Besuch beim alten Casanova - Gerd Forster - E-Book

Besuch beim alten Casanova E-Book

Gerd Forster

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Beschreibung

Guiseppe Lolli, der Sänger des Masetto in der Uraufführung von Mozarts »Don Giovanni« in Prag, hat erfahren, dass der berühmte Casanova sie miterlebt hat und im nahen Dux als Bibliothekar des Grafen Waldstein angestellt ist. Und da er ein paar Tage frei hat, macht er sich auf, ihn zu besuchen, in der Hoffnung auf eine Unterhaltung mit ihm über seine Rolle als Masetto und über die angeblichen Parallelen zwischen dem jungen Casanova und Don Giovanni. Zu seiner Freude wird er empfangen und erfährt, dass der Signore mit Lorenzo Da Ponte, dem Librettisten der Oper, befreundet ist und während der Entstehung des Textbuches mit ihm darüber im Austausch war. Aber bevor es zu dem Gespräch über die erwünschten Themen kommt, klagt Casanova in aller Offenheit darüber, vom Schlosspersonal wenig respektiert, oft sogar drangsaliert zu werden. Die einzige Freude bereite ihm die begonnene Niederschrift seiner Memoiren. Im Laufe des Tages, besonders auf einem langen Spaziergang, vertraut er seinem Landsmann allerlei, selbst sehr Intimes an, interessiert sich aber auch für dessen Geschichte.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2019

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© 2019 – e-book-Ausgabe RHEIN-MOSEL-VERLAG Zell/Mosel Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel 06542/5151, Fax 06542/61158 Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-873-9 Zeichnungen: Jochen Frisch/www.jochen-frisch.de Alle Originalzeichnungen sind im Format 70 x 50 cm auf Schoellershammer-Zeichenkarton gezeichnet. Es handelt sich um Mischtechniken in Zeichenkreide, Graphit, Chinatusche, Aquarell und Pastellkreide. Alle Zeichnungen sind im Zeitraum Dezember 2018 und Januar 2019 entstanden. Fotos Zeichnungen: Gerhard Kayser, Speyer Ausstattung: Stefanie Thur

Gerd Forster

Besuch beim alten Casanova

Rhein-Mosel-Verlag

Besuch beim alten Casanova

Giuseppe Lolli wurde wach, als die Schläge einer Turmuhr in sein Ohr drangen. Er blieb noch eine Weile liegen und genoss die ausgestreckte Position, um seinen durch die Kutschenfahrt von Prag hierher strapazierten Hintern zu entspannen, in seinem Kopf freilich noch die mahlenden Räder, der Hufschlagrhythmus der Pferde, das Peitschenknallen und die Rufe und Flüche des Kutschers.

Zu Beginn der Reise gestern hatte er mit zwei älteren Paaren den Wagen geteilt, die sich tschechisch unterhielten, während sie ihren reichlich mitgebrachten Proviant verzehrten und dazwischen Wasser aus großen Flaschen tranken, und da er von ihren Gesprächen nichts verstand, hatte er nach dem sehr frühen Aufstehen, was er überhaupt nicht gewohnt war, phasenweise noch etwas Schlaf nachholen können. Dazwischen durch das Fenster die herbstlich getönte Landschaft vor Augen, in den Ohren die fremde Sprache mit diesen Ansammlungen von Zischlauten, wodurch die Vokale – so empfand er das als Italiener – etwas warten mussten, bis sie dran kamen.

An der Posthaltestelle, die sie um die Mittagszeit erreicht hatten, wo die Pferde gewechselt wurden, waren die Tschechen, ziemlich viele Krümel hinterlassend, ausgestiegen, und der bärbeißige, ledergesichtige Kutscher hatte die Gaststube aufgesucht, um das ihm zustehende Mahl einzunehmen. Dadurch war Lolli bewusst geworden, dass auch er, ohne etwas zu futtern, es nicht bis zur Ankunft am Abend in Dux durchhalten werde, denn dabei hatte er nichts. Und so betrat er ebenfalls die Gaststube. Der Kutscher hockte an einem Tisch zwischen Tresen und Küchentür, in der Hand bereits einen Krug Bier, neben ihm ein hemdsärmeliger Mann mit rot leuchtender Glatze, offenbar der Wirt, denn er erhob sich nun und fragte Lolli nach seinen Wünschen. Der hatte keine Mühe, ihm verständlich zu machen, dass er zum Bier gern eine Kartoffel- oder eine Erbsensuppe mit Würstchen hätte.

Als er später, das Hornsignal des startbereiten Kutschers im Ohr, was ihm einerseits weh tat, gleichzeitig aber amüsierte, weil bei jeder Wiederholung der höchste Ton misslang, hinauseilte und in den Wagen stieg, hatten darin bereits drei weibliche Wesen nebeneinander Platz genommen. Zwei junge Damen, die sich sehr ähnlich sahen, also zweifellos Schwestern waren. Noch ähnlicher als ihre hübschen Gesichter mit schmalrückiger Nase zwischen munteren dunklen Augen, umflossen von offenen kastanienfarbigen Haaren, war ihre Kleidung, das heißt völlig identisch: halblange, pflaumenblaue Mäntel und darüber ein roter Schal. In ihrer Mitte, mehr Sitzfläche benötigend, eine ältere Frau, gewiss die Mutter, in eine dicke, lange, mausgraue Strickjacke mit Zopfmuster gehüllt, die eher grau als schwarz zu bezeichnenden Haare halb von einem schwarzen Hut bedeckt.

Er war mit einem freundlichen Grüßgott zugestiegen und hatte sich ihnen gegenüber hingesetzt, worauf alle drei lediglich mit einem kurzen Nicken reagierten, vielleicht weil sie gerade ihr Strickzeug ausgepackt und sofort losgelegt hatten. Da er mehrmals schon jeweils für einige Zeit in Wien und in München beschäftigt gewesen war, verstand er manches von ihrem dialektgefärbten Deutsch, jedoch nicht genug, um sich an ihren Gesprächen beteiligen zu können, was ihn allerdings auch nicht reizte. Natürlich entging ihm nicht, dass sie ihn ab und zu musterten, ohne sich denken zu können, woher er stammte und wohin er jetzt wollte. Auf Grund seiner rötlichen Haare war in ihm wohl kaum ein Italiener zu vermuten. Alle drei strickten dicke Strümpfe, und zwar, wie ihm seine Nase sagte, aus Schafwolle. Ihre eifrige Tätigkeit galt also dem sich nähernden Winter, um dafür mit warmen Füßen gewappnet zu sein, sie selbst und vielleicht noch andere Familienmitglieder. Dazu passte draußen vor dem Fenster das herbstliche gelbe, braune und rote Laub der langsam vorbeigleitenden Bäume.

Er liebte Bäume, vor allem die Laubbäume hier: Eichen, Ulmen, Buchen, Linden, Birken, Platanen, obgleich sich selten Gelegenheit ergab, ihnen zu begegnen, höchstens während seiner Freizeit in Parks. Betrachtete dann ihre Kronen, die unterschiedlichen Formen ihrer Blätter und deren Adern, und immer wieder musste er staunen und vermochte es nicht zu begreifen, wie die flüssige Nahrung aus den Wurzeln bis in die letzten Wipfel aufsteigen kann. Jetzt im Herbst wird – draußen war es zu sehen – die Versorgung eingestellt, die Blätter verfärben sich und segeln lautlos zu Boden.

Nach und nach hatten die Frauen immer heftiger mit ihren Nadeln gefuchtelt, vor allem die Schwestern, und, so sein Eindruck, sich dabei gegenseitig motivierend, als wollten sie ihn damit aufstacheln, endlich den Mund aufzumachen. Doch den Gefallen tat er ihnen nicht. Irgendwann hatte ihn schließlich die Mutter gefragt, ob er auch bis Dux fahre. Darauf hatte er nur genickt. Doch nun wollte sie noch wissen, ob er dort jemanden besuche, sie sei in Dux zu Hause, und da der Ort nicht groß sei, kenne sie wahrscheinlich die Familie oder die Person, die er in diesem Fall treffen werde. Vielleicht, hatte er zu ihrer erkennbaren Enttäuschung gesagt. Weiter nichts. Was ging sie das auch an.

Während die Kutsche jetzt zügig vorankam, musste er über sein, wie ihm völlig klar war, ziemlich abenteuerliches Vorhaben nachdenken, den greisen Signore aufzusuchen, ein Vorhaben mit ungewissem Ausgang. Hätte er, bevor er die Reise antrat, sich nicht zuerst näher über den berühmten Mann informieren sollen? Aber wo und wie? In einer Bibliothek? Mit genaueren Kenntnissen über das hinaus, was er schon über ihn gehört hatte, wäre ihm vielleicht der Mut für sein Unternehmen abhanden gekommen. Er hatte erfahren, dass der Signore im Duxer Schloss lebt und dort als Bibliothekar arbeitet. Allerdings könnte ihm durchaus passieren, ihn nicht anzutreffen, weil er zufällig unterwegs war. Somit wäre seine Reise für die Katz gewesen. Davon erzählt hatte er niemandem, keinem unter seinen Kollegen, auch seiner Zimmerwirtin nicht, aber da sie fast ausschließlich Schauspieler und Sänger aus dem nahen Ständetheater beherbergte, war sie es gewohnt, dass ab und zu ein Bett leer blieb. Und seine Frau zu informieren, wäre sinnlos gewesen im Hinblick auf die lange Zeit, die ein Brief in ein anderes Land unterwegs ist.

Es war schon längst dunkel gewesen, als die Kutsche auf dem Marktplatz in Dux anlangte, und das Schloss, weil lediglich hinter einem Fenster Licht flackerte, nur in Umrissen wahrzunehmen. Im Gegensatz dazu zeigte sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Gasthof hell erleuchtet, und, seine Tasche mit dem Allernötigsten für eine Übernachtung in der Hand, war Lolli, verfolgt von den Blicken der drei Stricknadelfrauen, darauf zugeschritten und hatte drinnen ein Zimmer beziehen können, nicht gerade komfortabel, aber immerhin besser als seine dürftige Bleibe in Prag. Und sogar billiger. Und obgleich es schon recht spät war, hatte er noch ein vollständiges Essen bekommen.

Als Lolli erneut Glockenschläge wahrnahm, erhob er sich schießlich und zog sich an. Sollte er es jetzt schon wagen, sich hinüber zum Schloss zu begeben? Möglicherweise aber steckte der Signore noch in einem für einen überraschenden Besuch ungeeigneten Aufzug oder er geht bereits vollständig angekleidet seiner Tätigkeit nach und möchte in dieser produktiven Morgenphase ungern gestört werden, schon gar nicht von einer ihm unbekannten Person. Und sollte er tatsächlich empfangen werden, wie vorgehen? Gleich mit seinen Anliegen, seinen Fragen an ihn herausrücken? Das hinge natürlich von der gesundheitlichen Verfassung des alten Herrn, seiner Laune und seiner Reaktion auf den unangekündigten Besucher ab. Ohnehin werde er eine Weile brauchen, um seine Befangenheit Auge in Auge mit einem derart berühmten Mann einigermaßen ablegen zu können.

Er schlüpfte in seine Schuhe und schritt die Treppe hinunter, um zu frühstücken. Der Gastraum in einem Mobiliar aus dunkel gebeiztem Holz und grünen Tischdecken, an einer Wand ein Regal mit der Sammlung ausgefallener Bierkrüge und auf einem Querbalken an der Decke ausgestopfte Raubvögel, außer einem Adler Bussarde, Milane, Habichte, die alle mit ihren scharfen Augen herunterblickten, als hielten sie nach Zechprellern und Taschendieben Ausschau. Er bestellte eine Kanne Kaffee zu Brot, Marmelade und Käse, obendrein ein Omelett mit böhmischem Schinken. Am runden Stammtisch hockten einige Männer beim Frühschoppen, von denen er sich als Fremder gemustert fühlte. Die Bedienung, eine Frau mittleren Alters mit hunnischen Gesichtszügen, möglicherweise die Inhaberin, ihre gerade noch als schwarz zu bezeichnenden Haare als Zopf um den Kopf gelegt, vom Hals abwärts reichlich wabbelndes Fleisch, das bei jeder abrupten Bewegung ihr dirndlartiges Kleid zu sprengen drohte. Ob sie den Bibliothekar kenne, der im Schloss drüben in Diensten sei, fragte er in seinem wackeligen Deutsch, als sie ihm das Gewünschte hinstellte. Sie blickte ihn verwundert an. Wieso er sich denn um Gottes Willen für diese griesgrämige Witzfigur interessiere. Ganz verstanden hatte er die Formulierung nicht, aber begriffen, dass es eine abfällige Bemerkung war. So konnte er darauf auch nicht eingehen, wollte nur noch wissen, ob der Signore bisweilen hier einkehre. Selten, Gott sei Dank, ihre Antwort, sie servierten, wie er bereits gestern Abend habe mitbekommen können, ausschließlich böhmische Gerichte, und weil der komische Signore die nicht möge, bestelle er meist nur eine Pilsener und schlottere wieder davon.

Nach dem Frühstück griff er nach seinem Schal, schlüpfte in seinen torfbraunen Mantel, setzte seine Kappe auf, überquerte den quadratischen Platz, in dessen Mitte sich eine hohe, mit Figuren besetzte Säule erhob und musste ein von zwei Pferden gezogenes, mit Kartoffeln beladenes Fuhrwerk vorbeilassen, hinter dem Kinder herliefen in der Hoffnung, herunterfallende Kartoffeln auflesen zu können. Rundherum, dicht anei­nander gedrängt, die schläfrigen grauen Fassaden der Häuser. Gegenüber das Schloss, dessen gelbe und braune Farben stellenweise schon abgeplatzt waren. Davor auf der linken Seite eine barocke Kirche mit zwei hohen Zwiebeltürmen. Er summte eine Melodie aus Don Giovanni, die Canzonetta des Cavaliere, die dieser zur Mandoline vorträgt, räusperte sich, putzte seine Kehle und sang ein paar Takte, nicht ganz zufrieden mit seiner Stimme, und schlug den roten Wollschal um seinen Hals, denn erkälten sollte er sich nicht.

Die Schlosskirche in Dux.

Vor dem Schloss eine Einzäunung mit einem Pförtnerhäuschen in der Mitte, das allerdings gerade unbesetzt war, so dass er ohne weiteres eintreten konnte. Kurz darauf ein zweites Gitter, unterbrochen von auf Säulen ruhenden Gestalten; die beiden das Tor rahmenden athletischen Männer in geradezu angst­einflößenden Posen, der rechte mit einer mächtigen Keule zum Schlag ausholend. Dahinter in der Mitte der Zentralbau mit dem Haupteingang, links und rechts vorgerückte Seitentrakte, eine architektonische Gliederung, wie er sie schon bei anderen Schlossanlagen gesehen hat. Der linke Trakt endete bereits an der Rückseite der Kirche, während der andere bis zur Straße reichte. Die Dächer jeweils in zwei Stufen nach oben angelegt. In welchem Teil sich wohl die Bibliothek befand? Er kehrte noch einmal um und umwanderte die ganze Anlage.

Danach erfasste ihn die Frage, ob er so, wie er angezogen war, das Schloss überhaupt betreten konnte, denn darin bewegte sich wohl niemand in einer derart biederen Kleidung, und gerade Gäste werden in bewusst ausgewählter oder gar eleganter Aufmachung erscheinen. Leider verfügte er während seiner Tage in Prag nur über das, was er am Leib trug, eine graue Kniebundhose, eine olivfarbene Weste und darüber seinen torfbraunen Mantel; höchstens seine hellbraunen italienischen Schuhe fand er passabel. Leider waren sie jetzt aber nach seinem Rundgang schmutzig. Daher bemühte er sich, sie mit Grasbüscheln, so gut es ging, zu reinigen.

Das Pförtnerhaus war noch immer nicht besetzt, und auch das zweite eiserne Gitter konnte er ungehindert durch die offen stehende Tür passieren, traf aber jetzt auf einen älteren Mann in grüner Gärtnerschürze, der stehen blieb und offensichtlich eine Erklärung erwartete. Lolli zog seine Mütze, grüßte und trug sein Ansinnen vor, Signor Casanova zu besuchen, ob das wohl möglich sei und ob er ihm dabei helfen könne. Erstaunte Augen, ein breit grinsender Mund und dann ein über die Schulter in Richtung des linken Seitenflügels zeigender Daumen. Dort musste Lolli die Treppe hinaufgehen und betrat oben einen langen, schmalen Flur. Hinter der ersten Tür, an die er klopfte, regte sich nichts, aber nun sah er neben der nächsten eine aus Hirschgeweih bestehende Garderobe, woran ein schwarzer Mantel hing und ein Hut mit einer langen, weißen Feder. Er klopfte, wartete, während er jetzt erst das Schild Bibliothek entdeckte, hörte aber nichts, klopfte noch einmal. Es blieb still. Da fasste er sich ein Herz und trat ein. Rundherum Regale bis zur gewölbten Decke, vollgestopft mit Büchern. In der Mitte, längs durch den Saal, zwei lange, tresenartige Möbel, darunter beiderseits hohe Fächer für große, schwere Bücher, zumeist prachtvolle, weiße Lederfolianten. Auf der Ablage eine Reihe von seltsamen, kleinen Schatullen. Für all das hatte er jetzt nur einen flüchtigen Blick, denn in einem Alkoven vor dem viel Licht einlassenden Fenster saß eine über den Tisch gebeugte Gestalt, schreibend. Jetzt stieg ihm doch eine Hitzewelle in den Hals und er wurde etwas weich in den Knien. Wer war er denn schon, dass er es riskieren konnte, sich diesem berühmten Mann zu nähern. Aber nun war er schon mal da. Es gab kein Zurück mehr.

Das Schloss von Dux.

»Scusi, Signor Casanova«, sagte er mit belegter Stimme ohne den leisesten Zweifel, den Gesuchten vor sich zu sehen und ihn in Italienisch ansprechen zu können, er habe draußen einen Mann in grüner Schürze um Hilfe gebeten, den Herrn Bibliothekar zu finden, der habe nur auf dieses Gebäude gezeigt. Daraufhin habe er es gewagt, einfach hineinzugehen und an der Tür zur Bibliothek geklopft, jedoch …

»Schon in Ordnung«, unterbrach ihn Casanova, indem er sich erhob und hinter dem Schreibtisch hervorkam. »Tretet doch näher!«

Der Ankömmling blickte auf seine italienischen Schuhe mit Spuren der aufgeweichten Wege draußen, aber der Parkettboden war auch nicht gerade sauber.

»Bitte nehmt Platz!«, sagte Casanova.

Lolli griff sich einen Stuhl mit ovaler, durch Schnitzwerk verzierter Lehne wie der seines Gastgebers.

»Nein, nicht den, der ist schon etwas aus dem Leim. Wie ich. Nehmt Euch einen anderen!«

Ganz begriffen hatte Lolli die Äußerung nicht, aber Casanovas tiefe, sonore Stimme registriert, kaum verwunderlich bei seiner Körpergröße, allerdings nicht mehr ganz klar, wie das gewiss früher der Fall war und für Frauen sehr anziehend gewirkt haben wird wie auch seine leuchtenden Augen, mit denen er seinen Besucher aufmerksam fixierte. Er trug ein gelbes, besticktes, seidenes Gewand, darunter eine schwarze Samtweste, die sich über seinen ziemlich dicken Bauch spannte, eine weiße Flanellhose und verzierte, ebenfalls weiße Seidenstrümpfe. Er drehte seinen Stuhl seinem Besucher zu und setzte sich wieder.

»Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, Signore, entschuldigt bitte, Lolli, Giuseppe Lolli.«

»Ihrem tadellosen Italienisch nach ein Landsmann also. Wunderbar, ganz wunderbar, dann seid Ihr mir besonders willkommen!«, rief Casanova aus, »somit müssen wir uns nicht in Deutsch abmühen, Signor Nolli.«

»Lolli!«

»Signor Lolli! Bitte um Verzeihung!«

»Und ich bitte um Verzeihung, wenn ich zu ungelegener Zeit erschienen bin.«

»Keineswegs«, beeilte sich Casanova zu versichern. »Nun aber möchte ich gern wissen, woher Ihr kommt und mit welchem Anliegen? Sucht Ihr ein bestimmtes Buch?«

»Zu meinem Anliegen später, wenn es Euch recht ist. Jetzt komme ich aus Prag, zu Hause bin ich in Firenze, das heißt, ich lebe dort, wenn ich daheim bin, aber geboren wurde ich in Sizilien.« Er zeigte auf seinen Kopf. »Das erklärt auch meine rötliche Haarfarbe.«

»Eine nachhaltige Hinterlassenschaft der Normannen«, wusste Casanova, »ich hoffe, Ihr könnt stolz darauf sein. Und was hat Euch nach Prag geführt?«

»Auch dazu lieber später, falls dem nichts entgegensteht.«

»Ach was«, sagte der Signore, schien sich aber doch darüber zu wundern, dass der junge Mann keine Eile damit hatte, weswegen er von Prag hierher gereist war. »Ihr habt wahrscheinlich im Gasthof gegenüber Euer Quartier und seid, wie ich annehme, der einzige Übernachtungsgast.«

»Weiß ich nicht, könnte aber gut sein.«

»Besucher, die nach Dux kommen«, sagte Casanova, sind zumeist privat eingeladen worden, wozu auch die zählen, welche im Schloss vom Grafen oder der Gräfin erwartet werden. – Ach ja, Firenze, eine glanzvolle Stadt fürwahr, allerdings habe ich dort schlechte Erfahrungen gemacht. Auch dort. Und Prag, was hat Euch da nachhaltig zu beeindrucken vermocht?«

Lolli überlegte, während sein Blick auf den links neben dem Fenster stehenden kleinen Sekretär mit seinen Fächern und der aufgeklappten Schreibplatte fiel, bevor er aufzuzählen begann, was ihm gerade einfiel: Das Rathaus mit der astronomischen Uhr, die prächtige Karlsbrücke, der Hradschin mit dem Goldenen Gässchen, der Veitsdom. Er sei früher schon einmal in Prag gewesen, erklärte er danach.

»Schön jedenfalls, dass Ihr Zeit erübrigt, den alten Bibliothekar so weit draußen aufzusuchen«, sagte Casanova und schob einige beschriebene Blätter zusammen.

Sein Gesicht in dunklem Teint dominiert von einer großen, leicht gebogenen Nase, die Perücke straff, aber etwas verrutscht, endete beiderseits in einer Rolle über den Ohren und mündete hinten in einen Zopf. In der hohen Stirn tiefe Querfalten über den Brauen, die Wangen schon etwas zerknittert, unter den hellen Augen bläuliche Polster, an der linken Hand einen Ring mit einem Brillanten, wie Lolli vermutete.