Beta - Vanessa A. Thompson - E-Book

Beta E-Book

Vanessa A. Thompson

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Beschreibung

SIEGE IM SPIEL Nach dem gefährlichen Kampf in Phase Gamma haben sich Raell und 40 weitere Rekruten für Phase Beta qualifiziert. Um Soldaten der Sondereinheit Alpha zu werden, müssen sie in einem lebensgefährlichen Spiel gegeneinander antreten und ihre Fähigkeiten erneut unter Beweis stellen. Die Zeit drängt und von den Rekruten wird mehr abverlangt, als je zuvor. Dazu hat Raell noch mit ihren verwirrten Gefühlen zu kämpfen, denn Alecs plötzliche Zuneigung bringt sie völlig durcheinander und dann sind da auch noch ihre verbotenen Gefühle für Coach Dominic... Raell muss sich entscheiden: Wie viel ist sie bereit zu riskieren?

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Seitenzahl: 394

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für meine Großmütter. Die stärksten Frauen, die ich kenne.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

KAPITEL 1

Phase Beta.

Als ich die Augen aufschlage, sehe ich einen silbernen Schriftzug mit genau diesen Worten aufblitzen, obwohl unser Zimmer in schwarze Dunkelheit gehüllt ist. Mir entweicht ein tiefes Seufzen, denn die erste, nur minimale Bewegung signalisiert mir bereits, wie stark die Ausprägung meines Muskelkaters ist. Ich unterdrücke ein schmerzvolles Stöhnen und rappele mich in den aufrechten Sitz. Die Beine lasse ich locker zu Boden gleiten. Schulterkreisend bewege ich den Kopf von links nach rechts, greife blind nach meiner Trainingskleidung und tappe dann im Dunklen zum Badezimmer. Das grelle Licht schmerzt mir in den Augen und ich kneife sie reflexartig zu. Den Blick zu Boden gesenkt schließe ich die Tür hinter mir und warte, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnt haben. Dann gehe ich rüber zum Spiegel und lehne mich auf dem Waschtisch ab. Die Kleidung schmeiße ich achtlos auf den Schrank im Bad. Während ich das Mädchen im Spiegel beobachte, laufen Erinnerungsfetzen wie ein Video vor meinen inneren Augen ab. Der Abschlusskampf ist erst knapp über 27 Stunden her und ist noch derart präsent, dass ich das Gefühl habe, noch immer in dieser Arena festzustecken.

Aber der Kampf ist vorbei.

Ich habe bestanden. Wir alle vier haben es.

Doch jetzt geht das Grauen wieder von vorne los.

Ich verdränge die Bilder in meinem Kopf und versuche, das erste Kapitel, das ich mit Phase Gamma beendet habe, nun hinter mir zu lassen. Ich muss mich auf das vorbereiten, was jetzt kommt. Und das ist Phase Beta. Keiner von uns weiß, was in Phase Beta auf uns wartet, aber mein Bauchgefühl verheißt mir nichts Gutes.

Ein paar Mal spritze ich mir Wasser ins Gesicht, bevor ich mir meine Zahnbürste schnappe und meine Zähne putze. Das kühle Nass kann zwar nichts gegen die Schmerzen in meinen Gliedern unternehmen, aber ich fühle mich wacher, als hätte ich meine Gehirnzellen wieder mit Energie aufgeladen. Groteske Vorstellung.

Nachdem ich mich dann auch quälend in meine Trainingskleidung gezwängt habe, greife ich nach dem T-Shirt und der Hose, die wir zum Schlafen tragen, und öffne leise die Tür vom Badezimmer. Der Schein der hellen Deckenlampe durchflutet beinahe das gesamte Zimmer und ich werfe einen Blick auf meine noch schlafenden Teammitglieder. Ivy liegt halb auf der Seite, halb auf dem Bauch, das Gesicht tief im Kissen vergraben, Arme und Beine kreuz und quer im Bett verteilt. Ihre Position sieht ziemlich ungemütlich aus, aber ihr leises Atmen und die schlaffen, entspannten Glieder zeugen von einem angenehmen Schlaf. Kein Wunder, dass ihr Arme und Beine in dieser sonderbaren Lage nicht schmerzen, schließlich gehörte sie zu den drei Personen, die gestern nicht beim Abschlusskampf teilnehmen mussten.

Genau wie Alec, der einen Arm locker über das Gesicht hängen hat. Er atmet genauso entspannt wie Ivy, die Ruhe in Person. Bei seinem Anblick flammt eine Erinnerung in meinem Kopf auf, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollte, es aber nicht tut. Es ist, als würde ich seine Lippen wieder auf meinen spüren und die lieblichen Worte, die er mir zugeflüstert hat, gehen mir durch den Kopf. Doch eine Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus, wenn ich an diesen Moment am vergangenen Abend zurückdenke. So schön dieser Kuss auch gewesen ist, so erkenntnisreich war er doch auch für mich.

Alec ist mir so wichtig geworden, nicht nur als Teammitglied, sondern auch als Freund. Seine Zuneigung hatte nach dieser schweren Zeit eine heilende Wirkung auf mich. Es tat gut, ihn an meiner Seite zu wissen. Doch womit ich nicht gerechnet habe, war Dominic, der uns von einer Gabelung aus beobachtet hat. Er war schnell gewesen, aber ich habe ihn trotzdem erkannt.

Sofort hat sich etwas in mir zusammengezogen, als mir bewusst wurde, dass er Alec und mich gesehen hat. Unbewusst habe ich einen Schritt in die Richtung gemacht, in die er verschwunden ist. Mehr brauchte Alec nicht, um zu verstehen.

Die Enttäuschung in seinem Gesicht werde ich nie wieder vergessen. Das Bild hat sich in meine Erinnerung eingebrannt. Ich habe gar nicht erst versucht, mich aus der Sache herauszureden. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Dominic hat etwas an sich, das mich fasziniert und fesselt. Dieses gewisse Etwas, das ich bei Alec nicht spüre. Ich werde meine Gefühle gegenüber Dominic nicht hinausposaunen, weil sie so oder so verboten sind, doch ich werde sie auch nicht länger leugnen. Das bin ich Alec, den anderen und mir schuldig.

Alec und ich haben uns lange ausgesprochen und auch wenn er mir mit Sicherheit noch nicht verziehen hat, waren wir uns doch beide einig, dass wir weiterhin an einem Strang ziehen müssen. Zusammen, als Team, funktionieren wir perfekt und diese Verbindung dürfen wir nicht gefährden. Ich hoffe so sehr, dass ich Alec immer noch an meiner Seite wissen darf.

Ich hätte es versuchen können. Ich hätte versuchen können, die Gefühle für Dominic zu unterdrücken und die Verbindung zwischen Alec und mir näher zu erkunden. Doch das hätte nichts gebracht. Dafür ist es schon zu spät.

Denn zugegeben, selbst heute Nacht habe ich von ihm geträumt.

Ich richte mich auf, als mich plötzlich die Erkenntnis trifft, dass mir mein Traum der vergangenen Nacht wieder eingefallen ist. Mit einem Mal schlägt mein Herz in ungeahnte Höhen und ich halte schockiert die Luft an.

Das ... o Gott. Ich habe nicht wirklich ...

Fuck.

Den Blick zu Boden gerichtet fahre ich mir mit der Hand durchs Gesicht und atme tief durch. Herr je, bitte lass das nicht wahr sein. Was ist denn nur los mit mir?

Kopfschüttelnd hebe ich wieder den Blick und versuche, den Gedanken zu verdrängen. Mit der Hand bereits am Lichtschalter im Bad bleiben meine Augen plötzlich an Kyles Bett hängen. An einem leeren Bett.

Wo ist er?

Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus und ich habe bereits die schlimmsten Befürchtungen im Sinn. Ich erinnere mich daran, wie sich Kyle in unserer zweiten Nacht hier aus dem Zimmer geschlichen hat. Es war die Nacht, in der er mir die tragische Geschichte über seine Schwester erzählt hat.

Es ist also erst mal nicht ungewöhnlich, dass Kyle nicht hier ist, Raell.

Mich selbst ermahnend versuche ich, meinen Puls zu beruhigen, schmeiße meine Nachtkleidung aufs Bett, lösche das Licht im Bad und schleiche mich dann aus dem Zimmer. Obwohl ich mir zurede, dass ich mir vorerst keine Sorgen machen muss, da Kyle eventuell einfach früh wach war und deshalb nicht mehr in seinem Bett liegt, habe ich dennoch ein mieses Gefühl bei der Sache. Wie eine kleine Stimme, die mir zuflüstert, dass etwas Übles in der Luft liegt.

Mit schnellen Schritten bewege ich mich Richtung Trainingshalle. Es ist der erste Ort, der mir einfällt. Mittlerweile ist es leichter, sich in diesem großen Gebäudekomplex zurechtzufinden. Trotz der vielen Gänge komme ich schnell an mein Ziel und stemme mich gegen die große Tür der Trainingshalle. Wie immer schlägt mir hier kühle Luft entgegen. Sofort breitet sich eine Gänsehaut auf meinen Armen aus und auch meine Lunge bekommt den Temperaturwechsel nach und nach zu spüren. Ich gehe ein paar Schritte in die noch dunkle Halle und sehe mich um, aber die kleine Tribüne ist leer. Hier in der Halle ist niemand.

Augenblicklich mache ich auf dem Absatz kehrt und schlage als Nächstes den Weg zur Kantine ein. Aber auch hier sind die einzigen Menschen, die ich antreffe, Mitarbeiter der Küche. Das ungute Gefühl in mir breitet sich immer weiter aus. Ihre fragenden Blicke ignorierend verlasse ich die Kantine wieder und verfalle in einen eiligen Laufschritt. Schweratmend komme ich als Nächstes an dem Fitnessraum an, aber auch dieser ist dunkel und verlassen.

Mensch Kyle, wo bist du?

Irgendetwas stimmt da nicht.

So schnell ich kann, eile ich zurück zu unserem Zimmer, lege die Hand auf den Scanner, damit die Tür sich öffnet, und schalte dann rücksichtlos das Licht an.

»Leute!«, sage ich zwischen tiefen Atemzügen. Alec reißt es direkt aus dem Schlaf und er erhebt sich ruckartig aus dem Bett. Mit einem verschlafenen, aber erschrockenen Blick sieht er zu mir rüber. Ivy gibt nur ein genervtes Brummen von sich. Meine Augen auf das leere Bett gerichtet, sage ich: »Kyle ist weg.«

Sofort ist Ivy hellhörig und dreht sich schwungvoll zu uns um. »Was?«

Alec springt aus dem Bett und sieht kurz auf das obere Bett, in dem Kyle immer geschlafen hat.

»Was soll das heißen, er ist weg?«, fragt Ivy derweil und klettert ebenfalls aus dem Bett.

»Ich weiß es nicht. Als ich aufgewacht bin, war sein Bett bereits leer. Ich war in der Trainingshalle, in der Kantine und beim Fitnessraum. Nichts«, antworte ich und zucke mit den Schultern.

»Aber er hat sich doch gestern noch in sein Bett gelegt?«, fragt Ivy, als ob sie sich nicht mehr sicher wäre. Alec eilt mit gekrauster Stirn zum Schrank und reißt die Türen auf. Seine Augen weiten sich und er sieht entsetzt zu uns.

»Seine Kleidung ist weg.«

»Was?« Sofort gehe ich zu ihm, um mich selbst davon zu überzeugen. Aber er hat recht. Die Fächer von Kyle sind alle leer, als wäre er nie hier gewesen.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragt Ivy hinter uns, in ihrer Stimme schwingt Besorgnis und ein Hauch Furcht mit.

»Zieht euch an«, sage ich mit fester Stimme. »Ihr beide geht und seht draußen nach. Ich laufe schon einmal zur Krankenstation und sehe da nach. In spätestens zehn Minuten treffen wir uns wieder hier.« Die beiden stimmen meinem Vorschlag stumm zu. Ich will noch etwas Positives sagen, bevor ich gehe, aber es will mir nichts über die Lippen kommen. Daher drehe ich mich mit einem Nicken um und trete wieder auf den Flur hinaus. Die Stille innerhalb des Gebäudes kommt mir plötzlich furchterregend und beengend vor. Als wäre ich in einem Albtraum gefangen, der sich verstörend echt anfühlt.

So schnell ich kann, eile ich durch die Flure, bis ich das Krankenzimmer erreiche. Noch im Laufen drücke ich die Tür auf und komme erst im Eingang der Krankenstation zum Stehen. Maggie, die hinter ihrem kleinen Schreibtisch sitzt, presst sich erschrocken eine Hand aufs Herz.

»Himmel, Raell. Was ist denn in dich gefahren?«, will sie wissen, steht von ihrem Hocker auf und kommt auf mich zu.

»Hast du Kyle gesehen?«, frage ich ungewandt. »Er war schon einmal hier. Nach einem Training, mit einer Überdosis Stromschlägen. Blond. Sommersprossen.«

Maggie schüttelt fragend den Kopf. »Nein. Seit gestern warst du die Einzige, die hier war. Wieso? Ist etwas passiert?«

Mit einem Seufzen lasse ich den Kopf in den Nacken fallen. Das kann doch nicht sein. Gestern war Kyle doch noch da. Was ist denn heute Nacht vorgefallen? Wieso sind wir nicht wach geworden? Wir hätten es doch hören müssen.

»Jetzt beruhige dich doch erstmal, Raell.«

Ein trockenes Lachen kommt über meine Lippen. Kopfschüttelnd sehe ich zu Maggie, die ihre Arme vor dem Körper verschränkt hat. »Beruhigen?«, frage ich, als wäre es ein Scherz ihrerseits. »Ein Freund von mir ist heute Nacht plötzlich verschwunden. Wie soll ich mich da beruhigen?«

Sie löst ihre Arme wieder und öffnet den Mund zu einer Antwort, aber ich komme ihr zuvor. »Ich muss ihn weiter suchen. Sag mir bitte Bescheid, wenn du etwas hörst.« Noch bevor ich das letzte Wort gesprochen habe, stehe ich bereits in der Tür und trete zurück in den Flur.

»Ja, klar. Mache ich!«, höre ich Maggie noch rufen, aber ich bin bereits wieder auf dem Weg zurück. Mit der tiefen Überzeugung, dass Kyle nicht freiwillig heute Nacht gegangen ist, haste ich zurück zu unserem Zimmer. Ich bin so schnell unterwegs, dass ich nicht früh genug bemerke, wie Jill das Vorzimmer von Commander Stones Büro verlässt, und ungehalten in sie hineinstürme.

»Huch!«, ruft sie überrascht aus und hebt abwehrend die Arme. Ich taumele ein Stück zur Seite, finde aber schnell meinen Halt zurück und gehe einen Schritt auf sie zu.

»Oh, sorry!«, entschuldige ich mich sofort bei ihr.

Jill lächelt. »Schon gut. Nichts passiert.«

»Tut mir wirklich leid«, setze ich dennoch hinterher, aber Jill winkt ab.

»Ach, ist nicht schlimm, Raell. Was ist treibt dich denn so früh zur Höchstform?«

Wieso bin ich nicht sofort darauf gekommen? Wenn irgendetwas mit Kyle passiert ist, dann wird Jill auf jeden Fall darüber Bescheid wissen. Sie ist im ständigen Kontakt mit Commander Stone, sie sitzt sozusagen an der Quelle. Wieso habe ich nicht früher daran gedacht?

»Kyle«, rücke ich direkt mit der Sprache raus. »Er ist weg. Weißt du etwas darüber?« Ich nehme Jills Reaktion darauf genaustens unter die Lupe, denn ich weiß, dass Jill eine gewisse Schweigepflicht hat. Sie wird es abstreiten, aber ihr Blick verrät sie.

Auch dieses Mal versucht sie, unwissend zu wirken, aber dieser kleine Augenblick, als ihre Augen sich ertappt ein Stück weiten und sie einen Moment zu lang braucht, um zu antworten, verrät sie.

»Öhm ... nein. Was meinst du genau mit ›er ist weg‹?«

Sie weiß etwas, aber natürlich darf sie es nicht sagen. Wieder hindert ihre Position sie daran, mir die Wahrheit zu sagen. Wie ich es einfach nur hasse!

»Jill.« Ich ziehe ihren Namen mahnend in die Länge, aber sie schüttelt vehement mit dem Kopf.

»Nein. Ich weiß nichts, Raell. Aber... Frag doch mal Dominic. Vielleicht weiß er etwas.« Dominic. Gar keine schlechte Idee.

Dass mir im ersten Moment mein Traum der letzten Nacht in den Sinn kommt, ignoriere ich gekonnt und schiebe diesen Gedanken in die hinterste Ecke meines Gedächtnisses. Darüber kann ich mir später meinen Kopf zerbrechen.

Theoretisch wissen wir beide, dass Dominic mir genau so wenig Auskunft geben kann wie sie, aber ich glaube, Jill sucht einfach einen Ausweg, damit ich sie nicht weiter mit meinen Fragen löchere. Ich kann verstehen, dass ihr Job auf dem Spiel steht, vielleicht sogar noch mehr, und sie nicht riskieren will, erwischt zu werden.

Daher nicke ich. »Ok. Mache ich. Danke.«

Mit zusammengepressten Lippen nickt sie zum Abschied, wendet sich ab und geht. Manchmal frage ich mich, ob Jill ihren Job wirklich mag. Ich habe das Gefühl, dass es eine sehr einsame Aufgabe ist, über die sie mit eigentlich keinem reden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Commander Stone eine gesellige Person ist und die beiden sich regelmäßig auf ein Glas Wein treffen. Jill ist hier praktisch im Dauereinsatz, hat sie überhaupt Freizeit, um Dingen nachzugehen, die sie interessieren?

Bevor ich weiter über Jill und ihren Job als Büroassistentin philosophiere, schlage ich den Weg zu unserem Zimmer wieder ein. Obwohl ich sofort zu Dominic stürmen möchte, um ihn damit zu konfrontieren, kehre ich dennoch erst wieder zurück zu unserem Zimmer. Ich habe den beiden gesagt, dass wir uns spätestens in zehn Minuten wieder dort treffen. Es könnte ja sogar sein, dass sie ihn gefunden haben, auch wenn mir dieser Gedanke eher schwerfällt.

Die Hand noch auf dem Scanner quetsche ich mich durch den Türspalt, sobald er groß genug für mich ist. Alec und Ivy sind bereits wieder da. Alec läuft im Raum auf und ab, während Ivy auf dem Bett sitzt, den Kopf auf den Händen abgestützt. Ihre Blicke schnellen zu mir, als ich das Zimmer betrete.

»Und?«, fragen wir alle drei gleichzeitig. Auf die Frage folgt die ernüchternde Antwort: Keiner von uns konnte ihn finden. Wir müssen gar nichts sagen, um diese Feststellung zu treffen.

»Was jetzt?«, fragt Alec in die Stille des Zimmers hinein. Eine plötzliche Wut erfasst mich. Ich kann gar nicht sagen, woher sie auf einmal kommt. Aber ich ärgere mich, dass uns niemand Bescheid gegeben hat, und natürlich mache ich mir große Sorgen. Wer weiß schon, zu was diese Leute hier im Stande sind. Wer weiß schon, was sie mit ihm gemacht haben?

Ruckartig sehe ich zu Ivy, dann zu Alec. »Ich regele das.«

Ich drehe mich wieder um und verlasse das Zimmer.

»Raell, was hast du vor?«, höre ich Alec hinter mir im Flur schreien. Ich drehe mich nicht um, stattdessen werde ich immer schneller.

»Wartet im Zimmer. Ich komme gleich wieder!«, rufe ich zurück und biege schon in den nächsten Flur ab. Wie ich bereits befürchtet habe, komme ich an einem Gespräch mit Dominic nicht vorbei, auch wenn ich weiß, dass er nicht mit mir reden darf.

Aber ich werde sein Zimmer erst verlassen, wenn ich meine Antworten habe.

KAPITEL 2

Mit der Faust hämmere ich gegen die Tür, mein Blick auf den Namen des Türschildes gerichtet. Es dauert nicht lang, bis sich die Tür zur Seite aufschiebt und Dominic fragend auf mich hinabsieht. Er registriert sofort, dass etwas nicht stimmt, als er den wütenden Ausdruck in meinem Gesicht bemerkt. Er muss die Frage gar nicht stellen, die ihm auf der Zunge liegt.

»Wo ist er?«, frage ich schroff.

Tatsächlich wirkt er unbeeindruckt, nicht wie Jill, der man alles im Gesicht ablesen kann. »Ich habe keine Ahnung, was du meinst.«

Ich lache angewidert. Das hätte ich mir gleich denken können. Ich frage mich, warum er es auf diese Weise versucht, wenn wir doch beide wissen, worüber ich rede. Meine innere Wut staut sich immer weiter an und es dauert nicht mehr lang, bis ich ihr Ausdruck verleihen werde.

»Wo ist er?«, wiederhole ich meine Frage, jedes einzelne Wort betonend, die Stimme eine Oktave düsterer.

Dominic senkt den Arm, mit dem er sich an der Wand angelehnt hat, und verschränkt beide Arme vor dem Körper, den Blick so kalt wie bei jedem Training. Ich kann nicht verhindern, dass mir ein Schauer über den Rücken läuft, als er einen Schritt auf mich zumacht und nüchtern zu mir heruntersieht.

»Entweder du drückst dich deutlicher aus oder du gehst.« Wir liefern uns ein kühles Blickduell, bis ich es abbreche und einmal links und rechts den Gang entlang sehe. Eine Hand gegen seine Brust gepresst schubse ich ihn grob in den Raum, damit sich die Tür hinter uns schließt.

»Hast du gerade die Hand gegen deinen Coach gehoben?«, fragt er erbost, die Augen fassungslos geweitet.

Ich schnaube. »Jetzt komm mir nicht mit deiner beschissenen Rangordnung. Ich will wissen, was ihr mit Kyle gemacht habt. Und glaub mir, ich gehe nicht, ehe ich eine Antwort von dir bekomme.«

Dominic spannt den Kiefer an. Er weiß mittlerweile, dass ich hartnäckig sein kann. Vor allem, wenn es um mein Team geht. Genauso gut weiß er, dass ich nicht locker lassen werde.

Er verstaut die Hände in den Hosentaschen seiner Jogginghose. Ich kann mich nicht davon abhalten, ihn einmal von oben bis unten zu begutachten. Die Erkenntnis, ihn in gewisser Weise privat in seiner Schlafkleidung zu sehen, löst ein Gefühl in mir aus, dass ich nicht recht benennen kann. Doch es vergeht so schnell, wie es gekommen ist, als Dominic den Kopf abwendet und seufzt.

»Er musste gehen.«

»Was soll das heißen ›er musste gehen‹?«, hake ich nach und gehe dabei einen Schritt auf ihn zu. Er sieht wieder zu mir rüber, den Ausdruck unverändert.

»Das soll heißen, er musste gehen.«

Ich muss mich wirklich zusammenreißen, um nicht völlig auszurasten. Ich presse die Lippen aufeinander und falte die Hände zu Fäusten.

»Warum musste er gehen?«, frage ich so ruhig, wie ich kann.

»Das ist nicht von Belangen«, antwortet er unvermittelt.

Jetzt bin ich diejenige, die große Augen macht. Will er mich verarschen? Sehe ich wirklich so aus, als würde ich mich mit so einer Antwort zufriedengeben?

»Das ist nicht von Belangen?«, beginne ich, die Stimme erhoben. »Kyle Sutherland hat rechtmäßig die erste Phase bestanden. Es gibt keinen Grund, weshalb er hätte gehen müssen.« Während ich rede, gehe ich immer weiter auf ihn zu, bis ich meinen Fingern in seine Brust bohren kann. »Ich verlange eine Erklärung.«

»Du bist nicht in der Position, um Forderungen zu stellen, Raell. Sieh es endlich ein!« Ich zucke zusammen, als Dominic mir die Worte regelrecht ins Gesicht spuckt. Ich habe ihn noch nie so wütend erlebt. Tatsächlich ist er immer verhältnismäßig ruhig geblieben, wenn wir hitzige Diskussionen gehalten haben. Aber heute scheint er sich nicht unter Kontrolle zu haben. Ich weiche einen Schritt zurück und senke den Blick. Dominic seufzt und fährt sich über das Gesicht und durch die Haare.

Ich warte, doch er bleibt still.

»Ich habe alles riskiert«, flüstere ich. »Für ihn. Weil ich wusste, dass er keine Chance hat. Kyle ist kein schlechter Rekrut, nur habt ihr mit der Art von Aufgabe einen wunden Punkt bei ihm getroffen. Es ist nicht fair, ihn deshalb rauszuschmeißen.«

»Ich weiß.« Dominics Worte sind noch viel leiser als die meinen. Mit einem fast sehnsüchtigen Blick sehe ich zu ihm.

»Wieso war alles umsonst, Dominic?«, frage ich ermüdet. Die Kraft, die ich eben noch dank der wachsenden Wut verspürt habe, ist verpufft. An deren Stelle tritt eine Art Hoffnungslosigkeit, plötzlich fehlt mir der Sinn in allem, was ich hier getan habe.

»Nichts war umsonst, Raell«, antwortet er ganz selbstverständlich.

Ich lächle, den Kopf schüttelnd. »Wenn selbst das Beste nicht genug ist, was hat dann die ganze Mühe, die wir uns geben, für einen Sinn?«

Dominic beobachtet mich eine Weile, während er über meine Frage nachdenkt. Dann schluckt er und überwindet den Abstand, den ich zwischen uns gebracht habe. Seine Hände legen sich an meine Schultern und er sieht mich eindringlich an.

»Du musst dir wieder bewusst machen, dass das hier von Anfang an ein Einzelkampf war, Raell. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und wer nicht die Leistung erbringt, die wir erwarten, muss gehen.«

Ich winde mich aus seinem Griff, weil mich plötzlich wieder der Ärger erfasst. »Wenn von Anfang an klar war, dass Kyle niemals eine Chance hatte, die Phase zu bestehen, wieso habt ihr ihn dann nicht eher weggeschickt? Wieso habt ihr ihn in den Abschlusskampf geschickt? Wieso habt ihr zugelassen, dass wir den Einheitskampf wählen konnten, wenn das Ergebnis sowieso von vornherein hinfällig war?«

»Raell.« Dominic seufzt, aber ich lasse mich gar nicht darauf ein.

»Was passiert mit ihm?«

Dominic zieht die Stirn kraus, als verstünde er meine Frage nicht. Ich warte darauf, dass er mir antwortet, aber er starrt mich nur ratlos an.

»Du kannst mir nicht weismachen, dass ihr ihn einfach wieder nach Hause geschickt habt. Es ist noch nie jemand, der für Alpha Precedence ausgesucht wurde, wieder aufgetaucht. Also, was passiert mit ihm?«

»Darüber darf ich dir keine Auskunft geben, Raell. Das weißt du«, erwidert er. In seiner Stimme vernehme ich einen Schwung Ärgernis, als würden ihn meine ständigen Fragen ermüden.

»Es ist wie bei den ausgeschiedenen Rekruten im Abschlusskampf, oder? Keiner weiß, was mit ihnen passiert. Keiner weiß, wie es ihnen geht und ob sie überhaupt noch leben. Sie sind einfach wie vom Erdboden verschluckt und keiner wird sie je wieder zu Gesicht bekommen, was?«, frage ich empört und leicht gereizt.

Dominic stemmt die Hände in die Hüfte. »Ich kann dir dazu keine Informationen geben, Raell. Aber ich kann dir sagen, dass wir nicht so grausam sind, wie du denkst.«

»Du machst es mir aber ziemlich schwer, das zu glauben.«

»Vertrau mir einfach. Bitte.«

Ich verringere den Abstand zwischen uns noch ein Stück mehr und starre geradewegs in seine dunklen Augen. »Ich würde dir vertrauen, wenn du verhindert hättest, dass er gehen muss.« Eine Weile bleibe ich in genau dieser Position stehen und beobachte die Züge, die über sein Gesicht huschen. Dann weiche ich zurück und mache mich auf den Weg zur Tür.

»Raell.« Die Art, wie er meinen Namen ausspricht, lässt erkennen, dass er ein schlechtes Gewissen hat. Einerseits soll er das haben, weil ich dachte, dass er zu seinen Rekruten halten würde, andererseits frage ich mich, ob es gerechtfertigt ist, dass er sich schlecht fühlt. Schließlich glaube ich nicht, dass es seine Entscheidung war, Kyle zu entlassen. »Du weißt, dass ich gegen Commander Stone keine Chance habe. Ich muss ihr gehorchen, genau wie ihr. Ich muss ihre Entscheidungen annehmen, ganz gleich, ob ich sie gutheiße oder nicht.«

Commander Stone.

Natürlich. Es war ihre Entscheidung.

Sie hat den Befehl gegeben, Kyle wegzubringen.

Es ist meine Schuld.

Es ist ihr Rachefeldzug gegen mich, weil ich mich gegen ihre Entscheidungen gestellt habe. Ich habe sie dazu gebracht, einen Befehl zurückzuziehen. So lässt sie mich also spüren, welche Konsequenzen mein Verhalten hat.

Ich halte inne, als mich diese Erkenntnis trifft. Ich ringe um Fassung, während ich mich zu Dominic umdrehe.

»Es ist meine Schuld«, flüstere ich ergriffen und senke abwesend den Blick zu Boden.

»Was? Nein«, höre ich Dominic jäh sagen. Er eilt zu mir, legt mir beide Hände ans Gesicht und zwingt mich, ihn anzusehen. Doch mein Blick geht ins Leere, ich fühle mich wie benommen, weil eine Schuld über mich einbricht, die ich nicht tragen kann.

»Es ist auf keinen Fall deine Schuld, Raell. Du darfst dir keine Vorwürfe machen.« Ich will das nicht hören. Ich will seine beschönigenden Worte nicht hören. Ich weiß, er will, dass ich an mich denke. Aber nicht dabei.

Dies ist eine Schuld, die mir zuteilwird. Ganz gleich, was er anderes behauptet.

»Nein«, antworte ich mit kräftiger Stimme, überzeugt von meinem Verschulden. »Das ist Commander Stones Rache. Indem sie Kyle aus dem Rekrutierungsprogramm ausschließt, rächt sie sich an mich, weil ich nicht nach ihrer Nase tanze. Aber ihre Rache trifft nicht nur mich, sondern auch Kyle, der einfach nur unschuldig ist. Ein schlechtes Gewissen? Ja, das habe ich. Und trotzdem bin ich nicht die Einzige, die darunter leidet. Und das ist einfach nur ungerecht.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, gehe ich.

Denn Dominic kann genauso wenig etwas dafür, wie Kyle. Und ich will ihm nicht weiter Vorwürfe an den Kopf werfen, obwohl ich wütend auf ihn bin, dass er einfach zugelassen hat, dass Kyle weggebracht wird.

Denn das kann ich ihm nicht verzeihen.

Mein ganzer Körper ist angespannt, als ich zurück zu unserem Zimmer gehe. Ich weiß nicht, was mich mehr schockt: Dominics Nichtstun, während Commander Stone veranlasst hat, Kyle wegzubringen, oder die Schuld, die mich bei dieser Sache trifft. Hätte ich mich einfach an die Regeln gehalten, dann wäre Kyle vielleicht noch hier. Keiner weiß, wie der offene Kampf geendet hätte. Aber trotzdem, wegen mir wurde Kyle von Alpha Precedence ausgeschlossen. Wahrscheinlich kann ich mir das auch selbst niemals verzeihen.

Verzweifelt öffne ich die Tür unseres Zimmers. Gewissensbisse plagen mich und nichts wäre jetzt schöner, als allein zu sein, aber ich bin Ivy und Alec eine Erklärung schuldig. Sie springen beide auf, als ich eintrete, und sehen mich erwartungsvoll an.

»Wo warst du?«, fragt Ivy aufgebracht. Es passt ihr natürlich gar nicht, dass ich einfach gegangen bin und sie nicht in mein Vorhaben eingeweiht habe. Das sind die Fälle, in denen wieder Ivys zornige Seite zum Vorschein kommt.

»Bei Dominic«, antworte ich matt. Das Gespräch hat mich völlig ausgelaugt.

»Und was hat er gesagt?«, will Alec wissen. Ihm ist die Sorge ins Gesicht geschrieben.

Ich seufze. »Kyle musste gehen«, wiederhole ich Dominics Worte. »Und ich glaube, das ist meine Schuld.«

Stille breitet sich in unserem Zimmer aus. Sie ist unangenehm, breitet sich wie ein ungemütlicher Schauer auf dem ganzen Körper aus. Alec und Ivy sehen sich ratlos an, aber auch der Schock sitzt tief, so wie bei mir.

»Warum sollte es deine Schuld sein?«, fragt Alec mit einer gutmütigen Stimme, als wolle er noch davon absehen, dass ich wirklich dafür verantwortlich sein könnte. In diesem Augenblick wirkt es, als wäre er tatsächlich nicht mehr wütend auf mich. Oder die Angst um Kyle übertönt für den Moment einfach die Wut über mich.

Mit trägen Schritten gehe ich durch das Zimmer und lasse mich auf mein Bett fallen. Mein Blick heftet sich an das leere Bett mir gegenüber, in dem Kyle gestern noch gelegen hat. Ivy und Alec setzen sich jeweils links und rechts neben mich und warten geduldig darauf, dass ich antworte. Aber es dauert eine Weile, bis ich mich dazu durchringen kann, ihnen meine Befürchtung zu offenbaren.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Commander Stone sich damit bei mir rächen will. Weil ich mich nicht an ihre Regeln gehalten habe, weil ich sie verärgert habe, sie bloßgestellt habe, als ich den offenen Kampf verweigert habe. Sie will mir zeigen, welche Konsequenzen mein Verhalten hat und Kyle musste darunter leiden. Er wurde meinetwegen vom Programm ausgeschlossen und musste gehen.« Sie verarbeiten meine Worte stumm und mit jeder Minute, die verstreicht, brechen die Schuldgefühle stärker auf mich ein.

»Hat Dominic das so gesagt?«, fragt Alec in die Stille hinein. Er runzelt nachdenklich die Stirn.

Ich schüttle den Kopf. »Nein ... nicht wirklich. Aber so ist er auch nicht. Er würde mir niemals die Schuld zuschieben, weil er weiß, dass es mich fertigmacht. Aber ich weiß, dass ich dafür verantwortlich bin. Und ich kann es verstehen, wenn ihr jetzt sauer auf mich seid.« Mir entgeht nicht, dass Alec kurz zusammenzuckt, als ich über Dominic rede. Die Art, wie ich über ihn rede, als würde ich ihn schon ewig kennen. Ich kann es ihm nicht verübeln und es tut mir leid, dass ich ihn enttäuscht habe.

»Ich bin nicht sauer auf dich«, betont Ivy. »Und Alec auch nicht.« Sie sieht fragend zu ihm rüber, um sicherzugehen, aber er bekräftigt ihre Aussage. »Es ist nicht fair, was Commander Stone getan hat. Wenn wir auf jemandem sauer sein sollten, dann auf sie. Und ich bin der Meinung, dass wir ihr zeigen sollten, dass sie sich mit den Falschen angelegt hat.«

Alec nickt zustimmend. »Ja, Ivy hat recht. Wir halten zusammen, das würde Kyle von uns verlangen. Wir werden Phase Beta auch bestehen, für ihn. Und dann wird Commander Stone schon sehen, dass sie uns nicht in die Knie zwingen kann. Und scheiß drauf, was Dominic sagt. Wichtig ist, dass wir ein Team sind.« Ich bemerke, dass seine Stimme eine bittere Note annimmt, als er Dominic erwähnt. Es ist in gewisser Weise herzerwärmend zu sehen, dass Alec einen Stich Eifersucht zu erkennen gibt. Es zeigt mir, dass ihm noch immer etwas an mir liegt. Auch wenn ich ihn verletzt habe.

Ich öffne mit einem leichten Lächeln meine Hände und halte sie ihnen entgegen. Ivy und Alec schlagen zustimmend ein.

»Einer für alle«, beginnt Alec grinsend.

»Und alle für einen«, beenden Ivy und ich im Chor.

KAPITEL 3

Dominic

Raell ist keine fünf Minuten weg, da steht Jill vor Dominics Tür und ruft ihn wieder zu einem Gespräch mit Commander Stone.

Dominic wusste, dass Raell auf Kyles Abgang so reagieren würde. Er kann ihre Wut verstehen, er verurteilt sie dafür nicht. Aber dass sie davon ausgeht, dass Commander Stone diesen Schritt aus Rache gegangen ist, passt ihm gar nicht. Er würde ihr gerne die Wahrheit sagen, dass Commander Stone in gewisser Weise beeindruckt von ihr war und sie Kyle nur gehen lassen hat, weil er schlechte Leistungen erbracht hat. Dass sie zu viele waren für die nächste Phase.

Die letzten Wochen sind so schnell an ihm vorübergezogen, dass Dominic kaum begreifen kann, dass seine Schüler bereits in Phase Beta sind. Er weiß, was jetzt auf sie zukommt, und er muss ihnen eintrichtern, dass sie eine Schippe drauflegen müssen.

Mit Raells klagenden Worten im Nacken wechselt er seine Kleidung und macht sich gedankenverloren auf den Weg zu Commander Stone. Er muss zugeben, dass er Raell näher an sich herangelassen hat, als er durfte. Er hat zugelassen, dass sie sich einen Platz in seinem jahrelang gut gehüteten Herzen verschafft hat. Und jetzt ist sie ihm wichtiger, als sie sollte. Deshalb schmerzt es ihm sehr, sie leiden zu sehen. Wie gerne würde er ihr alles erzählen, was er weiß. Nur, damit sie sich nicht mehr schlecht fühlt. Aber es ist seine Pflicht, Schweigen zu bewahren. Er kann seinen Posten nicht riskieren, nicht nachdem er Raell kennengelernt hat. Er wird nicht mehr von ihrer Seite weichen, auch wenn er sie aus der Ferne beobachten muss.

Gestern noch, als sie Alec Lace geküsst hat, war er sicher, dass er sie wieder aus seinen Gedanken verbannen wird. Dass sie einfach wieder nur eine Schülerin für ihn werden würde.

So schnell ändert sich alles.

Wieder hat er nur sie im Kopf. Das kann nicht gut gehen.

Dominic passiert das Vorzimmer, in dem Jill fleißig arbeitend an ihrem Schreibtisch sitzt, und klopft an Commander Stones Bürotür. Jill wirft ihm einen verkniffenen Blick zu, als wüsste sie, dass Commander Stone ihn nicht für einen Plausch rufen lassen hat.

Mensch, was hat sie denn jetzt schon wieder?

Die Tür schnellt auf und sie winkt ihn eilig hinein. Sie dreht sich mit dem Schreibtischstuhl in seine Richtung und beäugt ihn mit strengem Blick. Dominic ahnt, dass sie ihm wieder einen Vortrag halten wird. Sie wartet, bis die Tür wieder geschlossen ist, und nickt Dominic dann auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Er gehorcht wortlos und wartet geduldig darauf, dass sie mit der Sprache herausrückt.

»Das Programm schläft nie, Dominic«, philosophiert sie und legt den Kopf auf den Händen ab, die Ellbogen auf den Tisch gelehnt.

Was. Zur. Hölle?

Dominic verkneift sich eine Antwort, da er genau weiß, dass sie ihren Vortrag gerade erst begonnen hat. Sie gibt ihm Zeit, über diese Phrase nachzudenken, bevor sie weiterredet. Doch Dominic hat keinen blassen Schimmer, was sie ihm damit sagen will.

»Phase Gamma ist vorbei, viele Rekruten haben bestanden, aber die Zeit rennt, Dominic. Es geht unverzüglich weiter. Ich hoffe, das wissen Sie.«

Er schluckt und setzt sich in dem weichen Stuhl aufrechter hin. »Selbstverständlich, Commander.«

»Ich möchte Ihnen nicht vorenthalten, dass mich beunruhigende Nachrichten vom General erreichen. Die Lage ist verdammt ernst, Dominic. Und wir sind dazu verpflichtet, Phase Beta zu beschleunigen. Die Zeit wird immer knapper.« Sie lässt die Hände auf den Tisch fallen, faltet sie und legt den Kopf leicht schräg. »Das Training wird wie besprochen um die Hälfte gekürzt. Sorgen Sie dafür, dass unsere Rekruten schnellstmöglich fit werden.«

Dominic nickt. »Ich gebe mein Bestes, Commander.«

»Das reicht nicht«, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen. Ihre Worte sind so kühl, dass sich die Härchen in seinem Nacken aufstellen. »Ich erwarte absolute Konzentration. Zeigen Sie kein Erbarmen. Die Rekruten müssen verstehen, dass wir kein Survival Camp sind, sondern eine militärische Einrichtung. Ich habe meine Aufgabe in ihre Hände gelegt, Dominic. Ich dulde nicht, dass sie mich enttäuschen.«

Der Commander drückt eine so erhabene Ausstrahlung aus, dass es ihm schwerfällt, Augenkontakt zu behalten. Die Erwartung, Erfolg verzeichnen zu müssen, macht ihm immer wieder seinen Job schwer. Die Last überkommt ihn immer wieder in Schüben und schon oft hatte er das Gefühl, einfach aufzugeben zu wollen.

Aber dieses Jahr ist etwas anders.

Dieses Jahr ist Raell in sein Leben getreten.

Ein Mädchen, das für seine Moralvorstellung brennt. Ein Mädchen, das das Wohl anderer über das eigene stellt. Ein Mädchen, das Hoffnung schenkt.

»Jawohl, Commander.«

Sie nickt, offenbar wenigstens zum Teil überzeugt. Mit einem Wink Richtung Tür bedeutet sie ihm, dass er gehen soll. Er erhebt sich von dem Stuhl, bleibt aber stehen, als sie erneut das Wort erhebt.

»Und Dominic«, hält sie ihn auf. »Es gibt eine Änderung im Protokoll. Ab sofort ist die Regel außer Kraft gesetzt, dass Rekruten vorzeitig vom Programm ausgeschlossen werden können.«

Bitte was?

»Was soll das bedeuten, Commander?« Mit einem eindringlichen Blick erhebt sie sich und stützt sich bedrohlich auf dem Tisch ab, während sie ihre Augen in seine bohrt.

»Wer versagt, hat hier nichts zu suchen, Dominic. Wer negativ auffällt, muss gehen. Ausnahmslos«, erklärt sie. »Wenn Sie also keinen Ihrer Rekruten verlieren wollen, sorgen Sie dafür, das sie Gehorsam lernen und ihre Fertigkeiten optimieren. Ich dulde keine Zuwiderhandlungen oder fehlende Leistungen mehr.«

KAPITEL 4

Sie merken sofort, dass etwas anders ist.

Als Alec, Ivy und ich die Kantine nur zu dritt betreten, hängen schon nach wenigen Sekunden alle Blicke an uns. Die Gruppe, die über Nacht einen Kameraden verloren hat. Gesprächsstoff ohne Ende.

Wir lassen uns an unserem Stammplatz nieder. Es fühlt sich falsch an, hier nur zu dritt zu sitzen. Als würde ein Puzzlestück fehlen, das uns zu einem Ganzen gemacht hat. Mir ist völlig der Appetit vergangen, weshalb ich Ivy und Alec allein zur Theke schicke. Ich falte meine Hände auf dem Tisch und senke den Kopf, weil ich die bohrenden Blicke der anderen nicht ertrage.

Ich bin froh, als Ivy und Alec zurückkommen, weil ich das Gefühl habe, sie bilden eine Art Schutzschild um mich, das mich vor den gaffenden Leuten beschützt.

»Ich habe dir etwas mitgebracht«, informiert Ivy mich. »Du musst etwas essen, Raell.« Sie schiebt ihr Tablett zwischen uns und bietet mir etwas von dem reichlich gefüllten Teller. Widerwillig schnappe ich mir den Apfel und versuche einen ersten Bissen. Ich schmecke kaum etwas, kaue gedankenverloren auf dem Obst in meinem Mund herum. Das motivierende Gefühl, unbesiegbar zu sein, das ich noch in unserem Zimmer verspürt habe, ist plötzlich wie weggefegt. Kyles Abwesenheit hat ein Loch in unsere Gruppe gerissen, das nicht zu flicken ist. Er wird fehlen, in jeder Herausforderung, die wir annehmen werden, in jedem Gespräch, das wir führen werden, in jeder gemeinsamen Aktion, die wir unternehmen werden.

Ich habe noch nicht einmal die Hälfte des Apfels gegessen, als das Stimmengewirr in der Kantine verstummt. Neugierig drehe ich den Kopf in die Menge und finde schnell den Grund für die plötzliche Stille. Dominic hat die Kantine betreten und baut sich mit straffen Schultern vor uns auf. Er sieht durch die Menge, als würde er jemanden suchen, und tatsächlich bleibt sein Blick einen Moment zu lang bei mir hängen. Das neutrale, etwas angespannte Gesicht verrät nicht, was in ihm vorgeht. Er ist zurück in seiner Position als Coach, versteckt seine Gefühle hinter einer Mauer. Es sollte mir egal sein, was er denkt und fühlt. Ich bin so enttäuscht von ihm.

»Morgen, Rekruten.« Seine Begrüßung ist völlig emotionslos. Da ist wirklich gar nichts, was ein Funke Gefühl in seinen Worten sein könnte. »Ich möchte euch gerne zu eurem bestandenen Abschlusskampf gratulieren. Ich bin sehr stolz auf eure Leistungen. Das heißt aber nicht, dass ihr euch jetzt ausruhen könnt. Es geht unverzüglich weiter und ich möchte betonen, dass ihr ab sofort noch härter an euch arbeiten müsst. Phase Beta fordert euch alle heraus, deshalb ist es wichtig, dass ihr bei jedem Training zu hundert Prozent da seid. Verstanden?«

»Ja, Coach«, antworten alle im Chor. Meine Lippen wollen sich nicht voneinander trennen. Nicht gut ist, dass Dominic das natürlich registriert hat. Ich habe das Gefühl, er hat mich in letzter Zeit noch viel stärker im Auge als vorher. Das ist höchstwahrscheinlich auch meine Schuld.

»Das Training beginnt morgen wie gewohnt um 0700. Wir treffen uns zehn Minuten eher an den Aufzügen. Seid pünktlich, ich warte auf niemanden. Wer nicht da ist, absolviert ein Straftraining. Verstanden?«

»Ja, Coach«, antworten wieder alle wie eine Sekte, die irgendwelche Anbetungen predigt. Ich schließe mich noch immer nicht an, stattdessen starre ich weiter auf den Tisch.

»Heute Abend findet der Gammaball statt, bei dem Commander Stone euch feierlich als Rekruten für die nächste Phase benennen wird. Eure Festkleidung wurde euch bereits in die Zimmer gebracht. Der Ball beginnt um 2000 im großen Saal. Wir erwarten Pünktlichkeit. Verstanden?«

»Ja, Coach«, rufen sie.

»Eine Information zum Schluss: Kyle Sutherland aus Gruppe neun musste uns leider verlassen. Ihr seid in Phase Beta somit vierzig Rekruten. Spart euch eure Fragen. Es gibt keine weiteren Anmerkungen zum Aussteigen des Rekruten.« Mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich diese trostlose Bemerkung über Kyle höre. Dominics kühlen Worte, so völlig ohne Emotionen, versetzen mir einen Stich. Wie kann er Kyle einfach wie ein kleines Übel behandeln, das nicht weiter schlimm ist?

Ich sehe nicht, wie er die Kantine verlässt, aber die wachsenden Gespräche verraten mir, dass er nicht mehr anwesend ist. Zwischen uns drei breitet sich eine Stille aus. Uns allen ist es unangenehm, dass sie über uns und über Kyle sprechen. Es dauert eine ganze Weile, bis Ivy das Stillschweigen beendet.

»Bälle beim Militär. Das glaubt uns doch keiner.« Ivy lacht verständnislos. Ihr Themenwechsel ist eine willkommene Abwechslung. Ich stimme ihr innerlich zu. Es wird immer lächerlicher. Sie behaupten, Alpha Precedence hätte eine wichtige Aufgabe, feiern aber Bälle, anstatt zu handeln. Wie sollen wir sie da ernst nehmen können?

»Sieht aus, als müsste ich mir heute einen anderen Tanzpartner suchen.« Ivy ist die Ernüchterung ins Gesicht geschrieben. Wir verarbeiten diese Feststellung stumm, aber jeder weiß, dass wir gleich darüber fühlen. Wir alle vermissen Kyle, obwohl wir ihn erst seit wenigen Wochen kennen.

Ich atme tief durch, bevor ich spreche. »Ich hab so ein leichtes Zwicken im Handgelenk. Ich werde mal auf die Krankenstation gehen und es prüfen lassen. Wir sehen uns dann später?«

»Soll ich mitkommen?«, fragt Ivy besorgt, aber ich schüttle den Kopf.

»Wird schon nicht so schlimm sein. Ich erzähle euch dann, was Maggie gesagt hat.«

»Dann bis später?«, verabschiedet sich Ivy und legt sorgenvoll den Kopf zur Seite, während sie mich mustert.

»Ja«, sage ich und zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen. »Bis später.« Ich spüre die Blicke in meinem Nacken, die mich auf meinem Weg aus der Kantine begleiten. Das mit dem Zwicken in der Hand war zwar nur ein Vorwand, um von den anderen loszukommen, aber es kann sicherlich nicht schaden, Maggie meine Hand untersuchen zu lassen. Einfach, um sicherzugehen, dass der Abschlusskampf keine negativen Spuren hinterlassen hat.

In den leeren Fluren des Gebäudes hallen meine Schritte von den Wänden wider. Ich nutze diese Minuten der kompletten Stille, um die Gedanken in meinem Kopf zu sortieren. Ich kann die Situation mit Kyle nicht ändern, ich kann sie nicht mehr verhindern. Es ist wichtig, dass ich nach vorne blicke. Ich muss mein Team davor bewahren, weiter zu schrumpfen. Die beiden haben recht, zusammen sind wir stärker.

Ich öffne die Tür nicht so hektisch wie heute Morgen, stattdessen luge ich erst nur mit dem Kopf hindurch, um nach Maggie Ausschau zu halten. Sie lächelt mir von ihrem Schreibtisch aus entgegen.

»Raell! Komm rein!«, sie steht auf und ich trete ein. »Konntest du deinen Freund finden?«

Ich hatte gehofft, hier diesem Thema zu entkommen, stattdessen spricht Maggie es ohne Umschweife an. Ich seufze. »Er ist weg. Und er kommt auch nicht wieder.«

Maggie wirkt tatsächlich betroffen von dieser Nachricht. Sie hat anscheinend von dieser Aktion nichts gewusst.

»Willst du...«, beginnt sie zaghaft und ich weiß direkt, worauf sie hinauswill.

»Nein«, antworte ich sanft und schüttle den Kopf.

»Okay. Was kann ich denn für dich tun?«

Ich zucke mit den Schultern. »Ich dachte, es wäre sinnvoll, meine Hand nach dem Kampf noch mal zu untersuchen. Nicht, dass es sich wieder verschlimmert hat.«

Maggie lächelt. »Sehr vernünftig von dir. Dann lass mal sehen.« Sie führt mich zur Liege, ich lehne mich aber nur an den Rand an. Sie untersucht erst ohne Geräte meine Hand und das Gelenk, dann zieht sie zur Vorsicht noch ein kleines, mobiles Röntgengerät hinzu.

»Das sieht alles wunderbar aus«, diagnostiziert sie nach einer Weile. »Aber wir können es vorsichtshalber tapen, wenn du dich damit besser fühlst.«

Ich nicke einfach. »Klingt gut.«

»Ich habe das Tape in verschiedenen Farben. Welche ist denn deine Lieblingsfarbe?«, will sie wissen. Dabei hat sie ein breites Grinsen auf dem Gesicht, sie versucht wahrscheinlich, mich aufzumuntern. Ich bin ihr dafür sehr dankbar, auch wenn sie keinen Erfolg damit hat.

»Hast du auch etwas Schlichtes? Beige eventuell? Es muss nicht jeder auf Anhieb sehen, dass es getapet ist«, erwidere ich missmutig.

»Klar. Das geht auch.« Mitleid schwingt in ihren Worten mit. Es ärgert mich, dass ich mit meinem Befinden schlechte Laune verbreite. Ich sollte nicht länger hier sein, als ich muss.

Maggie legt mir das Tape an, wir prüfen die Beweglichkeit und dann sind wir auch schon fertig. Ich springe von der Liege, bedanke mich bei ihr und verabschiede mich mit einem verhaltenen Lächeln.

Mir ist gar nicht danach, die anderen zu suchen. Aber sie sollen sich keine unnötigen Sorgen um mich machen. Ich habe akzeptiert, dass ich einen Fehler gemacht habe, und ich sorge dafür, dass er sich nicht wiederholt. Ich muss Kraft aus der Situation schöpfen.

Ich finde die beiden nach kurzer Suche draußen auf den Bänken. Ivy hält ihr Gesicht der wärmenden Kraft von Helios entgegen, während Alec eher das Gras beobachtet. Ich nehme mir vor, die schlechten Gedanken beiseitezuschieben und unbeschwert diesen freien Tag mit den beiden zu genießen. Kyle hätte es von uns erwartet.

Ich geselle mich neben Alec auf die Bank und beantworte ausführlich seine Fragen zu meiner Hand. Natürlich gebe ich auch Entwarnung, schließlich ist das Tape ja gar nicht nötig gewesen.

Eine Weile sitzen wir einfach gemeinsam auf der Bank, jeder in seinen Gedanken vertieft. Irgendwann setzt sich Alec neben mich auf.

»Ich gehe mal wieder rein«, sagt Alec und erhebt sich von der Bank. Fragend blicke ich ihn an, aber er geht nicht darauf ein. Verwirrt sehe ich ihm hinterher, bis er im Gebäude verschwunden ist.

»Wohin will er?«, frage ich Ivy, die nur kurz den Kopf senkt, bevor sie ihn wieder gen Himmel reckt.

»Keine Ahnung.« Sie zuckt mit den Schultern. »Vorhin nach dem Frühstück hat Michelle mit ihm gesprochen. Frag mich nicht, worüber sie gesprochen haben. Alec sah ziemlich zwiegespalten aus.«

Michelle. Meine Brauen ziehen sich skeptisch zusammen. Was wollte sie von ihm? Nach der Aktion von ihr mit Alec bin ich ihr gegenüber misstrauisch. Wollte sie Alec wieder zu irgendetwas ermutigen? Hat sie wieder irgendwelche Pläne, um uns zu sabotieren? Oder hat Alec vielleicht mit ihr über uns gesprochen? Die beiden kennen sich wohl aus der Schule, aber ich habe nie gefragt, wie gut sie sich wirklich kennen. Hatten sie in Origin viel Kontakt?

Mich selbst ermahnend schüttle ich kurz den Kopf, um die Gedanken loszuwerden.

»Zwiegespalten? Was meinst du damit?«, frage ich trotzdem, weil mich Alecs Verhalten stutzig macht. Er hat mir gegenüber Gefühle gezeigt, doch trotzdem zieht es ihn immer wieder zu Michelle. Was geht in seinem Kopf nur vor?

»Keine Ahnung«, wiederholt Ivy. »Was auch immer sie gesagt hat: Alec schien ihr zugestimmt zu haben, aber eher widerwillig.«

Noch verwirrter als vorher schüttele ich den Kopf. Die Frage ›Was hat Michelle zu ihm gesagt?‹ liegt mir auf der Zunge, aber ich weiß, dass Ivy keine Antwort darauf hat. Daher bleibe ich stumm und nerve sie nicht weiter. Schließlich ist heute unser freier Tag und den sollten wir genießen.

Doch trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl bei der Sache und dieses Gefühl begleitet mich den ganzen Nachmittag.

Wir nutzen den gesamten Tag, um uns auszuruhen. Größtenteils draußen an der frischen Luft, nur zum Essen gehen wir ins Gebäude. Wir saugen jeden Sonnenstrahl, den wir bekommen, in uns auf und genießen die Stunden, in denen wir nicht trainieren müssen. Immer wieder keimt allerdings auch die Frage in mir auf, was mit Kyle passiert ist. Wo er gerade ist, wie es ihm geht. Wieso kann uns niemand sagen, wohin sie ihn gebracht haben und ob es ihm dort gut geht?