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Als aufregend, romantisch und prickelnd empfindet Mimi ihre Affäre mit Bela. Vielleicht liegt es gerade daran, dass dieser eigentlich seit Jahren in festen Händen ist… Für Mimi ist das kein Problem. Sie genießt jedes bisschen Aufmerksamkeit, das er ihr schenkt. Doch als ihre Gefühle irgendwann über reine Lust hinausgehen, wird ihr Leben kompliziert und sie findet sich in einem chaotischen Dilemma aus Moral, Lügen und großen Gefühlen wieder, das sie zu zerreißen droht.
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2023
Madeleine Ohm
Besser dran
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog:
Kapitel 1: Neugier
Kapitel 2: Treue
Kapitel 3: Schuld
Kapitel 4: Neid
Kapitel 5: Sehnsucht
Kapitel 6: Aufwachen
Kapitel 7: Freundschaft
Kapitel 8: Erwartungen
Kapitel 9: Enttäuschung
Kapitel 10: Wut
Kapitel 11: Frust
Kapitel 12: Eifersucht
Kapitel 13: Karaoke
Kapitel 14: Alleine
Kapitel 15: Heilung
Kapitel 16: Wiedersehen
Kapitel 17: Leid
Kapitel 18: Spaß
Kapitel 19: Hoffnung
Kapitel 20: Verantwortung
Epilog:
Impressum neobooks
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie mehr tanzen würden. Am besten mit geschlossenen Augen und lauter Musik, sodass sie nicht mitbekommen, was für eine Scheiße in ihrer Umgebung und teilweise in ihrem engsten Umfeld passiert.
Doch auch wenn ich gerade versuche, so in der Küche zu meiner Lieblingsmusik zu tanzen, spüre ich trotzdem seine Hand sanft an meiner Schulter. Als ich die Augen öffne, lächelt er mich zärtlich an und kommt mir langsam näher… Wieso muss er mich in diese Situation bringen?
„Ich… glaube, es wäre besser, wenn du jetzt gehst“, sage ich mit einem entschuldigenden Lächeln und beobachte, wie es ihm vergeht.
„Was?“, fragt er verwirrt.
„Es tut mir leid, aber…“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe im Moment echt keinen Kopf dafür.“ Er antwortet nicht. „Lukas, du bist so lieb und verdienst etwas Besseres als mich.“
„Ach, komm schon. Mach dich nicht so runter. Du bist doch kein schlechter Mensch“, widerspricht er mir.
Ich presse die Lippen aufeinander.
„Wenn du mich besser kennen würdest, würdest du das womöglich anders sehen.“
Noch bevor er etwas antworten kann, gehe ich durch das Wohnzimmer zur Wohnungstür und öffne sie. Missmutig kommt er mir hinterher.
„Wenn du es dir anders überlegst, kannst du mich anrufen“, meint er und umarmt mich kurz zum Abschied.
Ich sehe ihn an und nicke, obwohl ich weiß, dass das nie passieren wird. Als er weg ist und ich die Tür hinter ihm schließe, lehne ich mich kurz mit der Stirn dagegen und atme tief durch.
Jetzt brauche ich auf jeden Fall einen Drink. Mit einem leichten Lächeln gehe ich zurück in die Küche und mische mir Captain Morgan mit Cola. Problem gelöst. Alles gut. Ich drehe die Musik lauter und schüttle meine wilden, blonden Locken und tanze und singe lauthals. So kann ich den Mist und meine schreckliche Ignoranz für einen Moment vergessen.
Kurz darauf höre ich wie erwartet meine Nachbarin Laura, die unter mir mit einem Besen gegen die Decke klopft, um mich so dazu aufzufordern, die Musik leiser zu drehen. Ich ignoriere es gekonnt. Das kann ich aber nicht mehr, als es kurz darauf an meiner Tür klopft. Die Musik lasse ich demonstrativ laufen, während ich aufmache. Es ist nicht Laura, sondern ihr Ehemann Thomas.
„Hey, Mimi, kannst du bitte die Musik leiser machen? Wir versuchen gerade, unser Baby zum Einschlafen zu bringen“, sagt er und versucht, höflich anstatt genervt zu klingen.
„Natürlich“, erwidere ich, verdrehe die Augen und schließe die Tür.
Tanzend schlendere ich zurück ins Wohnzimmer. Als Rebell möchte ich die Musik laufen lassen, um meinen Unmut auszudrücken. Ich strecke die Zunge raus und richte beide Mittelfinger in Richtung Boden, bevor ich dann die Musik ausschalte. Vielleicht bin ich doch nicht so ein Rebell. Von unten kommen zwei kurze Klopfer mit dem Besen, was wohl ihre Art ist, sich zu bedanken.
Heute habe ich keine Lust auf Stress und müde bin ich auch. Ich betrachte im Bad noch einmal mein großartiges Styling, bevor ich mich abschminke, dusche und in einen gemütlichen Schlafanzug schlüpfe. Sobald ich in meinem Bett bin, fahre ich herunter und fühle mich wohl. Ich kuschele mich unter meine Decke und schlafe zügig ein.
Mitten in der Nacht geht plötzlich die Tür auf und das Licht an. Ich kneife meine Augen zusammen, da es mich blendet.
„Bela?“, frage ich.
Er lehnt im Türrahmen, als würde der gesamte Raum ihm gehören. Auf seinen Lippen liegt ein ruhiges Lächeln und lediglich in seinen Augen blitzt für einen Moment die Vorfreude auf das Kommende auf. Er löst sich aus seiner Pose und schlendert gelassen zu meinem Bett. Seine Hände positioniert er rechts und links neben meinen Schultern, er lehnt sich über mich und gibt mir einen intensiven Kuss.
„Hallo, Mimi“, haucht er mit einer tiefen, warmen Stimme.
Ich sehe ihm in die Augen und schüttle lächelnd den Kopf.
„Wieso?“, frage ich verwirrt.
Er steht wieder auf und schaltet meine Nachttischlampe ein, bevor er das Deckenlicht ausmacht.
„Weil du mir gefehlt hast“, antwortet er und zieht sich sein T-Shirt aus.
Ich runzle die Stirn. Das ist nicht Antwort genug und das weiß er selbst.
„Lass uns keine Zeit verschwenden“, fügt er noch hinzu, bevor er zu mir ins Bett krabbelt und mit seiner Hand durch mein Haar fährt.
„Hättest du gesagt, dass du kommst… Ich habe mir extra neue Unterwäsche gekauft“, murmle ich heiser.
Er schmunzelt und streichelt mit seinem Daumen über meine Wange.
„Die brauchen wir nicht“, flüstert er.
Bela beginnt, mir Küsse auf den Hals zu hauchen. Ich seufze. Er weiß zu genau, welche Knöpfe er bei mir drücken muss. Ich fahre mit meinen Fingern in seinen Nacken, wo sich eine Gänsehaut ausbreitet. Vorsichtig ziehe ich ihn zu mir hoch und küsse ihn stürmisch.
Alles beginnt etwa ein Jahr zuvor bei einem Grillfest. Einige meiner ehemaligen Mitschüler haben zu einer Art kleinem Klassentreffen am See in meiner Heimatstadt Köln eingeladen. Ich habe durch meine beste Freundin Dina davon erfahren, die mich dazu überredet hat, auch zu kommen. Eigentlich habe ich keine guten Erinnerungen an meine Schulzeit, aber ich will die Gelegenheit nutzen, zu zeigen, wie gut ich mich seitdem entwickelt habe. Außerdem bin ich gespannt, was aus meinen ehemaligen Mitschülern geworden ist.
Als ich etwas zu spät ankomme, bin ich nervös. Ich lege im Auto noch einen schönen Lippenstift auf und als ich finde, dass alles zu meiner Zufriedenheit ist, lächele ich mich selbst im Spiegel an, ziehe eine Grimasse und spaziere dann zum Grillplatz am See.
Schon von weitem höre ich einen spitzen Schrei, der nur von Dina kommen kann. Was es wohl diesmal ist? Ein Regenwurm? Eine Spinne? Dann sehe ich sie, wie sie etwas unbeholfen in ihren High Heels über die Wiese stolziert.
„Mach es einfach weg, Louis!“, kreischt sie mit schriller Stimme.
Sie trägt eine Hochsteckfrisur, aus der einzelne Strähnen perfekt herausfallen, als sei es genau so von ihr gewollt. Dadurch stechen ihre großen, goldenen Ohrringe hervor, die bei jeder Bewegung ihres Kopfes wackeln. Ihre schmalen Schultern zieht sie an bei der Angst vor dem Tier, das Louis gerade von ihrer Handtasche entfernt, die viel zu schick für ein Grillen am See scheint. Aber Dina allgemein wirkt immer und gleichzeitig nie overdressed, weil es zu ihr perfekt zu passen scheint.
„Dina!“, rufe ich.
Als sie mich bemerkt, kommt sie auf mich zu und umarmt mich stürmisch.
„Cool, dass du da bist“, meint sie. „Komm, du musst den Rest begrüßen!“
Ich begrüße kurz die Gruppe. Zu den meisten hatte ich in meiner Schulzeit schon kaum Kontakt und ich habe nicht vor, das zu ändern. Ich nehme eine selbstbewusste Pose ein und erzähle stolz von meinem Studium, doch nach kurzer Zeit wird es mir zu langweilig und ich ziehe Dina zum Seeufer.
„Hättest du gesagt, dass nur Spießer kommen, wäre ich zu Hause geblieben“, sage ich lachend, während ich meine Schuhe ausziehe.
„Keine Angst, es kommen noch interessantere Leute“, erwidert sie grinsend.
Ich gehe bis über meine Knie ins Wasser und erschrecke, weil es doch ziemlich kalt ist. Mit einer Handbewegung deute ich Dina an, zu mir zu kommen, aber sie runzelt die Stirn und stemmt die Hände in die Hüfte.
„Da rein? Niemals! Ich habe keine Wechselsachen mit und für diese Frisur habe ich eine halbe Stunde vor dem Spiegel gestanden!“
Ich spritze etwas Wasser in ihre Richtung und sie kreischt auf.
„Mimi!“
Ich muss kichern. Es ist goldig, wie sie über der Nase eine kleine Falte bekommt, wenn sie sich ärgert. Doch mein Lachen sollte mir jetzt auch vergehen, denn ich sehe, wie Louis auf mich zuläuft. Er stampft mit großen Schritten ins Wasser und stürzt sich so auf mich, dass ich denke, ich falle hin.
„Louis!“, kreische ich.
Er lässt von mir ab und spritzt mich so voll, dass meine Haare und alle meine Klamotten klitschnass sind. Dann stürze ich mich auf ihn und bringe ihn sogar zum Fallen. Wir lachen beide und ich reiche ihm eine Hand, um ihn wieder auf die Beine zu ziehen.
„Du musst mir einen Gefallen tun“, sagt er und sieht mich ernst an.
„Versuch es erst gar nicht!“, ruft Dina, die sich viele Meter von uns entfernt hat, um nichts abzubekommen. „Es ist aus mit uns!“
„Dina, komm schon! Lass es mich doch erklären!“, sagt Louis und stampft aus dem Wasser.
Sie schüttelt den Kopf und macht eine abweisende Handbewegung, bevor sie sich umdreht und davon stolziert. Er läuft ihr hinterher. Ich sehe ihnen nach und seufze. Sie können nicht miteinander und auch nicht ohne einander.
„Eine kürzere Hose hast du nicht gefunden, oder, Mimi?“, höre ich plötzlich eine Stimme.
Es ist Christina, die mit verschränkten Armen und leicht angezogenen Schultern vor mir steht. Besonders interessant finde ich, dass sie trotz des warmen Wetters einen dünnen Pullover trägt. Bloß keine Haut zeigen. Auf ihren Lippen liegt ein leichtes Lächeln, das jedoch nicht bis zu ihren Augen reicht, sodass ich mir nicht sicher bin, wie ernst ihre Aussage gemeint ist. Wahrscheinlich will sie mich nur etwas necken. Sie, Dina und ich waren damals schon gut miteinander befreundet. In der Schule verstand ich mich mit Christina noch besser, aber im Studium haben sich die Dinge verändert und wir harmonieren nicht mehr so gut wie früher. Trotzdem stehen wir drei in unregelmäßigem Kontakt.
„Man muss doch zeigen, was man hat“, sage ich, nehme eine sexy Pose ein und strecke die Zunge raus.
Während ich auf Christina zugehe, ziehe ich mir das nasse T-Shirt über den Kopf. Dann nehme ich sie knapp in den Arm und gebe ihr einen Knutscher auf die Wange. Anschließend gehe ich zu den großen Steinen, an denen die anderen grillen, und breite mein T-Shirt zum Trocknen aus.
Und dann passiert es. Ich sehe auf und mein ganzer Körper dreht durch. Es fühlt sich an, als würde eine Hitzewelle mich überrollen, mein Herz aussetzen und mich der Schlag treffen. Alles zugleich. Nur ein paar Meter von mir entfernt steht Bela Offermann und sieht mich an. Er bewegt sich nicht und es wirkt, als seien seine Füße fest mit dem Boden verwurzelt. Seine Haare sind zerzaust, genau im richtigen Maß, dass es nicht ungepflegt wirkt, und seine Augen mustern mich aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Sie sind hell und klar und jagen mir damit einen kalten Schauer über den Rücken. Sein Blick wirkt ausdruckslos, höchstens neugierig, aber ansonsten fällt es mir schwer, zu sagen, ob er mich anziehend oder abstoßend findet.
Ich fand Bela schon damals in der Schule toll, aber wir kannten uns kaum und er hat mir nie wirklich Beachtung geschenkt. Ich kann es ihm nicht verübeln. Immerhin habe ich mich auch nie getraut, ihn anzusprechen. Es hat sich so viel verändert seit damals.
„Louis ist so ein Dulli!“, höre ich Dina neben mir sagen. Sie schnaubt verärgert.
„So wie Milo?“, erwidere ich schmunzelnd.
„Das habe ich gehört!“, sagt Christina, die nun zu uns tritt.
„Sorry, Chrissy, aber dein Freund ist schon ein ziemlicher Dulli“, meint Dina.
Christina zuckt nur mit den Schultern und Dina fährt fort:
„Louis auch, aber anders. Er ist manchmal so… Keine Ahnung. Er ist ein Kindskopf und das wusste ich natürlich vorher, aber…“
„Ich dachte, du hast mit ihm Schluss gemacht“, erwidert Christina.
„Habe ich auch.“
„Aber sie bereut es schon wieder“, ergänze ich.
Christina verdreht die Augen.
„Meine Güte, Dina…“, stöhnt sie.
„Bin ich froh, dass ich mich mit solchem Mist nicht herumschlagen muss“, murmele ich und grinse sie an. „Deswegen genieße ich mein Single-Leben. Dina, du bist eine Idiotin. Du hast Louis gerne und das weißt du auch. Gib ihm eine Chance und zieh nicht bei den kleinsten Schwierigkeiten wieder den Schwanz ein.“
Sie sieht mich mit großen Augen an und nickt dann langsam. Ich klopfe ihr kurz auf die Schulter und entferne mich. Als ich bei den Getränken angekommen bin, sehe ich wieder zu Bela, der an einen Stein gelehnt neben dem Grill steht und sich mit den anderen unterhält. Ich kann meinen Blick kaum von ihm abwenden. Er fängt an, die fertigen Würstchen mit größter Sorgfalt auf Pappteller zu verteilen.
„Hey, Mimi, was darf ich dir anbieten?“, fragt mich Louis plötzlich.
Ich betrachte die Getränke, die vor mir stehen.
„Was kannst du mir denn empfehlen?“
Er schmunzelt, geht in die Hocke und sucht in einer Kühlbox nach etwas. Kurz darauf hält er mir stolz ein Fruchtpäckchen entgegen. Ich betrachte es einen Moment und nicke dann.
„Danke.“
Sein Blick gleitet kurz über meinen Oberkörper und dann zu meinem T-Shirt, das in der Sonne liegt.
„Das war eigentlich nicht meine Absicht vorhin, aber hey… Über den Anblick will ich mich nicht beschweren“, sagt er scherzhaft.
Ich boxe ihm leicht gegen den Arm.
„Lass das nicht Dina hören. Ich habe extra ein gutes Wort für dich eingelegt“, erzähle ich.
Er schüttelt leicht den Kopf.
„Du bist einfach die Beste. Danke.“
„Kein Ding“, murmele ich und suche wieder Bela mit meinem Blick, der ebenfalls zu mir sieht. Er packt eine Bratwurst auf einen Pappteller und kommt damit auf uns zu. Mir bleibt fast die Luft weg. Während er mir in die Augen sieht, drückt er Louis den Teller in die Hand.
„Michelle Hasenkamp?“, fragt er.
„Mimi“, erwidere ich. „Ich werde nur noch Mimi genannt.“
„Dann Mimi. Darf ich dir etwas anbieten?“
Ich sehe zu der Bratwurst auf Louis‘ Teller.
„Gerne. Eine Bratwurst würde ich auch nehmen“, sage ich.
„Kommt sofort.“
Schon ist er wieder weg und ich kriege wieder Luft. Seine Aura nimmt einfach alles ein und erdrückt mich, sobald er in der Nähe ist. Es ist, als würde sie mich warm aufnehmen und es käme nichts an mich heran, solange sie mich umhüllt.
„Ganz der alte Gentleman“, murmelt Louis.
Ich sehe zu ihm.
„Habt ihr noch viel Kontakt?“
„Schon… Dina und Christina sind ja auch mit den beiden sehr gut befreundet.“
Bevor ich weiter nachhaken kann, kommt Bela wieder und reicht mir einen Pappteller mit einer goldbraunen Bratwurst darauf. Für sich selbst behält er eine fast verbrannte.
„Bitteschön“, sagt er mit einem herzlichen Lächeln.
„Danke. Wollen wir uns hinsetzen?“, frage ich.
„Ja, lasst uns hinsetzen“, sagt Louis kaum verständlich mit vollem Mund.
Bela und ich sehen uns an und schmunzeln. Dann gehen wir zu dritt zu den Steinen und setzen uns. Ich ziehe mir mein T-Shirt wieder über, obwohl es noch nicht einmal ansatzweise trocken ist. Es ist nicht so, dass ich mich unwohl im BH gefühlt hätte, aber der Wind war mir zu frisch.
„Also, was machst du so?“, frage ich und sehe Bela interessiert an.
Er schluckt zuerst sein Essen herunter, bevor er antwortet:
„Na ja, ich habe vor Kurzem mein Informatik-Studium beendet und jetzt eine Stelle in einer IT-Abteilung bekommen… Kein besonders spannender Lebenslauf, ich weiß.“
Louis gestikuliert und legt sich offenbar Worte zurecht.
„Das ist sterbenslangweilig im Vergleich zu Mimis Werdegang. Bei der ist viel mehr passiert“, sagt er und grinst Bela an. „Sie ist viel interessanter als du.“
Dieser schmunzelt.
„Davon bin ich überzeugt. Na dann…“
Ich atme tief durch und überlege, was ich wirklich erzählen will. Stolz bin ich nämlich nicht darauf, dass ich offenbar keinen Plan von meinem Leben habe.
„Ja, erzähl du mal und ich versuche noch einmal, mit Dina zu reden“, sagt Louis zu mir und steht auf.
Ich weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finde, dass er uns alleine lässt. Schnell esse ich meine Bratwurst auf und stelle den Teller zur Seite. Bela sieht sich um.
„Wollen wir beim Quatschen ein bisschen spazieren gehen?“
Ich nicke. Als wir ein paar Meter weg sind, fange ich an, zu erzählen:
„Also… Nach meinem Abi habe ich erst einmal BWL angefangen und nach einem Semester aufgegeben, weil… Das war irgendwie nichts für mich. Danach habe ich Biologie ausprobiert und habe es da immerhin zwei Semester ausgehalten, bevor ich auch das geschmissen habe. Dann habe ich beschlossen, mein Leben in den Griff zu kriegen und studiere seitdem Internationales Informationsmanagement. Dazwischen lagen noch zwei Praktika und ein abgebrochenes FSJ im Krankenhaus.“
Ich lächle leicht beschämt und streiche mir eine Strähne hinters Ohr.
„Na ja, mit jedem Misserfolg weißt du immerhin, was du nicht machen willst“, erwidert er.
„Genau das sage ich auch immer!“
Ich kichere. Bela bleibt stehen und sieht mich an. Er kneift die Augen leicht zusammen und mustert mich, als wäre er verwirrt oder überrascht.
„Du hast dich so verändert seit damals“, meint er und schüttelt leicht den Kopf.
„Ich weiß… Ich habe eine Menge abgenommen.“
Er verzieht den Mund.
„Ja, aber das meine ich nicht.“
Ich ziehe verwirrt die Augenbrauen zusammen.
„Ich… habe mir auch die Haare blond gefärbt.“
Er lacht und ich würde alles tun, damit er mich immer so anlacht.
„Ja, aber auch das meine ich nicht.“
Einen Moment schweigt er und seufzt.
„Deine Ausstrahlung hat sich komplett verändert. Du wirkst viel… zufriedener und selbstbewusster als damals.“
Ich überlege kurz, nicke und breche dann in ein kurzes Gelächter aus.
„Das… Das hat wohl für meine krasse Partyphase Anfang des Studiums gesorgt“, erwähne ich. „Ja… Es hat sich einiges geändert nach der Schulzeit und ich bin immer noch nicht sicher, wo ich eigentlich…“
Ich stocke, als ich die laute Musik aus den Boxen am Grillplatz höre.
„Ich liebe dieses Lied! Komm, lass uns tanzen!“, sage ich und ziehe ihn zurück. „Dina!“
Sie kommt mit Louis zu uns. Genauso wie Christina und einige andere. Während ich meine blonden Locken schüttle, steht Bela unsicher lächelnd vor mir und hebt entschuldigend die Hände. Ich tanze um ihn herum und strahle ihn an. Langsam lässt er sich darauf ein und bewegt sich zur Musik. Ich nicke ihm aufmunternd zu.
Wir lassen uns nicht aus den Augen und sehen uns durchgängig an. Mir fallen seine kleinen Grübchen auf, die sich zeigen, wenn er versucht, sein Grinsen zu verstecken. Er fährt sich durch die Haare und egal, wie sie liegen, sie sehen einfach perfekt aus. Wie gerne ich sie anfassen würde, aber ich versuche eher, ihn zu überzeugen, einen weiteren Schritt auf mich zuzugehen. Ich beiße mir auf die Unterlippe.
Das Lied wechselt und es läuft nun ein langsameres. Bela sieht mich sanft an und hält mir eine Hand hin. Ich greife sie lächelnd und wir fangen an, uns gemeinsam zu bewegen.
„Du bist unglaublich“, murmelt er. „Tanzen ist echt dein Ding, oder?“
Ich nicke.
„Schon, ja. Dabei muss man nicht so viel nachdenken.“
Während wir uns in die Augen sehen, kommt Christina plötzlich zu uns.
„Der einzig anständige Mann aus unserer Truppe, richtig, Mimi?“, fragt sie lachend und legt Bela eine Hand auf die Schulter.
Wir lösen uns voneinander und er senkt verlegen lächelnd den Blick.
„Abgeschlossenes Studium, fester Job… Du bist uns allen voraus. Das würde selbst Alice so sagen, oder?“, fragt Christina.
„Wer ist Alice?“, frage ich neugierig.
Bela hebt den Blick und sieht mich an.
„Meine Freundin.“
Und meine Welt bricht zusammen.
Ich erhole mich überraschend schnell von dem kleinen Schock und finde mich damit ab. Er hat eine Freundin, okay, dann ist das so. Ich finde einen anderen. In Bela habe ich trotzdem seitdem einen guten Freund gefunden. Aus ihm, Dina, Christina, Louis und mir wird in den folgenden Wochen eine coole Gruppe. Wir treffen uns einen Tag bei Louis zu Hause in seinem Partykeller und spielen Billard und Darts. Wir gehen einmal zusammen ins Freibad. Alice ist bei beiden Treffen nicht dabei.
Wie immer reicht uns allen die Zeit zusammen nicht. Bela ist durch seinen Job eingespannt, Christina mit so ziemlich allem und Dina und ich durch die Uni und Studentenjobs. Ich weiß nicht mehr, wer als erstes auf die Idee kam, zusammen in den Urlaub zu fliegen, aber wir waren alle davon begeistert. Eine Woche in der Türkei ist es geworden. Milo, Christinas Freund, kommt ebenfalls mit und so hat unsere Sechsergruppe vier Zimmer. Zwei Doppelzimmer für Christina und Milo sowie Dina und Louis. Bela und ich haben je ein Einzelzimmer. Ursprünglich wollte Alice auch mitkommen, aber aus mir unbekannten Gründen hat sie es dann doch nicht getan. Ich finde es schade, denn eigentlich hätte ich sie gerne kennengelernt.
Der zweite Abend ist definitiv mein Abend. Wir sitzen in einer gemütlichen Bar im Hotel und haben schon einige Drinks getrunken. Christina ist noch ziemlich nüchtern, genauso wie Milo, der vertieft die Eiswürfel in seinem Glas zählt, während ihm die dunklen Locken so tief über die Augen und Ohren hängen, dass ich mich frage, wie viel er noch mitbekommt. Dina und Louis haben sich wegen irgendeiner Kleinigkeit gestritten und auf unsere Bitte ihren Streit auf ihr Zimmer verlagert.
Und Bela und ich? Wir haben den Spaß unseres Lebens, während er mir Witze erzählt, die mir im nüchternen Zustand nicht einmal ein Schmunzeln entlocken würden. Ich finde alles lustig, lache schon vor der Pointe und kann mich kaum noch halten, sobald ich ihm ins Gesicht sehe.
„Du musst mich schon ausreden lassen!“, schimpft er empört, kann sich aber selbst kaum halten vor Lachen.
Und mit steigendem Pegel kommen dann auch noch Belas Versprecher dazu: „Hast du gerade Hodenbosen gesagt?“, frage ich.
„Hosenboden meinte ich!“, korrigiert er sich.
Ich klatsche in die Hände und werfe den Kopf zurück.
Leider müssen Christina und Milo einschreiten, als es am lustigsten ist.
„Wollen wir nicht langsam aufs Zimmer?“, fragt sie.
„Nein, noch nicht!“, widerspreche ich schmollend.
„Ja, wir kommen mit“, meint Bela. Mit einem diabolischen Grinsen flüstert er: „Wir können die Flasche auch mitnehmen.“
Er zwinkert mir zu und ich greife lachend nach dem Whisky, der noch nicht einmal halbleer ist. Auf dem Weg zu den Zimmern stimmen wir scheußliche Lieder an und gehen Christina und Milo damit sicher schrecklich auf die Nerven, aber sie sind selbst schuld, wenn sie so nüchtern bleiben…
Ihr Zimmer liegt vor Belas und meinem, sodass wir ihnen an der Tür noch eine gute Nacht wünschen und uns zu zweit weiter schleppen. Ich liebe diese Zeit in der Nacht. Es fühlt sich an, als wäre heute alles möglich. Womöglich ist es der Alkohol, aber alle Sorgen verpuffen, während ich noch halb tanzend und summend die Tür öffne. Bela steht hinter mir und lächelt mich an.
„Ich schätze, jetzt heißt es gute Nacht…“, meint er.
Ich verziehe die Augenbrauen und schwenke die Flasche in meiner Hand.
„Du willst mich die doch nicht alleine austrinken lassen, oder?“, frage ich erwartungsvoll. Dann gehe ich lächelnd einen Schritt zur Seite und lasse ihn rein.
Bela kommt also mit mir auf mein Zimmer und wir machen weiter, wo wir aufgehört haben. Ich mache mit meinem Handy gute Musik an und er füllt uns zwei Gläser, während ich auf meinem Bett tanze. Er reicht mir eines hoch und hebt seines in die Luft.
„Auf diesen Abend!“
„Auf uns!“, erwidere ich und wir trinken den Inhalt der Gläser.
Ich reiche ihm das Glas und tanze weiter. Als ich bemerke, dass er nur am Schreibtisch lehnt und mir zusieht, werfe ich ihn mit einem Kissen ab.
„Du sollst mitmachen und nicht nur rumstehen!“
Ich springe herunter, stelle mich ganz dicht vor ihm hin, sehe zu ihm auf, direkt in seine Augen, und frage:
„Oder hast du Angst?“
*
Ich erinnere mich nicht mehr daran, was der entscheidende Moment war, an dem wir eine Grenze überschritten haben, aber ich erinnere mich an alles, was danach kam. Ich weiß noch, wie er mich geküsst hat. Ich weiß noch, wie er mich berührt hat. Ich bin mir vollends darüber bewusst, dass wir einen schrecklichen Fehler begangen haben, den wir nie wieder korrigieren können… und Bela weiß es auch noch.
Was er nicht weiß, ist, dass ich wach geworden bin, während er aufgestanden ist. Jetzt sammelt er seine Klamotten zusammen und zieht sie schnell über, während ich weiterhin im Bett liege und so tue, als würde ich schlafen. Ich bin unsicher und will sehen, ob er mich aufweckt, was er mir sagt. In mir tobt ein Vulkan aus Gefühlen und Gedanken, aber wenn ich mich frage, was ich zu ihm sagen soll, ist da nur Leere.
Plötzlich höre ich die Tür zufallen. Er ist einfach gegangen. Was habe ich erwartet? Er hat letzte Nacht seine Freundin betrogen. Mit mir betrogen. Er ist bestimmt sauer auf mich. Ich versuche, mich an letzte Nacht zu erinnern, und frage mich, ob ich es provoziert habe, aber es spielt keine Rolle. Er hasst mich und gibt mir die Schuld daran. Kann ich es ihm verübeln?
Ich stehe aus dem Bett auf und sobald ich mich im Spiegel sehe, überkommt mich ein Gefühl der Scham, sodass ich anfange, zu weinen. Leise schluchze ich vor mich hin und wische mir über die Augen, während ich im Bad unter die Dusche steige. Noch nie habe ich mich so schmutzig gefühlt.
Nachdem ich mich fertiggemacht und meine Augenringe überschminkt habe, geht es mir etwas besser, auch wenn es mir immer noch schwerfällt, zu realisieren, was da passiert ist. Ich versuche, nicht weiter darüber nachzudenken, aber die Bilder von letzter Nacht tauchen immer wieder vor mir auf, die Konsequenzen schimmern im Ungewissen. Ich nehme die leere Whiskyflasche in die Hand und räume ein bisschen auf, bis es an der Tür klopft.
Sofort schlägt mein Herz schneller, doch es ist nur Dina, die aussieht, als wäre sie bereit für den Laufsteg.
„Guten Morgen, kommst du frühstücken?“, fragt sie und stemmt eine Hand in die Hüfte. „Die anderen sind schon vorgegangen.“
„Was? Wieso denn das?“
Sie zuckt mit den Schultern.
„Die Jungs haben wohl so großen Hunger.“
Ich seufze, hole meinen Zimmerschlüssel und gehe mit ihr zum Frühstücksbuffet. Auf dem Weg dahin sind wir schweigsam, bis mir wieder einfällt, dass ihr Abend auch nicht glatt gelaufen ist.
„Hast du dich wieder mit Louis vertragen?“, frage ich.
„Ja… Wir sind abends noch eine Runde spazieren gegangen und er hat sich entschuldigt. Ich bin sowieso nicht nachtragend.“
Ich nicke nur, weil ich keine Lust habe, weiter darüber zu reden. Eigentlich möchte ich gar nichts. Ich will keinen sehen, mit niemandem reden, sondern mich am liebsten einfach nur in meinem Bett verkriechen. Dann würden die anderen aber etwas merken und das will ich Bela nicht antun. Jetzt muss ich für ihn stark sein. Das bin ich ihm schuldig.
Als wir am Tisch ankommen, begrüßen wir die anderen. Alle wirken normal wie immer. Nur Bela ignoriert mich vollkommen. Er schafft es nicht einmal, mir in die Augen zu sehen. Ich laufe am Buffet entlang, doch Hunger habe ich keinen. Allein meine Kopfschmerzen sind für mich ein Anlass, wenigstens etwas zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen.
Sobald ich an den Tisch zurückkomme, gehen Bela und Louis los, als würde er mir ganz bewusst aus dem Weg gehen. Ich trinke etwas, doch an meinem Brötchen knabbere ich höchstens ein bisschen. Ansonsten starre ich nur auf meinen Teller, um bloß keinem in die Augen sehen zu müssen. Ich habe das seltsame Gefühl, dass mir jeder mit einem Blick ansehen könnte, was ich getan habe.
„Ist alles okay mit dir? Du bist heute so komisch“, sagt Dina, die mir gegenüber sitzt.
„Das ist nur der Kater von gestern“, antwortet Christina für mich.
Sie liefert mir die perfekte Ausrede, die wahrscheinlich nicht einmal eine ist. Ich fühle mich wirklich noch sehr schlecht.
„Ihr habt aber auch gebechert, ihr beide“, wirft Milo ein.
„Wer?“, hakt Dina nach.
„Na, Mimi und Bela“, antwortet er.
„Ist dir noch nicht aufgefallen, wie der heute drauf ist?“, fragt Christina.
Dina zuckt nur mit den Schultern.
„Puh… Als hätte man ihm seine Lieblingsschokolade weggenommen.“
Ich beiße noch einmal von meinem kleinen Schokobrötchen ab, aber ich habe das Gefühl, dass es mir gleich wieder hoch kommt, als ich Bela sehe, wie er mit Louis zurückkommt.
„Wisst ihr, was wir beschlossen haben?“, fragt dieser. „Wir wollen heute einen reinen Jungs- und Mädchentag machen!“
Dina lässt ihre Kaffeetasse etwas zu schwungvoll herunter.
„Bist du etwa immer noch sauer wegen gestern?“
„Nein, Liebling, wir haben das doch geklärt“, erwidert Louis und gibt ihr einen schnellen Kuss auf die Wange.
„Warum wollt ihr uns dann nicht dabeihaben?“
„Einfach so! Du weißt doch, dass es nie gut ist, zu viel zusammen zu sein…“
*
Ich weiß nicht, ob es Belas oder Louis‘ Idee war, den Tag ohne uns zu verbringen, und es ist mir eigentlich egal. Während Christina ein Buch liest und Dina erst schwimmen geht und danach in Magazinen blättert, versuche ich, auf der Liege zu schlafen, aber es hilft nichts. Ich kann nicht aufhören, an Bela zu denken. Mein Kopf steckt fest und ich bekomme einfach keinen Abstand.
Am Abend sitzen wir mit Cocktails (alkoholfrei) auf der Terrasse vor Christinas Zimmer und ich bin mir nicht mehr sicher, ob die anderen immer noch glauben, ich sei nur wegen des Katers so schweigsam. Es ist schon auffällig, wie leise und ruhig ich bin, aber das ist vielleicht auch nur mein persönliches Empfinden. Ich weiß, dass ich mit Bela reden muss. Wir können das nicht einfach so stehenlassen, sonst finde ich keine Ruhe, aber bei dem Gedanken an das Gespräch wird mir schon wieder übel.
Als die Jungs spät am Abend wiederkommen, kommt Louis fröhlich wie immer mit Milo im Schlepptau auf uns zu, während Bela stumm auf sein Zimmer zusteuert. Er geht leicht gekrümmt und mit angespannten Schultern an uns vorbei.
„Was ist denn mit dem los?“, fragt Dina.
Milo lässt sich neben Christina auf einen Stuhl fallen, Louis bleibt stehen und zuckt mit den Schultern.
„Er hat sich mit Alice gestritten.“
Mein Herz setzt aus.
„Weswegen?“, fragt Christina.
Ich traue mich nicht, die anderen anzusehen und greife nach meinem Glas.
„Weiß ich doch nicht…“, murmelt Louis nur und klaut sich von unseren Zimmernachbarn einen Stuhl.
„Es war belanglos“, sagt Milo. „Er hat wohl vergessen, irgendeine Rechnung zu bezahlen.“
Ich entspanne mich wieder etwas und atme durch.
„Alice kann sich aber auch anstellen…“, meint Dina und schüttelt den Kopf, bevor sie laut den Rest aus ihrem Glas schlürft.
Ich trinke meinen Cocktail zügig aus und sage:
„Ich bin echt müde. Wollen wir für heute Schluss machen?“
„Da bin ich dabei!“, meint Louis.
Auch die anderen stimmen zu.
„Ich bringe die Gläser weg. Hilfst du mir, Dina?“, frage ich.
Sie wirkt etwas verwirrt von meiner Frage, tut es aber. Die anderen wünschen uns eine gute Nacht und gehen schon. Als wir alleine die wenigen Meter zu einer Station zur Abgabe von Geschirr gehen, frage ich sie beiläufig:
„Wie ist sie so?“
„Wer?“
„Na, Alice…“
Dina atmet tief durch, sieht sich um und lehnt sich dann verschwörerisch zu mir herüber.
„Sie ist so langweilig… und spießig. Sie kann bestimmt auch interessant sein, aber das habe ich noch nicht erlebt. Sag bloß nicht Christina, dass ich das gesagt habe!“
Ich würde schmunzeln, wenn ich nicht so traurig wäre.
„Die beiden verstehen sich gut?“, hake ich nach.
„Oh, ja! Die studieren ja auch zusammen. Da haben sie sich kennengelernt.“
Das wusste ich nicht.
„Warum interessierst du dich für sie?“, fragt Dina.
Ich wende den Blick ab.
„Nur so. Ich habe sie ja noch nie getroffen und als ihr sie eben erwähnt habt, ist mir das wieder eingefallen.“
Als ich wieder zu ihr sehe, nickt sie mehrmals.
„Du solltest dich wirklich gut ausschlafen. Heute bist du ganz seltsam.“
Ich versuche, zu lächeln.
„Mache ich. Gute Nacht.“
Auf meinem Zimmer setze ich mich erst einmal aufs Bett und atme durch. Zum Glück ist dieser schreckliche Tag jetzt vorbei. Meine Augen drohen mir schon zuzufallen. Ich hole mein Handy aus dem Safe und checke kurz meine sozialen Medien, bevor ich ins Bad gehe und mich abschminke. Danach schleife ich mich zurück ins Zimmer und mache meine Nachttischlampe an, als es an der Tür klopft. Ich bin überrascht, aber noch mehr, als ich sehe, dass Bela davor steht. Er hat den Blick gesenkt und hebt ihn nur kurz gequält, um mich anzusehen. Plötzlich fühle ich mich viel wacher.
„Darf ich reinkommen?“
Wortlos lasse ich ihn rein. Ich war noch nie so aus dem Konzept wie in diesem Moment. Ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll, also mache ich weiter mit dem, was ich vorhatte. Während Bela sich auf das Bett setzt, drehe ich mich mit dem Rücken zu ihm und ziehe mir mein Kleid über den Kopf. Mit seinem Blick auf mir öffne ich meinen BH und ziehe mir mein Schlafkleid an, bevor ich mich neben ihn setze. Gemütlich fühle ich mich aktuell wohler. Wir schauen beide geradeaus vor uns und schweigen uns einige Sekunden an.
„Ich, ähm… Es tut mir leid, dass ich dir heute so aus dem Weg gegangen bin“, fängt er an.
„Wieso bist du heute Morgen einfach abgehauen?“
Die Ruhe in meiner Stimme überrascht mich selbst. Ich versuche, so ausdruckslos wie möglich zu sein.
„Die anderen sollten nicht mitkriegen, dass ich nicht in meinem Zimmer geschlafen habe… und ich wollte dich nicht wecken… Ich war zugegeben etwas überfordert heute früh.“
Ich freue mich innerlich über seine Ehrlichkeit. Er sieht auf.
„Ich möchte nicht, dass du denkst, ich sei irgendwie wütend auf dich… oder würde dir die Schuld für irgendetwas geben. Das ist meine Schuld und ich übernehme die volle Verantwortung für mein Handeln.“
„Niemand ist daran schuld“, werfe ich ein. „Wir waren beide betrunken… und da ist es einfach passiert.“
„Ist jetzt auch egal…“
Wir sind ein paar Sekunden still.
„Wirst du es ihr sagen?“, frage ich vorsichtig.
Er lacht etwas empört auf.
„Natürlich, ich muss es ihr sagen. Es wird ihr das Herz brechen, aber sie verdient die Wahrheit. Sie ist meine Freundin, meine Partnerin… Ich sage es ihr nach dem Urlaub. Das macht man nicht übers Telefon.“
„Es tut mir leid… Meinst du, sie wird dir verzeihen?“, frage ich.
Bela presst die Lippen aufeinander und schüttelt leicht den Kopf.
„Ich weiß es nicht… Wir sind seit fast zwei Jahren zusammen, wir wohnen zusammen, haben einen Hund zusammen…“ Er legt den Kopf in die Hände. „Ich bin so ein Idiot. Sie hat mich nicht verdient…“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das ist eine ziemlich miese Situation für ihn und ich bin absolut nicht gut in solchen Gesprächen.
„Sie weiß bestimmt, was sie an dir hat.“
„Es hatte ja auch nichts zu bedeuten“, sagt er mehr zu sich selbst. „Das war nur… die Euphorie des Augenblicks, der Alkohol…“
Ich seufze und fahre mir durch die Haare. Es ist so still im Raum, dass ich ihn atmen höre. Bela sieht mich an und sein Blick fällt auf meinen nackten Oberschenkel, den mein kurzes Nachtkleid freigibt. Er zögert kurz. Dann fährt er hauchzart mit dem Zeigefinger darüber. Ich ziehe scharf die Luft ein, als eine Hitzewelle durch meinen Körper rollt. Vielleicht ist es die Erinnerung an den Vorabend, aber bei dieser kleinen Berührung wird mir schwindlig. Bela hebt den Blick. Er sieht mir in die Augen, dann zu meinen Lippen und wieder zurück. Die Stille ist erdrückend und er ist mir so nah, dass ich sein Aftershave riechen kann. Ich wette, der Duft heißt „Verführung“. Wenn er mich noch länger so ansieht, kann er gleich alles mit mir tun. Ich würde ihn nicht aufhalten.
Er leckt sich über die Lippen und ich beiße mir auf die Unterlippe. Wir wollen beide das Gleiche, aber es gibt da noch dieses kleine Zögern. Er müsste es jetzt packen, aufstehen und gehen. Je länger er wartet, desto schwieriger wird es. Jetzt ist es zu spät. Er hätte auf diesen kleinen Funken Vernunft hören müssen, bevor die Lust ihn komplett einnimmt. Ich weiß, worauf das hinauslaufen wird und Bela weiß es auch. Wozu noch länger warten? Das Zögern ist schon kleiner geworden. Wenn es eben nicht gereicht hat, um zu gehen, dann tut es das jetzt erst recht nicht.
Er sieht an mir herab und zwischen uns liegt eine Spannung, die den ganzen Raum unter Strom setzt.
„Ach, scheiß drauf“, murmelt er und küsst mich.
*
Wir liegen nebeneinander und starren an die Decke, nachdem Bela seine Freundin zum zweiten Mal betrogen hat. Dieses Mal waren wir nüchtern, diese Ausrede fällt also weg. Worauf können wir es sonst schieben? Es hat keinen Zweck. Er hat sie betrogen, wir können es nicht leugnen. Mein Kopf ist wie leer gefegt. Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert.
Bela greift nach meiner Hand. Als ich meinen Kopf drehe, sehen wir uns einen Moment an. In seinen Augen liegt alles, was gerade über uns schwebt: Schuld, Angst, Unsicherheit, aber auch Lust und Leidenschaft. Ich kann nicht anders, als ihn intensiv zu küssen, was er erwidert. Danach sieht er mich einen Moment an und streichelt mir zärtlich übers Gesicht.
„Ich glaube, wir haben ein Problem“, flüstert er.
Er hat es ihr nicht gesagt. Nie. Und es ist nicht bei diesen zwei Malen geblieben. Im nächsten Jahr haben Bela und ich oft miteinander geschlafen. Nach dem 7. Mal habe ich aufgehört, zu zählen. Mit jedem Mal sank die Hemmschwelle, es wieder zu tun. Spielt es denn noch eine Rolle, ob er sie sieben oder acht Mal betrogen hat? Oder zehn oder zwölf Mal?
Wir haben beschlossen, eine lockere Affäre einzugehen. Keine Gefühle, keine Versprechungen, nur Spaß und Leidenschaft. Für mich ist es perfekt. Ich kann mich auf mein Studium konzentrieren, wie es für mich gerade richtig ist. Ich muss mir keine Sorgen darum machen, dass mir das Herz gebrochen wird, und kann mich trotzdem hin und wieder mit Bela vergnügen.
Wir sehen uns dann, wenn es sich ergibt. Wenn Alice ein Wochenende bei ihren Eltern verbringt und er nicht mitfährt, zum Beispiel. Ich habe ihm einen Schlüssel gegeben, damit er schon in die Wohnung kann, wenn ich an manchen Tagen länger in der Uni bin. Dann wartet er auf mich. Ansonsten warte ich auf ihn. Jeden Tag. Jede Minute. Jede Sekunde. Manchmal taucht er mitten in der Nacht bei mir auf. So wie heute.
„Bela?“, frage ich.
Er lehnt im Türrahmen, als würde der gesamte Raum ihm gehören. Auf seinen Lippen liegt ein ruhiges Lächeln und lediglich in seinen Augen blitzt für einen Moment die Vorfreude auf das Kommende auf. Er löst sich aus seiner Pose und schlendert gelassen zu meinem Bett. Seine Hände positioniert er rechts und links neben meinen Schultern, er lehnt sich über mich und gibt mir einen intensiven Kuss.
„Hallo, Mimi“, haucht er mit einer tiefen, warmen Stimme.
