Bettinas Seitensprung - Michael J. Kielhorn - E-Book

Bettinas Seitensprung E-Book

Michael J. Kielhorn

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Beschreibung

Eines Tages erfährt Jürgen Popol, Hausmeister in einer Gardinenfabrik, der kurz zuvor durch die Falschaussage einer Arbeitskollegin wegen sexuellen Andeutungen von seinem Chef beurlaubt wurde, dass seine attraktive Frau vor kurzem eine außereheliche flüchtige Affäre mit ihrem Arbeitgeber, einem Restaurantbetreiber hatte. Doch statt der zu erwartenden Trennung oder eines drohenden Ehekrieges nach Bettinas Seitensprung offenbart Jürgen seiner Frau überraschenderweise ein ungewöhnliches Geständnis.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Michael J. Kielhorn

BETTINAS SEITENSPRUNG

Roman

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2024

Alle Ereignisse, Orte, Personen und Namen des vorliegenden Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder bereits verstorbenen Personen wären daher unbeabsichtigt und rein zufällig. (Der Verfasser)

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttps://dnb.de abrufbar.

Copyright (2024) Engelsdorfer Verlag Leipzig Alle Rechte beim Autor

Titelbild © Martin [Adobe Stock]

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung:Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Erstes Kapitel: Södermannstraße Nr. 4

Zweites Kapitel: Die Beichte

Drittes Kapitel: Heikle Probleme

Viertes Kapitel: Blitzeis

ERSTES KAPITEL:

SÖDERMANNSTRAßE NR. 4

 

Mit einem zarten Hauch des Frühlings verabschiedete sich der Winter in den frühen Morgenstunden am 20.03.1988 in der Stadt Lohr am Main. Bereits kurz nach 7.00 Uhr durchbrachen die ersten goldenen Sonnenstrahlen die graue Wolkendecke und glitten gemächlich über die Dächer der Häuser hinweg.

In der Innenstadt herrschte reger Verkehr und auf dem Main zogen Frachtschiffe, Tanker und Segelboote an der Stadt vorbei. Auf der rechten Seite der Södermannstraße Nr. 4 befand sich ein zweistöckiges städtisches Miethaus mit sechs Wohnungen.

Parterre links wohnte Fräulein Gisela Müller, eine neugierige alte Jungfer, gertenschlank mit silbergrauem kurzem Haar und einer krächzender Stimme. Das kleine Fräulein besaß einen blauen Wellensittich und ein sehr altes Opernglas, mit dem sie täglich kontinuierlich die Straße überwachte. Gegenüber rechts wohnte Udo Plauen, ein wortkarger kauziger alter Witwer, der zeitlebens an die Existenz von Außerirdischen glaubte, mit seinem fast erblindeten Schäferhund Nero. Im ersten Stock links befand sich die Wohnung von der 35-jährigen attraktiven schwarzhaarigen Italienerin Lavinia Napoli sowie deren gleichaltrigen ebenso hübschen Platin blonden amerikanischen Lebensgefährtin Deanna Davis. Beide arbeiteten angeblich in Würzburg als Verkäuferinnen in Lebensmittelgeschäften, was anfangs auch stimmte. Aber seit der zufälligen Bekanntschaft mit Adrian Claasen, einem ehemaligen Zuhälter aus Hamburg, waren „die Sirenen von Lohr“ seit nunmehr zwei Jahren bei seiner Agentur im horizontalen Gewerbe als Begleitservice von vermögenden Geschäftsleuten tätig. Rechts im ersten Stock wohnte der 42-jährige Busfahrer Volker Eckstein mit seiner Frau Irene. Im zweiten Stock links wohnte der 24-jährige ledige Roland Ribarsky mit seiner verwitweten Großmutter Ariane Büttner. Seine Eltern starben vor drei Jahren bei einem Autounfall. Rechts gegenüber wohnte das Ehepaar Jürgen und Bettina Popol, beide berufstätig. Bettina arbeitete halbtags als Kellnerin im Restaurant Martinsklause; Jürgen war in einer Gardinenfabrik in Aschaffenburg als Hausmeister tätig.

An diesem Sonntagmorgen um 8.00 Uhr klopfte Jürgen Popol im Schlafanzug energisch gegen die Wohnungstür gegenüber von Roland Ribarsky und dessen Großmutter, Ariane Büttner.

„Ruhe, verdammt noch mal! Roland, ich warne dich jetzt zum allerletzten Mal! Wenn du nicht sofort aufhörst, so früh morgens deiner Nachbarschaft mit dem blödsinnigen Gedudel dieser grässlichen lauten Musik auf die Nerven zu gehen, dann fahre ich morgen früh zur Stadtverwaltung, um mich über dich zu beschweren! Dass hält ja kein normaler Mensch aus! Zehn mal hintereinander das gleiche Lied! Und das auch noch am frühen Sonntagmorgen, wo doch jeder froh ist, wenn er mal ausschlafen kann oder zumindest seine Ruhe hat! – Schluss jetzt mit diesem albernen Gejodel! Hast du mich verstanden?!“

Roland Ribarsky bekam vor Zorn einen knallroten Kopf.

„Ja, ja, schon gut! Okay, Entschuldigung! Ich schalte den Plattenspieler sofort aus!“

Jürgen Popol nickte zufrieden und ging wieder in seine Wohnung.

„Dummes Arschloch!“, flüsterte Ribarsky, als die Wohnungstür von Popol mit einem lauten Knall zuflog.

Bettina Popol lag noch im Bett, war aber auch schon wach. „Na, hast du dem Ribarsky mal ordentlich Dampf gemacht?“

„Ja! Beim nächsten Schlagerkonzert werde ich umgehend die Stadtverwaltung informieren, das habe ich ihm auch unmissverständlich angedroht!“

Fünf Minuten später stand Roland Ribarsky im Bad und kämmte sein blondes Haar. Da flötete seine Großmutter aus der Küche „Wo willst du denn heute morgen schon so früh hin, Roland?“

„Zum Frühschoppen in die Martinsklause!“, antwortete ihr Enkel.

„Öffnen die denn schon so früh?“

„Ja, Oma. Ab neun Uhr!“

„Siehst du, das hast du nun davon! Ich habe dir schon immer gesagt, du sollst die Musik nicht so laut machen! Wenn der Popol sich tatsächlich über uns beschwert, dann fliegen wir hier vielleicht sogar noch aus der Wohnung!“, geiferte die Großmutter.

„Nein, Oma. So schnell geht das nicht! Da müssen erst mehrere Beschwerden eingereicht werden und außer dem Popol regt sich ja sonst niemand auf!“

Nach dem anschließenden Frühstück mit der Großmutter verließ Ribarsky das Haus. Vor genau drei Wochen hat der gelernte Installateur durch den unerwarteten Tod des alten Firmeninhabers mit noch zwei anderen Installateuren seinen Arbeitsplatz verloren. Nicht der erste Schicksalsschlag für den jungen Mann. Der plötzliche Unfalltod seiner Eltern hatte ihn damals sehr getroffen. Dann zerbrach wenige Wochen später auch noch seine Beziehung mit Martina Eggert, mit der er fast fünf Jahre zusammen war. Es dauerte über ein Jahr, bis er sich schließlich damit endgültig abfinden konnte. Seitdem hält sich sein Interesse für Frauen in überschaubaren Grenzen.

Da Roland Ribarsky nur sehr wenig Lust verspürte, erneut in einer anderen Firma in seinem Beruf tätig zu werden, keimte in ihm seit einigen Tagen der Gedanke, irgendwie auf bequemere Art und Weise zu Geld zu kommen. Bisher jedoch ohne Einfall. Nach einem kurzen Besuch in der Martinsklause, wo nur außer dem Wirt zwei Männer zum Bier trinken am Tresen saßen, die ihm lediglich vom Sehen her bekannt waren, schlenderte Ribarsky, nachdem er dort einen Cappuccino getrunken hatte, gelangweilt durch die belebte Innenstadt. Beim studieren der Anzeigen für amtliche Mitteilungen vor dem Rathaus fiel ihm zufällig die Todesanzeige von Anne Winkler ins Auge.

Ribarsky kannte deren Familie flüchtig, weil er vor etwa einem halben Jahr in ihrem luxuriös eingerichteten Landhaus, das sich am Ortsausgang von Lohr in der Waldstraße befand, beruflich zu tun hatte. Die Beerdigung sollte in der kommenden Woche am Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr stattfinden.

Da kam ihm plötzlich eine Idee.

Eine Beerdigung mit vorher stattfindendem Gottesdienst dauert etwa eineinhalb Stunden. Dazu kommt aber noch im Anschluss das Aufsuchen einer Gaststätte, um die zur Beerdigung von außerhalb angereisten Verwandten mit Speise und Trank zu verköstigen. Also ungefähr noch einmal eineinhalb Stunden! Drei Stunden, in denen wahrscheinlich im Landhaus quasi niemand anwesend ist.

Diese Zeit könnte man eventuell für einen Einbruch nutzen! Da damals am Landhaus das alte Regenrohr gegen ein neues ausgetauscht wurde, war ihm in Erinnerung geblieben, dass sich an der Rückwand des Hauses unter einem Lichtschacht mit Gitter ein Kellerfenster befand. Das Gitter entfernen und die Scheibe des Kellerfensters einschlagen ist kein großer Akt.

Aus dem Keller kann man dann vermutlich auch in die anderen Räume des Landhauses eindringen und nachschauen, ob sich Schmuck oder besser noch Bargeld finden lässt. Beseelt von diesen Gedanken begab sich Roland Ribarsky anschließend wieder auf den Heimweg.

Unterdessen kehrte auch Udo Plauen von seinem täglichen Spaziergang mit seinem Schäferhund Nero nach Hause zurück.

Der Rentner lief meistens gemütlich am Mainufer entlang, um nach den vorbei fahrenden Schiffen zu schauen, obwohl sich dort gerade Sonntagvormittag viele Hundebesitzer aufhielten, denen er aber nach Möglichkeit stets aus dem Weg ging.

Fräulein Gisela Müller saß seit 8.00 Uhr mit ihrem Opernglas am Fenster und sah Plauen mit seinem Hund kommen. Sie eilte daraufhin ins Bad, warf kurz einen Blick in den Spiegel, nahm dann in der Küche die Mülltüte aus dem Behälter und lief damit in den Flur, gerade als Udo Plauen mit Nero ins Haus kam.

„Ah …guten Morgen, Herr Plauen! Schon so früh unterwegs?“

„Früh? Es ist doch schon 1O.15 Uhr!“, entgegnete Plauen in barschem Ton und suchte dabei seinen Wohnungsschlüssel in seiner beigen Jacke.

„Ja, aber ich habe Sie auch beim weggehen gesehen, da war es gerade mal 8.30 Uhr! Na ja, wir sind eben Frühaufsteher, nicht wahr? – Waren viele Leute am Mainufer unterwegs?“

„Einige waren da, aber ich habe leider versäumt, sie zu zählen!“, antwortete Plauen bissig, dem ihre Fragerei auf die Nerven ging. Danach schloss er seine Wohnungstür auf und verschwand mit Nero im Inneren, während Fräulein Müller nach Luft schnappte und vor Zorn einen roten Kopf bekam.

„Also, Manieren haben manche Leute, das ist ja unfassbar!“ Dann brachte die Jungfer die Abfalltüte zur Mülltonne.

Der Busfahrer Volker Eckstein und seine Frau Irene waren am Samstagabend in Aschaffenburg mit Bekannten im Kino und kamen erst spät nach Hause. Als Lars Plauen mit Nero von seinem Spaziergang zurück kam, waren sie gerade erst aufgestanden. Irene begab sich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Ihr Mann studierte inzwischen im Wohnzimmer die Fernsehzeitschrift. Volker Eckstein horchte auf, als er vom Flur her im Treppenhaus feste Schritte vernahm, die von den Pumps seiner Nachbarinnen stammten. Lavinia Napoli und Deanna Davis hatten wohl die Nacht mit ihren „Kunden“ außer Haus verbracht und begaben sich nun in ihre Betten, um den versäumten Schlaf nachzuholen.

Eine Hitzewelle durchströmte Ecksteins Körper, nachdem die Schritte im Flur verklungen waren.

‚Was gäbe ich dafür, einmal im Leben mit so eine Frau Sex zu haben!‘, dachte der Busfahrer, der an diesem Sonntag dienstfrei hatte.

„Der Kaffee ist fertig!“, surrte Irene und riss ihn damit aus seinen sehnsüchtigen Gedanken. Sie waren in diesem Jahr seit elf Jahren verheiratet und vorher ein knappes Jahr verlobt. Die Ehe verlief normal, was soviel heißt wie ein bis zweimal Sex im Monat, mehr war nicht zu machen. Nicht mit dieser Frau, die viel zu prüde war und völlig phantasielos.

Am Anfang, da war das noch ganz anders. Aber mit den Jahren verebbt eben allmählich die Lust. Na ja, bei den meisten anderen Ehepaaren wird es wohl auch so sein, sinnierte Irenes Mann.

„Volker, komm bitte! Der Kaffee wird sonst kalt!“

„Ja doch, ich komme ja schon!“

Oben drüber, rechts im zweiten Stock, kam um die gleiche Uhrzeit die rothaarige Bettina Popol fertig geschminkt aus dem Badezimmer. Auch in dieser Ehe, die nunmehr seit acht Jahren bestand, zeigten sich bereits die ersten Risse. Bettina wollte mehr Zuwendung, die ihr Jürgen leider nicht allzu oft gab.

Der 38-jährige Mann war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihrem Begehren die unbedingt notwendige Aufmerksamkeit zu widmen. Das blieb allerdings nicht lange ohne Folgen.

Bettina musste sich beeilen, um pünktlich an ihre Arbeitsstelle, das Restaurant Martinsklause zu kommen, wo sie seit knapp drei Monaten als Kellnerin arbeitete und vor wenigen Tagen eine kurze Affäre mit dem verwitweten Restaurantbetreiber Torben Schneider hatte, dessen schwer krebskranke Frau im vergangenen Herbst nach langem Leiden verstorben war.

Die 37-jährige Bettina zog ihre grobmaschigen schwarzen Netzstrümpfe an, danach ihren blauen Tulpenrock, schlüpfte in ihre schwarzen hochhackigen Schuhe, warf ihre Jeansjacke über die Schulter, gab ihrem noch völlig ahnungslosen Mann einen Kuss auf die Wange und verließ dann hastig das Haus.

Am Sonntagabend nach der Tagesschau löschte Udo Plauen das Licht im Wohnzimmer, öffnete das Fenster und schob sein Spiegelteleskop vor den Sessel, um am Himmel die Sterne zu beobachten. Wenn Außerirdische mit ihren Raumschiffen unterwegs wären, würden sie vermutlich auf dem Mond einen Zwischenstopp einlegen. Davon war der 72-jährige Witwer fest überzeugt. Auch wenn seine Beobachtungen bisher zu keinem Erfolg geführt hatten, denn er hatte noch nie ein Ufo am Horizont entdeckt, hielt Plauen dennoch weiterhin stur daran fest, an die Existenz von Außerirdischen zu glauben. Möglicherweise waren diese fremdartigen Lebewesen sogar imstande, vorübergehend menschliche Gestalt anzunehmen, um unerkannt die Vorgänge auf der Erde aus der Nähe zu beobachten. Zumindest aber waren sie den Menschen von der Intelligenz her um Jahrhunderte voraus. In den Medien wurde schon oft von UFO’s berichtet, die angeblich völlig lautlos am Horizont aufgetaucht waren und ebenso schnell wieder verschwanden. Gegen 22.00 Uhr schloss Udo Plauen ohne UFO-Sichtung missmutig das Fenster, entfernte das Spiegelteleskop und begab sich anschließend ermüdet in sein Bett.

Irene und Volker Eckstein waren am späten Sonntagnachmittag am Mainufer spazieren gegangen und am Abend hatten sie sich zuhause im Wohnzimmer gemütlich vor den Fernseher gesetzt, um einen Spielfilm anzuschauen.

Doch der Film erfüllte nicht ihre Ansprüche und so gingen die Ecksteins frühzeitig zu Bett. Zaghafte Annäherungsversuche von Volker wurden von der 40-jährigen Irene mit dem schroffen Argument abgewiesen, sich zur Zeit nicht in geeigneter Stimmung zu befinden.

Roland Ribarskys Großmutter lag zu diesem Zeitpunkt bereits schlafend in ihrem Bett. Roland war auch schon zeitig in sein Bett gegangen, aber er konnte einfach noch nicht einschlafen.

Zu sehr hielten ihn die Gedanken von dem geplanten Einbruch wach. Da er so etwas noch nie im Leben getan hatte, krochen allmählich Bedenken in sein Hirn. Was ist, wenn ihn Nachbarn beobachten oder die Trauernden eventuell früher nach Hause kommen!? Aber diese quälenden Gedanken verdrängte er mit der Überzeugung: Nur wer wagt, gewinnt!

Dummerweise hatte Ribarsky zur Zeit keinen Führerschein.

Im vergangenen Herbst hatte er sich von einem Bekannten aus der Nachbarschaft dazu überreden lassen, trotz 1,6 % Alkohol im Blut an einem illegalen Autorennen teilzunehmen. Eine rein zufällig entgegenkommende Polizeistreife beendete das Rennen und die Führerscheine der beiden wurden einbehalten.

Erst am 3. Mai wird er seine Fahrerlaubnis wiederbekommen.

Der Montag verlief ebenso wie der Sonntag ohne besondere Vorkommnisse. Fräulein Müller beobachtete aus Langeweile mit ihrem Opernglas die Leute auf der Straße; Udo Plauen war mit Nero unterwegs; Jürgen Popol verrichtete in Aschaffenburg seine Arbeit als Hausmeister in der Gardinenfabrik; der Busfahrer Volker Eckstein hatte Spätdienst; Lavinia Napoli und Deanna Davis gingen am frühen Nachmittag wieder ihrer Beschäftigung als Begleitservice von Geschäftsleuten nach und Ariane Büttner, die Großmutter von Roland überlegte, was sie zum Essen kochen sollte. Am Dienstagmorgen, nach dem Frühstück begab sich Ribarsky in den Baumarkt, um einen Hammer zu kaufen. Als die Mittagszeit nahte und Ariane das Mittagessen servierte, es gab Kartoffelsalat mit Rindwürstchen, stocherte Roland lustlos mit der Gabel im Kartoffelsalat herum.

„Roland, was ist denn? Hast du heute schon wieder keinen Hunger?“

„Tut mir leid Oma … ich habe leider keinen Appetit!“

Die Großmutter verzog verärgert ihr Gesicht. „Aber du musst doch was essen! Gestern hast du auch nur wenig gegessen. Wie soll das denn weitergehen? Bedrückt dich irgendwas oder schmeckt dir mein Essen nicht mehr?“

Roland lächelte gequält. „Um Gottes Willen, nein Oma! Dein Essen schmeckt mir immer, aber in letzter Zeit habe ich leider nur sehr wenig Hunger. Ich weiß auch nicht, woran das liegt!“

„Dann solltest du vorsichtshalber mal zum Hausarzt gehen! Ich stelle den Teller in den Kühlschrank. Vielleicht kommt dein Hunger etwas später!“, motzte Ariane.

Eine Viertelstunde später verließ Roland Ribarsky das Haus. Den Hammer hatte er unter seiner grünen Jacke versteckt. Es war mittlerweile kurz nach 13.00 Uhr.

Um 14.00 Uhr war der Gottesdienst in der Kirche vorgesehen.

Das Anwesen der Familie Winkler befand sich am Ende der Waldstraße. Vor einer knappen Stunde hatte es aufgehört, zu regnen. Es war nasskalt, der Himmel bewölkt und etwa ein Dutzend Kolkraben kreisten kreischend über der Straße, bevor sie sich auf den Ästen der Kastanienbäume nieder ließen.

Gerade als Ribarsky in die Waldstraße hinein lief, kamen ihm auf dem Gehweg mehrere Leute mit versteinerter Miene in schwarzer Trauerkleidung entgegen.

Die Familie Winkler fuhr im silbernen BMW langsam an ihnen vorbei. Alles klappte bisher wunderbar, trotzdem beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Die wachsende Unsicherheit und der Druck in der Magengegend, den er bereits am Vormittag verspürt hatte, nahm allmählich immer mehr zu.

Dieses Gefühl verstärkte sich sofort, als Roland Ribarsky in der Einfahrt des Anwesens ein Fahrzeug entdeckte, einen blauen Renault. Ribarsky erschrak, er wurde kalkweiß im Gesicht.

Sein Herzschlag beschleunigte sich. Sollte etwa doch noch jemand im Haus anwesend sein? Zögernd blieb Ribarsky stehen. Eigentlich verspürte er zu diesem Zeitpunkt schon gar keine Lust mehr, sein Vorhaben auszuführen.

Dann war plötzlich aus der Ferne ein Martinshorn zu vernehmen, das immer lauter wurde! Ein Krankenwagen bog in die Waldstraße ein und hielt vor einem Haus auf der linken Straßenseite. Zwei Sanitäter sprangen aus dem Rettungswagen und liefen ins Haus. Kurze Zeit später führten die Sanitäter einen älteren weißhaarigen Mann zum Rettungswagen.

Nach weiteren fünf Minuten fuhr der Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene davon. Inzwischen hatten sich mehrere Personen auf der Straße eingefunden, um ebenfalls Zeuge des Krankentransportes zu werden. Ribarsky gab sich einen Ruck, nachdem die Leute wieder in ihren Häusern verschwunden waren und lief zum Landhaus der Winklers. Um sicher zu sein, dass niemand mehr im Haus anwesend war, betätigte er die Klingel an der Haustür! Im gleichen Moment schoss ihm siedend heiß durch den Kopf, dass er gar nicht wusste, was er sagen sollte, falls jemand die Haustür öffnen würde!

Aber es kam Gott sei Dank keiner! Ribarsky blickte sich vorsichtshalber noch einmal um. Außer einem Briefträger am Anfang der Waldstraße war niemand zu sehen.

Ribarsky lief mit klopfendem Herzen ums Landhaus.

Vor dem Gitter auf dem Lichtschacht vor der Rückwand des Anwesens blieb er stehen. Es war zum Glück nicht durch ein Schloss gesichert. Jetzt oder nie!

Ribarsky holte den Hammer unter seiner Jacke hervor, bückte sich und riss damit das Gitter aus dem Schacht. Kaum war das geschehen, vernahm er plötzlich wütendes Hundegebell hinter sich! Ribarsky warf sich heftig erschrocken herum!

Ein weißer Spitz rannte auf ihn zu! So schnell wie er nur konnte, flüchtete Ribarsky von dem Anwesen! Doch der Spitz war noch schneller und verbiss sich in seine braune Kordhose, worauf diese einriss, was Ribarsky mit einem Aufschrei quittierte!

Aber er entkam! Der Spitz gab die Verfolgung bereits nach wenigen Sätzen auf. Sein Herz galoppierte noch, als er nach einem kurzen Sprint mit schnellen Schritten die Straße entlang lief. Den Hammer hatte Ribarsky auf seiner Flucht verloren.

Vorerst hatte der gescheiterte „Möchtegern-Einbrecher“ die Nase gestrichen voll! Wo war denn der Hund so plötzlich hergekommen? Er konnte sich nicht daran erinnern, damals einen Spitz beim Landhaus gesehen zu haben.

Aber inzwischen war ja über ein halbes Jahr vergangen.

Wie auch immer, jedenfalls braucht er sich in den nächsten Monaten hier vorsichtshalber nicht wieder blicken zu lassen.

Der Spitz würde ihn sofort am Geruch wiedererkennen.

Im Grunde genommen war ja noch nichts geschehen, was einen versuchten Einbruch vermuten ließ. Dass das Gitter nicht mehr auf dem Lichtschacht lag, konnte auch andere Gründe haben. Außerdem ist zu vermuten, dass die Winklers durch den Trauerfall vorerst gar nicht bemerken, dass das Gitter entfernt wurde. Als Ribarsky wenig später in die Schillerstraße kam, sah er in einiger Entfernung auf dem Gehweg das Fräulein Müller, die sich mit einer etwa gleichaltrigen Frau unterhielt.

„Na, die alte Müller hat mir jetzt gerade noch gefehlt! Diese Quasseltante treibt sich scheinbar überall herum! Hoffentlich hat sie mich noch nicht gesehen!“

Um ihr wegen der eingerissenen Hose nicht über den Weg zu laufen, denn das hätte sie sofort registriert und womöglich unangenehme Fragen gestellt, lief er in die andere Richtung davon.

Der Rentner Udo Plauen war sehr schlecht gelaunt.

Beim Spaziergang am frühen Morgen hatte ihn ein anderer Hundebesitzer angesprochen und ihm mitgeteilt, dass wieder mal jemand vergiftete Fleischbrocken am Mainufer verstreut hatte, offenbar irgendein Hundehasser.

Das war bereits das zweite Mal in diesem Jahr. In der dritten Januarwoche waren die ersten Fleischbällchen aus zusammen gerolltem Hackfleisch gefunden worden, nachdem zwei Hunde mit Vergiftungserscheinungen von ihren Besitzern zum Tierarzt gebracht wurden. Beide Hunde, ein Dackel und ein Foxterrier überlebten die mit Rattengift vermischten Fleischbällchen nicht. „Wurde die Polizei schon informiert?“, fragte Plauen besorgt.

„Ja! Meine Nachbarin, die Frau Schlüter hat am frühen Morgen die Giftköder entdeckt und ist sofort zur Polizeistation gelaufen, um das zu melden. Die Polizei hat daraufhin das Mainufer zusammen mit einigen Männern von den Stadtwerken systematisch abgesucht und die Köder eingesammelt!“

„Man sollte dieses Schwein zwingen, die Giftköder selber zu fressen!“, polterte Udo Plauen.

Der Hundebesitzer, der ihn gewarnt hatte, stimmte ihm lächelnd zu, bevor er mit seinem schwarzen Pudel den Weg fortsetzte. Zuhause gönnte sich Udo Plauen einen Wodka, bevor er den Fernseher einschaltete.

Eine Viertelstunde später klingelte jemand an seiner Haustür. Es war die neugierige Gisela Müller, die vom Stadtbummel zurück gekommen war. Unterwegs hatte das 71-jährige Fräulein von einer Bekannten gehört, dass schon wieder Giftköder am Mainufer ausgestreut worden waren und teilte diese Information dem Rentner mit. Ausnahmsweise reagierte Udo Plauen daraufhin ungewöhnlich freundlich und lud Gisela Müller sogar zum Kaffee trinken ein. Selbst Nero war erstaunt.

Als die Jungfer sich eine knappe Stunde später endlich wieder in ihre Wohnung begab, atmete Plauen erleichtert auf.

Dann lief er zu seiner Kommode und brachte seinen wertvollen Fund zum Vorschein, ein Meteorit, kaum größer als ein Billardball, aber im Verhältnis zur Größe ziemlich schwer.

Plauen hatte ihn im Herbst auf einem Spaziergang im Wald zufällig gefunden. Gedankenverloren lief Plauen damals mit seinem Schäferhund den Waldweg entlang, da blieb Nero plötzlich abrupt stehen. Seine Nackenhaare sträubten sich und er fing an, zu knurren, was eigentlich nur selten der Fall war.

Nero witterte Gefahr! Der Rentner sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, konnte aber niemanden sehen und nichts Ungewöhnliches entdecken. Es war auch außer dem Geräusch des Herbstwindes nichts zu hören. Nach einer Weile verlor Plauen die Geduld und wollte weiterlaufen, aber Nero weigerte sich, den Weg fortzusetzen. Er blickte fortwährend ängstlich in den dunklen Fichtenwald hinein.

Nero knurrte nicht mehr, sondern zog seinen Schwanz ein und winselte. Was hatte das zu bedeuten!? Außerirdische? Udo Plauen beschloss, diesem Sachverhalt auf den Grund zu gehen.

Er verließ den Weg und drang in den dichten Fichtenwald ein.

In der Erwartung, eventuell dort eine Leiche zu finden, lief ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Erst vor wenigen Tagen wurde in den Nachrichten die Mitteilung verkündet, dass eine junge Pilzsucherin früh morgens im Wald bei Würzburg eine männliche Leiche entdeckt hatte, die dort wohl schon einige Tage gelegen hatte. Ein Verbrechen konnte aber nach der Obduktion des Toten ausgeschlossen werden. Der 70-jährige Mann hatte wahrscheinlich einen Herzinfarkt erlitten, an dem er gestorben war. Plauen wollte schon umkehren, da sah er am Boden in einer kleinen Mulde vor sich den Meteorit liegen!

Erstaunt hob er ihn auf, betrachtete den Fund von allen Seiten und steckte ihn erfreut in seine Jacke. Danach kehrte er zum Waldweg zurück, wo Nero ängstlich auf sein Herrchen gewartet hatte.

„Es ist alles in Ordnung, Nero! Komm, lass uns jetzt weiterlaufen!“

Aber Nero weigerte sich nach wie vor, den Weg fortzusetzen. Den Meteorit konnte er nicht gerochen haben. Also musste es einen anderen Grund für sein stures Verhalten geben. Der offenbarte sich, als bereits kurz darauf in einiger Entfernung eine Rotte Wildschweine aus dem Fichtenwald über den Weg in den gegenüber liegenden Buchenwald wechselte.

In Erinnerung an dieses Erlebnis lächelte Plauen still vor sich hin. Als der Rentner kurz darauf Schritte im Flur hörte, legte er den Meteorit schnell wieder in die Kommode zurück.

Es war Roland Ribarsky, der nach seinem missglückten Einbruchsversuch noch über eine Stunde in Lohr unterwegs war, um sich von diesem negativen Erlebnis abzulenken.

Seine Großmutter war zum Glück nicht zu Hause, sodass er die eingerissene Kordhose schnell gegen eine andere austauschen konnte. Die kaputte Hose warf er vorm Haus in die Mülltonne.

Im Anschluss ging Ribarsky in die Küche, trank ein Glas Milch, verzog sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein … Für den Busfahrer Volker Eckstein begann in dieser Woche sein Fahrdienst am Dienstag in der Früh um 5.30 Uhr an der Bushaltestelle vom Lohrer Bahnhof, nachdem er vorher den Bus vom Busbahnhof der Kreiswerke abgeholt hatte.

Bis um 10. 00 Uhr gab es keine nennenswerte Probleme.

Als jedoch kurz danach ein Fahrkartenkontrolleur in den Bus einstieg und die Fahrkarten der Insassen überprüfte, kam es zu einer Rangelei mit einem der Fahrgäste, der schnell noch an der nächsten Haltestelle aus dem Bus flüchten wollte, was der Kontrolleur aber verhinderte, in dem er den jungen Mann am Ärmel packte und festhielt. „Hiergeblieben Freundchen!“

„Loslassen! Das ist Freiheitsberaubung!“, schrie der junge Mann und wollte sich losreißen, was ihm aber nicht gelang.

Volker Eckstein sprang sofort vom Fahrersitz auf und kam dem Fahrkartenkontrolleur zu Hilfe, der mit dem Schwarzfahrer, der sich gegen die Festnahme mit Händen und Füßen wehrte, kämpfte.

„Verdammte Dreckschweine!“, kreischte Uwe Hahn, so hieß der Überrumpelte.