in den sicheren Tod. Deshalb kämpft unsere Armee niemals gegen den Feind. Was nützt sie uns also an der Grenze? Mit dem Widerstand ist es etwas ganz anderes. Und es geht dabei nicht darum, dass unsere Männer mutiger sind als Soldaten. Der Widerstand ist schlichtweg nicht in Regimenter unterteilt, hat keine Kasernen und kommt ohne Panzer aus. Seine Taktik ist eine andere. So schafft die Präsenz des Widerstandes an der Grenze eine Art Gleichgewicht.”
Hawi schreibt:
Ich wollte, sie wären Lanzen aus Stahl,
wären schlanke Stiele betörenden Basilikums,
für sie verbrannte ich die alte Geschichte.
Gegen Abend tauchten auf den Straßen von Bischarri Militärjeeps auf. Ein grauhaariger Oberst schwang sich aus seinem Wagen und stellte Patrouillen auf dem Marktplatz auf. Schöne Mädchen flanierten durch die Straßen und zwinkerten den Soldaten zu. Ihre achtsamen Großväter rauchten gelassen am Fuße der Kathedrale.
Oberhalb der Straße, nicht weit von der Ortseinfahrt, befindet sich das Museum Gibran Khalil Gibrans. Der Dichter wurde hier geboren. Ihm widmete Hawi seine Promotion in Cambridge. Gibrans berühmtestes Werk, Der Prophet, gehört zu den größten Bestsellern aller Zeiten. Sein mythisches, idealisiertes Bild der Heimat war für Hawi eine Herausforderung: War der Libanon wirklich die beseelte Erde der Propheten, wo malerische Berge und sanfte Küsten ein harmonisches Dasein von Mensch und Natur ermöglichen? Armut, Gewalt und leidbringende Hierarchien, die beide Schriftsteller erlebten, hatten in dieser idealisierten Welt keinen Platz.
Am Eingang zum Museum sprach mich ein Zedernhüter an.
»Diese Bäume tragen die Erinnerung an König Salomo in sich«, sagte er pathetisch. »Vielleicht kann ich so viele von ihnen pflanzen, bis der Wald wieder groß und mächtig ist. Kauf einen Setzling! Wenn es mir nicht gelingt, so hütest du die letzte Zeder. Nimm dir das zu Herzen.« Und dann fügte er leise hinzu: »Denn schon bald bleibt nichts mehr von mir …«
Den Setzling nahm ich mit nach Hause. Ina und ich nannten ihn in unserer intimen Sprache »Zedruschko«. Zedruschko wächst nun zwischen exotischen Kakteen auf ihrem sonnigen Balkon in Köln und ist das Juwel ihrer botanischen Sammlung.
Als wir im Herbst 2009 nach Bischarri fahren, machen Ina und ich Halt im Naturpark »Hain Ehden«. Der Wald aus majestätischen Zedern und wie unter Schmerzen gewundenem, phönizischem Wacholder ist eine Oase der Ruhe und Sicherheit. Nicht nur für vom Großstadtleben Beiruts ermüdete Reisende: Das Reservat ist einer der wenigen Zufluchtsorte vor den Gewehrmündungen der Wilderer.
Ina hat sich schon vor der Abreise aus Deutschland auf diesen Ausflug gefreut. Auf dem sanften Berggipfel angekommen, essen wir die Äpfel, die vom Proviant für den Flug übriggeblieben sind. Über Kinder haben wir zuvor noch nie nachgedacht. Eng umschlungen, umfangen von den Strahlen der untergehenden Sonne, stellen wir uns Enkelkinder vor, die uns in unseren Rollstühlen hier herauf karren. Aus den Apfelgehäusen wären stattliche Bäume gewachsen. In ihrem Schatten hielten wir uns an den Händen … Für immer …
Auch Samir Geagea, eine weitere Schlüsselfigur der Phalange, kommt aus Bischarri. Im Jahr 1978 befehligte er eine der Gruppen, die nicht weit entfernt vom »Hain Ehden« den Sohn desjenigen Präsidenten ermordeten, der die brüderliche Hilfe Syriens angefordert hatte. In der blutigen Auseinandersetzung starben fast vierzig Personen. Und – wie die Journalisten empört betonten – die vor Gott und Mensch unschuldigen Hunde des Hauses.
Der Nestor der Kata’ib, Pierre Gemayel, war aufgebracht, als er von dem Massaker erfuhr. Voller Mitgefühl rief er den Vater des Ermordeten an. Doch dabei beließ er es dann auch. Zwar erhielt sein Sohn Bachir, der die zweite der angreifenden Einheiten befehligt hatte, noch eine väterliche Rüge. Doch Bachirs Tränen sollten schnell versiegen. Endlose Möglichkeiten taten sich nun vor dem wagemutigen Sohn auf. Der Tod seines Rivalen ermöglichte es ihm, die Rechte zu konsolidieren und sich den Präsidentensessel zu sichern. Dennoch war es Geagea, der sich als der wahre Sieger erwies. Nach dem Tod beider Gemayels übernahm er den bewaffneten Arm der Partei. Unter dem Namen Forces Libanaises (FL) organisierte er ihn wie eine Berufsarmee. Die Kata’ib wurde zur Marginalie.
»Wir hatten so eine Art Unteroffiziersschule«, erzählte der emeritierte General, den Geagea mit den Schulungen betraut hatte. »Das Übungsprogramm war besser als in der Armee. Von den Offizieren erwarteten wir einen akademischen Abschluss. Sie alle – Rechtsanwälte, Ingenieure, Ärzte – kamen direkt von der Uni zu uns.«
Das Verleihen des Offiziersgrades bei den Phalangisten erinnerte an einen Ritterschlag. Erst fuchtelte Geagea mit einem Säbel über dem Kandidatenkopf herum, anschließend kniete der Anwärter vor dem Pfarrer im weißen Ornat nieder und ließ sich segnen.
»Wir bildeten eine Spezialeinheit«, erinnerte sich jener General, »die gezielte Sabotageakte auf dem Gelände des Feindes ausführte. Halt! Ich sagte fälschlicherweise ›Feind‹. Eine Militärangewohnheit. Wir sind Libanesen, und in unserem Krieg gab es keine Feinde. Es gab nur Gruppierungen, die ab und zu gegeneinander kämpften.«
Zu jener Zeit hatten sich die Machtverhältnisse schon wieder geändert. Die Syrer verbündeten sich erneut mit den Palästinensern, und die Phalange wurde zu ihrem Todfeind. Nach dem Ende des Krieges lenkte Damaskus die libanesische Politik mit harter Hand. Samir Geagea kam vor Gericht. Für seine zahlreichen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt, sollte er lebenslänglich hinter Gittern bleiben. Der Prozess sorgte jedoch für Kontroversen. Viele internationale Organisationen, darunter Amnesty International, protestierten gegen das Urteil. Nach elf Jahren kam Geagea aufgrund einer speziellen Amnestie wieder frei.
Heute ist er einer der wichtigsten Politiker des Landes. Die Unterstützung durch seine zauberhafte Frau ist nur einer von mehreren Trümpfen, die er in der Hand hält. Aber ähnlich wie die Familie Gemayels repräsentiert er die alte Ordnung der Kriegsfürsten. Was ihn nicht daran hindert, als Demokrat zu posieren, von Amerika und Europa bereitwillig unterstützt.
Hawi schreibt:
Wird aus der Liebe zu Kindern,
der Liebe zum Leben
ein Ritter erwachsen, der einen Blitz erhebt gegen Dämon,
gegen Drakon?
Können Wunder wiederkehren?
»Warst du schon in Shweir?« Der Kellner erwischt mich dabei, wie ich das Plakat mit der Zeder anstarre. »Es gefällt dir sicher besser als Bischarri!«
Shweir musste lange warten, bis es an die Reihe kam. Es war Herbst 2012. Am nächsten Tag flog ich nach Amman, ich war in Eile.
»In der Villa des Dichters fanden sogar Uni-Seminare statt«, erinnerte sich ein Professor für Arabische Literatur an der AUB, Lieblingsschüler von Hawi. »Wir haben viel getrunken und über Literatur sinniert. Erzählst du mir, ob sich auch nichts verändert hat?«
Die Hauptstraße von Shweir war aufgegraben. Auf dem verstaubten Denkmal schmiegten sich nackte Frauen an den Parteiadler der SSNP. Eine von ihnen saß in der Hocke und schien zu weinen. Ich weiß nicht, was diese schönen Körper mit der Partei zu tun haben sollten. Vielleicht ging es aber um den Nachtclub gegenüber? Aber seine Türen waren verschlossen, während der Mittagszeit war der Bürgersteig leergefegt und man konnte niemanden fragen. Erst im Lesesaal traf ich auf eine freundliche Bibliothekarin. Die Frauen blieben ein Rätsel, aber wir besuchten den örtlichen Walk of Fame. Da gab es Hawi, Sa’ada und noch einige andere. Ich bekam eine Broschüre überreicht, und in Sachen Villa sollte ich im Gemeinderat nachfragen.
»Wir heißen den Schriftsteller an unserem bescheidenen Ort willkommen!« Die überraschend junge Beamtin griff aufgeregt zum Handy und rief ihren Vater an. Der Mann entschuldigte sich ausgiebig, dass er mich nicht persönlich würde fahren können. Schließlich weckte er einen am Ortskreisel schlafenden Taxifahrer und erklärte ihm, wo er mich hinbringen sollte.
AUFZEICHNUNGEN EINES EINWOHNERS VON SHWEIR: Wir schreiben das Jahr 2006. Es ist ein schöner Freitagnachmittag. Die Küstenhitze der Hauptstadt erreicht uns hier nicht. Normalerweise bin ich um diese Zeit bei der Arbeit. Ich verkaufe brasilianische Badezimmerausstattungen in Beirut. Meine Waschbecken und Armaturen sehen einfach wunderbar aus! Leider habe ich gestern nichts verkauft und auch heute werde ich nichts verkaufen. Die israelische Luftwaffe hat nämlich beschlossen, die erstklassigen Landebahnen unseres Beiruter Flughafens zu beschießen. Sie bombardiert auch das antike Städtchen Byblos, die Beiruter Vorstädte, mehrheitlich bewohnt von maronitischen Katholiken, und die multireligiöse, christlich-muslimische Ortschaft Zahle. Auf den Straßen müssen wir uns von Lkws fernhalten, seitdem einer, der Medikamente transportierte, von einem Geschoss getroffen wurde. Meine Frau ist heute auch nicht zur Arbeit gegangen. Die Kinder haben wir zu den Großeltern in die Berge geschickt. Mein Büro ist am gerade erst wiederaufgebauten, modernen Hafen. Nach wie vor wird er bombardiert. In den Zwanzigerjahren kümmerte sich unsere kleine griechisch-katholische und maronitische Berggemeinschaft um orthodoxe und katholische Armenier, die vor den Pogromen in der Türkei flüchteten. 1948 nahm das Land palästinensische Flüchtlinge auf, die bis heute nicht nach Hause zurückkehren können. Jetzt ist das Leben meiner Familie auf den Kopf gestellt. Aber dasist noch gar nichts im Vergleich zum Schicksal der Menschen im Süden, die mehrheitlich muslimische Schiiten sind. Zehntausende von ihnen retten sich, indem sie in anderen Teilen des Landes Hilfe suchen. Wir nehmen sie auf. Nicht weil unsere Geistlichen uns das lehren, sondern weil wir es selbst so wollen. Wir öffneten die Kirchentüren für unsere muslimischen Brüder und Schwestern. Aber wenn Israel seine Luftangriffe fortführt, dann befürchte ich, dass wir uns den christlichen Libanesen in der Emigration in den USA, Brasilien, Kanada und Australien anschließen müssen. Wir wollen hier überhaupt nicht weg. Aber wir müssen uns entscheiden: unsere Heimat oder das Glück unserer Kinder? Ich werde mit niemandem kämpfen, nur weil Israel das so will. Sie sind es, die Kriege zwischen Christen und Muslimen provozieren. Sollen sie doch unsere Zivilisten ermorden, aber sie werden uns nicht dazu zwingen, dass wir unter ihrem Diktat aufeinander einschlagen. Niemals! Das verspreche ich euch.
»Ozeane trennen uns, Shweir verbindet uns« – unter diesem Motto einer Internetseite findet man so allerlei: Paare veröffentlichen ihre Hochzeitsfotos, bei manchen sieht man einen griechisch-katholischen Pfarrer, bei anderen ist es ein Pope. Hier der atemberaubende Blick vom Gipfel des Sannin, da Satellitenaufnahmen vom Zentrum. Natürlich dürfen auch die zwei eklektischen Kirchtürme nicht fehlen. Sie werfen ihre Schatten auf den Ortskreisel, genau dorthin, wo der Taxifahrer schlief.
Shweir hat viele Internetauftritte. Einige werden im Land selbst gepflegt, andere in der Fremde. Die Gewinner eines Halloween-Kostümfests setzen ihre Masken in Szene, eine stolze Frau posiert im Talar – soeben bekam sie die Doktorwürde verliehen. Es findet sich auch das Bild eines kahlköpfigen Mannes mit schüchternem Lächeln. Im Hintergrund der Amateuraufnahme funkelt ein farbenfroher Weihnachtsbaum. Jener Mann – übrigens Bürgermeister des Örtchens – wurde zur Person des Jahres gewählt. Er hatte es vollbracht, Shweir seinen vergangenen Glanz zurückzubringen: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stand am Ortskreisel wieder ein weihnachtliches Bäumchen.
Der siegesträchtige Bürgermeister ist jenseits der Öffentlichkeit Ehemann von Julia Boutros. Ein mit mir befreundeter Journalist, der für das Polnische Radio arbeitet, war voller Bewunderung für das große Talent der Sängerin. Während einer Sendung empörte er sich aber darüber, dass sie ein Lied zu Worten Nasrallahs gesungen hatte. Es handelte sich um eine Ansprache an den Widerstand. Der Erlös der Single »Meine Lieben« war für die Opfer des Krieges von 2006 bestimmt.
»Es ist kaum zu glauben, dass die Sängerin die Hisbollah unterstützt. Das lassen wir unkommentiert«, sprach der Journalist ins Mikrofon.
AUS DEM LIED VON JULIA BOUTROS: Unser süßes Morgen bauen wir – dank euch. Wir gehen und wir siegen – dank euch. Ehrenvoll ist eure Botschaft.
Während des Krieges von 2006 erkannte die internationale Gemeinschaft Israel das Recht auf Selbstverteidigung zu. Die Selbstverteidigung endete mit dem Tod von 1191 libanesischen Zivilisten. Auf der Gegenseite starben 44.
Wie würde die Sängerin dem Radiomoderator antworten?
»Mein lieber Journalist, wenn es hier um einen Krieg in deinem Land ginge, würdest du dann nicht einsehen, dass ich mich … um Gottes Willen richtig verhalten habe? Wohlwissend, dass nur ein gefährlich kleiner Schritt die Partei Gottes – eines jeden Gottes – von der Partei des Teufels trennt?«
Das Abendessen im Le Cedre ist köstlich. Jimmy geht in der Rolle des Gastgebers voll auf. Die Tänzerin kommt nach ihrem Auftritt an unseren Tisch. Es stellt sich heraus, sie ist Ukrainerin aus Kiew, heißt Ina und war noch nie im Libanon. Sie studiert Mathematik an der Warschauer Uni. Vor einem Monat bekam sie ein Stipendium für Köln und bald zieht sie in meine Stadt. Wir haben sogar beide Tickets für denselben Flug. Die Gäste gehen langsam nach Hause, aber wir unterhalten uns noch lange auf Polnisch, Ukrainisch und Arabisch. Jetzt habe ich keine Zweifel mehr, Ina hat nur für mich getanzt.
***
Mehr zum Thema Bischarri und zu seinen Einwohnern findet sich in Porträt 1.
Mehr zum Thema Krieg von 2006 findet sich in Porträt 2.
BEIRUT, 2007–2013
Vergeblich reizten wir den Tod durch Tränen und durch Klagen3
»DAHIYEH.«
»Was bitte?«
»Shiyah, wenn dir das lieber ist. Ich meine den südlichen Vorort Beiruts.«
»Aah, sag das doch gleich. Das Viertel der Hisborillas.«
Es war Sommer. Café Paul. Ich sprach mit Arthur, einem Nahostexperten. Mit europäischen Steuergeldern koordinierte er Entwicklungsprojekte und beriet das Außenministerium seines Landes. Er trat auch gerne in den Medien auf. In politischen Dingen stand er eisern zu seiner Meinung: »Es liegt in unserem Interesse, die örtlichen Christen zu unterstützen. Alle anderen sind Barbaren, die man zivilisieren muss.« Jeden Morgen gab Arthur dem Parkwächter die Schlüssel zu seinem protzigen Toyota und setzte sich in das teuerste Café der Stadt. Mit faschistisch angehauchten Intellektuellen Zigarre rauchen – das nannte er »Kontaktpflege«.
»Du willst nach Shiyah fahren?«, fragte er verwundert. »Was gefällt dir denn nicht an Ostbeirut? Hier fühlt man sich doch wie zuhause. Wirf nur einen Blick auf die Karte und du verstehst es sofort.«
Arthur holte einen Reiseführer hervor und zeigte auf das Paul am Rande des Märtyrerplatzes.
»Schau mal, wie geordnet das Straßennetz ist. Überall haben die Straßen Namen. Im Süden hingegen herrscht Chaos.«
EDWARD SAIDS MEINUNG
