Beteigeuze - Barbara Zeman - E-Book

Beteigeuze E-Book

Barbara Zeman

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Beschreibung

»Mein lieber Schwan, Barbara Zeman kann Sätze schreiben, da hebt es einem den Kehlkopf an. Ein Roman von großer Seele.« Clemens J. Setz Ein Sprachkunstwerk, aufgespannt zwischen Weltraum und Unterwasserwelt In einer winzigen blauen Wohnung lebt Theresa Neges. Ihr Name, der übersetzt »Du solltest Nein sagen« lautet, scheint nicht ohne Einfluss auf ihr Leben. Einen Beruf hat sie nicht, auch kein Geld. Sie hat nur Josef, ihren Freund, und auch den nicht ganz, trotz Liebe. In ihrem großen grauen Mantel läuft Theresa durch Wien. Liegt im Hallenbad auf dem Beckengrund und übt das Luftanhalten, sucht den Schwindel auf einem Karussell. Denn eigentlich möchte sie ins All: leicht sein, schweben. Und Beteigeuze näher sein, dem gleißend roten Riesenstern im Sternbild Orion, dem sie sich seit ihrer Kindheit verbunden fühlt. Ein poetischer Roman, eigenwillig, bildschön in jedem Satz, mit einer Erzählerin, der man überall hin folgen möchte. »Dieser Roman ist ein Fest des Schauens, und wem das zu pathetisch klingt, der kann es auch eine Party nennen.« Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung über ›Immerjahn‹

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

»Mein lieber Schwan, Barbara Zeman kann Sätze schreiben, da hebt es einem den Kehlkopf an. Ein Roman von großer Seele.« Clemens J. Setz

 

In einer winzigen blauen Wohnung lebt Theresa Neges. Ihr Name, der übersetzt »Du solltest Nein sagen« lautet, scheint nicht ohne Einfluss auf ihr Leben. Einen Beruf hat sie nicht, auch kein Geld. Sie hat nur Josef, ihren Freund, und auch den nicht ganz, trotz Liebe. In ihrem großen grauen Mantel läuft Theresa durch Wien. Liegt im Hallenbad auf dem Beckengrund und übt das Luftanhalten, sucht den Schwindel auf einem Karussell. Denn eigentlich möchte sie ins All: leicht sein, schweben. Und Beteigeuze näher sein, dem gleißend roten Riesenstern im Sternbild Orion, dem sie sich seit ihrer Kindheit verbunden fühlt.

Ein poetischer Roman, eigenwillig, bildschön in jedem Satz, mit einer Erzählerin, der man überall hin folgen möchte.

Barbara Zeman

Beteigeuze

Roman

Prolog

Am Semmering gelbe Blumen. In Tarvis rote.

Bei Udine schläft Josef ein, ich mach ein Foto. Verschränkte Arme. Augen tief liegend und seine Wangen sind schmal, im Schlaf sah Josef immer schon aus wie ein Toter.

Spätabends erreichen wir Venedig.

Es hat geregnet und vor dem Regen muss es heiß gewesen sein, die Luft hängt zwischen den Häusern.

Pfützen. Schuppig glänzende Kanäle.

Ich hab die Schlangenschuhe mitgebracht, aber ich hab sie nicht an.

 

Der Platz liegt da im weißen Licht, da steht ein Bus. Linea ottanta. Es ist der Letzte. Spätabends im frühen September.

Ich steig ein. Josef kauft Zigaretten am Zeitungsstand. Und Josef telefoniert.

Wir fahren. Mit der Beleuchtung draußen stimmt etwas nicht, fast alle Lampen ausgefallen. Die Straße führt fort vom Wasser, ins Hinterland, biegt in den Süden und linker Hand, da muss irgendwann wieder Lagune sein, bei Chioggia. An einer steinernen Brücke müssen wir raus, können uns kaum mehr erinnern, wir waren vor zwei Jahren hier, wissen nur noch, der Bus bleibt stehen, wenn man ein Zeichen gibt. Alles ist finster. Wir sehen nicht Wasser, nicht Land, und wo ist der Himmel.

Abseits der Nacht sind wir.

Ich press die Stirn an die Scheibe. Meine Haare leuchten und mein Gesicht leuchtet, irgendwo dahinter ein krüppeliges Bäumchen, noch eines, am hellsten meine Maske, die scheint wie ein kleiner schiefer Mond. Tut mir schon hinter den Ohren weh, aber nicht so sehr wie der Rücken, in dem sitzt seit kurzer Zeit ein Stechen. Bei der Frauenärztin: Das Ultraschallgerät ist in mich eingeführt, schmaler, stabförmiger Schallkopf, vaginale Sonografie, die Ärztin sagt, da ist etwas, und ich zucke zusammen. Ein Myom, an der Außenseite der Gebärmutterwand. Drei Zentimeter,kugelrund. Häufigster gutartiger Tumor, kann einzeln vorkommen, oft in größerer Zahl. 25 Prozent der Frauen nach dem dreißigsten Lebensjahr sind betroffen. Auch meine Mutter hat zwei davon.

 

Seit dem Erschrecken Rückenschmerz. Links unten. Drei Zentimeter. Kugelrund. Aber ich denk nicht dran, werf einen Blick aus dem Fenster und fall dabei doch nur in meine Augen, ich schlag sie nieder und beobachte, wie Josefs Spiegelbild mit dem meinen verwächst. Der Bus hält, es wird mit jeder Station stiller, schließlich sind wir allein. Josef folgt mit Google Maps der Fahrt, rechts oben rotes Handyleuchten, Akku schwach, ich leg den Kopf zurück und zähl die Lichter, die kreisrund in den Busgang eingelassen sind.

 

Josef berührt meinen kleinen Finger, Lagune, busspiegelnder Untergrund, aus dem an manchen Stellen Pfähle ragen, oder sinds spitze Flossen, dicht bewohnt ist dieses laue Wasser, ein Zappeln und Spritzen von glitschenden Körpern, Aal, Meeräschen, Wolfsbarsch und Goldbrasse leben laut Wikipediain den Fischgründen der Lagune, ebenso wie Vögel, Säugetiere und Reptilien.

 

Mitternacht, wir steigen aus.

Laternenlicht.

Ich seh die Sterne nicht.

 

Wir warten auf den Vermieter in einem Café am Platz.

Rote Stühle, die wackeln. In der Speisekarte ein Zettel über die Schutzheiligen des Orts, Felice, der Glückliche,und Fortunato, der Glückliche.

An der Ecke sind die Toten angeschlagen, schauen von weißen winzigen Plakaten mit runzeligen Gesichtern, es sind viel mehr als vor drei Jahren.

 

In Wien ist unsre Wohnung dunkelblau, am Meer ist sie orange.

Wir haben das schlechte Wetter verpasst, aber die Reste des Regens sind noch nicht aus den Zimmern verschwunden.

Ein Vorhang bewegt sich langsam.

Im Schlafzimmer ein riesiger Schrank voll schwankender Haken.

Im Wohnzimmer Vitrinenkästen, darunter senkt sich der Boden schief zur Küche ab. Ein großer runder Tisch steht in der Mitte, den rücken wir weg. Der Boden vibriert und die Scheiben klirren, im Sommer war ein Erdbeben in Wien. Ein Zittern ist seitdem in unsren blauen Wänden drinnen und ich schrecke hoch und ich sag, Josef, etwas ist.

Und Josef entgegnet aus dem Schlafzimmer: Es ist nichts.

 

Josef sitzt am Balkon in dem Stuhl aus Plastik, er möchte sitzen und rauchen und mit geschlossenen Augen schauen. Vielleicht später Böse Geister lesen.

Er ist müde. Wochenlang atemlos Pläne gezeichnet. Ausstellungsarchitektur für eine Künstlerin, die eine Ratte mit schraubendurchbohrtem Köpfchen zeigen wird. Hundsgroß vergrößert, mumifiziert. Auch ausgestellt werden Fliegen, die auf gelblich klebendem Papier verendeten, winzige und große gepelzte, gläserne Flügel, rötliche Flecken, dazwischen kleine Schatten, kauernd wie Menschen.

 

Ich hab sein rosa Blumenhemd, das er nicht mehr trägt, zum Schlafen an. Braune und gelbe Blättchen fallen darauf in bauchigen Strichen.

 

An der Wohnzimmerwand ein Bild von drei Pyramiden, über denen ein Auge schwebt.

Ich hab das Schneebuch mitgebracht, aus der Bibliothek, Nummer 979144.

Tschukowskaja, Untertauchen.

Es beginnt im Februar 1949.

Eine Frau auf der Fahrt zu einem Haus, in dem Schriftstellerinnen ein paar Wochen lang zur Erholung wohnen. Alles ist friedlich und alles hat Ohren.

»So, hier ist Ihr Litwinowka«, sagte der Fahrer und ließ noch einmal den Wald und den violetten Schnee vor meinen Augen scharf in die Kurve gehen.[1]

Violetter Schnee.

An ein paar Stellen ausradierte Bleistiftspuren. Manche Seiten schlagen sich von alleine auf. 183, die zweite Satzhälfte unterstrichen: und dann begann ich, die Menschen verstohlen zu beobachten.[2]

 

Josef schläft.

 

Ich putze die Zähne.

Mach mir die Augenbrauen dunkel.

Such den Lippenstift, ich nehm nicht viel, nur ein wenig rotorange Farbe. Auf dem Handy seh ich nebenbei ein Video der Brände an. Lesbos. Kreta.

Knisternde Trockenheit. Flammengirlanden am Boden, eine neben der andren, so ziehen sie den Berg hinan, nichts ist zu steil, sie springen auf die tiefsten Äste.

Ich leg das Handy wieder weg. Lady Danger heißt der Lippenstift.

Rückenschmerzen links unten.

Vorgestern war ich deswegen bei der Osteopathin. Ich stehe mit bloßen Füßen in der Praxis, sie betastet meinen Rücken, sagt, Ihr Körper ist hervorragend organisiert, und als ich liege, legt sie mir die Hände auf den Bauch. Der Schmerz verschwindet.

Ein paar Stunden später kehrt er wieder zurück.

 

Ich verlasse die Wohnung.

Ich hab die Schlangenschuhe mitgenommen. Aber ich zieh sie nicht an.

 

Venedig ist erbaut auf 127 Inseln, weiß nicht, wie viele unter Chioggia liegen. Es steht auf Pfählen, Klein-Venedig. Sandsteinmauern, Ziegeldächer.

Chioggia wird durchteilt von einem Kanal, der Vena. Neun Brücken führen über sie hinweg.

Ich schau in ihre Wellen.

Letzten Winter bin ich vierzig Jahre alt geworden, und irgendwie ists mir egal. An einem Frosttag melde ich mich zur Gesundenuntersuchung an.

Blutabnahme.

Ich kann den Arm nicht ausstrecken vor Angst. Die Ärztin lockt mich, Sie haben wunderschöne Venen, es dauert Minuten, bis ich ihr die Hand hinlege.

Sie streichelt meine Finger.

Ich bin fast nackt. Der Schlauch dreht sich wie ein roter Reif um meinen Arm, ganz warm.

Und Josef hält mich fest.

 

Ich beuge mich hinunter zum Kanal.

Das Wasser grünlich hell. Ich schau in die Wellen, Welle heißt onda, onda heißt Welle, sag ich mir laut.

Es ist mir schwindelig, helles Flimmern wie durchsichtiger Schnee. Bevor ich falle, knie ich mich hin.

Ich schließe die Augen, seh, es ist Winter.

 

Als ich die Augen öffne, steht ein Kellner neben mir, mit langer weißer Schürze.

Ich kauere an der Vena, vor den Tischen eines Restaurants. Der Kellner sieht mich fragend an, ich bestelle una Coca Cola per favore. Er schenkt sie kunstvoll in ein Glas. Stellt es neben mir am Boden ab. Kehrt noch einmal zurück, bringt mir ein muschelförmiges Stück Biskuit.

Dort am Wasser auf dem Stein sitze ich und esse und trinke vor vornehm gedeckten Tischen. Es geht schon besser.

 

Ich kaufe Salz, Thymian, Zwiebeln, Knoblauch, gesprenkelte Bohnen, bittren Salat. Dieser Ort ist berühmt für Radicchio Rosso, auch »la rosa di Chioggia« genannt, und Karotten.

An der Kasse lauf ich nochmal zurück, hab die Seife vergessen.

 

Josef ist wach und wirft mir den Schlüssel aus dem Fenster zu.

Ich lauf die Treppe hoch, ich bin gleich da, Josef liebt mich nicht und Josef liebt mich und Josef liebt mich nicht und er liebt mich doch, Strähnchen für Strähnchen pflück ich ihm die Haare vom Kopf.

Ich schließe auf, Josef in der Küche. Brät einen Fisch.

Ich nehm seine Hände, leg seine Arme um mich. So umarmt er mich.

 

Durch die Altstadt gehen wir über lange Brücken in die Meerstadt.

Ich denke an die Russin, die auf einem überdimensionalen Eis am Stiel einschlief und aufs offene Meer getrieben wurde. Als man sie fand, nach über einem Tag und einer Nacht, war sie unterkühlt, sonst unversehrt. Es war ein Foto von ihr abgebildet. Am Ende des Artikels stand die Empfehlung, niemals Meerwasser zu trinken, auch nicht bei größtem Durst. Trinkt man es doch, verdurstet man schneller.

 

Ein schmaler Weg führt an den Strand, gepflastert mit s-förmigen Steinen. Rosa Oleander.

Ich möchte über brennenden Sand zum Wasser rennen, ich möchte, dass es nach Sonnencreme riecht, aber der Sand ist so dunkel und kalt.

Wir lesen.

Nach zwei Stunden geht Josef. Er vergisst sein Buch. Ich schlag die erste Seite auf.

Ich lese: Es war aber dort auf dem Berg eine große Herde Säue auf der Weide. Und sie baten ihn, daß er ihnen erlaube, in die Säue zu fahren. Und er erlaubte es ihnen. Da fuhren die bösen Geister von dem Menschen aus und fuhren in die Säue; und die Herde stürmte den Abhang hinunter in den See und ersoff.

 

Es nieselt. Ich wandere den Strand entlang.

Er besteht aus zweiunddreißig nummerierten Teilen. Jeder bewacht von einem leeren Turm.

Ich beginne bei Nummer elf. Senioren mit Regenhäuten in großen Gruppen.

Links von mir das Meer, rechts Techno aus einem Café. Bald die Ausläufer des Campingplatzes, ein viktorianisches Haus steht einzeln in den Dünen.

Das schau ich kaum an, ich geh dort, wo sich die Wellen dünn über den Sand hinstrecken. Der ist so glatt und glänzt glasiert; wo immer ich meinen Fuß aufsetze, spür ich ihn nachgeben und wegrinnen unter den Sohlen. Salzwind zupft an meinen Haaren.

 

Ich steh am Waschbecken mit blassem Gesicht.

Färb mir mit Lady Danger die Lippen, geb auch ein bisschen auf die Wangen. Purpurfarben ist das nicht. Eher wie Feuer.

Ich möchte zu Josef gehen. Josef hat die schönsten Augen. Ich möchte mit meinem roten Mund auf seinen Lippen sein. Und Josef hat die schönsten Hände, die nehm ich in meine Hände, an der Schwelle zum Balkon.

Ich fühl mich aufgeregt.

Schau Josef an. Steh nah vor ihm.

Und ich küss ihn nicht und er küsst mich nicht und ich küss ihn und er dreht sich weg. Sein Mund ist ein bisschen rot vom Lippenstift.

Seine Hände, unruhig, bewegen sich zu den Taschen seiner Hosen, dort sind die Streichhölzer und die Zigaretten. Josef, sage ich, ist etwas.

Josef lächelt mich an, ich sag, sag doch, und Josef schüttelt den Kopf, schaut verlegen auf die Asche überall am Boden.

Wir waren schon einmal hier, da waren wir glücklich.

 

Ich schrecke auf aus dem Schlaf.

Die Kleiderhaken klingen im Schrank.

Von nirgendwo sonst ein Laut, auch nicht, als ich das Fenster öffne.

Eine Stille in den Gassen, makellos, atemlos.

Ich seh die Sterne nicht.

 

Das Leintuch scheint so sandbankhell. Ich denk an den Ort, wo ich geboren bin. Vor Jahrmillionen lag er am Meeresgrund. Paratethys, Pannon-See, Korallenriffe, Riesenhaie, das Schwarze Meer ein karger Rest. Ich kann daheim mit bloßen Fingern allerlei Skelette aus der hellen Erde lösen.

 

Josef ruft auf der Straße meinen Namen. Ein zweites Mal.

Ich werf den Schlüssel aus dem Fenster und gleich hör ich seine Schritte auf der Treppe, er geht sehr schnell, draußen, im Halbdunkel, ist ihm eingefallen, wie er seinen Artikel beginnen wird. Der gläserne Pool der Josephine Baker, ein Abglanz ihrer Nacktheit ist immer noch im Wasser drin, auch wenn sie nicht mehr schwimmt, und ich hör schon nichts mehr, weil ich in einen tiefen Traum gefallen bin.

 

Baustellen, Mischmaschinen, Ziegel. Etwas ist eingestürzt, etwas ist morsch geworden, etwas wird repariert. Das letzte Acqua alta stieg höher als alle andren. In einem Fischerdörfchen kamen zwei ums Leben, sie sind in den Strom geraten, erzählt man uns.

In der Autowerkstatt reparieren sie ein Boot. Maria in Blau faltet die Hände hoch über dem Motor. Dahinter beginnt die Lagune.

Wir fahren nach Venedig.

 

Mit dem Schiff über dunkles, faltiges Wasser.

Dort scharren die Fischer nach den Venusmuscheln, kratzen mit Fangkörben den Lagunenboden ab, sie gedeiht besonders in den von Industrieabwasser verschmutzten und erwärmten Gewässern von Chioggia. So verschwindet der Bewuchs, der den Grund zusammenhält. Die Strömung nimmt die Sedimente mit ins Meer. Die südliche Lagune wird immer tiefer. Die im Norden trocknet aus, laguna morta, von den Gezeiten unberührt.

 

Es gibt Fischgründe, valli da pesca.

Und Marschland. Barene vollerSüßgräser: Schilf, Strandflieder, Salzschwaden.

Die Velme, Untiefen, sind dagegen kaum bewachsen: Sie tauchen nur bei tiefsten Wasserständen auf.

Die Lagune ist rau, von Strömungen durchzogen. Unter ihrer Oberfläche passiert etwas.

Die Sonne leuchtet grell über dem dunklen Wasser, ich halt mir die Hand vor die Augen.

Wir fahren nach Venedig.

 

Die Möwen stehen reglos auf den Pfählen. Ich mach ein Video davon und noch eines.

Ich frier. Das Leinenhemd ist viel zu dünn. Klammer Stoff, der salzig kratzt, als wär ich ins Wasser gefallen und nur langsam wieder getrocknet.

 

Ich hab von den Winterschiffbrüchen am Mittelmeer gelesen. Griechische Winde, Stöße vom Mistral. Abgeknickte Masten, zerbrochene Rahen, Verlust von 300 Galeerensklaven. 1569 erlässt Venedig das Verbot, das offene Meer zwischen 15. November und 20. Jänner zu befahren. Vier Jahre später: Die Kanäle frieren zu.

Entstand da ein Eisweg zum Inselchen Murano hin? Meine Großmutter hat mir einmal von dort eine Glaskugel mitgebracht, als ich noch klein war, darin lauter rote Kreise, wie Blüten waren die, und es fällt mir ein, dass ich als Kind dachte, Wasser friert zu Eis und Eis erstarrt weiter zu Glas.

 

Am Meer ist nicht viel los.

Rote Boje. Segelboot. Acht Möwen.

Heute ist der wärmste Tag.

Ich bin beim Wasser. Josef liest am Strand.

Am Himmel Wolkenschleier wie Gespenster. Ich schau sie an.

Der Sand wird bleich in der Sonne.

 

Im Strandcafé trink ich Orangensaft.

Der Himmel blendet gelblich. Ich seh das Glas nicht, werf es um. Ein Kellner bringt eine Serviette. Seine Schürze stechend weiß.

Ich blättre im Buch von Lydia Tschukowskaja, mit klebrigen Händen. Heute steht er,[3] der Wald, in überkrustetem diamantenem Schnee.[4]

Die Buchstaben kommen mir beweglich vor, kleine schwarze Partikelchen, die niemand hält, sie schwirren mir vor Augen wie Fliegen, nur hundertmal kleiner noch.

Ich schau in die Sonne, sie ist ganz rot umrahmt, und als ich nichts mehr seh, steh ich auf mit einem Sirren in den Ohren und die Zikaden sind still, wahrscheinlich schon erfroren, und ich weiß, es ist Winter.

 

Da werd ich Beteigeuze wiedersehen.

Arabisch يد الجوزاء, Hand der Riesin, ursprünglich falsch als Achsel der Riesin übersetzt.

Linke Schulter des Sternbilds Orion.

Halb so kühl wie die Sonne. Zehntausendmal heller als sie.

Beteigeuze leuchtet rot.

Aber nicht jetzt.

Man sieht ihn erst im späten Herbst.

 

Der Strand klingt hohl unter jedem meiner Schritte.

Menschen sitzen um ein Feuer, sie tragen Felle, haben Fackeln bei sich, die brennen, und sie tanzen, im Wirbelwind, ich halt die Luft an, als ich vorübergeh. Ich flüstere, und sie fliehen, und sie jagen, ich geh rasch, hört ihr, wie sie kläglich schrein, setz vorsichtig meine Schritte, will mich nicht stechen an spitzzähnigen Fischmäulchen, die im Sand stecken, und ich seh wieder den Schlauch wie einen schönen roten Reif um meinen Arm, und Asche stäubt, ein Trommler steht auf und sieht mich an, hinter ihm wehen rote Flammen, schwarzer Rauch wie in Australien, Kalifornien, wie in Sizilien, auch Griechenland, die Wälder brennen immer noch und da ist niemand mehr auf allen zweiunddreißig Stränden. Bald wird es dunkel sein.

Josef ruft an, wo ich denn sei, er ist gleich da, hat mich gesucht. Ich steck das Handy wieder ein und drehe ich mich zum Wasser um und der Himmel ist still und das Meer ist still und aufgeraut, wie schuppig, und es kommt mir so vor, als hörte ich etwas vom Wasser her, einen schwebenden Ton, geh schneller, durch tiefen Sand wie gelben Schnee, vielleicht wars nur ein leises Lied vom Technostrand, weit hinter mir ist Josef. Ich hör ihn meinen Namen rufen, aber ich dreh mich nicht um, ich seh seinen Hals vor mir, der ist so glatt und duftet. Die Männer sind jetzt gleich bei ihm, bestimmt, und ich geh schneller, die sieht er nicht, er sieht nur mich, er schaut zu mir, das spüre ich, ich weiß, er winkt, und schaue nicht, da ist das Meer, ein graues Tuch, es streckt sich. Die Wellen rollen sich um meine Füße aus, schon Algen an meinen Waden, wie viele Haie sind da zwischen mir und dem Horizont, wie viele Ertrunkene, wie viele Kanister sind versunken, über und über mit Muscheln bedeckt.

Ich leg zwei Finger an die Lippen. Ein Pfiff. So ist es still. Die Hunde bellen nicht, ihr leises Knurren verbläst der Wind. Und von den Trommlern Schläge, fest, dann klirrend wie auf Stein fallende Messer. Schreie. Ich geh schneller. Möcht nichts hören, nicht auf Josef horchen, will alles übertönen.

Ich wate durch das schwere Wasser, beginne zu laufen, das Meer ist undurchsichtig und mein Hemd ist durchsichtig, weiße Streifen, graue Streifen, immer tiefer lauf ich in dieses Wasser hinein, das aufschäumt und fortfliegt in kleinen durchsichtigen Perlen, und ich nehm die Arme zu Hilfe, das Meer, es rollt und rennt gegen mich an, will mich wieder zurück, hinaus, aufs Land drücken, aber ich kämpfe mich weiter und bleibe erst stehen, weil da ein Schild aus dem Wasser ragt.

Limite acque sicure, Gefahr zu ertrinken.

Und der Himmel ist still und das Meer ist still, nur mein Atem geht laut, und als ich mich umdrehe, schwankt der Boden ein bisschen unter dem Gewicht des Meeres und dem von mir.

1

Vier Spuren für Autos, zwei Schienenpaare Straßenbahn: Die Schwedenbrücke verbindet Leopoldstadt und ersten Bezirk, vielleicht sechzig, siebzig Meter lang ist sie. An ihrem Rand geh ich, berühre das Geländer sacht bei jedem zehnten Schritt. Bereits im Mittelalter befand sich an dieser Stelle die Schlagbrücke. Auf ihr wurde Tier geschlachtet, Blut rann direkt in den darunter fließenden Donauarm. Wieder wisch ich mir die Haare aus dem Gesicht, der Wind hat zehnmal mehr Hände als ich. Die Schöße von meinem Mantel flattern grau. Kalt ist es hier, oft liegt im Winter noch Schnee im zweiten Bezirk, wenn rund um den Stephansdom alles längst geschmolzen ist. Ich stecke die Hände in die Taschen, meine Finger so klamm, in der linken halt ich Josefs Schlüssel. Er hat sie heut Morgen stecken lassen, an der Außenseite der Tür, und ich hab es nur entdeckt, weil sie das Nachbarskind von außen immerzu auf- und abgeschlossen hat. Ich geh schnell, beinah ists Laufen, um elf muss Josef fort. Zehn Minuten noch.

Ich halt den Mantel fest am Kragen. Ein Geburtstagsgeschenk meiner Tante, war auch ihr liebster Mantel, solang sie ihn noch trug; sie hat ihn in den späten Achtzigern in Nanterre gekauft. Beinahe Paris, aber nicht Paris, Vorort am westlichen Ufer der Seine. Citroën, Fiat. Schokolade. War immer kommunistisch regiert, Ausnahme: unter den Nazis nicht. In einem Kaufhaus, x-beliebig, so hat sie es bestimmt hundertmal beschrieben, da hat sie diesen Mantel gesehen, und ich stelle mir vor, wie sie da ging, unter hohen Platanen, die Haare ein gutes Stück kürzer noch als jetzt, und sie duftete nach Pour Monsieur von Chanel, wie immer, die Teleskoptasche hatte sie über der Schulter und in der Hand bestimmt keine Zigarette, weil sie raucht auch heute noch ausschließlich mit übereinandergeschlagenen Beinen im Sitzen. Ich seh sie stehen bleiben, ein paar graue Mäntel hängen dort an der Stange, wie sie nach einem Ärmel greift, den Stoff zwischen die Finger nimmt und reibt, seine Festigkeit prüft mit dieser winzigen Geste, fast gleich der, mit der sie in der Bar nach der Rechnung verlangt. Sie schlüpft hinein. Der Schnitt gerade, so unscheinbar wie Knöpfe, Gürtel, Stoff. Gabardine. Ein unendlich unauffälliger Mantel, schöner als jeder andre. Letztes Jahr hat sie sich einen neuen gekauft, sein Grau nichts als Grau, nirgendwo vom Tragen helle Schatten. An meinem vierzigsten Geburtstag schob sie mir ein in Papier eingeschlagenes Päckchen hin. Im Volksgarten. Der Rosenstrauch neben uns war Ricky und Taufik gewidmet. Linde lebt inzwischen wieder in Wien, was für einen Blick sie kriegt, wenn sie in ihrer Seidengassenwohnung an den makellos rechteckigen Fenstern steht, die sich so anstrengungslos öffnen und wieder schließen lassen, anders als die in Nanterre, die sie ab Juni nicht mehr zubekam, ganz wild ist der. Vor den Scheiben die gänzlich missratene Topografie Wiens, insbesondere der bedauerliche Zustand der Hügel im siebten Wiener Gemeindebezirk.

 

Unter mir unruhiges, wellenloses Wasser. Donaukanal, einst Wiener Arm genannt. Vor mir der Zebrastreifen über den Ring, führt wie eine Planke in die schwere Stadt, die hier wie immer schon seit Stunden auf mich gewartet hat.

Mein Handy läutet, Melodie: The Universe. Anruferin: Arbeit. Möcht nicht abheben, tus dann doch, bin erst seit drei Tagen eingestellt. Die Stimme einer Frau. Vielleicht die von Milana, sie hat mich angelernt, oder ist es Irene, ich kann es nicht erkennen, die Straßenbahn quietscht so nah an mir vorbei, ich soll etwas zählen, bin nicht sicher, ob ich richtig verstehe.

Moment, sag ich, und: Wann?, frag ich.

Sofort, sagt die Stimme, die jetzt ganz anders klingt, viel ungeduldiger und rauer, so als stünden zwei Frauen über das Telefon geneigt, die einander abwechseln beim Sprechen.

Ja, sag ich und lege auf, ganz zögerlich.

Gegenüber: Hotel Capricorno, ich schau das Schild fest an, wie einen Anker.

Die Front des Hotels besteht aus rechteckigen Balkonen, da wachsen in rechteckigen Trögen grüne Halme, die zitternd blühen, Rohrkolbengewächse (Typhaceae). Diese Sumpf- oder Wasserpflanzen sind praktisch weltweit verbreitet. Und als ich an dem Hotel vorübergehe, da springt die Unruhe der Gräser herunter auf mich.

 

Ein Hinterhof. Seilerstättengarage. Buchstaben, schwarz und schlank, darunter ein Stollen im Zwielicht, in dem Autos parken, ich zähl sie nicht. Im angrenzenden Glasverschlag: der Betreiber der Garage mit seinem Gehilfen, wie Zwillinge in dunkelblauem Drillich. Der Betreiber reglos, lauernd, wann sich das nächste Geschäft auftut; der Gehilfe rastlos, wischt sich mechanisch mit dem Handrücken über die Nase, nur wenn sich ein Auto durch die Einfahrt schiebt, geht er diesem fröhlich entgegen, plötzlich konzentriert. Vor der Garage im Hinterhof, da stehen auf Pflastersteinen, die sich wölben: Josef und ich. Über uns am Wohnhaus weiß gestrichene Pawlatschen. Aus der tschechischen Sprache ins österreichische Deutsch aufgenommen; pavlač, für umlaufenden Laubengang. Das Treppenhaus befindet sich nicht im Inneren, der Mauer des Hauses ist es aufgesetzt. Hölzern. Nach dem Brand des Ringtheaters 1881 untersagt (unzureichende Fluchtmöglichkeiten).

Hier, sag ich zu Josef und gebe ihm die Schlüssel, die klimpern.

Er nimmt sie und hält meine Hand fest, eine Sekunde lang. Ich steck sie wieder in die Tasche. Fremd kommt sie mir vor, so kalt, wie ein Gegenstand, den ich verlieren kann.

Josef hängt zwei Finger in meinen Gürtel, zieht sacht daran. Der ist so fest geschnürt, bewegt sich keinen Millimeter. Ich spüre, in seinem Kopf sammeln sich verschiedene Gedanken, die er nicht aussprechen wird, polierte Worte, auf denen ich gut ausrutschen kann, oder einbrechen wie auf dünnem Eis. Ein Auto knirscht an uns vorbei und ich schau zum Gehilfen, der rennt, Grüß Gott, reißt die Tür auf, am Gürtel trägt er eine Waffe.

Der Betreiber betrachtet uns unverhohlen, wie ein Paar im Fernsehen, das sich vielleicht gleich küssen oder doch streiten wird, ich spür jetzt meinen Rücken wieder, ein Stechen, links unten, kugelrund, und plötzlich denk ich mir entschlossen, ich will fort, will hier nicht mehr sein, in der trügerischen Wärme dieses benzingetränkten Hinterhofs, nicht mehr warten unter weiß gefärbelten Pawlatschen, auf dass Josefs Schweigen endet. Ich küss ihn ungeduldig auf die Wange, Bis später, murmle ich und geh durchs Tor, es steht zu allen Tageszeiten offen.

 

Auf der Höhe des Franziskanerplatzes ist die Gasse mit länglichen Pflastersteinen bedeckt, jeder versehen mit einer einzelnen Kerbung in der Mitte, wie Langsemmeln aus der Steiermark, und ich versuch mich zu erinnern, was ich heute bisher gegessen hab, einen Punschkrapfen, ein Stück Topfentorte, Schokolade. Ich überlege, ob ich Hunger habe, und heb den Blick und schau hinauf, dort ist der Himmel. Blassblau in jeder Richtung. Wie trügerisch, der ist so tief, zehntausend Kilometer bis zum äußersten Rand, Exosphäre, sie markiert den fließenden Übergang zum interplanetaren Raum. Ihre hohe Temperatur resultiert aus der Geschwindigkeit der Teilchen, nur zehn Kilometer reicht der Marianengraben hinunter, und dennoch ist er auf jeder Karte eine kleine dunkelblaue Finsternis. Wie tief ich fallen würde, würd die Erde ihre Schwerkraft kurz vergessen. Ich mach die Augen zu und summe hastig, um den Schwindel abzudrängen, Blue, blue, electric blue, that’s the colour of my room, so hab ich es in der Hypnotherapie mit Schaller besprochen, Blue, blue, electric blue, that’s the colour of my room, wie er sich das letzte Mal beschwert hat, Frau Neges, Sie haben die Autosuggestion nicht geübt, das ist schade.

Mit der Hand streife ich die Mauer, leg sie einem kleinen Löwen auf den Kopf, der hat kringelige Locken. Gleich wird Arbeit wieder anrufen, wo ich bleibe, ich gehe schneller, fast renne ich in eine Frau hinein und mache einen Schritt zur Seite, die Frau steht da wie angewurzelt auf den U-Bahn-Treppen und schaut mich an, die hellen Haare pinselig zum Zopf gebunden, der sich nach außen dreht. Meinen Blick sucht sie. Ich weiche aus.

 

Wenn ich an mir hinuntersehe: Mantelschöße, Hosenbeine, die Kappen brauner Mokassins.

Über die ärgere ich mich. Die Küchenfliesen sind nass und fettig, die Schlangenschuhe sollte ich tragen, warum hab ich am Morgen nicht geahnt, dass ich heute rennen muss.

 

Gumpendorfer Straße. Der Flakturm taucht schon in der Weite auf.

Josef lernte Wera vor Jahren kennen, vielleicht fünf oder sechs. In Warschau. Sie studierte dort Literatur. Wohnte in einem winzigen Zimmer mit einer anderen Frau, in der Mitte ein Vorhang, so dünn, fast durchsichtig, der es in zwei Hälften schnitt. Wie in einer Umkleidekabine reichte er nicht ganz bis auf den Boden, neben allem Schemenhaften waren unverdeckt zu sehen: die rötlichen Füße der Mitbewohnerin, die großen Zehen etwas schief, weil sie außerhalb des Zimmers nichts als hohe Schuhe trug. Und der Vorhang, so hat es mir Josef erzählt, der wölbte sich alle paar Sekunden wie ein Segel, weil es war Sommer und ein Ventilator drehte sich unendlich. Flüchtig hab ich sie einmal kennengelernt, da war sie zu Besuch. Wir gingen nebeneinander auf einem Gehsteig, der aufgerissen war und provisorisch mit aneinandergefügten Brettern bedeckt, und sie stolperte immerzu über die Übergänge, die nicht ganz nahtlos waren, stolperte immer noch, als ich schon längst gegangen war, das sah ich aus der Ferne.

Die Frau da auf der Straße eben sah ihr ein bisschen ähnlich.

 

Rot. An der Ampel warte ich. Am Kiosk gegenüber dem Kino steht die Türe offen, da läuft das Radio. Die Stimme des Moderators umfasst mich, so laut. Die Kassierin tritt in einem weißen Arbeitskittel vor die Tür und zündet sich eine Zigarette an.

Unsre Blicke treffen sich. Ich lächle, sie nicht.

 

Grün. Ich geh rasch weiter, komm schnell voran. Müd ist der Wind hinter der Anhöhe. Im Park beim Flakturm steht mannshoch Mais und rührt sich kaum. Im Frühjahr hat man ihn zum ersten Mal an dieser Stelle angebaut. Ich muss an Josef denken, vor der Seilerstättengarage, wie er die Schultern einzieht in der Kälte. Wie er sich aus dem Bett schiebt in der Früh, zuerst stehen seine Füße auf dem Boden, wie lang er dann dasitzt an der Kante, ins Leere schaut. Aber bestimmt würd ich vermissen, wie er meine Wangen küsst, zuerst links, dann rechts, sehr hoch oben, am höchsten Punkt des Wangenknochens, nicht weit vom Auge entfernt, sodass ich blinzle. Und wer wird meine Dunkelheit aushalten wie Josef, so geduldig. Und meine Schnelligkeit, in die ich manchmal falle.

 

Die Sonne scheint mir ohne Wärme ins Gesicht.

Der Himmel über mir ist himmelblau, wie der Boden im Allgemeinen Krankenhaus, wo ich seit einem Jahr schon nicht mehr war.

Vermiss es nicht.

Das AKH denkt viel an mich.

2

Blumenranken. Gelblich von jahrzehntelang gerauchten Zigaretten. Auf der Höhe meiner Hand die Klinke. Winzig. Tapetentüre.

Dahinter: beschlagene Fenster, unter der Decke kühler Dampf.

Am Boden in Trögen aus Plastik schneeweiß verschlungene Wäsche, durchscheinend vor Nässe. Sie aufzuhängen ist kein Platz. Der ganze Raum ist besetzt von knittrigen Vierecken, die einen auf Gestellen, die anderen an Leinen und wieder andere, die sich grob gefaltet auf den Sesseln zu Bergen türmen, staubtrockenen.

In der Mitte des Raums: das Bügelbrett.

Da steht der Küchengehilfe, ein bisschen fahl im grellen Licht. Sein Gesicht kindlich, obwohl er über vierzig ist. Volle Wangen, grüne Augen, helles Haar; ein bisschen verschwitzt von der Arbeit, dunkler als das letzte Mal. Das Bügeleisen in seiner Hand faucht Dampf.

Juschik heißt er, glaub ich. Auf dem Kasten hinter ihm ein Spritzer und runzelige, längst ausgekühlte Sacherwürstel.

Ich häng den Mantel in den Spind.

Eine Zeitung fällt mir entgegen. Süß, sagt Juschik und nimmt mir das Heft vorsichtig aus der Hand. Er hält mir eine Seite hin, die sich schon automatisch aufgeschlagen hat, hot, sagt er und deutet auf einen Politiker, sein mit Schmissen übersätes Gesicht, bloßfüßig vor einem Bauernhaus. Daneben sind Entwürfe der Uniform einer paramilitärischen Palastgarde abgebildet. Überdimensionierte Schulterpartie, enge Hose, achteckige Kappe. Juschik blättert routiniert weiter bis zum sinnenden Gesicht eines Astronomen, über dessen Äußeres er schweigt. Nachtblauer Kajal, schmale vollkommen ungewölbte Lippen. Ich lese laut: Auslöschung der Menschheit?Beteigeuze wird Supernova im Lauf der nächsten zwanzig Jahre!UnsereOzonschicht durch Gammablitz bedroht!

Juschik: Beteigeuze?

Leise murmle ich, als müsst ich verhindern, dass der rote Überriese uns belauscht. Ein Stern im Sternbild Orion, er ist sehr interessant.

Ich schlüpfe in die schwarze Bluse mit dem weißen Kragen. Hebe die Arme hinter den Kopf und versuche, die winzige Schlinge über das kugelige Knöpfchen tief in meinem Nacken zu schieben. Juschik räuspert sich, schließt es mit einem Griff.

Theresa, sag, sagt er.

Theresa: Hab ich doch gesagt.

Juschik: Schweigend warst du.

Ich schau ihn verdutzt an. Mit der Zigarette im Mundwinkel verwandelt er knittrige Quadrate in glatte, vor ein paar Tagen ists mir schon passiert, dass ich dachte, ich hätte etwas gesagt, das ich nur dachte. Ich spreche nicht gerne seit ein paar Wochen, ist eine Nebenwirkung der Tabletten. Mundtrockenheit. Alle Worte voller Staub. Oft sag ich nichts. Wenn ich dann doch spreche, ist in meinem Hals ein Kratzen.

Ein Stern, Juschik, im Orion. Das war ein Jäger. Der hat zwei Hunde gehabt und drei Väter.

Schäferhund?

Weiß nicht. Die haben Sirius und Prokyon geheißen.

Prokyon?

Und drei Väter, Juschik. Poseidon, Ares, Zeus.

Oh!

Die haben ihr Sperma in einem Sackerl vermischt.

Leben die noch?

Vermutlich.

Vielleicht sind sie auf Grindr.

Vielleicht.

Aussehen?

Von wem?

Jäger.

Breite Schultern, Beteigeuze und Bellatrix. Sein Gürtel ist aus Alnitak, Alnilam, Mintaka gemacht, darunter das Schwertgehänge: Orionnebel. Rigel und Saiph, seine Füße, riesig sind die. Und über allem thront Meissa, das Haupt.

Talente?

Sehr talentiert. Hat von Poseidon gelernt, wie man auf Wasser geht.

Charakter?

Nicht so gut.

Oj.

Er hat das Töten der Tiere geliebt. Da gab es auf Kreta bald keine Tiere mehr.

Ojojoj.

Eine Frau hat er vergewaltigt.

Kretyn.

Zur Strafe wird er geblendet.

Okay.

Und ein Skorpion hat ihn vergiftet und Artemis hat ihn getötet und Artemis hat ihn geliebt und dann auch getötet, versehentlich.

Wie kommt auf Himmel?

Nach seinem Tod wird er dorthin versetzt.

Von wem?

Von irgendwem.

Er drückt mir eine Bürste in die Hand. Ich fahr mir durch die Haare, struppig sind sie vom Wind, bleib oft hängen, brauche beide Hände, während Juschik wie einen Zauberspruch Alnitak, Alnilam, Mintaka wiederholtund dann nebenbei erwähnt, etwas sei seltsam heute, die Tür zum Stiegenhaus sei in der Früh zwar geschlossen, aber unversperrt gewesen.

Juschik: Habe ich Milana gesagt. Milana hat Chef gesagt. Chef war da. Hat kontrolliert. Geld da. Schnaps da. Fehlen tut null Zigarette.

Theresa: Vielleicht hat jemand vergessen abzusperren?

Vielleicht Einbrecher gekommen in der Nacht, vielleicht nix.

Ich schau Juschik an und schau mich um in einem plötzlich fremden Zimmer. Gestern Abend, bevor ich ging, da fiel das Licht von der Otto-Bauer-Gasse durch die riesigen Fenster ins Café hinein. Im hellen Zwielicht der grüne, der rote, der blaue Salon; die hofseitigen Hinterzimmer aber waren bis zur Decke angefüllt mit Finsternis. Ich kann sie schon auswendig: Bügelzimmer, Waschmaschinenraum, Personaltoilette, Vorratslager und dann der gewinkelte Gang, der sich teilt. Einer führt zu den Gästetoiletten hinaus, der andere zu einem Gitter, das die Hinterzimmer mit dem Stiegenhaus verbindet, von da kommt man zu den Mülltonnen in den Hof. Eisern ranken sich die Blumen und ich seh vor mir, wie sich das rabenschwarze Gitter leise quietschend durch die Dunkelheit bewegt.

Juschik: Chef nix Polizei ruft. Aber schaut und sucht. Kuchl. Hinterhof. Schaut böse mit den Augen.

Theresa: Muss ich deswegen das Lager abzählen.

Juschik nickt. Langsam dreh ich mir mit einer Hand die Haare zu einer Schnecke, steck sie mit der Spange hoch. Fisch den Lippenstift aus meiner Manteltasche. Lady Danger. Mal mir zwei Punkte auf die Wangen, rotorange, die verwisch ich, bis die Farbe fast verschwunden ist, wie verdünnt von Wasser.

Juschik: Apfelkiste, Orangenkiste, auch Kiste mit Zitronen, verschoben. Nicht stark. Leicht. Chef kommt. Schaut. Sagt, ich hab nach Dienst Wein betrunken und Orangen genommen.

Er fischt nach einer weinroten Schürze, deren Bänder sind in den Bändern der andren weinroten Schürzen verheddert, unter den raschen Bewegungen seiner Arme knirscht das Gestell vom Bügelbrett. Angenehm ist es, die Schürze so warm um die Taille zu binden, wie frisch gebacken, und ich heb den Kopf, weil sich das Geräusch hoher Absätze hinter der Tapetentüre nähert, die schon jemand mühsam aufzuziehen begonnen hat.

Ein Mann steht da mit Backenbart und rötlich krausem Haar.

Er drückt die Türe zu, nur um sie gleich wieder zu öffnen.

Juschik, routiniert: Durch blaue Salon, rote Salon, grüne Salon, hinter Tisch mit Zeitung Türe Toilette, bitte.

Gast: Nein, verzeihen Sie, ich wollte nur diese Türe ausprobieren, sehen Sie, ich bin Liebhaber von Antiquitäten und diese Klinke hier ist wirklich sensationell.

Juschik: Was hat er?

Theresa: Er spricht über die Türe.

Gast: Auch Ihr Ofen, American Heating, wirklich erlesen, eine Rarität, nein, eine rare Erlesenheit.

Juschik: Personal, Herr. Privat.

Gast: Bitte entschuldigen Sie, aber können Sie helfen, in meiner Aktentasche bewahre ich stets ein Reservehemd auf, man weiß nie, und nun das: Es hat einen Fleck. Sehen Sie, Marmelade.

Theresa: Kirsche?

Juschik: Brudasku.

Theresa: Was?

Gast: Dreckspatz, sagt er. Haben Sie vielleicht etwas Papier bei der Hand, das ich mir leihen könnte?

Er wischt mit einer Serviette über das Hemd, das in seiner Aktentasche liegt, ich werde sie selbstverständlich ersetzen, sagt er, verteilt die Marmelade, deutet auf die Serviette.

Juschik: Nix!

Gast: Pardon?

Juschik: Schene Hemd kaputt.

Gast: Ich verbitte mir einen solchen Ton.

Chef: Was ist hier los, die Gästetoilette is vorn, bitte sehr.

Juschik: Alles perfekt, alles perfekt!

Gast: Ein Notfall.

Chef: Tamara, kannst du bitte was hackeln.

Juschik: Theresa.

Chef: