Between - Unsterbliche Liebe - Björn Tischer - E-Book

Between - Unsterbliche Liebe E-Book

Björn Tischer

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Beschreibung

Nachdem Anthony brutal von einem Dämon in Menschengestalt aus dem Leben gerissen wird,bleibt seine große Liebe Samantha mit gebrochenem Herzen zurück. Doch Anthony ist nicht tot! Vor seinem Ableben schließt er einen Pakt mit dem Engel Dalarion, der ihm erneutes Leben schenkt. Im Gegenzug verpflichtet sich Anthony an Dalarions Seite gegen die Dämonen auf der Erde zu kämpfen. Die einzige Regel dieses Pakts... Anthony muss sein altes Leben zurücklassen, ohne jemals wieder dorthin zurückkehren zu dürfen! Doch Anthony kann seine Liebe zu Samantha nicht vergessen und so zieht es ihn eines Tages zurück in sein altes Leben. Ein Regelbruch, der nicht lange ohne Folgen bleibt....

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Kapitel 1

„Ein ganz normaler Tag“

Langsam wurde es Nacht über dem Bundesstaat New York und überall in der Metropole löste das Nachtleben den tristen Arbeitsalltag ab. Die Neonschilder summten leise vor sich hin und erhellten mit all ihren Farbspielen die Straßen der City. Aus den Inn-Bars und Kneipen drang die Musik bis auf den Gehsteig, gelbe Taxen bahnten sich mit Hupkonzerten in Schlangenlinien den Weg durch die vom Verkehr verstopften vierspurigen Asphaltwege und die Restaurants füllten sich.

Ganz normal für einen Mittwochabend 21:00 Uhr in der Großstadt. Nur heute hatte sie einen geheimen Beobachter, weit entfernt von allem Trubel und sicher verborgen in der Dunkelheit. Auf einem Dachsims eines achtstöckigen Hauses der 8. Ecke Meddis-Road saß Dalarion wie ein Adler, der seine Beute beobachtet und jeder Zeit zum Angriff bereit, in gehockter Haltung. Sein schwerer schwarzer Ledermantel wehte leicht im Wind und auch seine Haare folgten dem Windspiel in alle Richtungen. Der Schein des Mondes ließ manchmal sein von Narben gezeichnetes Gesicht erahnen, verbarg aber trotzdem seine Identität.

Von hier oben sah die Stadt nicht größer aus, als eine Ameisenkolonie und die Menschen in ihren Straßen nicht anders als aufgescheuchte kleine Insekten.

Er fühlte es... Bald ist es soweit…Bald würde er Zuwachs des ersten Cleaners bekommen. Die Zeit ist nah, endlich wieder eine Gruppe von Verbündeten gegen den Krieg der Alkataren anzuführen.

Dalarion richtete sich auf, streckte die Arme seitlich von seinem Körper und verharrte eine Sekunde in dieser Position. Ein Obdachloser, der sich in einer Seitengasse unterhalb des Gebäudes aufhielt und den Hausmüll der dortigen Anwohner nach Essensresten durchstöberte, bemerkte den Schatten von Dalarion, der durch den Schein des Mondes auf die gegenüberliegenden Hauswand projiziert wurde. Er stellte seine Suche nach nicht verdorbenen Nahrungsmitteln ein und starrte mit offenem Mund nach oben.

Er traute seinen Augen kaum, als sich die Gestalt langsam vom Sims nach vorne in die Tiefe fallen ließ und im Nichts verschwand.

Er rieb sich die Augen, schüttelte den Kopf, rückte seine dreckige Baseballkap nervös hin und her und schmiss seine halb volle Whiskyflasche in eine dunkle Ecke.

„ Ich glaub, das Zeug is nicht mehr gut“

Die Flasche verbrach klirrend an einer Hauswand und der Obdachlose machte sich schnell aus dem Staub!

Zeitgleich in dem New Yorker Vorort Staaten Island, gingen einige Bewohner ein letztes Mal an diesem Tag mit ihren Hunden vor die Tür. Andere wiederum setzten ihre Autos in die Garagen oder saßen schon gemütlich mit ihrer Familie am Fernseher.

Die Straßen wurden von Laternen in ein schwaches schummriges Licht gesetzt. In und um ihren Lichtkegel versammelten sich Motten oder andere Insekten, die vom Licht wie ein Magnet in ihren Bann gezogen wurden. Schnell und ohne Orientierung flogen sie gegen die Glaskuppel und prallten mit einem leisen dumpfen Geräusch wieder von ihr ab.

Es dauerte bis kurz nach Mitternacht, bis sich das komplette Leben von der Straße verabschiedet hatte. Nur das schwache Licht der Verandabeleuchtungen oder das vereinzelt flackernde Licht von Fernsehgeräten, das von den Fenstern auf den Gehsteig oder Vorgarten schien erhellte noch leicht die Nacht. So auch auf der Kensington Road, einer langen Straße, die in einem ovalen Wendekreis endete.

Die Häuser links und rechts des Straßenrandes waren bis auf vereinzelte Ausnahmen in das typische grau der Nacht getaucht. In der Mitte des Wendekreises, wo sich linke und rechte Straßenseite trafen, stand das Haus der Leerys. Es war eine warme, besser gesagt eine schwüle Julinacht, die das einschlafen nicht gerade leicht machte.

Viele Fenster der obersten Etagen waren leicht, manche sogar ganz geöffnet, um ein wenig Luftzirkulation in die Schlafzimmer zu bringen. Auch am Haus der Leerys war ein Fenster des obersten Stockwerks weit geöffnet.

Es war das Fenster von Anthony Leery. Der achtzehnjährige Sohn des Fabrikarbeiters John Leery und der Aushilfskraft Sarah Leery lag in Shorts auf seinem Bett. Neben ihm auf dem Boden lag seine Decke, die er kurze Zeit zuvor mit ein paar strampelnden Bewegungen von seinem Körper entfernte. Die Hitze in seinem Zimmer war trotz weit geöffnetem Fenster unerträglich. Der junge, circa hundertachtzig Zentimeter groß gewachsene Mann drehte sich mit stöhnenden und genervten Tönen von einer Seite zur anderen, in der Hoffnung endlich einschlafen zu können. Vergeblich…!!!

Rechts neben seinem Bett stand ein kleiner Tisch. Auf diesem Tisch fand ein Digitalwecker mit rotem Display und ein weißer mit Engelsflügeln verzierter Rahmen, der das Bild seiner Freundin Sam zeigte, Platz.

Er schaute mit einem halb offenen Auge auf den Digitalwecker. In diesem Augenblick sprang die Minutenanzeige des Weckers eine Minute weiter. Er rieb sich kurz die Augen, doch das änderte nichts an der angezeigten Zeit….01:03 Uhr

„Verdammt….“ murmelte er. „Was für eine beschissen schwüle Nacht. Wer zum Teufel kann bei dieser Affenhitze denn bitte pennen?“

Mit einem leisen “Ich könnt kotzen“ griff er unter sein Kopfkissen, wo er immer seine Fernbedienungen vergrub und holte die des Fernsehers und des Blu-Ray Players hervor.

Er knipste den Fernseher an, der mit einer Wandhalterung am Ende des Zimmers befestigt war. Das flimmern des Schneebildes auf dem Bildschirm ließ nun einen Blick durch das ganze Zimmer zu. An den Wänden hingen zwischen Base-Caps, alten Konzertkarten jede Menge von Postern. Auf dem Postern waren die Stars der Kultsportart Parcour zu sehen, in allen Posen und Figuren, die nicht perfekter hätten in Szene gesetzt werden können.

In einer Ecke türmte sich ein Stapel des Magazins „ Le parcour“, aus dem auch die Poster stammten, die die Tapete der Wand verdeckten.

Das Zimmer an sich stellte nicht nur zu 100% seine Interessen dar, sondern spiegelte auch das Motto seines Lebens wieder.

Chaos ist die beste Art der Ordnung!!!!!

Dieser Leitspruch war auch über den ganzen Boden zu erkennen oder wie seine Mutter ihn nannte “Tonys begehbarer Kleiderschrank“.

Anthony drehte sich auf den Rücken um einen besseren Blick auf den Fernseher zu bekommen. Er drückte die rote „POWER“ Taste des Players und der Schnee auf dem Schirm verwandelte sich in den Ladebildschirm einer Blu-Ray Disc.

Nach kurzen Ladegeräuschen löste ein mit Stuntszenen animiertes Menü den Ladebildschirm ab.

Anthony bewegte mit der Fernbedienung den Cursor durch das Menü, bis dieser den Begriff „Fortsetzen“ gelb untermalte. Dann wanderte sein Daumen, ohne das er auch nur einmal einen Blick drauf geworfen hat auf „OK“ und der Film startete.

Mit glänzenden Augen verfolgte Anthony jede einzelne Stuntszene und die, die er noch nicht richtig beherrschte, ließ er in Zeitlupe immer und immer wieder wiederholen, um jeden auch nur kleinsten Handgriff oder jede noch so kleine Fußbewegung zu studieren. Mit dieser Methode hatte er sich bis jetzt alle Figuren dieses akrobatischen Sports angeeignet und zur Perfektion gebracht. Aber der Weg bis hin zur Perfektion hatte ihn oft den Schmerz ins Gesicht getrieben und führte ihn Schnurrstraks in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses.

Er hatte schon aufgehört zu zählen, wie oft er sich Knochen gebrochen, Gliedmaßen verdreht oder Beulen am ganzen Körper zugezogen hatte. Ganz zu schweigen von den alltäglichen Abschürfungen bei etwas misslungenen Landungen nach Sprüngen oder Salti. Aber all diese Mühe und das Ertragen der Schmerzen hatten sich gelohnt. Er war gut, wenn nicht sogar der Beste Parcour-Läufer der Stadt.

Anthony, oder Tony, wie seine Freunde ihn nannten war ein sehr bescheidener Mensch. Auch was sein Können in Sachen Parcour anging. Er stapelte eher tief, als sich selber als gut zu bezeichnen. Diese Charaktereigenschaft machte ihn zu einem sehr beliebten Schüler. Er hatte viele Freunde und war überall gerne gesehen. Auch bei den Mädchen in seiner Schule war er sehr begehrt und sie schmachteten ihm nach, wenn er mal wieder nach der Schule im angrenzenden Park seine Figuren übte. Zur Freude der weiblichen Zuschauer nur mit schwarzer Trainingshose und weißem Muskelshirt bekleidet.

Und so bildeten sich nicht selten kurz nachdem er begann sich warm zu machen Menschentrauben in ein paar Metern Abstand zu ihm.

Es gab zwei Arten dieser Trauben. Die eine Fraktion waren die Jungs, die neidisch seinen Bewegungen folgten, aber großspurig nach wenigen Minuten behaupteten, dass sie das auch könnten, wenn sie wollten und die Andere gesetzt aus schmachtenden Mädels zusammen. Diese steckten ihre Köpfe zusammen und kicherten.

„Ist er nicht süß!?!“, „Guck dir diesen Körper an“ oder „Meinst du, er steht auf mich?“

Doch der Trubel um seine Person interessierte Tony nicht. Und vor allem interessierte er sich für keine dieser jungen und meist sehr hübschen Frauen. Denn er hatte nur Augen für ein Mädchen. Sam!

Tony stoppte das Video und nahm den weißen Bilderrahmen vom Tisch. In dem Rahmen befand sich ein Bild von Sam, aufgenommen vor ein paar Wochen bei einem gemeinsamen Ausflug an den nahe gelegenen Badesee. Sam hatte darauf einen kurzen blauen Rock und ein figurbetonendes gelbes Top an. Ihre Haare waren noch leicht feucht und einige ihrer blonden Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Im Hintergrund sah man den See mit einem Bootsanlegesteg.

„Mein hübscher Engel“ flüsterte Tony.

„Ob sie vielleicht gerade auch nicht einschlafen kann?“

„Vielleicht hat sie ihre Balkontür geöffnet und ich könnte mich einfach zu ihr ins Bett legen.“

„Sie würde morgen früh bestimmt Augen machen, wenn ich neben ihr liege würde.“

Sicher war, dass ihr Vater nicht zu Hause sein würde. Sam erzählte ihm nämlich, dass sie auf ihren kleinen Bruder aufpassen müsste, da ihr Vater in dieser Woche die Nachtschicht in der Fabrik übernommen hatte.

Kaum schoss dieser Gedanke durch seinen Kopf, beschloss er auch prompt, diesen in die Tat umzusetzen.

Er sprang von seinem Bett auf, zog sich schnell ein paar Klamotten die auf dem Boden lagen an und rannte auf sein Zimmerfenster zu. Im vollen Lauf legte er beide Handflächen auf das Fensterbrett, sprang mit beiden Beinen vom Boden ab und zog sie durch die Lücke zwischen den Armen. Kaum waren die Beine in einer Linie mit seinen Armen, stieß er sich vom Fensterbrett ab und flog in gehockter Stellung durchs Fenster. Er landete auf dem schmalen Vordach der Veranda, doch diese berührte er nur für einen Bruchteil einer Sekunde.

Das Verandadach diente lediglich als weiterer Abstoßpunkt für seinen zweiten Sprung. Vom Dach abgehoben zog er die Beine eng an seinen Körper und krümmte den Rücken, indem er den Kopf in Richtung Knie zog. Der Vorwärtssalto der sich aus der Kombination von Schwung und perfekter Körperhaltung entwickelte, landete er unbeschadet und weich auf dem Rasen des Vorgartens. Die Energie, die durch den Aufprall der Füße auf den Rasen freigesetzt wurde, ließ er durch eine Vorwärtsrolle abfließen um seine Gelenke nicht zu schädigen. Eine Sekunde später stand er auch schon wieder und rannte ansatzlos weiter in Richtung Straße.

Samwohnte nur ein paar Blocks entfernt. Zu Fuß waren es nicht einmal 10 Minuten, folgte man den dafür vorgesehenen Wegen. Doch Tonys Routenplanung beinhaltete keine normalen Straßenverläufe. Für ihn gab es nur querfeldein durch Gärten, über Zäune und Garagen. Dieser Weg war zwar schneller, aber vom Geräuschepegel manchmal nicht so angenehm für die Anwohner, deren Häuser sich auf seiner Route befanden!

Es gab Tage, da weckte er Hunde, die ihm lautstark hinterher kläfften oder stieß Mülleimer um, die mit ihrem metallischen Klang die Nachtruhe der Leute störten.

Nach etwa drei Minuten und geschätzten zwanzig überwundenen Hindernissen stand er vor Sams Haus. An der Hausfront war alles dunkel, aber das hatte nichts zu sagen, denn Sams Zimmer lag auf der anderen Seite des Hauses mit Blick auf den Garten. Tony schlich sich vorsichtig am Haus vorbei und kletterte über das verschlossene Gartentor. An der Hausecke angekommen, machte er einen Satz auf das vor sich hin summende Aggregat der Klimaanlage. Tony griff sich das Fallrohr der Regenrinne und stemmte seine Schuhe gegen die Fassade. So lief er senkrecht und ohne Mühe die Wand hoch und stand auf dem kleinen Balkon vor Sams Zimmer. Die Fenster und Türen waren trotz der schwül warmen Nacht geschlossen. Die installierte Klimaanlage machte es möglich.

„Mist“ rief Tony leise. „Scheiß Klimaanlagen!“

Sein Plan war zunichte gemacht worden. Durch eine lächerliche Klimaanlage. Da stand er nun und nur eine Tür trennte ihn und Sam.

So versuchte er sich schnell einen Plan B zurechtzulegen, als es ihn wie einen Blitz traf.

Er zog sich auf das Dach von Sams Zimmer und klopfte mit der flachen Hand des rechten Arms an ihrer Balkontür.

Einmal…ein zweites Mal…ein drittes…Nichts…!

„OK“, dachte er sich. Wenn du mich nicht hören willst! Ich kann auch fester!“

Er ballte die Hand zu einer Faust und hämmerte viermal gegen das Glas.

Das Zimmer hatte eine angenehme Temperatur und so lag Sam eingemummelt unter ihrer Decke, als sie vom Kram an ihrer Balkontür unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde. Sam sprang vor Schreck fast aus dem Bett. Sie streifte sich die Bettdecke vom Körper und setzte ihre nackten Füße auf den kalten Zimmerboden. Der kalte Boden verwandelte ihre leicht von der Sonne gebräunte Haut in eine Gänsehaut. Sie fror sichtlich. Barfuß und nur mit einer rosa Hotpants und T-Shirt bekleidet schlurfte sie in Richtung Balkontür.

„Bella, wenn du mir wieder die Blumen vom Balkon geschupst hast, dann gibt es keine Streicheleinheiten mehr“, murmelte sie vor sich hin, während sie den Schlüssel des Türschlosses drehte. Mit zwei kurzen metallischen Klicks fuhr das Schloss zurück.

Ihre rechte Hand ertastete unter einem Vorhang den Schalter der Außenbeleuchtung und gleichzeitig drückte ihre Linke die Türklinke herunter. Draußen erhellten jetzt die zwei, jeweils rechts und links neben der Tür angebrachten Lampen den kleinen Balkon. Sam öffnete die Tür und trat raus auf den Balkon.

„Bella?...Bella? Wo bist du?“

„Komm schon Kleine…Zeig dich ruhig!

Während Sam mit dem Rücken zu ihrem Zimmer stand und weiter nach Bella Ausschau hielt, griff Tony vorsichtig an die Kante des Daches und ließ sich kopfüber herab. Seine Füße landeten ohne nur das kleinste Geräusch von sich zu geben auf den Boden. Dann schlich er leise und unbemerkt, mit dem Blick auf Sam gerichtet in ihr Zimmer.

Plötzlich beendete Sam ihre Suche nach der Nachbarskatze, drehte sich um und bewegte sich zurück in ihr Zimmer. Leicht erschrocken hechtete Tony in Richtung des Bettes, rutschte über den Boden und bevor Sam ihn hätte entdecken können, verschwand auch das letzte Stück seines Fußes aus ihrem Sichtfeld.

„Wow…dachte er sich, das war aber ganz schön knapp! Hoffentlich hat sie nichts bemerkt“

Sam hatte von dem ganzen Treiben nichts mitbekommen und schloss die Balkontür hinter sich.

Das war jetzt die letzte Gelegenheit für Tony seinen Plan zu Ende bringen zu können und unbemerkt in Sams Bett zu gelangen.

Er kletterte aufs Bett, legte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter seinen Kopf. In dieser Position musste er nur noch warten, bis Sam sich umdrehen würde.

Sein Herz klopfte vor Aufregung so stark, dass er es in seinem Kopf hören konnte.

Dann wurde sein Warten belohnt! Sam drehte sich um!

Erschrocken von der Person auf ihrem Bett sprang sie reflexartig einen Schritt zurück und atmete laut ein. Doch nur eine Sekunde später verschwand der Schrecken aus ihrem Gesicht und ihre mandelfarbenden Augen fingen an zu leuchten.

Jetzt hatte sie endlich die Person auf ihrem Bett als ihren Freund Tony identifiziert.

Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und machte ihrem zugeführten Schrecken Luft.

„Du Arsch!!! Du hast mich zu Tode erschreckt, “ fauchte sie ihm entgegen.

Doch so ernst sie dabei auch bleiben wollte, die Freude war zu groß Tony zu sehen.

Mit einem riesen Satz sprang sie zu Tony ins Bett und umarmte ihn als ob sie ihn mindestens zwei Monate nicht mehr gesehen hatte.

Es waren zwar keine zwei Monate sondern nur drei Tage, wo sie sich das letzte Mal gesehen hatte, aber bei ihrer noch frischen Liebe war das eine Ewigkeit.

Diese gelegentlichen Pausen ließen sich aber leider nicht vermeiden. In Sams Leben hatte sich in den letzten Monaten sehr viel verändert.

Nach dem Tod ihrer Mutter vor knapp acht Monaten unterstützte sie ihren Vater so gut es nur ging, damit dieser mehr arbeiten gehen konnte um die Familie zu ernähren.

Das plötzliche und unerwartete versterben der Mutter hatte eine große Lücke in der Familie hinterlassen und Sam versuchte diese, so gut es ging zu schließen.

Sie rutschte unbewusst von der Rolle der großen Schwester in eine Art Mutterrolle und für ihre gerade einmal siebzehn Jahre meisterte sie diese neue Aufgabe hervorragend.

Diese Umstände sorgten dafür, dass sie sich an den Wochentagen kaum noch zu Gesicht bekamen. Sie gingen zwar auf dieselbe Schule, aber Sam war ein Jahr jünger als Tony und somit eine Klasse tiefer und Tony als kleiner Rebell nahm es eh ein wenig lockerer mit seiner Anwesenheit am Unterricht. Eine harte Bewährungsprobe für ihre noch junge Beziehung, doch die beiden schweißte alles nur noch mehr zusammen.

So genossen sie jede Minute ihrer Zweisamkeit intensiver denn je und ein Moment wie dieser machte es mal wieder deutlich, wie verliebt die beiden ineinander waren.

Bei dieser stürmischen Begrüßung brachte Tony nur ein zerknautschtes „Überraschung“ heraus, dann blieb ihm wieder die Luft weg.

Die Umarmung beruhigte sich und fand ihr Ende in einem leidenschaftlichen Kuss, bei dem beide die Augen geschlossen hielten.

„Und, wie bist du diesmal hierher gekommen? Sind wieder alle Nachbarn von dir geweckt worden, oder hast du zur Abwechslung mal den dafür vorgesehenen Weg genommen um mich besuchen zu kommen?“

Tony grinste nur und antwortete nicht auf diese Frage.

Dieses schelmische Grinsen war Sam Antwort genug.

„Warum frag ich überhaupt noch?“

Tony zuckte mit den Schultern und grinste weiter.

Beide lagen noch ein paar Minuten eng umschlungen da und erzählten sich die Ereignisse der letzten Tage, bis die Müdigkeit über beide siegte.

Am nächsten Morgen wachte Sam als erstes der beide auf. Sie beugte sich langsam über Tony, der immer noch fest schlief. Mit beiden Händen klemmte sie ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren damit sie Tony nicht kitzeln konnten. Dann näherte sie sich langsam Tonys Wange und setzte ihre Lippen behutsam auf ihr ab. Mit zärtlich kleinen Küssen holte sie Tony aus dem Schlaf.

„Mmmh, so möchte ich jeden Morgen geweckt werden“, flüsterte er.

Beide blieben noch zirka zehn Minuten Nasenspitze an Nasenspitze und den anderen anschauend im Bett liegen, bis der Wecker beide wieder aus ihrer Schwärmerei riss. Beide rollten genervt mit den Augen. Tony gab Sam noch schnell einen Kuss auf den Mund und sprang aus dem Bett. Noch ein wenig schlaftrunken sammelte er seine Sachen vom Fußboden und zog sich an.

Währenddessen schaffte es auch Sam sich aus dem bequemen Bett zu befreien. Sie schlurfte an Anthony vorbei, der schon fast angezogen war und verschwand mit einem

„Wir sehen uns dann gleich in der Schule, oder?“ in das angrenzende Badezimmer.

Tony schaute ihr noch kurz nach und ging dann in Richtung Balkon.

„Aber natürlich Süße! Ich hol noch eben meine Sachen von zu Hause und dann treffen wir uns vor der Schule, ok!“

Kaum hatte er diesen Satz zu Ende gesprochen, öffnete er auch schon die Balkontür, legte seine Hände auf die Balkonbrüstung und sprang auf den Rasen darunter und kurz danach verließ das Grundstück über das verschlossene Gartentor.

Wieder querfeldein durch die Nachbargärten in Richtung Elternhaus, versuchte er weitere Tricks. Alles lief perfekt und es lag nur noch ein schmaler lehmiger Gang vor ihm, der das Grundstück seiner Eltern vom Nachbarn trennte.

Dieser Pfad, der links von der Garagenmauer seiner Eltern und rechts von der Mauer des Nachbarhauses umgeben war, hatte nicht einmal die Breite von zwei Metern. In der Mitte dieses Ganges waren mehrere Holzlatten in den Boden eingelassen, damit niemand ihn als Abkürzung oder ähnliches benutzt.

Jedes Mal wenn Tony diesen Weg benutzte, schmunzelte er über dieses abschreckende unüberwindbare Hindernis. Doch heute fiel ihm beim Anblick der Gasse der neue Stunt aus seinem Parcour Video ein, das er gestern gesehen hatte.

Die Gegebenheiten waren einfach wie dafür geschaffen und Tonys Entschluss stand fest. Jetzt ist die Zeit den neuen Stunt zu versuchen. Er verharrte eine Weile und legte die genaue Route fest, die er gehen wollte und als er alle Eventualitäten in seinem Kopf durchgespielt hatte, rannte er los.

Schnell wie ein Blitz rannte er auf die Holzlatten zu und etwa zwei Meter vor ihnen sprang er rechts gegen die Mauer. Es sah aus, als würde er die Schwerkraft außer Kraft setzen, denn nun rannte er die Wand entlang. So überwand er ohne Mühe das Hindernis. Kurz bevor der nachlassende Schwung ihn hätte wieder auf den Boden landen lassen, stieß er sich von der Mauer ab und sprang hoch zur Dachkante der Garage. Er klammerte sich fest, zog sich aufs Dach und rannte ohne Pause weiter. Nun fehlte nur noch der krönende Abschluss, der Salto mit eingebauter Schraube von der Garage in den Vorgarten.

Er rannte zum Garagenende und wollte sich gerade mit den Füßen am Rand abstoßen, als unter der Belastung seines Körpergewichtes eine Schindel der Seitenverkleidung der Garage abbrach. Das kostete ihn die Balance. Er fiel kopfüber von der Garage und prallte hart mit dem Rücken auf den Rasen. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst, doch das war sein kleinstes Problem. Eine Laubharke, die mit den Zähnen nach oben auf dem Rasen lag, bohrte sich mit der äußersten Spitze tief in seinen Unterschenkel…

Währenddessen in der Nähe von Down Town, war Dalarion wieder in seinem Versteck angelangt.

Der dichte Wald hüllte das Anwesen in ein schattiges kaltes Schwarz. Nur vereinzelt schafften Sonnenstrahlen sich den Weg zum laubbedeckten Boden zu bahnen.

Von außen machte das Hauptgebäude nicht all zu viel her. Es erinnerte an einen langsam in sich zusammenfallenden Landsitz einer Adelsfamilie. Auf den Dachgiebeln waren noch die alten Familienwappen der Erbauer zu erkennen. Marmorstatuen, die von den jahrzehntelangen Witterungen schwer gezeichnet waren, zierten den langen alleenartigen Weg zur riesigen doppelflügeligen Eingangstür.

Dalarion saß in einem riesigen Saal, der früher wohl als Ball- der Speisesaal fungierte, inmitten von Möbelstücken, die mit gräulichen Tüchern abgedeckt waren, den Blick starr nach unten gerichtet und seine Hände lagen gefaltet in seinem Schoss.

Dem Raum spendeten nur ein paar in den Ecken verteilten Kerzenständern Licht. Das flackernde Kerzenlicht ließ einen großen Schatten von Dalarion auf seinem Stuhl an der großen Wand erscheinen.

Zeitgleich wie die Spitze der Harke den Unterschenkel von Anthony durchbohrte schnellte sein Kopf nach oben mit dem Blick leer in den Raum gerichtet.

Er fühlte es…Es war soweit!

„Endlich weiß ich wer du bist“, murmelte er in einer rauen Stimme.

„Endlich weiß ich, wo ich dich finden kann!“

„Das Schicksal hat entschieden. Jetzt muss ich nur noch auf den richtigen Zeitpunkt warten!“

Anthony rang nach Luft…Der Aufprall machte ihm das Atmen schwer.

Einen Augenblick später spürte er den Schmerz, der durch seinen Unterschenkel schoss.

Er verzog schmerzerfüllt sein Gesicht. Doch er schrie nicht. Zum Glück steckte die Spitze nur am äußersten Rand. Es half nichts...Das Ding musste raus. Er atmete tief durch und biss die Zähne zusammen. Mit der rechten Hand fixierte er mit aller Kraft die Laubharke am Boden. Mit der rechten Hand packte er sich unter die Kniebeuge und bewegte das Bein langsam nach oben. Der Schmerz war höllisch und Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Aber er musste es durchziehen. Es half ja nichts und nach einem unbeschreiblichen Schmerz war es geschafft. Die Spitze war raus.

Mühsam stand er wieder auf, begutachtete die Fleischwunde und handelte sie als Lehrgeld für Perfektion ab. Ihm war gar nicht klar, wie viel Glück er bei dieser Situation hatte. Hätte sein Sturz nur fünfzig Zentimeter mehr rechts sein Ende gefunden, hätten die Spitzen sich in seinen Körper gebohrt und ihn getötet.

Am Haus seiner Eltern angekommen, ging er ohne Zwischenstation ins Bad und säuberte die Wunde.

„So, sagte er sich, jetzt noch ein wenig Jod, ein bisschen Verband und dann wird das schon wieder!“

Es dauerte eine Weile bis er sein Bein versorgt hatte, doch dann verließ er das Bad mit dickem Verband. Humpelnd ging er zur Treppe die in die erste Etage führte. Dort oben befand sich sein Zimmer. Er hielt sich während er hoch lief am Geländer fest um so das Bein ein wenig zu entlasten.

Kurze Hose hatte sich damit wohl erledigt, dachte er sich. Er wollte nicht wieder Rede und Antwort vor seinen Eltern stehen müssen. Und erst recht nicht vor Sam!

Sie würde bei der Geschichte wieder ausflippen und versuchen ihm den Sport auszureden. So wie sie es schon einige Male versucht hat. Doch Tony nahm sich davon nie etwas an und winkte immer nur kopfnickend ab.

In seinem Zimmer stöberte er erst einmal auf dem Boden nach einer passenden langen, nicht zu dicken Hose. Unter einem riesigen Wäscheberg, der sich in einer Ecke des Zimmers türmte, wurde er fündig. Er ordnete sie in, ein wenig zerknittert aber durchaus tragbar ein und striff sie vorsichtig über das bandagierte Bein.

Schnell noch Schuhe angezogen und den Rucksack über die Schulter werfend, verließ er auch schon wieder sein Zimmer, die Treppe runter und durch die Haustür.

Er konnte sich nicht mehr dran erinnern, wann er zum letzten Mal den normalen Weg zur Schule benutzte. Aber heute zwangen ihn ja die Umstände zu dieser konventionellen Art und Weise der Fortbewegung.

Es dauerte durch den dichten Morgenverkehr mit seiner wirren Ampelschaltung gute zwanzig Minuten bis zur Schule...Mit dem Bus… Aber wie das Schicksal es wollte, verpasste Tony ihn nur um Haaresbreite.

Er versuchte noch ihn ein zu holen, doch schnell meldete sich seine Verletzung.

„Ich liebe diese Tage, an denen alles so glatt läuft“, fluchte er ironisch.

An der Schule angekommen, waren die ersten beiden Stunden schon vorbei. Die Schüler der Abschlussjahrgänge waren wie immer auf dem großen Parkplatz hinter der Schule versammelt und die Gruppenbildungen waren nicht zu übersehen.

In einer Ecke lehnten die Jungs der Footballmannschaft, bekleidet mit ihren Teamjacken cool an ihren polierten Autos und den Arm lässig über die Schulter der Freundin hängend, die sie wie eine Trophäe präsentierten.

Während die Jungs sich über das letzte Spiel unterhielten und sich an vergangenen Siegen aufgeilten oder von anstehenden Stipendien träumten, quatschten die blonden und brünetten Trophäen in ihren Armen von Make-up, den Modefehltritten der Konkurrentinnen und dem kommenden Abschlussball.

In der anderen Ecken die weißhäutige Freakshow, wie sie spöttisch von den Sportlern genannt wurden. Gemeint waren die Streber, Matheklubmitglieder und Computerfreaks.

Alle, wie sollte es anders sein, nicht mit weiblicher Begleitung im Arm, sondern mit Laptop oder PDA im Anschlag.

Und dann gab es noch die, die sich nicht den Gruppen unterordnen wollten. Eine Hand voll neumodischer Rebellen und Sam und Tony.

In einem Satz…Ein hundertprozentiges klischeeerfüllendes Bild einer Highschool, wie man es aus Fernsehen und Kino kannte.

Tony trottete langsam den Parkplatz entlang und wieder einmal zog er die Blicke der weiblichen Mitschüler auf sich Zur Missgunst der Spieler des Footballteams. Das war auch der Grund, warum das Team nicht unbedingt freundschaftlich auf ihn gestimmt war.

Von weitem konnte er Sam schon auf einer Mauer sitzend erkennen. Die Beine übereinander geschlagen und die Nase vergraben in ein Physikbuch. Er erinnerte sich…Heute ist ja ihr letzter Test vor den Sommerferien.

Sam war mit die hübscheste, wenn nicht sogar „Die Hübscheste“ der Schule und das gesamte Footballteam würde sofort die aktuelle Freundin gegen Sam eintauschen. Aber sie machte sich nichts aus selbstverlieben Angebern. Sie war voll und ganz in Tony verliebt!

Dieser Umstand bescherte Tony noch einen Minuspunkt auf dem Konto der Sportskanonen!

Tony ging an den Spielern vorbei, unbeeindruckt von den bösen Blicken, die sie ihm zuwarfen. Er machte einen kleine Schlenker über den Rasen, sodass er unbemerkt hinter Sam gelangen konnte. Er hockte sich hin und legte seine Hände von hinten auf ihre Augen.

„ Verschwende die Pause nicht mit lernen! Du hast alles in deinem hübschen Kopf!“

„Hey Babe! Wo warst du so lange? Dachte schon, du hast es dir wieder einmal anders überlegt!“ fragte sie und schob seine Hände mit ihren von den Augen.

„Hab mich auf dem Nachhauseweg verlaufen und wurde von einer aggressiven Hacke angefallen!“

„Spinner!“ mehr sagte Sam nicht dazu. Dann ertönte auch schon die Schulglocke.

Sam sprang auf, klappte ihr Buch zusammen, drückte Anthony noch einen Kuss auf die Wange und rannte Richtung Schuleingang.

„Muss los! Schreib jetzt den Test. Drück mir die Daumen!“

Dann verschwand sie im Gebäude.

Da saß Tony nun alleine auf der Mauer und kämpfte gegen die Idee doch nicht in den Unterricht zu gehen.

Der Parkplatz wurde allmählich leerer. Er wollte sich gerade ein Herz fassen und zum Unterricht gehen als „Hawk“, sein bester Freund, mit quietschenden Reifen und lauter Musik vor ihm hielt.

„Was los, Alter!?! Lust auf ne Spritztour?“ Meine Mum ist bei ihrem Lover und ich hab ihr Auto bekommen. Schule gibt es auch noch morgen. Das Auto nicht!“ schrie Hawk aus dem offenen Beifahrerfenster.

Mit diesem Argument hatte er gewonnen und Tonys guten Vorsatz zum Unterricht zu gehen erfolgreich niedergemäht.

Tony nahm auf dem Beifahrersitz Platz und Hawk fuhr mit qualmenden Reifen davon.

Hawk, eigentlich Peter Hawkins, war Tonys bester Freund und der Nachbar von Sam. Durch ihn hatten sie sich auch vor ein paar Jahren kennengelernt.

Den Spitznamen „Hawk“ bekam er vor etwa drei Jahren, als er mit Tony zum ersten Mal von Parcour hörte und über eine Mauer springen wollte.

Tony sprang voraus und schaffte es heil zu landen, während Peter mit seinem linke Fuß an der Mauer hängen blieb und auf den Asphalt knallte. Tony, der alles gut sehen konnte sagte später, dass Peter wie ein Adler mit den Armen schlug, bevor er mit der Nase eine Bruchlandung hinlegte. Daraufhin beendete Peter auch seine kurze, aber sehr schmerzhafte Parcour Karriere. Nur eins blieb…Sein neuer Name!

„Erster Halt, Donut-City!“ schrie Hawk wie ein Schaffner durchs Auto.

Diese Information war nichts Neues. Donut City war immer das erste Ziel der Beiden, wenn sie sich mal selber einen Tag frei von der Schule gönnten.

Sie fuhren an den Autoschalter und eine Männerstimme ertönte aus dem Lautsprecher, der wie das Maskottchen Don Ut’o der großen Kette aussah. Ein Donut auf zwei Beinen mit riesigem Sombrero auf dem Kopf.

Sie bestellten den „Zehner Mix“ mit zwei Kaffee und fuhren zum nächsten Fenster um ihre Bestellung entgegenzunehmen.

Ein Mann mit rot-weiß gestreifter Uniform und Mütze, auf der ein Plastikdonut auf einer Feder hin und her wackelte, reichte ihnen die Tüte durch ein schmales Fenster. Sein Gesichtsausdruck verriet sofort, wie sehr er seinen Job und die dämliche Verkleidung liebte.

„Danke, mein Donut-Engel!“ scherzte Hawk und legte ihm vier Dollar auf die Ablage.

Dann fuhr er mit durchdrehenden Reifen vom Gelände und grölte wieder die nächste Station ihrer Fahrt durchs Auto!

„Endstation Kalorienverbrennungscenter!“

Sie machten sich immer den Spaß mit einer vollen Packung Donuts zu einem der örtlichen Fitnessstudios zu fahren, sich dort einen Parkplatz vor dem Panoramafenster zu suchen und genüsslich auf der Motorhaube ihre Donuts zu essen, während die Leute auf dem Laufbändern, mit Blick auf den Parkplatz, schwitzten und hungrig ihnen beim vertilgen der Donuts zusehen mussten!

Da saßen sie nun auf der Motorhaube des gelben und leicht verbeulten Wagens. Aßen ihre Donuts und spülten die Reste mit lauwarmen Kaffee runter, den Blick immer in das Fenster des Fitnesscenters gerichtet.

„Und mein Freund, wie läuft es so mit Sam und Dir?“

„Es läuft prima, nur der Tod ihrer Mutter macht ihr noch oft zu schaffen! Aber zwischen uns ist alles genial.“

„Ja, das mit ihrer Mum war ein Schock für uns alle, aber sie ist stark. Sie schafft das!

„Weißt du Hawk, ich glaub diesmal ist es echt was Ernstes!

„Scheiße Alter! Der Hawk gönnt es dir! Aber eins sag ich dir…Wenn ich bald alleine dicke Typen ärgern muss, weil du einen auf Mr. Love machen willst, dann erzähl ich überall, das du abends in Frauenkleidern joggen gehst!“

„Geht klar, Hawk. Das hört sich fair an!

Beide lachen laut und widmeten ihre Aufmerksamkeit dann ganz der hübschen Trainerin, die einem Fleischberg gerade mit vollem Körpereinsatz Instruktionen gab.

Als die Trainerin wieder verschwand, stopften sie sich die Reste des letzten Donuts in den Mund, schütteten die letzten Tropfen Kaffee nach und rutschten langsam von der Motorhaube.

Hawk machte seinem Magen mit einem kräftigen Rülpser Luft und stieg ins Auto. Tony schnappte sich den Müll, der auf der Haube lag und schmiss ihn in einen nahe gelegenen Mülleimer. Er wollte gerade den Türgriff fassen, da gab Hawk Gas und er griff ins Leere. Hawk wiederholte dieses Spielchen drei- oder viermal und machte sich vor Lachen fast in die Hose, bis er endlich stehen blieb und Tony ungehindert einsteigen ließ.

Mit lautem Hupkonzert und spöttischen Winkbewegungen fuhr er noch mal provokativ das Panoramafenster entlang und ordnete sich dann in Mittagsverkehr der Straßen ein.

Pünktlich mit dem Schlussgong der Schulglocke erreichten Hawk und Anthony wieder den Schulparkplatz. Sie stellten sich etwas abseits, damit die Lehrer sie nicht sehen konnten und warteten auf Sam.

Sam war eine der letzten, die das Gebäude verließ. Sie unterhielt sich dabei mit einer Schulfreundin mit der sie den Physiktest geschrieben hatte.

Die beiden waren so in das Gespräch vertieft, das sie ohne es zu bemerken an Hawks Auto entlang schlenderten.

„Hey, du blindes Huhn“ schrie Hawk aus dem Auto.

„Hier sind wir! Spring rein, wir fahren dich nach Hause!“

Sam hob erschrocken den Kopf. Suchte kopfdrehend nach der Person, die sie gerufen hat.

„Ach du bist das! Und der Herr Leery erfreut uns ja auch mit seiner Anwesenheit. Wie nett!“

„Hawk ist Schuld, Sam. Ich wollte ja, aber er brauchte dringend meine Hilfe!“

„Wobei? Beim Donut essen oder beim sinnlos herum fahren?“

„Bei Beidem!“ klingte Hawk sich ein.

„Ich bekomm den „Zehner Mix“ doch nicht alleine auf. Das wäre doch Verschwendung der leckeren Köstlichkeiten!“

Tony blickte Sam in die Augen, setzte seinen Mitleidsblick auf und nickte mit dem Kopf.

„Ich kann einen Freund doch nicht hängen lassen!“

Sam ignorierte den Blick und drehte sich zu ihrer wartenden Freundin um.

„Ok, Beth. Ich werd dann mal mit den Jungs mitfahren und aufpassen, dass sie keinen Unsinn machen. Wir sehen uns dann morgen wieder.“

Sie gaben sich einen Kuss auf die Wange und Sam stieg ins Auto.

„Lust irgendwo die Stadt unsicher zu machen“, fragte Hawk in die Runde.

„Tut mir Leid, aber ich muss gleich auf meinen kleinen Bruder aufpassen!“

„ Und du, Tony?“

„Ich werde bei Sam bleiben und ihr helfen. Aber um Zehn heute Abend komm ich rüber und wir unternehmen noch was! OK?“

„Geritzt, mein Alter! So wird’s gemacht! Dann mal ab nach Hause! Lehnt euch zurück und lasst Hawk mal machen! Und denkt dran, während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen.“

Nach diesen Worten drehte Hawk so stark an dem Lautstärkeregler seiner Anlage, das die laute Musik eh jedes Gespräch unmöglich machte.

Nach etwa fünfzehn Minuten Fahrt hielt der Wagen von Hawk vor der Garage seines Elternhauses.

„So, dann sehen wir uns gegen Zehn!“ Und bis dahin immer schön artig bleiben, ihr Zwei!“

Sam und Tony erwiderten auf diesen Spruch nichts und stiegen aus dem Auto.

„Bis später Hawk!“

Die beiden liefen das kurze Stück über den Rasen des Vorgartens, die drei Holzstufen der Veranda hoch und ließen die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Im Haus wartete schon Josh, der kleine Bruder von Sam.

„Dad ist gerade zur Arbeit, Sam! Kann ich was im Garten spielen?“

„Klar, Josh! Aber wenn du woanders hin möchtest, sag bitte bescheid, ok?“

„Ja“, freute sich Josh und verschwand durch die Hintertür der Küche in den Garten.

„Sollen wir uns was zu essen machen? Ich hab einen tierischen Hunger!“

„Das wäre prima! Dann sag mir, was ich machen soll, Küchenchefin!“

Sam schmunzelte und dann ging es auch schon los! Sam gab Tony vor, was er aus dem großen doppeltürigen Kühlschrank holen sollte.

Tony stapelte alles auf der Arbeitsfläche in der Mitte der Küche, so wie es sich für eine gute Küchenhilfe gehört.

Es gab nichts Aufwendiges…Sandwichs mit Truthahnfleisch, Tomate, Salat und ihrer beiden Lieblingsdressing.

Noch schnell all den Rest zurück in den Kühlschrank geschmissen, die Sandwichs auf einen großen gemeinsamen Teller und ab auf die große weiße Rundcouch im Wohnzimmer.

Mit den Füßen auf dem Tisch saßen sie ganz eng nebeneinander, sodass die Schultern sich berührten. Den Teller stellte Tony auf seine Oberschenkel. Sam kramte noch eben die Fernbedienung hervor und schaltete den großen Plasmafernseher, der an der Wand gegenüber der Couch hing, an. Nach kurzen und schnellen zappen durch die über Hundert Kabelkanäle, blieb sie schließlich bei einer Talkshow hängen, in der sich, wie üblich ein Expaar um Fremdgehen, Vaterschaft und Unterhalt stritten, wild aufgestachelt von Moderator und Publikum.

Wie sie da so saßen und ihre Sandwichs aßen und später kuschelnd eine Fernsehsendung nach der anderen guckten, bemerkten sie gar nicht, wie die Zeit verging. Erst als Josh polternd das Wohnzimmer betrat und Sam nach Abendessen fragte, fuhren beide erschrocken hoch.

„Abendessen? Jetzt schon?“ fragte Sam verunsichert ihren Bruder.

Dieser guckte sie nur leicht verwundert an.

„Klar, es ist schon nach Sieben!“, erwiderte Josh.

Entsetzt sprang Tony auf.

„So ein Mist. Ich hab meinem Vater versprochen den Rasen zu mähen. Süße…Ich muss los! Vielleicht bekomm ich das ja noch hin, bevor es dunkel wird.“

Er quetschte seine Füße hektisch in die Schuhe, gab Sam während er von der Couch aufstand einen Kuss und rannte, so schnell es sein kaputtes Bein zuließ, zur Eingangstür.

„Tschüss auch…“, sagte Sam leise und mit enttäuschter Stimme. Dann fiel die Tür auch schon mit einem lauten Knall ins Schloss.

Sie hasste es, wenn die Zeit mal wieder wie im Flug vergangen war und Tony fast fluchtartig ihr Haus verließ, nur weil er mal wieder was vergessen hatte. Aber was sollte sie machen? So war er nun mal…Leicht vergesslich und extrem chaotisch.

Als er in Sichtweite seines Hauses war, stellte er mit Freuden fest, dass die Hofeinfahrt leer war. Seine Eltern waren also noch nicht von der Arbeit zurück. Aufgrund dieser neuen Gegebenheiten, konnte er nun gelassen mit der Gartenarbeit anfangen. Wäre sein Vater schon zu Hause, hätte er sich bestimmt, wie eigentlich immer wenn er für seinen Vater etwas erledigen sollte, eine Standpauke seines Vaters anhören zu müssen, dass er mal wieder alles auf den letzten Drücker erledigte.

Er verlangsamte seinen Gang und lief die letzten Meter ganz entspannt auf die Garageneinfahrt zu.

Er kramte kurz in seiner Hosentasche und zog einen dicken Schlüsselbund heraus. Allein den richtigen Schlüssel für das Schloss zu finden, war schon harte Arbeit. Nach ungefähr sieben Versuchen einen falschen Schlüssel in das, in der Wand rechts neben dem Tor eingelassenen Schließzylinder zu stecken, war der achte endlich der Richtige. Das rote Licht der Leuchtdiode über dem Schloss erlosch und wurde durch ein grünes Licht ersetzt. Langsam aber sicher öffnete sich das Tor und eine vorbildlich aufgeräumte Garage kam zum Vorschein. An der rechten Seite der Garage stand eine große Werkbank. Darüber, an der Wand befestigt, ein Holzbrett an denen alle Arten von Werkzeugen hingen.

Alles nur von der Firma geliehen, sagte sein Dad immer, wenn er mit neuem Werkzeug in der Tasche nach Hause kam.

Er ging in die Garage, stieß sich noch fast den Kopf an dem Kanu, was in der Mitte der Garage von der Decke hing und steuerte direkt auf den Rasenmäher zu, der hinter der Werkbank in der Ecke stand.

Der Deckel des Benzintanks war offen und da wusste Tony, dass der Mäher leer zu sein schien. Also holte er aus der linken unteren Ablage der Werkbank einen verbeulten Kanister Benzin hervor und goss den letzten Rest in den Tank hinein. Noch schnell den Deckel auf den Tank geschraubt und schon schob er ihn nach draußen auf den Rasen neben der Einfahrt.

„Hab ich eine Lust jetzt mit dem lauten Ding hier rum zu fahren. Hoffentlich meckert nicht wieder der Alte von gegenüber“, dachte er sich.

Er zog drei oder vier Mal an der Anlassschnurr des Rasenmähers, der dann endlich anfing ein lautes Knattern von sich zu geben.

„Man stinkst du!“ fluchte Tony und begann schleppend das laute Monster vor sich her zu schieben.

So zog er seine Bahnen von links nach rechts und umgekehrt. Alle fünf Bahnen leerte er den Fangkorb auf dem Kompost aus, der hinter der Garage von seinem Vater angelegt wurde. Nach etwa dreißig Minuten und gefühlten zwanzig Kilometern, war der Rasen gestutzt und Tony schweißnass.

Es war eine Punktlandung, denn gerade als er den Mäher wieder an seinen Platz hinter der Werkbank abstellte, fuhr sein Vater auf den Hof und direkt in die offene Garage. Auf dem Beifahrersitz saß die Mutter und winkte Tony zu, der beinahe einen Herzinfarkt bekam, weil er dachte sein Vater würde ihn nicht sehen und über den Haufen fahren.

Fast synchron stiegen seine Eltern aus. Die Mutter gab ihm einen Kuss auf die Wange und der Vater schüttelte nur den Kopf, da er wusste, das Tony wieder mal alles kurz vor knapp erledigt hatte.

„Tag, mein Sohn. Hast du uns erwartet oder warum steht die Garage auf?“Tony grinste nur und wusste, worauf sein Vater anspielen wollte.

„Hab euch erwartet, was sonst!“ antwortete er.

„Ach so, sagte der Vater, und weil du uns so gern hast, hast du dein Grasparfüm überall versprüht, damit wir uns bei dem Geruch von frisch geschnittenem Gras wohl fühlen.

Ich will ja keinem unterstellen, das jemand gerade erst mit der Aufgabe um die ich ihn gebeten habe, fertig geworden ist!“

Tony lachte und klopfte seinem Vater auf die Schulter.

„Du hast es erfasst! Führ euch nur das Beste!“

Mit diesen Worten gingen sie durch die Verbindungstür, die von der Garage direkt in die Küche führte. Dort stand seine Mutter schon und verstaute die Einkäufe in die Schränke und in den Kühlschrank.

„Habt ihr Hunger“, fragte sie.

„Nein danke, Mum! Ich habe vorhin erst bei Sam gegessen. Außerdem muss ich gleich auch schon wieder los. Hawk und ich wollen noch was unternehmen.“

„Oh, wie geht es Sam? Bring sie doch mal mit. Ich mag sie. Ein anständiges Mädchen!“

Tony rollte genervt mit den Augen und verließ fluchtartig die Küche.

„Mach ich Mum, mach ich! Werd sie die Tage mal mitbringen“, antwortete er mit genervtem Unterton und ging die Treppe zu seinem Zimmer hoch.

Unterwegs zog er schon sein T-Shirt aus, das dann im hohen Bogen auf den Boden in seinem Zimmer flog. Hose und Socken taten es dem T-Shirt gleich und nur in Boxershorts bekleidet und seinem Verband ums Bein, sprang er auf sein Bett und blieb dort liegen.

Er schaltete den Fernseher und seinen Blu-Ray Player an und guckte das Parcour Video weiter, was er gestern Nacht angefangen hatte. Ihm blieb noch etwas mehr als eine Stunde Zeit, bis er bei Hawk sein musste. Also schön etwas Inspiration von den Profis holen und dann ab unter die Dusche und zu Hawk.

Kapitel 2

„Bereit für die Neuen“

Der rote alte Teppich erstreckte sich durch den kompletten schlauchartigen Flur. Alte Gemälde von wohl unschätzbarem Wert, die Landschaften oder nicht deutbare Farbspiele zeigten, verzierten die Wände. Die Kette der Bilder wurde nur ab und an durch alte Massivholztüren unterbrochen, die teilweise einen Spalt geöffnet waren und einen kurzen Blick in das Innere der Räume erhaschen ließ. Es waren Schlafräume oder eher dem alter des Hauses entsprechend Schlafgemächer. Sie hatten alle die Größe eines gut geräumigen New Yorker Einzimmerappartements. Jedes der Zimmer war mit allem was man in einem damaligen Leben als luxuriös betrachtet hatte eingerichtet.

Ein massives Bett aus Holz, dessen Gestell auch einen Himmel über die Liegefläche spannte, sowie einen doppeltürigen Schrank, der wenn man ihn rechts öffnete noch eine handvoll Schubladen zu bieten hatte.

Unter jedem Fenster der riesigen Schlafräume stand ein Schreibtisch, der je nach Zimmerlage einen Blick auf die Parkanlage, die sich hintern Haus erstreckte oder einen Blick auf den kreisförmigen Brunnen bot, der vor dem Haus den Hof zierte und gleichzeitig wie ein Kreisverkehr fungierte.

Eine kleine Seitentür verband jeden Raum mit einem separaten kleinen Badezimmer, das mit eiserner Gusswanne mit Duschvorhang, Toilette und Waschbecken ausgestattet war. Weißblaue Kacheln an den Wänden und alter rissiger Marmorboden gaben den fensterlosen Räumen ihren speziellen Charakter.

Die meisten der Betten waren hergerichtet und machten den Anschein, als würde bald Besuch erwartet werden. Auch ansonsten machte das riesige Haus einen recht sauberen und gepflegten Eindruck.

Der Flur endete links auf der großen Plattform der ersten Etage in der großen Eingangs- bzw. Empfangshalle. Auf der gegenüberliegenden Seite lag noch ein Flur, mit identischer Länge und Aussehens, der die Verbindung zum Ostflügel des Gebäudes übernahm. Umfasst wurde diese halbrunde Plattform von einem Holzgeländer, das dann als Handlauf für die nach rechts und links abgehenden Treppen überging, die sich im leichten Bogen den Weg nach unten bahnten.

Von dieser Empore konnte man den kompletten Eingangsbereich überblicken und aus dieser Vogelperspektive gab der rote Marmorboden mit den goldenen Linien, der den kompletten Eingangsbereich zierte sein Geheimnis preis, welches er nicht zu erkennen gab, wenn man auf ihm stand.

Es war das Christusmonogramm, eingefasst in zwei Ovale. Um dem Ganzen noch etwas mehr Pracht zu verleihen, wurden die Ovale von Sternen und einer Art dreizackiger Krone, die im Wechsel angeordnet waren, umschlossen.

Folgte man der Treppe von der linken Seite nach unten, reihten sich den Weg hinab Gemälde der zwölf Apostel an der Wand. Stieg man rechts die Treppe herunter, führten einen die Gemälde der sieben Erzengel in die Eingangshalle. Egal für welche Seite man sich auch entscheiden würde, jede einzelne Stufe fesselte und zog einen so in ihren Bann, das man den langen Weg hinab gar nicht wahrnahm!

Langsam wurde es Nacht und das Mondlicht fiel durch das große Oberlicht der Empfangshalle und ließ das Monogramm am Boden in seinem vollen Glanze erstrahlen. Es erhellte zugleich die Halle mit einem gelb blauen Licht und zudem noch ein Stück des Ganges, an dessen Ende sich der große Speisesaal befand. Die riesige Tür stand offen und von weitem konnte man schon eine runde Tafel erkennen, die bestimmt Platz für Dreißig Personen bot.

Die gesamte untere Etage war durch ihren Marmorboden sehr hellhörig und jeder Schritt den man vor den anderen setzte, hallte noch Sekunden später nach. Genauso wie die metallischen Geräusche, die soeben aus Richtung des Speisesaals kamen. Diese konnte man zum Teil noch in den oberen Etagen hören und je mehr man sich dem riesigen Saal näherte, desto klarer und lauter wurden sie.

Erst als man den Saal betrat, bemerkte man seine immense Größe. Die Decke war mit ihren knapp Zehn Metern atemberaubend hoch und die drei edlen Kronleuchter mit ihren zur Decke geschwungenen Armen, die jeweils ein Dutzend Kerzen halten konnten, zogen die Augen sofort in ihren Bann. Trotz des Staubes und der Spinnenweben, die sich über die Jahre auf ihnen gesammelt hatte, war die Pacht, die von ihnen ausging, unübersehbar!

Aber wo kamen die immer lauter werdenden Geräusche her?

Der Saal war menschenleer…

Außer mit Tüchern überdeckte Möbelstücke, Kerzenständern mit halb bis ganz abgebrannten Kerzen und dem riesigen runden Tisch mit den unzähligen Stühlen in der Mitte des Raumes, war nichts zu finden.

Ein weiterer Blickfang des Raumes war die riesige gefüllte Bücherwand, die die gesamte Breite und Höhe der Wand hinter dem großen Tisch schmückte. Nur in der Mitte teilte ein alter offener Kamin, diese prall gefüllten Bücherregale.

Dieser alte Steinkamin war ein Meisterwerk alter Baukunst. In Stein gemeißelte biblische Psalme, monsterähnliche Fratzen, engelsgleiche Wesen oder Schlachten zwischen Himmel und Hölle verzierten den Kamin und den langen, breiten Rauchabzug, der sich bis hoch zur Decke erstreckte.

Die Feuerstelle des Kamins und das Gemäuer im Inneren waren schwarz von Ruß. Er musste in den Wintern der vergangenen Jahrzehnte wohl immer im Einsatz gewesen sein und den riesigen Raum mit Wärme versorgt haben. Auch jetzt schien er noch vor Kurzen im Einsatz gewesen zu sein, denn ein Gemisch aus Resten von Holzscheiden und Asche stapelte sich in der Mitte der Feuerstelle.

Dicht neben der Öffnung des Kamins stand die Halterung der Schürhaken, damit man das Feuer anstochern konnte. Nur von den Schürhaken selber fehlte jede Spur!

Plötzlich verstummten die metallischen Geräusche und einige Sekunden lang hörte man nichts, bis die Stille vom Hall immer näher kommender Schritten unterbrochen wurde.

Sie wurden von Schritt zu Schritt lauter und es machte den Anschein, dass sie aus dem Inneren der Wand kamen.

Dann verschwand der Hall genauso schnell, wie er gekommen war. Stattdessen hörte man jetzt das klackern von Zahnrädern, die in einander fassten und sehr schwerfällig anfingen sich zu drehen. Unterstützend reihte sich der Klang bewegender Ketten in die Geräuschkulisse ein und ein alter Schließmechanismus setzte sich in Gang.

Langsam und mühselig bewegte sich eine Regalzeile, die in etwa die Maße einer Tür hatte, ins Innere der Regalwand. Als sie etwa einen halben Meter in der Wand versunken war, fuhr sie durch einen Kettenzug gehalten nach oben.

Schon als sich ein schmaler Spalt zwischen Boden und Regal bildete, fiel Licht von der Hinterseite des Regals in den großen Saal und schwarze Stiefel waren zu erkennen! Jemand auf der anderen Seite des Regals wartete auf die vollständige Öffnung der Tür.

Nach und nach kamen noch Jeans und langer Mantel zum Vorschein, bis der Durchgang ganz geöffnet war und Dalarion mit finsterer Miene auf der anderen Seite des Regals stand.

Er trat in den Saal und drehte sich zu den Büchern, rückte ein paar von ihnen zurecht und mit einem leisen Summen senkte sich die Regalzeile wieder und fuhr vor in ihre ursprüngliche Position.

Unterdessen bewegte er sich mit schnellem Schritt aus als dem Saal, folgte dem Flur in die Eingangshalle, ging quer hindurch, mittig an den beiden Treppenaufgängen vorbei und verschwand hinter einer Tür, über der ein großes goldenes Kreuz hang.

Der Raum hinter der Tür wurde durch hunderte von kleinen Kerzen auf einem Tisch mit drei Ebenen, erhellt. Über dem Tisch an der Wand hing ein großes aus Stein gemeißeltes Kreuz mit leichter Neigung in den Raum hinein. Und dieses Kreuz zierte der gekreuzigte Jesus.

An der linken Wand, die auch gleichzeitig Außenwand des Gebäudes war, viel leichtes Mondlicht durch das Fenster, welches mit ihrem bunten Glas ein wunderschönes Bild ergab.

Dalarion ging mit leisem Fuß an den Sitzreihen vorbei, die den ganzen Raum füllten, griff in ein Fach unter dem Tisch und holte eine neue Kerze hervor. Er zündete sie an einer der Kerzenflammen an und auch das untere Ende der Kerze erhitze er über dieser Flamme. Schnell drückte er die geschmolzene Unterseite der Kerze an eine freie Stelle am Tisch, wo sie sofort stehen blieb. Dann kniete er sich auf das lange gepolsterte Kniebrett, das vor dem Tisch im Boden verankert war und faltete die Hände.

Leise, mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen sprach er ein Gebet in Frühlatein. Frühlatein, eine Art der lateinischen Sprache, die nur wenige beherrschten und die älter war, als Jesus Christus selbst.

Als er dieses zu Ende gesprochen hatte, verharrte er noch eine Weile in dieser Stellung. Dann öffnete er die Augen, blickte wie gebannt auf das Kreuz an der Wand und richtete sich langsam auf. Er verbeugte und bekreuzigte sich und lief dann mit sichtlich erleichtertem Gesichtsausdruck auf die Ausgangstür der Kapelle zu.

Mit leisen Knarren öffnete sich diese und Dalarion stand wieder in der Eingangshalle. Es schien, als würde er für diese Nacht noch einen kleinen Ausflug in die Nacht planen. Hatte ihn im Gebet mal wieder eine Vorahnung gefasst oder wollte er einfach mal aus seinem Versteck um mal etwas anderes zu sehen als dieses kalte, einsame Gemäuer?!

Auf dem Weg zur Garage, durchquerte er die Küche oder den Raum, der damals als Küche diente. Als Wesen des Lichts verspürte Dalarion keinen Hunger, keinen Durst oder ähnliche Gelüste, sodass die Küche nur ein weiterer ungenutzter, langsam in sich verfallender Raum war. Das einzige, das heute noch auf den Arbeitsflächen lag, war eine Zentimeter hohe Staubschicht. Der Kühlschrank und die Küchenschränke waren leer und die Kacheln an Wänden und Boden waren mit Rissen übersät, sofern sie überhaupt noch vorhanden waren. Die Kacheln, die sich im Laufe der Zeit von der Wand gelöst hatten, lagen zersprungen und in alle Richtungen verteilt auf dem Boden.

Die Küche verfügte über eine Verbindungstür, von der aus man in eine große Vorratskammer kam. Doch Vorräte wurden hier schon lange nicht mehr gelagert!

Dalarion ertastete den Lichtschalter im Inneren der Kammer und schob den kleinen Kippschalter mit dem Zeigefinger nach oben. Flackernd und mit einem summenden Geräusch gingen die Leuchtstoffröhren an der Decke an. Außer ein paar…Die flackerten nur immer wieder mal kurz auf und erloschen gleich wieder.

Der Raum bot viel Platz, doch stand nur wenig in ihm. Jede Menge Regale zur Lebensmittellagerung waren an den Wänden rings um den Raum befestigt. Aber bis auf Staub, Spinnenweben und ein paar schon rostansetzender Konservendosen, von denen sich die Etiketten schon abgelöst hatten, lagerte nichts mehr in ihnen. Ganz anders sah es aber in der Mitte des Raumes aus.

Dort stand eine mattschwarze Chopper. Ihre Chromverzierungen funkelten nur so im warmen Licht der Leuchtstoffröhren.

Als er die Kammer betrat und an der Maschine vorbei ging, um das Tor zum Hof zu öffnen, fuhr er mit einem Finger leicht über den breiten Ledersitz.

Am Tor schob er einige verrostete Riegel zurück und hob eine schwere quadratische Metallstange aus den beiden u-förmigen Halterungen. Er stellte die Stange in eine Ecke nahe dem Tor und stieß es mit beiden Händen auf. Mit Schwung öffnete es sich und schob dabei knirschend ein paar Kiesel beiseite, mit denen das ganze vordere Grundstück ausgelegt war.

Dann schloss Dalarion die Verbindungstür zum Haus, schaltete das Licht aus und setzte sich auf die schwere Maschine. Jetzt musste er nur noch den Benzinhahn öffnen und den Motor starten. Dalarion brachte seinen Körper und die Maschine in eine gerade Stellung und schob mit dem linken Stiefel den Ständer von der senkrechten in die waagerechte Position. Mit demselben Fuß angelte er sich den Hebel des Kickstarts und positionierte ihn auf der schmalen Trittfläche.

Mit dem rechten Bein stieß er sich leicht vom Boden ab und legte seinen ganzen Schwung und sein Körpergewicht auf den Kickstarter, der mit einem Klacken nach unten schnellte.

Sofort ertönte das laute Grollen des Motors. Der kräftige Sound der Motortaktung ließ sogar die alten Konserven im Regal zittern. Ein paar Mal spielte er mit dem Gas und ließ den Motor aufheulen, bis sich der Kupplungszug straffte und der erste Gang einrastete.

Dann entspannte sich der Zug der Kupplung und die Maschine brauste los.

Von hinten sah man nur noch eine Staubwolke und wie der lange schwarze Mantel im Wind wehte. Einen Augenblick später war die Maschine außer Sichtweite. Nur das aus der Ferne hörbare dröhnende Motorengeräusch erinnerte noch an Dalarion und seine Chopper, die sich in Richtung Stadt bewegten!

Kapitel 3

„Der erste Kontakt“

Um Punkt Zehn stand Tony frisch geduscht und mit strubbeligem, mit Gel nach oben abstehend gestyltem Haar vor Hawks Einfahrt.

Er nahm die Mittel- und Zeigefinger beider Hände in den Mund und pfiff zweimal so laut er konnte.

In der obersten Etage öffnete sich ein Fenster. Es war Hawk!

Völlig verpennt, total neben der Spur und ohne T-Shirt streckte er seinen Kopf heraus.

„Hä, was’n los?“ rief er nach draußen, ohne Tony wirklich wahr zu nehmen.

„Alter, wir sind vielleicht verabredet!“ rief Tony ihm entgegen.

„Ups…Haha, voll vergessen, Bruder! Setz dich schon mal ins Auto. Is auf! Ich hau mir eben Wasser ins Gesicht und zieh was Nettes für die Babs an, dann komm ich runter.“

Er zog seinen Kopf wieder hinein und schob das Fenster nach unten.

Tony ging zum Wagen, öffnete die Beifahrertür und setzte sich in den durchgesessenen Sitz. Sitzkomfort war anders, außer man stand drauf, jede Feder an seinem Hintern zu spüren. So rutschte er hin und her, bis er eine Position gefunden hatte, mit der es sich aushalten ließ.

Es dauerte und dauerte und die Uhr im Auto zeigte schon 22.23 Uhr, da kam Hawk endlich aus der Tür.

Mit einem Gang, als ob er schlafwandeln würde näherte er sich dem Auto und stieg ein.

„Ich bin fit! Wo geht’s hin?“ sagte Hawk gähnend.