Bhagwan, Haschisch, einfach kochen - Sabine Gölz - E-Book

Bhagwan, Haschisch, einfach kochen E-Book

Sabine Gölz

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Beschreibung

Die '68er' haben Bewegung in das Spießbürgertum gebracht. Von denen, die in den 1970er Jahren jung waren, hatten viele das Gefühl, dass sich die Welt zum Positiven hin ändern lässt. Mit dem Hintergrund toleranter Eltern und ländlicher Idylle erleben die Schwestern das wohlmöglich intensivste Jahr ihres Lebens. Die jüngste macht sich Gedanken über die menschliche Existenz an sich und will sich nicht mehr in das kapitalistische System einordnen - wie ein Wunder kommt noch diesen Winter die punkige Cousine auf den Nesselhof und nimmt sie in die Hamburger Szene mit. Die mittlere ist von Naturkost, Vegetarismus und ökologischem Landbau begeistert, findet endlich Mitstreiter, will ein Kochbuch schreiben und bringt damit neuen Wind auf den Gärtnerhof, auf dem sie alle leben. Ihr Zwilling engagiert sich für freie Sexualität und Frauenrechte, verwickelt aber auch die andere in eine Sexgeschichte, die beide den Arbeitsplatz kostet. Die älteste verknallt sich unsterblich in einen Toptherapeuten des Gurus Bhagwan, ringt sich dann ab eine Therapiegruppe bei ihm mitzumachen und reist im Sommer mit der fünfjährigen Tochter in den Ashram nach Indien. Die Mutter der Fünf fragt sich, ob die freie Sexualität nur für die Jugend gilt, während der jüngere Bruder auch nicht mehr zur Schule gehen, sondern Rockmusiker werden will. Mit den Protagonistinnen taucht man in diese besondere Zeit ein. In Rauschzustände, heiße Orte in Hamburg, wie sie wirklich waren, in das Leben im Ashram in Poona, in das Wachsen und Gedeihen von tausenden Blumen und Früchten. Darin, wie man aus Gemüse einfach gutes Essen macht, und in manche politische Vorkommnisse dieser Jahre. Spannend und unvorhersehbar, nett und persönlich erzählt. Letztlich sind sie eine Familie und es geht bei allen um die Liebe und um Selbstverwirklichung und darum, wie man es schafft, so zu leben, dass es sinnstiftend und lebenswert ist.

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Seitenzahl: 596

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sabine Gölz

Bhagwan,

Haschisch,

einfach kochen

© 2018 Sabine Gölz

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7469-3078-7

Hardcover:

978-3-7469-3079-4

e-Book:

978-3-7469-3080-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Großen Dank

an alle Freund/e/innen und Bekannte, die die erste Version unter

`Wie hungrige Herzen heilen´ gelesen haben:

Nomi Brodersen,

Monika Heine, Ellen Schneider,

Beate Schwab-Thiessen,

Monika Hoenig, Manuela Bolla,

Christina Schuster,

Marco Viering,

Jürgen und Katharina Gölz,

Frau Winkelmann, Waltraut, Undine,

Ulrike vom Bioladen Barsinghausen.

Besonderen Dank an:

Uwe Patzke, der mir seine persönlichen Erinnerungen an das Hüttendorf in Gorleben geschenkt hat,

noch mal an Ellen, die die fertige Version gelesen und viele Schreib- Komma und Verständlichkeitsfehler gefunden hat,

an meinen Mann Thomas für die technische Hilfe und an unseren Sohn Marvin der mir bei der Vernetzung hilft.

November auf dem Nesselhof - Janine kocht Sojabohnen.

Janine entfacht ein Feuer. Die Küchenhexe zieht gut. Küchenhexen heißen diese prächtigen gusseisernen Öfen mit 5 Kochstellen. Die größte Kochstelle hat 7 Ringe, die man mit dem Feuerhaken rein oder raus bugsieren muss, bis das Loch passend für den Topf ist. Es gibt auch ein Backfach. Die Klappe zum Backfach war mal weiß emailliert und mit einer blauen Windmühle bepinselt. Das Weiß ist schon seit langer Zeit gelbbraun verschmort.

Die kleine Jesebill, Tochter der ältesten von den fünf Geschwistern, behauptet meist in den Rissen und Flecken der Backofenklappe einen bissigen Hund zu sehen. Manchmal sieht sie aufgescheuchte Hühner und neuerdings sagt die Kleine, sie könne die Windmühle noch sehen, es sei nur das Getreide davor, deshalb wäre die Mühle jetzt gelb. Der mehr oder weniger renovierte Hof, auf dem die Familie Besenbinder hier am Ende des Dorfes Heringsbüll bei Pinneberg wohnt, hat auch Heizkörper und einen Gasherd in der Küche. Wir befinden uns am Ende der 1970er Jahre in Norddeutschland.

In dieser kalten Jahreszeit braucht man die zusätzliche Ofenwärme im Haus. Alle kommen jetzt gern in die Küche, auch Simone, die Mutter von Jesebill, die inzwischen eine eigene Wohnung auf dem Nesselhof hat, wenngleich dort die Heizung noch nicht fertig ist. Grad steht der Ostwind auf der Front des Bauernhauses, dass es nur so durchs Gefache pfeift und zurrt, als wäre das Haus ein großes Schiff.

Janine liebt den frühen Morgen. Sie ist hübsch mit ihren langen blonden Haaren, sie ist eine zierliche und doch robuste junge Frau. Das Robuste kommt daher, dass sie auf diesem Gärtnerhof hier aufgewachsen ist, mit ihrer Zwillingsschwester Vanessa, mit der älteren Schwester Simone und den zwei jüngeren Geschwistern.

Sie hat die Küche gern für sich allein und spürt wie der Tag sich in aller Ruhe entfaltet, grad jetzt, wo alle anderen noch schlafen. Wie gut dann die Stille ist. Noch dringt kein Licht durch den Rest der dunklen Nacht. Zwei Laternen leuchten draußen spärlich milchweiße Flecken an den Ackerrand der letzten Straße am Ende des Dorfes Heringsbüll bei Pinneberg.

Die Herdplatte strahlt viel Wärme ab. Der Topf Sojabohnen kommt schnell zum Kochen. Der Wasserkessel pfeift schrill. Janine muss aufpassen sich nicht schon wieder zu verbrühen. Sie hebt den heißen Topf mit zwei Paar Topflappen an und gießt die Bohnen aufs Sieb. Sie will Sojamilch daraus pressen. Sie macht zum ersten Mal in ihrem Leben Tofu. `Das ist die Nahrung der Zukunft´, denkt sie. Erst in diesem Herbst hat sie die Foodcoop für biologische Lebensmittel in Hamburg entdeckt. Endlich weiß sie wo sie die Naturkost herbekommt, die sie zum Leben braucht. Gemüse bauen sie selber an, aber sonst? Man kann dieses denaturierte Zeugs heutzutage doch nicht mehr als Lebensmittel bezeichnen, findet sie. Und Janine fand als kleines Kind grauselig zuzusehen, wie die Bäuerin von nebenan ein Schwein schlachtete: Schwein aus dem Stall treiben, an den Pfoten festbinden, Knüppel auf den Kopf, mit der Seilwinde hochziehen, Halsschlagader aufschneiden, das Blut in einem Bottich auffangen… wie furchtbar, das arme Schwein! Niemand konnte damals ihre Aufregung so recht verstehen. Ihr Vater sagte nur: „Das ist doch normal, dass Menschen Tiere schlachten, was denkst du denn, wo unser Braten herkommt?“ Die anderen Kinder machten sich nichts draus. Janine wurde immer schlecht, wenn sie Fleisch essen sollte. Selbst die leckeren Koteletts und Würste, die Familie Besenbinder beim benachbarten Bauern Elsbeck gegen Gemüse tauschen konnte, wollte Janine nicht essen, da blieb sie stur.

Heut Morgen ist Janine voller Eifer. Wie wunderbar, noch ein Weilchen allein zu sein in der bullig warmen Küche! Herrlich, wie der Herbststurm durch die Fensterritzen pfeift. Was ist das für ein Luxus, es hier drinnen so warm zu haben! Die Sojabohnen sind sorgfältig zerdrückt, sie tut Zitronensaft in die Sojamilch, nimmt sich eine Tasse Kräutertee und sinniert in die Flockungen, die sich im Topf zu Quark formieren, hinein. Schüchtern erscheint ein wenig Morgenrot aus den sich verändernden Schichten grauer Wolken am schnell vorbeiziehenden Himmel.

Simone kommt mit der fünfjährigen Jesebill angetrampelt. Müssen die immer so laut sein? Davon wachen alle anderen auf. Jesebill ruft und singt, schubst die Tür zur Küche auf und quasselt gleich los. Eigentlich ist Jesebill ein nettes Kind, aber sie zieht sich einen Stuhl an den Küchentisch um tief in den Topf mit den Sojamilchflocken zu gucken und fragt ~ warum flockt das denn so ~ was machst du mit der Milch, ach, keine Milch? Wieso keine Milch? Aus Sojabohnen? Warum? Eben so, wie Kinder mit fünf Jahren immer fragen. Janine mag das Kind gern. Janine mag auch gern in Ruhe für sich sein.

Edna ist die Mutter der vier Besenbindertöchter und des jüngsten Sohnes Torsten. Edna heißt eigentlich Erika, wie Ednas Mutter auch heißt, aber es störte sie, keinen eigenen Namen zu haben. Ihr Ehemann Paul, der Vater der fünf bald komplett erwachsenen Kinder nannte sie lange Zeit zärtlich Rieke. Die Zärtlichkeit scheint den Eltern abhandengekommen zu sein.

Als Simone in der Schule etwas über Vulkane lernte, heckten die Mädchen diesen Namen für ihre Mutter aus, wohlmöglich als Erika ihre Kinder lautstark zurechtwies, was bei fünf Kindern ja nicht verwunderlich ist. Die Kinder amüsierten sich tagelang darüber, aus Erika Edna zu machen, vor allem Vanessa, Janines Zwilling, ließ nicht locker. „Der größte Vulkan in Europa! Ha, ha, ha! “ Der Mutter gefiel das gar nicht. Der Rest der Familie fand es überaus lustig. Paul ebenso. In dieser Zeit hatten die Kinder auch gerufen: Paul ist faul! Was ihn ärgerte, zumal er da noch einer geregelten Arbeit nachging. Das brachte wiederum Edna zum Schmunzeln. Dem Vater `Paul ist faul´ nach zu rufen gab sich wieder, aber die Erika Junior, eigentlich doch Rieke, dann Edna zu nennen, das gab sich nicht mehr.

Janine liest seit einiger Zeit Literatur über alternative Ernährung. Janine, die sonst ein eher zurückhaltendes Wesen hat, diskutiert eifrig mit dem Rest der Familie darüber, dass Vegetarismus die einzig vernünftige Lebensweise ist. Warum soll man das Soja an die elendig in Betonparzellen eingesperrten Schweine verfüttern, wenn man selber Soja essen kann?“ „Bauer Elsbeck füttert aber die Essensreste vom Altenheim und Schlempe von der Brauerei!“, kontern ihre jüngeren Geschwister, Marie und Torsten am Frühstückstisch. „Denkt doch mal nach, wie viel Leid das verursacht, nur weil ihr Wurst und Braten essen wollt! Man kann doch so viel andere Sachen essen!“, ereifert Janine sich: „Hör du mal auf uns das Frühstück zu vermiesen!“, sagt Torsten, „Genau!“, hör doch endlich auf, ist doch immer dieselbe Leier!“, sagt Marie.

Fast die komplette Familie Besenbinder hat sich in der mollig warmen Küche eingefunden. Der Küchenherd bollert so laut, dass man den Ostwind kaum noch hört.

„Marie hat schon wieder die ganzen Schokoladenstückchen aus dem Müsli rausgefressen!“ ruft Torsten. „Hab ich gar nicht du Spasti!“ kontert Marie. „Dabei ist sie doch schon fett genug!“ sagt er zu der Mitte des Frühstücktisches. „Schokolade macht fett, Schokolade macht fett!“, skandiert er. Die anderen gucken mitleidig. „Dafür bist du lang und doof!“, brummelt Marie, worüber die anderen lachen. Marie ist die jüngste Tochter. Sie ist ein bisschen pummelig, wie Edna und Simone es auch sind, ganz anders als Janine und Vanessa, die Zwillinge, die kommen mehr nach Paul, der ist schlank.

Vanessa sitzt schön zurecht gemacht am ovalen Küchentisch, sie mag schwarzen Kajalstrich um die Augenlider, trägt fetzige Flitterschals und mehrere Ketten mit magischen Symbolen. Noch sind ihre Haare ein bisschen kürzer als die von Janine. Wenn der Orangeton vom Henna sich verliert, sieht sie Janine wieder zum Verwechseln ähnlich. Vanessa steht im Gegensatz zu Janine gern spät auf und hat es heut mal wieder eilig, zu einer Verabredung zu kommen.

Jesebill starrt ihr auf die Finger, wie sie sich ein Schinkenbrot macht, sie will etwas davon abhaben. „Schmier dir doch selber eins!“ sagt Vanessa. „Kann ich nicht!“ sagt Jesebill. „Natürlich kannst du das“, meint Simone.

Sie glaubt daran, dass Kinder geistig viel weiter entwickelt sind als diese verkorksten Erwachsenen. Man muss die Kinder sich frei entfalten lassen, weil sie dem Himmel noch viel näher sind. Sie waren doch vor kurzem noch da! Simone nimmt Jesebill auf den Schoß und lässt sie sich ein Schinkenbrot schmieren. Edna betrachtet das und weiß nicht, ob sie sich einmischen soll, wie Jesebill, der es scheinbar gar nicht mehr um ein Schinkenbrot geht, absichtlich den Teller mit Butter beschmiert, nicht das Brot. Simone lächelt, Edna seufzt und gießt sich Tee ein.

Marie und Torsten zerren und zupfen aneinander herum und zischen sich scherzhafte Beleidigungen zu, bis Marie ihm endlich die letzten Schokostücke, die sie noch in ihrer Müslischale findet in seine schmeißt. Dann prusten beide los vor Lachen.

Müsli zu essen hat Janine hier eingeführt. Weil Vollkorn doch so gesund ist, sagt Janine, sie erklärt es allen immer wieder gerne. Schokomüsli haben Marie und Torsten erfunden, das war ganz allein ihre eigene Idee, dass man Müsli nicht nur mit Rosinen und Nüssen, sondern auch mit kleingeschnittener Schokolade mischen kann.

Janine vertieft sich darin, ihren Sojaquark in das Sieb zu drücken, als das Graurosa am Himmel draußen heller wird.

Marie hat die Nase voll vom Spießbürgertum

Ein harter Markttag ist geschafft, einer dieser Markttage, an denen Edna sich unablässig Gedanken darüber macht, wie lang sie das jetzt noch machen muss. Was sonst sollte sie arbeiten und warum arbeitet sie so viel, schließlich wird sie nicht jünger. Was ist das für ein Mist, Winter für Winter in der lausigen Kälte auf dem Markt zu stehen!

Simone nimmt ihr einen, manchmal sogar zwei Märkte die Woche ab. Aber die anderen alle? Kommen von sich aus nicht auf die Idee, sie zu fragen, ob sie ihr was helfen könnten. Natürlich muss sie das weiter durchziehen seit Paul keine feste Arbeit mehr hat, denn das Geld reicht nie. Wer fragt schon danach, was sie gern würde?!

Edna ist froh, dem Novembergrau entkommen zu sein. „Elende Kälte“, schnattert sie. Heute hat sich niemand um das Feuer im Küchenofen gekümmert. Es ist trotz voll aufgedrehter Heizkörper ziemlich kalt im Haus. Der Nachmittag bricht bereits an. Was macht Paul bloß den ganzen Tag lang, fragt sich Edna, nicht zum erst Mal. Vanessa und Janine arbeiten im Büro. Torsten ist in der Schule. Was bloß macht nun Maries Anorak auf dem Küchensofa? Edna trampelt extra laut die Treppe hoch. Die Tür von Maries Zimmer ist abgeschlossen. „Marie, seit wann schließt du die Tür ab? Warum bist du nicht bei der Arbeit?“ Sie hört Marie stöhnen: „Ich bin krank“.

Die Mutter kocht Kamillentee und klopft erneut. Im Schlafanzug mit Pullover drüber kommt das Mädchen angeschlurft, schmeißt sich aufs Bett zurück, dass neuerdings nur eine Matratze am Boden ist und liegt bäuchlings zwischen Notizzetteln. „Was ist mit dir los“, fragt Edna und legt ihre Hand auf Maries Stirn. „Fieber hast du nicht. Trink, das wird dir gut tun.“ „Ach, Kamille! Kann ich denn keinen schwarzen Tee?“ „Hör mal, Mädchen, ich denke du bist krank? Warst du gestern überhaupt in der Berufsschule? Du kannst doch nicht immer nur herumliegen und lesen, nichts als lesen!“ Marie sagt zögernd: „Nö!“ „Wie, nö? Was soll das denn jetzt heißen!“ „Na, ja, ich war schon los, aber dann hatte ich Halsschmerzen… hab ich Jan und Heike getroffen…“ „Bitte?“, steht Edna mit verschränkten Armen da. Marie rührt sich Honig in den Tee. „Hatte wichtige philosophische Dinge mit Jan und Heike aus zu diskutieren“, erklärt sie leise aber ernst und blättert in ihrem Buch herum, als wäre Edna nicht im Raum. Edna ist aufgebracht, aber schreien will sie nun nicht gleich. Sie nimmt der Jugendlichen ein Notizblatt weg und liest laut, was Marie da notiert hat:

`Seele - Kosmos - Leben - Lieben - Sterben - wieder zu Hause sein. Was hindert uns am Freisein? - Wer sagt, was wir müssen? Warummüssenwir? ´ Und: `Warum nicht einfach leben? Gib dem Orgon in dir Raum´.

`Wieso Sterben?´, fragt Edna sich besorgt. Ist das ernst zu nehmen? Denkt Marie daran sich umzubringen? Von dieser Sorge ist die Wut der Mutter verflogen. „Marie so geht das nicht. Du kannst nicht einfach so rumgammeln, wo soll das hinführen?“, sagt sie hilflos. „Rumgammeln“, flüstert Marie, als sei das eine gute Idee. „Was hast du bloß? Was liest du denn da?“, fragt Edna. „Die Entdeckung des Orgon von Wilhelm Reich. Das hat mir Heike ausgeliehen. Das sind ganz neue absolut großartige Erkenntnisse“! sagt Marie. „Was soll das denn sein, ein Orgon?“, schüttelt Edna den Kopf. „Das Orgon ist die innere Lebensenergie. Das Seelische. Das was in einem fließt, wenn man sich gut fühlt! Es ist das, wovon sich die verspießten Menschen in dieser verlogenen Gesellschaft weiter und weiter entfernen“, plappert Marie begeistert.

Edna schimpft nun doch: „Das sind doch alles dumme Flausen. Arbeiten zu gehen wird deiner Lebensenergie nicht schaden, mein Kind. Bitte bleib vernünftig.“ „Ja, ja, vernünftig. Parieren, funktionieren! Dann geh ich eben zur Ärztin und lass mich krank schreiben“. Marie starrt in ihr Buch. „Marie“, brüllt Edna nun doch: „Was ist bloß über dich gekommen, bis jetzt warst du doch so ein braves Mädchen!“ Edna fühlt sich so erschöpft.

„Braves Mädchen“! fährt Marie auf. „Immer ist die kleine dicke Marie das brave Mädchen. Ich habe aber keinen Bock mehr ein braves Mädchen zu sein. Immer nett sein, bitte Frau Mayer, aber gern doch Herr Soundso - aaach, Fräulein Besenbinder, das mit der lila Latzhose geht aber nicht in unserem Geschäft. Mama. Du weißt doch selber wie sehr ich mich über diese Hose gefreut hab, ich wollte die schon so lange haben! Ich hab sie selbst gekauft und Vanessa hat sie so schön lila gefärbt…Und nun darf ich sie nicht tragen! Und Jeans sind auch nicht so fein, wissen Sie?! Soll ich da etwa in Faltenrock und weißer Bluse arbeiten? Außerdem sollten Sie sich vielleicht mal dezent schminken, das stände Ihnen gut, etwas adretter auszusehen!“, parodiert sie gekonnt ihren Chef. „Nett und adrett! Vielleicht auch noch `ne Dauerwelle? Der spinnt doch total. Mich kotzen diese ganzen verdammten Spießer an!“ „Marie!“ „Ja! Marie! Marie interessiert sich für das Leben selbst und für die Liebe und für die Freiheit und für Gott. Dafür was die Erde von uns braucht. Und was die Natur braucht, damit wir noch weiter auf diesem Planeten leben können! Wen von diesen Scheißkapitalisten interessiert denn das? Denken die darüber nach, warum der Wald stirbt?! Mama! Wissen die, wie Scheiße eine Welt ohne Wälder ist? Wenn die immer so weiter machen geht dieser ganze Planet kaputt! Kapiert das denn keiner? Wissen die denn überhaupt was Menschlichkeit ist? Sinnlichkeit? Gefühle. Dass alle Lebewesen ein Recht haben, auf diesem Planeten zu leben? Das interessiert diese ganzen kapitalistischen Spießer doch ’n Scheißdreck“! Schreit nun Marie.

Edna geht nachdenklich und kopfschüttelnd.

Wutanfälle waren - zugegebenermaßen - früher ihre eigene Art gewesen. Damit hatte sie sich diesen Namen ja schließlich eingehandelt. Nun aber bemüht sie sich, Haltung zu bewahren, Vorbild zu sein, zu fragen was ist, anstatt gleich zu urteilen! Und dann? Tobt ihre Tochter wie eine Verrückte. Warum eigentlich? Vieles von dem, was Marie sagt stimmt wahrscheinlich, aber einfach zu Hause bleiben und nichts tun? Das geht doch nicht.

Die Mutter war nie zu streng mit ihren Kindern gewesen. Sie hatte keine Schläge ausgeteilt, wie es in dieser Zeit noch für angemessene Kindererziehung gehalten wurde. Sie hatte sich immer beherrscht, nicht zugeschlagen. Und Paul? Er hatte ja gearbeitet, aber sonst? Sich aus allem rausgehalten. Typisch Mann, was ging ihn das an, was mit den Kindern war?

Edna fragt sich, ob das bei Marie noch die Pubertät ist? Vielleicht ist Marie zu kurz gekommen. Vielleicht hat sie es schwer, weil sie so pummelig ist, vielleicht gibt es eine enttäuschte Liebe von der Edna nichts weiß, ach, was kann da alles sein in solch einem jungen Gemüt.

Sie heizt den Küchenofen mit Pappe und Holz an. Muss sie sich mehr um Marie kümmern? Wie soll sie das machen? Und Paul? Was macht überhaupt Paul? Als das Feuer im Ofen endlich zieht, kommen Edna seltsame Gedanken: `Warum tu ich nicht auch mal das, was ich will! ´, denkt sie und verliert sich in Tagträumen. Was sein würde, wenn alles geschähe was sie sich wünschte, während sie im Feuer herumstochert. Das Feuer kommt in Gang, man hört es prasseln und heulen, als pfeife da ein Sturm im Schornsteinabzug. Ja, was wünscht sie sich eigentlich? Einen fleißigeren Mann? Ein bequemeres Zuhause? Leichtere Arbeit? Weniger Arbeit ! Einen langen Urlaub in einem unendlichen Sommer? Endlich mal genug Geld? Sie kann sich nicht recht für einen Lieblingswunsch entscheiden.

Marie indes schaut aus dem Fenster und entdeckt in den grauen Wolken einen Fetzen Himmelblau entlang fliegen. Sie ist unergründlich sauer, fast weint sie. „Oh mein lieber Gott“, sagt sie zu dem Fetzen Himmelblau. „Und wenn da draußen niemand ist der mich hört?“, ruft sie in den stürmischen Himmel hinein. Marie wusste nie, ob sie daran glauben sollte, dass es einen lieben Gott gäbe, der oben im Himmel ist, alles von einem weiß und einen beschützt. In Norddeutschland ist man nicht sonderlich religiös, obwohl man es auch nicht ausschließt, dass es Gott und Engel und ein Dasein im Himmel geben könnte.

Wie kann jenseits der Milchstraße ein Gott sein? Wo im großen Weltall ist denn dieser Himmel? Wie kann alles von Gott gesehen werden, wenn es dieses ganze Elend auf der Erde gibt? Wenn sich in Irland katholische und evangelische Christen bekriegen? Die haben dann doch nichts mit dem lieben Jesus zu tun! So viele Kriege auf der Welt, verhungernde Menschen in Afrika! Der Kapitalismus, der die Umwelt gnadenlos verschmutzt. Der Wald stirbt von all den Industrieabgasen! Wenn es Gott gäbe, würde er doch nicht müßig dabei zuschauen, dass diese wunderschöne Erde kaputt gemacht wird. Weil sie nun Atome – Kerne der Schöpfung selbst – auseinanderknallen! Was soll das für ein fieser Gott sein, der all das geschehen lässt?

Denkt Marie, die im kommenden Frühjahr 17 Jahre alt werden wird. Für sie ist offensichtlich, dass an der ganzen erwachsenen Welt einiges nicht stimmt und dass es so nicht weiter gehen kann.

Auch in ihrem persönlichen Leben kann es so nicht weiter gehen. Ob es denn wenigstens Engel gibt? `Oder bin ich wirklich allein für alles verantwortlich, wie Janine es mal gesagt hat? Wie kann ich ändern, wofür andere verantwortlich sind, wenn ich nicht mal mein eigenes Leben so ändern kann, dass es mir wirklich gut geht? ´, denkt Marie. „Gibt es dort draußen jemanden?“, ruft sie durch das Fenster. „Ob´s dich nun gibt oder nicht oder was immer mit Gott gemeint ist. Jesus und Buddha und die Naturgeister und all die Engel. Kann mir bitte mal einer antworten? Ich fühle doch, dass es da etwas geben muss“!

Ein Vogel lässt sich auf den Sims der Fensterschräge nieder und zwitschert eindringlich. „Hey, Vogel, bist du vielleicht ein Bote? Bist du… eine Engelsstimme?“ Das kommt ihr wie ein Zauber vor. Sie flüstert, als wolle sie einen Schwur mit der Existenz aushandeln zu der Amsel: „Irgendwer muss mir jetzt helfen. Irgendetwas muss passieren! Ich halt das nicht mehr aus. Immer nur funktionieren, Tag für Tag zur Arbeit und tun was andere wollen. Immer muss ich auch noch nett sein. Und wer ist nett zu mir? Das Leben kann doch nicht so öde und so sinnlos sein. Es muss doch mehr geben als diese verspießte materielle Welt!“

Marie sucht seit einiger Zeit nach etwas. Sie will nicht allein sein mit dieser glühenden Sehnsucht. Doch wo soll sie suchen? Bei ihren Schulfreunden, Freundinnen, in der Bücherei, in der Natur, bei ihren Schwestern?

Sie hat in Janines Büchern ein Mandala entdeckt. Das kommt ihr sehr geheimnisvoll vor. Sie holt sich das Buch mit dem Bild und stellt es mit einer Kerze auf. Sie versucht zu meditierten. Gerade sitzen: So! Wie Janine immer sitzt und meditiert. Die Energie frei fließen lassen! Marie denkt sich eine Verbindung ihrer selbst mit den höchsten Lichtern des Himmels.

Alle aus der Familie wissen, dass Janine Meditationsübungen macht, seit sie mal in einem buddhistischen Zentrum war. Wenn man sie danach fragt, lächelt sie und sagt, dass sie selbst noch nicht viel darüber wüsste. Über den Geist an sich, über die buddhistische Lehre, die nicht einfach zu verstehen sei. Aber sie mache diese Übungen, weil die sich so gut anfühlen. `Blöde Janine! Das kann ich auch allein!´, denkt Marie. Marie spürt in sich hinein, nur spüren, sonst nichts. Ich atme ein und aus. Ich bin ein Lebewesen auf Planet Erde. Was ist richtig, was ist falsch? Wie kann ich helfen, dass dieser schöne Planet nicht zerstört wird von einem System der Machtgierigen? Es kann doch alles so nicht bleiben! Es muss etwas passieren. Für die Umwelt, für die Gerechtigkeit, für den Sinn des Lebens! Wenn ich nur genug suche, werde ich dann etwas Sinnvolles finden? `Atmen Sie die Gewissheit ein und aus´ – dirigiert sie sich selbst, und das stimmt sie wieder heiter. Die Gewissheit, dass sie nicht wie ein Alien auf diesem Planeten ausgesetzt ist, in dieser absurden Zeit, wo man sich immer nur ums Geldverdienen kümmern soll. Da ist ein höherer Sinn, da kommt eine bessere Zeit. „Folge diesem leisen Gefühl, dann wird dein Leben gut werden“!, flüstert Marie zu sich selbst.

Janine denkt schon längere Zeit darüber nach, ein Kochbuch zu schreiben. Ohne feste Rezepte. „Einfach kochen!“ wird sie es nennen. Ein Kochbuch das einem die Grundlagen des gesunden Lebens vermittelt. Wissen die Leute denn, wie viel Gemüse und Vollkorn essen mit Gesund sein zu tun hat? Auch will sie ein Kochbuch schreiben, in dem den Menschen erst mal der respektvolle Umgang mit Lebensmitteln aufzeigt wird. Ihr geht es um die Gesundheit der Menschen und auch um die Erhaltung einer Umwelt, die viel gesünder wäre, würde man eine achtsame Landwirtschaft betreiben. Sie glaubt an eine Zukunft, in der diese Massentierhaltung abgeschafft wird. Es würde in Zukunft mehr und mehr biologische Landwirtschaft betrieben werden – denn es ist logisch und lebenswichtig, dass man sich nicht selbst vergiftet mit all diesen Chemikalien. Die Gesundheit der Erde hängt doch direkt mit der Nahrungsproduktion zusammen!

Janine hat ein paar Schriftstücke über die Reformbewegung, die es schon seit 100 Jahren gibt. Manchmal geben sie auch im Reformhaus ein Werbeblatt mit Rezepten mit, die kocht sie seit längerem eifrig nach, aber inzwischen kocht sie selbst viel peppiger. Sie will aufzeigen, dass Kochen eine grundsätzliche, kreative Fähigkeit ist.

Vieles, was sie hier auf dem Nesselhof kochen ist frei erfunden. Es ergibt sich aus dem, was in der Jahreszeit da ist und was verbraucht werden muss. Hat eigentlich Edna `Möhrensüß´ erfunden? Möhren fein raspeln, eine Marinade aus Zitronensaft, Sahne und Honig anrühren, zusammenmischen, fertig und lecker und gesund. Sie, als Kinder, hatten es immer sehr geliebt.

Janine hat für ihr Buch einen Aufsatz darüber geschrieben, was für eine Kulturleistung der Menschen es war Getreide zu züchten. Und nun, in diesem Industriezeitalter isst man nur noch den Mehlkern und all das gesunde Drumherum kriegen die Schweine. Das ist doch absurd. Und dieser ganze Industriezucker! Wenn man das sieht, wie Marie sich mit Süßigkeiten vollstopft. Man muss doch wissen, dass man sich auf solche Art krank isst.

Seit Janine diese Zusammenhänge zum ersten Mal ganz begriffen hatte, achtete sie mehr und mehr darauf, was sie aß, wie sie aß, woher die Nahrung eigentlich kam. Marie wird sicher nicht lesen, was Janine da schreibt. Vanessa interessiert es ja auch nicht. Die Mutter und Simone sind allerdings begeistert von Janines Engagement für gesunde Ernährung. Zum Glück hatten sie immer viel aus dem Garten. Aber da kann man noch so viel mehr machen!

Janine will mit ihrem Kochbuch den Leuten die Augen für die Zusammenhänge öffnen, die Nahrung und Umwelt und Gesundheit haben. Einen Buchtitel `Warum Vollkorn´ gibt es wahrscheinlich schon. Sie könnte ihr Buch `Unsere besten Freunde: Kräuter und Gemüse´ nennen. Oder so ähnlich.

Oma Erika, die ab und zu anruft, dass sie mal auf den Nesselhof rüberkommen möchte, ist heut von Vanessa abgeholt worden. Typisch Vanessa. Holt die Oma ab, setzt sie in die Küche und verschwindet wieder, typisch. Janine kocht eine gute Suppe mit angeröstetem Grünkernschrot, den verschrumpelten Möhren aus der Sandmiete, die noch vom letzten Sommer über sind, dann ein Glas der selbsteingekochten Erbsen und zum Schluss viel von den selbstgetrockneten Kräutern, entstängelt und fein zerrieben, erst zum Schluss in die Suppe, nicht kochen, nur noch ziehen lassen.

Edna ist immer froh, wenn eines der Mädchen kocht. Wenn sie nicht zum Markt fährt kocht sie selber auch sehr gern. „Köstlich“! sagt Edna nur, während Torsten und Marie nörgelnd Kräuterstängel aus ihren Suppentellern fischen. „Jo, schmeckt schon, aber da fehlt noch Aroma drin, mien Deern. Warum tust du nich `n büschen Speck mit rinn!“, meint Oma Erika. Paul sagt: „Lecker!“, während er sich eine Menge Maggi in seine Suppe schüttelt.

Janine denkt über das Buch nach, während sie ihre Suppe isst. Wie kann man freiwillig Speck essen? Pfui Deubel. Sie ekelt sich vor Speck.

Vanessa meint, dass das mit der Naturkost nur so ein Fimmel von Janine wäre. Der Anfall wird sich schon wieder legen, sagt Vanessas Freund, als Janine ihr Getreideschrot holt, wo alle anderen sich über die frischen Brötchen vom Bäcker, die der Freund mitgebracht hat, hermachen. „Nein, das ist lebenswichtig. Das ist auch Politik! Wenn du das mal endlich begreifen würdest!“, meint Janine. Vanessa reißt die Augen auf und holt sich demonstrativ eine Dose Würstchen aus dem Küchenschrank. „Je mehr Industrienahrung da auf den Markt geschmissen wird desto kranker werden die Menschen, das ist doch logisch“, sagt Janine. Vanessa mault: „Verdirb uns nicht den Appetit, o.k.? Du meinst doch nicht im Ernst, dass wir nun auch deine Getreidegrütze essen, oder?“ “Wir bilden unsere Körper aus dem, was wir da reinfüttern – woraus denn sonst? Die Schäden kommen langsam, man merkt sie nicht so schnell. Die Tiere aus den Massentierställen kriegen alle Antibiotika, wusstest du das?“ „Ist doch gut“, sagt Vanessa, „dann kriegen wir nicht so schnell Erkältungen“. „Mit dir kann man nicht reden“, mault Janine.

Die Cousine Theresa kommt

Eines eisigen Samstagmittags in dem früh eingebrochenen Winter kommt Ednas Nichte, die Cousine der Besenbinderkinder, Theresa auf den Hof. Sie schmeißt ihr Bündel vor die Haustür und klopft mit beiden Fäusten gegen die Tür, denn die Klingel funktioniert scheinbar nicht. „Hey, ihr seid doch da“, schreit sie, deren Gesicht in ein Arabertuch gewickelt ist, an der wettergegerbten Fassade des alten Bauernhauses hoch. Der Hund Fido gesellt sich zu ihr und jault die Tür an, doch auch davon geht sie nicht auf.

Der Kleinlaster prescht schwungvoll durch die Hofeinfahrt. Edna springt heraus und stapft um den Wagen herum, klopft mit ihren Fellhandschuhen die Riegel der Pritsche los, klappt eine Seitenwand der Ladefläche herunter und hievt Kisten und Kübel heraus. Dann erst bemerkt sie ihre bibbernde Nichte auf dem Hof stehen. „Theresa“, ruft sie: „Was machst du denn hier in dieser erbärmlichen Kälte!“ Edna drückt das Mädchen an sich und schaut skeptisch dabei, als hätte sie einen Schreck bekommen. Theresa guckt auch nicht gerade froh, denn es tut weh, so kaltgefroren gedrückt zu werden. Edna meint: „Warum bist du denn nicht reingegangen?“ „Na weil mir keener ufjemacht hat“, murrt Theresa. Edna wuchtet die eisige Türklinke mit einem Ruck herunter und rammt ihr ganzes Körpergewicht gegen die Tür. „Es ist gar nicht abgeschlossen“, bemerkt sie, während sie einige Kisten mit Marktutensilien aufeinanderstapelt.

„Habt ihr ma ´n Kaffee?“ Theresa lässt sich auf einen gepolsterten Stuhl plumpsen, dass dieser knarrt, als würde er gleich zerbrechen. „Wir trinken meist keinen Kaffee. Ich habe grad Kräutertee gekocht, möchtest du einen?“, sagt Janine freundlich, und guckt ihre Cousine verwundert an. Theresa rückt mit dem Stuhl an den Küchenofen heran und wärmt sich die Hände auf. „Wenichtens warm habt iha et hia“, sagt sie in die Ringe der Ofenplatte starrend, durch die es zinnoberrot glüht. Das Feuer bollert großartig. Janine gibt Theresa eine Tasse dampfenden Tee. „Bäh“, macht die: „Wat soll dat dann fürn Jesöff seen? Ick heeße Tee un trink jern Kaffee!“ „Mm“, macht Janine: „Das ist unser bester Wintertee. Beifuss, Linden und Holunderblüten vom letzten Sommer mit Fenchel und Zimt. Hat Simone uns gemischt. „Ach wat, Simone is nu unter die Kräuterhexen jejangen?“ Janine kichert, während sie mit drei Topflappen übereinander die Ofenklappe lüftet, um nach den Brötchen zu schauen. „Warum lachste dann?“, fragt Theresa. „Also eine Hexe ist Simone nicht, dafür könnte man schon eher Vanessa anmelden. Aber das mit den Kräutern macht Simone supergut. Trink, dann kriegst du keine Erkältung!“ „Icke krich keene Erkältung nich. Kräuterteemischung! Nu sach ma, habt ihr echt keen Kaffee?“

„Theresa, was führt dich zu uns, erzähl bitte“, blickt nun Edna, ebenfalls ihre Hände über der Herdplatte wärmend, denn auch sie ist schlimm durchgefroren, besorgt zu Theresa. „Ick wollt jern bei euch bleben. Zumindest üban Winta“, sagt diese kleinlaut. „Ach so“, schluckt Edna. „Ja, jeht dat dann etwa nich? Ihr habt doch jenuch Platz hia!“ Paul steht im Bademantel im Türrahmen, lächelt Theresa an und sagt leise „Hallo Theresa!“ „Wir können hier nicht unendlich viele Mäuler durchfüttern, das Geld reicht hinten und vorne nicht, allein die Ölpreise in diesem Jahr für die Heizung! Paul sag du bitte auch mal was dazu!“, meint Edna. „Was soll ich dazu sagen?“, schüttelt Paul verschlafen den Kopf. „Das bisschen Essen für so ein dünnes Mädel werden wir doch wohl noch übrig haben. Und von der Wärme im Raum geht ja nichts verloren, ganz im Gegenteil, mehr Leute, mehr Wärme!“ Theresa grinst. Das hätte Edna sich ja denken können. Was sonst wäre von Paul an Unterstützung zu erwarten gewesen. Janine deckt Teller auf und wuchtet die viel zu flach geratenen Vollkornbrötchen noch grad rechtzeitig aus dem Backkasten der Küchenhexe, fast hätte sie sich dabei die Finger verbrannt. Man hört Musik aus dem Flur, Deep Purple singen tragisch: Child in Time. Marie kommt im dicken Pullover über dem Schlafanzug mit zwei verschiedenen Socken an in die Küche geschlurft. Edna fragt sich, ob sie ihre Jüngste in den letzten Wochen überhaupt mal in einem anderen Aufzug gesehen hat. Sie zwingt sich: `Was soll´s´ zu denken. Nun ist Wochenende. Was sie nicht bewältigen kann, muss sie eben sich selbst überlassen.

Marie wankt an den Tisch und kippt sich Müsli in eine Schale. „Sieh doch mal, wer da ist“, weist Janine, von ihrem Block, auf dem sie Notizen macht, aufschauend zu Theresa. Marie bleibt der Mund vor Staunen offen stehen. „Theresa! Das ausgerechnet du jetzt kommst!“ Die Mädchen fallen sich stürmisch in die Arme.

Vanessa trägt ein bunt gemustertes Indienkleid und weil das zu kalt ist, eine Schlafanzughose drunter und eine Strickjacke drüber. Sie kocht sich Vanilletee und begutachtet die frischen Vollkornbrötchen. „Die sind ja ganz schwarz von unten.“ Miesmutig schaut sie zu Marie und Theresa ohne Theresa zu begrüßen. Edna sagt: „Die Brötchen sind wunderbar.“ Sie sieht zwischen Vanessa und ihrer Nichte hin und her, während sie sich müht, das recht flache Brötchen horizontal in zwei Hälften zu bekommen. Theresa schmeißt fast den Teebecher auf den Fußboden weil Vanessa sie so finster anschaut. „Ja watt dann. Wieso kann icke dann nich eenfach hierjebleeben?“

Schweigen liegt wie eine Nebelwolke in die Küche. Zwei Meisen zirpeln vor dem Fenster herum. Vanessa springt auf um Vogelfutter zu holen, witscht beim Fensteröffnen eine Lage Schnee weg, die in den nun blauer werdenden Tag heruntersegelt. „Weil du bis jetzt nix als Scheiß gemacht hast, ne“, wendet sie sich dem Vogelfüttern ab, ihrer Cousine zu. „Vanessa, bitte!“ Edna knallt ihre Teetasse auf den Tisch und guckt mit einer Miene in die Runde, die man so oder so hätte deuten können. “Natürlich kann sie hier bleiben. Solang es keinen Ärger gibt.“

Die bangen Gefühle zerplatzen. Paul kocht Kaffee. Theresa und Marie rücken noch enger zusammen, bis sie am Boden neben Fido am Ofen sitzen. Es strahlt nun Sonne in langen staubigen Strahlen durchs Küchenfenster. Marie fährt gedankenverloren über die Ornamente, die sich um das Wort Tee auf Theresas Jeans ranken, alles selbstgemalt, ganz aus Kuli.

Vanessa räumt den Tisch schon wieder ab, obwohl Torsten sich grad erst hingesetzt hat. „Hey du dumme Kuh, lass mir die Butter hier!“ „Und dann? Steht sie den ganzen Tag lang auf dem Tisch herum, das kennen wir schon!“ Torsten blinzelt argwöhnisch zu Marie und Theresa, die eng beieinander am Ofen hocken und kichern. Er schlürft lautstark seinen Kakao. “Ach, ja“, sagt Vanessa zu den beiden Mädchen: „Marie und Theresa waschen dann ab! O.k.?“ und verschwindet aus der Küche. Theresa und Marie beachten sie gar nicht. Marie fragt: „Wieso gehst du denn nicht zu deinen Eltern?“ Theresa blickt zur Zimmerdecke. „Kennst se doch ooch, meene Ollen, wat frachstn da!“ „Aber du musst doch zur Schule gehen, oder eine Ausbildung machen, ne!“ „Fang du bloß nich ooch mit diese Kacke an. Det meenste doch selba nich! Kannste nich ma wat andres verzählen? Frach doch ma: Wie gings dia, hatteste nen schönen Sommer, hatteste vielleicht `n netten Lover jehabt?“ Marie flüstert: „Hattest du? Ganz in echt?“

Die Mädchen tauchen in nur ihnen bekannte Vertrautheiten ein. „Deene Schwesta Vanessa isn Ekelpaket. Aba du bis imma echt knuddelig!“

Ihr bis dahin unbekannte Gefühlsschwaden wirbeln Marie durchs Gemüt. Auch vertraute Gefühle von einer Freundschaft, die die Mädchen immer schon verbindet und ganz neue Gefühle von Freiheit und Abenteuer, vor allem die und ein seltsames Prickeln, dass Marie sich nicht erklären kann. “Warum bist du weg aus Berlin?“ „It war so verdammt kalt da. Und ick hatte die Schnauze voll.“ „Wieso? Ich denk, du hattest einen netten Freund?“ „Ja, nett war er, aba all dat Jesoofe un imma roochen, die ewije Klauerei un die fertijen Leute die da so mit rum hingen. Und imma uff der Hut vor die Bullen.“ „Vor den Bullen“, flüstert Marie mit aufgerissenen Augen. Wie gern wäre sie dabei gewesen, in einem besetzten Haus in Berlin. Was Theresa alles schon erlebt hat weckt in Marie bis dahin verschlafene Lebensgeister. „Erzähl mir mehr von Berlin!“ „Späta, meen Herz, nu bin ick erst mal hia“, sagt Theresa und nippt dankbar am heißen Kaffee.

Sie ist so froh, den weiten Weg hierher irgendwie per Anhalter geschafft zu haben und sich endlich gründlich aufzuwärmen zu können.

Marie und Theresa haben sich immer gut leiden können. Es hat gemeinsame Baumhaussommer und gemeinsame Sommer mit Höhle im Maisfeld gegeben. Und den legendären Herbst mit der großen Apfelschlacht, wo Theresa Bandenchefin war und alle Mädchen des Dorfes gegen alle Jungs des Dorfes `Krieg´ geführt haben. Immer hatten die beiden es miteinander, sinniert Edna, als sie die Mädchen, die eine dünn und wie eine Lumpenliesel, die andere dick wie ein Schlafbär, da zusammen am Ofen kauernd Kaffee trinken sieht.

Marie glaubt insgeheim an eine himmlische Fügung. Theresa ist es immer gewesen, die ihr gegen all diese Geschwister beigestanden hat. Ältere Schwestern, was für eine Last – meistens. Ein jüngerer Bruder – na, ja, besser als ältere Schwestern, aber irgendwie auch nicht das Wahre. Aber Theresa! Marie liebt sie. Sehr sogar.

Theresa schmeißt ihren Rucksack in Maries Zimmer und produziert in kurzer Zeit einen Teller voller Kippen. Ihr bisschen Kleidung vom Tag davor liegt am Boden, sie hat nun Sachen von Marie an. Edna spürt Theresas Anwesenheit deutlich. Marie kommt am Montag zu spät zur Berufsschule, aber das weiß ihre Mutter ja nicht.

Simone überlegt, was sie mit ihrem Leben anfangen soll

Simone zermartert sich mehr denn je den Kopf, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Eigentlich hätte sie gleich darüber nachdenken sollen, als sie das Studieren geknickt hatte und aus der Stadt wieder auf den Nesselhof gezogen ist. Dass es hier besser für das Kind ist, stellt sie nicht in Frage. Aber was ist mit ihr? Wo ist ihr Leben geblieben? Wie soll sie den Faden jetzt wieder aufnehmen? Manchmal ist sie glücklich darüber, wie schön sie es hier haben. Manchmal, zum Beispiel im Sommer. Und sie ist sehr stolz auf ihre Jesebill, die solch ein aufgewecktes und kluges Kind ist. Nie würde es Simone in den Sinn kommen, dass es ein Fehler war, dieses Kind bekommen zu haben. Sie und ihre Schwestern kennen einige Frauen, die abgetrieben haben. Wie kann eine Frau das? Würde man das Kind nicht immer vermissen? Vielleicht kann sie über ihre Familie froh sein, mit der sie und das Kind leben, vielleicht haben nicht alle Frauen, die ungeplant schwanger werden, es so gut wie sie.

In ihrer kleinen Wohnung wird es langsam richtig schön. Doch, sie hat es wunderbar hier und versteht sich gut mit ihren Eltern und Geschwistern. Manchmal ist sie trotzdem deprimiert, denn ihre Zeit als Studentin ist ja wohl endgültig vorbei. Sie war anfangs tapfer mit dem Baby zur Uni gegangen. Das ging etwa vier Monate lang ganz gut. Sie war stolz drauf, ihr Baby während der Vorlesungen zu stillen und ihre Mitstudentinnen waren auch stolz darauf.

Mit dem Vater des Kindes, dem Herwig, der eigentlich Student ist, eigentlich auch als Tischler arbeitet und noch eigentlich überhaupt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will, hat es in der WG im Hamburger Schanzenviertel von Anfang an nicht so gut geklappt. Er wusste wirklich nicht, was er mit einem Baby anfangen sollte, er hat sich zurückgezogen, er hat viel geraucht, mal gearbeitet, mal wieder nicht, mal studiert, mal wieder nicht.

Sie hatten gemeinsam demonstriert. Simone kam tapfer mit dem Baby Jesebill mit. Das war doch wichtig für die Zukunft des Kindes! Wie können sie schamlos Atomkraftwerke hochziehen die ein hohes Sicherheitsrisiko bergen, was jede/r wissen kann, der oder die sich mit den tatsächlichen Fakten beschäftigt! Wohin mit den ausgebrannten Brennstäben, um nur ein Beispiel zu nennen, warum das Ganze nicht geht. Was war mit dem Atomkraftwerk Sellafield, wo es einen Störfall gab und in den Folgejahren auffällig viele Kinder in der Gegend mit verkrüppelten Gliedmaßen geboren wurden!?! Wieso wussten das nur die politisch Aktiven, wieso wurden solche Nachrichten der Allgemeinheit unterschlagen?

Herwig und Simone mit dem Baby, Vanessa und einige Freundinnen demonstrierten gemeinsam gegen das AKW in Brokdorf an der Elbe, was sie in Anbetracht der Reichweite der Strahlung hier in Heringsbüll Kreis Pinneberg selber betraf. Deshalb war Simone mit dem Baby sogar bei einer Demonstration direkt vor dem Bauzaun mitgewesen. Wie elend fühlte sie sich mit dem schreienden kleinen Kind in der Menschenmenge eingesperrt zu sein. Die Polizei hatte die Demonstranten eingekesselt und ließ stundenlang nicht mal Simone mit dem kleinen Kind heraus. „Was machen Sie auch hier mit dem Kind!“, sagte ein Polizist mit Schutzschild, Gummiknüppel und Helm harsch zu ihr. Vanessa machte ein Foto von ihm. Er beschlagnahmte kurzerhand den Apparat, er wurde handgreiflich mit Vanessa, die ihn anschrie und ihn gegen die Beine trat, während die kleine Jesebill schrie und schrie und schrie.

Seitdem ging Simone nur noch auf kleinere Demonstrationen und achtete sehr darauf, sich mit ihrem Kind am Rande des Geschehens zu halten. Viele Nächte lang nahmen Herwig und sie mit dem Baby an Diskussionen in verrauchten Kneipen teil. Irgendwann gab Simone auch das auf. Hauptsächlich weil Edna es mitbekommen hatte und sich einmischte. Edna ließ seit dieser Demonstration in Brokdorf, von der sie dadurch erfahren hatte, dass Vanessa eine Anzeige bekam, nicht locker, Simone und Herwig zu fragen, wie sie mit dem Kind lebten. „Es ist sicher wichtig sich gegen Atomkraft zu engagieren, das kann ich nachvollziehen und gut verstehen. Aber ein Baby ist ein Baby, es braut den Schutz und eine angenehme Atmosphäre um sich. Ihr könnt euch doch nicht mit dem Kind die Nächte in Kneipen um die Ohren schlagen. Allein der Rauch und die vielen Geräusche und solche hitzigen Diskussionen, das ist nicht gut für ein kleines Kind, das könnt ihr nicht machen“!

Edna mischte sich sonst nicht viel in die Angelegenheiten ihrer Kinder ein, aber in diesem Fall blieb sie hartnäckig darin, sich um das Wohl ihrer Enkelin zu scheren.

Herwig fand die politische Arbeit sehr wichtig. Man musste etwas gegen den Atomwahnsinn tun, was sonst hätte das Kind für eine Zukunft gehabt? Simone war hin und her gerissen, sie fühlte sich überfordert damit ein kleines Kind zu haben und zu studieren. Sie selbst hätte so langsam auch gern eine kinderfreundlichere Atmosphäre um sich gehabt als die verrauchten Zimmer in der WG. Simone sah langsam ein, dass es besser für das Kind und vielleicht auch für sie wäre, hier draußen auf dem Hof zu leben. Wie gut konnte sie auch mit Kind ihrer Mutter helfen. Das Kind lernte barfuß im Gras laufen. Drei Jahre etwa war das ein Hin und Her ohne Plan. Mal fand Simone es toll auf dem Hof, mal fand sie, dass sie doch lieber in der Stadt wohnen wollte. Simone zog aus der WG von Herwig erstmal zu einer Freundin in Eimsbüttel, da war es ruhiger mit Jesebill zu sein.

Dann gründeten Freunde zwei Dörfer weiter von Heringsbüll die Ziegenhofkommune. Das war ein Grund mehr für Simone ganz auf dem Land zu bleiben. Und Gitta, ihre beste Freundin, die vorher in Pinneberg im Hochhaus gewohnt hatte, fand eine schöne Wohnung im Dorf der Ziegenhofler. Auch das war ausschlaggebend für Simone gewesen, sich wieder ganz in Heringsbüll niederzulassen.

In jenem Sommer jetzt vor zwei Jahren meinte Oma Erika, sie könne nicht mehr recht. Das örtliche Altenheim wär ja nicht weit weg. Simone und Herwig sollten doch ihre Wohnung haben. Vielleicht könne der junge Mann die kleine Wohnung ausbauen, da hätten sie was, für die Zukunft.

So zogen sie erst mal ein. Er musste aber doch nach Hamburg zur Uni, zur Tischlerwerkstatt, zu politischen Veranstaltungen, zu Demonstrationen, zu Smoke-In´s… der Weg war so weit, wie sollte er, wie konnte er… sie da allein auf dem Dorf mit dem Kind sitzen lassen. „Du hast doch deine Eltern und deine Geschwister, was soll ich hier draußen schon anfangen… “, sagte er. Schreien tat sie. Das war ein stressiges halbes Jahr, ohne Heizung, ohne Plan.

Nun spricht das Kind selber mit und das Kind fühlt sich hier auf dem Nesselhof sehr wohl, während es in der Stadt immer viel mehr Aufmerksamkeit brauchte.

Oma Erika sagte eines Tages ganz feierlich zu Herwig und Simone, dass sie doch heiraten könnten, damit endlich alles seine gute Ordnung hätte.

Herwig ging. Simone und Jesebill blieben. So ähnlich war das gewesen.

Wind vom Guru

Eines Nachmittags ruft Gitta an: „Simone du musst mit nach Hamburg kommen! Ich war neulich in solch einem spirituellen Lokal… wo die auch Joga und so Tanzveranstaltungen von einem indischen Guru machen… da sind die so gut drauf, bitte, komm einfach mit. Das sind irre starke Vibrations bei denen! Das hab ich nie vorher erlebt“!

Gitta und Simone kennen sich schon ewig und wissen alles voneinander. Sie wissen auch alles über ihre Liebhaber und Affären und ihre Wünsche was Liebhaber angeht und alles über Janines und Vanessas Affären. Es sind schon so viele gemeinsame Sommer übers Land gegangen.

„Da ist ein ganz besonderer Tanzabend mit einem Energiemeister aus Indien. Weißt du, bei diesem abgefahrenen Restaurant… in der Karolinenstraße in Hamburg.“ „Weiß ich nicht.“ „Wie, weißt du nicht, da wo wir mal einen Jogitee getrunken haben und der Typ auf dem Podest Gitarre gespielt hat und alle mitgesungen haben.“ „Ah, als ich noch mit Herwig war. So lang ist das her?“

Gern kommt Simone mit. Edna kann doch auf Jesebill aufpassen. Wenn Gitta nach Hamburg fährt und außerdem meint, solch sensationelle Menschen mit kosmischen Vibrations entdeckt zu haben – natürlich muss Simone da mit hin. Ein Energiemeister aus Indien? Ein Guru?

(An dieser Stelle sei bemerkt, dass es in den 1970er Jahren für die Allgemeinheit keine Informationen über östliche Religionen gab und viele junge Leute großes Interesse daran hatten)

Simone ist aufgeregt, als sie Gittas Auto in der Glashüttenstraße im ihr altvertrauten Karoviertel parken. Wie lang war sie schon nicht mehr hier gewesen. Wie anders war das Leben, als sie anfing zu studieren und noch keine Mutter war. Und wie nun kann es sein, dass sie von diesem besonderen Haus hier noch nichts weiter mitbekommen hat? „Gitta! Was ist das denn hier?“, flüstert Simone, als sie durch die Hofeinfahrt in der Karolinenstraße huschen und kurz in die Fenster, von deren Rahmen der dunkelgrüne Lack abblättert, in die Küche des lauschig wirkenden Restaurants reingucken. Es riecht nach Zimt und gebratenen Zwiebeln. Die Leute, die da Gemüse schnippeln lachen. „Das ist ein alternatives Zentrum, wo sich die spirituellen Leute dieser Zeit treffen“, sagt Gitta. `Was leb ich weit weg von der Welt. Wieso bloß habe ich diesen Ort nicht schon längst gefunden? ´, denkt Simone. „Als du im Karoviertel unterwegs warst, war das noch ein Hilfsprojekt für Junkies. `Release´ hieß es. Jetzt haben sie dies vegetarische Restaurant hier. Und drumrum Räume für Joga und Meditation und andere schöne Sachen daraus gemacht, komm, du wirst schon sehen“!

Sie huschen die Treppe hoch. Gitta weiß wo der Gruppenraum ist und sie weiß, dass man sich dort die Schuhe auszieht. Simone weiß noch gar nichts und ist gespannt wie eine hohe Gitarrensaite.

Lange Haare und langen Bart, nun ja, das tragen die Studenten auch in diesen Jahren. Aber seine Ausstrahlung ist wirklich besonders. Simone ist fassungslos darüber was die Präsens dieses Mannes bei ihr auslöst. Wohl trägt auch diese überglückliche Musik dazu bei. Gitarren, Flöten, Percussion, gospelmäßiges Hallelujah singen junge Leute aus der Stereoanlage. Und dass sie überhaupt mal wieder aus Heringsbüll rauskommt. Hätte Simone doch vorhin bei Gitta bloß nicht das Glas Wein getrunken. Das hat sie jetzt davon.

Man fängt an zu schwingen und sanft zu tanzen. Sie fühlt sich gleich so ekstatisch, wann hat sie sich zum letzten Mal so gefühlt? Na, ja, bekifft, wenn der Frühling kam… vielleicht. Als sie das erste Mal im Grünspan (Disko auf dem Kiez wo sie bewegte psychedelische Bilder an die Wände projizieren) war, auch bekifft… vielleicht. Sex auf der Wiese…sie kichert. Warum denkt sie jetzt an ihre glücklichsten Zeiten mit Herwig?

Gitta stößt sie an: „Was ist mit dir los? Benimm dich!“ Beide Frauen lachen ungestüm, der Gruppenleiter lächelt ihnen zu, was Simone sehr aufregt. Sie machen die Gruppenübungen mit. Auf den Atem achten, locker lassen, sich spüren. Können Glücksgefühle in einem Raum anwesend sein? Vom Tanzen und vom Atmen kommen? Gitta und Simone tanzen bei der erst besten Gelegenheit eng miteinander und können das Kichern nicht lassen. Die meisten hier schwingen und atmen relativ ernst vor sich hin, so fallen diese beiden Frauen auf… Sie tanzen und lassen alles los, wirbeln wild herum, stoßen aneinander, fallen übereinander herüber um sich dann lachend wieder hochzuziehen, schwingen mit weit ausladenden Armbewegungen, hüpfen, springen, juchzen. Gitta und Simone mischen mit ihrer Ausgelassenheit geradezu die ganze Gruppe auf.

„Ja, macht euch ganz locker“, sagt er: „Alles Schwere fließt von euch ab!“ Er macht Bewegungen die Hände weit auszustrecken und zu schütteln. Und dann: „Öffnet euch für Bhagwans Energie“, sagt er und hebt die Hände in Richtung Zimmerdecke. Simone gelingt es, ihn dabei direkt anzustrahlen, wie sie die Arme in die Höhe streckt, treffen sich ihre Blicke. Er schaut sie lange Zeit an, nur sie. Es macht Plopp in ihrem Herzen. Sie kann nicht fassen, was sie wahrnimmt, als sei ein Donnerknall über ihrem Kopf geborsten oder besser gesagt - es wird ein Erdbeben gewesen sein. Sie macht tapfer etwas Nachdrückliches mit ihrem Blick, so als frage sie ihn: Kann das wahr sein? Er hält dem Stand. Obwohl er der Gruppenleiter ist, obwohl da so viele tanzen und sich locker machen zu rhythmischen Klängen, die Simone nie vorher gehört hat, lächelt er sie breit an, sie allein.

Warum legt er dann geradezu zärtliche Musik auf und hält die Teilnehmer/innen der Gruppe an, sich auf die Energie der eigenen Herzen zu konzentrieren? Alle legen sich selbst die Hand aufs Herz, wiegen sich in den Sphärenklängen von Vangelis und spüren die feine Energie dort, sagt er an. Was für feine Energien denn? Meint er das wegen ihr?

Sie war vorher noch nie in solch einer Selbsterfahrungsgruppe gewesen und man muss dazu sagen, dass es solch eine Gruppe vorher auch nicht gegeben hat. Simone nimmt erst beim Rausgehen die zwei Bilder von einem indischen Meister an den Wänden wahr, ach, das ist der Guru? „Das ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches hier“, sagt Simone. „Meinte ich doch“, sagt Gitta: „Die arbeiten hier mit Emotionen und dem Unterbewussten.“

Beim Nachhause Fahren ist Simone auf einmal so, als erinnere sie sich an das Gesicht von diesem Gruppenleiter. Ihr ist, als hätte sie ihn vorher schon mal gesehen. Wann und wo war das bloß? In Pinneberg vielleicht? Das kann doch nicht sein.

Für Simone tut sich seit diesem Abend ein neues Lebensgefühl auf. Sie ist aufgeregt über etwas, von dem sie nicht weiß was es ist. Was ist ein Energiemeister? Hat sie denn einen Energiemeister gesucht? Was ist ein Guru? Braucht sie denn einen Guru?

Gitta hat schon einen Guru. Der heißt Maharishi Mahesh Jogi und von dem - natürlich von einer der Mitarbeiterinnen Maharishi Mahesh Jogis hier im Westen - hat Gitta ein Mantra bekommen mit dem sie zweimal täglich meditiert. Simone wollte das allein deshalb nicht, weil man für solch eine `Einweihung´, wie sie die feierliche Übergabe des Mantras nennen, eine ganze Menge Geld zahlen sollte.

Dieser Gruppenabend in der Karolinenstraße nun hat 8 Mark gekostet und was das mit Meditation zu tun haben soll weiß Simone nicht.

Ihr fällt seit diesem Abend überall Orange auf. Oder ist es, dass sie sich der besonderen Gefühle, die sie hat, wenn sie an diesen Gruppenleiter denkt erinnert, wann immer sie etwas Orangenes sieht? Was ist das eigentlich für ein Verein? So viele gut gelaunte Leute auf einem Haufen - mit solch einer selbstverständlichen Freundlichkeit. Kann man so viel Begeisterung für das Leben haben? Nur durch Atmen und Tanzübungen? So viel Begeisterung für das Leben ohne Haschisch, ohne Wein oder Bier, nur durch Atmen und inneres Licht? Simone fühlt sich seit diesem Abend verwirrt und verzaubert, verzaubert und verwirrt.

Simone setzt sich ein

An einem grauen Morgen - der November ist nun fast vorbei - öffnet Simone die Schlafzimmertür ihrer Eltern leise. Normalerweise würde Edna jetzt in der Küche sein, einen Tee trinken und noch dieses und jenes für den Markt einpacken. Normalerweise würde Edna nicht allein quer über dem Ehebett liegen. „Was machst du denn so früh?“, reibt Edna sich Traumfetzen aus den Augen und schaut Simone mürrisch an, die jenseits der Morgendämmerung in Anorak und Schal verpackt verständnislos auf die Bettdecken blickt. „Ich fahr heut nicht zum Markt! Es liegt doch schon Schnee draußen! Außerdem, was soll ich denn noch verkaufen. Die Weihnachtsbäume holen die Leute sich auch von hier ab“, gähnt Edna. „Aber, Mama, ich brauche Geld. Die Adventszeit beginnt!“ Edna schüttelt den Kopf. „Mein Herz, ich will noch schlafen. Heute fällt der Markt aus. Ab Februar kann ich deine Hilfe wieder gut gebrauchen, aber jetzt gibt es nichts zu tun.“

Simone will das nicht glauben. Was ist in ihre Mutter gefahren, die sonst nie eine Gelegenheit ein paar Mark zu verdienen, auslässt. Simone lässt sie ausschlafen, kann aber kaum abwarten, sie zur Rede zu stellen. „Mama, ich sag dir mal was: Nächste Woche werden wir ordentlich Geld verdienen. Hast du gesehen, was Jesebill und ich gebastelt haben, schau!“ „Ja, hübsch, aber meinst du, die Leute kaufen so was?“ „Ja, meine ich. Darf ich denn noch mehr Kränze machen? Haben wir noch Ilex? Kann ich Buchsbaum schneiden? Und was ist mit den Mistelzweigen? Die haben wir doch zum Verkaufen gesammelt! Wir könnten welche mit Goldlack besprühen. Wollen wir nicht wenigstens Mistelzweige verkaufen?“, fragt Simone eifrig, als Edna endlich schläfrig in der Küche herumwerkelt. „Ja. Mach du Kränze so viel du willst, Sträucher haben wir genug, den Buchshecken wird ein weiterer Schnitt nicht schaden, das weißt du doch alles. Schau mal in den Schuppen, ich hab kaum was verkauft. Man bekommt heutzutage Weihnachtsgestecke schon im Supermarkt. Hast du das gesehen? Was fällt dem Sparladen ein, plötzlich Adventsgestecke anzubieten. Das ist doch unmöglich! Die werden in Masse produziert und dann viel billiger verkauft und was für einen fantasielosen Kram die da anbieten. Ein Strauch, eine Schleife, eine Kerze fertig, für sieben Mark oder sogar für 10.“

Simones Augen glühen, als Edna das sagt. „Fantasielos? Umso besser. Dann machen wir fantasievolle Gestecke, du wirst schon sehen!“ Edna sieht, was Simone denkt. Sie sagt: „Wenn du meinst. Und wenn du die Arbeit machst. Ich hab noch genug mit den Papieren zu tun. Wenn du mir Kränze bindest… auch noch Gestecke machen? Warum eigentlich nicht. Versuch es, werden wir ja sehen, ob du das besser kannst als die vom Supermarkt.“

Edna ist nicht halb so begeistert wie Simone. Zufällig kommt grad an diesem Tag ein vorzüglicher Kunde auf den Hof gefahren und kauft fünf Weihnachtsbäume in Töpfen, die größten, die Edna hat. Er findet das ganz entzückend, dass man die Bäume leben lässt. Das ist doch mal eine Idee, damit würde er für seine Firma Werbung machen, ja, umweltfreundliche Weihnachtsbäume, das macht heutzutage sicher einen besonders guten Eindruck auf die Kundschaft. Und er will die Bäumchen sogar dekoriert bekommen, dafür hätte er keine Zeit, das würde er Edna natürlich auch bezahlen. Ednas Laune hebt sich einige Meter höher. Er streicht ihr zum Abschied über die Wange und deutet ein Küsschen an – „Dann bring ich Ihnen die Bäume nach Weihnachten zurück. Da können Sie ein doppeltes Geschäft mit mir machen, Frau Besenbinder, ist das was?“ Das beglückt Edna sehr. Es verwirrt sie aber auch.

`Ich werde mich nicht hängen lassen!´, denkt Simone, immer noch euphorisch von der Begegnung mit dem `Energiemeister´. `Jetzt, wo Jesebill zur Spielgruppe geht hab ich doch wieder etwas Zeit. Ich will und ich werde aus diesem Leben etwas machen´, beschließt Sie.

Seit ihrer Schwangerschaft kifft sie nicht mehr. Na, ja, ab und zu mal einen kleinen Joint… raucht sie dann doch gelegentlich mit. Man wird leichter depressiv, so ganz ohne Haschisch. Sie hatte das Kiffen immer wie Sternstunden einer anderen Welt gehätschelt, einer außerhalb-von-allem-was-normal-ist Welt. Nur noch Sein, Musik Hören und Fühlen. Man wähnt sich schon sehr besonders dabei, rauchen, Tee trinken… geistig abheben! Nur die Männer übertreiben es immer. Fangen ihre Tage schon am Morgen mit einem Joint an! Herwig! Raucht alles weg, was da ist und ist am nächsten Morgen verkatert und genervt, weil er kein Dope mehr hat. Nein, so schlimm hatte Simone es mit dem Haschischrauchen nie getrieben. Dann kriegt man nichts mehr auf die Reihe, das ist doch klar. Hasch macht lasch.

Sie mag Herwig, Jesebills Vater, immer noch. Aber wie kann man sich derartig hängen lassen? Sie möchte ihr Leben in den Griff bekommen. Sie möchte nicht nur träumen, sondern auch Träume wahr werden lassen. Und dazu muss man etwas tun. Arbeiten zum Beispiel.

Jetzt allerdings rumort etwas mächtig in ihr. Dieser Ort in der Hamburger Karolinenstraße, dieses Lorien, dieser Swami Anand irgendwas… herrjeh, was immer das da ist mit diesem Therapeuten und diesem Guru, ach, am liebsten würde sie ständig dorthin fahren. Hat sie das eigentlich schon Janine erzählt? Dieses vegetarische Restaurant ist doch der richtige Ort für Janine mit ihrem geplanten Kochbuch

Das Grau lichtet sich, am Himmel erhebt sich ein herrliches Blau, alles glitzert und ist sehr hell. Simone schleicht ins Dachgeschoss und stibitzt sich ein Krümelchen aus Vanessas Tabakspäckchen, nur ein bisschen Dope, das reicht, mehr braucht sie gar nicht, nur einen kleinen Joint rauchen. Das inspiriert. Bis Jesebill sie sucht: „Was machst du da?“ „Nichts mache ich hier, hallo mein Schatz. Komm, jetzt basteln wir die tollsten Sachen für Weihnachten.“

Seit sie sich noch einmal aufgemacht hat, in dieses spirituelle Zentrum in der Karolinenstraße zu gehen ist Simone wie ausgewechselt. Man kann da für 3 Mark einfach mitmeditieren. Das heißt, sich Schütteln und Tanzen nach dieser unglaublich lebendigen Musik, das nennen sie Kundalinimeditation. Die Musik ist aus dem Ashram in Poona, sagen sie. Es hängen drei Bilder dieses Meisters an den Wänden des Meditationsraumes. Will Simone Schülerin eines Meisters aus Indien werden? Was ist der eigentlich für ein Meister?

Ihre Schwester Janine ist seit einiger Zeit vom Buddhismus angetan. Janine hat ein Buch von einem richtigen buddhistischen Lama. Sie hatte mal das Glück von einem tibetischen Rinpoche bestimmte Meditationsanweisungen zu bekommen. Nun meditiert sie täglich. Ganz still. Sie macht kein Ding daraus, eher ist Janine schüchtern damit und redet nicht viel darüber.

„In wessen Tradition steht dieser Guru Bhagwan Shree Rajnesh, der in Indien einen Ashram betreibt, wo sie alle hin wollen und so von schwärmen?“, fragte Janine Simone. Simone bemüht sich in dem Zentrum in der Karolinenstraße herauszubekommen, was das hier alles bedeutet. Simone holt sich nun öfter Janines Bücher über die östlichen Religionen und sucht in der öffentlichen Bücherei in Pinneberg alles was sie über Indien finden kann. Manchmal findet Simone in Janines Büchern Passagen, die ihr wie kardinale Erkenntnisse über die Existenz des menschlichen Daseins an sich einleuchten und über die sie tage- bis wochenlang nachdenkt. Manchmal wiederum hat sie den Eindruck, dass sie überhaupt nichts von den Dingen, die sie da liest, versteht.

Simone und Gitta hatten zu ihrer Teeniezeit für die Beatles geschwärmt. Die Wellen der östlichen Religionen, als die Beatles ihren Trip nach Indien vertonten, kam auf diese Weise auch nach Heringsbüll. Gitta übte damals `Across the Universe´ auf der Gitarre. Sie, die Freundinnen Iris, Viola und die Besenbinderschwestern hörten einen ganzen Sommer lang die Sgt. Peppers Lonely Heard Club Band LP und dann auch das Weiße Album. Dann brachte George Harrison `My Sweet Lord´ heraus, das Janine und Vanessa sogar bei ihrer Konfirmation in der Kirche auflegen durften. Schon damals saßen Gitta und die Besenbinderschwestern mit Viola und Iris am Lagerfeuer und stellten sich ganz wage vor, einmal nach Indien zu reisen und einem Guru zu begegnen um in den Zauber der Meditation eingeführt zu werden.

`Was nun sind diese Sannyasins des Gurus Bhagwan?´ , fragt sich Simone. „Sannyasins sind der Welt Entsagende“, weiß Janine, „das ist Tradition in Indien, so heißen dort die hinduistischen Bettelmönche. Und Gurus (geistige Lehrer) gibt’s in Indien übrigens sehr viele.“ „Sicher?“, fragt Simone. „Diese Sannyasins von dem Guru Bhagwan schütteln sich wild und tanzen ausgelassen. Und sie lachen so viel. Ist das denn Meditation? Ist das der Welt entsagen?“ „Weiß nich“, sagt Janine, „vielleicht sind das eher bioenergetische Übungen?“ Janine ist ausgesprochen belesen, was diese Dinge angeht.

Janine hatte sich nach der Schule zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Vanessa für eine Büroausbildung entschieden, weil beide vor allem erst mal Geld verdienen wollten. Jetzt interessiert Janine sich sehr für neue Wege zur Gesundheit und denkt, dass sie besser hätte studieren sollen. Sie liest nicht nur viel, sie besucht auch die Unibibliothek, wenn sie mehr wissen möchte, als man in der Bücherei und in Bücherläden finden kann.

Über diesen Bhagwan gibt es keine Literatur, das findet Janine schnell heraus, der steht in keinerlei Tradition. Man findet über ihn nur das, was seine Sannyasins selbst von ihm veröffentlichen. Aber das haben die Schwestern noch nicht entdeckt. Janine ist skeptisch. Simone begeistert: „Es fühlt sich so gut an“, sagt Simone.

Mit einer Energie, über die sich alle wundern, besorgt Simone nun Goldpapier, Schleifen in Fünfmeterrollen, Bastelstroh und vielerlei, um hervorragende Weihnachtsgestecke zu fabrizieren. Sie ruft alle zusammen: „Mithelfen! Weihnachtsgeld erwirtschaften!!“ „Was hat dich denn bloß für ein Affe gebissen“, meint Edna verwundert, wie Simone in einem leuchtorangenem Flatterkleid auf und ab und hin und her durch alle Räume des Hauses fegt. „Affe?“ Simone kichert. „Affe würde ich den nicht nennen.“ „Wie?“, Edna lächelt: „Hast du dich verliebt?“ Simone wird rot, im Gesicht auch. „Sag ich nicht.“