Gamma - Vanessa A. Thompson - E-Book

Gamma E-Book

Vanessa A. Thompson

0,0

Beschreibung

GEWINNE DEN KAMPF Die 18-jährige Raell lebt in Precedence, einer Kolonie auf dem Planeten Asa. Als Raell von der rätselhaften Organisation Alpha Precedence entführt wird, weiß sie, dass ihre Zukunft so viel anders wird, als sie sich diese vorgestellt hat. Zur Rekrutin berufen, muss sie Phasen durchlaufen, um Soldatin der Sondereinheit Alpha zu werden. Zusammen mit ihren Gruppenmitgliedern Ivy und Kyle und dem faszinierenden Alec, der ihr Herz höher schlagen lässt, stellt sich Raell mutig der ersten Phase. Wäre da nicht auch ihr unnahbarer Coach Dominic, zu dem sie sich unweigerlich hingezogen fühlt... Zwischen Liebe und Vernunft, Mut und Leichtsinn begibt sich Raell auf einen Weg, der gefährlicher ist, als sie denkt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine Schwester.

Ganz gleich, wie viele Worte ich für meine Bücher aufs Papier bringe; ich könnte niemals in Worte fassen, wie dankbar ich bin, dich zu haben.

Inhaltsverzeichnis

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 1

Meine Mutter sagt, man müsse keine Angst vor Prüfungen haben.

Die größte Prüfung, die wir jeden Tag aufs Neue meistern, sei das Leben selbst.

Ich glaube, ich verstehe den Gedanken hinter ihren Worten. Dass wir alles schaffen können, wenn wir selbst das Leben jeden Tag bewältigen.

Und trotzdem sitze ich hier, mein Bein unaufhörlich am Wippen, und starre Löcher in den Boden. Noch nie in meinem Leben war ich so aufgeregt wie in diesem Moment. In der Umkleidekabine unserer Sporthalle ist es totenstill, aber mein Herz pocht so laut, dass es mir selbst in den Ohren schmerzt. Ich zittere am ganzen Körper und doch schwitzen meine Hände. Ich wische sie immer wieder an meiner Sportleggings ab, aber es hilft nicht. Die Nervosität spüre ich am ganzen Körper.

Als mir meine steife Position endgültig zu viel wird, richte ich mich auf, kreise meine Schultern und neige den Kopf von der einen Seite zur anderen. Mit einem tiefen Atemzug stehe ich auf und gehe in der Kabine auf und ab. Alleine hier zu sein macht es nur noch schlimmer. Wenn wir wenigstens zu zweit oder zu dritt wären, könnte mich eventuell jemand ablenken.

Aber die praktische Prüfung muss ich allein bewältigen.

Und von dieser Prüfung hängt meine Zukunft ab.

Die Worte meiner Mutter, die sie mir heute Morgen beim Frühstück zum Abschied zugesprochen hat, hallen in meinen Ohren wider: Es ist nicht wichtig, wie du in dieser Prüfung abschneidest. Egal, was passiert, ich werde dich immer lieben.

Ich wünschte, sie hätte Recht. Ich wünschte, die Prüfung wäre nicht von Relevanz.

Aber sie ist es.

Nur wenn ich gute Ergebnisse erziele, habe ich die Chance, für Alpha Precedence ausgewählt zu werden. Nur dann habe ich die Chance auf den besten, begehrtesten und erfolgreichsten Beruf, den unsere Stadt zu bieten hat, die ganze Kolonie Precedence zu bieten hat.

Und ich möchte meine Mutter stolz machen und ein Vorbild für meinen Bruder Quinn sein.

Nach den Abschlussklausuren muss jeder Schüler an der praktischen Prüfung teilnehmen. Sie ist die Eintrittskarte für Alpha Precedence und ist von jedem von uns einzeln zu absolvieren. Meine beste Freundin Lucy hat alles schon hinter sich. Sie war heute früh an der Reihe. Mir allerdings ist bereits den ganzen Tag schon angst und bange und ich bin kurz vorm Ausflippen, weil ich fast die Letzte aus unserem Kurs bin. Leider darf Lucy mir nicht erzählen, wie sie abgeschnitten hat.

Die Inhalte der Prüfung sind geheim.

Niemand spricht darüber, weil sie alle einen Verschwiegenheitsvertrag unterschrieben haben. Ich habe keine Ahnung, was gleich auf mich zukommen wird. Das macht die ganze Situation noch schlimmer. Ich konnte mich nicht darauf vorbereiten.

Der einzige Hinweis, den ich habe, ist meine Sportkleidung. Uns wurde vorgeschrieben, bequeme, sportliche Kleidung zu tragen, was mich zum Entschluss kommen lässt, dass es sich auf jeden Fall um aktive und körperlich beanspruchende Aufgaben handelt. Diese Vermutung lindert meine Aufregung ein Stück weit, weil ich im Sportunterricht nie unter fünfundachtzig von hundert Punkten gelandet bin. Ich hoffe, dass ich mit solchen Noten eine gute Chance haben werde.

Denn das Ergebnis der heutigen Prüfung bezieht sich nicht nur auf Alpha Precedence. Sie wirken sich auch die Berufswahl aus, die die Schule für mich treffen wird, sollte ich nicht ausgewählt werden. Daher ist die praktische Prüfung so wichtig. Denn meiner Meinung nach gibt eine körperlich beanspruchende Prüfung einen Einblick in den Charakter eines Menschen, in seine Belastbarkeit, seine Einstellung, seinen Willen. Und all diese Dinge gehören zur Bewertung. Daraus kann man schließen, welcher Beruf zu einem Menschen passt – oder ob er gut genug für Alpha Precedence ist.

Als ich kurz davor bin, auszuflippen, öffnet sich die Tür der Mädchenumkleide. Ich wirbele herum und sehe meinen Sportlehrer Mr Dolton in der Tür stehen. Er lächelt. »Alles klar, Raell. Du bist dran.«

Im ersten Moment denke ich tatsächlich ›Nein‹. Ich fühle mich nicht bereit. Weil ich nicht weiß, was auf mich zukommen wird. Ich führe mir wieder vor Augen, warum ich diese Prüfung heute machen werde. Nicht nur für meine Zukunft, sondern auch die meines Bruders und meiner Mutter. In der Hoffnung, dass wir durch diesen Job bei Alpha Precedence finanziell abgesichert sind. Die genaue Aufgabe, die man dort ausführen muss, war noch nie bekannt. Vor ein paar Jahren hat unsere Stadt Origin plötzlich die praktische Prüfung in den Schulen eingeführt und seitdem finden sie jedes Jahr aufs Neue statt. Beworben wird dieser Job mit hochqualifizierter Arbeit, die die Zukunft von Precedence sichern soll, und mit einem überdurchschnittlichen Gehalt. Seit vor vielen, vielen Jahren die ersten Menschen zum Planeten »Asa« gereist sind, um dort Städte für eine neue Zivilisation zu bauen, hat man den Verfall der Erde von Jahr zu Jahr stärker gesehen. Wir sind schuld daran, dass sie sich selbst zerstört und Milliarden von Menschen das Leben gekostet hat. Auch die jahrzehntelange Vorbereitung einer Umsiedlung konnte die Dezimierung der menschlichen Rasse nicht aufhalten. Mein Urgroßvater war der letzte unserer Generation, der die Erde noch mit eigenen Augen gesehen hat.

Doch die urbane Entwicklung von Asa ist noch lange nicht so weit, um ein Leben auf dem ganzen Planeten gewähren zu können. Stattdessen lebt die Kolonie von Precedence in sieben Städten, die von Schutzsphären umgeben sind, die uns von der Außenwelt abschirmen. Alpha Precedence zielt angeblich auf die Entwicklung und den Fortschritt unserer Kolonie ab – eine Art Umweltorganisation, denken wir.

Natürlich strebt jeder Schüler diesen Job an.

Doch herausragende Leistungen in der praktischen Prüfung sind die Voraussetzung, um ausgesucht zu werden. Also schüttle ich meine negativen Gedanken weg, ignoriere meine Nervosität und straffe die Schultern.

»Ja«, sage ich selbstbewusst. »Ich bin bereit.«

»Dann mir nach, bitte.«

Ich verlasse die Kabine und folge meinem Lehrer den dunklen Flur unserer Sporthalle entlang. Sein Tablet, das er im Arm hält, hat er nicht gesperrt und ich erhasche einen Blick auf eine Namensliste. Hinter einigen Namen erkenne ich grüne Haken, die meiner Vermutung nach zu bedeuten haben, dass diese Person die Prüfung bereits absolviert hat. Der Gedanke, dass mein Name noch keinen Haken hat, steigert meine Aufregung abermals.

Alles hängt von dieser einen Prüfung ab.

Ich muss einfach gut sein.

»Hier entlang bitte«, sagt Mr Dolton plötzlich und bleibt stehen. Beinahe wäre ich mit ihm zusammengestoßen, weil ich so tief in meinen Gedanken versunken war. Wir stehen vor der Tür des Sanitätsraums, in dem mein Lehrer mich mit einer Armbewegung hineinbittet. In dem Raum ist der Blick in die Sporthalle mit Jalousien verdeckt und nur eine mickrige Lampe spendet ein wenig Licht. Eine Frau und ein Mann sitzen hinter einem kleinen, quadratischen Tisch, ihnen gegenüber ein noch freier Platz. Der Raum ist so klein, dass er durch den Tisch, der eindeutig nicht zur Einrichtung gehört, komplett ausgefüllt wird. Der Mann und die Frau stehen auf, als ich mich unschlüssig hinter den freien Stuhl stelle.

»Ms Vantrino«, begrüßt die Frau mich und nickt. »Mein Name ist Allison Laparter. Mein Partner Mr Kensignton und ich sind Beauftragte vom Alpha Precedence und führen die heutige Prüfung mit Ihnen durch. Bitte setzen Sie doch.« Die dunkelhäutige Frau, die ihre Haare zu einem strengen Dutt zurückgesteckt hat, trägt einen schwarzen Jumpsuit, auf dem ich das Logo von Precedence erkenne. Ein aufsteigender Phönix. Eigentlich jede Arbeitskleidung in Origin ist mit diesem Logo bedruckt. Es soll uns ein Einheitsgefühl geben. Daher wundert es mich nicht, dass auch das Alpha Precedence mit dem Logo bestückt ist. Der Jumpsuit steht der Frau eindeutig besser als dem Mann, dessen wasserstoffblonde Haare einen starken Kontrast zu dem dunklen Anzug darstellen. Er nickt mir freundlich zu, worauf ich nur mit einem zaghaften Lächeln antworte. Mein Herz pulsiert immer noch lautstark in meiner Brust und es ist mir beinahe unangenehm, weil ich Angst habe, sie könnten meinen Herzschlag ebenfalls spüren. Ich lasse mich auf dem freien Platz nieder und falte die Hände in meinem Schoß. In der ganzen Halle ist es still und der Raum ist eng und miefig. Das schummrige Licht über uns und die derzeitige Sitzordnung geben mir das Gefühl, in einem Verhör zu sitzen. Als wäre ich eine angeklagte Verbrecherin. Ms Laparter legt ein Tablet auf den Tisch und dreht es in meine Richtung.

»Ms Vantrino. Durch Ihre Teilnahme an der praktischen Prüfung muss ich Sie über einige Bedingungen in Kenntnis setzen. Können Sie uns versichern, dass Sie bei vollem Bewusstsein sind und die Bedingungen des folgenden Vertrages aus eigenem Verständnisvermögen heraus aufnehmen können, um sie in Zukunft anzuwenden?«

Ich bin so überwältigt von ihrer plötzlichen Förmlichkeit, dass ich im ersten Moment kein Wort herausbekomme. Ich sehe sie nur perplex an und versuche, ihre Frage zu verarbeiten.

»Ms Vantrino?« Ich schüttle einmal unauffällig mit dem Kopf, um wieder zurück in die Realität zu gelangen.

Ich räuspere mich. »Ja.«

Ms Laparter nickt und startet das Tablet. Sie öffnet eine Datei, die mir ganz nach dem Vertrag aussieht. Sie faltet die Hände und sieht mich an.

»Ms Vantrino. Die einzelnen Bestandteile der praktischen Prüfung sind Eigentum unserer Organisation. Um eine faire Prüfung gewährleisten zu können, müssen die Aufgaben der praktischen Prüfung geheim gehalten werden. Als Schülerin dieser Stadt sind sie dazu verpflichtet. Jeglicher Austausch über die Prüfung wird geahndet.«

Natürlich wusste ich schon, dass das Ausplaudern über die Prüfung bestraft wird, aber es aus ihrem Mund zu hören, gibt dem Ganzen eine noch viel größere Bedeutung. Sie wirkt so seriös, während sie spricht, dass mir erst jetzt bewusst wird, wie ernst die Lage wirklich ist.

»Als Vertragspartner sind wir dazu verpflichtet, sie über die Konsequenzen zu informieren, die Ihnen drohen, sollten Sie sich vertragswidrig verhalten«, fährt Mr Kensignton fort. Das förmliche Gerede überfordert mich. Es versprüht ein unangenehmes Gefühl, als säße ich wirklich in einem Verhör und müsste einen Eid leisten. »Wie auch bei gesetzeswidrigen Taten wird die Bestrafung anhand des Ausmaßes gemessen. Diese Bestrafungen reichen von Gegradierung bis zur Verbannung.«

Verbannung?

Man wird aus der Stadt verbannt, nur weil man etwas über seine Abschlussprüfung erzählt hat? Wie können sie so etwas rechtfertigen?

»Ich hoffe, Sie sind sich dieser Konsequenzen bewusst.« Den Nachdruck seiner Worte kann ich am ganzen Körper spüren. Plötzlich kommt mir dieser Raum noch unheimlicher vor als zu Anfang. Es tummeln sich so viele Fragen in meinem Kopf, die mir alle nicht beantwortet werden können.

»Sie müssen nun diesen Vertrag unterzeichnen, um ihn rechtsgültig zu machen.« Ms Laparter schiebt das Tablet über den Tisch und hält mir den dazugehörigen Stift hin.

Unten rechts auf der Seite der Datei ist eine Linie, auf die ich unterzeichnen muss. Ich nehme den Stift und will schon unterschreiben, als ich kurzerhand innehalte. Ich sehe zu den Beiden auf, aber sie scheinen von meinem Zögern völlig unbeeindruckt.

»Was ist, wenn ich mich weigere, zu unterschreiben?«, frage ich. Hier war meine Neugier eindeutig schneller als mein Verstand. Ich hätte diese Frage besser für mich behalten. Ich sollte die Seriosität dieser Versammlung nicht in Frage stellen. Aber sie sagten ja, sie würden mich über die Konsequenzen aufklären. Warum dann nicht auch über die Konsequenz, mit der ich zu rechnen habe, wenn ich nicht unterschreibe?

»Die praktische Prüfung ist eine genehmigte Pflichtveranstaltung für die Abschlussjahrgänge aller Schulen. Wenn Sie den Vertrag nicht unterschreiben, wird Ihr Schulabschluss mit ›nicht bestanden‹ eingetragen«, antwortet sie.

Mehr muss sie gar nicht sagen, um mich dazu zu bringen, dass ich diesen Vertrag unterschreibe. Wer seinen Schulabschluss nicht besteht, hat kein Anrecht darauf, einem Beruf zugeordnet zu werden. Und wer keinen Beruf ausübt, wird aus der Stadt verbannt. Mir bleibt also keine andere Wahl, als zu unterschreiben.

Deswegen haben sie sich sicher auch keine Sorgen gemacht, als ich gezögert habe. Weil sie wussten, dass ich unterschreiben würde.

Weil jeder diesen Vertrag unterschreibt.

Denn keiner weiß, wie es außerhalb unserer Stadt aussieht.

Denn diejenigen, die bisher verbannt wurden, kamen nie zurück.

»Vielen Dank.«

Ich schiebe das Tablet wieder zu Ms Laparter und reiche ihr den Stift. Sie tippt ein paar Mal darauf herum und sieht dann zu mir auf.

»Die Prüfung kann dann beginnen. Bitte folgen Sie uns in die Sporthalle.« Ich lasse den beiden Beauftragten den Vortritt und folge ihnen stumm. Meine Hände sind so sehr am Schwitzen, dass ich sie mehrmals an meiner Sporthose abwische.

Jetzt geht es also los.

Der wahrscheinlich wichtigste Moment in meinem Leben ist gekommen.

Mein Sportlehrer schenkt mir ein zuversichtliches Lächeln, aber ich bin viel zu nervös, um in irgendeiner Weise darauf reagieren zu können. Ich weiß, dass er nicht mit dabei sein wird, während ich meine Prüfung ablege. Er achtet darauf, dass der Schüler nach mir nicht frühzeitig die Halle betritt.

In bin so tief in meinen Gedanken versunken, die sich hauptsächlich um die nächsten Stunden drehen, dass ich alles andere ausblende. Nur ganz am Rande höre ich, wie mein Lehrer mir viel Erfolg wünscht. Wie von alleine folgen meine Beine den beiden Beauftragten durch den dunklen Flur. Ich kneife die Augen zusammen, als Mr Kensington die Tür zur Halle aufstemmt und grelles Licht meine Augen trifft. Er hält uns allen die Tür auf und ich trete hinter Ms Laparter in die Halle.

Der Anblick lässt mich die Luft anhalten.

Ach Herr je. Was ist das?

Es sieht aus, als wären wir beim Survival Training.

Was mir als Erstes ins Auge springt, ist der Hindernisparcours, der fast die ganze Halle ausfüllt. Manche Hindernisse sind so hoch, dass ich kaum auf die andere Seite sehen kann. Aber je länger ich alles betrachte, desto deutlicher wird, dass es sich um verschiedene Stationen handeln muss.

Was haben sie mit uns vor?

»Die heutige Prüfung wird in vier Stationen aufgeteilt, in denen unterschiedliche Fähigkeiten von Ihnen getestet werden.« Ms Laparter dreht sich zu mir um, das Tablet hält sie an ihre Brust gepresst. »Dazu zählen Ausdauer, Reaktionsvermögen, Kraft und Präzision.« Wozu zum Teufel müssen sie uns in diesen Disziplinen testen?

Gut, Präzision und Reaktionsvermögen klingt noch ganz plausibel, aber Kraft und Ausdauer? Wozu brauchen wir bei Alpha Precedence diese Stärken?

Die Wahrheit hinter der praktischen Prüfung zu sehen, verändert meine Sicht darauf komplett. Plötzlich frage ich mich ernsthaft, welche Aufgabe es für uns bereithält? Ist es wirklich so besonders, wie sie immer sagen?

Was steckt wirklich hinter Alpha Precedence?

»Station eins sehen Sie bereits vor sich. Es ist ein Hindernislauf, bei dem Ihre Ausdauer getestet wird. Station zwei der Prüfung ist ein Reaktionsspiel. Hierbei soll die Leistungsfähigkeit Ihres Gehirns getestet werden, also Ihr geistiges Reaktionsvermögen. Station drei ist eine Kletterübung, indem hauptsächlich die Kraft eine Rolle spielt. Station vier bezieht sich auf die Präzision. Durch Zielübungen testen wir die Lernfähigkeit Ihres Gehirns.« Ms Laparter nimmt das Tablet und tippt darauf herum. Dann sieht sie wieder zu mir. »Für jede Station können Sie eine Höchstpunktzahl von fünfundzwanzig Punkten erreichen. Somit ist das beste Ergebnis hundert Punkte. Es ist Ihnen überlassen, mit welcher Station Sie beginnen.«

Die zwei sehen mich erwartungsvoll an. Dieser Informationsfluss überfordert mich. Für keine der Stationen fühle ich mich bereit. Mir ist kalt, mein Körper zittert und meine Hände schwitzen immer noch. Ich habe mir nie richtig etwas unter dieser Prüfung vorgestellt, aber mit so etwas hätte ich definitiv nicht gerechnet.

Hilfesuchend sehe ich mich in der Halle um, als würde die Antwort hier irgendwo geschrieben stehen. Aber natürlich sehe ich keine Lösung. Die Stille wird mir unangenehm und mein Herz pumpt lautstark in meiner Brust.

»Ms Vantrino?« Ms Laparter sieht mich ungeduldig an. »Womit möchten Sie anfangen?«

KAPITEL 2

»Station vier«, platze ich ahnungslos heraus. Ich fühle mich so benebelt, dass ich mich gar nicht erinnern kann, welche Station das war. Aber ich bleibe nicht lang im Ungewissen.

»Die Zielübungen. Gern. Hier entlang.« Ms Laparter schreitet voraus und ich folge ihr mit schweren, unsicheren Schritten. Präzision als Erstes? Ob das eine gute Idee war, Raell? Ms Laparter führt uns in eine Ecke der Sporthalle. An der Wand steht eine Zielscheibe. Das Rot der Linien brennt in meinen Augen. Wir bleiben ein paar Meter entfernt neben einem Tisch stehen, auf dem drei Messer liegen.

»Ihre Aufgabe ist es, mit diesen Messern auf die Zielscheibe zu werfen.« Ms Laparter nickt mit ihrem Kopf Richtung Tisch. »Es handelt sich hierbei um technolgische Messer. Sie verfügen, wie auch die Zielscheibe, über magnetische Fähigkeiten. Die integrierte Software kann Ihre Treffer automatisch berechnen und sendet mir die Daten auf mein Tablet. Hintergrund dieser Übung ist es, dass wir auswerten möchten, mit welcher Präzision Ihr Gehirn arbeitet und dem Körper Anweisungen gibt und inwiefern es lernen kann, Ihre Präzisionsfähigkeit von Wurf zu Wurf zu optimieren.«

Ich habe noch nie in meinem Leben ein Messer geworfen. Wieso auch? Bisher habe ich nur einmal an einem Familienabend in Henry’s Bar mit ein paar Pfeilen auf eine Dartscheibe gezielt. Jedoch bezweifle ich, dass man Dartspielen mit Messerwerfen vergleichen kann. Aber vielleicht kann ich einige Tipps, die mein Bruder mir gegeben hat, anwenden. Große Unterschiede wird es dabei bestimmt nicht geben.

Hoffentlich…

»Bevor Sie beginnen, sei noch gesagt, dass die ersten drei Würfe auch Ihre letzten drei sind. Es gibt keine Probewürfe.« Mr Kensignton hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sich neben Ms Laparter postiert. »Für die Datensammlung werden wir Ihnen Elektroden an den Schläfen anbringen. Keine Sorge, sie werden Sie bei den Aufgaben nicht beeinträchtigen.« Mr Kensignton holt zwei kleine weiße Elektroden aus einem Kästchen und bringt sie an meinem Kopf an. Im ersten Moment zwicken sie ein wenig, aber je länger ich sie trage, desto unauffälliger werden sie. »Die Daten, die die Elektroden sammeln, werden an das Tablet gesendet und gespeichert. Viel Erfolg.«

Ich kann nur nicken, denn plötzlich überkommt mich ein Schauder der Nervosität. Ich wische meine Hände an meiner Sporthose ab, obwohl es nichts nützt, und nehme zögerlich alle Messer in die Hand. Dann stelle ich mich in einem Ausfallschritt Richtung Zielscheibe und nehme das erste Messer. Ich wende es ein paar Mal in meiner Hand, um mich an Gewicht und Passform zu gewöhnen. Dann richte ich mich auf, begutachte die Zielscheibe, die Größe, die Entfernung und nehme einen tiefen Atemzug.

Einen kurzen Moment schließe ich die Augen und rufe mir die Worte meines Bruders wieder ins Gedächtnis.

Du hast nur drei Würfe, Raell. Konzentrier dich.

Dann öffne ich die Augen, peile die Zielscheibe an und werfe.

Das Erste, was ich sehe, lässt mich aufatmen. Ich habe getroffen.

Ein zweiter Blick verrät mir, dass mein Wurf leider dennoch weit von der Mitte entfernt ist. Die Höhe des Messers zeigt, dass ich zu tief angepeilt habe. Die Stille in der Halle ist kaum auszuhalten. Meine zwei Prüfer sagen kein Wort zu meinem ersten Wurf. Ich spüre ihre Blicke am ganzen Körper.

Kopfschüttelnd nehme ich das zweite Messer und versuche, die Mitte anzupeilen. Lass dich von nichts ablenken, Raell!

Mit einer nicht mehr so steifen Wurfhand befördere ich das zweite Messer zur Zielscheibe. Es landet irgendwo über der Mitte, aber ich kann nicht sagen, welche Punktzahl es sein könnte.

Gelerntes umsetzen, schwirrt es in meinem Kopf umher, während ich das dritte Messer in die Hand nehme. Mein Herz rast und meine Hände sind nass, aber ich habe keine Wahl. Es wird Zeit für den dritten Wurf. Ein letztes Mal konzentriere ich mich, visiere mein Ziel an und schmeiße das Messer so elegant und kraftvoll wie möglich Richtung Zielscheibe.

Und das Messer landet irgendwo an der Mitte.

»Prima, ich habe Ihre Daten. Glückwunsch, die erste Station haben Sie geschafft.« Das Herz rutscht mir in die Hose und ich seufze erleichtert auf. So schlimm war es doch gar nicht! Ich wende mich den Beauftragten zu und studiere ihre Gesichter. Aber ich kann keinen Hinweis darauf entdecken, wie ich mit meinen Würfen abgeschnitten habe.

»Welche Station möchten Sie als Nächstes angehen?«, fragt Mr Kensington, nachdem er die Messer von der Zielscheibe entfernt hat und wieder zu uns gestoßen ist.

»Die Kletterübung«, sage ich, weil ich die Nummer nicht mehr weiß. Es ist besser, wenn ich zwischen den zwei körperlich anstrengenden Stationen eine Pause einlege. Ich glaube nämlich, dass die Kletterübung anstrengender sein wird, als das Reaktionsspiel. In der anderen Ecke der Halle ist ein Bildschirm aufgebaut, an dem ich möglicherweise das Spiel absolvieren muss. Daher entscheide ich mich zuerst für die Kletterübung.

Zusammen mit meinen Prüfern laufen wir zu der Kletterwand, die in unserer Sporthalle integriert ist. In der ganzen Stadt gibt es nur noch eine einzige Kletterhalle, in der Lucy und ich ab und zu waren, als wir noch kleiner waren. Ich weiß noch, dass mir das Klettern viel Spaß bereitet hat. Und ich war gut. Ich erinnere mich an einen der Trainer, die einen an den Kletterwänden zur Seite standen. Sein Name war Bill. Er war derjenige gewesen, der mich jedes Mal gelobt hatte, wenn ich die Kletterwand in einer neuen Rekordzeit emporgestiegen bin. Seine Worte hallen in einem Gedächtnis wider und geben mir ein Gefühl der Unbeschwertheit. Klettern dürfte keine Schwierigkeit sein.

Aber der Anblick der Kletterwand in unserer Sporthalle bereitet mir ein mulmiges Gefühl im Bauch. Das Tolle an dieser Kletterwand ist, dass ihre Klettergriffe austauschbar sind. Aber diese Anordnung kommt mir überhaupt nicht bekannt vor. Sie ist einige Meter höher und sieht um einiges schwerer aus.

»Ihre Aufgabe ist es, die Kletterwand so schnell wie möglich zu bestreiten und den roten Knopf zu betätigen, damit die Zeit angehalten wird«, beginnt Ms Laparter. »Wie bei der Station zuvor geht es hier darum, herauszufinden, wie schnell Ihr Gehirn das, was es sieht, verarbeitet und dementsprechend handelt. Die Zeit, die Sie benötigen, um oben anzukommen, spielt daher eine entscheidende Rolle. Fallen Sie, beginnen Sie von neuem, und zwar vom Boden. Die Zeit wird nicht gestoppt.« Bei dem Gedanken, dass dies erst die zweite Station von vier ist, beschleunigt sich mein Puls und mein Körper spannt sich an. Aber genau das darf jetzt nicht passieren. Ich darf nur an die derzeitige Situation denken!

Wie schaffe ich es, sinnvoll diese Wand emporzusteigen, ohne herunter zu fallen?

Ich muss mir vorher den Weg suchen, den ich klettern will.

Während Mr Kensignton mir hilft, die Sicherheitsgurte anzulegen, inspiziere ich die Klettergriffe und versuche, eine Grifffolge zu finden, die mich schnell und sicher ans Ziel bringt. Ich nutze all meine Erfahrungen aus der Kletterhalle und betrachte die Griffe, die mal kleiner mal größer ausfallen. Auf dem ersten Blick bemerke ich, dass ich nicht um die kleinen Griffe drum herum kommen werde, aber der Weg über die linke Seite scheint mir am sinnvollsten.

Gerade als ich diese Entscheidung getroffen habe, fragt Ms Laparter: »Wenn Sie so weit sind, können wir anfangen.«

»Ja«, sage ich überzeugt. »Ich bin so weit.«

»Der Start beginnt in drei, zwei, eins, los.«

Anstatt wie wild los zu klettern, sehe ich die Wand empor. Die Zeit läuft, ich spüre das Ticken der Uhr am ganzen Körper, mein Herz scheint im selben Takt zu schlagen.

Über die linke Seite, etwa in der Mitte muss ich die Seite wechseln, dabei müssen meine Hand den grünen Griff und mein Fuß den roten Griff fassen, dann über die rechte Seite. Die rechte Hand greift den blauen Griff, mit der linken den roten Knopf drücken.

Das ist mein Weg.

Ohne groß darüber nachzudenken, sprinte ich auf die Wand zu und packe die ersten Griffe. Ich ziehe mich hoch, greife um, konzentriere mich ganz auf die bunten Griffe, meine Schritte sind schnell und perfekt gesetzt. Meine Hände und Füße scheinen genau zu wissen, was ihr nächster Schritt ist. Als ich die Mitte erreiche, spüre ich bereits wie sehr meine Muskeln beansprucht werden. Schweiß sammelt sich auf meiner Stirn, Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Ich wechsle elegant die Seite, grüner und roter Griff, und klettere auf der rechten Seite weiter in die Höhe. Ich habe den roten Knopf bereits im Visier, ich bin gierig danach, ihn zu drücken.

Und dann rutsche ich ab.

Aus Panik packe ich einen willkürlichen Griff, der mir am nahesten erscheint, und halte inne.

Ich kann mich noch rechtzeitig fangen.

Doch dieser Fehler hat mir bestimmt einige Sekunden gekostet. Schnell visiere ich die richtigen Griffe an, ziehe mich mit all meiner Kraft in die Höhe und haue – vielleicht etwas zu fest – auf den roten Knopf.

Einen tiefen Luftzug nehmend lasse ich mich mithilfe der Bänder wieder zu Boden gleiten. Mr Kensington hilft mir aus dem Wirrwarr des Sicherungsgurtes, während Ms Laparter wieder meine Daten auf dem Tablet zu speichern scheint.

»Sehr gut. Die Hälfte haben Sie geschafft. Mit welcher Station möchten Sie fortfahren?« Ich fühle mich wie bei einem Marathonlauf. Die Beauftragten geben mir kaum Zeit, zwischen den Stationen Luft zu holen. Nur eine Flasche Wasser bietet Mr Kensignton mir an, während wir zur nächsten Station gehen, die ich mir ausgesucht habe. Ich nehme die Flasche dankend an und trinke einen großen Schluck. Ich versuche, meinen hektischen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen, um mit voller Konzentration an die nächste Übung gehen zu können.

»Bei Station zwei geht es darum, Ihr Reaktionsvermögen zu testen«, beginnt Ms Laparter wieder. »Wir wollen wissen, wie schnell Ihre Sinne und Nerven arbeiten, wie gut Ihr Gehirn funktioniert. Dafür werden Sie, der Reihe nach, ein Spiel an diesem Bildschirm spielen, bei dem es um Schnelligkeit geht. Wir werden es kurz demonstrieren.« Ms Kensignton zeigt, dass das Spiel eine Art Memory ist. Nur sind die ›Spielkarten‹ von Anfang an aufgedeckt und das Spielblatt ändert sich von Spielzug zu Spielzug. Schwer klingt es nicht, nur weiß ich nicht, wie gut ich wirklich in diesem Spiel sein werde. Das wird sich zeigen.

»Wozu brauchen Sie die Daten, die Sie hier von mir sammeln?«, frage ich, um ein bisschen Zeit zu schinden. Meine Arme sind noch leicht am Zittern nach der Anstrengung an der Kletterwand, deshalb möchte ich ihnen noch eine kurze Ruhepause gönnen.

Ms Laparter wirkt überrascht von meiner Frage. »Wir schließen daraus, ob Sie sich für Alpha Precedence eignen.«

»Welche Voraussetzungen muss man denn erfüllen, um ausgesucht zu werden? Ich meine, was bringen Ihnen die Daten über mein Gehirn? Geht es nicht um den Ausbau und die Entwicklung von Precedence?«, frage ich weiter. Jedoch glaube ich, dass Ms Laparter meine Fragen überhaupt nicht gefallen. Ich sehe ihr an, dass sie versucht, ein neutrales Gesicht zu behalten. Ihre dunklen Augen fixieren mich und sie seufzt.

»Die Arbeit von Alpha Precedence ist geheim. Sollten Sie sich dafür eignen, werden Sie früh genug darüber unterrichtet, welche Aufgabe Sie dort haben werden.«

»Aber wieso...«

»Wir sollten mit der Prüfung fortfahren. Wir haben noch weitere Teilnehmer nach Ihnen«, unterbricht Ms Laparter mich mit einem strengen Blick. Ich gebe mich geschlagen und stelle mich vor den Bildschirm.

Sofort beginnt ein Countdown und deutet den Start des Spiels an.

Konzentrier dich auf die Prüfung, Raell. Dann wirst du ausgewählt und kriegst deine Antworten.

Mein Puls ist plötzlich wieder auf hundertachtzig und überrumpelt mich damit vollkommen. Meine Hände beginnen zu zittern und ich werde unruhig, unkonzentriert. Bevor ich beginne, schließe ich kurz die Augen und atme ruhig ein und aus. Wenn ich nicht ruhig bin, kann ich nicht arbeiten. Ich warte so lang ab, bis ich überzeugt davon bin, dass ich beginnen kann. Obwohl mir das eine Menge Zeit kostet. Aber ich will keine Fehler machen.

Mit pochendem Herzen beobachte ich die ersten Symbole.

Zwei Sterne. Ich tippe sie an und drücke ›Bestätigen‹.

Richtig, nächstes Blatt. Meine Augen schwirren umher als wären sie wild geworden.

Zwei Kreuze. Ich tippe sie an und bestätige.

Neues Blatt. Es sind mehr Symbole als bei den vorherigen zwei. Meine Hände zittern wie wild und panisch suche ich zwei gleiche Bilder. Da! Oben links und oben rechts. Zwei Herzen.

Dann zwei Kreise.

Ich bleibe konzentriert und völlig in meinem Element. Irgendwann habe ich mich an den Druck gewöhnt und kann kontrolliert und präzise arbeiten.

Immer mehr Bilder und neue Symbole tauchen auf und wollen mich verwirren, aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Zwei Tropfen, zwei Blätter, zwei Dreiecke. So schnell meine Nerven es zulassen, rase ich durch das Reaktionsspiel. Das nächste Blatt ist gemein: Keine Farben mehr, alles schwarz weiß. Die Symbole werden im selben Stil angezeigt. Das Bild verschwimmt vor meinen Augen und ich sehe nur noch schwarze Linien. Ich weiche einen Schritt zurück, zwinkere mit den Augen und versuche einen klaren Blick zu ergattern. Erst nach mehreren Sekunden entdecke ich zweimal das Gleiche. Drei geschwungene Linien untereinander, als würden sie eine Welle darstellen. Schnell tippe ich sie an und drücke ›Bestätigen‹.

Ende. Spiel abgeschlossen.

Erleichtert atme ich auf. Die dritte Station geschafft.

Während wir zum Start des Hindernislaufes gehen, denke ich weiter über den Sinn und Zweck dieser Prüfung nach. Niemand weiß so recht, was sich hinter dieser geheimen Umweltorganisation wirklich versteckt. In unserer Straße wurde ein Junge mal ausgesucht. Seine Eltern haben nicht viel darüber erzählt, was an dem Tag wirklich passiert ist, als sie erfahren haben, dass ihr Sohn ausgesucht wurde. Man sagt, die Eltern hätten eine Nachricht bekommen, dass ihre Kinder für das sogenannte ›Projekt Alpha Precedence‹ ausgewählt wurden; aufgrund herausragender Leistungen. Niemand weiß, was mit diesen Auserwählten passiert ist. Ich kann verstehen, dass sie nicht gern darüber reden möchten, wenn sie selbst nicht wissen, was mit ihrem Kind passiert ist. Man sagt, diese Kinder wären für Höheres bestimmt und bekämen eine Aufgabe, die von großer Bedeutung für uns alle sei.

Was auch immer das heißen mag.

Wir wissen nicht, ob sich diese Schüler noch in der Stadt befinden oder nicht. Es ist uns eigentlich verboten, die Stadt zu verlassen. Zu unserer eigenen Sicherheit.

Wenn diese Schüler wirklich nicht mehr in der Stadt sein sollten, was haben sie dann wohl dort draußen gesehen?

Diese Prüfung, die mir wie ein Survival Training vorkommt, gibt mir plötzlich ein schreckliches und ungutes Gefühl. Alpha Precedence wird so in unserer Stadt angepriesen, dass ich es nie angezweifelt habe, auch ausgewählt werden zu wollen. Aber nach dem Stand meines Wissens und dieser Prüfung ...

Will ich das wirklich immer noch?

KAPITEL 3

Die letzten Jahre war ich mir sicher, dass ich auch ausgesucht werden muss. Ich wollte beweisen, dass ich genauso gut bin wie die Schüler vor mir, die es bereits geschafft haben. Dass Alpha Precedence etwas Geheimes war, hat nicht gestört, es hat dazu angeregt, Teil davon zu werden. In dem Glauben, etwas Gutes für unsere Kolonie tun zu können. Und finanziell für die gesamte Familie ausgesorgt zu haben.

Seit mein Vater uns verlassen hat, sorgt meine Mutter allein für uns. Das Geld ist mit den Jahren immer knapper geworden. Auch wenn ich noch klein war, habe ich es dennoch mitbekommen, dass sich unser Leben verändert hat. Wir sind nicht arm, aber das Geld, das Alpha Precedence verspricht, würde uns guttun.

Doch vor allem die letzte Station lässt mich zweifeln. Wofür lasse ich mich hier wirklich testen?

»An der letzten Station, die Sie heute bestreiten werden, müssen Sie einen Hindernisparcours absolvieren. Wir werden dabei die Zeit messen. Wenn Sie ein Hindernis nicht schaffen und zum Beispiel bei einer Balanceübung fallen, müssen Sie das Hindernis noch einmal überwinden. Am Ende des Parcours drücken Sie bitte wieder den roten Knopf auf der Säule, die im Ziel aufgestellt ist.« Ms Laparter und Mr Kensignton bleiben mit mir an Start des Parcours stehen.

»Und welche Daten sammeln Sie hier von mir?«, frage ich, dieses Mal wirklich aus Neugier.

Ms Laparter scheint das aber gar nicht zu passen. Sie presst die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen und sieht mich verkniffen an. »Wie schon an den Stationen zuvor, sammeln wir Daten über Ihre Gehirnaktivität. Die Art, wie es Herausforderungen angeht.«

»Wofür spielt bei einer Umweltorganisation die Gehirnaktivität eine Rolle?«, versuche ich es erneut.

»Ihr Interesse an Alpha Precedence ist bemerkenswert, aber solange Sie nicht ausgesucht wurden, sind diese Informationen geheim. Ich würde Sie bitte, nun die letzte Station zu absolvieren.« Trotz meines nervigen Verhaltens bleibt Ms Laparter ruhig und freundlich. Aber es stört mich trotzdem, dass ich nichts aus ihr herausbekomme. Welchen Hintergedanken verfolgen sie? Was sagen die Ergebnisse dieser Prüfung über mich aus? Welche Faktoren spielen eine Rolle, um teilnehmen zu dürfen? Was verschweigt uns die Schule, die Organisation, die Menschen, die sich das ausgedacht haben? Und was ist mit den Schülern passiert, die ausgesucht wurden?

Mit Millionen Fragen im Kopf, die ich mir vorher nicht gestellt habe, begebe ich mich zur Startmarkierung. Für den Parcours wurde extra eine Bahn angelegt, die mit der grauen Erde, die ganz Asa bedeckt, gefüllt wurde. Die Bahn hat eine Kurve am anderen Ende der Sporthalle und führt dann wieder bis hier zurück. So viel Aufwand, für was?

Der Inhalt dieser Prüfung hat alles, an das ich früher geglaubt habe, in Frage gestellt. Ich sah eine Chance in Alpha Precedence, jetzt sehe ich nur noch Geheimnisse, die zum Fürchten sind.

»Start in drei, zwei, eins, los.«

Als das Signal ertönt, denke ich nicht lang darüber nach und sprinte los. Mein Puls beschleunigt sich schlagartig. Das erste Hindernis ist nicht hoch, sodass ich mich mit der rechten Hand darauf abstütze und seitwärts darüber springe.

Ein Hindernis geschafft von… wie vielen?

Unwichtig. Weiter.

Das nächste Hindernis ist kein Hindernis an sich, sondern ein kurzer Tunnel, durch den man krabbeln soll. Auch keine Schwierigkeit. Es ist zwar dunkel und stickig, aber ich winde mich, so schnell ich kann, hindurch und bin schneller auf der anderen Seite als gedacht.

Das nächste Hindernis ist bereits höher, sodass ich nicht einfach darüber springen kann. Große Menschen können das, aber nicht ich. Stattdessen drücke ich mich mit beiden Händen hoch, knie mich auf die nachgestellte Mauer und springe auf der anderen Seite herunter.

Als Nächstes balanciere ich über einen dünnen Holzbalken. Meine zitternden Beine bringen mich beinahe zum Fall in ein Loch voll mit Matsch, aber ich kann mich gerade noch fangen. Ich beschließe, kurz stehen zu bleiben, und meine Balance wiederzufinden. Es ist zwar wertvolle Zeit, die mir verloren geht, aber besser so, als wieder von vorn anfangen zu müssen. Mein Blut rauscht in meinen Ohren. Vorsichtig laufe ich weiter und lande sicher auf der anderen Seite des Balkens. Schnell renne ich weiter, bleibe aber gerade rechtzeitig noch stehen.

Sonst wäre ich geradewegs in ein künstlich angelegtes Sumpfloch getreten.

Vor mir baut sich ein längeres Loch mit Matsch auf, in dem kleine Steine gelegt wurden, um es überwinden zu können. Dann springe ich auf den ersten Stein. Mit jedem Sprung wird der Abstand der Steine größer und richtig fest liegen die mickrigen Steine auch nicht. Mein Herz schlägt so laut, dass es noch hunderte Kilometer entfernt hörbar sein muss. Ich springe galant von einem zum nächsten Stein, warte geduldig ab, bis ich mich wieder gefangen habe und springe dann weiter. Aber ich habe bereits zu viel Zeit verloren. Ich muss mich ranhalten.

Nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, renne ich schnell weiter. Ich atme bereits schwer, aber meine Konzentration ist ganz den Hindernissen gewidmet. Als Nächstes erwartet mich eine hohe Holzwand, abgerundet, sodass ich schneller werde und mit großen Schritten versuche, so hochzukommen, wie es geht. Bevor ich wieder herunter segele, greife ich mit beiden Händen die Kante. Meine Arme zittern und meine Finger sind rutschig, aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Ich sammele meine Kräfte und ziehe mich auf die Plattform. Auf der Rückseite der Holzwand wurde ein Netz angebracht, das als Leiter dienen soll, um wieder herunter zu gelangen.

Zeit.

Das Wort brennt sich in mein Gehirn. Ich habe keine Zeit. Nicht dafür.

Ohne darüber nachzudenken springe ich. Mehrere Meter trennen mich vom Boden, aber in diesem Moment ist es mir gleich. Adrenalin nimmt meinen Körper und meinen Verstand ein und bewegt mich dazu, einfach zu springen. Ein Kribbeln durchfährt mich während des Sprungs, aber ich bereite mich bereits auf die Landung vor, um mich geschmeidig abzufangen.

In wenigen Sekunden bin ich wieder auf den Füßen und sprinte weiter. Als Nächstes muss ich eine Steinmauer hinaufklettern, was sich als sehr kniffelig darstellt. Die Rillen, die man für Hände und Füße nutzen kann, sind sehr eng. Ganz anders als an der Kletterwand. Ich atme stockend. Mein Körper zittert. Schnell aber gründlich suche ich nach guten Haltemöglichkeiten und ziehe mich Stück für Stück in die Höhe. Oben angekommen, erwartet mich eine neue Herausforderung.

Einfach herunterspringen, ist nämlich nicht.

Vor der Steinmauer befindet sich ein großes Wasserloch und wenn ich nicht baden gehen und Zeit verlieren möchte, muss ich einen weiten Sprung schaffen. Ich stelle meinen rechten Fuß nach vorn an die Kante, den linken zurück, gehe etwas in die Knie, hole tief Luft und drücke mich ab. Ich habe keine Zeit, mir irgendwelche klugen Pläne bereitzulegen. Ich wedle wild mit Armen und Beinen in der Luft, während ich über das Wasserloch fliege. Ich sehe mich bereits trocken auf der anderen Seite, als ich mit den Füßen aufkomme und… abrutsche.

Ich versuche panisch, in der nassen Erde Halt zu finden, während meine Beine immer weiter ins Wasser gleiten. Es ist eiskalt, aber mein Adrenalin, meine Panik und mein bebendes Herz übertönen alles. Viel zu spät finde ich den herbeigesehnten Halt und hieve mich aus dem Wasser.

Ich mobilisiere den letzten Rest an Energie und sprinte wieder los. Vor mir liegen nur ein paar umgekippte Fässer im Weg. Ich werde immer schwächer und mein Atmen gleicht nur noch einem Hecheln. Ich schlucke schwer, um meine trockene Kehle zu befeuchten, und überwinde dann mit lockeren Sprüngen die Fässer.

Das Ziel!

Ich habe noch ein einziges Hindernis vor mir und wenn ich nicht aufpasse, stoße ich mir den Kopf. Ich quäle mich schwer atmend zwischen zwei waagerechten Stangen hindurch und stolpere beinahe, als ich mein zweites Bein hindurchziehe. Elegant drehe ich mich und renne. Das Ziel vor Augen sprinte ich auf den roten Knopf zu. Nicht mehr weit, dann ist die praktische Prüfung zu Ende. Diese Aussicht lässt mich erneut schneller werden.

Noch im Rennen haue ich auf den roten Knopf und das Stoppsignal ertönt.

Ich habe es geschafft!

Die Prüfung ist vorbei.

Jetzt verstehe ich auch, weshalb wir kein Wort über diese Prüfung verlieren dürfen. Wenn die Methoden der praktischen Prüfung bekannt werden würden, bin ich mir sicher, dass die ganze Stadt die Schule und diese Organisation in Frage stellen würde. Schließlich finde ich keinen vernünftigen Grund, der rechtfertigen würde, dass wir eine Prüfung in dieser Form absolvieren müssen. Wer weiß, welches Ausmaß ein Vorgehen gegen diese Prüfung haben könnte. Vor allem, weil die Familien nicht wissen, was mit ihren Kindern wirklich passiert.

Ich glaube, die ganze Stadt wäre in Gefahr.

Also schweigen alle Schüler, die schon an dieser Prüfung teilnehmen mussten. Und werden womöglich niemals erfahren, wieso wir zu so etwas gezwungen werden.

Bevor ich wieder auf die Idee kommen kann, nervige Fragen zu stellen, beglückwünschen mich die Beauftragten und schicken mich nach Hause. Eine Bemerkung über meine Ergebnisse lassen sie nicht fallen. Stattdessen weisen sie mich ein weiteres Mal auf den Verschwiegenheitsvertrag hin.

»Stellen Sie nicht so viele Fragen, sondern führen Sie Aufgaben einfach aus. Damit vermeiden Sie in Schwierigkeiten zu kommen.« Es ist der letzte Rat, mit dem Ms Laparter mich entlässt, aber ich denke gar nicht daran, ihn zu befolgen.

Als ich an der Haustür klingele, öffnet Quinn mir die Tür.

»Raell!«, ruft er und strahlt. Er hält mir für unsere Geschwisterbegrüßung die Faust entgegen, aber ich schlage meine nur halbherzig dagegen, weil ich heute einfach zu schlapp dafür bin. »Wie war’s?!«, schreit er so laut, dass es mir in den Ohren schmerzt. »Kreisch doch nicht so, Quinn«, brumme ich daher nur.

»Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«, beschwert er sich beleidigt, als ich ihn ins Haus schiebe. Zum Glück kommt meine Mutter in diesem Moment aus der Küche. Es riecht bereits nach einer leckeren Gemüsesuppe.

Sie lächelt. »Raell, Liebes«, begrüßt sie mich. »Wie ist es gelaufen?« Wir setzen uns gemeinsam an den Tisch und die beiden lauschen mir gespannt. Jedoch bleiben meine Ausführungen grob und ungenau, weil mir der Verschwiegenheitsvertrag untersagt, darüber zu sprechen.

»Rückblickend war ich, glaube ich, ganz gut«, sage ich schlussendlich.

»Was musstest du denn machen?«, fragt Quinn.

»Darüber darf ich nicht reden«, sage ich und zucke mit den Schultern. »Tut mir leid, Kleiner.« Quinn zieht enttäuscht eine Grimasse und widmet sich seinem Teller.

Auch meine Mutter wirkt bedrückt. Schulterhängend stochert sie in ihrem Essen herum.

»Freust du dich gar nicht für mich?«, frage ich und blicke sie stirnrunzelnd an. Sie hebt schlagartig den Kopf und zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen. Ich weiß es, denn ihr wahres Lächeln sieht ganz anders aus.

»Doch klar. Ich bin sehr stolz auf dich, Raell. Ich bin mir sicher, du warst großartig.« Sie schiebt sich einen Löffel Suppe in den Mund, damit sie beschäftigt ist. Etwas bedrückt sie, nur will sie nicht sagen, was es ist. Weil Quinn hier sitzt? Oder weil sie es nicht sagen darf? Was auch immer es sein mag, es muss mit der praktischen Prüfung zusammenhängen.

Obwohl ich mich brennend für ihre Informationen interessiere, halte ich mich zurück, bis das Abendessen beendet ist und Quinn in seinem Zimmer verschwindet. Bevor meine Mutter beginnen kann, den Tisch abzuräumen, packe ich ihre Hand und halte sie auf.

»Mom.«

Sie bemerkt sofort, dass mir etwas Unangenehmes auf der Seele lastet. Ihr Blick ist besorgt und sie zieht die Stirn kraus. »Was ist los?«

Ich schüttle den Kopf, weil ich nicht weiß, wie ich mich ausdrücken kann, ohne den Vertrag zu brechen, den ich heute unterschrieben habe.

»Ich«, stottere ich und falte nervös meine Hände auf dem Tisch. »Mir ist das alles nicht geheuer.«

Als sie bemerkt, worüber ich rede, werden ihre Augen groß. »Raell, nein.« Sie schüttelt aufgebracht den Kopf. »Du weißt, welche Strafen dir drohen, wenn du darüber sprichst.«

»Aber Mom.«

»Nein.« Sie steht auf und greift sich die Teller vom Tisch. Sie beginnt, die Spülmaschine einzuräumen, als würde sie damit klarstellen, dass unser Gespräch zu Ende ist. Aber ich denke gar nicht daran.

Ich baue mich neben ihr auf. »Mom, irgendetwas stimmt da nicht. Diese Geheimnistuerei über Alpha Precedence, die heutige Prüfung. Sie verschweigen uns etwas.«

»Raell.« Meine Mutter hält in ihrer Arbeit inne und sieht mich tadelnd an. »Schweig. Solange du nicht ausgewählt wirst, haben wir nichts zu befürchten. Und jetzt Schluss.«

»Was meinst du damit? Weißt du etwas darüber?«

»Geh auf dein Zimmer.«

Damit ist das Gespräch beendet. Die Wut in ihren Worten lässt mich automatisch still werden. Noch nie habe ich meine Mutter so streng erlebt. Ich dachte, ich kenne meine Mutter, aber ich bin mir plötzlich sicher, dass sie mir etwas verschweigt.

Schon seit die praktische Prüfung eingeführt wurde, hat meine Mutter mich nie darin bekräftigt, gute Ergebnisse zu erzielen. Sie hat nie gesagt, ich solle mich anstrengen, um auf jeden Fall eine Chance zu haben, ausgewählt zu werden. Als hätte sie von Anfang an gewusst, dass etwas mit dieser Organisation nicht stimmt.

Aber was weiß sie, was alle anderen nicht wissen?

Spät abends liege ich noch immer wach in meinem Bett. Obwohl sich mein Körper schwer anfühlt und meine Muskeln schmerzen, kriege ich kein Auge zu. Mir schwirren so viele Fragen im Kopf, die alle unbeantwortet sind. In zwei Tagen bekomme ich mein C-Pad – Certification-Pad – das mir meinen zukünftigen Beruf mitteilen wird. Oder ich werde für Alpha Precedence ausgesucht.

Und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, wovor ich mich am meisten fürchte.

KAPITEL 4

DOMINIC

Dominic steht kerzengerade im Büro von Commander Stone, die genüsslich einen Cappuccino trinkt und auf ihrem Schreibtischstuhl hin- und herwippt. Nach einer endlos langen Pause, in der eine unheimliche Stille herrschte, räuspert sie sich.

»Dann schießen Sie mal los, Dominic. Was haben wir dieses Jahr für Kandidaten?«, will sie wissen und nimmt einen weiteren Schluck ihres geliebten Cappuccinos.

»Wir haben einen sehr starken Jahrgang. Viele Schüler haben es über die festgesetzte fünfundsiebzig Punkte-Marke geschafft. Wir haben bereits darüber diskutiert, dieses Jahr mehr Schüler als sonst aufzunehmen«, erteilt Dominic Auskunft. »Aber die Zeit rennt, daher bleiben wir wie gewohnt bei achtundvierzig Schülern.«

»Gibt es besonders begabte Schüler dieses Jahr?«, will Commander Stone wissen und genießt einen weiteren Schluck.

»Durchaus«, erwidert Dominic. Sein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, dem Commander gute Nachrichten übermitteln zu können. »Sehr beeindruckend war die Leistung von Christian Hale. Er hat dieses Jahr neunzig Punkte erreicht, der beste Junge seit zwei Jahren.« Commander Stone scheint jedoch keinesfalls beeindruckt von seiner Leistung. Schließlich hat sie schon einige bessere Leistungen in ihrem Dasein als Commander miterleben dürfen.

»Noch was?«, fragt sie gelangweilt und hebt bereits wieder die Tasse.

»Die stärkste Leistung dieses Jahr hat ein Mädchen erreicht.«

»Ein Mädchen?« Sie hebt überrascht eine Augenbraue.

Dominic nickt. »Und außerdem...« Er stockt. Er kann kaum glauben, was in seinen Unterlagen steht. »Sie ist erst die zweite Schülerin von allen Schulabgängern, die die fünfundneunzig Punkte erreicht hat.«

Beim Wort fünfundneunzig verschluckt sich Commander Stone und spukt ihren Cappuccino wieder in die Tasse. Fünfundneunzig? Das war sogar mehr, als sie damals in der Testphase erreicht hatte.

»Wer ist sie?«, fragt Commander Stone und setzt sich auf. Ihr Blick ist auf den Bildschirm gerichtet, auf der eine Akte geöffnet wird und das Bild eines Mädchens erscheint.

»Ihr Name ist Raell Vantrino.«

Commander Stone atmet einmal tief ein und aus, bevor sie sagt: »Zeig mir ihre Punkteergebnisse von der praktischen Prüfung.« Nacheinander öffnen sich mehrere Ordner auf dem Bildschirm, bis eine Tabelle die offiziellen Ergebnisse des Mädchens anzeigt.