beziehungs:weise - Miriam Weinert - E-Book

beziehungs:weise E-Book

Miriam Weinert

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Beschreibung

Beziehungs:weise - Kurzgeschichten Erzählungen von Menschen und ihren Beziehungen: Da ist der Mann, den ein Seidenschal in den Abgrund zieht. Eine Frau, die vom Leben auf dem Land träumt und in einen Albtraum gerät. Ein Sternenkind, das sich auf den Weg macht. Ein Vater, der den Sinn nicht mehr findet. Eine Liebe, die jeden Tag neu erkämpft werden muss. Ein Abschied, der zum Neubeginn wird.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Miriam Weinert TRAUMFRAU

Monika Aigner DIE RÜCKKEHR

Melanie Nitzlnader WIESENDUFT

Miriam Weinert DAS TATTOO

AnnMarie Ott DIE ZEIT HEILT KEINE WUNDEN

Melanie Nitzlnader ALLES NUR EIN TRAUM

Miriam Weinert KENNEN SIE DIE LIEBE?

Monika Aigner ZWISCHEN MAUERN

AnnMarie Ott DAS HAUS AUF DEM LAND

Miriam Weinert LAURA UND MARCEL

Melanie Nitzlnader GLASSPLITTER

Monika Aigner GUTEN ABEND, GUT` NACHT

Monika Aigner DER SEIDENSCHAL

Miriam Weinert DER KANISTER

Miriam Weinert DER EINTOPF

Miriam Weinert MUT KANN MAN NICHT KAUFEN

DIE AUTORINNEN STELLEN SICH VOR

Die Leidenschaft für das Schreiben, führte sie zusammen: Melanie Nitzlnader, AnnMarie Ott, Monika Aigner und Miriam Weinert. Aus den Jahren des gemeinsamen Schaffens entstand ein spannendes Erstlingswerk. Sie führen ihre Leser:innen an unterschiedliche Schauplätze und Stationen im Leben ihrer ambivalenten Protagonist:innen, verwoben mit aktuell gesellschaftlichen Geschehnissen. AnnMarie Ott trägt Schicht um Schicht ab, um zu erschreckenden Erkenntnissen zu gelangen. Monika Aigner lässt idyllisch anmuten, jedoch kommt es anders als angenommen. Melanie Nitzlnader taucht tief in die Tristesse und Trostlosigkeit hinab, aber nicht um Perlen zu finden, sondern um eine düstere Wahrheit ans Licht zu bringen. Miriam Weinert begegnet den Leser:innen mitunter augenzwinkernd und mit einer feinen Prise Humor. Mutig legen sie mit ihren Kurzgeschichten den Finger in die Wunden, die zwischenmenschliche Beziehungen mit sich bringen. Sei es durch den Verlust eines geliebten Menschen, das Ende einer Beziehung oder den fehlenden Bezug zu Heimat und Familie.

Miriam Weinert

TRAUMFRAU

„Dass ich meine Traumfrau mal wieder sehen darf!“

Unsere seltenen Begegnungen begannen zumeist mit solch frechen Sprüchen. Es lag stets bewusst ein großer zeitlicher Abstand zwischen unseren Treffen. Ich freute mich, ihn zu sehen. Sogar eine gewisse Nervosität spürte ich in mir.

Es gab so viel zu erzählen. Wie es einem ging, was aus den ehemaligen Kolleginnen geworden war, was man so machte. Der Spaziergang kam mir kurz vor. Die Uhr sprach etwas anderes.

Im Restaurant bekamen wir einen schönen Tisch mit Ausblick über die Stadt. Er erzählte, wie es mit seiner Firma lief, wie er zu seinem neuen Auto gekommen war und wie es gemeinsamen Bekannten erging. Ich hörte ihm interessiert zu, stellte jedoch fest, dass er nichts von einer Frau in seinem Leben erwähnte.

Als ich ihn kennengelernt hatte, hatte er volles schwarzes Haar. Nun saß vor mir ein humorvoller, gut aussehender Mann mit ergrautem Haar. Ich zog ihn deswegen ein wenig auf, und fragte ihn, ob ihm die Haarfarbe ausgegangen sei. Unsere raren Treffen waren herzlich und eine willkommene Abwechslung.

„Und was ist mit einer Partnerin für dich, gibt es da eine Anwärterin?“, fragte ich beiläufig nach. Mittlerweile saßen wir vor unseren appetitlich angerichteten Tellern und vollen Gläsern. Wir ließen es uns schmecken.

Sorgsam kaute er einen Bissen Fleisch. Ich fand es witzig, dass er mir gegenüber, und außerhalb seines gewohnten Umfelds, seine Manieren zum Besten gab. Früher zeigte er keine. Vielleicht wollte er aber auch nur Zeit schinden für eine Antwort, die mich nicht weiter nachforschen ließe.

„Es gab Frauen. Immer wieder mal. Aber …“ Er schob sich den nächsten Bissen in den Mund.

Ich beschloss, nicht weiter nachzufragen, weil es mich eigentlich nichts anging, und widmete mich wieder meiner Pasta.

„... meine Traumfrau sitzt mir gerade gegenüber. Der Zug ist abgefahren.“

Ich verschluckte mich an einer Bandnudel und musste mit Weißwein nachspülen.

Er klopfte erschrocken, aber geistesgegenwärtig auf meinen Rücken.

„Bitte sag mir, dass das einer deiner Scherze ist!“ Mehr brachte ich nach der Todesnudel nicht heraus.

Er aß unbeeindruckt weiter. Schnitt sein rosa gebratenes Steak mit geschmeidigen Messerbewegungen in mundgroße Stücke, legte ein wenig Gemüse auf die Gabel und schob alles genussvoll in seinen Mund.

Mir war der Appetit vergangen. Es herrschte peinliches Schweigen. So fühlte es sich also an, wenn man jemandem das Herz brechen musste. Nach all den Jahren.

„Die Traumfrau hat ihren Traummann schon gefunden“ sagte er, nachdem er lang nachgedacht hatte.

„Es tut mir leid, dass du dir Hoffnungen gemacht hast.“ Ich versuchte, die unangenehme Situation zu überbrücken.

„Eines würde ich gerne noch wissen, wo wir gerade so nett beieinandersitzen“, sagte er.

Ich bedeutete ihm, dass ich antworten würde.

„Hast du es jemals in Betracht gezogen?“, begann er.

„Ich verstehe nicht ganz. Was meinst du?“

„Na, du und ich. Zusammen?“

Ich lehnte mich mit meinem Glas Wein zurück. Nun ließ ich mir Zeit für die Antwort. Beäugte den hellgelben Weißwein. In den Lichtreflexionen schien sich meine Vergangenheit zu wiegen, darin tauchte er als eine Erinnerung von vielen auf. Keine Sehnsucht. Nicht dorthin zurück und nicht nach ihm. Er hatte es nie geschafft in mein Inneres zu blicken, geschweige denn zu meinem Herzen vorzudringen. Mein Herz blieb unbeirrt, vielleicht weil ich die Nähe nicht zuließ und insgeheim wusste, dass er nicht der Richtige war. Mit genau dieser kühlen Art verdrehte ich ihm wohl den Kopf. Ich war jung und probierte meine weiblichen Reize aus. Verführte und wurde verführt. Wickelte um den Finger, und so manche Verwicklung machte mir mein Leben angenehmer, oder auch nicht. Es war ein freizügiges Leben gewesen, das ich genossen hatte.

Ich stellte mein Glas vorsichtig zurück auf die weiße Tischdecke.

„Nein. Es gab nie ein Zusammen für mich. Und ich habe auch nicht darüber nachgedacht.“ Weil ich die Situation wieder einigermaßen erträglich machen wollte, fügte ich frech hinzu: „Du solltest dir endlich eine Frau in deiner Welt suchen.“

Er setzte sein mir vertrautes Lächeln wieder auf, begann Witze zu reißen und wir lachten. Später, als ich ihn zu seinem Auto begleitete, schlug er vor, ich sollte ihn einmal besuchen. Ich sagte zu und wusste doch, dass ich es nie tun würde.

Monika Aigner

DIE RÜCKKEHR

Rechnungen, Informationen eines Reiseveranstalters, Prospekte über Prozenttage im Möbelhaus. Genervt sieht Walter die Post durch. Jeden Tag derselbe Mist. Er sortiert die Werbung ungelesen aus und beginnt, die an ihn persönlich adressierten Nachrichten zu öffnen. Da bleibt sein Blick irritiert an einem Kuvert haften. Blütenweiß, ein schmaler schwarzer Rand und die Anschrift mit der Hand geschrieben. Er dreht den Brief um, doch es steht kein Absender darauf. Mit einem mulmigen Gefühl betrachtet er das Schriftstück, greift nach dem Brieföffner und schlitzt den Umschlag auf. Ein kleiner Zettel flattert ihm entgegen:

Deine Tante Emma ist gestorben. Das Begräbnis ist am 17. Juni um 15 Uhr. Dein Cousin Herbert

Ach du meine Güte, Post aus der Heimat! Das ist wie Post aus dem Jenseits.

Walter liest die wenigen Zeilen noch einmal: 17. Juni … das heutige Datum. Wenn er bei dem Begräbnis dabei sein möchte, muss er sich rasch entscheiden. Will er das? Walter kratzt sich am Kinn. Ins Bad müsste er, einen Zug raussuchen, ein paar Termine absagen. Würde sich alles ausgehen, wenn auch knapp.

Wie lang ist er nicht mehr im Dorf seiner Kindheit gewesen? Das müssen mindestens dreißig Jahre sein. Ist Herbert nicht der, der Briefträger geworden ist? Oder ist Erwin der Briefträger und Herbert der vom Gemischtwarenladen? Beide sind Söhne seines Onkels väterlicherseits. Walter konnte sie als Kind nicht besonders gut leiden. Sie waren immer im Doppelpack unterwegs und ließen keinen Raum für andere.

Walter selbst ist das einzige Kind seiner Eltern. Manchmal hat er sich einen Bruder gewünscht, um mit ihm Spaß zu haben und nicht nur von den stets überarbeiteten Erwachsenen umgeben zu sein. Viel Zeit, um Freundschaften zu schließen, Fußball zu spielen, im Wald herumzustreunen oder Baumhäuser zu bauen, hatten sie früher aber alle nicht. Ihre Eltern waren einfache, ärmliche Bauern und der Nachwuchs wurde schon von klein auf im bäuerlichen Betrieb heftig eingespannt. Allein der Gedanke an Kartoffelklauben bereitet Walter heute noch Rückenschmerzen. Die Holzarbeiten im Wald waren für einen kleinen, schmächtigen Jungen überfordernd, oft schmerzten seine Glieder so sehr, dass er nächtelang trotz der Erschöpfung kaum schlafen konnte.

Walter wirft einen Blick in den Umschlag. Ein mehrmals gefaltetes Blatt Papier befindet sich darin. Walter zieht es heraus, faltet es auseinander und erkennt, dass es sich um die Todesanzeige der Emma Keilwurz handelt. Er überfliegt den Text: In tiefer Trauer … unvergessen … unermüdliche Hände … in Dankbarkeit … nehmen wir Abschied von Emma Keilwurz … Die üblichen Floskeln, die nichts über Verstorbene aussagen, ihnen die Persönlichkeit rauben und sie in die Anonymität schicken.

Aus diesen nichtssagenden Satzfetzen kann Walter nicht herauslesen, wer denn nun diese Emma Keilwurz war. Er fährt sich mit gespreizten Fingern durch die schon etwas schütteren dunklen Locken. Er legt das Blatt zusammen, faltet es wieder auseinander, betrachtet es noch einmal. Langsam steigen Bilder in ihm auf, zuerst schemenhaft, dann nehmen sie Konturen und Farben an. Tante Emma, eine der Schwestern seiner Mutter … Aber welche?

Da hat es zwei Frauen gegeben, die mit ihm und seinen Eltern in einem Haushalt gelebt haben: Emma und Elsa. Nicht nur ihre Namen ähnelten sich, auch ihr Aussehen, ihre Gestik und ihr Gang. Sie trugen immer weite dunkle Blusen und lange Röcke. Die Haare waren zu einem Zopf geflochten und kreisförmig hochgesteckt. Beide, unverheiratet und kinderlos, waren seit jeher auf dem Hof gewesen, kümmerten sich um den Haushalt und das Vieh. Jeden Abend saßen die Tanten, tief über ihr Strickzeug gebeugt, am großen Eichentisch in der Wohnküche beisammen. Dabei murmelten sie immer irgendwelchen Tratsch vor sich hin. Alle Vorkommnisse im Dorf wurden kommentiert.

„Der Oberwalder hat eine neue Kuh.“

„Der hat Geld!“

„Die Gruber Zenzi ist schwanger, wer weiß von wem.“

„Na, vom Bauern.“

„Glaubst?“

„Der Sauhund hängt doch einer jeden ein ledig’s Kind an.“

„Jo, eh.“

So oder so ähnlich verliefen die abendlichen Gespräche der beiden Frauen, bis sie ihr Strickzeug einrollten, in einem Korb verstauten, „Gute Nacht“ murmelten und in ihre gemeinsame Schlafkammer schlurften.

Nur am Samstagabend durften die Stricknadeln ruhen. Da glitten die abgegriffenen Perlen des Rosenkranzes durch die Hände der Frauen. Das rhythmische Gesäusel wirkte auf Walter einschläfernd. „Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnade …“ Bereits nach den ersten Sätzen fielen ihm die Augen zu. Die Mutter stand meist am Ofen und rührte im Maisgrieß oder im Eintopf für den nächsten Tag, der Vater döste im abgewetzten Lehnstuhl vor sich hin.

Ein äußeres Unterscheidungsmerkmal gab es bei den Tanten jedoch: das Doppelkinn. Bei einer war es nur eine Falte, wenn sie den Kopf senkte, bei der anderen schoben sich drei Wülste zusammen. Doch welche ist nun gestorben, die Einfaltigkeit oder die Dreifaltigkeit?

Walter schmunzelt über sein Wortspiel. Einfältigkeit könnte er die eine der Tanten auch nennen. Sie war zwar immer fleißig, war vom Hof nicht wegzudenken, das weiß Walter heute. Doch die harten Arbeitsjahre, ein Leben ohne Mann und Kinder, ohne eigenes Heim, immer auf die Almosen von Schwester und Schwager angewiesen, hatten sie verbittert gemacht. Viel warf der Hof nicht ab und Walters Vater ließ sie spüren, dass sie nur geduldet waren.

Ihre keifende Stimme schrillt noch in Walters Ohren, wenn sie ihn in den Stall schickte, um bei den Schweinen auszumisten oder die Hühner zu füttern. Er konnte weder die grunzenden, furzenden Schweine leiden, die sich im eigenen Dreck suhlten und deren Gestank ihn schwindlig machte, noch das gackernde Federvieh. Nur die kleinen Ferkelchen gefielen ihm, doch die waren für den Verkauf bestimmt.

Die Einfältige hatte kein Verständnis für diesen jungen Buben, der auch etwas Zeit für sich gebraucht hätte, ein wenig Zuwendung, ab und zu eine Streicheleinheit. Sie sah ihn nur als unzulängliche Hilfskraft, als Esser, der sich sein Essen nicht richtig verdiente. Die Tante machte ihn bei jeder Gelegenheit bei den Eltern schlecht. Wenn er versuchte, sich dagegen aufzulehnen, setzte es eine Ohrfeige von Vater oder Mutter dazu.

„Er hat schon wieder die Stalltür offengelassen!“

„Aber ich hab sie doch …“

Klatsch.

„Das Holz ist schief aufgeschlichtet!“

„Ich wollte nachher noch …“

Klatsch.

Nachdenklich reibt sich Walter die Wange. Wie oft hat ihn die Verbitterung dieser Frau getroffen, ihn als schwächstes Glied in der Kette der Hofhierarchie?

Wie kann es sein, dass die Tanten so verschieden waren? Im Gegensatz zur Einfaltigkeit war die Dreifaltigkeit gütig und leise. Sie arbeitete nicht weniger hart, war vor allem für die Wäsche und die Speisekammer verantwortlich. Sie rubbelte die Wäschestücke im Zuber sauber, bis ihre Hände rot und rissig waren, hängte alles hinter dem Hof in den Wind und plättete die Stücke anschließend, mit dicken Schweißperlen auf der Stirn. Vom Frühjahr bis zum Herbst kochte sie Früchte ein, Kraut, rote Rüben aber auch süßes Apfelmus und Marmelade. Sie klagte nie, wurde nie laut und wenn Walter sie bei ihrer Arbeit aufsuchte, strich sie ihm liebevoll übers Haar und steckte ihm manchmal ein Stück Schokolade oder ein Gläschen köstlicher Himbeermarmelade zu. Sie stellte sich nie offen hinter Walter, wenn dieser grob oder ungerecht behandelt wurde. Doch ihre heimlichen Liebesbeweise machten das für ihn wett. Er fühlte sich bei ihr geborgen und geliebt.

In der Schürzentasche verwahrte sie immer ein Fläschchen, aus dem sie in unbeobachteten Momenten einen Schluck nahm. Es war eine klare Flüssigkeit und ihr Atem roch danach ein wenig scharf.

„Was ist in deinem Fläschchen, Tante? Darf ich kosten?“

„Nein, Bub, das ist Medizin. Die tut meinem Herzen gut.“

Seither erinnert ihn der Geruch eines Obstlers oder eines anderen klaren Schnapses an die heilsame Medizin seiner Tante.

Nachdenklich beschäftigt sich Walter nochmals mit den Zeilen des Briefes.

Leider gibt es keinen Hinweis darauf, um welche der beiden Tanten es sich handelt. Für die böse würde er die überstürzte Reise nicht auf sich nehmen. Oder doch? Nur um sie in der Grube verschwinden zu sehen? Der guten würde er gern die letzte Ehre erweisen. Sie war das Licht in seiner dunklen Kindheit und er würde sich seine Abwesenheit nicht verzeihen.

Walter hat das Gefühl, zwei Stimmen in seinem Kopf wahrzunehmen. Ein Hin und Her aus Pfeif-darauf-und-bleib-zu-Hause und Natürlich-wirst-du-fahren.

Wofür willst du in dieses gottverlassene Nest fahren? Zu den einfältigen, starrsinnigen Bauern?

Du solltest zu diesem Begräbnis fahren.

Nein, das zahlt sich nicht aus, was willst du denn dort?

Die gute Tante hat dich geliebt. Wenn sie gestorben ist, gehört es sich, ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Nein, zünd eine Kerze zu Hause an und gut ist’s.

Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, der anderen, der Bösen, noch eins auszuwischen. So vor allen Leuten. Das wäre doch ein gutes Gefühl, nach all ihren Boshaftigkeiten, die sie dir angetan hat.

Du magst die Leute nicht und sie mögen dich nicht. Und die böse Alte kapiert sowieso nichts, was auch immer du sagst.

Walters Magen macht sich knurrend bemerkbar und lenkt ihn von den inneren Stimmen ab. Er beschließt, sich ein schnelles Frühstück zuzubereiten und die Sachlage noch kurz zu überdenken.

Halbwegs satt lehnt er sich etwas später zurück. Er hat genug von seiner eigenen Unentschlossenheit und beschließt, zum Begräbnis der Tante in das Dorf seiner Kindheit zu fahren. In seinem Inneren gelangt er immer mehr zur Überzeugung, es würde sich bei der Verstorbenen um die gute Tante handeln. Vielleicht, weil er das Gefühl hat, dass Boshaftigkeit zäher ist als Gutmütigkeit, vielleicht auch, weil es heißt: Die Guten gehen zuerst.

Kurz macht sich Walter Gedanken über die Auswahl der dem Anlass entsprechenden Kleidung. Er besitzt keinen Trachtenanzug, das Tragen einer Tracht verweigert er seit seiner Kindheit. Er entscheidet sich für einen dunkelblauen Blazer und dunkle Jeans, auffallen wird er in der Trauergesellschaft ohnehin.

Kurz nach zehn Uhr sitzt Walter bereits im Zug. Das gleichmäßige Rattern macht ihn schläfrig und er gibt sich Tagträumereien hin. An seinem in die Ferne schweifenden Blick zieht die Landschaft vorbei: Wälder, Maisfelder, Kühe, ab und zu ein Dorf, ein kleiner Weiler, eine Kirche auf einem Hügel. Er lässt seine Gedanken ziehen, bis sie sich in der Vergangenheit verfangen.

Das Aufwachsen auf dem Bauernhof in dem kleinen Dorf hat sich in allem von den kitschigen Filmen über das Leben auf dem Land oder von den bunten Hochglanzprospekten unterschieden, die Urlaub auf dem Bauernhof anpreisen. Wie Blitzeinschläge sieht er die Hand des Vaters auf ihn herniederfahren und er hört die keifende Stimme der Mutter. Er spürt seine müden Gliedmaßen, wenn die Arbeit im Stall schon weit vor Schulbeginn zu erledigen war. Im Blick zurück scheint ihm, er sei immer schmutzig und rotzig gewesen. Auch der Geruch von Schweinemist und Hühnerdreck haftete an ihm wie Kleister und steigt ihm in der Erinnerung stechend in die Nase.

Jeden Samstagabend wurde Walter im großen Holzzuber in der Küche eingeweicht und geschrubbt, damit er der Familie am Sonntag beim Kirchgang keine Schande machte. Dieser religiöse Eifer, der starrsinnige Glaube, der strafende Gott, den der Pfarrer von der Kanzel herab beschwor, machten ihm Angst. Er war immer froh, wenn die Messe vorbei war.

Die Schule war für ihn die Zeit der Erholung, denn in den Ferien, vor allem in den Sommerferien, wartete Arbeit im Stall, auf den Feldern und auf dem Hof. Manchmal gelang es ihm, sich im Wald oder in einer der Scheunen zu verstecken, doch wenn er wieder auftauchte, erwartete ihn häufig eine Tracht Prügel. Walter erkannte schon bald, dass die Schule für ihn nicht nur eine Form der Freiheit bedeutete, sondern dass sie auch der Schlüssel zum Verlassen des Dorfes war. Der Dorflehrer sorgte dafür, dass Walter, gegen den Willen der Eltern, ein Stipendium für die höhere Schule und für ein Internat in der Stadt bekam.

Dort war er zwar all die Jahre Außenseiter – die meisten seiner Mitschüler waren städtisch, gut angezogen, redegewandt und wussten von Dingen, die ihm, dem Dörfler, völlig fremd waren. Doch das störte ihn nicht. Er war glücklich über sein winziges Zimmer, das saubere Bett, die Ruhe in der Bibliothek. Vor allem aber liebte er den Unterricht. Er saugte den Stoff, der ihm dargeboten wurde, in sich auf, hatte in den meisten Fächern gute Noten, musste sich bei den Fremdsprachen ein wenig plagen, glänzte dafür in Mathematik und Kunst.

Walter war zwar ruhig und fleißig, galt aber dennoch nicht als Streber. Er half seinen Kollegen geduldig bei den Vorbereitungen auf Prüfungen und Schularbeiten. „Super, jetzt versteh ich’s! Du erklärst es besser als der Lehrer!“ Solche und ähnliche Komplimente stärkten Walter. Als Dank für seine Hilfe wurde er auch manchmal in ein Kaffeehaus oder in einen Biergarten mitgenommen.

Nur in den Weihnachtsferien kehrte er ins Dorf zurück. Während sein Leben in der Stadt so viel Neues brachte und ihn immer wieder in Staunen versetzen konnte, schien im Dorf alles stillzustehen. Beim Kirchgang, daheim in der Stube mit den dunklen Deckenbalken und der Mischung aus Weihrauch- und Schnapsgeruch, beim Räuchern im Stall, bei diesen alten Ritualen, schien es ihm, als würde er keine Luft bekommen, sein Hals schnürte sich zu, der Felsen auf seiner Brust nahm ihm den Atem.

„Ist sich der Herr Student eh nicht zu fein zum Stallausmisten?“ Der Vater ließ keine Gelegenheit aus, zu sticheln. Walter vermutete damals, dass der Vater merkte, wie sehr sich sein Sohn äußerlich veränderte und innerlich entfernte. Das machte den Vater unsicher und er versuchte, es durch besondere Schroffheit zu übertünchen.

Die Mutter knurrte bestenfalls: „Da bist ja wieder. Hoffentlich lernst was Gescheites, wenn du schon nicht am Hof arbeitest. Könnten wir schon brauchen, ein paar frische, kräftige Hände, wir werden auch nicht jünger.“

„In der Stadt studieren, aber zu blöd dafür, die Schweine ordentlich zu füttern.“ Die Stimme der bösen Tante wirkte zwar im Laufe der Jahre nicht mehr so kräftig, doch an ihrer Herrschsucht und Verschlagenheit hatte sich nichts geändert.

Solche und ähnliche Bösartigkeiten bekam er damals regelmäßig um die Ohren geschlagen. Doch die Hand gegen ihn zu erheben, traute sich da niemand mehr, nicht einmal der Vater.