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Sieben Schicksale. Sieben Monate. Sieben Erzählungen. Im Angesicht eines über der Erde verglühenden Kometen sehen sich sieben Menschen mit der größten Herausforderung ihres Lebens konfrontiert: sich selbst. Ein junger Mann flieht vor seinem schlechten Gewissen und einer Frau nach Indien. Ein Arzt glaubt, seine wirkliche Berufung als Roadie in einer Punkband und Liebhaber der Sängerin zu finden. Ein Rucksacktourist sieht auf einer Japanreise erst Godzilla und dann dem Tod ins Auge. Ein U-Bahnfahrer kämpft während eines gigantischen Stromausfalls mit seiner eigenen inneren Dunkelheit. Ein junges Paar trifft in Norwegen unter mysteriösen Bedingungen Kurt Cobain. Ein Privatdetektiv versucht, sein eigenes Doppelleben zu verheimlichen. Zwei Brüder finden auf der Suche nach ihrem toten Vater in einer erschütterten Welt zu sich selbst. Die Schicksale dieser Menschen sind miteinander verknüpft, sie kreuzen und berühren sich. Alle sind Grenzgänger und Sinnsucher in ihrem Leben und in der Liebe - immer nah am Abgrund, oder auch wie der Komet kurz vor dem Verglühen. "Bevor wir verglühen" ist so großartig wie wahnsinnig (klug) geschrieben, dabei rasant, mutig und radikal wie ein Tarantino-Film, in einer klaren, poetischen, aber auch modernen Sprache, die süchtig macht." "Wer sich selbst, die Menschheit und die Welt noch nicht aufgegeben hat, wer noch für etwas oder jemanden brennt, wer keine Angst davor hat, auch mal verstört zu werden. Kurz: Wer noch nicht verglüht ist, der wird diese Erzählungen lieben. Mutige Punk-Literatur der Extraklasse!"
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2019
Über das Buch:
Sieben Schicksale. Sieben Monate. Sieben Erzählungen.
Während sich ein riesiger Komet der Erde nähert und dabei verglüht, geraten sieben Menschen zeitgleich an Wendepunkte in ihrem Leben, die ihr Sein, Fühlen und Denken erschüttern und vollkommen verändern: Ein junger Mann flieht vor seinem schlechten Gewissen und einer Frau nach Indien. Ein Arzt glaubt, seine wirkliche Berufung als Roadie in einer Punkband und Liebhaber der Sängerin zu finden. Ein Rucksacktourist sieht auf einer Japanreise erst Godzilla und dann dem Tod ins Auge. Ein U-Bahnfahrer kämpft während eines gigantischen Stromausfalls mit seiner eigenen inneren Dunkelheit. Ein junges Paar trifft in Norwegen unter mysteriösen Bedingungen Kurt Cobain. Ein Privatdetektiv versucht, sein eigenes Doppelleben zu verheimlichen. Zwei Brüder finden auf der Suche nach ihrem toten Vater in einer erschütterten Welt zu sich selbst. Die Schicksale dieser Menschen sind miteinander verknüpft, sie kreuzen und berühren sich. Alle sind Grenzgänger und Sinnsucher in ihrem Leben und in der Liebe – immer nah am Abgrund, oder auch wie ein Komet kurz vor dem Verglühen.
Christoffer Krug
© 2019 Christoffer Krug
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-5390-1
Hardcover:
978-3-7497-5391-8
e-Book:
978-3-7497-5392-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Christoffer Krug
Bevor wir verglühen
Über den Autor:
Christoffer Krug wurde 1979 in Köln geboren. Er jobbte als Putzkraft, Roadie, Rettungssanitäter, studierte Medizin in Gießen und Neu-Delhi und arbeitet als Arzt. Er war Herausgeber des Magazins „in weiß“ und schreibt außer Romanen auch Gedichte und Kinderbücher. Der dreifache Vater lebt in Gießen.
Weitere Bücher von Christoffer Krug:
„Mehr und Mehr”, Roman 2009
„Come on, paint me a wound“, Gedichte 2010
„Paul sagt AAAHHH“, Kinderbuch 2018
„Das Herz ist auch nur ein Muskel“, Gedichte 2020
Umschlaggestaltung und Gesamtherstellung:
Dr. Christoffer Krug
Lektorat: Stephanie Jana, www.lektorat-stilsicher.de
1. Auflage 2019, gesetzt aus der Bembo Regular
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
„‚Sehen‘ heißt: im entsprechenden Momentdas Bild nachzubilden, das die Denkgemeinschaft,zu der man gehört, geschaffen hat.“
Ludwik Fleck
Inhalt
1. Der Tag, an dem wir uns „we‘re gonna live forever“ auf die Oberschenkel tätowierten
2. Sehnsucht ist ein treuer Begleiter
3. Miyagi
4. Sommersturm
5. Come as you are
6. Rehbeinchen, mach mal ein Glas mit Cognac voll
7. Bevor wir verglühen
„Das Leben ist eine Reise.
Nimm nicht zu viel Gepäck mit.“
Billy Idol
1. Der Tag, an dem wir uns „we‘re gonna live forever “ auf die Oberschenkel tätowierten
„I was asking for someone to repair the light in room 214! Not to send someone to steal my wallet! Goddammit!“
Der Hals des Mannes an der Rezeption spannt sich beim Schreien so stark an, dass die Sehnen hervortreten. Er hat einen britischen Akzent, trägt Cargohosen und ein graues Sex Pistols-Shirt. Schweißperlen vereinigen sich auf seiner Stirn, dann auf seinem Nacken, und laufen weiter seinen Hals herunter. Der langgezogene nasse Fleck auf dem Rücken des korpulenten jungen Mannes hat die Form von Sylt.
„Wie auf den Autoaufklebern“, denkt Benjamin, dreht sich um und nimmt die Treppe neben der Rezeption in den ersten Stock. Am frühen Morgen ist er aus Neu Delhi mit dem Zug angekommen. Hierher, an einen Ort, an dem er den Tod und die Vergänglichkeit Tag und Nacht riechen wird. Benares heißt diese Stadt, Varanasi ist ihr neuer Name. Kashi ihr ältester.
Benjamin liegt auf dem Bett seines Hotelzimmers und starrt an die Decke, nachdenklich reibt er sein Kinn, befühlt die ungewohnten Bartstoppeln. Der Ventilator verwirbelt die stickige Luft und verbreitet einen elektrischen, einen muffigen Geruch. Außer einem Doppelbett, verkratzten Nachttisch, Korbsessel und runden Spiegel an der gegenüberliegenden Wand ist das Zimmer karg eingerichtet. Der Bastteppich löst sich an manchen Stellen auf. Eine Ameisenstraße verläuft vor der Tür zum Balkon. Ein Schild warnt davor, sie zu lange geöffnet zu lassen, da sonst die Affen hereinkommen. Der Balkon des Scindia-Guesthouses überblickt weite Teile des Flusses und bietet einen atemberaubenden Ausblick auf beide Ufer.
Benjamin steht schwerfällig aus dem Bett auf, nimmt den Korbsessel und schafft es, das Möbelstück durch die enge Balkontür zu heben. Er setzt sich. Die Sonne scheint ihm durch gelblichen Dunst hell ins Gesicht. Seine Haut hat bereits begonnen, sich unter Staub, Schweiß und Sonnenbräune zu verfärben.
„Wie eine Verwandlung“, denkt Benjamin.
Seine beigefarbene Hose ist schmutzig-grau geworden. Er hat gelesen, dass jedes Jahr viele Touristen nach Indien reisen, um irgendeine Erleuchtung oder die eine Wahrheit im Leben zu finden. Benjamin erwartet keine Erleuchtung, und er weiß auch noch nicht, wie seine Wahrheit aussehen wird, aber er ahnt, dass sie weder schwarz noch weiß, eher grau sein wird.
„Am Ende ist sowieso nur das wahr, an das ich mich zu glauben entscheide“, stellt Benjamin ein bisschen trotzig fest. Wie um das zu untermauern, fischt er ein Päckchen Beedie-Zigaretten aus der Seitentasche seiner Hose und zündet sich eine an. Saugt gierig einige Züge des billigen Arbeitertabaks in sich auf, bis die Glut die Hälfte des gerollten Blättchens erreicht hat, und drückt die Zigarette dann auf Höhe seines rechten Oberschenkels an der Hose aus. Halb schmelzend, halb brennend, frisst sich die Glut durch den Synthetikstoff und hinterlässt ein Loch, durch das er die einzelnen Buchstaben auf seinem Bein sehen kann. Den Schmerz spürt er kaum.
Er steht auf, schließt die Balkontür nur halb, schubst seinen Rucksack – seine Jacke, Schuhe und Socken, alles nur wenige Tage alt und frisch aus dem Geschäft – vom Bett und greift nach einer Postkarte, die er gestern erst in seinem Gepäck gefunden hat.
Auf der Karte mit blauem Himmel und einer Blumenwiese als Hintergrund sind fünf buddhistische Glücksweisheiten gedruckt. Er wendet die Karte und liest sich die Rückseite zum x-ten Mal durch.
„Lieber Benjamin!
Geht es dir gut, da wo du jetzt bist? Hoffentlich hast du schon das gefunden, was du auf deiner Reise gesucht hast. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen…
Deine Sabine“
Darunter ist eine Blume gemalt. Je länger er diese Blume anschaut, desto eher bekommt er den Eindruck, die Blüte könnte auch ein hastig gezeichnetes Herz sein. Außerdem fragt er sich, warum nach „kaum erwarten, dich wiederzusehen“ drei Punkte stehen und kein Ausrufezeichen. Benjamin hätte ein Ausrufezeichen verwendet. Was sollen diese drei Punkte bedeuten? Was wird passieren, wenn er Sabine wiedersieht? Er weiß es nicht und wünscht sich insgeheim, er könnte die Antwort irgendwo auf dieser Reise finden. Die Antwort muss einfach hier sein, in diesem Land, fern von Zuhause, weil Benjamin gehört hat, dass man nur etwas findet, wenn man sucht. Suchen funktioniert aber nur, wenn man sich auch dabei bewegt.
Er dreht die Karte erneut um und liest die buddhistischen Glücksweisheiten laut vor.
„Verbringe jeden Tag eine Zeit lang alleine.“
Benjamin grinst und zieht mit dem Daumennagel eine Kerbe durch den Satz auf der Pappkarte. Erledigt.
Der zweite Satz lautet: „Nähere dich der Liebe mit unaufhörlicher Anstrengung.“ Er knetet nachdenklich seine Unterlippe.
Er ist noch nie vor etwas weggelaufen. Aber mit dem Einsteigen ins Flugzeug fühlte sich alles auf einmal viel einfacher an.
Von draußen dringt plötzlich Geschrei in das Zimmer, und der Geruch von verbrannten Menschen und Holz weht hinein. Er hat immer gedacht, dass nach der Verbrennung der Leichen nichts als Asche übrig bleiben würde. Aber dafür ist gar keine Zeit. Die Angehörigen haben meistens kein Geld für Feuerholz. Es bleibt also eine komplette, verkohlte Leiche übrig, die diskret, etwas abseits, mit der Schaufel zerkleinert wird. Dann werden die Teile an Mutter Ganges übergeben. Ein paar Meter weiter holen sich die Hunde schließlich die verkohlten Reste.
Sabine von Borchert und Benjamin Bertram. Sabine und Benjamin. Klingt gut, findet er. Die beiden Namen fielen recht häufig in einem Satz, wenn im Büro auf dem Flur gesprochen wurde. Die Betriebsfeier: Benjamin und Sabine gehen auch hin. Die Weihnachtsfeier: Benjamin und Sabine waren ja auch lange da. Die Frühbesprechungen: Benjamin und Sabine waren vor allen anderen hier und haben schon Kaffee gekocht.
Benjamin steht auf und knallt die Tür zum Balkon zu. Dabei ist er selbst sofort von der Wucht seiner Bewegung überrascht.
Da ist wieder dieser Moment auf der Weihnachtsfeier in seinem Kopf.
„Ich muss dir was sagen!“, flüstert Sabine. Sie schaut ihn aus ihren großen braunen Augen an. Wie immer trägt sie tiefroten Lippenstift, eine weiße Bluse, eine eng geschnittene, dunkelblaue Hose mit braunem Flechtgürtel.
„Kein Problem.“ Benjamin zieht die Augenbrauen etwas nach oben, er will neugierig aussehen und gleichzeitig Vertrauen erwecken.
„Die meisten Leute haben ein Problem damit, wenn ich es ihnen erzähle.“
Benjamin nickt verständnisvoll und neigt den Kopf sachte in Sabines Richtung. Der Glühwein staut die Hitze in seinem Gesicht. Am liebsten würde er kurz vor die Tür gehen, durchatmen, rauchen, wieder reinkommen und Sabine dann direkt fragen, ob sie ihn mit nach Hause begleitet, weiter feiern. Er hat an alles gedacht. Prosecco steht im Kühlschrank, er hat aufgeräumt. Die coolen und interessanten Gegenstände, die sein Leben außerhalb des Büros illustrieren sollen, hat er rausgelegt, und zwar so, dass man sie gut sehen kann: einen Hockeyschläger, das alte, abgegriffene Bocuse-Kochbuch seines Vaters, ein paar Ausgaben des National Geographic, einen Cocktailshaker. Er hat das alles schön inszeniert. Benjamin will nichts dem Zufall überlassen. Er möchte der Architekt des Abends sein.
„Ich bin Synästhetikerin.“
Benjamin überlegt, ob gerade eines seiner Bürohemden gebügelt im Schrank hängt. So, dass sie danach einfach an seinen Schrank gehen könnte, um sich das Hemd über ihren nackten Körper zu ziehen und darin zu schlafen, wenn sie es so wollte. Im Fernsehen machen Frauen so etwas. In Filmen. Er findet das ziemlich sexy.
„Weißt du, was das ist?“
Benjamin zieht die Stirn in Falten. Mit dem Hemd ist er sich nicht sicher. Ob sie es auch anziehen würde?
„Ich wusste, du findest das komisch!“
Er hat keine Ahnung, was Sabine gerade gesagt hat. Er schüttelt den Kopf. Um den Gedanken an das Hemd aus seinem Kopf zu vertreiben.
Sabine scheint beruhigt.
Irgendwie hat Benjamin in diesem Moment, ohne es eigentlich genau zu wissen, alles richtig gemacht. Jetzt seufzt sie, schaut ihn mit großen Augen an, schlingt ihre Arme um ihn, sagt zärtlich: „Du musst wissen, für mich ist das B in deinem Namen so leuchtend und warm. Es ist orange für mich.“
Erst später hat es Benjamin gegoogelt. Synästhetiker können in ihrem Gehirn Formen oder Geräusche noch mit anderen Sinnen wahrnehmen, zum Beispiel durch Farben oder Geschmack.
Sein Hemd steht ihr am nächsten Morgen sehr gut.
Als es draußen dämmert, zieht Benjamin seine Schuhe an und geht an den Manikarnika Ghat. Wieder schlägt ihm der Geruch von verbrannten Körpern ins Gesicht. In den engen Gassen drängeln sich die Menschen dicht an ihm vorbei. Meterhohe Stapel gebündeltes Holz und Reisig säumen den Weg. Er empfindet diese Nähe als beklemmend, bekommt Angst und steuert nach rechts, in Richtung Ufer. Der Boden, ausgetretene Steine, Jahrhunderte alt, ist übersäht von welkenden Blüten, blutroten Betelnuss-Spuckeflecken und Aschestaub. Er stellt sich vor, dass er über die Reste von Leichen läuft. Der matschige Boden in der Nähe der Verbrennungsstellen. Ein einziger Friedhof. Die ganze Stadt. Überall wird gestorben. Jeden Tag. Millionen von Fliegen sterben auch täglich und fallen auf die Erde. Insekten, Tiere, Pflanzen – und hier auch: Menschen.
„Die ganz Erde, auf der ich laufe, ist eigentlich ein Friedhof“, kommt es Benjamin in den Sinn.
Zwei Büffel stemmen ihre schweren, glänzenden Körper aus dem Wasser und trotten behäbig an ihm vorbei. Er kann ihr schnaubendes Atmen hören, riecht den tierischen, feuchten Geruch ihrer Haut. Spürt ihre wuchtige Masse in seiner Nähe. Die Feuer am Ufer brennen den ganzen Tag und werden auch die ganze Nacht weiter brennen. Körper für Körper.
Sabine sitzt jetzt im Großraumbüro einer Firma, die Nahrungsmittelzusatzstoffe erforscht und entwickelt. Vielleicht denkt sie an ihn. Benjamin denkt die ganze Zeit an sie. Sie ist seine erste Freundin. Er hat keine Ahnung, was Liebe bedeutet, aber wenn es das ist, was Sabine mit ihm macht, dann will er mehr davon.
„Die einzige Freiheit eines Mannes ist die Tat“, hat sein Vater vor seiner Reise begeistert gesagt und ihm einen Umschlag mit Geld für das Flugticket nach Delhi zugesteckt. Seine beiden Brüder haben nur den Kopf geschüttelt. Was wolle er denn nur in Indien? Sein Interesse an diesem Land stößt bei ihnen auf Unverständnis.
Zwei nackte Sadhus, deren Körper gänzlich mit getrocknetem Lehm beschmiert sind, steigen in den Fluss. Mit einer Blechkelle schöpfen sie sich das brackige Wasser über ihre verfilzten langen Haare und lösen die Lehmschichten ab, spülen sich den Mund aus, waschen ihre Genitalien.
Ein einziges Vollbad im Fluss soll von sämtlichen Sünden des Lebens rein waschen. Von allen Sünden.
„Wo ist Benjamin?“
„Am Ende des Ganges.“
Gelächter im Büro. Die Kollegen schlagen sich gegenseitig prustend auf die Schultern. Ganz kumpelhaft. Sabine, die gerade etwas in ihren PC getippt hat, schaut irritiert hoch. Eine kleine Gruppe steht an Benjamins Schreibtisch. Er kann sie bis in die Personaltoilette am Ende des Flurs hören. Sabine steht auf, sieht über den schulterhohen Platzteiler und starrt die vier Kollegen, die sich um Benjamins Schreibtisch versammelt haben, irritiert an. Ein großer, schlanker, junger Mann mit spitzem Kinn und tiefliegenden Augen, dessen Anzüge immer eine Nummer zu klein scheinen, erwidert ihren Blick. Die anderen drei schauen betreten auf den Boden. Sabine will sich räuspern, doch bevor sie etwas sagen kann, nimmt der schlaksige Kerl Benjamins Ganesh-Figur vom Schreibtisch und tut so, als ob er dem Elefanten-Gott am Rüssel zieht. Mit den Lippen imitiert er Elefanten-Trompeten. Die Kollegen laufen kichernd zu ihren Arbeitsplätzen. Der Schlaksige wirft die Ganesh-Figur auf Benjamins Schreibtisch, wendet den Blick von Sabine ab und geht. Seit Tagen schon machen sich die Kollegen über seine „Selbstfindungsauszeit“ lustig. Genervt kommt er ins Büro zurück. Sollen sie ihn doch endlich in Ruhe lassen damit.
Um 16.00 Uhr ist er wieder mit Sabine verabredet. Sie saugt ihn auf. Er kann nur noch an sie denken. Benjamin möchte aufgesaugt werden. Was Sabine ihm ins Ohr flüstert, was Sabine von ihm möchte, das macht ihm zwar auch Angst. Aber diese merkwürdige Kombination aus Furcht und Faszination übt gleichzeitig eine riesige Anziehungskraft auf ihn aus und steigert sein Verlangen nach ihr noch mehr. Er wird alles für sie tun.
Benjamin lehnt sich an ein Geländer, amerikanische Touristen bleiben eine Weile hinter ihm stehen und streiten. Wortfetzen wehen zu ihm herüber. Er erkennt, dass es darum geht, die Stadt so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Sie wollen nach Kuala Lumpur weiterreisen, um den Vorbeiflug des Kometen am Himmel besonders gut sehen zu können. Normalerweise lässt sich dieser Brocken nur alle 76 Jahre auf einer sehr langen Umlaufbahn um die Erde für einige Monate blicken, aber jetzt sind die Medien voll davon und alle rätseln, warum er schon viel früher wieder zu sehen sein wird. Einer von ihnen hält die Kamera am ausgestreckten Arm nach oben und filmt den Verbrennungs-Ghat. „Disgusting“ hört Benjamin eine blasse junge Frau mit roten Wangen sagen.
„Hey my friend“, sagt eine schnarrende Stimme hinter ihm. Benjamin spürt eine Hand auf seiner Schulter. Er weiß schon, was jetzt als nächstes kommt. Das Angebot, Ganja zu rauchen, Bhang zu essen oder anderes Haschisch zu kaufen. Das hat man ihm schon unmittelbar nach seiner Ankunft am Bahnhof angeboten. Seitdem wurde Benjamin weitere unzählige Male in den kleinen Gassen darauf angesprochen. Er schüttelt den Kopf, dreht aber das Gesicht dennoch langsam vom Fluss weg. Die Hand liegt immer noch auf seiner Schulter. Während Benjamin beteuert, dass er gar keine Drogen kaufen möchte, blickt er plötzlich in die unglaublich blauen Augen eines jungen indischen Mannes. Benjamin schätzt ihn nicht älter als 20 Jahre, die Zähne schlecht, gelb und rot vom Pan Masala kauen, ein dünner schwarzer Schnurrbart, Seitenscheitel, ein braunes kurzärmeliges Hemd mit einem Kugelschreiber in der Brusttasche. Der Mann reibt einen harzigen schwarzen Klumpen zwischen Daumen und Zeigefinger und hält ihn wortlos an Benjamins Gesicht. Der würzige Duft von Cannabis steigt ihm in die Nase. So etwas hat er noch nie gerochen. Die Hand des Dealers fühlt sich weiterhin leicht auf seiner Schulter an, die blauen Augen scheinen tief in ihn hineinschauen zu können und ihn so förmlich ‚auszuziehen‘. Benjamin hat das Gefühl, der blauäugige Dealer kann alles lesen, was in seinem Kopf ist, alle geheimen Wünsche, intimsten Gedanken und tiefsten Erinnerungen. Dabei erzeugt der würzige Geruch kein anderes Gefühl als angenehmes, warmes und verheißungsvolles Wohlempfinden. Für den Bruchteil einer Sekunde denkt er an Sabine und meint zu spüren, was sie spüren kann. Er sieht, hört und fühlt diesen Geruch, und seine Farbe ist pulsierend rot. So wie flüssiges Magma, das langsam einen Abhang herunterläuft und zu Stein werden möchte.
Benjamin fragt: „How much?“
Im Konferenzraum starrt Sabine tagelang bei den Morgenbesprechungen in Benjamins Richtung. Als dieser in einem kurzen Referat zu den Vorzügen des Nahrungsmittelzusatzstoffes Natriumbenzoat mit der Nummer E 201 und alternativen Einsatz- und Absatzmöglichkeiten sowie möglichen neuen Kunden für dieses Produkt in ihre Richtung schaut, lehnt sich Sabine in ihrem lederbezogenen Stuhl weit zurück. Die weiße Bluse spannt sich vor ihrer Brust. Benjamin wendet den Blick ab, betätigt die Presenter-Fernbedienung und erläutert eine weitere Folie über die Verwendung von Natriumbenzoat als Konservierungsmittel und seinen Einsatz in Getränken.
Er schwitzt. Zwei Folien noch, dann hat er es geschafft.
Während zwei Kollegen seinen Vortrag durch einen kleinen Disput über die Sicherheitsvorschriften beim Umgang mit dem in höheren Dosen giftigen Natriumbenzoat aufhalten, lockert Benjamin leicht die Krawatte. Das Blut pumpt in seinen Kopf.
„Bei Vollkontakt mit dem Rohstoff immer Nitrilkautschuk-Handschuhe mit 0,11 Millimeter Dicke verwenden. Das kann ich Ihnen nur raten…“
Der Projektor scheint ihm direkt in die Augen.
„Ich glaube, nicht gelesen zu haben, dass Atemschutz nötig ist.“
„Da wundert mich ja gar nichts mehr. Wenn Sie so auch Ihre Kunden beraten…?“
Am Projektor vorbei sucht sein Blick wieder Sabines. Sie zieht die Augenbrauen hoch.
Benjamin schwitzt.
„Filter P 1.“
„Versicherungstechnische Gründe.“
Sabine schiebt ihren Zeigefinger im Zeitlupentempo der Länge nach komplett in den Mund. Benjamin überspringt die vorletzte Folie, ein mit Photoshop bearbeitetes Eichhörnchen, das den Daumen hochzuhalten scheint, nur der obligatorische Dank für die Aufmerksamkeit der Zuhörer ist noch zu sehen.
Sabine schaut Benjamin provozierend an, saugt an ihrem Finger und zieht ihn wieder langsam heraus. Es gibt ein kleines Schmatzgeräusch. Dann umkreist sie die Fingerspitze mit ihrer Zunge. Ach du meine Güte. Benjamin schwitzt noch stärker und hat Angst, dass jemand seinen roten Kopf sieht. Speichel sammelt sich in seinem Mund. Er schluckt ihn schnell hinunter. Besser er verlässt auf der Stelle den Konferenzraum.
Der Affe und Benjamin schauen sich regungslos an. Im Gehirn des Affen arbeitet es sichtlich. Da Benjamin die Balkontür nicht geschlossen hat, sitzt der Affe auf der Schwelle und schaut abwechselnd ihn und eine Packung Kekse an, die dem Rucksack ragt. Über die Nachtischlampe hat Benjamin ein Handtuch gelegt, jetzt stinkt der Raum nach verbranntem Laub.
Der blauäugige Dealer hat ihn verarscht. Für 500 Rupien hat er eine Handvoll wirkungsloser grüner Teeblätter gekauft, allein das Zeitungspapier, in dem sie eingewickelt waren, riecht nach dem harzigen Haschisch. Benjamin hat einen pelzigen und verräucherten Geschmack auf der Zunge, er wirft sich resignierend auf das Bett. Der Affe springt in das Zimmer, greift die Kekspackung, blickt herausfordernd zu Benjamin und verschwindet mit einem Satz aus der Balkontür.
Kurz überlegt Benjamin, ob er das duftende Zeitungspapier rauchen soll. Dann verwirft er den Gedanken, zerknüllt das Papier und schmeißt es in die Ecke. Er würde sich zu gerne high fühlen. Nur für einen Abend diesen Benjamin-Körper abstreifen, dieses lästige Bewusstsein loswerden, alles hinter sich lassen. Woanders hin… fliegen… Aber wenn er jetzt das Licht ausmacht, sich hinlegt, die Augen schließt.
Dann. Dann. Dann.
Sabine. Sabines Oma. Oma Henni. Sabine. Sabine. Sabine.
Der helle Kies knirscht unter ihren Füßen. An einzelnen Stellen strecken sich lange wilde Grashalme durch die Randsteine. Bäume und Büsche sind so hoch gewuchert, dass die altehrwürdige Villa von der Straße kaum mehr zu erkennen ist. Auf dem Messingklingelschild steht: A & H von Borchert.
Sabine nimmt Benjamins Hand und klingelt. Der Türöffner summt, und sie werden von der alten Dame hereingelassen. Ohne viel Zeit mit überflüssigem Geplänkel zu verschwenden, schiebt sie die beiden in die gute Stube.
Sie ist vorbereitet und hat den Tisch im Esszimmer mit altem geblümtem Porzellan hübsch gedeckt, er registriert schnell Kaffeegedeck und einen selbst gebackenen Käsekuchen.
Der Blick aus dem Fenster reicht weit hinaus über ein volles Weizenfeld, das sich sanft im Wind wiegt. Eher am Rand, aber doch weit genug mitten drin, wächst aus nicht nachvollziehbaren Gründen ein kleiner Bereich mit rot blühenden Mohnblumen. Benjamin ist beeindruckt. Das Ganze sieht aus wie ein blutroter Fleck auf einem beigefarbenen Laken oder wie ein Ausschnitt aus einem impressionistischen Gemälde.
Vor Benjamin steht ein Teller mit einem Stück Kuchen. Oma Henni schaut ihn durchdringend an. Goldene Ohrringe ziehen ihre faltigen Ohrläppchen nach unten. Sie steht von der Kaffeetafel auf. Mit einer Hand stützt sie sich am Tisch ab. Bisher hat er keinen Bissen herunterbekommen. Mit dem Gehstock deutet sie auf Benjamin und sagt, zu Sabine gewandt:
„Isst er keinen Käsekuchen?“
Benjamin schüttelt den Kopf, um sofort darauf wieder zu nicken, hastig überlädt er die Kuchengabel mit einer großen Portion und stopft sie in den Mund. Oma Henni beobachtet das Schauspiel missbilligend und zieht eine Augenbraue hoch.
Kurze Zeit später liegt Benjamin in Oma Hennis Bett.
Um ihn herum nimmt er den Geruch von altem Mensch wahr, der lange nicht gewechselte Kopfkissenbezug dünstet auch aus. Sabine sitzt auf ihm und reibt ihren nackten Körper auf seinem ebenfalls nackten Schoß.
„Mach dir keine Sorgen, es dauert ewig, bis sie die Treppe nach oben geschafft hat“, flüstert Sabine.
„Ich zeige Benjamin die alten Fotos im Flur und das Haus“, ruft sie durch die angelehnte Tür nach unten. Im großen Dachzimmer mit dem runden Fenster hat Sabine als Kind oft vor dem Spiegel gesessen, während Oma Henni ihr die langen rotbraunen Haare gebürstet und leise zugeflüstert hat, wie hübsch sie aussieht, und dass die Männer sich nach ihr umschauen werden.
Sabine mochte es immer sehr, wenn ihre Großmutter sie streichelte. Die Berührungen der Männer jedoch, die Oma Henni dann oft ins Haus gelassen hatte, und die ihr sagten, wie hübsch sie aussah, mochte Sabine nicht.
„Wenn Oma Henni stirbt, gehört das ganze Haus mir.“ Sabine flüstert in sein Ohr.
Seine Hände gleiten über ihre Schultern, fassen nach ihren Brüsten.
„Dann kann ich hier alles anzünden“, haucht Sabine, ihr Atem ist feucht an seiner Wange.
