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Klug über die Klimadebatte diskutieren – die 20 häufigsten Ausreden und wie man sie entkräftet »Man wird sich wohl noch etwas gönnen dürfen.« »Die Katastrophe lässt sich eh nicht mehr aufhalten.« »Der Markt wird das schon regeln.« Solche Pauschalaussagen zum Thema Klimawandel sind inzwischen ständig zu hören. Es muss besser gehen! Mit einem klugen Zwischenruf intervenieren fünf Philosophinnen und Philosophen in ein Stimmengewirr, das anderes braucht als populistische Empörung oder müdes Abwinken. Wer eine Position vertreten will, muss sie erst einmal begründen können. Wie schlüssig ist etwa eine Behauptung wie: »Allein kann ich eh nichts bewirken«? Dieses Buch ermutigt alle, die unsere Zukunft nicht den Lautesten überlassen wollen – und zeigt, wie nützlich die Philosophie für die großen Entscheidungen der Gegenwart ist.
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Seitenzahl: 108
Veröffentlichungsjahr: 2026
»Man wird sich wohl noch etwas gönnen dürfen.« »Die Katastrophe lässt sich eh nicht mehr aufhalten.« »Der Markt wird das schon regeln.« Solche Pauschalaussagen zum Thema Klimawandel sind inzwischen ständig zu hören. Es muss besser gehen! Mit einem klugen Zwischenruf intervenieren fünf Philosophinnen und Philosophen in ein Stimmengewirr, das anderes braucht als populistische Empörung oder müdes Abwinken. Wer eine Position vertreten will, muss sie erst einmal begründen können. Wie schlüssig ist etwa eine Behauptung wie: »Allein kann ich eh nichts bewirken«? Dieses Buch ermutigt alle, die unsere Zukunft nicht den Lautesten überlassen wollen — und zeigt, wie nützlich die Philosophie für die großen Entscheidungen der Gegenwart ist.
Besser um die Zukunft streiten
Barbara Bleisch | Kirsten Meyer Stefan Riedener | Dominic Roser Christian Seidel
Hanser
Cover
Über das Buch
Titel
Impressum
Vorwort
Die Rolle von Wissenschaft und Philosophie
1.
»Hört einfach auf die Wissenschaft.«
2.
»Das ist doch alles subjektiv.«
3.
»Der Diskurs über den Klimawandel ist unerträglich moralistisch.«
Wie groß ist das Problem überhaupt?
4.
»Wir leben doch in der besten aller Zeiten.«
5.
»Aber das mit dem Klimawandel ist ja alles unsicher.«
6.
»Die Katastrophe lässt sich ohnehin nicht mehr aufhalten.«
7.
»Aus kosmischer Perspektive gibt es keine Klimakrise.«
Wer ist wofür verantwortlich?
8.
»Im Alleingang kann ich ohnehin nichts bewirken.«
9.
»Solange Staaten wie die USA oder China so weitermachen, müssen wir hier gar nichts tun.«
10.
»›System Change, not Climate Change‹: Der Kapitalismus ist das Problem.«
11.
»Man wird sich wohl noch was gönnen dürfen.«
(Vermeintliche) Lösungen
12.
»Wir müssen beim Bevölkerungswachstum ansetzen.«
13.
»Der Markt wird das schon regeln.«
14.
»Wir sollten auf die menschliche Innovationskraft vertrauen.«
15.
»Wir können Emissionen ja kompensieren.«
Klimaschutz und Politik
16.
»Klimaschutz ja, aber bitte nicht auf Kosten der Freiheit.«
17.
»Effektiver Klimaschutz, das wäre totalitär.«
18.
»Klimaschutz geht auf Kosten der Ärmeren.«
19.
»Was wir tun, hat Züge von Klima-Kolonialismus.«
20.
»Klimakleber brechen das Gesetz. Das ist undemokratisch und gehört bestraft.«
Zum Schluss
Anmerkungen
Die Autorinnen und Autoren
Nicht an der Gestaltung der Zukunft teilzuhaben bedeutet, sie aufzugeben.
Audre Lorde1
Ob beim Mittagessen in der Kantine, im Freundeskreis oder bei einem Familienfest: Kommt die Runde aufs Klima zu sprechen, verdrehen viele innerlich die Augen. Die einen fühlen sich angegriffen, kaum dass sie von ihren Ferienplänen erzählen, die anderen sind genervt vom Einwurf, dass der einzelne Beitrag ja eh nichts bringe. Wieder andere halten die Klimadebatte für ideologischen Nonsens, der die Wirtschaft ruiniere oder die Demokratie durch eine Ökodiktatur ersetzen wolle. Manche wenden sich auch ganz vom Thema ab: Wenn die Welt ohnehin den Bach runtergeht, kann man sich die Sorge um die Zukunft dann nicht sparen und stattdessen einfach das Leben genießen? Freude machen solche Debatten längst nicht mehr, und sie scheinen auch nicht fruchtbar.
Dieses Buch zeigt, dass es auch anders geht: dass man auch besonnen, vernünftig und lustvoll über die Zukunft dieses Planeten nachdenken kann und ein konstruktives Gespräch über Klimapolitik möglich ist. Dazu ist es nötig, die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen und sich darüber klarer zu werden, wo man sich in der Debatte verortet. Das geht nicht, ohne die Argumente aller Seiten ernst zu nehmen und kritisch, aber ergebnisoffen zu prüfen — ein Geschäft, das die Philosophie seit Jahrhunderten pflegt und verfeinert.
Einige werden abwinken: Das Ansinnen, die Klimadebatte mittels Vernunft und Argumenten voranzubringen und damit gegen die gegenwärtige Lethargie und Stagnation anzugehen, sei aussichtslos. Haben Vernunft und Argumente nicht längst versagt, wenn es darum geht, sich auf Maßnahmen zur CO₂-Reduktion zu einigen und diese auch tatsächlich umzusetzen? Die Aufbruchstimmung nach dem Paris-Abkommen und der »Fridays for Future«-Bewegung wirkt wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, in denen noch Gestaltungswille und Hoffnung dominierten. Brauchen unsere Gesellschaften in der Klimadebatte statt der Klärung von Argumenten nicht eher Erzählungen des Gelingens, um politisch voranzukommen2 — Erzählungen, die den Narrativen der Kohle-, Öl- oder Autounternehmen und ihrer politischen Verbündeten etwas entgegensetzen? Den fossilen Industrien scheint es gelungen, ein Fortschrittsnarrativ samt Wohlstandsversprechen so tief in unseren Köpfen zu verankern, dass wir die dazugehörigen Bilder kaum mehr loswerden. Vielleicht kommen Gesellschaften ins Handeln, wenn man diese Strategie unter anderen Vorzeichen kopierte und andere, klimabewegende Geschichten erzählte? Wozu also ein Buch, das sich stattdessen argumentativ in die Klimadebatte einmischen will?
Nun, erstens tut dieser Abgesang auf das vernünftige Argument so, als ob eigentlich alle bereits die richtigen Überzeugungen in der Klimadebatte hätten und es nur noch darum ginge, diese Überzeugungen wirksam werden zu lassen. Aber zumindest ein Teil des Problems besteht darin, dass wir uns ja auch über diese Überzeugungen streiten. Das sieht man schon daran, dass sich die Auffassungen in der Klimadebatte teilweise massiv widersprechen: Die einen sind der Ansicht, die Menschheit müsse sich an den Klimawandel anpassen, ihn aber nicht bekämpfen; andere meinen, beides sei vonnöten und finde auch bereits hinreichend statt; wieder andere behaupten, man müsse dringend viel mehr im Kampf gegen die steigenden Temperaturen unternehmen. Diese Überzeugungen können nicht alle zugleich wahr sein — aber wer hat recht? Um das zu klären, brauchen wir neben naturwissenschaftlichen Untersuchungen weitere Argumente.
Zweitens trifft die umgekehrte Auffassung — dass Geschichten allein schon zu Klimaschutz bewegen würden — ebenso wenig zu. Viele der heute dominierenden Narrative sind apokalyptischer Natur. Sie lassen sich auf Demonstrationen wirkungsvoll skandieren und in Filmen spektakulär inszenieren, man denke nur an dystopische Blockbuster und das allgegenwärtige Bild vom drohenden Untergang. Doch Angst wirkt auf viele Menschen eher lähmend als aktivierend und bringt uns selten voran. Das Gegennarrativ zur Apokalypse hilft allerdings ebenso wenig weiter: die ungebrochene Fortschrittserzählung, die bereits das Wort »Klimakrise« als Alarmismus zurückweist und der menschlichen Innovationskraft zutraut, uns gänzlich unbeschadet aus den gigantischen Verschiebungen herauszuführen. Auch diese Geschichte wird meist einseitig erzählt. Sie blendet das Leid aus, das die Folgen der fossilen Wirtschaftsweise schon jetzt verursachen — denken wir etwa an die Opfer von Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen. Allmachtsfantasien lenken genauso wie das apokalyptische Denken von einer komplexen Wirklichkeit ab — von einer Wirklichkeit, in der sich Probleme nicht per Handstreich beseitigen lassen. Wer nach echten Lösungen sucht, braucht ganz offensichtlich Sachverstand und Differenzierungsvermögen. Nur so lässt sich einer vernunftgeleiteten Politik auf die Sprünge helfen.
Drittens beruhen die meisten der viel beschworenen Narrative bei näherem Hinsehen letztlich genauso auf Argumenten, die aber selten transparent gemacht werden. Etwa wenn es um die Forderung nach einem grundlegenden Systemwechsel geht, der nötig sei, um nicht auf Kosten des Klimas zu wirtschaften: Wie genau ist das große Wort vom »Systemwechsel« zu verstehen, welche Alternativen stehen zur Diskussion? Oder wenn behauptet wird, es sei naiv zu glauben, man könne »die Welt retten«: Muss denn jedes Plädoyer gegen Untätigkeit automatisch die Hybris enthalten, den gesamten Planeten im Alleingang von allem Leid erlösen zu wollen? Solche rhetorischen Abwehrfiguren dienen oft eher der Entlastung der Sprechenden als der Klärung im Diskurs.
Nach dem Erzählen einer Geschichte stellt sich deshalb oft erst die eigentliche Frage: Was bedeutet diese Geschichte für uns, für die anderen? Dass etwas grundlegend falsch läuft, wenn wir als Menschheit der Zerstörung unseres Lebensraumes nicht Einhalt gebieten und unseren Nachkommen existenzielle Probleme hinterlassen, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Doch wie genau unsere Lage zu analysieren ist, bleibt für viele unklar — und ebenso, was daraus konkret für das eigene Handeln und für politische Entscheidungen folgt. Und solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, droht ein paradoxes Ergebnis: Alle beklagen die Misere, aber niemand setzt sich entschlossen für eine Veränderung ein. Die Gefahr besteht, dass wir in einer Art praktischer Apathie verharren — gelähmt nicht durch Gleichgültigkeit, sondern durch Überforderung und begriffliche Unschärfe.
So wichtig es im Kontext von Bildungsprogrammen und medialer Berichterstattung geworden ist, Erfolgsgeschichten zu erzählen — also positive Beispiele zu zeigen, die verdeutlichen, dass nicht alles verloren ist und entschiedenes Handeln sehr wohl Wirkung entfalten kann —, so unverzichtbar bleibt zugleich ein tieferes Verständnis der Krise. Und zwar nicht nur im naturwissenschaftlich-deskriptiven Sinn, sondern ebenso in normativer Hinsicht: Welche Werte und Normen liegen den dominierenden Narrativen zugrunde? Welche Argumente sind tatsächlich schlüssig — und können uns als Orientierung dienen?
Das beginnt schon mit der Rede von der »Krise«: Ist es überhaupt angemessen, unsere Gegenwart pauschal als kritischen Zustand zu umreißen, den wir eines Tages überwinden werden wie eine Patientin ihre Krankheit? Oder treffen wir die Lage besser, wenn wir sie im Sinne historischer »longue durée«-Prozesse begreifen: als tiefgreifende, langfristige Strukturveränderungen, die erst aus der historischen Distanz vollständig zu erfassen sind und die unsere Gesellschaft dauerhaft transformieren — ohne Rückkehr zu einem »Davor«? Wie auch immer wir über den Klimawandel sprechen: Wir transportieren mit unseren Worten nicht nur Bilder, sondern auch Werte, Haltungen, Handlungsimperative — oder auch Entlastungen und Schuldzuweisungen. Sprache ist selten neutral.
In diesem Buch knöpfen wir uns zwanzig Einwürfe, Phrasen und Argumente vor, die die Klimadebatte derzeit prägen. Oftmals handelt es sich dabei um polemische Zuspitzungen oder rhetorische Verkürzungen, deren genauere Analyse anspruchsvoll, aber auch bereichernd ist. Denn es ist durchaus anregend, vertrauten Standpunkten auf den Grund zu gehen, und es hat etwas Befreiendes, in festgefahrenen Debatten klarer zu sehen. Die Klimadebatte verdient mehr Genauigkeit und klare Argumente. Natürlich: Argumente allein lösen keine Probleme. Aber mitunter öffnen sie die Augen für das Offensichtliche — gerade im Wettstreit konkurrierender Erzählungen. Darüber hinaus vermögen Argumente, uns zu orientieren: Der Klimawandel ist in seiner Komplexität und Langfristigkeit, mit seinen fragmentierten Ursachen und Wirkungen, seinen lokalen und globalen Auswirkungen, dazu prädestiniert, uns zu verwirren und zu überfordern. Unsere moralischen Intuitionen sind auf ein derart vielschichtiges Problem schlicht nicht vorbereitet.
Argumente können helfen, vage Intuitionen in klares Denken zu überführen — und dadurch handlungsfähig zu bleiben. Nicht zuletzt deshalb sind sie gesellschaftlich unverzichtbar. Als Philosophinnen und Philosophen sind wir überzeugt: Eine lebendige Demokratie braucht möglichst wohlinformierte Argumente, über die wir sodann diskutieren und über die wir natürlich auch streiten können.
Man mag einwenden, es gebe derzeit weitaus drängendere Probleme. Während wir diese Zeilen schreiben, zettelt Donald Trump einen nie dagewesenen Zollstreit an, ist in der Zentralafrikanischen Republik jede fünfte Person auf der Flucht vor einem blutigen Bürgerkrieg, bringt Putins Angriffskrieg Tod und Zerstörung in der Ukraine sowie gravierende Herausforderungen für ganz Europa, und wächst weltweit die Sorge, was eine ungebremste und unkontrollierte Entwicklung künstlicher Intelligenz für die Menschheit bedeuten könnte.
Doch die Klimakrise ist von diesen Problemfeldern nicht zu trennen. Denn geopolitische Spannungen machen eine wirksame globale Klimapolitik umso schwieriger, die Rüstungsindustrie und die fortschreitende Digitalisierung sind hochgradig CO₂-intensiv, und Flucht und militärische Auseinandersetzungen werden zunehmen, je mehr klimatische Verschiebungen bestehende Lebensgrundlagen zerstören. Schon jetzt hinterlassen Dürren, Wirbelstürme und Überschwemmungen verheerende Spuren — in Angola, Chile, Burundi oder Pakistan, aber sichtbar längst auch in Europa.
Während viele geopolitische Konflikte derzeit kaum lösbar scheinen, gibt es im Hinblick auf die Klimakrise zumindest offene Türen — Ansatzpunkte, Handlungsspielräume, technologische Hebel. Eine gute Geschichte ist also durchaus möglich: dass es uns gemeinsam gelingt, die Zukunft so zu gestalten, dass für alle Menschen auf diesem Planeten die Grundlagen für ein Leben in Sicherheit und Würde gesichert sind. Welche Geschichte kommende Generationen einst über uns erzählen werden, liegt nicht zuletzt an uns.
Der Aufruf #followthescience, der während der Pandemie in Mode kam und nun vermehrt auch im Kontext der Klimadebatte auftaucht, ist zunächst natürlich vernünftig: In Zeiten von Fake News und Desinformation erinnert er daran, wie wichtig es ist, Entscheidungen auf Grundlage des besten verfügbaren Wissens zu treffen. Dieses liefert uns die Wissenschaft, und deshalb ist sie für die Entscheidungsfindung der Gesellschaft zentral, sei es in der Wirtschafts-, Bildungs- oder Umweltpolitik.
Gewiss: Auch die Wissenschaft fördert nicht immer eindeutige Aussagen zutage. Gerade bei komplexen Sachverhalten wie dem Klimawandel bestehen Wissenslücken und Unsicherheiten. Wie die Philosophin Sandra Mitchell in ihrem Buch »Komplexitäten«3 beschreibt, haben viele ein Bild von Wissenschaft verinnerlicht, das sich an den Naturwissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts orientiert, die nach einfachen Universalgesetzen suchten. Dieses Wissenschaftsverständnis ist aber längst überholt. Bei komplexen Problemstellungen muss die Wissenschaft oft von Annahmen oder ungewissen Szenarien ausgehen und gelangt auf diesem Weg nur zu Wahrscheinlichkeitsaussagen. Für das erwartete Ausmaß und die Folgen des Klimawandels spielt es etwa eine Rolle, wie schnell wir uns von der Kohle verabschieden, wie lange die Bevölkerung weiterwächst oder wo genau potenzielle Kipppunkte im Klimasystem liegen. Weniger eindeutige Aussagen spiegeln also unser Wissen über komplexe Zusammenhänge wider. Das heißt jedoch nicht, dass sich die Wissenschaft uneinig wäre. Vielmehr herrscht große Einigkeit darüber, dass es den Klimawandel gibt; dass er größtenteils menschengemacht ist; welche Arten von Auswirkungen er zeitigt; und dass viele an sich mögliche Gegenmaßnahmen noch nicht umgesetzt werden.
Dennoch greift der Slogan »Follow the science«
