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Die junge Julia ist an die deutsche Botschaft nach Malawi gekommen. Schon nach kurzer Zeit hat sie sich in ihr neues Leben eingelebt, saugt alle Eindrücke wissbegierig in sich auf. Als sie auf Richard trifft, ist es um sie geschehen. Der gut aussehende und charmante Amerikaner ist zu Besuch bei der Leiterin der Botschaft. Sofort spüren beide das Knistern, die intensive Anziehung zueinander, die sie verbindet. Bei einem Ausflug an den See verbringen sie eine leidenschaftliche Nacht miteinander, auf die noch weitere folgen. Doch beide wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist. Richard muss nach Europa, wo er in der Normandie lebt. Und Julia kann ihn nicht vergessen. Monate später: Julia verbringt ein paar Tage in Paris. Plötzlich sieht sie Richard an einer Straßenkreuzung stehen. Das muss Schicksal sein. Wird ihre Liebe eine Chance haben? Stefanie Schankat erzählt in einfühlsamer, klarer Prosa die Geschichte einer wahren Liebe.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Die AutorinStefanie Schankat, geboren 1961 in Hilden bei Düsseldorf, ging nach Abitur und Studium ins Ausland und arbeitete für den Auswärtigen Dienst an den deutschen Botschaften in Lilongwe, Lomé, Peking und Helsinki. Reisen, Sprachen und fremde Kulturen waren schon immer ihre Leidenschaft und bereits während der Schulzeit kam der Wunsch auf, eines Tages so viel wie möglich von der Welt zu sehen. Seit 15 Jahren lebt sie mit ihrem finnischen Ehemann in Großbritannien.
Das BuchDie junge Julia ist an die deutsche Botschaft nach Malawi gekommen. Schon nach kurzer Zeit hat sie sich in ihr neues Leben eingelebt, saugt alle Eindrücke wissbegierig in sich auf. Als sie auf Richard trifft, ist es um sie geschehen. Der gut aussehende und charmante Amerikaner ist zu Besuch bei der Leiterin der Botschaft. Sofort spüren beide das Knistern, die intensive Anziehung zueinander, die sie verbindet. Bei einem Ausflug an den See verbringen sie eine leidenschaftliche Nacht miteinander, auf die noch weitere folgen. Doch beide wissen, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt ist. Richard muss nach Europa, wo er in der Normandie lebt. Und Julia kann ihn nicht vergessen. Monate später: Julia verbringt ein paar Tage in Paris. Plötzlich sieht sie Richard an einer Straßenkreuzung stehen. Das muss Schicksal sein. Wird ihre Liebe eine Chance haben? Stefanie Schankat erzählt in einfühlsamer, klarer Prosa die Geschichte einer wahren Liebe.
Stefanie Schankat
Bevor der Regen kam
Eine Liebe in Malawi
Roman
Forever by Ullsteinforever.ullstein.de
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Für alle, die mich ermutigt haben, nicht aufzugeben
Heute habe ich von ihm gehört.
Es wird Zeit, eine Geschichte aufzuschreiben, die schon lange darauf wartet, erzählt zu werden.
Ich blicke über den Fluss, der trotz des weit fortgeschrittenen Morgens immer noch in dichten Nebel gehüllt ist. Enten und Schwäne sind im Dunst nur schemenhaft zu erkennen, und auch die Hausboote am anderen Ufer hat der Nebel fast vollständig verschluckt. Der Pfad, der sich vor dem Haus am Ufer entlangschlängelt, ist menschenleer. Kein Läufer ist zu sehen, niemand, der seinen Hund ausführt, niemand, der schnellen Schrittes zur nahe gelegenen Bahnstation hastet, um den Zug in die Stadt zu nehmen.
Es sieht gespenstisch aus und still. Weil sich nichts bewegt.
Mein Körper hingegen rast. Ich gehe in die Küche hinunter und koche mir Tee. Tee ist gut jetzt, schwarz und stark.
Ich weine und wische meine Tränen fort. Ich hebe sie mir auf. Für später. Wenn ich angekommen bin.
Heute suche ich Trost in dem Fluss und dem alles umfangenden Nebel, wünsche mir, dass er auch vor mir nicht haltmachen möge. So sitze ich da, reglos, auf meinem Stuhl, am Fenster, am Schreibtisch und starre in dieses stille, unendlich scheinende Weiß, bis es mich schließlich gnädig aufnimmt und mit sich fortträgt, weit fort. Bis ich wieder dort bin, wo alles seinen Anfang nahm, dort, wo die Geschichte, die ich zu erzählen habe, beginnt.
Ich bin wieder in Afrika. Ich schließe die Augen und bin da. Ich rieche die Erde, den Staub, ich rieche die Menschen. Ich sehe ihr Lachen, spontan, aufrichtig, fröhlich, zuweilen beschämt. Ich höre ihre Stimmen, ihre Musik, ich fühle ihren Rhythmus. Bunt sind die Kleider, abgelaufen die Füße. Ich sehe Bilder, die von Hunger, Schmutz, Krankheit und Tod erzählen.
Vor mir erstreckt sich die Weite der Trockensavanne. Es wird Zeit, dass der Regen einsetzt.
Auf meinem Schreibtisch im Büro steht eine Vase mit einem Strauß wohlriechender Gardenien. Die Blüten sind so schön wie ihr Name. Eleonora oder Madame, wie wir sie zärtlich nennen, brachte sie mir vor einer Woche zu meinem Geburtstag, zusammen mit einem Korb frischer Eier, extra für mich von ihren Hühnern im Residenzgarten gelegt. Dabei zwinkerte sie mir zu.
Eine schöne Geste zu meinem ersten Geburtstag, seitdem ich ausgezogen bin aus meinem Land, das Weite zu suchen in der Fremde.
»Kommen Sie«, höre ich ihre Stimme über den Korridor rufen, »kommen Sie, meine Damen, lernen Sie meinen Besuch kennen.«
Gäste gab es immer in ihrem Haus, Menschen verschiedener Sprachen, Hautfarben, Kulturkreise und aller Altersgruppen. Es verging selten eine Woche, in der der Fahrer nicht damit beauftragt wurde, einen Besucher am Flughafen abzuholen. Manche blieben mehrere Monate, andere kamen in kurzen Zeitabständen wieder und blieben nur wenige Tage. Ihr Haus war ein Ort vieler Zimmer, und es kam nicht selten vor, dass alle gleichzeitig belegt waren. Oft nannte sie es ihr Hotel, ich hörte sie dann manchmal salopp am Telefon sagen: »Im Hotel sind noch Zimmer frei. Kommen Sie, bevor der Regen einsetzt und die Straßen aufweicht. Buchen Sie einen Flug, und sagen Sie mir Bescheid.«
Oft stellte ich mir vor, dass es angenehm sein musste, ihr Gast zu sein. Sie beschenkte alle, die in ihr Haus kamen, mit uneingeschränkter Großzügigkeit und nahezu verschwenderischer Gastfreundschaft, ganz so, wie sie häufig Menschen zu eigen ist, die das Gleiche von anderen gewöhnt sind und denen in der Regel alle Türen offen stehen. Es gab nichts, was sie nicht zur Verfügung stellte oder ihren Gästen überließ; sie war ein geschickter Verhandler, der mit ein paar Telefonaten an der richtigen Stelle auch das Unmögliche möglich machte.
»Kommen Sie, meine Damen«, wiederholte sie jetzt ihre Aufforderung, »ich stelle Ihnen meinen Gast vor. Richard ist gerade aus Washington hier eingetroffen.«
Ich stand von meinem Schreibtisch auf und trat in den Korridor. Dort stand ein großer, schlanker Mann mit Hut, der um die dreißig sein mochte, und betrachtete eingehend die Porträts unserer Altpräsidenten, deren Fotos gewöhnlich die Korridore jeder Auslandsvertretung dekorieren.
»Richard«, Eleonora ließ sich nun ebenfalls im Korridor blicken, »begrüße unsere beiden Damen, die noch gar nicht sehr lange auf dem schwarzen Kontinent leben, seine magische Anziehungskraft aber bereits erfahren haben.«
Er sah von den Bildern auf und blickte zu mir herüber. Gleichzeitig nahm er den Hut ab, unter dem glatte, schulterlange mittelblonde Haare zum Vorschein kamen, die aus der Stirn nach hinten zurückgekämmt waren und ein schmales Gesicht mit einer wohlgeformten geraden Nase umrahmten. Die Bedeutung des Hutes verstand ich sofort. Die Länge seiner Haare hätte in einem Land mit sehr puritanischen Kleidervorschriften, die einem konservativen Alleinherrscher auf Lebenszeit zu verdanken waren, Probleme bereiten können. Er hatte sie gut versteckt.
Wir gaben uns die Hand, er sah müde aus nach dem langen Flug. Wir tauschten ein paar Belanglosigkeiten aus über Klima und Reise. Er erinnerte mich an jemanden. Erst am Abend fiel es mir ein. Huckleberry Finn, dachte ich, diese jungenhafte Ausstrahlung von Huckleberry Finn.
Ich habe zwei Wochen für mich allein. Meine Familie zieht es im Winter in die Berge, wo sie begeistert Ski läuft. Ich bin kein Wintermensch und mag Schnee nicht besonders. Skilaufen ist auch nicht meine Sache, nicht zuletzt, weil ich unter Höhenangst leide.
Jedes Jahr fragen sie mich rücksichtsvoll, ob ich sie nicht begleiten möchte. Ich weiß genau, dass sie lieber unter sich sind, da ich ihre Begeisterung für den Sport in seiner einzigartigen Winterlandschaft nicht wirklich teilen kann. Jedes Jahr lehne ich ihr Angebot ab, und in jedem Jahr möchten Sie wissen, ob ich Pläne habe für die Zeit ihrer Abwesenheit. Eine Einladung nach Amsterdam könnte ich annehmen. Ein alter Freund aus früheren Zeiten wartet schon lange darauf, mich nach vielen Jahren endlich einmal wiederzusehen, um das große Loch, das seit dem letzten Treffen entstanden ist, aufzuarbeiten.
Aber ich weiß, dass ich nicht fliegen werde. Dass ich mir eine Ausrede zurechtlegen werde und er genau spüren wird, dass es eine ist.
Denn ich muss eine andere Reise fortsetzen. Und so bin ich dankbar für zwei Wochen Abgeschiedenheit im stillen, leeren Haus. Jeden Winkel werde ich mit meinen Erinnerungen ausfüllen, und jedes unbewohnte Zimmer wird mir dabei helfen, dass sie wiederkommen werden.
Wieder fahre ich die Einfahrt hoch zu meinem Haus. Noch ist das doppelseitige Tor geöffnet. Gleich, sobald die Dunkelheit eingebrochen ist, wird der Gärtner es schließen und vorher den Nachtwächter hereinlassen, dessen Aufgabe es sein wird, bei Bedarf von seinem Platz vor meinem Schlafzimmerfenster zum Tor hinunterzulaufen, um es zu öffnen und dann wieder gut zu verriegeln.
Über die hohe Mauer, die die »Quarters« vom Rest des Grundstücks trennt, dringt Geschwätz und Gelächter in den Garten. Das Klappern von Schüsseln und Tellern. Jemand summt ein Lied. Die Luft riecht nach Nzima und Rauch und verrät den nahenden Abend.
Zu meiner Rechten spielt eine Gruppe von Kindern auf spärlichem Gras unter einem großen Baum. Die meisten von ihnen kenne ich. Es sind die Kinder des Gärtners, sechs an der Zahl, das jüngste von ihnen hat gerade angefangen, auf eigenen Beinen zu stehen, wird aber meistens von seinen beiden älteren Schwestern durch die Gegend geschleppt. Ihre Kleider sehen abgenutzt und verwaschen aus, zerrissen bisweilen, aber sie sind sauber. Jeden Freitag verteile ich eine große Portion Waschpulver an die beiden Frauen, die in den »Quarters« das Regiment führen, und vor einem Monat hat eine Kiste mit Kinderkleidung ihren Seeweg vom fernen Europa angetreten.
Als die Kinder mich die Auffahrt hinauffahren sehen, unterbrechen sie ihr Spiel und winken mir eifrig zu. Ich winke zurück. In der Kinderschar entdecke ich auch den Sohn von John. Ein etwa dreijähriger Junge mit pummeligen Armen und Beinen und großen, fragenden Augen. Als er mich sieht, löst er sich aus der Menge, kommt auf mein Auto zu und hält schüchtern seine kleinen Hände auf. Leider habe ich heute nichts im Auto, was ich ihm geben könnte. Ich schüttele stumm meinen Kopf, streichele ihm über sein Haar und den runden Hinterkopf, und er läuft wieder zurück zu den anderen, um sein Spiel fortzusetzen.
John ist sehr stolz auf ihn, und als er heute Morgen in der Küche hantierte, erzählte er mir von ihm und davon, dass seine Frau wieder schwanger sei. Endlich, sagte er und dann wiederholte er das Wort, als müsste er es sich selber noch einmal bestätigen. Dabei lachte er dieses beschämte ehrliche Lachen, das ich so gerne an ihm mag.
Ich betrete mein Haus durch den Nebeneingang und stehe in einem kleinen Hauswirtschaftsraum, der direkt an die Küche grenzt. Die Tür zum Atrium – ein mit verschiedenen Tropengewächsen bepflanztes Quadrat, das das Kernstück des Hauses bildet – ist nur angelehnt. John ist damit beschäftigt, die kleine grüne Oase zu wässern, und als er mich hört, wickelt er den Gartenschlauch auf und kommt herein, um mich mit einem Lächeln zu begrüßen. Er trägt die neuen Turnschuhe und die Uniform, die wir auf sein Drängen hin vor einer Woche gemeinsam in der Altstadt besorgt haben, eine blütenweiße Stehkragenjacke und Hose aus Baumwolle, wodurch die dunkle, fast schwarze Farbe seiner Haut noch deutlicher ins Auge sticht.
In der Küche duftet es süß und warm und nach Vanille. John hat frische Waffeln gebacken und Tee gekocht. Seitdem das Waffeleisen aus Deutschland geschickt wurde, backt er sie in großen Mengen und versorgt dabei großzügig seine Familie, die des Gärtners und alle anderen mir Unbekannten, die die »Quarters« gelegentlich mit ihr teilen. Ich drücke wohlwollend beide Augen zu und wundere mich nur immer wieder über den schnell schwindenden Vorrat an Butter und Eiern.
Auch wenn die Küche schmal ist, wirkt sie doch hell und freundlich wegen der beiden großen Fenster, durch die man in einen dicht bepflanzten Vorgarten blickt, in dem ein stattlicher Waran zu Hause ist, der sich dort besonders gerne um die Mittagszeit auf den heißen Steinen sonnt.
Weiter oben, – dort, wo das Grundstück leicht ansteigt, um sich dann irgendwann im buschigen Savannengras zu verlieren – hat John an den Hängen einen kleinen Gemüsegarten angelegt, der uns mit dem Notwendigsten versorgt. Vor allem Salat und frische Kräuter sind Bestandteil unserer täglichen Ernte. Dort stehen auch ein paar Bananenstauden, ein Papayabaum und mehrere Guavensträucher. Die Bananen schmecken leidlich, aber es sind immerhin Bananen, Papaya esse ich am Morgen, weil sie gesund sind, und die schrumpelig aussehenden Guavenfrüchte sind aufgrund ihres eigenwilligen, intensiven Aromas eine willkommene Bereicherung für jede Art von Dessert.
Ich stibitze ein Herz von den noch warmen, mich geradezu anlachenden Waffeln, die sich auf einem großen Teller stapeln, und setze meinen Weg fort, von der Küche in ein langes und sehr hohes Wohn- und Esszimmer, das die ganze Längsseite des Bungalows einnimmt. Hier befindet sich auch der Haupteingang des Hauses, der eigentlich nur von Gästen benutzt wird. Man hat das Gefühl, beim Eintreten direkt ins Zimmer zu fallen, und ich wundere mich jedes Mal, dass man bei der Planung dieses recht großzügig und weitläufig angelegten Hauses nicht wenigstens an einen kleinen Vorraum gedacht hat. Vom Wohnzimmer hat man durch große Fenster einen guten Einblick ins satte Grün des Atriums, mein Lieblingsort am frühen Morgen für gute Gedanken und eine große Tasse Milchkaffee. Die Terrassentür, die nach hinten heraus in den Garten führt, steht offen. Bald wird die Dunkelheit einbrechen, übergangslos, ohne Vorankündigung.
Hinter dem großen einladenden Kamin, der in der kalten Jahreszeit gute Dienste tut, zweigt linker Hand ein schmaler, bei Tage aber lichtdurchfluteter Seitenflügel ab, der sein Licht ebenfalls einer großen Glastür zum Atrium verdankt. Über ihn gelange ich durch eine Tür, die Wohn- und Schlafbereich voneinander trennt, in einen kleinen viereckigen Flur, der zu den beiden Schlafzimmern und den Bädern führt. Die Räume sind klein und aufgrund der dunklen Wandschränke nicht besonders hell und einladend. Den kleineren der beiden benutze ich als Gäste- und Arbeitszimmer. Dort steht ein Schreibtisch direkt vor dem Fenster mit Blick in den Garten und ein unansehnliches, recht klobiges Sofaelement, das sich zu einem Gästebett umfunktionieren lässt. Es ist ein stiefmütterlich vernachlässigtes Zimmer, das mich manchmal traurig anblickt, und ich weiß, dass ihm ein bisschen Zuwendung meinerseits gut tun würde.
Der andere, etwas größere und freundlichere Raum ist mein Schlafzimmer. Auch hier ist das bereitgestellte Mobiliar gewöhnungsbedürftig, aber ich habe mit Stoffen und Decken die Hässlichkeit des Zimmers geschickt kaschiert, und jetzt ist es ein Ort geworden, an dem man den Tag behaglich hinter sich lassen kann.
Der Nachtwächter hat seinen Platz auf einem Stuhl im Garten vor meinem Fenster. Sein Schnarchen und das ferne Heulen der Hyänen lullen mich in den Schlaf.
Bereits am folgenden Tag war Richard wieder im Büro. Diesmal wirkte er ausgeruhter und erzählte ein wenig. Dass er in der Normandie lebe, aber Amerikaner sei, gebürtig aus Washington. Eine lange Reise habe er hinter sich, zwei Monate sei er nicht mehr in Frankreich gewesen.
Während er sprach, beobachtete ich ihn aufmerksam. In seinem Gesicht war etwas Bejahendes, das mir gefiel, eine Lebendigkeit, die mich festhielt. Er schien den Augenblick zu leben und zu lieben, um ihn dann in der Wiedergabe noch einmal zu erfahren, zu bündeln und auf den Punkt zu bringen. Es bestand kein Zweifel, dass er um die Wirkung wusste, die er auf seine Zuhörerschaft ausübte. Ihr hatte er jene zurückgelehnte Selbstsicherheit zu verdanken, um die ihn viele Menschen beneiden mochten, ein selbstverständliches, ganz natürliches Sein, das jeden Raum mühelos füllen konnte.
Seine Kleidung war eine Mischung aus dezent geschmackvoll und lässig dahingeworfen, sie bildete den richtigen Rahmen für seinen Auftritt und unterstrich den Eindruck, den er auf andere Menschen machte, elegant und unaufdringlich zugleich. Alles an seiner Aufmachung wirkte zufällig, und doch wusste ich, dass er bei der Wahl und Zusammenstellung nichts dem Zufall überlassen hatte. Er wirkte großstädtisch, ein Großstädter irgendwo in der Normandie.
Was man denn so machen würde, hier im Busch, an einem freien Nachmittag, fragte er. In der Tat, heute Nachmittag war die Botschaft geschlossen. Alle Mitarbeiter freuten sich darüber zweimal in der Woche. Ich zögerte mit der Antwort, erstaunt über die Frage. Ausweichend murmelte ich etwas von Capital Hotel und Pool, und das auch nur vielleicht und überhaupt nicht sicher. Es war ein grauer, schwüler Dienstag, wir warteten auf die Regenzeit. Der Tag schien alles andere als einen sonnigen angenehmen Poolnachmittag in Aussicht zu stellen.
Ich weiß nicht mehr, warum ich mich dennoch zum Hotelpool begab. Vielleicht in Ermangelung anderer Pläne, vielleicht auch nur als kurzer Abstecher auf dem Weg in die Altstadt, den von der Kolonialzeit geprägten Stadtteil, der auf der anderen Seite Lilongwes lag. Ich hatte John versprochen, Chapatti-Mehl zu besorgen, das es nur in den indischen Geschäften gab. Er wollte einen Kuchen davon backen.
Am Pool fand ich nur wenige Menschen. Eine Engländerin hatte viel Spaß mit ihren beiden Kindern im Wasser. Ich kannte sie flüchtig und winkte ihr zu. Sie erwiderte meinen Gruß, kam an den Beckenrand geschwommen, und wir wechselten ein paar Worte über die gelungene Wohltätigkeitsveranstaltung vom letzten Wochenende, an deren Zustandekommen und Organsation sie maßgeblich beteiligt gewesen war. Im Liegestuhl bestellte ich Tee und gab mich meinen Tagträumen hin, versuchte dann, ein wenig zu lesen, und nickte schließlich darüber ein.
Ein »Hi!« weckte mich auf. Den Hut erkannte ich sofort, als ich langsam blinzelnd die Augen öffnete. Er stand vor meinem Liegestuhl, die Hände in den Hosentaschen seiner beigen Shorts vergraben, und grinste in seiner ganzen Lässigkeit zu mir herunter. Er stand da, schaute in mein verdutztes, verschlafenes Gesicht und schien sich darüber zu freuen, dass ihm die Überraschung geglückt war.
Ob er mich geweckt habe, fragte er schlicht. Dann setzte er sich wie selbstverständlich vor meinen Liegestuhl auf den Boden und zündete sich eine Zigarette an.
»Ich versuche, wenig zu rauchen«, erklärte er mir, »aber wenn sich der Tag dem Ende zuneigt, dann ist mir immer danach.«
Wir sprachen von Afrika, er erzählte von Reisen, und ich erzählte von Reisen. Unsere Worte plätscherten dahin wie jener stille Nachmittag, spielten dem anderen zu, und obwohl wir einander fremd waren, fiel es nicht schwer, die Unterhaltung in Gang zu halten. Mühelos kamen die Worte, unverstellt und spontan, manchmal lachten wir.
Wieso er plötzlich aufgetaucht war und woher er gekommen war, verriet er nicht, und ich vermied es, ihn zu fragen.
»Ich fahre jetzt in die Altstadt«, sagte ich schließlich und erhob mich aus meinem Liegestuhl. »Es gibt noch etwas zu besorgen. Wenn du möchtest, kannst du mich begleiten.«
Als wir aufstanden, war der Pool noch immer fast menschenleer. Das Hotel döste vor sich hin genau wie jener graue, trübe Nachmittag.
Damals das erste Hotel am Platze, war es Anlaufstelle und Treffpunkt von Menschen aller Couleurs, vornehmlich jedoch der in Lilongwe lebenden Ausländer, die sich dort zum Lunch am Pool, Drinks an der Bar und zum Tennis oder Squash einfanden. Es gab Konferenz- und Tagungsräume, ein paar Geschäfte mit einheimischen Souvenirartikeln, aber auch importierten Waren, und manchmal ging man einfach dorthin, um eine Zeitung zu kaufen und dabei vielleicht zufällig einen Bekannten zu treffen, den ein ähnliches Vorhaben aus dem Haus gelockt hatte. Es war ein ansprechendes Hotel mit gepflegter Gartenanlage, dessen niedrige, weitläufig verstreute Gebäude sich harmonisch in die Umgebung einfügten.
Das Hotel lag im neuen, großflächigen Viertel der Stadt. Breite, schachbrettartig angelegte asphaltierte Straßen, die mit Gründung der Hauptstadt vom Reißbrett entstanden waren, führten an modernen Gebäuden auf großzügigen Grundstücken vorbei. Hier gab es Ministerien und Banken, diplomatische Auslandsvertretungen und die Büros der zahlreichen Organisationen, die im Dschungel der Entwicklungshilfe ihre Fäden ziehen. Alles wirkte ein wenig aufgesetzt, groß und steril, am Bedarf vorbeigebaut. Die Straßen waren meistens menschenleer, denn hier wohnte, lachte, lebte man nicht, und das im Kern gebaute Einkaufszentrum mit ein paar Geschäften und einem großen Supermarkt war ein trauriger, unbelebter Ort, der vornehmlich von den Ausländern besucht wurde, die in den umliegenden Bürogebäuden ihren Arbeitsplatz hatten.
Jakaranda«, sagte ich plötzlich ganz unvermittelt, als wir das Hotel verließen und auf die große, breite Straße abbogen, »wir fahren durch die Jakaranda-Allee in die Altstadt, der kleine Umweg lohnt sich.«
Es war nicht das erste Mal, dass ich mir diese kleine Extrarunde gönnte. Wenn ich es nicht eilig hatte und ein langer Samstag vor mir lag, an dem ich nicht zum Bereitschaftsdienst in die Botschaft musste oder mit Freunden an den See fuhr, machte ich gerne diesen zusätzlichen Bogen. Warum ich es damals vorschlug, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Wahrscheinlich wollte ich ihm etwas zeigen, das mir gefiel und an dem er teilhaben sollte. Allein der Gedanke an die Straße ließ meine Augen aufleuchten, ich freute mich über meinen plötzlichen Einfall, und ich erinnere mich noch daran, dass er mir aufmunternd und beinahe flirtend zuzwinkerte und zu sagen schien: »Lass uns nur den kleinen Umweg in Kauf nehmen. Ich habe Zeit.«
Und noch einmal fahre ich langsam die breite Straße entlang, die zu beiden Seiten so dicht von jenen großen, ausladenden Bäumen gesäumt wird, dass die dahinterliegenden Grundstücke mit ihrer modernen Architektur vollkommen unsichtbar bleiben. Es ist, als hätten sie der Straße ein Prachtkleid in Purpurviolett angezogen, ein malvenfarbenes Kleid aus Blüten, die wie Glocken geformt sind, Glocken in Lila.
Das Farbenmeer ist so überwältigend, dass man für eine Weile zu atmen vergisst und dann eintauchen möchte, für immer darin versinken. Keiner sagte ein Wort. Erst als wir die Bäume schon hinter uns gelassen hatten, sagte ich ihren Namen noch einmal ganz leise vor mich hin. »Jakaranda«, flüsterte ich fast und dann noch einmal: »Jakaranda.« Ich sagte das Wort langsam, ruhte mich aus auf seinem einzigen Vokal in vierfacher Wiederholung und sah meinen Begleiter neben mir lächeln. Er lächelte, ohne seinen Blick von der Straße vor uns zu wenden, ohne mich anzusehen, aber ich wusste, dass er mich verstanden hat.
Wie er denn als Amerikaner mit der Sprache zurechtkomme, in einem Land, in dem man sich so strikt weigere, Englisch zu reden und zu verstehen, fragte ich ihn schließlich im Auto. Außerdem seien die Anglophonen doch auch keine Sprachenthusiasten aus Mangel an Notwendigkeit und Motivation.
Er würde da wohl eine Ausnahme bilden, erwiderte er in fließendem Französisch und dann, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, fuhr er in fehlerfreiem, fast akzentlosem Deutsch fort, dass wir auch in meiner Muttersprache sprechen könnten, wenn es mir lieber sei.
Jetzt war ich doch verblüfft. Er hatte gewonnen, ohne mir eine weitere Erklärung abzugeben. Ich schwieg.
Wenn man den neueren Teil der Stadt endlich hinter sich gelassen hatte, fuhr man eine Weile an leicht hügeligem, unbebautem Buschland vorbei, knorrige, weit verästelte Bäume auf struppigem, braun gewordenem Savannengras, bis es wieder lebhafter wurde und sich der eigentliche, echte Kern der Hauptstadt vor einem ausbreitete. Hier nahmen die Straßen natürliche Biegungen an, vereinzelt gab es schmale, holprige Bürgersteige, und der vom Regen ausgewaschene Asphalt war mit Schlaglöchern übersät. In diesem Teil befand sich der große, von einer hohen Mauer umgebene Marktplatz, auf dem Obst und Gemüse in säuberlich aufeinandergeschichteten »bundles« feilgeboten wurde, und in einer überdachten Halle konnte man Fleisch kaufen, das in der Hitze meistens von Fliegen übersät war. Ferner gab es Korbwaren, Keramik, Töpfe und andere Artikel für den täglichen Bedarf. Es herrschte immer ein buntes, geschäftiges Treiben, und ein Besuch lohnte sich, denn hier war Afrika: Man konnte es riechen, hören und sehen.
Als hätte Richard meine Gedanken erraten, schüttelte er leicht mit dem Kopf, als wir vorbeifuhren. Auf dem Markt sei er erst gestern gewesen, sagte er, ich brauche mir seinetwegen also nicht die Mühe zu machen anzuhalten.
Wir fuhren weiter in die Altstadt hinein. Hier war vor allem die indische Kolonie zu Hause. Zahlreiche kleine Geschäfte säumten die staubigen, von Menschen überfüllten Straßen. Muffig und dunkel war es in den Läden, deren Regale bis unter die Decke reichten und vollgestopft waren mit Tuchen und Stoffen, Kurzwaren, Kleidungsstücken aller Art und Spielzeug. Da auch Lebensmittel und vor allem Gewürze verkauft wurden, roch es nach allem Möglichen, und es drängte mich jedes Mal, so schnell wie möglich wieder ins Freie zu kommen.
So auch an jenem Spätnachmittag. Wir kauften, was John mir aufgetragen hatte, und als wir das Geschäft verließen, fiel mir die Butter wieder ein. Schon seit Wochen waren die Buttervorräte in den Regalen erschöpft gewesen, aber irgendjemand hatte von einem Supermarkt in der Altstadt erzählt. Dort sollte es noch welche geben, gesalzen und aus Neuseeland.
Er habe ohnehin nichts vor, heute Abend, lächelte mein Begleiter, eine Aufforderung, doch noch das Geschäft anzufahren, um eventuell fündig zu werden.
Es dauerte eine Weile, bis ich den Supermarkt fand, er lag versteckt auf einer düsteren, nicht asphaltierten Seitenstraße und war so klein, dass ich ihn zunächst übersah und daran vorbeiholperte.
Als wir ausstiegen, wurden wir sofort von einem Schwarm von Kindern umringt. Sie waren plötzlich da, wie aus dem Nichts aufgetaucht, in jener engen Straße, die eben noch so leblos erschien. Selbst gemachtes Spielzeug und Holzschnitzereien wurden uns zum Kauf angeboten, einige berührten mich am Arm, und ein Mädchen zerrte ihren kleinen Bruder hervor und forderte ihn auf, mir seine verstümmelte, mit Narben übersäte Hand unter die Nase zu halten. Ein anderer Junge lief hartnäckig hinter mir her, weil er unbedingt meinen Einkaufskorb tragen wollte. Ich zeigte auf meine leeren Hände, versuchte, ihm zu erklären, dass ich gar keinen bei mir hatte, aber er wollte sich nicht abwimmeln lassen. Erst als ich in meine Rocktasche griff und ein paar Tambala zum Vorschein kamen, die ich in die verklebte Kinderhand legte, verschwand er im Eingang des gegenüberliegenden Hauses.
Vor ein paar Monaten noch waren diese Szenen für mich gewöhnungsbedürftig gewesen, ich hatte sie als bedrängend und beängstigend empfunden und eine Weile gebraucht, bis ich gut mit ihnen umgehen konnte.
Richard hingegen hatte ganz souverän neben mir gestanden, kein Wort gesagt und das Schauspiel ruhig beobachtet.
Ich fragte mich, wie oft er seine Gastgeberin wohl schon besucht haben mochte in den verschiedenen Teilen dieser Erde und ihren unterschiedlichen Kulturkreisen und wie wenig ich eigentlich erfahren hatte über ihn, an jenem Nachmittag.
Dass er vier Wochen hierbleiben werde und vorhabe, das Land ein wenig zu entdecken, hatte er mir erzählt, darüber hinaus aber auch ein paar Abstecher in das eine oder andere Nachbarland unternehmen wolle.
Ich hatte daraufhin von einem Wildlife Park kurz hinter der Grenze auf sambischer Seite geschwärmt, den ich erst vor wenigen Wochen besucht hatte, und ich erzählte ihm ein wenig von dem Leben in Lilongwe, das als Hauptstadt nicht gerade viel zu bieten hatte: ein erbärmliches und sehr heruntergekommenes Kino, in dem hin und wieder die Ratten aus den Ecken krochen und durch den Vorführraum liefen, ab und zu ein Film im British Council oder im Institut Français, ein paar Hotels und Restaurants, darunter ein Taiwanese und ein recht guter Inder, dann natürlich Golf und Tennis mit dem dazugehörigen kolonial geprägten Clubleben und ein paar interessante Bars am Rande der Stadt, wo es authentischer zuging, afrikanische Rhythmen, Körper und Stimme. Es war gut, wenn man jemanden kannte, der den Zugang zu gewissen Kreisen ermöglichte, sonst war der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ein zähes Unterfangen.
Der Supermarkt war klein und das Angebot der Waren nicht mit dem der großen und dem Westgeschmack angepassten Geschäfte zu vergleichen, aber Butter gab es tatsächlich, und ich deckte mich ausreichend ein.
Als ich meinen Begleiter eine halbe Stunde später vor der Residenz absetzte, war es bereits dunkel geworden.
»Na dann, danke«, sagte er kurz und »See you later« und war genauso schnell und lautlos in der Dunkelheit verschwunden, wie er am Nachmittag am Hotelpool aufgetaucht war.
Im Auto auf der Fahrt nach Hause dachte ich noch einmal über den für mich so ganz unerwarteten Verlauf und Ausgang jenes Nachmittags nach. Er war der Gast meiner Vorgesetzten, irgendetwas passte nicht zusammen und störte mich daran, ohne dass ich genau hätte sagen können, was es war.
Wie ging es weiter? Ich habe mich im Arbeitszimmer unseres Hauses regelrecht eingegraben, eine alte Truhe vollständig ausgeräumt und meinen Fund großzügig auf dem Boden ausgebreitet. Zum Vorschein sind alte Tagebücher gekommen, Fotos, vergilbte Briefe, Kalender und Notizen. Längst in Vergessenheit geratene Zeitdokumente, die mich wie einen Sog in die Vergangenheit zurückziehen. Ich grabe, finde, schaue und lese, und was nicht in den Zeilen steht, versuche ich, zwischen ihnen zu entdecken.
Bereits am nächsten Abend rief er mich zu Hause an, ein Anruf, der mich genauso überraschte wie die Begegnung am Tag zuvor. Er muss die Verblüffung in meiner Stimme bemerkt haben, ich war wortkarg und hörte zu, was er mir zu erzählen hatte. Und er hatte mir viel zu erzählen.
Von seinem Tagesausflug zum See und den Fischen, die er beim Schnorcheln gesehen hätte. In der Tat, er habe Glück mit dem Wetter gehabt. Endlich wieder einmal blauer Himmel und Sonnenschein nach den vielen grauen Tagen.
Ja«, sagte ich nur, »die Fischvielfalt im Malawisee ist überwältigend.«
Wo er denn geschnorchelt habe, fragte ich, und er beschrieb mir die Bucht.
»Vielleicht können wir morgen Abend zum Dinner gehen«, schlug er schließlich vor. Er überlasse die Wahl eines Restaurants ganz mir, da er sich ja ohnehin nicht auskenne in dieser Stadt, die – und darin musste ich ihm recht geben – schon ein bisschen öde werden konnte am Abend, wenn es stockdunkel wurde und nirgendwo ein Licht auf den Straßen.
Ich zögerte. Was wollte dieser Mann von mir? Vielleicht rechnete seine Gastgeberin mit seiner Anwesenheit am Abend, freute sich über ein gemeinsames Abendessen mit ihm auf der weitläufig angelegten Terrasse und eine anschließende Runde im parkähnlichen Residenzgarten, in dem sie sich allzu gerne in detaillierten Ausflügen in die Botanik verlor und stolz auf alle neu hinzugekommenen Pflanzen und Sträucher verwies, über deren Herkunft, Anwachsen und Gedeihen jeder Gast ausführlich unterrichtet wurde.
Was würde er ihr sagen, wenn er ging? Denn er wusste doch nur zu gut, dass seine Gastgeberin meine Vorgesetzte war, dass es da ungeschriebene Regeln gab, die man einhalten musste, einfach respektieren.
Ich weiß nicht mehr, warum ich schließlich doch zusagte. Vielleicht, um das Gespräch zum Ende zu bringen, nicht weitere Fragen und Bitten hervorzurufen. Denn ich war nicht allein. Karim, ein guter Freund aus Alexandria und Gynäkologe am hiesigen Krankenhaus, brauchte meinen Rat und blickte jetzt schon etwas ungeduldig zu mir herüber.
»Gut«, sagte ich nach einer kurzen Pause. »Wir gehen zum ›Inder‹ in die Altstadt. Bekommst du ein Auto, oder soll ich dich abholen?«
Es ist erstaunlich, wie die Erinnerungen beim Schreiben wiederkommen. Sie fließen aus meinem Kopf wie ein Gewässer, das sich seinen Weg bahnen muss, um schließlich ins große Ganze zu münden und dort seinen Platz zu finden.
Das Wort »fish« fällt mir wieder ein. Er sprach von »the fish in lake Malawi«, und als ich den Telefonhörer auf die Gabel legte, murmelte ich das Wort noch einmal vor mich hin, ganz so, als hätte ich soeben etwas bemerkt, was mir vorher noch niemals aufgefallen war.
In der Tat, Plural und Singular von »fish« waren identisch.
Als ich ihn am nächsten Abend vor der Residenz abholte, wartete er bereits auf mich.
»Du riechst gut«, sagte ich ziemlich spontan, als er in mein Auto stieg. Er grinste mich an. Er habe am Nachmittag ein bisschen im Garten herumgewerkelt und dem Gärtner geholfen. Jetzt sei er frisch geduscht und fertig für den Abend und ein gutes Essen. Er habe großen Hunger.
Wir fuhren durch die Nacht. Es gab keine Beleuchtung, keine Ampeln, die Straßen waren menschenleer, ab und zu sah man ein paar wilde, umherstreunende Hunde, die niemandem gehörten. Nach Einbruch der Dunkelheit geht hier keiner mehr über die Straßen und Wege. Bürgersteige findet man selten.
Das Restaurant war fast leer. Als wir eintraten, lächelte mir Amina, die Besitzerin, zu. Sie kannte mich, ich war hier häufiger zu Gast. Unter den wenigen anderen Gästen war niemand, den ich vom Sehen kannte. Das kam selten vor bei der spärlichen Auswahl an Restaurants und der kleinen, überschaubaren Kolonie, die sie besuchte.
»Der Inder« war eigentlich eine recht schäbige Lokalität in einer engen, dunklen Seitenstraße in der Altstadt. Die Fenster waren klein und ließen selbst bei Tage so wenig Licht in den Raum, dass es immer ein wenig düster wirkte, wodurch das einfache und schon abgenutzte Mobiliar gar nicht mehr so ins Auge fiel. Auf einem fleckenübersäten Teppich in einer dunklen, undefinierbaren Farbe standen auf engstem Raum viele Tische nahe beieinander, die von harten, unbequemen Holzstühlen umstellt waren. Die Tische hatte man mit Plastikdecken umspannt, die mit Metallklammern an den Tischseiten befestigt waren. So wurden die darunterliegenden Tischdecken aus rötlichem Stoff geschont und vor Flecken bewahrt.
Aber obwohl die Umgebung nicht gerade einladend wirkte, ging man gerne dorthin, denn das Essen war authentisch, frisch und gut, und die Besitzer waren warm und freundlich.
Auch hier zeigte sich Richard ganz souverän. Er kannte sich aus mit der Speisekarte, wir berieten uns, Amina kam an den Tisch, zündete uns eine Kerze an und empfahl einige Speisen. Auf ihr Tandoori Chicken war sie besonders stolz, und es stand auch heute wieder am Anfang der langen Liste von Gerichten, aus denen sie uns aufforderte auszuwählen. So bestellten wir Huhn, entschieden uns für ein Fisch- und Lammcurry »to share« und Linsen, ja, Linsen müssen es immer sein für mich.
Rotwein gebe es auch, teilte sie uns mit, gestern sei eine Lieferung aus Südafrika eingetroffen. Drei verschiedene Weine habe sie bestellt, und wir entschieden uns für den Merlot.
Ich blickte ihn an. Er sah gut aus. Die Sonne am See hatte seine Haut leicht gebräunt, er war rasiert und hatte frisch gewaschene Haare. Wenn sie in sein Gesicht fielen, strich er sie aus der Stirn nach hinten zurück.
Ich betrachtete seine Hände. Sie waren groß und breit und verrieten körperliche Arbeit, waren aber dennoch wohlgeformt und gepflegt. An einem Finger entdeckte ich einen kleinen Siegelring.
Er redete, aber mein Blick kehrte nicht zu seinem Gesicht zurück, sondern haftete auf diesen Händen, weil ich wissen wollte, warum sie mich so magisch anziehen. Dann hatte ich es. Auch seine Hände strahlten diese zurückgelehnte, entspannte Selbstsicherheit aus, jede ihrer Bewegungen schien zu »sitzen« und abgestimmt zu sein auf die nächste, ganz im Einklang mit ihrer Zweckbestimmung. Sie vermittelten Ruhe und Harmonie, und ich dachte an Schutz und Geborgenheit.
Als ob er meine Gedanken erraten hätte, erzählte er mir, dass er Möbel restauriere, darüber hinaus aber auch Häuser und Wohnungen und alles, was der Mensch sich wünsche, restauriert zu werden.
Wieder grinste er dieses wissende Grinsen.
Augenblicklich lebe er mehr in Paris als in der Normandie, denn er habe seiner Gastgeberin versprochen, ihre dort befindliche Wohnung auf Vordermann zu bringen.
Er war also wirklich ein Mann, der mit den Händen arbeitet.
Holz sei sein Favorit, er arbeite gerne mit Holz, liebe es in seinen Händen.
Und dann redeten wir von Paris und Frankreich und den Franzosen. Und von mir, die so viel lieber in einer frankophilen Umgebung leben würde, nein, die englische Sprache sei nie mein Favorit gewesen, und der Wein zeigte seine Wirkung.
Mir war schön warm zumute, ich plauderte und lachte mehr, als ich sollte, und bald waren wir die Letzten im Restaurant, und Amina kam an unseren Tisch, um uns mitzuteilen, dass sie das Restaurant gerne schließen würde. Es sei schon spät.
Als wir zum Auto zurückgingen, legte er den Arm um meine Schultern, ohne Worte, ganz so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt und als hätte dieser Abend gar nicht anders enden können.
»I call you«, sagte er beim Aussteigen und verschwand in der Dunkelheit.
An den folgenden Tagen ging es in der Botschaft hektisch zu. Wir bereiteten den Besuch einer Delegation aus Deutschland vor, von dem man sich vor allem Zusagen zu neuen und großzügigeren Mitteln erhofft. Gelder für Projekte, an die wir glauben wollen, die sich aber leider nur allzu oft als Tropfen auf den heißen Stein erweisen.
Personelle Engpässe, bedingt durch einen hartnäckigen Grippevirus, der die Runde zu machen schien und niemanden verschonen wollte, machten die Vorbereitungsphase mühsam und schwierig. Die wenigen Gesunden waren gereizt und müde, und manchmal hätte man das Telefon, das nicht stillzustehen schien, am liebsten aus dem Fenster geworfen.
