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Die 16-jährige Jennifer verliert auf tragische Weise ihre Mutter und fällt in ein Loch aus Depressionen und Schuldgefühlen. Ihr Vater beschließt nach Monaten der erfolglosen Therapie von New York nach Texas zu ziehen, in der Hoffnung, ein Neuanfang würde beiden helfen, mit der Trauer und dem Verlust klarzukommen. In der neuen Heimat warten neben neuen Bekanntschaften und Krisen auch schmerzliches Heimweh nach Jennifers einzigem Freund und der Kampf gegen ihre inneren Dämonen.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ich liebe dich. Für immer.
Unter anderen Umständen würde ich auf das Vorwort verzichten, da ich selbst eine Leserin bin, die dies gern mal überfliegt. Meistens liest man die Danksagungen schon am Anfang des Buches oder den Werdegang des Autors, welche erst einmal uninteressant sind.
Jedoch muss ich Dich vor Beginn des Lesens auf mögliche Trigger hinweisen. Diese Geschichte erzählt von einem jungen Teenager, der aufgrund seiner Erlebnisse mit Depressionen, Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch und Suizid in Kontakt kommt. Durch die bildliche Umschreibung einiger Szenen und inneren Monologe kann dies für einige Leser*innen belastend sein.
Wenn die Konfrontation mit einem dieser Themen für Dich schwierig sein sollte, könnten besagte Szenarien verstörend auf Dich einwirken. In erster Linie soll dieses Buch unterhalten, aber auch Menschen, die noch nicht in Berührung mit diesen Themen gekommen sind, für psychische Erkrankungen sensibilisieren.
Explizite Triggerwarnungen innerhalb der Geschichte sind nicht enthalten.
Wenn Du dich aktuell in einer schwierigen Lebenslage befindest, kannst Du dich an die auf der nächsten Seite genannten Stellen wenden.
Telefonseelsorge (24 Std. erreichbar, kostenlos): +49 800 111 0111, +49 800 111 0 222 oder +49 116 123 Webseite: www.telefonseelsorge.de
Nummer gegen Kummer, an die können sich Kinder und Jugendliche oder Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen anonym und kostenlos wenden.
Kinder- und Jugendtelefon: +49 11 6111 (Mo/Sa – 14.00 bis 20.00 Uhr sowie
Mo/Mi/Do auch von 10.00 bis 12.00 Uhr)
Eltern-Telefon: +49 800 111 0 550 (Mo-Fr – 9.00 bis 17.00 Uhr; Di u. Do – 17.00
bis 19.00 Uhr)
Webseite: www.nummergegenkummer.de
Triggerwarnung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
Epilog
Ein Mensch, der für nichts zu sterben gewillt ist, verdient nicht zu leben.Martin Luther King
Das abgegriffene Fotoalbum liegt offen auf meinem Schoß. Der Tag neigt sich dem Ende zu und die Dämmerung wirft düstere Schatten in mein Zimmer. Dunkelrot tropft mein Blut auf ihr Lächeln und verunstaltet es zu einer Fratze, die mich höhnisch auslacht.
Armes wertloses Miststück, denke ich, als die Tabletten ihre Wirkung zeigen. Stechend weicht das Blut aus meinen Fingern. Der Schmerz breitet sich aus, sucht sich den Weg über meine Hände und beißt sich in den dürren Handgelenken fest.
Schwerfällig falle ich auf die Seite und winkle die Beine an. Ich starre auf die klaffende Wunde und beobachte, wie das Leben zähflüssig aus meinem Körper weicht. Endlich darf ich schlafen, endlich meine Schuld begleichen. Ich bekomme das, was ich verdiene.
Mein Kopf ruht auf den Fotos meiner Mutter, die wie ein riesiger Fächer unter meinem Körper ausgebreitet liegen.
»Bald bin ich bei dir, Mommy«, flüstere ich.
Ein letzter Atemzug und ich sinke in die Dunkelheit.
New York
6 Monate später
»Schatz, bist du fertig? Dein Bus kommt in zehn Minuten.«
Dads Stimme dringt dumpf in mein Bewusstsein. Das Wasser prasselt mittlerweile eiskalt auf die Haut, weil mir die Kraft fehlt, aus der Dusche zu steigen. Heute soll ich das erste Mal seit Monaten wieder in die Schule gehen. Vor Wochen schon wurden mir die Fäden gezogen. Ohne Schmerzmittel halte ich die Schmerzen aber immer noch nicht aus. Ich betrachte die rosa Narben. Mein rechtes Handgelenk ziert eine gerade Linie, genau auf der blauen Ader unter der Haut, die ich mit dem Zeigefinger nachziehe. Aber links zeichnet sich ein grotesk aussehender Strich ein winziges Stück neben der Hauptschlagader ab. Ich habe zu lange gebraucht, der Alkohol und die Medikamente haben mir die Sinne vernebelt und meine Zielgenauigkeit beeinträchtigt, so habe ich die Ader nicht richtig getroffen. Nur wegen dieses dummen Fehlers bin ich immer noch hier.
Wie immer zu langsam.
Notdürftig binde ich die feuchten Haare zusammen und greife mir wahllos Klamotten aus dem Schrank. Bevor ich aus der Haustür rennen kann, drückt mir Dad meine Antidepressiva und ein Glas Wasser in die Hand.
»Nicht vergessen«, sagt er leise, ohne mir in die Augen zu sehen.
Ich verlasse unsere kleine Wohnung und atme die kühle Luft ein. Die wenigen Bäume, die der Stadt etwas mehr grün verleihen sollen, tragen schon ihre ersten Knospen. Ich ziehe den Schal enger und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Als Kind war ich beeindruckt von denWolkenkratzern, die wie riesige Säulen in den Himmel ragen und mir etwas wie einen Schutz vor dem Unbekannten geben. Heute wirken sie wie Richter, die bedrohlich auf mich herabsehen. Ich senke rasch den Blick.
In der Schule ziehe ich meine Kapuze ins Gesicht und meine Narben verstecke ich unter einem extra langen Pullover, trotzdem spüre ich die Blicke der Klassenkameraden wie Messerstiche in meinem Rücken. Niemand wagt es, mich anzusprechen. Es ist auch besser so. Ich höre den Lehrern nicht zu und reagiere kaum auf meine Umgebung. Ich fühle mich wie in einem Traum, unwirklich und fern der Realität. Das Gelächter und Geplapper prallen dumpf an mir ab und als ich wieder zu Hause bin, kann ich mich nicht mehr an den Unterricht erinnern. Kaum in der Wohnung angekommen nervt mich Dad mit seinen Fragen.
»Wie war es in der Schule? Hast du Hunger?«
Ich ignoriere ihn und schleppe mich in mein Zimmer. Mein Gesicht gräbt sich in das Kissen, als ich mich auf das Bett werfe. Es hat doch eh keinen Sinn.
Hässliche Versagerin. Stirb doch einfach.
Seit Monaten treibe ich nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche. Nicht ertrunken, aber auch nicht richtig am Leben. Als sie gegangen war, wurde der Schlaf wie eine dunkle Höhle, in der das Monster nur darauf wartete, herauszuspringen und mich zu verschlingen. Nachdem ich meine Mutter verloren habe, ist meine Welt, meine ganze Existenz zerbrochen. Jede Nacht sehe ich ihr entstelltes Gesicht. Jede Nacht wache ich schreiend auf. Die Realität verschwimmt mit meinen Albträumen und ich finde keinen Ausweg aus diesem Kerker der kalten Verzweiflung. Kaum schließe ich die Augen, schon sehe ich ihr grotesk wirkendes Gesicht.
Schreiend schrecke ich hoch. Mein spärlich eingerichtetesZimmer ist fast dunkel, nur das schwache Licht der Straßenlaternen dringt hinein und kalte Luft weht durch das offene Fenster. Benommen stehe ich auf und schließe es. Mein Blick wandert durch die hell erleuchtete Straße. Das Leben hier pulsiert Tag und Nacht, wie das Blut, das noch durch meine Adern fließt. Es ist falsch, dass ich hier stehen darf, ohne meine Schuld begleichen zu können. Ich kneife mir in den Arm, mir dessen bewusst, dass ich am Leben bin und meine Mom nicht und lege mich weinend ins Bett.
Lautes Klopfen an der Tür weckt mich. Ich vergrabe mich tiefer in meine Decken. Seit Tagen liege ich im Bett. Mein Kopf ist leer und gleichzeitig voll von diesen unerträglichen Gedanken, die meinen Geist verschlingen. Ich presse das Kissen auf mein Gesicht.
»Jennifer? Jennifer!«
Die Welt draußen bebt, als sich jemand neben mich legt. Etwas Schweres umschlingt meinen Körper, droht mich zu ersticken. Mir fehlt die Kraft, um mich zu wehren. Ein frischer Windzug in meinem Gesicht lässt mich aufsehen.
»Daniel?«
Meine Stimme klingt rau. Mein bester Freund seit dem Kindergarten, mein Seelenverwandter, lächelt mich an und drückt mir ein Glas Wasser in die Hand.
»Hey, Cookie Jen. Ich hab versucht, dich anzurufen und dir hunderte SMS geschickt. Ich kann verstehen, wenn du niemanden sehen willst, aber gib wenigstens mir eine Chance.«
'Cookie Jen' nennt er mich seit der Grundschule, als ich mich eine Woche lang fast nur von den Cookies seiner Mutter ernährt habe. Ich kann dem Blick seiner mandelförmigen Augen nicht standhalten und vergrabe mein Gesicht unter meinem Arm. Er soll einfachverschwinden. Er war der Einzige, der mich immer über Wasser gehalten hat. Aber er kann mich nicht retten. Niemand kann das.
»Kann sein. Ich will alleine sein«, sage ich stumpf und will mir die Decke wieder über den Kopf ziehen.
Es ist mir egal, wenn ich seine Gefühle verletze.
»Ach was! Niemand will allein sein. Du kommst jetzt mit, ohne dich lässt dein Dad mich nämlich nicht die Wohnung verlassen.«
Er zieht mir die Decke weg. Das helle Licht brennt in meinen Augen und nimmt mir die Sicht. Daniel hat das Fenster geöffnet, um die verbrauchte Luft raus zu lassen. Blinzelnd versuche ich, ihn anzustarren. Als ich wieder klar sehen kann, fällt mir sein durchtrainierter Körper auf. Als Kind war er ziemlich dick. Ich war öfters in Prügeleien verwickelt, wenn er mal wieder gemobbt wurde und ich ihn beschützen musste. Davon sieht man jetzt nichts mehr. Sein kurzer Zopf, der die schwarzen Haare zusammenhält, passt perfekt zu seinem kantigen Gesicht und der geraden Nase.
»Guck nicht so. Du kennst deinen Vater. Geh duschen, ich warte im Wohnzimmer auf dich.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, verlässt er mein Zimmer und die Leere breitet sich weiter in meinem Brustkorb aus. Ich schlurfe zum Fenster, um die Vorhänge zuzuziehen, und beobachte das Treiben auf der Straße unter mir. Nicht einmal Atmen hat einen Sinn für mich. Ich kann mich kaum bewegen. Tränen lassen meinen Blick verschwimmen. Ein eisiger Wind weht mir die Haare ins Gesicht.
Die Kufen schleifen über das Eis. Ein Tag vor Weihnachten hat Mom mir meine ersten Schlittschuhe gekauft und wir fahren zum Bryant Park. Der kleine See ist bereits zugefroren und das Eis bildet ein lustiges Musterauf der Wasseroberfläche. Auf wackligen Knien halte ich mich krampfhaft an den Händen meiner Mutter fest, die langsam rückwärts fährt und mich mit sich zieht. Kleine Schneeflocken kitzeln mich auf der Nase. Nach einigen Minuten werde ich mutiger und lasse Moms Hände los. Ich bewege einen Fuß nach dem anderen und nehme langsam Geschwindigkeit auf.
»Guck nach vorne!« ruft Mom mir zu.
Doch zu spät: Weil ich den Blick nur auf meine kleinen Füße richte, sehe ich den Jungen nicht, der plötzlich vor mir auftaucht. Mit wedelnden Armen prallen wir aufeinander und fallen der Länge nach auf das harte Eis.
Kräftige Arme legen sich um meine Schultern. Ich blinzle und nehme Daniels Wärme und den Geruch nach Schokolade wahr. Ich versuche, mich an einen Sommer zu erinnern. Den Geschmack von selbstgemachtem Eis mit Erdbeeren und Schlagsahne auf einer Waffel, die tropfende Schokolade an der Spitze hat. Aber meine Erinnerungen sind grau und ohne Geschmack.
»Komm, wir gehen raus«, flüstert er und zieht mich vom Fenster weg.
Wir sitzen im Madison Square Park und kuscheln uns unter einer Decke aneinander.
»Ich hoffe, du schreibst! Ansonsten komme ich höchstpersönlich vorbei und gebe dir einen Tritt in deinen kleinen Hintern!«
Er grinst mich schief von der Seite an, bemüht, meine düstere Stimmung zu heben. Das Herz sackt mir in die Hose.
»Was meinst du?«
Meine Stimme klingt hohl und ich sehe ihn verständnislos an.
»'Nach deinem Aufführen', wie dein Dad es genannt hat,beschloss er, dass euch beiden ein Neuanfang guttun würde. Er hat sich neue Arbeit und ein Haus in Texas besorgt, 'weit weg von dem Treiben der Großstadt und den Erinnerungen an deine Mom', um es mit seinen Worten zu sagen. Hat er dir das nicht erzählt? Oh verdammt!«, sagt er und starrt mich erschrocken an.
Eine kalte Faust zerquetscht mein Herz und es pocht heftig, um sich dagegen zu wehren. Durch den Nebel meiner Erinnerungen erkenne ich Kartons, die sich in jeder Ecke unserer Wohnung stapeln und Dad, wie er mir sagt, dass ich packen solle. Das Leben außerhalb meines Albtraumes hat doch nicht aufgehört zu existieren, das wird mir jetzt schmerzlich bewusst.
»N-n-nein«, stottere ich.
Meine Wangen glühen und Tränen schießen mir in die Augen.
»Oh sorry! Dann redest du besser gleich mit ihm. Soll ich bleiben und dir dann beim Packen helfen?«, fragt Daniel geschockt und löst seinen Arm von mir, um sich zum Aufstehen zu bewegen.
Ich halte ihn fest und bemerke einen leichten Schnapsgeruch.
»Nein, warte. Lass uns noch hier bleiben. Es ist mir egal, was er vorhat. Hast du getrunken?«, frage ich, um vom Thema abzulenken.
Daniel lässt sich wieder auf die Bank fallen und zieht die Decke enger um uns.
»Nur zwei Schluck, damit mir warm wird. Musst du auch probieren«, sagt er und hält mir seinen Flachmann unter die Nase.
Widerwillig nippe ich einmal kurz, bevor ich mutig einen kräftigen Schluck nehme.
»Urghs! Sowas trinkst du freiwillig?«, frage ich hustend.
»Nimm noch einen, der Zweite ist nur halb so schlimm.«
Als ich die Flasche wieder absetze, dehnt sich eine wohlige Wärme in meinem Körper aus. Wir unterhalten uns über alte Zeiten. Ich weiß, dass er seit der Grundschule in mich verliebt ist, ich aber liebe ihn eher wie einen Bruder, den ich nie hatte. Wir haben viel gemeinsam erlebt. Seine Eltern sind geschieden, seitdem er ein Baby war, und er lebt bei seiner Mutter. Sein Vater ist nie wieder aufgetaucht und niemand spricht je über ihn. Daniel riecht noch immer nach den großen Schoko-Cookies, die sie samstags für uns gebacken hat.
»Wie war es eigentlich mit dieser Hannah? Ihr wart ja nicht sehr lange zusammen«, frage ich ihn.
Hannah war seine erste Freundin. Ich freute mich für ihn, aber schon bald ging mir das Liebespaar auf die Nerven, als ich das fünfte Rad am Wagen wurde.
Wie Gift, das mich langsam innerlich verbrannte.
Schnell nehme ich noch einen Schluck, um das aufkeimende Gefühl zu betäuben.
»Na ja, am Anfang war es ganz cool, weil man ja jetzt dazu gehört, aber nach ein paar Wochen fing sie an zu nerven.«
Daniel rollt mit den Augen, als ich ihn verständnislos anschaue.
»Sie wollte, dass ich mich nur mit ihr treffe, und war total eifersüchtig, vor allem auf dich. Deshalb habe ich mich nicht mehr bei dir gemeldet, weil ich Angst hatte, dass sie Schluss macht. Ich hab aber irgendwann gemerkt, dass sie mir hinterher geschlichen ist, und einmal habe ich sie dabei erwischt, wie sie meine Nachrichten kontrollierte. Total verrückt!«
»Eifersüchtig auf MICH? Bei ihrem tollen Hintern und der super Figur kann ich mir das echt nicht vorstellen. Und ihr Gesicht war ja richtig hübsch«, flüstere ich und bin froh, dass er meine roten Wangennicht sieht.
Ich bin ein Durchschnittstyp. An mir ist nichts Besonderes. Meine Figur ist fast zu dünn, ich schminke mich selten und mache keine Experimente mit den Haaren, so wie die anderen Mädchen auf der Schule.
Daniel schaut mich seltsam an. Seine Mundwinkel zucken leicht.
»DEIN Gesicht ist richtig hübsch.«
»Daniel, bitte ...«
Mir ist echt nicht nach solchen Gesprächen. Zu oft habe ich ihm klar gemacht, dass ich nicht in ihn verknallt bin. Und ausgerechnet jetzt wollte ich das nicht schon wieder durchkauen.
Ich liebe ihn. Aber nicht auf DIE Art.
»Nein, ich meine es ernst.«
Er hält mich fest in seinen Armen, meine Muskeln spannen sich an und mein Puls rast. Ich spüre seine Wange an der meinen und mir wird heiß. Der Schnaps scheint seine Wirkung zu zeigen.
»Ich hatte zwar Gefühle für Hannah, aber ich musste trotzdem immer an dich denken, ich glaube, sie wusste es irgendwie.«
Er neigt leicht den Kopf und sieht mir eindringlich in die Augen.
»Bitte nicht, ich weiß nicht wie ...«
Mein ganzer Körper verkrampft sich und mein Herz springt fast aus meinem Brustkorb.
»Nur dieses eine Mal. Ich ertrage den Gedanken nicht, es nicht wenigstens versucht zu haben.«
Ich fühle mich nackt unter seinem intensiven Blick. Ich senke den Kopf, aber er nimmt mein Kinn und drückt mir ohne Vorwarnung einen Kuss auf den Mund. Er öffnet seine Lippen und atmet schwer. Ich lasse es geschehen und entspanne mich. In diesem Augenblick fühle ich mich geborgen. Sicher. Unsere Zungen berühren sich sanft,meine Anspannung löst sich.
Nein. Nicht gut! Mach ihm keine Hoffnung!
Eine Träne fließt meine Wange hinunter und mein Hals schnürt sich zu. Ich löse mich von ihm und zwinge mir ein nervöses Lachen ab.
»Das war echt nicht nett. Ich meine, du küsst nicht schlecht. Aber es ändert nicht die Meinung über meine Gefühle für dich.«
Ich boxe ihm gegen den Arm und wische mir mit der Decke über die Wange.
»Das habe ich befürchtet. Aber es war den Versuch wert.« Er grinst mich schief von der Seite an, doch es sieht gequält aus.
»Es tut mir wirklich leid. Du schreibst doch trotzdem, oder? Ich bin ganz alleine da unten.«
Der Gedanke, ihn für immer vergrault haben zu können, frisst mich fast auf und ich schaue auf den Boden, um meine feuchten Augen zu verstecken. Er streichelt meine Wange und sieht mich entschuldigend an.
»Mir tut es leid. Ich hab nicht nachgedacht und hoffe, du verzeihst mir.«
Er nimmt mich fest in den Arm und flüstert mir ins Ohr:
»Ich weiß. Es ist okay. Ich will nur, dass du glücklich bist. Wirst! Versprich mir, dass du es versuchst. Mir zuliebe. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber der Schmerz verblasst irgendwann, wenn du es zulässt.«
Er versucht, mich anzulächeln, aber seine Augen sehen mich traurig an. Der Schmerz wird niemals verblassen, geschweige denn, jemals weg sein. Ich habe es verdient, bis in alle Ewigkeit zu leiden.
Aber das verstehst du nicht, Daniel. Niemand versteht es. Du hast ja keine Ahnung, was ich getan habe.
»Du weißt, dass ich es nicht versprechen kann. Aber ich geb mir Mühe. Schreib mir bitte. Schon jetzt halte ich denGedanken nicht aus, ganz alleine da unten in Texas zu sein.«
»Natürlich schreibe ich dir. Vielleicht schicke ich dir jeden Samstag ein paar Cookies von meiner Ma, damit du mich nicht vergisst. Und sobald ich etwas Geld zusammengekratzt habe, komme ich dich besuchen. Versprochen!«
Er nimmt mich fest in die Arme und ich schlucke den Kloß im Hals hinunter.
Es ist schon dunkel, als Daniel mich mit seinem Auto vor meiner Haustür absetzt.
»Lass dich nicht unterkriegen. Wenn ich den Abschluss in ein paar Monaten habe, überrede ich meine Ma, euch besuchen zu kommen. Indianerehrenwort!«
Er streckt zwei gekreuzte Finger in die Luft und zwinkert mir zu. Ich senke den Blick und starre auf meine verschränkten Hände.
»Mach dir wegen mir keine Umstände. Ihr habt doch auch nicht so viel Geld und ein Flug nach Texas kostet mindestens einen ganzen Monatslohn deiner Mutter. Als Friseurin verdient man doch nicht so viel«, antworte ich leise.
Mir dreht sich der Magen um bei dem Gedanken, wenn Megan sich und ihren Sohn nur wegen mir einen Monat lang von trockenem Toast ernähren muss. Ich habe schon genug angerichtet.
»Lass das nur meine Sorge sein, ich hab schon einen Plan«, sagt Daniel und hebt mein Kinn, damit ich ihn ansehe.
Wir sehen uns einige Sekunden schweigend an, bevor er aussteigt und mir die Tür öffnet. Meine Beine fühlen sich wie Blei an und ich bringe nicht die Kraft auf, mich zum Aussteigen zu bewegen. Daniel nimmt meine Hand undhilft mir aus dem Auto. Um meine Tränen zu verstecken, schlinge ich meine Arme um seine Körpermitte und drücke mich an seinen warmen Körper. Ich bin so unendlich froh, dass er mich trotz meiner Abstürze der letzten Monate immer noch liebt und sogar die nicht erwiderten Gefühle meinerseits verkraftet. Das werde ich nie wieder gut machen können.
»Mach´s gut, ich melde mich, wenn wir angekommen sind«, flüstere ich in seine Jacke hinein.
Ich löse mich aus der Umarmung und verschwinde, ohne mich noch einmal umzudrehen, in das dunkle Haus. Als die Tür ins Schloss fällt, kauere ich mich auf die kalten Fliesen im Hausflur und weine meinen Schmerz leise in die Dunkelheit hinein, in der Verzweiflung und Angst ihre hungrigen Augen auf mich richten.
Ich will einfach nur sterben.
Ich reiße mich zusammen und stemme mich hoch. Es ist so finster, dass ich nach dem Lichtschalter tasten muss, und werde schmerzhaft geblendet, als das Licht mit einem lauten KLACK angeht.
Dad sitzt im Wohnzimmer auf der senfgelben Couch und schläft. Ich nehme vorsichtig die halb leere Bierflasche aus seiner Armbeuge und sehe ihn unentschlossen an. Gedankenverloren nippe ich am Bier. Es geht plötzlich alles so schnell. Die letzten Monate verschwimmen in meiner Erinnerung und mir wird jetzt schmerzlich bewusst, dass ich Daniel zum letzten Mal gesehen habe. Benommen schleppe ich mich ins Bad. Das heiße Wasser betäubt das nagende Gefühl, alles falsch zu machen. Erst als meine Haut zu kochen scheint, drehe ich den Hahn zu. Ich greife nach dem Badetuch, das auf den verbrühten Stellen kratzt.
Miststück! Schreckliche Versagerin!
Der Schmerz ist das einzige Gefühl, das mir real erscheint. Ich drücke mein Gesicht in das feuchte Tuch. Versuche, dennagenden Schmerz zu ersticken, darf nicht atmen. Besser ich verschwinde einfach.
Schwerfällig ziehe ich meinen Bademantel an. Ich betrachte mich im beschlagenen Spiegel. Mit einem Finger male ich ein paar Augen und einen schiefen Mund auf mein Spiegelbild.
Ich werfe die wenigen Habseligkeiten achtlos in die Kartons. Dabei fällt mir das blutbefleckte Fotoalbum in die Hände. Es riecht noch immer nach Rauch. Wütend will ich das Ding vor die Wand werfen. Es ist nicht fair, dass mir nur ein paar Bilder von ihr geblieben sind. Alles andere wurde vom Feuer verschlungen. Ich schlage die Seite auf, die ich zuletzt gesehen habe, bevor die Schlaftabletten meine Sinne vernebelten. Dabei fällt ein Blatt Papier auf dem Boden. Ich hebe meinen Abschiedsbrief auf und falte ihn auseinander, die von Tränen verschmierten Worte sind kaum noch erkennbar:
Ich sterbe innerlich.
Jeden Tag.
Spüre eure Nähe nicht.
Spüre mich nicht.
Gar nichts.
Außer dieser unendlich großen Schuld.
Finde nachts keine Ruhe, weil sie mich sogar in meinen
Träumen verfolgt.
Ich will die bittere Pille nicht, die sich Leben nennt.
Will keine Hoffnung, die sowieso nur ins Leere führt.
Kann nur verletzen, egal was ich tue,
wieso es nicht gleich beenden?
Bringe nur Chaos und Unglück.
Der Schmerz hört nicht auf. NIE.
Gebt mir keine Zeit, sie wird nicht reichen.
Mein Herz allein bringt mich um.
Hört auf, zu sprechen.
Hört auf, mich anzusehen.
Plant mich nicht in euer Leben ein.
Es ist so sinnlos.
Ich werde niemals ein Teil davon sein.
Ich sehne mich nach der Stille.
Ihr müsst den Weg ohne mich weiter gehen.
Es tut mir leid.
Unbewusst streicht mein Finger über die Narbe, bis ich die Seite rausreiße und sie zusammen mit dem Brief zerknüllt im Papierkorb landet. Das Album packe ich in meinen Rucksack und ich stapfe ins Wohnzimmer. Dad schläft noch. Mir graut es davor, morgen stundenlang mit ihm im Auto gefangen zu sein. Wir haben seit Wochen nicht mehr miteinander geredet.
Ich ziehe den Bademantel enger um meine Schultern und setze mich neben ihn. Plötzlich packt mich das schlechte Gewissen. Wie muss er sich bloß fühlen? Ich lege meinen Kopf an seine Schulter und lausche seinem Atem, bis meine Lider schwer werden.
Am nächsten Morgen laden wir die restlichen Kartons, die nicht auf den LKW passten, auf den Pick-up. Dad wollte seinen geliebten Wagen nicht verkaufen und deshalb fahren wir die 1500 Meilen nach Texas auf dem Highway. Die Dämmerung kündigt sich bereits mit purpurnen Farben am Himmel zwischen den grauen Wolkenkratzern an.
Erst nach zwei Stunden bricht Dad das Schweigen.
»Hör mal, ich weiß, dass es schwer ist für dich. Aber versuch bitte, nach vorn zu schauen. Ich will nur dein Bestes, deshalb habe ich beschlossen, umzuziehen.«
Ich starre in die Dunkelheit. Die Lichter der vorbeiziehenden Städte verfolgen mich wie kleine gelbe Augen, beobachten jede Regung meines Gesichts, das sich schwach in der Fensterscheibe spiegelt. Mein Blick wirkt leer und ausdruckslos. Ich antworte nicht und nach einiger Zeit fallen mir die Augen zu.
Jeder Atemzug ist wie ein glühendes Eisen in meiner Lunge.
Nur mühsam finde ich den Weg durch das Dickicht. Ein junges Mädchen taucht vor mir auf: kurze, schwarze Haare, graue Augen. Ihr Lächeln zieht mich zu ihr hin, obwohl hinter ihr die Welt in einem tosenden Unwetter untergeht. Im Augenwinkel nehme ich ein Leuchten wahr und als ich mich zur Seite drehe, erkenne ich nur verschwommen menschliche Umrisse, die nach mir zu rufen scheinen.
Dennoch wandert mein Blick wieder zu dem Mädchen.
Eine unsichtbare Kraft treibt mich voran. Die Schmerzenin meiner Brust sind jetzt fast unerträglich, ich bekomme Panik, dass ich ersticke. Aber ich kann mich nicht wehren. Heftige Übelkeit überkommt mich, als die Unbekannte ihre Arme hebt und mich an sich drücken will. Donnernd prasseln Regen und Blitze auf den Boden und ein kalter Schauer fährt mir über die Haut. Ich starre in das Gesicht mit den leeren Augen. Sie öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch plötzlich wird sie von einem hellen Licht geblendet, das hinter mir aufleuchtet und mir beinahe den Rücken verbrennt.
Ich drehe mich um, und ...
Lautes Hupen reißt mich aus meinem unruhigen Schlaf.
»Wo sind wir?«, frage ich Dad und massiere mir den Nacken.
Ich bin total verspannt. Trotz des wolkenverhangenen Himmels muss ich ein paar Mal blinzeln, bis sich meine Augen an das Licht gewöhnt haben.
»Wir kommen gleich in Nashville an. Dort suchen wir uns eine Unterkunft und ruhen uns aus.«
Er scheint schon einige Stunden am Stück gefahren zu sein, dunkle Ringe zeichnen sich unter seinen Augen ab und die Falten sind tiefer geworden. Trotz der kurzen Zwischenstopps bin ich ausgelaugt und will nur noch ein Bett. Nachdem Dad spontan eine Abfahrt nimmt, finden wir ein Motel. Wir checken ein und ich stürze sofort in das kleine Bad, um mich frisch zu machen. Das Wasser prasselt eiskalt aus der Dusche auf meine Haut. Ich schließe die Augen und schlinge die Arme um meinen Körper.
»Schatz, hast du meine rosafarbene Bluse gesehen?«
Mom kommt aus dem Schlafzimmer, etwas hektisch, weil sie ein wichtiges Treffen mit einem ihrer Sponsoren hat, aber trotzdem perfekt gestylt wie immer. Meine Wangenwerden heiß.
»Ähm ... Ist sie nicht in der Wäsche?«, frage ich sie.
»Nein, das letzte Mal, dass ich sie anhatte, war im Januar auf Christines Hochzeit. Oder hast du sie dir wieder ausgeliehen? Du weißt doch, dass du mich immer erst fragen musst!«
Sie läuft in mein Zimmer, das nur wenige Schritte von ihrem Schlafzimmer entfernt liegt. Ich will ihr etwas zurufen, doch zu spät, sie ist schon an meinem Schrank und öffnet die Schubladen, in der sich die gesuchte Bluse befindet.
Oh nein.
»Was ...«
»Mom, ich kann dir das erklären!«
»Wieso ist da ein Brandloch?! Hast du etwa geraucht?
Und warum riecht das nach Männerparfüm? Ich sage dir, diese 'Freunde', mit denen Daniel neuerdings rumhängt, sind kein guter Umgang für dich!«
Sie stemmt ihre Hände in die Hüften.
»Ich habe nicht geraucht! Und Daniel ist nicht wie die anderen Jungs!«
Mom schaut mich böse an, fast schon enttäuscht und es tut wie immer weh, wenn sie mich so ansieht.
»Ich verbiete dir, dich jemals wieder mit ihm zu treffen!«
»Nein, ich ...«
»Tut mir leid, aber ich muss los«, sagt sie vorwurfsvoll und ohne mich noch einmal anzusehen, stürmt sie aus dem Zimmer.
Die Erinnerung kommt mit einer brutalen Wucht. Hastig drehe ich das Wasser zu und stolpere aus der Duschkabine. Meine Beine zittern und ich muss mich konzentrieren, um nicht zusammenzubrechen. Ich will, dass es aufhört, und schlage mir mit der flachen Hand gegen die Schläfe. Es istnur eine Illusion, eine falsche Erinnerung aus meinem kranken Kopf. Das rede ich mir seit Monaten ein. Aber es ist die bittere Realität.
Ich habe sie getötet. Bringe mich besser um.
Hastig krame ich das Fotoalbum aus meinem Rucksack, um das Bild loszuwerden, und setze mich auf das Bett. Ich sitze direkt meinem Spiegelbild gegenüber, das über der Kommode hängt. Ein bleiches, schmales Mädchen sieht mich mit verquollenen Augen an. Meine nassen langen Haare kleben an meinen Kopf, was meine grünen Augen größer erscheinen lässt, und ich drehe mich weg. Ich lege mich hin und ziehe mir die Decke über den Kopf.
Die Tür knarzt und ich gucke durch den Spalt aus meiner Höhle. Dad kommt in den winzigen Raum mit einer Tüte aus dem Schnellrestaurant.
»Iss etwas. Ich habe dir extra Käse auf deinen Burger legen lassen«, sagt Dad und hält mir aufmunternd das Päckchen unter die Nase.
Ich setze mich auf und nehme den verpackten Burger, ohne Anstalten zu machen, ihn auszupacken. Ich sehe meinen Vater zum ersten Mal seit Monaten richtig an. Er sitzt gebeugt auf der Bettkante, erschöpft und um Jahre gealtert.
»Danke, Dad. Und entschuldige, dass ich dir nicht zugehört habe«, sage ich mit kratziger Stimme und muss schlucken.
Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich mit meinem eigenen Vater reden soll.
»Schon gut. Vergessen wir das. Jetzt iss, wir legen uns gleich schlafen und dann geht es morgen weiter.«
Er dreht mir den Rücken zu und schaltet den Röhrenfernseher ein, der erst nach einigen Sekunden flackernd angeht.
Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen, eigentlichhabe ich keinen Hunger. Trotzdem beiße ich in den Burger und schlinge ihn hinunter, ich muss mich zusammenreißen. Für Dad. Er gibt sich so viel Mühe und ich nichtsnutziges Ding jammere nur 'rum, obwohl er es schwer genug hat. Nach dem Essen lege ich mich ins Bett. In dieser Nacht sucht mich der Albtraum wieder heim.
Nackte Äste schlagen mir ins Gesicht. Meine Füße verheddern sich in Baumwurzeln und nasses Laub sticht durch meine blanken Fußsohlen. Um mich herum herrscht Dunkelheit, nur ein blutroter Mond taucht den Wald in ein unheimliches Licht wie in einer Dunkelkammer. In weiter Ferne höre ich das Knistern eines Feuers und schon bald leuchten die Flammen durch die Bäume. Meine Beine bewegen sich, aber ich trete auf der Stelle. Der rauchgeschwängerte Wind weht mir um die Ohren und ein hysterisches Lachen ertönt in der düsteren Nacht. Ich drehe mich panisch um meine eigene Achse, unfähig zu atmen. Der Qualm brennt in meiner Lunge, das Feuer scheint aus allen Richtungen zu kommen. Eine dunkle Gestalt steht zwischen zwei toten Fichten. Ihre langen Haare stehen in Flammen, dennoch zeigt sie mit dem Finger auf mich und lacht unaufhörlich. Mit langsamen Schritten geht sie auf mich zu. Ich will einen Schritt rückwärts machen, aber etwas hält mich an der Stelle. Ich blicke nach unten und sehe, wie sich dornige Wurzeln um meine Knöchel schlängeln. Als ich meinen Blick wieder aufrichte, steht Mom nur wenige Zentimeter vor mir, ihre blitzenden Zähne gefletscht und mit Schaum vor dem Mund. Sie reißt ihren hässlichen Mund zu einem Schrei auf und ...
Mich weckt der Schrei eines Kindes. Benommen richte ich mich auf und schüttle die Traumschwaden aus meinenGedanken. Eine Männerstimme schimpft und eine Frau redet beschwichtigend auf ihren Mann ein.
Es ist genauso wie bei uns damals.
Dad und ich lieben uns, aber er ist streng, wohingegen meine Mom viel durchgehen lassen hat und nicht immer sehr konsequent war. Dafür liebe ... liebte ich sie.
Wie es wohl im neuen Haus ist?
Dad sagte, es wäre über 100 Jahre alt.
Auch noch eine Bruchbude.
Er will dort in einer Fabrik arbeiten gehen. Eigentlich ist er Musiker, spielt in kleineren Pubs und Bars auf dem Piano selbstkomponierte Lieder, zu denen ich nicht selten einen Songtext geschrieben habe. Ich vermisse die gemeinsamen Auftritte. Seit Mom fort ist, schreit die Stille der Wohnung förmlich nach der Musik. Dad sitzt nachts einsam an seinem Klavier, aber der wichtigste Teil seiner Seele ist zerbrochen und sein Herz bringt keinen Ton mehr heraus.
Nach einem schnellen Frühstück sitzen wir wieder im Pick-up auf der Interstate 40. Noch elf Stunden, bis wir die neue Heimat erreichen. Als ob es irgendetwas ändern würde. Die Schuld frisst sich von innen nach außen. Es gibt kein Entkommen.
»Wieso ausgerechnet Texas?«, frage ich, als ich keine Lust mehr habe in die vorbeiziehende Landschaft zu starren.
Seine Mundwinkel zucken.
»Wie du weißt, sind deine Mom und ich oft gereist. Wir hatten in den letzten Semesterferien all unser Erspartes zusammengekratzt und hatten eine Tour quer durch die USA geplant. In der zweiten Woche waren wir in Texas angekommen.«
Er atmet tief ein und wieder aus. Ich glaube, wir haben nie über Mom gesprochen, seit sie gegangen ist. Ich mache Anstalten, seine Hand zu berühren, lasse meinen Arm aberrasch wieder sinken.
»Sie wollte am liebsten auf dieser Ranch bleiben. Wir hätten sogar wenig später dort eine Wohnung gefunden, aber ihr Kunststudium neigte sich dem Ende zu und sie hatte schon eine Galerie gefunden, die sie unter Vertrag nehmen wollte, so mussten wir noch ein paar Jahre warten.«
