Bewölkt aber trocken - Marion Zechner - E-Book

Bewölkt aber trocken E-Book

Marion Zechner

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Beschreibung

Absturz und Ausweg – tief bewegend und furios humorvoll erzählt. Was tun, wenn das eigene Leben zu eng wird? Lucy, 35, weiß es oft auch nicht. Kinder, Haushalt, Ehe, ihr Job als Lehrerin – und eine Vergangenheit, die nachwirkt. Immer größer wird die Kluft zwischen innerem Erleben und äußerer Welt. Früher hat der Alkohol geholfen, jetzt fordert er selbst Zeit und Aufmerksamkeit. Lucy wird getrieben von der Gier nach dem nächsten Schluck und der Angst, entdeckt zu werden. Bis zum Unfall. Der zweijährige Sohn Jakob auf dem Rücksitz. Zum Glück nichts passiert. Und doch alles anders. Denn ihr Mann Lars zieht tief enttäuscht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Unterstützt von ihrer Freundin Marie schafft Lucy den Schritt in die Entwöhnungsklinik. Die knifflige Auseinandersetzung mit Mitpatienten und Therapeutinnen samt deren eigenen Macken ist eine Achterbahn zwischen Verzweiflung und der Entschlossenheit, nüchtern zu bleiben. Und der Frage: Wie schaffe ich es hier raus und zurück zu Lars und den Kindern? Zu Hilfe kommen da Lucys Humor und Selbstironie, die ihr und den Lesern immer wieder das Durchatmen erlauben (wer lacht, muss atmen). Durch die Augen von Lucy werden wir hineingezogen in die abgerissenen Gedankenfäden, das Ge-fühl, wie sich die Wirklichkeit langsam verrückt. Wir erleben hautnah den Alltag einer Entwöhnungsklinik, begegnen echten Persönlichkeiten und sind dankbar für die vielen komischen Momente. Und für ein Roman-Debüt, in dem tiefer Ernst und überbordender Witz auf großartige Weise zusammenfinden.

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis
PROLOG
BEWÖLKT
ABER
TROCKEN
EPILOG
Marion Zechner
Copyright

PROLOG

»Ich glaube, ich kann das nicht, Marie.«

»Bitte Lucy, wir haben doch darüber gesprochen. ­Außerdem – was willst du denn sonst tun?«

Gute Frage. Das Naheliegende. Auf der Terrasse sitzen. Die letzten Pipas in der Packung. Durchweichen, knacken, abkauen, ausspucken. Kein Wein. Keine Zigaretten.

Worauf warten wir?

Das Vogelhäuschen. Die Amsel ausgeflogen. Die Hagebutte. So schön rot zwischen der Hecke. Noch steht sie da. Wartet auf den Gärtner. Nächste Woche. Was sein muss, muss sein. Die Ausläufer zurückschneiden. Damit sich die Wurzeln sich nicht unterirdisch verbreiten. Alles andere platt machen. Und der Zaun? Wird er nicht ziemlich kahl aussehen ohne die Hecke? »Glaubst du, die haben dort vergitterte Fenster?«

»Unsinn. Das ist doch kein Gefängnis. Du machst das doch freiwillig.«

Frei. Willig.

»Darf ich?«, fragt sie.

Der Umschlag auf dem Gartentisch, dort, wo eigentlich das Feuilleton liegen sollte oder meinetwegen der Sportteil. In Maries Hand sieht er harmlos aus. Wie ein stinknormaler Kontoauszug oder schlimmstenfalls eine Rechnung. »Die haben deinen Namen falsch geschrieben. Da musst du morgen nochmal anrufen.«

»Ach was.« Ritter, Richter – muss ja auf kein Türschild. »Ich hab ja nicht vor, dort einzuziehen.«

Maries Augen – hin und her, hin und her – wo ist sie gerade? Ihre Lippen lautlos am Mitlesen. »… sei mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester bei den Eltern in München aufgewachsen … Kindheit habe sie als normal erlebt …«

Alles im Konjunktiv, als sei mein Leben erst noch zu beweisen.

»Das stimmt«, sagt Marie, »dass du ein ruhiges Kind warst. Ich hab’s gleich. »Sei zuletzt als Lehrerin an einem Gymnasium tätig gewesen … durch die Suchterkrankung Einschränkungen am Arbeitsplatz in Form von Fehlzeiten … Um einer weiteren Chronifizierung der Abhängigkeit entgegenzuwirken, ist eine stationäre Entwöhnungsbehandlung dringend erforderlich.«

Dringend. Einer, der nicht mal meinen Namen schreiben kann.

»Glaubst du, es ist eine gute Idee, dass du Jakob morgen nochmal in die Krippe bringst? Ich meine, das wird es nicht leichter machen, oder?«

»Es wird kühl. Komm, wir gehen rein.«

BEWÖLKT

Montag, ١٦. September ٢٠١٩

Es gibt den Worst Case und es gibt den Worst Worst Case. Ich könnte umknicken und den Zug doch noch verpassen und zurück zur Krippe und sehen, ob Jakob noch weint. Dann würde dieser blöde Koffer auch aufhören, mir dauernd in die Hacken …

Geschafft. Ich tue es wirklich. Worst Case. Oder Worst Worst Case. Eins von beidem.

Wie konnte es so weit kommen? Die Welt setzt sich in Bewegung, aber eine Antwort auf diese Frage hat sie auch nicht.

Die vorbeifahrenden Häuser schauen gleichgültig zu mir herein – unbewegliche Fensterhöhlen. Ihnen ist es egal, dass ein paar Haltestellen entfernt ein Kind auf dem Arm einer Erzieherin weint, weil der Kuss, den seine Mutter ihm ins Gesicht geschmatzt hat, viel zu stürmisch war für einen Abschied, der nur bis zum Nachmittag dauert. So viel ist selbst einem Zweijährigen klar: Solche Küsse werden nur von Müttern verteilt, die nicht selbst in Tränen ausbrechen wollen, weil das das Einzige ist, was sie noch unter Kontrolle ­haben – von Müttern, denen man am besten nichts ­glauben sollte, schon gar nicht, wenn sie sagen: »Alles wird gut.«

Überall weinen Kinder. Vielleicht in dem weißen Haus dort oder in dem beigen.

»Bordservice: Cappuccino, Wasser, Cola, Fanta, Bier?!«Ein Typ mit Glatze und Rollwägelchen. Bier, um neun Uhr früh – das Normalste der Welt.

»Einen Cappuccino, groß bitte!«

»Gibt nur eine Größe.«

»Dann die.«

»Vorsicht, heiß!«

Heiß ist gut. Dass das wirklich meine Hände sind, da um den Becher. Festhalten. Trinken. »Au!« Zunge, Gaumen, Hände. Das Erste, was ich seit Wochen spüre.

»Sie müssten Ihren Koffer da wegräumen. Sonst komm ich mit dem Wagen nicht durch.«

»Ach. Okay. Tschuldigung.«

»Stellen Sie ihn doch da oben rauf, dafür gibt es ja das Gepäckfach.«

Toller Tipp. Sagen Sie das doch bitte dem Koffer. Einfach. Da rauf! Aber was, wenn er einfach. Nicht. Will. Er will nicht. Da rauf. Will mich lieber vorführen, schon hier, noch hunderte Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt. Schaut alle her – diese Frau hier, wie sie sich abmüht, wie sie nicht einmal in der Lage ist, ihre eigenen sieben Sachen aus dem Weg zu räumen, geschweige denn ihre Schwierigkeiten. Wie ihr die Kante immer wieder gegen die Stirn knallt und sie es trotzdem nicht kapiert: Sie ist zu klein oder zu schwach oder beides. Das müsste doch auch dem Bordservice klar sein: Egal, wie geduldig er auch wartet, gegen den Koffer hat diese Frau keine Chance. Bestenfalls fällt er ihr auf die Füße, genauso schmerzhaft wie ihr Leben, dem sie einfach nicht gewachsen ist. Aber wenn sie erst mal anfangen würde, das einzusehen, dann käme sie wahrscheinlich aus dem Einsehen nicht mehr heraus. Dann müsste sie nämlich noch ganz andere Dinge einsehen. Zum Beispiel, dass sie als Lehrerin völlig ungeeignet ist. Vielleicht ist sie ja in Wirklichkeit gar keine. Ganz ehrlich: Der Faust. Der Tragödie erster Teil und die paar Gedichtbände zwischen der wetterfesten Kleidung und der Nachtwäsche beweisen überhaupt nichts. Wenn sie wirklich Lehrerin ist, warum sitzt sie dann nicht an ihrem Pult und verteilt Elterninformationen und Besorgungslisten, wo doch letzte Woche schon das neue Schuljahr angefangen hat? Warum steht sie dann immer noch hier im Gang und müht sich mit einem Koffer ab, der ihr doch offensichtlich über den Kopf gewachsen ist – wie so manches andere – und verhindert, dass die Geschäftsleute vorne in der ersten Klasse zu ihrem wohlverdienten Morgenkaffee oder Bier oder was auch immer kommen? Nein, sie kann keine Lehrerin sein, genauso wenig wie dieser Koffer da jemals oben bleiben kann, so wie sie sich anstellt. Endlich sieht das auch der Bordservice ein.

»Warten Sie. Ich mach das für Sie.«

»Danke. Normalerweise kann ich das selbst, nur heute, irgendwie – danke.«

»Nichts zu danken. Schönen Tag noch! Bordservice: Cappuccino, Wasser, Cola, Fanta, Bier?!«

Verraten von meinem eigenen Koffer. Dabei hat ­Marie ihn heute Morgen noch angeschaut, als wäre er das Einzige an mir, das einem keine Kopfschmerzen bereiten müsste. Ich kann es verstehen. Wenn ich nur halb so miserabel aussehe, wie ich mich fühle – verkatert vom Leben – was bringt dann überhaupt das Nüch­ternsein? Früher hat man zumindest noch was bekommen für seine Kopfschmerzen und dieses flaue Gefühl im Bauch …

Montag, 4. Februar 2019

»Ach, hier sind Sie!«

Die Irmhoff, das gibt’s doch nicht.

»Passt es gerade?«

»Ja, sicher.« Oder sehe ich etwa so aus, als ob mir frische Luft und Tageslicht etwas bedeuten, wenn ich stattdessen im einzigen fensterlosen Raum der Schule die abgestandene Luft von acht durchgeschleusten Klassen atmen kann. Aber zum Glück sind die Zeugnisnoten fast fertig.

»Es geht um die zwei Buben«, sagt sie, »Lukas und Fabian.«

Mal wieder. Zwei Stunden in Ruhe arbeiten vorm Elternstammtisch … und nicht mal im Physiksaal hat man Ruhe. »Wegen der Schließfach-Kritzeleien?« Ein Disziplinarverfahren für tadelloses Englisch. »Mrs Irmhoff is an asshole.« So viel zu freier Meinungsäußerung.

»Nein, nein«, erklärt sie mit ihrem Mutter-Teresa-Lächeln. »Im Gegenteil, wenn sie sich zusammenreißen, haben sie eine gute Chance, mit Strafstunden im Schulgarten davonzukommen.«

Die kleinen Schwerverbrecher.

»Aber jetzt ist mir auch noch zu Ohren gekommen, dass sie heimlich rauchen.«

Heimlich ist gut.

»Für die beiden steht einiges auf dem Spiel. Sie sollten sich keine Fehltritte mehr erlauben. Sie haben doch einen guten Draht zu ihnen, Lucy. Vielleicht können Sie ihnen das klar machen?«

»Ich kann’s versuchen.«

»Das wäre gut. Also, dann will ich nicht weiter stören.«

Zu spät.Die Lok steht bereits. Keine Kraft, sie nochmal in Gang zu kriegen. Aber der Irmhoff fällt sowieso gleich noch irgendwas Wichtiges ein, das dringend …

»Ach, noch was, Lucy.« Klar. Nur zu. »Wie klappt es denn eigentlich mit dem neuen Referendar?«

»Hm? Ach. Gut. Denke ich.« Der »Leitfaden für Betreuungslehrer«, ich muss ihn endlich ausdrucken.

»Sehr gut.« Sie lächelt. Nickt. »Ich dachte mir ja, dass Sie ein Händchen haben. Also dann. Wiedersehʼn.«

Jetzt also auch noch Lukas und Fabian. Die beiden haben gerade Sport, das heißt, sie müssten doch jeden Moment … ah, da kommen sie. Lukas vorneweg aus der Umkleide. Fabian hinterher, rennt ihn fast über den Haufen.

»Hey du Spacko, was bleibst du einfach mitten im Weg … oh! Hallo Frau Richter.«

»Ab welchem Alter darf man rauchen?«, frage ich.

»Hä, wieso?«

Schon haben sich ihre Blicke verbündet.

»Vierzehn«, sagt Fabian.

Für dieses Grinsen gehört dir eine gescheuert.

»Achtzehn. Und das wisst ihr genau. Wollt ihr wirklich wegen der Raucherei eure Schullaufbahn gefährden?«

»Wer raucht denn hier?«, fragt Fabian.

»Ach stimmt!«, rufe ich. Jetzt, wo er es sagt. »Wozu braucht man denn eigentlich eine Schulausbildung, wo es ja genügend Branchen gibt, die davon leben, jemandem ein X für ein U zu verkaufen.«

»Sie rauchen doch selbst!«, sagt Lukas. War ja klar.

»Das ist ja wohl ein Unterschied.«

»Wieso?«

»Ich bin erwachsen und außerdem …« Wir sind schon die Letzten auf dem Flur. »Ach, macht doch, was ihr wollt.« Schon wieder zu spät dran, wegen dieser Rotzlöffel. Eine SMS von Lars. »Milch ist aus. Kannst du welche mitbringen? Kuss, bis gleich.«

Gut, dann also auch noch Milch. Schnell. Durchs Treppenhaus, den Minuten nachjagen, die mir diese halbwüchsigen Klugscheißer abgeluchst haben. Noch grün hinter den Ohren und wissen es nicht mal zu schätzen, klar, sie haben ja Zeit genug.

Nur schnell zum Kühlregal – Milch. Vier Sorten im Angebot, blau, grün, grün, weiß, aber unsere schon aus. Welche denn dann? Die billigste? Oder genau die nicht? Lieber die teuerste? Ein paar Cent mehr für glückliche Kühe. Aber sind die Kühe wirklich glücklicher? Wo man Glück doch ­angeblich nicht kaufen kann. 3,5 %, 3,8 %, 1,5 %? Keine Ahnung. Dann eben einfach von jeder eine. Eins, zwei, drei, vier und ab zum Bezahlen. Gerade eine neue Kasse aufgemacht, nur eine einzige Frau vor mir. Manchmal hat man Glück. Oder auch nicht. Jeden. Joghurt. Einzeln. Die Butter. Die Schokolade. Leg’s doch einfach drauf, es ist kein Porzellan. Es ist nur Essen. Die Vitrine. Ramazotti, Jim Beam, Jack Daniel’s… Ordentlich drapierte Flaschen, hinter Glas, wie teurer Schmuck. Aber »heute mal nicht«, das war doch der Plan, schon ver­gessen? Ein alkoholfreier Tag in der Woche, nur um zu be­weisen, dass es noch geht. Absolut Vodka, Gorbatschow, ­Moskovskaya … Du wolltest doch mal wieder ohne Kopfschmerzen aufwachen. Und außerdem, vielleicht hört dann sogar dieses dauernde Sodbrennen auf. Schau doch einfach woanders hin. Aber so schön, wie sie da stehen. So nagelneu. So verlockend unberührt. Vielleicht als Vorrat, die Woche ist ja noch lang.

»Sabrina, weißt du, welche Nummer das ist?«

Jetzt auch noch die Verkäuferin. Rosa Obst mit Flossen. Nein, bitte, das darf nicht wahr sein. Wie lange will sie es denn noch hin- und herdrehen. Es wird sich deshalb auch nicht namentlich vorstellen. Der Katalog … wie lange kann man brauchen, um ein Stück Obst zu identifizieren! Und ­warum kann man nicht einfach einen Apfel kaufen, eine Banane, Orange, Birne? Oder einen Schokoriegel? Bounty, ­Duplo, Daim, Mars? Warum eigentlich Mars? Warum nicht Saturn, Pluto, Neptun … ist die Auswahl nicht groß genug? Und selbst hier, bei den Schokoriegeln – Absolut Vodka, ­Gorbatschow, Moskovskaya,alles nochmal in klein, als hätten die eingesperrten Flaschen überall ihre Komplizen postiert, extra für Leute wie mich, um uns die Flausen auszu­treiben. »Heute mal nicht« – so eine Schnapsidee. Nicht dass das dann zur Gewohnheit wird, wer sollte denn die Steuerverluste ausgleichen? Dann doch lieber »Ein Fläschchen geht schon«. Was sollte mir denn so ein Absolutchen auch anhaben.

»Drachenfrucht!«, ruft die Verkäuferin. »Da ham wir’s doch!« Na also. Die Milch schon mal aufs Band legen, zwei Schachteln Tic Tac dazu, sonst noch was? Zigaretten hinter Gittern. Aber was nützen Gitter, wenn man plötzlich doch an der Reihe ist und es einfach sagen kann.

»Und eine Schachtel Marlboro bitte.«

Ein Knopfdruck, die Gitterwand fährt nach oben. Und weil es so einfach ist, hörst du dich plötzlich auch das andere sagen, das, was du auf gar keinen Fall sagen wolltest, weil du es zu oft gesagt hast in letzter Zeit: »Und einen Absolut Vodka.«

Sie zuckt nicht mal mit der Wimper. Zückt einfach den Schlüssel. Erhebt sich. Das wievielte Mal heute? Öffnet die Glastür zur Parallelwelt. Der Absolut reiht sich auf dem Band hinter den Milchpackungen ein, fährt unauffällig hinter ihnen her. Gleich wird es losschrillen, piep, piep oder der Alarm losgehen, piep, hier ist jemand gerade dabei, seinen Vorsatz zu brechen, piep, hier haben sich Promille dazwischen geschmuggelt, und zwar nicht wenige. Hier, an Kasse 1, diese Frau mit der Ledertasche, eigentlich sollte sie nur Milch, piep, der Absolut, gleich ist er dran, gleich … piep.

»Siebenundzwanzig achtundvierzig.«

Ganz normal, kein Schrillen, kein Alarm. Absolut Verlass. Ein ganz normales Getränk. Ein ganz normales Piepen. Kein bisschen schriller als Milch oder Tic Tac. Nur ein bisschen teurer.

»Mit Karte bitte.« Wenn die jetzt nicht geht … Geheimzahl eingeben. Aber sie geht, Gott sei Dank. »Ach, und eine Tragetasche.«

»Zu spät. Da müssen Sie die Karte jetzt nochmal drauflegen.«

»Gut. Dann keine Tragetasche.«

Aber eine Hauswand zum Anlehnen. Vier Milchtüten auf dem Arm, der Wodka hat zum Glück noch zum Korrekturordner und den Büchern in die Tasche gepasst. Einfach eine Packung Milch. Was kann daran so schwer sein?

Als nächstes heim. Die Milch abliefern und den GuteNacht-Kuss.

»Hi!«, ruft Lars, dabei bin ich noch nicht mal ganz in der Wohnung, geschweige denn …

»Komme gleich!« Erst mal kurz ins Schlafzimmer, den Absolut in die Sockenkommode, so. »Hi! Da bin ich.«

»Schön!«

Ein Kuss und … was soll ich mit dem Schneebesen?

»Könntest du den Grießbrei für Jakob fertig machen? ­Carlotta musste gleich weg, und ich muss noch kurz zwei Mails abschicken.«

»Aber eigentlich muss ich gleich wieder los!«

»Dauert nicht lang.« Die Tür zum Arbeitszimmer. Schon zu.

Jakob sitzt schon im Stühlchen, wippt mit den Füßen.

»Geht gleich los, Süßer. Mama muss nur noch – die kleine Schüssel, wo ist sie denn?«

Freya hat die Maschine noch immer nicht ausgeräumt. Aber diesmal – nein, Konsequenz ist das A und O in dem Alter. Es gibt ja noch andere Schüsseln in diesem Haus. Wie ­lange dauert so eine Pubertät? Das ist es doch hoffentlich. Eine Phase, die vorbeigeht.

»Was gibtʼs zu essen?«

Freya! »Wo kommst du denn plötzlich … Lass den Deckel drauf, das muss warm werden.«

»Grießbrei?!«

»Für Jakob. Aber du kannst natürlich auch mitessen. Ich muss gleich nochmal weg.«

»Na toll.«

Ihre Augen, wie Knöpfe, die ihr jemand ins Gesicht genäht hat. Ihr Kiefer zieht Kaugummikreise.

»Mach dir doch heute mal ein Brot.«

»Ein Brot.«

»Jetzt schau nicht so. Was ist schlimm an einem Brot?«

»Nichts. Außer, dass es keins gibt. Weil wir nämlich nichts anderes mehr essen als Brot.«

»Ja, ich weiß. Es ist eben … ein bisschen stressig momentan. So, schau Jakob, jetzt gibt’s Essen. Mmmmh, lecker Gießbrei.«

Familie und Job – eine Wippe. Aber klar, es muss ja einen Grund haben, warum manche Mütter drei Jahre lang zu Hause bleiben. Eine Wippe, bei der eine Seite immer unten ist, da kannst du dich noch so bemühen, das Gleichgewicht zu halten – es funktioniert exakt so lange, bis …

»Ahhhhahahaaa.«

»Oh neiiiin, das war zu heiß! Ach, tut mir leid, Jakob. Schau, trink mal einen Schluck.«

Man hat es so gewollt. Man hat es sich selbst ausgesucht. Man wird es schon hinkriegen. Man pustet Grießbrei und sieht aus dem Augenwinkel, wie direkt neben einem ein Kaugummifaden aus dem Teenagermund gezogen wird. Man fragt nicht, was das soll. Man holt einen Schwamm und wischt den Tisch ab. Man tut, als würde man nicht merken, dass man beobachtet wird. Man löffelt Grießbrei, pustet wieder und beobachtet seinerseits, wieder aus dem Augenwinkel, wie der Kühlschrank aufgerissen wird, die Milch herausgeholt und getrunken, direkt aus dem Tetra Pak …

Was soll das?!

Man denkt es nur. Weiß sich zu beherrschen. Man ist ja Pädagogin. Man denkt an alles, was man heute Abend den gutmeinenden Eltern erzählen wird, und dass das alles ja – vielleicht – auch für einen selbst gelten sollte. Man hält ihn fest, den einen letzten Nerv, der noch übrig ist. Was auch passiert. Man widmet sich wieder dem Grießbrei. Man denkt an die Wippe – und an den Absolut in der Sockenkommode. Man hört es hinter sich prusten. Ein Schwall in den Ausguss.

»Wäääh, die Milch ist schlecht!«

Es wird wieder anders. Es ist für alle viel. Es kommen auch wieder entspanntere Zeiten. Nur woher? Und wann? Keine Zeit für weitere Fragen. Man muss los.

»Ich war einkaufen«, sagt man und versucht, ruhig zu klingen. »Es gibt Milch genug.«

»Und wo ist die?«

»Steht noch an der Tür. Hol dir einfach eine neue.«

Man sieht den Kaugummifaden länger werden, und es fühlt sich an wie der letzte Nerv.

»Wieso ich?«

»Weil du sie haben willst.«

»Aber du bist meine Mutter.«

»Freya. Bitte.«

»Wieso kannst du sie nicht holen. Ich muss noch Mathe machen.«

Man weiß, dass der Kaugummifaden reißen wird, wenn sie noch länger daran zieht. Ihr mitten ins Gesicht schnalzen. Und dann wird es zu spät sein. Ist es auch so schon.

»Du bist echt so scheiße! Nie bist du da, nie gibt es was zu essen, und es ist sogar zu viel verlangt, deinem Kind eine Milch zu holen, … weil … ich dir scheiß egal bin!«

»Freya, das stimmt doch nicht.«

»Alles ist dir scheißegal. Hauptsache, der Wein geht dir nicht aus!«

Und dann sieht man ihn in ihrem Gesicht kleben. Diesen einen letzten Nerv, der eben auch nur ein Faden ist, und man möchte sie sich abhacken, diese Hand, die einfach … »Entschuldige Freya, das wollte ich nicht!«

Ihr Gesicht, entgleist vor Abscheu.

»Freya, bitte – jetzt warte doch!«

Man hört die Zimmertür knallen. Und da steht man. Mit seinen beiden Wirklichkeiten. Mit dem Zweijährigen, der Grießbrei löffelt. Zumindest der ist inzwischen abgekühlt. Und mit dieser Hand, die sich in die Hosentasche gräbt, weil sie genau weiß, was sie getan hat. Und dann sind da noch die Digitalziffern auf dem Herd, die einen daran erinnern, dass der Kampf zwar schon verloren, aber noch lange nicht vorbei ist.

Die Tür …

»Freya, es tut mir wirklich … Ach, du bist es.«

»Puh«, sagt Lars. »Manche Leute sind echt anstrengend. Ich kann wieder übernehmen. Ist was?«

»Gut«, sagt man nur, »also – dann fahr ich jetzt.«

»Hey!«, sagt Lars, »da geht’s aber ins Schlafzimmer.«

»Ich weiß. Ich brauche noch einen Schal.«

Sockenkommode, ein guter Ort. Die Evian-Flasche aus der Handtasche, schon wieder fast leer, aber zum Glück ist sie nachfüllbar. Bloß nichts verschütten. So. Kann los gehen. Hinter Freyas Tür Stimmen. Telefoniert sie? Noch vertragen? Oder wenigstens Tschüss sagen?

»Freya?«

»Nein!«

Dann eben nicht.

Glockenbachviertel – dort findest du doch niemals einen ­Parkplatz. Also, dann eben das Rad. Und Marcel anrufen. ­Seine Nummer hab ich doch gespeichert. Eigentlich ja wegen der Anfangsbesprechung, aber so ein Anfang ist zum Glück dehnbarer als ein Nerv. Ich muss mich endlich darum kümmern.

»Marcel! Super, dass du ran gehst! Ich bin’s, Lucy! Ich verspäte mich ein bisschen. Du, ich hör dich nicht, ist so laut bei dir im Hintergrund. Könntest du den Eltern schon mal den Stundenplan fürs zweite Halbjahr vorstellen. Steht alles in der Mappe, bin in einer Viertelstunde da!«

Zeit gewonnen, aber nur auf Pump. Eine Viertelstunde von mein-Kind-geschlagen bis zum Elternstammtisch. Mütter und Väter, die alle nur das Beste wollen. Für wen auch immer. Wer sucht eine Kneipe im Glockenbachviertel aus? Bestimmt eine von diesen Öko-Mamis, die der Meinung sind, dass man in der Stadt aufs Auto verzichten kann. Den Schal vergessen, dafür das schlechte Gewissen im Nacken. »Hauptsache, der Wein geht dir nicht aus.«Rotzgöre. Aber gleich eine Ohrfeige?! Hat sie recht? Macht es mich deshalb so wütend?Die Wippe – zwei Leben, von dem das eine das andere aufrecht hält und zugleich zerstört.

»Hauptsache, der Wein geht dir nicht aus.« Kann das, was im einen Leben eine infame Lüge ist, im anderen vielleicht die Wahrheit sein? Und wenn es so wäre … »Verdammt!« Dann übersieht man den Typen mit seinem Rennrad. »Ist ja gut, erstick doch an deiner Scheiß-Vorfahrt!« Aber man stürzt immer noch nicht.

Ist den-Verstand-verlierenwie ertrinken? Merkt man es, während es passiert? Oder merken es zuerst die anderen? Dann, wenn es längst zu spät ist?

Du wolltest es doch so. Du wolltest wieder arbeiten. Du liebst doch deinen Job. Wenn nur das Korrigieren nicht wäre. Und die Irmhoff. Und die Sprechtage. Und die Eltern. Am schlimmsten sind die Eltern. Allein schon das Wort. Eltern. Stammtisch. Alle Dimensionen der Eskalation enthalten. Die Finger steifgefroren, nichts wie hinein ins Warme. Stimmengeschwurbel. Dafür kaum Sauerstoff. So viel los! Mitten unter der Woche! Haben die alle keine Verpflichtungen, keine Familien, keine …

»Hallo! Frau Richter!« Die Elternsprecherin mit frisch gefärbten Haaren, leuchtend rot, wie Pumuckl. »Frau Richter, hi-hier!« Mama von Justus, also Römhild mit Nachnamen, spielt wie besessen Luftklavier. Ja, ja, ich hab dich schon gesehen! Aber sie hört nicht auf, bis auch wirklich alle Köpfe in meine Richtung schauen. Einunddreißig, sofern alle es einrichten konnten.

»Guten Abend zusammen«, sage ich. »Entschuldigen Sie die Verspätung. Hallo Marcel. Danke fürs Platzfreihalten.«

»Wissen Sie schon?« Die Kellnerin. Wo kommt die denn plötzlich her? Als hätte sie schon im Verborgenen gelauert, immer einen Schritt schneller als der Gast sich hinsetzen kann. Nicht, dass er sich am Ende noch für einen König hält. Oder denkt, er sei zum Spaß hier. Soll alles schon vorgekommen sein.

»Ich würde kurz in die Karte schauen.« Da haben wirʼs schon. Manche meinen, nur weil es Feierabend heißt, müssten sie es ausreizen. Dabei geht es gar nicht um die Karte. Meine Hand, immerhin ist sie inzwischen wieder aufgetaut, blättert unentschlossen zwischen Softdrinks und den richtigen Getränken hin und her. Kaum zu glauben, dass es dieselbe Hand ist, die vorhin den Abdruck in Freyas Gesicht hinterlassen hat. »Hauptsache, der Wein geht dir nicht aus!«

»Kleinen Moment noch.«

»Keine Eile«, sagt sie mit einem Lächeln, das eher nach »Mach schon!« aussieht, die schmalen Brauen erwartungsvoll hochgezogen, den Stift im Anschlag. Auch die Elternrunde wartet. Was wird sie nehmen, die Frau Lehrerin? Die meisten trinken Helles oder Wein. Nur vereinzelt rote Schorlen.

»Ich habʼs gleich«, sage ich. Ein gewagtes Versprechen, ich bin weit davon entfernt, irgendetwas zu haben, am wenigsten eine Idee, was ich jetzt …

»Einen Weißwein bitte.« Hauptsache, sie hört endlich auf, da herumzustehen. Und bevor sie noch weiter fragt: »Chardonnay.«

»Viertel oder Achtel?« Meine Güte, wie viel kann man fragen? Das ist ja schlimmer als in der 7a. Ein Achtel – 0,125 l – da lohnt sich ja nicht mal das Glas. Aber, gut.

»Ein Achtel bitte.« Soll ja niemand sagen, die Richter wäre ein Schluckspecht.

Die Kellnerin notiert, als hätte sie so was schon befürchtet. Selbst schuld, sie hätte ja nicht zu warten brauchen. »Hauptsache, der Wein geht dir nicht aus.«Morgen. Morgen rede ich mit Freya.

»Also, Frau Richter … «

Wenn nur Pumuckl sein Ritalin genommen hätte. Irgendwoher muss es ja auch bei Justus kommen.

»Herr Kalkowski hat uns schon ein bisschen was erzählt, wie das jetzt alles weitergeht im nächsten Halbjahr.«

Anerkennendes Lächeln zu Marcel. »Es ist ja toll, dass Sie jetzt einen Referendar bekommen haben, wenn die Klassen schon so voll sein müssen – über dreißig – das ist ja schon heftig …«

»Vor allem in einem so kleinen Klassenzimmer!« Eine Männerstimme. Der Vater von Anna-Lena. Manche Persönlichkeiten bleiben einem im Gedächtnis, ob man will oder nicht. »Wie heiß das da drinnen im Sommer wird«, sagt er und seine Gesichtsfarbe führt schon mal vor, wie das schlimmstenfalls enden könnte, »und wie stickig. Wie sollen die Kinder sich denn da konzentrieren?«

Zunächst würde es genügen, wenn er sich selbst konzentrieren könnte, und zwar darauf, keinen Herzinfarkt zu kriegen, zumindest nicht jetzt und hier. Die Kellnerin hätte mal lieber einen Defibrillator rausrücken sollen, statt wegen einem Achtel Chardonnay mehr oder weniger mit mir zu feilschen. »Und im nächsten Jahr«, keucht er, »wird es ja noch schlimmer. Es heißt, das ist eine der schwersten Klassen überhaupt.« Noch schlimmer sollte es wirklich nicht werden, vor allem nicht mit seinen Vitalwerten, sonst hat Anna-Lena auch nichts davon. »Im nächsten Jahr werden es bestimmt nicht mehr so viele sein«, sage ich.

»Ha!«, keucht er. Einen Versuch war es wert. »Das Aussieben gehört also schon zum Konzept, oder wie soll man das verstehen?« Mit einem Herzinfarkt wäre er noch gut bedient. Pumuckl teilt meine Sorge nicht, nickt ihm sogar noch beipflichtend zu.

»Beim letzten Elternabend haben Sie doch gesagt, Sie wollen alle durchbringen«, sagt sie. Stimmt, sie ist Intensiv-Krankenschwester, für sie gehört so ein kleiner Herzinfarkt vielleicht zum Abendprogramm. Aber mir reicht es eigentlich für heute.

»Ja, sicher«, sage ich. Wenn es dazu beiträgt, dass seine Röte ein bisschen abklingt. »Aber wenn sich herausstellt, dass es für manche Kinder«, Vorsicht, »vorteilhaft ist«, ganz dünnes Eis, behutsam die Worte zusammenklauben, »zum Beispiel ein Jahr länger Zeit zu haben …«

Der Wein. Mal wieder die Rettung. Bis die Kellnerin zwei Bierdeckel vor mir abgelegt hat, ein Achtel, niedlich, bis sie eingeschenkt hat – »Danke« – bis sie sich wieder vom Tisch entfernt hat, hat das Blut aus dem Kopf von Anna-Lenas Vater immer noch nicht in den Körper zurückgefunden. Weiß ich noch immer nicht, wie der Satz weitergeht. Anna-Lenas Vater ist sowieso schon beim nächsten Thema.

»Die letzte Deutsch-Schulaufgabe«, sagt er. »Eine befreundete Lehrerin hat sich den Aufsatz angeschaut, und sie hat gesagt, das ist niemals eine Vier.«

»Ja, die war wirklich streng bewertet, das kam uns auch so vor.« Bitte nicht noch so ein Klugscheißer. Vater von wem? Fast keine Haare mehr, er könnte auch schon Opa sein. Da könnte er es doch eigentlich ein bisschen ruhiger angehen lassen. Aber offenbar hat er beschlossen, auf jede vorbeifahrende Meinung aufzuspringen, solange die Knie es noch mitmachen. Einer von den Typen, die wahrscheinlich schon in jungen Jahren ein Wirgebraucht haben, weil das Ich unter einer eigenen Meinung eingeknickt wäre. Mangels Gattin hängt er sich heute also an Anna-Lenas Vater dran. Der hat Meinung genug für drei. Der arme Marcel sitzt schweigend vor seinem Spezi. Fragt sich wahrscheinlich, ob es wirklich das ist, was er will. Oder wann ich die Meute endlich in den Griff kriege.

»Nun«, sage ich. »Ich will hier nicht auf Einzelfälle eingehen.«

»Gut«, Anna-Lenas Vater versucht es jetzt mal mit Bellen, »dann gehen wir doch die Aufgaben nochmal durch, dann werden wir ja sehen.«

»Also, das würde aber wirklich den Rahmen sprengen. Dafür gibt es schließlich die Sprechstunde.« Die Rettung. Groß und dunkelhaarig. Eine Frau, die ihre Meinung selbst trägt. Danke. Danke.

»Vielleicht nützen wir die Zeit lieber«, sagt sie, »um ein paar allgemeine Fragen zu klären.«

»Gute Idee!«, sagt Pumuckl. Wo hat sie denn plötzlich die frische Weißweinkaraffe her?

»Wer mittrinken mag«, sagt sie, »wir werfen am Schluss zusammen. Frau Richter, Sie sind natürlich eingeladen. Darf ich Ihnen nachschenken?« Sie fackelt nicht lange.

»Danke!« Dass sie mir die Entscheidung erspart, so stelle ich mir eigentlich eine Kellnerin vor. »Ich würde Ihnen jetzt gern … danke.« Großzügig eingeschenkt, fast ein Viertel, so sollten wir auf jeden Fall die nächste Viertelstunde überstehen. »Gern die Termine für den Förderunterricht … wo hab ich sie denn?«

»Suchst du die Ausdrucke?«, fragt Marcel und schiebt sie mir zu.

»Ach, genau. Super. Danke.« Ein Stapel links herum, der andere rechts herum. »Ich empfehle allen, die im Zwischenzeugnis eine Fünf haben, mindestens einen Termin pro Woche zu buchen. Sie können jetzt auch gleich ankreuzen, wenn sie schon wissen, welche Zeiten für Sie günstig sind.«

Alle beschäftigt. Prost. Nur Pumuckl ist schon wieder fertig. Schiebt mir ihren ausgefüllten Zettel herüber. »Und, Frau Richter?«, fragt sie. Kann mal jemand ihren Vorspulmodus ausschalten? »Haben Sie wieder gut rein gefunden nach der Elternzeit? Passt Ihr Mann gerade auf Ihr Kind auf?«

Zwei Fragen auf einmal. So funktioniert das also.

»Hier steht gar nichts von den Kosten.« Der Vater im Eck.

»Es komm …«

»Die Kosten übernimmt die Schule«, sagt Pumuckl. »Oh, Entschuldigung, Frau Richter, ich wollte Ihnen nicht ins Wort fallen.«

»Kein Problem. Wie Sie sagen, es kommen keine Extrakosten auf Sie zu.«

»Aber das ist doch nicht nur eine Kostenfrage«, sagt die Frau mit dem blonden Pferdeschwanz. Helle Augen ohne richtige Farbe. Mama von wem? Janina vielleicht?

»Ich meine, das bedeutet ja auch, dass die Kinder noch einen zusätzlichen Nachmittag in der Schule verbringen. Und – ich weiß ja nicht, wie es euren Kindern geht. Aber Janina ist völlig k. o., wenn sie um vier heimkommt und dann noch Hausaufgaben hat.«

»Wie gesagt«, sage ich. »Es ist freiwillig. Ein freiwilliges Angebot. In letzter Konsequenz entscheiden Sie selbst, ob Ihr Kind teilnimmt.«

»Aber so wie ich Sie verstehe, hat man ohne diesen Förderunterricht ja gar keine Chance.« Wieder Anna-Lenas Vater. Wo er sich gerade ein bisschen beruhigt hatte. Bitte, kann jemand ihm was ins Glas schütten. K.-o.-Tropfen oder was anderes Vorübergehendes, bevor wieder alles von vorne losgeht? Ein mitleidiger Blick von Marcel in meine Richtung.

»Eine Chance hat man immer«, sage ich. »Aber Lernen ist eben ein individueller Prozess.« Die Kellnerin rennt an uns vorbei. Hiergeblieben! Mal kurz den Betrieb aufhalten, das können wir doch beide brauchen, eine kurze Auszeit. Aber sie sieht nicht aus, als ob sie es zu schätzen wüsste. Immerhin nützt sie den Moment, um sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu pusten.

»Ja? Was kriegt ihr noch?«

Einen doppelten Wodka. Oder meine Handtasche.

»Eine Orangensaftschorle bitte.«

»Groß oder klein?«

»Groß.«

»Kommt sofort.«

Und weiter geht’s. Wo waren wir? »Also«, sage ich. »Ich denke, jedes Kind hat sein eigenes Tempo, das wir berücksichtigen sollten.«

»Aber Sie können doch nicht davon ausgehen, dass die Kinder von selbst …« Auf jedes »Also« ein neues »Aber«. Es soll Menschen gegeben haben, die ohne Gymnasium überleben konnten, auch wenn es schwer vorstellbar ist, wenn man euch so sieht. Auch Marcel sitzt fassungslos daneben, sein Spezi fast leer. So hast du dir das nicht vorgestellt, was? Da ist man froh um jede Lücke im Redefluss. »Ich muss mal ganz kurz«, sage ich, schnell raus hier, bevor dem nächsten was einfällt.

»Zur Toilette geht’s da lang!« Pumuckl weiß Bescheid, aber wer braucht eine Toilette?

»Danke!«, sage ich. Schnell meine Handtasche, meine Schorle und raus. Auch Lehrer brauchen frische Luft. Den ganzen Tag im stickigen Klassenzimmer, und dabei ist ja noch nicht mal Sommer. Und wir Lehrer leben bis zur Rente damit. Das hätte ich Anna-Lenas Vater mal sagen sollen. Warum fallen die Antworten immer erst zeitversetzt über mich her, dann, wenn es schon zu spät ist? Eine Tür voll Kälte mitten ins Gesicht. Hier sollte man mal die Hälfte der Elternschaft heraushängen. Gut, dass ich den Absolut doch noch abgefüllt habe. Ein großer Schluck Orangensaftschorle fürs Hauseck. Sieht aus wie Hundepipi. Und stattdessen ein Schuss … Tadaaa: Wodka-O. Dazu eine Zigarette. Fast wie Urlaub. Wieder geht die Tür auf.

Marcel. Ist doch nur Orangensaft. Kann jeder da hingeschüttet haben.

»Na?«, sage ich, »Gefällt’s dir?«

Er lacht. Humor macht es auf jeden Fall erträglicher.

»Ein bisschen wie bei Gericht«, sagt er.

»Tja. Auch eine?«

»Ich rauche nicht.«

»Noch nie?«

»Nicht eine einzige.«

»Nicht mal probiert?« Gibt es das überhaupt?

»Hat mich nie gereizt.«

Komisch.

»Aber hauptsächlich will ich ja Lehrer werden, weil es mir Spaß macht, mit den Jugendlichen zu arbeiten«, sagt er. »Die Eltern sind ja eher das Beiwerk.«

Er lächelt. Ein junger Mann, unverdorben, voller Elan. Das sollte man ihm nicht vermiesen. Schon gar nicht als seine Betreuungslehrkraft. »Unterstützen und Beraten.«Irgend so was steht doch im Leitfaden. Du musst ihn endlich ausdrucken!

»Es ist nicht immer so«, sage ich. »Ich hatte auch schon ganz nette Elternstammtische.«

Schon wieder geht die Tür auf. Die Mutter mit der eigenen Meinung.

»Schön, dass ich nicht die einzige Raucherin bin«, sagt sie. »Frau Richter, ist Ihnen nicht kalt? So ganz ohne Jacke?«

»Ach …« Noch gar nicht drüber nachgedacht.

»Es ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie Ihren freien Abend opfern.« Schöne Zähne hat sie. Sehr gerade. Hat bestimmt eine Zahnspange gehabt als Kind.

»Brrr«, sagt sie, noch ein hektischer Zug. »Ich glaub, das ist mir doch zu frisch hier draußen.« Schade um die Zigarette.

»Vielleicht sollten wir auch wieder rein?«, sagt Marcel.

»Gleich«, noch der letzte Schluck Schorle. Wenn’s sein muss. Gehen wir eben wieder rein.

Aber viel angenehmer plötzlich. Sind die Blöden schon alle weg? Der Vater von Anna-Lena? Nö, da sitzt er ja. Trotzdem. Ich bleib dabei. Angenehmer und freundlicher, die Runde.

»Kriegt ihr noch was?« Die Kellnerin. Sie sieht plötzlich auch viel entspannter aus.

»Ich würd gern zahlen«, Anna-Lenas Vater, na also, geht doch. »Ich schließ mich an.« Einer nach dem anderen, die gehen alle.

»Kann man denn auch mit Karte zahlen?« Die Mutter mit den schönen Zähnen. Sie weiß, wann es Zeit ist zu bleiben.

»Nur EC«, sagt die Kellnerin.

»Dann nehm ich einen Gin-Tonic.«

»Da mach ich mit«, sagt Pumuckl. »Frau Richter, bleiben Sie auch noch auf einen Absacker?«

Gin-Tonic. »Warum nicht?« Drei Gin-Tonic. Und eine Johannisbeerschorle für Marcel. Ist ja doch noch eine gemütliche Runde geworden. Wirklich schöne Zähne hat sie, diese Mutter.

»Wann müssen Sie denn morgen raus, Frau Richter?«

Wenn man das wüsste. Schalf ist sowieso überbewertet. Schlaf. Sie lacht schon wieder.

»Sie könnten in die Werbung gehen«, sage ich einfach mal. »So weiße Zähne, wie Sie haben.« Das freut die Zähne. Da lachen sie gleich noch mehr.

»Sie haben auch schon einen im Tee, was?«

»Ach. Ich vertrage nicht viel.«

Der kleine Marcel. Wie er schon wieder schaut.

»Ich bin ja sehr froh, dass ich so einen kompetenten. Kollegen. Ja. So kann man sagen, oder? Du bist doch schon so was wie ein Kollege.« Jetzt mach ihn nicht verlegen.

»Ich werd’s langsam packen«, sagt Marcel.

»Warte!« Da habe ich doch auch ein Wörtchen mitzureden. »Ich komme mit. Bin ja schließlich deine Betreuungslehrkraft.«

Brrr, ganz schön kalt hier draußen.

»Ja, dann«, sagt Marcel, »bis morgen.« Warum will er denn unbedingt Tschüss sagen?

»Ich muss aber auch zur U-Bahn«, sage ich.

»Bist du nicht mit dem Fahrrad gekommen?«

»Stimmt.« Wo er recht hat, hat er recht. Aber da steht ja keins.

»Schau doch, Marcel … Kein Fahrrad da. Also, viele. Aber die sind alle nicht meins. Wahrscheinlich geklaut. Ich freu mich jedenfalls auf die Zusammenarbeit.«

»Ist es das hier?«

Tatsächlich.

»Wo kommt das denn jetzt her? Und auch noch mein ­eigenes. Das habe ich aber nicht da hin …« Irgendwer muss das gewesen sein. Wer Netter. Wer Nettes. Schön, die vielen Lichter …

»Gut«, sagt er schon wieder. »Tschüss dann.« Wenn er unbedingt meint. Reisende soll man ziehen lassen.

So schön schwarz, die Isar. Das Wasser bis zum Hals – ja, so ist das bei uns beiden. Aber bei der Kälte merkt man es nicht … festgefroren die Hände am Lenker, und auch sonst. Wenn was einfriert, tut es nicht mehr weh. Man sollte öfter was einfrieren. Den Kopf. Oder die Seele, aber die macht sich ja unsichtbar, die alte Schlawinerin. Darauf könnten wir trinken, wenn noch was drin wäre, in dieser Falsche … Flasche …

Draußen rauscht die Landschaft vorbei. Himmel und Bäume. Wie weit schon weg von daheim? Hätte es mir nach diesem Abend schon klar sein müssen? Hätte ich irgendetwas verhindern können, wenn ich gleich am nächsten Morgen etwas unternommen hätte? Und was? Eine Beratungsstelle anrufen? Und was sagen? »Ich habe mich gestern ein bisschen blamiert und würde mich gern besser fühlen. Bin ich da bei Ihnen richtig?« Außerdem – am nächsten Tag hatte ich andere Sorgen.

Schon wieder leer, der Kaffee, dabei hab ich gerade erst angefangen zu trinken. So war es doch sonst immer nur mit dem Wein. Der Becher zittert, als er in den Müllbehälter gedrückt wird. Vom Entzug kann das eigentlich nicht mehr kommen. »Bordservice: Cappuccino, Wasser, Cola, Fanta, Bier?!« Da kommt er wieder zurück mit seinem Wägelchen. Ob er ein Bier verkauft hat? Draußen nichts als Landschaft. Drei Monate lang weg von daheim … Wie du dagestanden bist heute Morgen in der Wohnungstür. Unserer Wohnungstür. Wie du nicht wusstest, wohin mit deinen Armen. Dabei hättest du sie bloß um mich zu schlingen brauchen, ja, das hättest du. Nur deshalb habe ich so lange gewartet neben diesem bescheuerten Koffer. Nur deshalb hätte ich fast den Zug verpasst. Hätte es was geändert, wenn ich einen späteren genommen hätte? Hätten deine Arme es irgendwann nicht mehr ausgehalten? Wenn. Wenn der Unfall nicht gewesen wäre. Wenn ich … ja, was? Was hätte etwas geändert? Kein Abschiedskuss. Natürlich nicht. Nicht mal ein Händedruck. Vielleicht in drei Monaten. Wenn ich durchhalte. Vielleicht dann.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Ein junges Mädchen. Orange Haare und blaue Augen. Wann ist sie eingestiegen?

»Ja, alles okay. Ich vertrage nur die Fahrtrichtung nicht so gut.«

Der Himmel hat die Farbe geändert. Ja, ich bin verrückt. Sonst wäre ich ja nicht hier. Sonst würde mein Kind nicht ein paar hundert Kilometer entfernt auf dem Arm der Erzieherin weinen. Es würde überhaupt nicht weinen, oder wenn, dann auf meinem Arm. Es würde vielleicht auf ihrem Schoß sitzen und ein Wimmelbuch anschauen, bis Mama wiederkommt. Aber Mama kommt nicht. Heute nicht. Morgen nicht. Übermorgen auch nicht. Und nicht nächste Woche. Auf Mama ist kein Verlass. Irgendwann wird die Hoffnung zu einem Schatten. Irgendwann lernt man loszulassen.

Vielleicht ist die Richtung grundlegend so verkehrt, dass einem einfach schlecht davon werden muss.

»Wenn Sie wollen, können wir Platz tauschen.«

Sie lächelt. Manche vertragen das Leben rückwärts wie vorwärts.

»Danke, nicht nötig.« Schnell wieder aus dem Fenster schauen … der Himmel, dunkelgraue Bollwerke … jetzt weiß, ein paar hellblaue Risse. Warum lässt sie sich nicht helfen, wird sie denken. Marie könnte ihr diese Frage beantworten: »Weil sie stur ist. Weil sie denkt, sie hat alles im Griff.«

Ein junger Japaner greift hektisch nach seiner Umhängetasche, klemmt das Tablet unter den Arm und nichts wie … hoppla, nicht hinfallen. Gerade noch. Seine Freundin hinterher. Tür zu. Die Welt in Zeitlupe, oder bilde ich mir das ein? Aber nein, wir fahren.

Nicht einmal Japan wäre weit genug.

Ein Kiosk am Bahnhof. Riesige Gläser mit sauren Schlangen und weißen Mäusen. Wenn sie jetzt auch noch Kaffee haben.

»Freilich.« Die Frau hinterm Tresen. Brille und Modeschmuck. Eine einzelne blondierte Strähne … in jeder Frau eine Rebellin. »Cappuccino, Latte Macchiato, Espresso. Was Sie mögen.«

»Cappuccino, groß bitte.«

Sie drückt den Knopf. Das Mahlgeräusch klingt wie zu Hause. Gemeinsam beobachten wir den Becher und warten auf den Augenblick, in dem der Kaffee anfängt hineinzulaufen.

Sie lächelt. »Gleich.« Verlegen, als habe sie mir einen Zaubertrick versprochen, von dem sie noch nicht sicher ist, ob er gelingt. Jetzt. Kaffee tröpfelt, fängt an zu laufen.

»Sie haben da was«, sagt sie.

»Wie bitte?«

»Was Schwarzes. Da, am Auge.«

»Oh, danke.« Sieht dich ja eh keiner. Trotzdem, ein bisschen die Stelle rubbeln, auf die sie gedeutet hat. Wenn sie schon wartet.

»Immer noch«, sagt sie. »Schau’n Sie, da haben S’ eine Serviette.«

»Danke.« Ein Gesicht, mit dem nicht einmal die eigene Schminke fertig wird.

»Jetzt ist es weg.«

Sie hat gut lächeln. Sie braucht keine Schminke. Sie ist aufgeräumt. Ich würde auch lächeln, wenn ich dort stünde und Cappuccino machen würde für eine Frau, die aus einem Leben kommt, in dem das Make-up nicht einmal das Frühstück heil übersteht.

Hinter mir plötzlich eine Horde Kinder. Ach, der Becher. »Danke. Haben Sie vielleicht einen Strohhalm?«

Weg ist ihr Lächeln. »Nein – äh, Strohhalme haben wir keine.«

»Und können Sie mir sagen, wo der Regionalbus fährt?«

Sie lehnt sich über die Theke, lässt den Blick wandern. Gleise, Fahrradständer, der Grünstreifen auf der anderen Seite, als sähe sie das alles zum ersten Mal. Die Kinder hinter mir diskutieren, wie viele weiße Mäuse man für einen Euro zwanzig kriegt.

»Wohin müssen S’ denn genau?«

Karten auf den Tisch, das kann ich doch inzwischen. Aber mein Gekritzel ist stärker als ihr guter Wille. Also vorlesen, die Adresse. Nützt aber nichts, sie runzelt trotzdem die Stirn. Dabei wird ihr Gesicht noch runder. Hinter mir ist es still geworden. Die Kinder warten auf ihre weißen Mäuse.

»Also, da vorn fahren die Busse«, sagt sie. »Aber ­welchen Sie da … hm.«

»Macht nichts. Danke trotzdem.«

Kaffee ohne Strohhalm, eine Herausforderung bei dem Geschaukel. Ganz schön rasantes Tempo. Hoffentlich ist der Busfahrer nüchtern. »Schlampig« wird die Lehrerin morgen in Rot unter die Hausaufgaben der Kinder schreiben. Zumindest einen Deckel hätte ich nehmen können. Dann würde nicht die Hälfte überschwapp… Vollbremsung. Schulranzenkinder fallen wie Dominosteine aufeinander, Kaffee auf der Bluse – na bravo! Verteilt sich auf dem weißen Stoff und nicht mal ein Taschentuch! Was soll’s. Unbefleckt wäre sowieso eine Lüge gewesen.

Der fährt aber auch wie ein Irrer! Gefährlich dicht an der Leitplanke. Ein bisschen mehr als zwei Wochen ist das jetzt her, die Fäden schon gezogen, nur noch die Narbe an der Schläfe. Die Narbe wird bleiben.

Samstag, 31. August 2019

Piep, piep, piep, piep, piep.

»Mmmmm.« Piep, piep, piep, piep, piep. »Mitten in der Nacht!«

Aber Lars, schon aufgesprungen. »Ich muss zum Flieger.« Ein Kuss. »Bis Mittwoch!«

Wieder dunkel.

»Mama auf-den!«

»Hm?« … »Mama auf-den!« 6:23. »Nein, Jakob, das ist noch zu früh.« »Mama auf-den!« Warum immer am Wochenende? Und warum ist mir schon wieder so übel? »Komm, kuschel dich noch ein bisschen zu Mama!«

»Auf-deeen!«

»Hmm-hhh. Na gut.«

Lars ist bestimmt schon im Flieger. Dieses London macht mich fertig. Schon wieder ein ganzes Wochenende allein mit Jakob. »Brrrm-brrrm« im Schlafanzug. Energiebündel auf zwei Rädern. Erst mal zur Sockenkommode. Zwei Aspirin, dann wird es schon werden.

»Na komm, dann braus mal ins Bad. Schau, wir parken das Laufrad solange hier draußen.«

»Naaaaaaaa!«

»Du kannst ja gleich weiterfahren. Gleich, wenn du angezogen bist.«

»Naaaaaaa!«

»Bitte, Jakob.«

»Naaaaaaa!«

»Na gut, dann frühstücken wir eben heute im Schlafanzug. Aber gegessen wird im Stühlchen. Komm, lass los. Wir parken dein Laufrad hier, bis du fertig bist. Da kann es zuschauen.«

Überzeugt. Gott sei Dank. Butter-brot-stück-chen-weise vergehen Minuten.

»Handy!«, sagt Jakob.

»Ja Schatz, ich hab’s gehört.«

SMS von Lars. »Grüße aus dem Flieger. Kann auf London runterschauen. Wirklich ein cooler Blick. Ich glaube, das wäre unsere Stadt. Bis du diese Message kriegst, bin ich schon gelandet. Bis Mittwoch! Kuss, Lars«

Freya hat immer noch nichts hören lassen. Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen. Surfcamp. Drogen und Jungs. Verschrei es nicht.

Und heute Nachmittag das Grillen bei Ute – noch wie viele Stunden? Hoffentlich ist der Kopf bis dahin besser. Dass diese Aspirin einfach nicht mehr helfen. »Brrrm-brrrm« … sogar einhändig.

»Ja, Jakob, deine Sandalen. Gut. Dann gehen wir eben ein bisschen raus. Aber erst mal müssen wir dich fertig machen.«

»Na-haaaaa!«

Nicht wickeln, nicht anziehen. Eincremen – »na-haaaaa!« Immer dreiunddreißig Jahre erschöpfter als der Zweijährige.

»Schau, ein Keks.« Sehr pädagogisch, aber immerhin. Fertig. Angezogen. Das Nötigste in den Korb werfen: Sonnencreme, Sandspielzeug, Sprudelwasser, Aspirin, was soll’s. Halt – Jakob-Frosch nicht vergessen.

Heiß, heiß, heiß, schon um diese Zeit. Wie wird das dann erst mittags? Das Milano hat schon auf. Cappuccino und Croissants. Luftballons an den Hauseingängen. Stimmt, es ist ja wieder Flohmarkt. Leute auf Fahrrädern, Leute mit Einkaufstaschen. Sommerkleider, Strandmatten, Picknickkörbe. Die Isar rauscht dunkelgrün, unser Platz noch fast leer. Wenn es nur nicht so heiß wäre. Und wenn dieser Kopf nicht wäre. Immerhin ist Jakob zufrieden. Bäckt Sandkuchen wie ein Weltmeister. Zwei Jugendliche spielen Federball. Ein neonpinker Bikini. Sieht aus wie Freya, das Mädchen, auch von den Bewegungen her.

Letztes Jahr, vor der Umkleide. Jakob schlafend im Kinderwagen.

»Und, passt er?«

Rrrrrrttttttschschsch, ihr Kopf durch den Vorhang. Die Röte auf ihren Wangen. Feuchte Augen, wenn ich daran denke, sogar jetzt noch. »Schön!« Sogar in diesem unvorteilhaften Licht. Kein Kind mehr. Dabei kommt es mir vor wie gestern, als sie das Schild geschrieben hat: ZU VERSCHENKEN, mit schwarzem Edding. Die gesamte Barbie-Sammlung, sogar die Pferde. Und kurz darauf, wie sie sich gefreut hat: »Die Kiste ist schon komplett weg!« Kein bisschen Wehmut in ihrer Stimme. Als hätte sie nichts mit dem kleinen Mädchen zu tun, das erst ein paar Jahre zuvor in extra schönen Buchstaben mit Glitzerstift ans Christkind geschrieben hatte: BARBIE-PFERD.

Wenn sie wüsste, dass ich es war?! Wenn sie die Kiste im Keller zufällig findet? Darin ist sie ja gut: meine Geheimnisse zu entdecken.

Und dann, nur ein paar Jahre später: Verweise. Türen knallen. Lackierte Nägel, dunkelrot! Der Abend, als sie nicht heimgekommen ist, kurz nach elf. Wie der Hörer in meiner Hand gezittert hat. Die 110 war dann doch eine Überwindung. »Polizei Notruf, was kann ich für Sie tun?« Im selben Moment Schritte im Treppenhaus. »Moment bitte!«Das Zittern in meiner Stimme. Der Schlüssel. Die Hoffnung, heiß in meinem Brustkorb. »Freya, bist du’s?« Freyas Gesicht – halb trotzig, halb schuldbewusst. »Entschuldigung, hat sich erledigt.« Meine Stimme genauso erschöpft wie der Hörer, der zurück auf die Station geglitten ist. Wie erleichtert ich war. Eine Umarmung. Wie erleichtert sie war.

Der Morgen danach. Wie sie auf meinem Bett saß, in ihrem ausgeleierten T-Shirt und der Jogginghose, hellwach, als hätte sie die ganze Nacht dort gesessen, um den Moment meines Aufwachens nicht zu verpassen, diesen Moment, wo man nur die Wahrheit sagen kann, weil in die Lücke zwischen Traum und Wirklichkeit keine Lüge passt.

»Mama?«

»Hmmmm?«

»Warum hast du mich lieb?«

»Mhm. Klar!«

»Nicht ob. Warum?«

»Weil du du bist.«

»Aber ich tu doch alles dagegen.«

Wie ich ihr über die Haare streichen durfte, weich und ein bisschen zerzaust. Wie sie abrupt aufgesprungen ist, als hätte meine Berührung einen Bann gelöst. Wie sie ins Bad gestürzt ist, zu Schaum und Haarspray, um der Welt zu beweisen, dass sie sich von niemandem etwas vorschreiben lässt, von der Natur schon gar nicht.

Kiesel im Mund. Eine Wirklichkeit. Ich bin zuständig.

»Mmmh, schon wieder ein Kuchen! Aber Mama ist jetzt satt.«

Satt ist gar kein Ausdruck, wie viel Sand habe ich schon gegessen?

»Mama mit!« Jakobs Hand, die meine packt. Sein Körperchen mit aller Kraft nach hinten gelehnt. »Mama mit!« Was denn jetzt? Steine werfen, okay. Besser als sie zu essen. Kiesel um Kiesel, noch einen, noch einen … die Isar ist geduldig. Inzwischen hat sich ein bunter Handtuchteppich um uns herum gebildet.

»Eis«, sagt Jakob und reicht mir das neue Förmchen. Wenn schon kein Kuchen mehr …

»So eine schöne Kugel. Ist das Vanille?«

»Lade!«

»Aaaahhh, Schokolade! Auch fein! Aber Jakob? Wir gehen jetzt dann heim, es gibt bald Mittagessen.« Kartoffelbrei. Immerhin lässt es sich schon denken, ohne dass sich der Magen umdreht. Aber wer braucht Kartoffelbrei, wenn er Eis haben kann? Wie eifrig er schaufelt, der nasse Sand lässt alles mit sich machen.

Ein Rotschopf in Jakobs Alter kommt so zielstrebig herüber gewackelt, direkt auf Jakob zu. Er wird doch nicht … bitte bloß kein Streit!

»Nahahaaa!« Der Rotschopf hat schon zugepackt, war ja klar – immer das, was der andere hat. »Hey ihr beiden.« »Naaahaaaa!« »Ich komm ja schon, wir haben doch genug Sandspielsachen.« Aber »genug«ist relativ. Jakobs Fingerchen, schon weiß vor Verkrampfung. Der andere mit voller Kraft dagegen. In der Mitte das arme Förmchen. Und kein Klügerer in Sicht, der nachgibt. »Bitte, ihr beiden!« Hast du denn keine Mutter?!

»Meins«, quengelt Jakob, »meins!«

»Ja«, sage ich, »das ist ja deins. Aber hier, der rote Eimer ist doch auch schön! Schau, da kann man mit der Schaufel … kann man da … Sand rein schöpfen und einen tollen Kuchen …«

Weg mit meiner Hand.

»Jakob, bitte!«

»Naaaa!«

Zumindest wird er nicht mitten in der Nacht eine elektrische Saftpresse bestellen, »nur noch 3 Stück verfügbar«, bloß weil die Moderatorin vorführt, wie viel Elan man nach so einem selbst gepressten Energiekick hat. Und wohin jetzt mit dem Teil? Und was beim nächsten Mal? Eine Familienpackung »Warnwesten für Hühner«?

»Bitte, Jakob.« Die Leute schauen schon. »Meeeeeeiiiiinnnns!« Dieses penetrante Balg lässt aber auch nicht locker.

»Nein! Hauen ist nicht schön!« Wo ist denn deine verdammte Mutter?

»Korbinian!« Na endlich! Ach, das ist die Mutter? So tiefenentspannt, mit Strandtuch um die Hüfte. Klar, wenn man das Alltagsgeschäft den anderen überlässt. »Korbinian!« Aber besser spät als nie. »Korbinian, was machst du denn da?«

Was wohl?

»Komm«, sagt sie. Aber so einfach lässt Korbinian sich das Förmchen auch von ihr nicht aus der Hand nehmen. »Gib dem Jungen sein Förmchen zurück. Entschuldigung!« Immerhin, der Rotschopf hat auch ein beachtliches Organ.

»Schau Korbinian, deine Sandspielsachen sind da drüben bei Papa.«

Alle schauen, außer Korbinian. Ja, so ist das mit euch.

»Komm, Jakob. Wir packen auch langsam zusammen.« Viel Spaß beim Verklickern. »Schau, du darfst das Schildkrötenförmchen mitnehmen! Und nach dem Mittagsschlaf fahren wir zum Grillen zu Ute, hm?«

Hoffentlich hab ich da nicht zu viel versprochen. Grillen, schön und gut, aber …

»Bitte Jakob, hör auf zu quengeln. Wir sind ja bald da. Es ist nicht mehr weit.« Von wegen »schnellste Route«,aber mit drei Mal Verfahren konnte Google auch nicht rechnen. »So, schau, nur noch einparken. Ganz verschwitzt bist du, hm. Komm mal raus aus dem Sitz, so ein braver Beifahrer.« Reihenhäuser, alle mit Garten, so richtig Land. Vielleicht später mal, wenn Jakob aus dem Haus ist. »Schau, hier wohnt die Ute. Magst du klingeln? Da, neben der kleinen Tür. Super.«

Ute mit Lippenstift. »Hallo Lucy! Schön, dass ihr da seid!«

»Happy Birthday!«, sage ich. Hat sie überhaupt? Egal. »Und hier, eine Kleinigkeit.«

»Ach, das ist ja lieb. Und du bist bestimmt Jakob, hm? Ist das ein Frosch, den du da dabeihast?«

Jakobs Gesichtchen in meiner Halsbeuge vergraben.

»Weißt du«, flüstert Ute ihm zu, »ich hab eigentlich einen Hund. Die Kimberly. Die schläft nur heute woanders, weil sie den Trubel nicht verträgt.«

Wo schläft sie? Ist da noch Platz?

»Jetzt kommt doch erst mal rein!«, sagt Ute. »Schade, dass dein Mann in London ist.« Tja, wem sagt sie das. »Ich hätte ihn gern mal kennengelernt.«

»Schön habt ihr’s hier!«, sage ich. Modern und geräumig. So gar nicht Ute. Vielleicht genügt ja auch ein guter Geschmack pro Haushalt. Und hier ist es offenbar ihr Mann, der …

»Lucy, darf ich dir Hubert vorstellen.« Aber doch nicht dieser schüchterne Typ mit der Hühnerbrust und den hängenden Schultern, den sie da an der Hand hereinführt wie einen neuen Schüler, der sich jetzt der Klasse vorstellen soll.

»Freut mich!« Hubert schaut verlegen zu Jakob, als hätte er auch gern eine Halsbeuge zum Verkriechen. Oder er will durch seine Erscheinung bewusst einen Kontrast zu den klaren großzügigen Räumlichkeiten bilden. Sein Blick, der nervös im Raum umherschweift, als überlegte er fieberhaft, welche Ecke er als Unterschlupf eingeplant hatte und wie er bei Bedarf schnellstmöglich dorthin gelangen könnte. Aber für Erwachsene ist ein Unterschlupf nicht vorgesehen, leider. Dafür taut Jakob langsam auf. Ute, die seinen Fuß kitzelt. Süß, wie er kichert. Glücklich und gleichzeitig man selbst sein, wie kriegen Kinder das hin?

»Die anderen sind hinten auf der Terrasse«, sagt Ute. »Leider hatten viele keine Zeit. Von den Kollegen bist du die einzige.«

Erleichterung, zum ersten Mal seit wir losgefahren sind.

»Komm Jakob«, sagt Ute. »Soll ich dir mal den Sandkasten zeigen?«

Die Erleichterung reicht genau bis zur Terrasse. Keine Kollegen zwar, dafür lauter fremde Leute. Jürgen, Matthias, Michelle. Freut mich auch.

»Mehr werden wir nicht«, sagt Ute. »Das ist der Nachteil, wenn man in den Sommerferien feiert. Für meine Familie war es zu weit. Aber nächstes Jahr, zum Dreißigsten, da haben sie sich schon angekündigt. Was magst du trinken, Lucy?«

»Vielleicht erst mal dasselbe wie du.«

»Ich trinke momentan Limo.«

Sie streicht sich über den Bauch.

»Bist du …?«

»Noch nicht«, sagt sie. »Aber man weiß ja nie.«

Stimmt. Man weiß nie.

»Es gibt Zitrone, Orange, Litschi.« Macht das wirklich einen Unterschied?

Wer egal sagt, kriegt Litschi. Litschi-Limo auf Eis. Naja. Vorerst geht es schon, und nachher, zum Anstoßen, kann ich ja ein Gläschen Sekt … So ein großer Garten. Ein Paradies für ein Kind. Spaß ohne Alkohol. Jakob stakst als gutes Beispiel voran zum Sandkasten. Selbst gebaut, wow. Ute und Jakob spielen Backe-Kuchen. Ich spiele »Allein unter Leuten«. Zuhören oder so tun als ob, rauchen, nicken. Ibiza-Affäre in Österreich, Burgerrestaurants … noch eine Zigarette, Bier und Wein für die anderen. Noch mehr Litschi-Limo für Lucy, aber kein Effekt, außer dass der Bauch gar nicht mehr aufhört zu gurgeln. Der Drache räkelt sich. Wie viel von dem Zuckerzeug soll ich denn noch rein schütten?

Als nächstes: Küsschen, Würstchen, Geburtstagsständchen.

»Danke, dass ihr gekommen seid!« Utes Mann mit Sektflasche. Ein Gläschen zum Anstoßen, genau wie geplant.

»Danke!«, sage ich. Kurz vor acht und den ganzen Tag keinen Schluck getrunken, so gut wie. Jetzt fällt es auch dem Drachen auf. Plötzlich ist er hellwach. Drei Flaschen Litschi-Limo, während alle anderen … Bier, Wein, Sekt auf dem Tisch, in den Händen, sogar auf der Terrasse, achtlos abgestellt.

»Du Ute, wir müssen langsam los.« Bevor der Drache sich weiter reinsteigert.

»Schade«, sagt Ute. »Aber klar, ihr habt ja noch einen Heimweg. Um die Zeit solltest du jedenfalls gut durchkommen.«

»Ich müsste nur noch schnell auf Toilette, kann ich Jakob vielleicht kurz bei dir lassen?«

»Ja klar! Gell Jakob, wir beide kriegen das schon hin.«

Überall halb volle Gläser und Flaschen …

»Ach nein, Lucy«, sagt Ute. »Lass ruhig stehen. Wirklich, du musst dich nicht bemüßigt fühlen. Ich hab morgen den ganzen Tag Zeit zum Aufräumen.«

Aber der Drache fühlt sich bemüßigt. Jakob meckert gar nicht. Hat er überhaupt mitgekriegt, dass ich reingehe? Utes Sektglas, sie hat nur einmal genippt. Von draußen Lachen und Stimmen. Wer lässt ein halb volles Bier stehen? Vielleicht ist es sogar von diesem komischen Jürgen oder wie er heißt. Igitt, das kannst du nicht ernsthaft … hör auf damit! Aber zu spät. Der Drache ist ausgeschlafen, im Gegensatz zu mir. Jetzt will er auch mal bestimmen. Und er bestimmt, dass er jetzt dran ist, und dass man nichts verkommen lassen soll, und da hat er ja auch recht, aber trotzdem, wenn mich jemand sieht.

»Wir haben noch Getränke im Kühlschrank.« Utes Mann! Oh nein!

»Ach so, nein. Das ist … ich will ja gar nicht. Das ist …« Nicht wie es aussieht? Noch viel schlimmer? Nur der Drache, der durchdreht?

Da stehen wir. Die Hühnerbrust und ich, mitten in der modernen Küche, und suchen den Unterschlupf, den es nicht gibt.

»Gut«, sage ich endlich. »Ich geh dann mal wieder raus.«

Lampions statt Tageslicht. »… macht der Reiter: Pluuumps!« Jakob hängt kopfüber auf Utes Schoß, lacht mich an.

»Schau Jakob!«, sagt Ute. »Die Mama ist wieder da!«

Wenn die Hühnerbrust mich verpetzt … lauwarmes Bier von fremden Leuten. Wie ekelhaft kann man sein?! »Sorry Ute«, sage ich, »aber wir müssen los.« Jetzt.

»Na dann«, sagt Ute und streichelt Jakob über den Kopf. »Der kleine Mann muss ins Bett, gell.«

Vor allem muss die große Frau ans Handschuhfach.

Verwaschenes Licht. Gleichförmiges Surren. Der Mittelstreifen, in abgerissenen Stücken. Jakob im Rückspiegel. Schon eingeschlafen … 22:22 … »Hmhm-hmhm-hm hmhm … alles, alles geht vorbei …«

Sein Mund, als würde er staunen, kleines Engelchen. Nur der Kopf ist nach vorne gefallen, das kann doch nicht bequem sein. Aber bis nach Hause wird es schon gehen, Kinderkörper sind doch da nicht so. »Schlaf nur«, sage ich.

Der Italienurlaub. Wie alt war ich da? Auf jeden Fall älter als Jakob. Vier? Fünf?

»Schlaf nur!« Mamas Stimme, flüsternd vom Beifahrersitz. Aber schlafen tun nur Babys. Lydia im Kindersitz neben mir, das Kinn auf der Brust, die eine Backe zusammengedrückt, schläft und schläft, das Surren, der Motor, Mamas Stimme: »Fast da!« Italien. Wo das Eis »Gelato« heißt und immer die Sonne scheint.

Wir stehen. Eine grelle Sonne. Ein Kind weint. Wildes Klopfen an die Scheibe. Ein Mann reißt die Tür auf.

»Alles in Ordnung?«

Was ist …?

»Sie bluten!«

Bluten. »Mein Sohn!« Mein Schreck in seinem Gesicht. Reißt die Hintertür auf.

»Jakob!«

Weinen aus einer anderen Welt.

»Warten Sie, ich komme ran …«

»Jakob … Jakob …!«

»Ich glaube, dem Kind ist nichts passiert.«

Dieses Weinen …

»Können Sie aussteigen?«

Gummifüße.

»Setzen Sie sich … hier. Auf meine Jacke. Sie zittern!«

»Komm, Süßer, komm her! Komm zu Mama.«

»Ganz ruhig. Atmen Sie! Ganz ruhig atmen … gut. Sind Sie am Steuer eingeschlafen?«

»Ich … weiß nicht … Jakob, er … blutet!«

»Vorsicht! Nein, das sind Sie! Eine Platzwunde. Haben Sie Kopfschmerzen?«

»Alles gut, Süßer, alles gut, Mama ist ja da.« Die Beinchen klammern sich um mich. Das Weinen jetzt leiser, überall Blut.

»Sie hatten Glück im Unglück, dass da die Leitplanke ist. Sonst wären Sie über den Abhang … hier, ein Taschentuch.«

Was soll ich damit?

»Für Ihren Kopf.«

Mann. Mit Brille. Erschrockene Augen.

»Au!«

Als würde ich in den Schädel hineingreifen.

Jakobs Weinen, so leise … verebbt. Aber mein Zittern hört einfach nicht auf. Der kleine Körper wird schwer.

»Danke«, sage ich. »Danke für Ihre Hilfe.«

Ein Abhang, nicht auszudenken. Meine Schuld sickert langsam. Weg hier, nach Hause, nichts wie nach Hause. Das Aufstehen wird schwierig. Vorsichtig. »Geht schon«, sage ich. »Geht schon.« Nur ein bisschen zittrig.

»Warten Sie«, sagt der Mann. So alt ist er gar nicht. »Sie können so nicht fahren. Außerdem – der Notarzt wird gleich hier sein.«

»Wieso? Nein, das geht nicht!«

Blaulicht. Sirene.

»Wie heißen Sie?«

»Bitte, mein Sohn muss ins Bett.«

Ein Sanitäter. Blutdruck und Puls. »Tut das weh?«

Was. Nichts. Nichts tut weh.

»Kopfschmerzen? Schwindel? Spüren Sie das? Okay. Gut. Das … ja, das muss genäht werden.«

»Das Kind scheint in Ordnung zu sein!« Eine Männerstimme aus dem Krankenwagen.

Gott sei Dank. Danke, danke, lieber Gott!

»Ich bin nicht eingeschlafen. Ich wollte nicht …«

»Das erzählen Sie dann den Kollegen im Krankenhaus. Wir verbinden das jetzt nur notdürftig. Sind Sie Tetanus geimpft?«

»Ich weiß nicht.«

»Können Sie aufstehen? Ist Ihnen schwindlig? Hallooo?!«

»Mein Sohn muss …« Schlafen … muss … »Jakob?«

»Keine Sorge, Ihr Sohn kommt schon mit. So, dann steigen Sie mal ein.«

Wenn nur das Drehen … aufhören! Dieser Kopf …

»Geht’s?«

Jakob auf der Liege, schläft einfach nur. Danke. Danke, danke.

»So, wie heißen Sie?« Junger Kerl. Sternchen auf der Jacke. Was muss man tun, damit man so eins bekommt?

»Ihren Namen bitte.«

»Lucia.«

»Nachname?«

»Richter.« Ich würde mit jedem tauschen. Was schreibt er da?

»Haben Sie getrunken?«

Alptraum …

»Gustav! Kommst du kurz?«

Noch so ein junger Kerl.

»Pusten Sie bitte mal hier rein!«

Bitte nicht!

»Wir werden sowieso eine Blutabnahme anordnen, also bitte …«

Alptraum in einem Alptraum in einem Alptraum.

»1,2. Da werden Sie wohl Post von der Staatsanwaltschaft kriegen. Haben Sie Ihren Führerschein greifbar.«

Führerschein.

»Ich muss Sie bitten, ihn mir auszuhändigen. Nach § 315 besteht ab 0,3 Promille mit Unfallgeschehen ein Straftat­bestand.«

Meine Tasche … au … nicht so zittern… bedient euch.

»Sollen wir jemanden anrufen? Ihren Mann vielleicht?«

»Der ist aber gerade auf Dienstreise.«

»Wir können ansonsten auch das Jugendamt verständigen.«

»Nein!«

»Aber wenn Sie Ihren Mann nicht anrufen wollen …«

Mein Handy. Wie spät ist es in London? Verschwommene Ziffern auf dem Display. LARS.

Kannst du heimkommen, bitte.

Sitzen, nicht liegen.

»Schnallen Sie sich bitte an.«

Krankenwagen von innen. Kübelweise Lichter. Die Liege. Jakob schläft nur. Danke, lieber Gott. Verschläft den Alptraum.

Keine Polizisten mehr, kein Blaulicht. Der Sanitäter als Aufpasser. Augenringe. Das Foto an seiner Rettungsweste. Das ist doch nicht er auf dem Bild. Zwanzig Jahre und noch mehr Kilos dazwischen, ein stressiger Job.

»Ich bin … ich wollte … ich hab nicht …«

Keine Ahnung. Schweigen.