Bianca Exklusiv Band 397 - Tracy Madison - E-Book

Bianca Exklusiv Band 397 E-Book

Tracy Madison

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Beschreibung

EIN DADDY FÜR HENRY von TRACY MADISON

Die zarte Brünette, der süße Bengel an ihrer Seite – als die beiden sein Restaurant verlassen, tut es Dylan fast leid. Dann sieht er, dass sie in einem Auto auf dem Parkplatz schlafen: Er muss helfen! Auch wenn Mutter und Söhnchen morgen wieder aus seinem Leben verschwinden …

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Nicht noch einmal wird Grady ihren sehnsuchtsvollen Blicken erliegen! Schließlich hat sich Marissa vor Jahren für einen anderen entschieden. Auch wenn jetzt die Versuchung übermächtig ist, ihre sinnlichen Lippen zu küssen: Vertrauen kann der Rancher ihr bis heute nicht …

VERTRAU DEM GLÜCK, JOSEPHINE! von JOANNA SIMS

Neues Glück für Josephine? Logan Wolfs ungewohnt charmante Art lässt sie schnell ihren Trennungsschmerz vergessen. Aber kaum findet sie in Logans Armen den Glauben an die Liebe wieder, kehrt plötzlich ihr reuiger Ex zurück und verlangt eine unmögliche Entscheidung …

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Tracy Madison, Helen Lacey, JoAnna Sims

BIANCA EXKLUSIV BAND 397

IMPRESSUM

BIANCA EXKLUSIV erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Julia Fischer (v. i. S. d. P.)Grafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion)

Neuauflage 2026 in der Reihe BIANCA EXKLUSIV, Band 397

© 2015 by Tracy Leigh Ritts Originaltitel: „Dylan’s Daddy Dilemma“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Valeska Schorling Deutsche Erstausgabe 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg,in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 54

© 2015 by Helen Lacey Originaltitel: „Three Reasons to Wed“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Johannes Heitmann Deutsche Erstausgabe 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg,in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 41

© 2015 by JoAnna Sims Originaltitel: „A Match Made in Montana“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer Deutsche Erstausgabe 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg,in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 28

Abbildungen: drubig-photo / Adobe Stock, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751538183

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL

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Tracy Madison

Ein Daddy für Henry

1. KAPITEL

Und was jetzt?

Niedergeschlagen und erschöpft nahm Chelsea Bell ihren vierjährigen Sohn an die Hand und ging mit ihm zu dem schäbigen Chevy Malibu zurück, mit dem sie die zweihundertsechzig Meilen von Pueblo nach Steamboat Springs, Colorado, gefahren waren.

Henry fragte nicht, warum sie zu ihrem Wagen zurückkehrten. Er kam bereitwillig mit, den kleinen Körper gegen den eisigen Wind gestemmt. Was erstaunlich war, da sie ihm wenige Minuten zuvor noch versichert hatte, dass sie endlich an ihrem Ziel angekommen waren und dieses schöne Haus hier mit der tollen Aussicht auf die Berge ihr neues – wenn auch nur vorübergehendes – Zuhause sein würde.

Der Haussitter-Job wäre genau das Richtige für einen Neuanfang gewesen. Fünf Monate lang ein Dach über dem Kopf und ein anständiges Gehalt bedeuteten, dass sie Zeit haben würde, sich einen festen Job und eine kleine, günstige Wohnung zu suchen. Leider hatte sie nur wenige Sekunden nach ihrer Ankunft erfahren müssen, dass sie die weite Strecke vergeblich zurückgelegt hatte. Der Job war nämlich schon an jemand anderen gegangen – und schuld daran war die Kombination aus einer gehörigen Portion Pech, schlechtem Timing und ihren falschen Entscheidungen.

Zuerst hatte ihr Wagen gestreikt und schnell noch repariert werden müssen. Der Mechaniker riet ihr, sich einen neueren Wagen zuzulegen, anstatt Geld in die alte Schrottkiste zu stecken, aber natürlich hatte sie sich keinen neueren Wagen leisten können und sich daher für die provisorische Lösung entschieden und einen Teil ihrer ohnehin schon mageren Ersparnisse dafür geopfert.

Dann war Henry ausgerechnet an ihrem Abreisetag mit Magen-Darm-Grippe aufgewacht, was die Abfahrt noch weiter hinausgezögert hatte. Chelsea hatte ihre künftigen Arbeitgeber zwei Mal angerufen und ihnen jeweils eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen, bevor auf ihrer Handykarte kein Guthaben mehr war, hatte jedoch nicht direkt mit ihnen gesprochen. Da sie ohnehin schon so viel Geld für ihren Wagen ausgegeben hatte und vielleicht noch ausgeben musste, hatte sie beschlossen, ihre rasch dahinschwindenden Finanzen zusammenzuhalten und die Karte vorerst nicht wieder aufzuladen.

Offensichtlich ein Fehler, denn als die Hausbesitzer vergeblich versucht hatten, sie zu erreichen, waren sie davon ausgegangen, dass sie abgesprungen war. Was Chelsea ihnen nicht verdenken konnte. Vermutlich hätte sie in der gleichen Situation ähnlich reagiert. Zu verstehen, warum sie sich jetzt in diesem Dilemma wiederfand, änderte jedoch nicht das Geringste an ihrer Zwangslage.

Kein Zweifel, sie steckte tief in der Patsche.

Zitternd vor Angst und vor Kälte öffnete Chelsea die Tür zum Rücksitz ihres Wagens. „Spring rein, Schatz“, sagte sie so fröhlich wie möglich. „Sieht so aus, als hätten unsere Pläne sich geändert. Was hältst du davon, wenn wir etwas essen gehen? Du hast bestimmt Hunger.“

„Ich dachte, wir bleiben hier.“ Henry kletterte auf seinen Kindersitz und rieb sich die Augen. Anders als die meisten Kinder schlief er nie gut im Wagen, sodass die lange Fahrt ihn ausgelaugt hatte. Wie Chelsea, aber sie war an den Zustand ständiger Erschöpfung gewöhnt. „Ich will nicht weiterfahren.“

„Wir fahren nicht mehr lange“, versprach sie. „Ich habe in der Stadt mehrere Restaurants gesehen und dachte, wir essen Burger mit Pommes.“ Sie schnallte ihn an und zauste ihm das sandfarbene Haar. „Es sei denn, du willst lieber ein Erdnussbuttersandwich?“

Um für die Reise zu sparen, hatten sie sich in den letzten Wochen fast nur von Erdnussbuttersandwiches ernährt. Ihr Sohn würde sich bestimmt für sein Lieblingsessen in einem echten Restaurant entscheiden. Eine Extravaganz, die Chelsea sich zwar absolut nicht leisten konnte, aber der Kleine brauchte nun mal etwas zu essen und sie eine Pause, um zu überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte.

„Au ja, Burger!“ Henrys kleines Gesicht hellte sich schlagartig auf. „Und ein Root Beer!“

„Milch“, widersprach sie. „Du hattest schon eine Limonade, als wir an der Tankstelle waren.“

„Saft?“

„Nein, Milch“, wiederholte sie, bevor sie die Tür zuschlug. Ihr Sohn war ein echtes Verhandlungsgenie.

Sie setzte sich hinters Steuer und steckte mit einem stummen Stoßgebet gen Himmel den Schlüssel ins Zündschloss. Der Motor stotterte und hustete, bevor er ansprang. Erleichtert seufzte sie auf und fuhr rückwärts aus der Einfahrt.

Henry blieb während der Fahrt ruhig. Vermutlich war er müde oder dachte noch über die Milch-Debatte nach. Chelsea holte tief Luft und versuchte, ihre aufkeimende Panik zu unterdrücken. Ihre Lage war schlimm. Richtig schlimm. Abgesehen von Henry – der sich darauf verließ, dass sie für ihn sorgte –, war sie allein in einer fremden Stadt, fast ohne Geld und ohne Dach über dem Kopf.

Tränen schossen ihr in die Augen.

Sollte sie umdrehen und nach Pueblo zurückkehren? Sie brauchte keinen Blick in ihr Portemonnaie zu werfen, um zu wissen, dass sie nur noch eine Fünfdollarnote und zwei Zwanziger besaß. Dazu ein paar Dollar in ihrer Manteltasche und vielleicht etwas Wechselgeld in ihrer Handtasche. Alles in allem keine fünfzig Dollar. Vielleicht gerade genug, um sie nach Pueblo zurückzubringen. Falls ihr Wagen während der Rückfahrt nicht endgültig den Geist aufgab. Aber wozu?

Sie hatte schon fast ihr ganzes Geld ausgegeben, und ehrlich gesagt zog sie nichts nach Pueblo zurück. Kein Zuhause. Kein Job. Keine echten Freunde.

Henrys Vater – wenn man Joel Marin überhaupt so bezeichnen konnte – war verschwunden, nachdem er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Jahrelang hatte sie kein Wort von ihm gehört, bis sie vor sechs Monaten plötzlich eine Postkarte von ihm bekam – eine verfluchte Postkarte aus Kalifornien –, auf der stand, dass er gerade an sie dachte und Hallo sagen wollte.

Wie bitte?! Fast fünf Jahre lang kein Wort, keine Unterstützung, kein Interesse an Henry, und dann das?! Und wie hatte er überhaupt ihre Adresse herausgefunden?

Chelsea hatte die Karte einfach in den Müll geworfen und den Gedanken an Joel verdrängt. Bis sie vor zwei Monaten erfuhr, dass er wieder in Pueblo war. Bisher war er nicht bei ihr aufgetaucht, aber allein die Tatsache, dass er in derselben Stadt lebte wie sie, hatte gereicht, dass sie die Entscheidung traf, ihre Sachen zu packen und wegzuziehen.

Sie wollte nichts mehr mit Joel Marin zu tun haben. Nie wieder. Und vor allem wollte sie ihn von Henry fernhalten. Ihr Sohn verdiente etwas Besseres als einen unreifen und verantwortungslosen Vater!

Also blieben ihr jetzt genau zwei Optionen: pleite, allein und ohne ein Dach über dem Kopf nach Pueblo zurückzukehren und damit rechnen zu müssen, dass Joel wieder in ihr Leben trat, oder fast pleite, allein und ohne ein Dach über dem Kopf in Steamboat Springs zu bleiben, aber ohne sich wegen Joel Sorgen zu machen.

Ein unangebrachtes Lachen stieg in ihr auf. So betrachtet, war die Entscheidung leicht. Lieber das bisschen Geld sparen, das sie noch hatte, und ihr Glück hier versuchen, als an einen Ort zurückzukehren, den sie schon immer hatte verlassen wollen.

Okay, Entscheidung gefällt. Jetzt brauchte sie nur noch einen Neuanfang. Und irgendwie würde sie ihn hinkriegen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass sie sich gegen widrige Umstände durchsetzte.

„Okay, Mommy“, sagte Henry vom Rücksitz aus. „Du hast gewonnen, ich trink Milch.“

„Wirklich? Gut zu wissen.“

„Ja! Aber mit Kakao!“

Chelsea wollte ihm schon widersprechen, doch dann gab sie nach. „Ich glaube, das lässt sich einrichten“, sagte sie amüsiert – trotz ihrer Ängste. Die Hartnäckigkeit ihres Sohns rief ihr immer wieder ins Gedächtnis, worauf es ankam. Sogar wenn die Welt um einen herum in Stücke zu zerbrechen drohte. Also würde Henry jetzt seinen Kakao bekommen, und dann würde Chelsea irgendeine Lösung einfallen. Irgendwie würde es schon weitergehen. „Danke, Henry.“

„Wofür?“

„Ach, keine Ahnung. Einfach dafür, dass du du bist?“

Henry lachte – ein Lachen, dessen Normalität und Lebensfreude etwas Tröstliches hatte und neue Hoffnung weckte. „Ich bin gern ich“, sagte er. „Das ist ganz leicht. Und macht Spaß!“

Nach diesem Motto sollte jeder leben, dachte Chelsea trocken, als sie auf den Parkplatz von Foster’s Pub and Grill bog.

Dylan hob den Blick, als die Tür des Restaurants aufging. Ein kleiner Junge stolperte herein, dicht gefolgt von einer Frau, die aller Wahrscheinlichkeit nach seine Mutter war. Sogar auf die Entfernung sahen die beiden etwas ramponiert und zerzaust aus. Und erschöpft, wenn er die hängenden Schultern der Frau richtig deutete.

Die Frau nahm ihren Sohn an eine Hand und ging mit ihm zu dem einzigen freien Tisch – einem winzigen für zwei Personen in der Nähe des Tresens. Sie zogen ihre Jacken aus und setzten sich. Die Frau – groß, etwas zu schmal und mit dunklen Haaren – schloss die Augen und atmete tief durch.

Ohne lange nachzudenken, griff Dylan nach zwei Speisekarten und ging zu ihnen hinüber. Natürlich nicht, weil sie ihn interessieren würden. Er half nur kurz aus. Das Foster’s war an dem Abend nämlich unterbesetzt, sodass seine Schwester Haley, die normalerweise im Büro arbeitete, zusätzlich bedienen musste. Da konnte es nicht schaden, sie etwas zu entlasten.

Allerdings war Haley eine erstklassige Kellnerin. Die neuen Gäste würden ihr schon auffallen. Was die Frage aufwarf, warum er sich dafür zuständig fühlte, den beiden die Speisekarten zu bringen. Zumal am Tresen eine Menge los war. Ach, egal, er würde einfach die Karten auf den Tisch legen und verschwinden. Den Rest konnte Haley dann übernehmen.

„Guten Abend“, begrüßte er sie, als er ihnen die Speisekarten reichte. „Wir haben heute mehrere Tagesspezialitäten, darunter …“

„Ich will einen Hamburger und ein Root Beer, aber Mommy sagt, ich muss Milch trinken“, unterbrach der Junge ihn lebhaft. „Also nehme ich Kakao und Pommes. Mit Dip!“

„Ranch-Dressing“, warf seine Mutter ein. „Und der Burger sollte durch sein und nur mit Käse und Senf belegt. Haben Sie …? Gibt es auch Kinderportionen?“

„Ja, gibt es.“ Dylan unterdrückte ein Grinsen wegen des Kleinen. Der Racker freute sich so auf seinen Burger, dass er ganz aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Was für ein aufgeweckter Kerl!

Dylan zog den Bestellblock aus der Tasche seiner Schürze und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Mutter, die, wie er feststellte, recht hübsch war. „Und was ist mit Ihnen? Brauchen Sie noch einen Moment, oder soll ich Ihnen die Tagesspezialitäten nennen?“

Diese Frage schien die Frau seltsamerweise in Verlegenheit zu bringen. Errötend senkte sie den Blick zum Tisch. „Oh. Ich … habe schon gegessen. Vielleicht eine Tasse Kaffee?“

„Stimmt doch gar nicht!“, widersprach der Junge. „Du hast nichts gegessen, seit wir heute Morgen ganz neu angefangen haben. Und da hast du nur ein Erdnussbuttersandwich gehabt und ein Glas Wasser.“

„Henry, ich …“ Sie sah ihn an und zuckte die Achseln. „Du hast recht, aber ich habe keinen richtigen Hunger, also …“, sie richtete den Blick auf Dylan, „… bitte nur den Kaffee.“

„Klar.“ Dylan notierte die Bestellung. Das gab ihm einen Moment Zeit, das, was er gerade mit angehört hatte, zu verdauen. Der Wortwechsel und die dunklen Augenringe der Frau ließen darauf schließen, dass sie Geldsorgen hatte. Nicht dass ihn das etwas anging. „Dann also einen Kaffee. Wie trinken Sie ihn?“

„Nur mit Milch.“

„In der Küche ist gerade eine Menge los, also könnte es etwas länger dauern als sonst. Ich lasse Ihnen zum Ausgleich einen Korb mit Brot bringen. Geht natürlich aufs Haus.“

„Das ist nicht nötig.“

„Mag sein, aber so machen wir das hier nun mal.“ Dylan drehte sich um und ging, bevor er der Frau womöglich noch eine freie Mahlzeit anbot. Denn genau das hätte er am liebsten getan, so hirnrissig das auch war. Er rettete grundsätzlich keine Frauen, die in einer Notlage waren. Nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Außerdem hatte sie ja vielleicht wirklich keinen Hunger … und auch keine Geldsorgen.

Vielleicht hatte er die Signale ja ausnahmsweise mal völlig falsch gedeutet.

„Mm, lecker!“, sagte Henry, als er die letzte Fritte in das Ranch-Dressing tunkte. „Ich mag unseren Neuanfang. Jetzt, wo wir nicht mehr fahren müssen, meine ich“, fügte er hastig hinzu.

„Das müssen wir definitiv nicht mehr, Schatz.“ Chelsea riss ein Stück Brot ab und kaute es langsam. Sie hatte tatsächlich Hunger gehabt, aber Henrys Gericht, ihr Kaffee und das Trinkgeld überstiegen ihre Verhältnisse weit. Also war sie trotz ihres Protests dankbar für das Brot.

Klar, sie hatten immer noch ein halbes Glas Erdnussbutter und ein Brot im Wagen und noch dazu Cracker, Müsliriegel und Saft. Sie wäre nicht gerade verhungert, aber es hätte ihr widerstrebt, an dem Abend noch auf ihre Vorräte zurückzugreifen. Schließlich würden sie vielleicht noch lange reichen müssen.

Als Henry seinen Burger aufgegessen hatte, hatte Chelsea die restlichen Dollar aus ihrer Manteltasche und das Wechselgeld aus ihrer Handtasche genommen und gezählt. Jetzt wusste sie zumindest den genauen Betrag: siebenundvierzig Dollar und zweiundsiebzig Cent, mehr nicht. Und wenn sie hier ihre Rechnung bezahlt hatte, blieben noch exakt siebenunddreißig Dollar und zweiundzwanzig Cent übrig.

Chelsea würde ihren Stolz hinunterschlucken und jemanden um Hilfe bitten müssen. Viele Optionen hatte sie nicht. Ihre Schwester Lindsay könnte sie fragen, falls es ihr gelang, sie zu kontaktieren, ohne dass deren Mann es mitbekam. Das war jedoch riskant.

Kirk war genau wie ihr Vater – ein Typ, der glaubte, dass Frauen nur dazu da waren, Männer von vorn bis hinten zu bedienen, und der Lindsays Leben komplett kontrollierte. Chelsea hatte vor der Hochzeit vergeblich versucht, ihn ihrer Schwester auszureden. Seitdem hatte Kirk nichts unversucht gelassen, sie auseinanderzubringen.

Größtenteils war ihm das auch gelungen, denn aus irgendeinem Grund wollte Lindsay die Wahrheit über ihren Mann nicht wahrhaben. Sie liebte Chelsea zwar und würde ihr sofort Geld schicken, doch Chelsea wollte ihr keinen Ärger machen.

Blieb also nur noch Melissa, eine Kollegin aus dem Diner, die immer sehr lieb zu ihr gewesen und sie vor ihrer Abreise gebeten hatte, in Kontakt zu bleiben. Aber sie war selbst alleinerziehend und hatte daher kaum genug Geld für sich selbst. Sie kam also auch nicht infrage.

Seufzend schüttelte Chelsea den Kopf. Sie hatte sich selbst in diese missliche Lage gebracht und würde sich irgendwie allein daraus befreien müssen. Jetzt stand sie wieder an genau dem Punkt, an dem sie angefangen hatte. Allein, ohne Rücklagen oder auch nur einen Menschen, auf den sie sich verlassen konnte.

Sogar ohne Plan B.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wünschte Chelsea, sie hätte sich nicht fast ihr ganzes Leben lang von allen abgeschottet und zumindest eine Person, der sie vertraute, in ihr Leben gelassen. Das Problem war nur, dass man Menschen erst mal einen Vertrauensvorschuss geben musste, um herauszufinden, ob sie vertrauenswürdig waren oder nicht. Und bis dahin konnten sie großen Schaden anrichten.

Ihrer Erfahrung nach war es das Risiko nicht wert. Aber hätte sie etwas mehr Glück gehabt und es hätte einen solchen Menschen in ihrem Leben gegeben, würde sie sich jetzt vielleicht nicht so einsam und nicht gut genug fühlen.

Ein Gefühl der Verzweiflung überwältigte Chelsea. Ihre einzige wirkliche Priorität in den letzten viereinhalb Jahren war Henry gewesen. Jede Entscheidung hatte sie seinetwegen getroffen, und jetzt … hatte sie versagt. Wenn sie in Steamboat Springs kein Motel fanden, das nur zehn Dollar die Nacht kostete, würden sie im Wagen übernachten müssen.

Lieber Gott, alles, nur das nicht!

Sie zwang sich, tief durchzuatmen, um trotz ihrer Panik einen klaren Kopf zu behalten. Ihr Blick fiel auf den Mann, der ihnen die Speisekarten gebracht hatte.

Er war groß und sehnig und arbeitete mit einer Souveränität hinter dem Tresen, die auf viele Jahre Erfahrung schließen ließ. Irgendwie hatte es eine beruhigende Wirkung auf sie, seine raschen und scheinbar mühelosen Bewegungen zu beobachten. Eine willkommene Ablenkung von ihren düsteren Gedanken. Also sah sie ihm weiter dabei zu, wie er Drinks einschenkte, ab und zu ein paar Worte mit seinen Gästen wechselte und dabei öfter lachte. Er fühlte sich offensichtlich wohl in seiner Umgebung. In seinem Leben. Sie beneidete ihn glühend darum.

Wann hatte sie sich zuletzt so wohl und aufgehoben gefühlt?

Nicht mehr seit dem Tod ihrer Großmutter Sophia. Chelsea war damals dreizehn gewesen. Bis dahin war Sophia Chelseas Zuflucht, ihr einziges Zuhause. Immer wenn sie Stress mit ihren Eltern hatte oder traurig war oder … Fast immer hatte sie sich zu ihr geflüchtet.

Aber Sophia konnte ihr jetzt nicht mehr helfen.

Chelsea nahm sich fest vor, nie wieder in eine solche Lage zu kommen, ganz egal, was sie dafür tun musste! Als Erstes brauchte sie einen sicheren und warmen Ort zum Schlafen für Henry und sich. Morgen, wenn die Sonne aufging, würde sie die ganze Stadt nach einem Job abklappern, egal welchem. Hauptsache, es ging irgendwie voran.

„Ich bin sofort wieder zurück“, sagte sie zu Henry. „Bleib ruhig sitzen.“

Henry hörte auf, mit seinem Strohhalm zu spielen, und setzte sich besorgt auf. „Wohin gehst du? Ich will mit!“

„Ich weiß, aber einer von uns muss hierbleiben, damit wir unseren Tisch nicht verlieren.“ Das stimmte sogar, aber das war es nicht, was Chelsea Sorgen machte. Sie wollte nicht, dass ihr Sohn mitbekam, in welcher verzweifelten Lage sie steckten. „Ich gehe nur kurz da rüber“, sagte sie und zeigte auf den Tresen. „Du kannst mich die ganze Zeit sehen. Ich werde nicht lange brauchen, aber falls du nervös wirst, kannst du jederzeit kommen, okay?“

„Okay“, sagte Henry nach kurzem Zögern.

Sie bückte sich und küsste ihn rasch auf den Kopf. Um ein Wunder betend ging sie auf den schönen antiken Tresen zu. Und den Barkeeper mit dem entspannten Lächeln und den lässigen, fast anmutigen Bewegungen. Sollte es in Steamboat Springs ein billiges – okay, fast kostenloses – Motel geben, wusste er es bestimmt. Und wenn sie ganz viel Glück hatte, fiel ihm vielleicht auch irgendein Job für sie ein.

Es war natürlich demütigend, einen Fremden um Hilfe oder auch nur um einen Rat zu bitten. Sie würde ihm irgendeine Version der Wahrheit erzählen und vielleicht sogar ihr Scheitern eingestehen müssen, damit er ihre Notlage ernst genug nahm.

Die Vorstellung war ihr so unangenehm, dass sie fast einen Rückzieher gemacht hätte. Fast. Denn sie hatte sich doch gerade vorgenommen, nichts unversucht zu lassen. Und dieser Typ da war ihre einzige Option.

Also gab sie sich innerlich einen Ruck und ging weiter.

2. KAPITEL

Dylan sah sie schon aus dem Augenwinkel, bevor er ihre Stimme hörte, was ihn so ablenkte, dass ihm das Bier überlief. Genervt goss er etwas von dem Schaum ab und säuberte das Glas mit einem Lappen.

Würde dieser Abend denn nie enden? Er war schon seit einer Stunde ziemlich durch den Wind – seit er der Frau und dem Kleinen die Speisekarten gebracht hatte. Warum, war ihm schleierhaft. Es war völlig überflüssig, sich Sorgen um irgendwelche Fremden zu machen.

Ganz egal, wie hübsch sie waren.

„Entschuldigen Sie bitte?“, wiederholte die Frau mit den dunklen Haaren etwas lauter. „Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“

„Ich habe gerade viel zu tun“, erwiderte Dylan schroffer als beabsichtigt und zwang sich zu einem Lächeln. „Warten Sie einen Moment.“

„Natürlich. Kein Problem.“

Erst zehn Minuten später, nachdem er zwei weitere Biere gezapft, mit einem Gast ein paar Worte gewechselt und den Tresen sauber gewischt hatte, kehrte er zu ihr zurück.

„Sie haben wirklich viel zu tun“, sagte sie verlegen, als er vor ihr stehen blieb. „Tut mir leid, dass ich Sie störe, aber ich brauche … einen Rat. Ich nehme an, Sie sind von hier?“

„Kein Problem, und ja, ich bin von hier. Was kann ich für Sie tun?“

Sie errötete. „Also, wir sind heute erst angekommen, wegen eines Jobs. Er … Es wurde nichts daraus. Also wollte ich Sie fragen, ob Sie mir vielleicht ein Motel nennen können, das nicht zu teuer ist? Wir sind nicht wählerisch.“

Dylans Verdacht, dass sie tatsächlich Geldsorgen hatte, bestätigte sich, auch wenn ihm das keine Genugtuung bereitete. Eine Menge Fragen schossen ihm durch den Kopf. Vor allem, warum sie wegen eines Jobs gekommen war, ohne eine Unterkunft zu haben? Das kam ihm unklug und kurzsichtig vor, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sie ein Kind dabeihatte.

„Das dürfte schwierig werden. Es ist das letzte Skiwochenende, also ist die Stadt voller Touristen. Ich bezweifle, dass Sie überhaupt ein Hotel finden, das noch ein Zimmer frei hat, teuer oder nicht.“

Dabei sollte er es eigentlich bewenden lassen … aber er brachte es nicht fertig. „Ich kann ja mal das Telefonbuch holen und ein paar Motels markieren, wenn Sie wollen. Dann können Sie dort anrufen.“

Die Frau nickte dankbar und sah mit besorgtem Blick zu ihrem Sohn. Ihm fiel auf, dass sie schöne tiefblaue Augen mit langen dunklen Wimpern hatte. Augen, in denen keine Angst – ganz egal, wovor – zu sehen sein sollte.

Noch so ein idiotischer und für ihn untypischer Gedanke. Dylan verdrängte ihn sofort, holte das Telefonbuch und markierte rasch die drei billigsten Motels, die ihm einfielen und die keine Absteigen waren. Er legte ihr das Buch und das Bar-Telefon hin. „Hier, bitte. Wenn Sie sonst noch etwas brauchen, sagen Sie ruhig Bescheid.“

„Ehrlich gesagt wollte ich Sie fragen, ob Sie zufällig von einer freien Stelle wissen? Jetzt, wo wir schon mal hier sind, dachte ich, wir können genauso gut bleiben.“ Wieder errötete sie verlegen. „Wir kommen nämlich von weit her. Es macht keinen Sinn, wieder umzukehren.“

Dylan öffnete den Mund, um ihr die Wahrheit zu sagen: dass die Chancen jetzt nicht gut standen, einen Job in Steamboat Springs zu finden. Die meisten Läden reduzierten nämlich gerade – so wie das Foster’s – ihre Saisonkräfte. Bis zur Sommersaison würden sie niemanden einstellen.

Aber irgendwie brachte er das nicht übers Herz. Die Angst und Verzweiflung in ihren Augen hielten ihn davon ab.

„Lassen Sie mich darüber nachdenken“, sagte er, um ihre Hoffnungen nicht schon im Keim zu ersticken. Was lächerlich war, er konnte die Wahrheit ja nicht ändern. „Kümmern Sie sich doch schon mal um ein Zimmer, und ich sehe, was ich tun kann, okay?“

Sie sah ihn mit einer Mischung aus Erleichterung und Dankbarkeit an – und vielleicht sogar etwas Überraschung. Ihre angespannten Gesichtszüge wurden weicher. „Danke“, sagte sie leise. „Ich bin übrigens Chelsea. Und mein Sohn heißt Henry.“

„Schön, Sie kennenzulernen. Ich bin Dylan Foster.“

Er ging zum anderen Ende der Bar, um weitere Gäste zu bedienen. Währenddessen dachte er über Chelseas Bitte nach. Das Foster’s brauchte niemanden, genauso wenig das Sportgeschäft seiner Familie. Schon möglich, dass sie in der Stadt einen Job finden könnte, aber er wüsste nicht, wo. Und warum sollte er auch? Chelsea war schließlich erwachsen und trotz ihrer Wirkung auf ihn eine Fremde. Er hatte keine Veranlassung, ihr zu helfen.

Oder sich für sie verantwortlich zu fühlen.

Doch als er sich nach einer halben Stunde nach ihr und ihrem Sohn umsah und sie nirgendwo entdecken konnte, verkrampfte sich sein Magen. Hatte sie inzwischen ein Hotel gefunden? Zurückgefahren war sie vermutlich nicht, obwohl sie hier ohne Job und ohne Wohnung eigentlich nichts hielt …

Dylan verdrängte diese Gedanken – warum zum Teufel machte er sich überhaupt welche? – und kehrte an die Arbeit zurück. Er würde keine Zeit mehr damit verschwenden, über eine Frau nachzudenken, die er vermutlich nie wiedersehen würde.

Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Endlich war Sperrstunde – Gott sei Dank! Eine weitere Stunde verbrachte er damit, die Bar aufzuräumen.

Bevor er den Pub verließ, verabschiedete er sich in der Küche von seiner Schwester Haley und ging dann zu seinem Wagen, den er ganz hinten auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Der Wind war so kalt, dass er seinen Mantelkragen hochschlug. Kaum vorstellbar, dass bald Frühling sein würde.

Er hatte den Parkplatz halb überquert, als er das Stottern und Husten eines Motors hörte. Ein gestrandeter Gast? Schon möglich. Vermutlich jemand aus dem Ort, denn die Touristen hatten meistens Mietautos, die neuer und selten störanfällig waren.

Er blieb stehen, um abzuwarten, ob der Motor anspringen würde. Fehlanzeige. Das Stottern und Husten ging weiter, und die Pausen dazwischen wurden immer länger. In nur wenigen Minuten würde die Batterie leer sein.

Oh Mann, das hatte ihm gerade noch gefehlt!

Doch da seine Eltern ihm beigebracht hatten, Menschen in Not zu helfen, änderte Dylan seine Richtung und ging zum Wagen. Vielleicht brauchte der Motor ja nur etwas Starthilfe. Falls nicht, würde er einen Abschleppwagen rufen.

Als er sich dem Wagen näherte – einem über zehn Jahre alten Chevy Malibu, wie er feststellte –, schien der Motor endgültig den Geist aufzugeben. Dylan verzog das Gesicht. Wann würde er endlich nach Hause können?!

Hungrig, müde und … ziemlich verärgert, blieb Dylan nur wenige Zentimeter von dem Auto entfernt stehen. Als er sah, wer hinter dem Steuer saß und verzweifelt versuchte, den Motor zu starten, blieb ihm fast das Herz stehen. Niemand anderes als die zu schmale, große dunkelhaarige Frau, die ihn schon den ganzen Abend gedanklich beschäftigte.

Chelsea.

Hinter ihr auf dem Rücksitz lag ihr Sohn Henry unter einer Decke und schien zu schlafen. Dylan stieß einen leisen Fluch aus. Er wusste sofort, dass sie kein Hotel gefunden hatte und die Nacht in dieser Klapperkiste verbringen wollte, deren Motor sich weigerte anzuspringen.

Eine schutzlose Frau mit einem kleinen Kind in einer fremden Stadt in einer kalten, windigen Nacht und ohne Heizung. Seine Verärgerung wuchs.

Er ging weiter und klopfte an das Fenster auf der Fahrerseite. Erschrocken hob sie das Gesicht. Anscheinend hatte sie ihn trotz des gut beleuchteten Parkplatzes nicht gesehen.

Er zügelte seinen Ärger und signalisierte ihr, das Fenster runterzukurbeln.

Sie gehorchte nach kurzem Zögern.

„Das wird nichts“, sagte er, bevor sie den Mund öffnen konnte. „Aber selbst wenn, können Sie hier nicht schlafen. Das ist nicht sicher.“

„Wer sagt, dass ich hier schlafen will?“, erwiderte sie scharf. „Der Motor zickt immer, wenn es draußen kalt ist. Das wird schon noch. Alles gut.“

Alles gut?! Dylan unterdrückte einen weiteren Fluch. Seine Hoffnung auf neun Stunden Schlaf schraubte er im Geiste auf realistische sieben runter und schob seine kalten Hände in seine Jackentasche.

„Wenn etwas nicht gut ist, dann Ihre Situation hier“, sagte er betont langsam.

„Der Motor wird schon noch anspringen.“ Herausfordernd hob sie das Kinn. „Er ist bei der Kälte nur … etwas temperamentvoll.“

„Soso.“ Dylan fielen jede Menge Gegenargumente ein, doch er hielt den Mund. Er wollte Chelsea nicht unnötig verunsichern.

Aber er konnte sie und ihren Jungen auch nicht einfach allein lassen. „Wenn Sie wirklich glauben, dass Sie diesen Motor noch in Gang kriegen, warte ich solange. Und da Sie nicht hier übernachten wollen, nehme ich an, Sie haben ein Motelzimmer gefunden, also fahre ich hinter Ihnen her, um mich zu vergewissern, dass der Motor nicht wieder … temperamentvoll wird und Sie doch wieder liegen bleiben.“

„Fahren Sie ruhig nach Hause. Alles okay, wirklich. Das ist alles völlig unnötig.“

„Für mich nicht. Ich kann Ihnen auch ein Taxi rufen“, fügte er in der Hoffnung hinzu, dass er sich irrte, was ihre Übernachtungspläne anging. „Dann sind Sie sofort unterwegs. Ihre Entscheidung.“

„Nein, ich … Der Motor wird anspringen.“

„Das bezweifle ich.“

Statt einer Antwort drehte sie wieder den Schlüssel im Zündschloss … und dann noch mal … ohne Erfolg. „Los, komm schon“, murmelte sie verzweifelt, bevor sie es ein drittes Mal versuchte. Diesmal gab der Motor nur ein Jaulen von sich.

„Versuchen Sie es lieber nicht noch mal“, warnte Dylan. „Sie …“

Fluchend drehte Chelsea wieder den Schlüssel und … nichts. Weder ein Husten noch ein Keuchen. Noch nicht einmal ein Jaulen. Sie holte tief Luft. Ihre Schultern zitterten. Mehrere Sekunden verstrichen, bevor sie den Blick hob, und als sie es tat, sah er Tränen in ihren Augen schimmern.

Oh, verdammt!

„Ich habe kein Hotel gefunden, das ich bezahlen kann“, gestand sie leise. Ihr niedergeschlagener Tonfall passte zu ihrer ganzen Körpersprache. „Vielleicht springt der Motor erst wieder an, wenn es wärmer wird, aber das macht nichts. Ich habe jede Menge Decken im Wagen und … und …“

„Nehmen Sie Ihren Sohn, und steigen Sie aus“, befahl Dylan, bevor sie tatsächlich noch in Tränen ausbrach. Denn das würde ihm endgültig den Rest geben. „Ich nehme Ihr Gepäck. Auf keinen Fall schlafen Sie heute Nacht hier draußen.“

Sie sah ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Angst an. „Das ist keine gute Idee.“

„Haben Sie eine bessere?“ Keine Antwort. Dylan zählte bis drei und dann bis fünf. Er konnte ihren inneren Widerstand gut nachvollziehen … Er bewunderte sie sogar dafür. „Ich verstehe Sie ja. Das hier ist eine sehr unangenehme Situation, und Sie kennen mich nicht, aber Sie müssen mir glauben, dass ich nur eines will: schlafen. Aber das kann ich nicht, wenn ich Sie und Ihren Sohn allein hier in der Kälte zurücklasse. Lassen Sie mich Ihnen helfen. Bitte.“

„Ich weiß Ihre Hilfsbereitschaft zu schätzen.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ihr Angebot ist sehr großzügig, aber ich kann es nicht annehmen. Ich bleibe lieber hier und warte bis morgen.“

„Das ist doch total …“ Dylan unterdrückte das Wort „idiotisch“. Sie versuchte schließlich nur, sich zu schützen. Sie war offensichtlich fest entschlossen, im Wagen zu bleiben, aber er wollte und konnte sie und ihren Jungen nicht allein hierlassen, schutzlos der Kälte und anderen unvorhersehbaren Gefahren ausgesetzt.

„Okay, Sie haben gewonnen“, sagte er und entschied sich für die einzig verbleibende – und total unbequeme – Alternative. „Wenn Sie nicht mitkommen, schlafe ich ebenfalls in meinem Wagen. Ich fahre ihn nur kurz rüber.“

„Das können Sie doch nicht machen!“, protestierte Chelsea. „Das ist … übertrieben und …“

„Mir bleibt nichts anderes übrig“, erwiderte er barsch. „Sie entscheiden, was Sie machen, und ich entscheide, was ich mache. Es ist völlig überflüssig, darüber zu diskutieren.“

Sie starrte ihn an, und er starrte zurück. Niemand von ihnen sagte ein Wort. Irgendwann nickte sie und kurbelte das Fenster wieder hoch.

Dylan hatte kaum drei Schritte auf seinen Wagen zu gemacht, als sie hinter ihm herrief: „Warten Sie!“

Dylan blieb stehen, drehte sich um und stützte die Hände in die Hüften. „Ich warte!“

„Versprechen Sie mir, dass …“ Sie errötete wieder. „Sie sind doch kein Axtmörder oder so?“

„Nein.“ Er verzichtete darauf, sie darauf hinzuweisen, dass die meisten Axtmörder ihre Opfer nicht vorher warnten. „Ich finde Äxte ziemlich … unhandlich“, fügte er lächelnd hinzu – eher um sie zu beruhigen als aus Belustigung.

Erschrocken riss sie die Augen auf, doch dann begannen ihre Lippen zu zucken. Ein gutes Zeichen? „Ich verstehe. Also brauche ich mir keine Sorgen zu machen?“

„Nein. Ich würde meine Opfer eher in einer kalten Nacht in einen Wagen ohne Heizung setzen und warten, bis sie erfroren sind. Viel unblutiger.“

„Klar, aber nicht gerade effektiv.“ Sie lachte nervös. „Ich glaube Ihnen, dass Sie kein Axtmörder sind, aber sollte ich Ihr Angebot wirklich annehmen …“, seufzend warf sie einen Blick auf ihren schlafenden Sohn, „… erwarten Sie dann eine Gegenleistung? Ich meine, von mir?“

Lieber Gott!

Schlagartig löste sich Dylans Verärgerung in Luft auf. Es interessierte ihn nicht mehr, warum Chelsea es versäumt hatte, rechtzeitig für eine Übernachtungsmöglichkeit zu sorgen, oder warum ihr Job flöten gegangen war. Er sah nur eine verzweifelte Frau, die Angst davor hatte, einen hohen Preis dafür zahlen zu müssen, dass ihr Sohn es warm hatte.

Dylan musste plötzlich an seine Schwester Haley denken. Er konnte sie sich gut in einer ähnlichen Notlage vorstellen, obwohl sie noch keine Kinder hatte. Und die Vorstellung, dass sie dann in die Hände eines weniger anständigen Mannes fiel, war schrecklich. „Ich will nur eins“, sagte er und betete, dass Chelsea ihm glaubte. „Sie und Ihren Sohn in Sicherheit wissen. Das ist alles, ich schwöre.“

Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie innerlich hin- und hergerissen war. Irgendwann schloss sie seufzend die Augen und murmelte etwas vor sich hin, bevor sie nickte. „Ich werde Ihr Angebot annehmen. Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, aber …“, ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, „… ich muss Sie warnen! Ich finde Äxte nicht zu unhandlich. Ich habe mit Waffen generell kein Problem.“

Was hieß, dass sie ihm die Hölle heißmachen würde, wenn er zu weit ging. Tja, keine Sorge, so etwas sah ihm nicht ähnlich, so hingezogen er sich auch zu ihr fühlte. Es musste ihre Mischung aus Verletzlichkeit und innerer Stärke sein. Man könnte diese spezielle Mischung bei einer Frau auch Dylans Achillesferse nennen, weil sie seinen gesunden Menschenverstand ausschaltete und irgendwelche Urinstinkte in ihm weckte. Den Impuls, die Frau zu beschützen, zu verteidigen und zu versorgen.

Vor langer Zeit – es war schon so lange her, dass es in einem anderen Leben gewesen zu sein schien – hatte er eine Frau geheiratet, die genau die gleiche Kombination aus Hilflosigkeit und Stärke gezeigt hatte. Er war damals so fasziniert von Elise gewesen, dass er auf jedes Schluchzen, jedes zittrige Atmen und jedes geflüsterte Wort der Zuneigung reingefallen war. Sie war eine gute Schauspielerin gewesen. So verdammt gut, dass er nie mit ihrem Verrat gerechnet hätte.

Aber sie hatte ein anderes Leben gewollt als das, das sie führte. Sie hatte ihn nur als … Trittbrett benutzt. Denn kaum war ihr etwas Besseres über den Weg gelaufen, hatte sie sein Herz weggeworfen und war mit dem anderen durchgebrannt. Noch dazu schwanger. Nicht mit seinem Kind, dessen hatte er sich vergewissert, bevor er die Scheidungspapiere unterzeichnete.

Es schmerzte immer noch, dass er ihr nie wirklich etwas bedeutet hatte.

Aber er hatte aus dieser bitteren Erfahrung gelernt. Im Grunde war er selbst schuld gewesen. Er hatte die Anzeichen übersehen, dass sie ihn nur benutzte. Hätte er besser aufgepasst, hätte er sich eine Menge Schmerz und Demütigung ersparen können.

Nein, Dylan würde nie wieder einer starken Frau in Not ins Netz gehen, ganz egal, wie anziehend er sie fand.

Er konzentrierte sich wieder auf Chelsea, die ihn immer noch argwöhnisch ansah. Sie war genauso verletzlich und stark wie Elise – und … sie hatte Angst.

Ja, sie war seine Achillesferse.

„Ich habe verstanden“, sagte er schroffer, als er wollte. „Sie sind ein Profi, was Waffen angeht. Aber jetzt sehen wir zu, dass wir Sie und den Kleinen ins Warme bringen. Morgen früh lassen wir Ihren Wagen abschleppen, um herauszufinden, ob man ihn noch reparieren kann.“

Für einen Moment sah Chelsea so aus, als wolle sie wieder protestieren, doch dann stieg sie aus. Während sie ihren Sohn nahm, griff er nach den Koffern, auf die sie zeigte, und einem geflickten Teddybären, der schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Als Henry die Augen aufschlug und seine Mutter fragte, ob das jetzt ihr Neuanfang war, brach ihm fast das Herz. Doch da ihn das nur wieder ins Unglück stürzen würde, ließ er dieses Gefühl nicht an sich heran und nahm sich fest vor, Mutter und Sohn auf Distanz zu halten.

Das würde er schon irgendwie hinkriegen. Schließlich handelte es sich nur um eine Nacht.

Chelsea und ihrem Sohn zu helfen war das Richtige. Nicht mehr und nicht weniger. Am nächsten Tag würde sie vermutlich dorthin zurückkehren, von wo sie gekommen war. Und die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte, würde sich einfach verlieren.

Chelsea war fast schlecht vor Angst, als sie Dylan über den Parkplatz folgte. Sie festigte den Griff um Henrys Hand. Er war aufgewacht, als sie versuchte, ihn auf den Arm zu nehmen, und hatte darauf bestanden, selbst zu laufen. Sie wusste selbst nicht, warum sie so nervös war. Aber wieso sollte sie auch dem Wort eines Mannes trauen, den sie gar nicht kannte?

Weil ihr nichts anderes übrig blieb. Traurig, aber wahr.

Sie hatte vorhin sämtliche Hotels angerufen, die Dylan für sie markiert hatte, und anschließend noch ein paar mehr. Sie waren alle billig, aber nicht billig genug, und davon abgesehen hatte sowieso keins von ihnen ein Zimmer frei gehabt. Chelsea war so enttäuscht gewesen, dass sie einfach gegangen war. Henry hatte sie gesagt, dass sie etwas ganz Lustiges ausprobieren und im Wagen zelten würden.

Ihr lieber Junge hatte natürlich keinen Ärger gemacht und nicht viele Fragen gestellt. Er hatte nur genickt und sie wieder nach einem Root Beer gefragt. Aber in seinem Alter nahm er die Dinge noch, wie sie kamen.

Chelsea selbst hatte schon viele Rückschläge einstecken müssen. Als sie schwanger geworden war, hatte erst Henrys Vater sie im Stich gelassen, und dann hatten ihre Eltern sie auch noch rausgeworfen – obwohl das eher ein Segen als ein Fluch gewesen war. Sie hatte seitdem alles allein bewerkstelligen müssen. Eine Wohnung finden und einen Job. Herausfinden, wem sie trauen konnte. Und wie sie Henry die Mutter sein konnte, die er verdiente.

Und jedes Mal, wenn sie geglaubt hatte, Fortschritte zu machen, war etwas schiefgelaufen. Ein Feuer war in ihrem Apartmenthaus ausgebrochen. Der beste Job, den sie je hatte, wurde wegrationalisiert. Ihre Handtasche wurde gestohlen. Ihr Auto ging kaputt.

Eins nach dem anderen. Kaum erholte sie sich von einer Katastrophe, passierte schon die nächste. Es war, als habe das Schicksal beschlossen, ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Nicht nur Henry hatte gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen. Sie auch.

Aber das hier? Hilfe von einem Fremden anzunehmen und zu hoffen, dass er sich nicht in ein Monster verwandeln würde, sobald sie allein waren, war etwas völlig Neues – und machte ihr Angst. Sie hatte zwar das Gefühl, dass sie Dylan vertrauen konnte, aber ihr Verstand warnte sie davor, einen Riesenfehler zu machen.

„Meine Eltern haben früher über dem Restaurant gewohnt“, erklärte er, als sie sich der Hintertür näherten. „Später haben wir Kinder dort alle nacheinander gewohnt, aber jetzt nutzen wir die Wohnung nur noch für Besprechungen. Immerhin gibt es dort zwei Sofas und Decken, und es ist warm.“

„Klingt jedenfalls besser als der Wagen.“

Als sie die Restaurantküche betraten, ließ Chelsea Henrys Hand los, um in ihrer Handtasche nach etwas zu suchen, womit sie sich im Notfall verteidigen könnte. Nachdem sie eine Minidose Haarspray gefunden hatte, zog sie ihren Sohn an sich und ging etwas auf Abstand zu Dylan. Nur für alle Fälle.

„Darf ich morgen zum Mittagessen ein Root Beer haben?“, fragte Henry.

„Ja, Henry“, sagte sie – zu müde und zu nervös, um an den nächsten Tag zu denken.

„Er steht anscheinend auf Root Beer, oder?“ Statt auf ihre Antwort zu warten, zeigte Dylan auf eine Tür am anderen Ende der Küche. „Von dort geht es nach oben.“

„Ich mag diesen Neuanfang, Mommy“, sagte Henry, der Dylan ohne zu zögern folgte. „Das andere Haus war schön, aber dieses hier ist besser. Die Küche ist riesig, und es gibt Burger und Pommes!“

Sie stiegen eine Treppe hinauf, und Dylan öffnete die Tür am oberen Ende. Er knipste das Licht an.

„Sie haben vorhin Ihre Geschwister erwähnt“, sagte Chelsea, um ihre Nervosität zu verbergen. „Wie viele haben Sie? Älter oder jünger?“

„Drei. Eine jüngere Schwester und zwei Brüder. Einer ist älter, einer jünger.“

Chelsea wartete darauf, dass er weitersprach, aber da kam nichts mehr. Seltsamerweise war sie enttäuscht. „Ich habe eine jüngere Schwester.“

„Das ist gut. Familie zu haben ist wichtig.“

„Hängt von der Familie ab“, antwortete sie bei der Erinnerung an ihre Kindheit. An die ständige Unzufriedenheit ihres Vaters mit allem und jedem, allen voran Chelsea. An die Passivität ihrer Mutter oder, schlimmer noch, deren abfällige Bemerkungen. An ihre Unfähigkeit, den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. „Meine Familie ist nicht gerade intakt.“

Dylan sah sie forschend an, sagte aber nichts. Und das war okay so. Chelsea sprach grundsätzlich nicht über ihre Familie, mit niemandem. Zumindest nicht über die Details. Sie hatte nur mit dem Thema angefangen, weil sie so nervös war … und um das Schweigen zu brechen.

„Hier schlafen wir also?“, Henry sah sich neugierig um. „Es gibt keine Betten! Mommy, können wir eine Höhle unter dem Tisch bauen und dort schlafen? Wie in einem Zelt?“

Dylan legte lachend die Koffer und den Teddy auf den großen Tisch und zeigte auf eine kleine Küchenzeile. „Es müsste noch Wasser im Kühlschrank sein, und im Schrank sind Snacks.“

„Danke, aber wir haben alles, was wir brauchen“, antwortete Chelsea. „Das ist wirklich total nett von Ihnen, aber …“

„Komm, lass uns eine Höhle bauen!“ Henry lief zum Tisch und zog einen der Stühle weg. „So wie damals, als wir keine Betten hatten. Weißt du noch, Mommy?“

Sie errötete heftig. Natürlich wusste sie das noch. Das war nach dem Brand gewesen, bei dem fast alle ihre Sachen vom Rauch ruiniert worden waren. Es hatte Monate gedauert, bis sie auch nur die Hälfte ihrer entsorgten Gegenstände ersetzt hatte. Sie hatte sich kein neues Bett gekauft, nur eins für Henry. „Ja, Henry, ich erinnere mich. Ich weiß nicht recht, das hier ist nicht …“

„Nicht dass Höhlen nicht was Tolles sind, aber nebenan gibt es noch eine Art Pausenraum mit zwei Sofas, auf denen Sie schlafen können, und im Schrank dort müssten jede Menge Kissen und Decken sein. Da haben Sie etwas Privatsphäre. Es gibt sogar ein Bad. Fühlen Sie sich also ganz wie zu Hause.“

„Danke“, wiederholte Chelsea steif. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich bei Ihnen bedanken soll.“

„Keine Ursache. Ich tue nichts, was nicht jeder anständige Mensch auch tun würde.“

„Ich kann das nicht beurteilen. Wie dem auch sei, das ist sehr lieb von Ihnen. Sie hätten auch einfach an uns vorbeigehen können, aber das haben Sie nicht getan. Schon allein das ist mehr, als ich gewohnt bin – und ich …“ Sie klappte den Mund zu, wütend auf sich, weil sie so viel über ihr Leben preisgegeben hatte. „Danke“, wiederholte sie lahm. „Durch Ihre Hilfe brauchen wir jetzt nicht im Wagen zu schlafen.“

Dylan musterte sie voller Mitgefühl und Besorgnis. „Jemandem Hilfe anzubieten, der Hilfe braucht, ist doch selbstverständlich, vor allem, wenn es eine einfache Lösung gibt. Und das hier ist eine einfache Lösung. Die meisten Menschen, die ich kenne, würden genauso handeln. Wenn Sie solche Menschen nicht kennen, würde ich sagen, Sie haben den falschen Umgang.“

Chelsea hörte nicht sein Mitgefühl heraus, sondern fasste seine Worte als Vorwurf auf. „So habe ich das nicht gemeint“, sagte sie scharf. „Ich habe mich nur bei Ihnen bedankt. Warum können Sie nicht einfach ein Dankeschön akzeptieren?“

„Hört auf, euch zu streiten“, sagte Henry mit zitternder Stimme. „Ich mag das nicht.“

„Ach, Schätzchen, wir streiten uns nicht. Wir reden nur!“ Chelsea legte ihrem Sohn den Arm um die Schultern und drückte ihn liebevoll an sich. „Wir sind alle müde, mehr nicht. Mach dir keine Sorgen, mein Schatz.“

„Stimmt, niemand ist wütend“, bestätigte Dylan. „Wie deine Mom schon gesagt hat – wir sind müde. Es ist spät, und wir haben alle einen anstrengenden Tag hinter uns.“

„Ganz genau.“ Chelsea nahm die beiden Koffer und Henrys Teddy, der streng genommen ihrer war. Ein Geschenk von Sophia. „Lasst uns Gute Nacht sagen und etwas schlafen.“

„Gute Nacht.“ Henry zupfte an Dylans Hemd, sodass der gezwungen war, ihn anzusehen. „Und danke, dass wir nicht in unserem Wagen zelten müssen. Das war nämlich nicht so lustig wie gedacht. Und Mommy muss jetzt nicht mehr weinen. Ich mag es nicht, wenn sie weint.“

Chelsea bekam einen Kloß im Hals. Sie hatte nicht bemerkt, dass Henry sie gehört hatte.

Dylan blinzelte betroffen. „Ich mag es auch nicht, wenn meine Mom weint. Also gern geschehen, Henry. Ich freue mich immer, wenn ich helfen kann. Aber zelten kann auch Spaß machen, wenn das Wetter gut ist und man einen warmen Schlafsack und ein Lagerfeuer hat, an dem man Marshmallows rösten kann.“

Henry rieb sich schläfrig die Augen. „Nimmst du mich und Mommy mal mit? Ich glaube, sie weiß nicht, wie man ein Lagerfeuer macht.“

„Also, das krieg ich schon hin“, sagte Chelsea.

Sie verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, allein zu sein. Um nachzudenken, Ruhe zu finden und … sich zu sammeln. Sie lächelte Dylan verkrampft zu. „Nochmals danke. Und gute Nacht.“ Als sie die Tür zum Nebenraum öffnete, hörte sie Dylan hinter sich sagen: „Gern geschehen, Chelsea.“

Seltsamerweise hatte der Klang seiner Stimme eine tröstende und beruhigende Wirkung auf sie – trotz des hinter ihr liegenden schrecklichen Tages und des Unbehagens, Hilfe von jemandem annehmen zu müssen, dem sie gerade erst begegnet war. Doch Dylan hatte etwas an sich, was in ihr den Wunsch weckte, sich an ihn zu lehnen und … ihm einfach alles zu überlassen.

Wie idiotisch, sie kam schließlich gut allein zurecht!

Im Großen und Ganzen zumindest.

Doch als sie die Decken und Kissen aus dem Schrank auf den Sofas verteilte, musste sie an ihren Wunsch zuvor denken – wenigstens einen vertrauenswürdigen Menschen zu kennen.

Ob Dylan dieser Mensch sein könnte?

Unwahrscheinlich, denn wie er selbst so treffend gesagt hatte – er tat nur das, was jeder anständige Mensch tun würde. Aber trotzdem war es eine schöne Vorstellung. Schön und … hoffnungsvoll. Und sie konnte gerade jedes bisschen Hoffnung gebrauchen.

3. KAPITEL

Gähnend versuchte Dylan, es sich auf dem harten Fußboden bequem zu machen. Leider vergeblich. Wenn er nur halbwegs bei klarem Verstand gewesen wäre, hätte er sich eine Decke und ein Kissen geholt, bevor sich Chelsea und Henry ins Nebenzimmer zurückgezogen hatten. Aber jetzt war die Tür zu – vermutlich sogar abgeschlossen. Er konnte froh sein, wenn es ihm gelang, noch vier Stunden Schlaf zu bekommen.

Was soll’s, morgen war der letzte Tag der Saison! Danach würde er mehr als genug schlafen können.

Nachdenklich betrachtete er die Tür zu Chelseas und Henrys Zimmer und fügte mental das Abschleppen und die noch fragliche Reparatur ihres Wagens zu seiner To-do-Liste hinzu. Je schneller die beiden wieder abreisten, desto geringer war die Gefahr für ihn, nicht nur Chelseas Wagen, sondern auch ihr Leben reparieren zu wollen.

Er musste an das denken, was Henry gesagt hatte – dass Chelsea jetzt nicht mehr weinen musste.

Er schloss die Augen und spielte im Geiste alles noch mal ab, was er bisher von ihr gehört und gesehen hatte. Ihre Körpersprache und ihre Worte – das, was sie gesagt, aber auch was sie verschwiegen hatte –, ihre Angst und Verzweiflung und das bisschen, was Henry unbeabsichtigt rausgerutscht war.

Dylan hatte sich schon einiges zusammengereimt, bevor er sie in ihrem liegen gebliebenen Wagen gefunden hatte. Zum Beispiel, dass sie knapp bei Kasse war. Inzwischen hatte er den Eindruck, dass sie gerade eine richtige Pechsträhne hatte. Die meisten Menschen hatten Familie und Freunde, auf die sie sich in solchen Zeiten verlassen konnten, aber sie schien völlig allein dazustehen.

Was ihn natürlich überhaupt nichts anging.

Das Öffnen der Tür, gefolgt von einem überraschten Aufschrei, riss ihn aus seinen Gedanken. Als er den Blick hob, sah er Chelsea im Türrahmen stehen. Sie trug ein langes rosa T-Shirt und eine gestreifte Pyjamahose und sah so angespannt aus, dass er den Impuls verspürte, sie zum Lachen zu bringen.

„Mir fällt gerade ein, dass ich Ihren Nachnamen noch nicht weiß“, sagte er so harmlos wie möglich. „Sie kennen meinen ja bereits, aber falls sie ihn vergessen haben sollten – ich heiße Foster.“

„Ach. Also … unser Name ist Bell“, antwortete sie zögernd.

„Schön, Sie offiziell kennenzulernen, Chelsea Bell.“ Dylan fragte sich, ob es irgendwo einen Mr. Bell gab oder ob Chelsea nie geheiratet hatte und Henry ihren Nachnamen trug. Noch etwas, was ihn nichts anging. „Sind Sie aufgewacht, oder wollten Sie mich sprechen?“

„Ich … Nein, ich wollte mir nur eine Flasche Wasser holen. Ich habe gar nicht mit Ihnen gerechnet. Ich dachte, Sie wären nach Hause gefahren und …“ Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe. „Das war natürlich dumm von mir. Warum sollten Sie uns hier allein lassen? Ich könnte schließlich eine Diebin sein oder …“

„… eine Axtmörderin?“, ergänzte Dylan. „Sorry, aber ich fürchte, wir haben hier gerade keine Axt parat. Und falls Sie eine Diebin sind, können Sie nicht besonders erfolgreich sein.“

„Ach ja? Wie kommen Sie darauf?“

„Na, fangen wir mal mit Ihrem Wagen an.“

„Vielleicht bin ich ja eine erstklassige Diebin, und mein Wagen ist nur … Tarnung.“ Sie lächelte unverhofft. Und sah plötzlich nicht mehr hübsch aus, sondern schön. Atemberaubend schön sogar. „Um meine wahren schändlichen Absichten zu verbergen. Ich könnte ja jede Menge Gold und Diamanten im Kofferraum versteckt haben.“

„Gold und Diamanten? Gut zu wissen, dann lassen wir Ihren Wagen morgen nicht reparieren, sondern kaufen Ihnen gleich einen neuen. Einen, der zu einer schändlichen Gold-und Diamantendiebin passt.“

„Ich …“ Sie löste sich vom Türrahmen und ging Richtung Küchenzeile. „Wenn ich mir noch nicht mal ein Hotelzimmer leisten kann, ist erst recht keine Autoreparatur drin. Ich spiele mit dem Gedanken, den Wagen an einen Schrotthändler zu verkaufen. Vielleicht kriege ich ja noch ein paar Hunderter dafür.“

„Ich habe mir schon gedacht, dass Sie nicht das Geld für das Abschleppen oder die Reparatur haben. Aber ich würde es Ihnen leihen. Das ist kein Problem.“ Er fragte sich, was für ein Typ Frau in Not sie wohl war. Würde sie vehement protestieren, bevor sie schließlich doch nachgab und seine Hilfe annahm? Oder würde sie wie Elise sein und sich einfach nur bedanken? Oder ganz anders reagieren? „Sie können es mir zurückzahlen, wenn Ihre Situation sich stabilisiert hat. Keine Eile.“

Chelsea blieb abrupt stehen und runzelte die Stirn. Sie schüttelte den Kopf, als habe sie Wasser ihm Ohr. „Was haben Sie gerade gesagt?“

Okay, also eine andere Reaktion. Dylan wiederholte sein Angebot wortwörtlich. Und wartete gespannt.

„Danke, aber nein.“ Ihr Blick, ihre Stimme – alles an ihr – waren kühl und sachlich. Hatte er sie verärgert? Anscheinend ja. „Es ist leider so, dass ich ein paar Hundert Dollar in meinem Portemonnaie besser gebrauchen kann als eine Autoreparatur und wer weiß wie hohe Schulden bei Ihnen. Also nein danke.“

Das war ihr voller Ernst. Und verriet Dylan eine Menge über ihren Charakter. Mehr vielleicht, als ihr lieb war. Was noch lange nicht hieß, dass er ihr vertraute oder wollte, dass sie blieb. Bisher hatte erst einmal in seinem Leben eine Frau eine solche Wirkung auf ihn gehabt: Elise. Und was hatte ihm das gebracht? Nichts als Kummer.

„Okay.“ Er ging an Chelseas Stelle zum Kühlschrank und warf ihr eine Flasche Wasser zu. Mühelos fing sie sie auf. „Ich fahre Sie morgen zum Schrotthändler und anschließend zur Bushaltestelle. Und falls meine Zeit knapp wird, springt bestimmt jemand von meiner Familie ein.“

„Sie haben für jedes Problem eine Lösung, was?“

„Ich gebe mir zumindest Mühe.“ Er musterte sie interessiert. Sie war nicht nur verärgert, sondern … stinksauer. „Ist was daran verkehrt?“

„Nein.“ Sie holte tief Luft und wartete ein paar Sekunden, bevor sie sie wieder ausstieß. „Wenn ich es recht bedenke doch. Ja, daran ist etwas verkehrt.“

„Was denn?“

„Nur dass … Sie kennen mich nicht, und ich kenne Sie nicht. Es ist nicht Ihre Entscheidung, was ich mache. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe heute Abend, aber ab morgen kümmere ich mich wieder selbst um meine Angelegenheiten und überlasse Sie Ihren. Ich werde Ihre oder die Hilfe Ihrer Familie nicht brauchen, um zur Bushaltestelle zu kommen. Außerdem will ich noch nicht mal dahin.“

Verdammt! „Dann wollen Sie also bleiben?“

„Ja, das habe ich vor“, bestätigte sie. Sie senkte den Blick zu ihren Zehennägeln – sie waren dunkelrot lackiert – und seufzte tief, bevor sie ihn wieder hob. „Ich habe Henry gesagt, dass wir hier ganz von vorn anfangen. Ich will ihn nicht wieder enttäuschen.“

Mist, Mist, Mist!

„Sie haben keinen Job“, rief er ihr ins Gedächtnis. „Und keine Wohnung.“

„Das finde ich schon. Und bis dahin …“, trotzig hob sie das Kinn, „… suche ich mir ein billiges Motel und bete, dass der Verkaufserlös des Malibu uns über Wasser hält.“

Bevor sich Dylans gesunder Menschenverstand einschalten und seinen verdammten Beschützerinstinkt verdrängen konnte, hörte er sich sagen: „Wenn Sie so darauf versessen sind zu bleiben, finden wir bestimmt eine bessere Lösung als ein billiges Motel. Ich rede mal mit meiner Familie. Vielleicht hat ja jemand einen Job für sie. Natürlich nur vorübergehend.“

Sie blinzelte überrascht … und gerührt. Hastig wandte sie den Blick ab. „Ich bin noch nie einem Mann wie Ihnen begegnet, aber so wahnsinnig nett Ihr Angebot auch ist – ich muss wieder Nein sagen.“

„Das haben Sie schon zu meinem Angebot, hier zu übernachten, gesagt und Ihre Meinung geändert.“

„Stimmt. Henry zuliebe.“

„Den gibt es immer noch zu berücksichtigen. Es sei denn, er ist aus dem Fenster geklettert und weggelaufen?“

Chelsea sah ihn an. Ihr Blick war weich und verletzlich und … schön. Es erforderte seine ganze Selbstbeherrschung, nicht zu ihr zu gehen, sie in die Arme zu nehmen und ihr zu versprechen, dass alles wieder gut werden würde. Dass sie sich keine Sorgen mehr zu machen brauchte.

Gott sei Dank gelang es ihm, diesen Impuls zu unterdrücken.

„Ich kann allein auf meinen Sohn aufpassen“, sagte sie. „Das mache ich schon seit dem Tag seiner Geburt, ohne dass mir je jemand zu Hilfe geeilt ist oder meine Probleme für mich gelöst hat.“

Dylan hielt das ehrlich gesagt für eine verdammte Schande, verdrängte diesen Gedanken jedoch. Er zuckte die Achseln. „Ich eile Ihnen nicht zu Hilfe, sondern biete sie Ihnen an, aber die Entscheidung, ob Sie sie annehmen oder nicht, liegt natürlich bei Ihnen.“

„Ganz genau. Und ich lehne sie ab. Außerdem habe ich schon alles durchgeplant.“

Dylan verzichtete darauf, ihr die zahlreichen Lücken in ihrem Plan aufzuzeigen. Zum Beispiel dass sie erst in frühestens zwei Wochen Geld kriegen würde, sollte es ihr tatsächlich gelingen, sofort einen Job zu finden. Und selbst das billigste Motel in der Stadt kostete sogar außerhalb der Saison um die fünfzig Dollar pro Nacht. Der Schrotthändler würde ihr höchstens fünfhundert zahlen, also würde sie sich gerade mal eine Woche lang über Wasser halten können.

Doch anstatt sie darauf hinzuweisen, nickte er nur. „Sie sollten jetzt versuchen, noch etwas Schlaf zu finden“, sagte er. „Morgen wird ein langer Tag. Für uns beide.“

Chelsea öffnete den Mund, als wolle sie noch etwas sagen, klappte ihn jedoch wieder zu, bevor sie in die Sicherheit ihres Zimmers verschwand.

Dylan blieb stehen und versuchte verzweifelt, sich nicht für sie und ihren Sohn verantwortlich zu fühlen. Denn das war er nicht – jetzt genauso wenig wie zuvor.

Klar, sie steckte in einer fast aussichtslosen Lage, aber sie weigerte sich nun mal, seine Hilfe anzunehmen. Er war also nicht länger zuständig.

Zu blöd nur, dass es sich nicht so anfühlte. Er brachte es einfach nicht fertig, sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Dylan stieß einen Fluch aus. Irgendwie würde er dafür sorgen, dass Chelsea und Henry Bell ihren heiß ersehnten Neuanfang bekamen, ohne dass sie etwas davon mitbekamen. Und sobald Chelsea einigermaßen versorgt war, würde er sich die beiden aus dem Kopf schlagen und alle Verantwortung von sich weisen. Ein für alle Mal.

Bevor seine Foster-DNA ihm womöglich wieder einen Streich spielte und ihn dazu bewog, etwas noch viel Verrückteres zu tun. Zum Beispiel, sich in Mutter und Sohn zu verlieben. Denn das wäre eine absolute Katastrophe!

Am nächsten Vormittag stand Chelsea draußen in der Kälte auf dem Parkplatz und versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen, als der Schrotthändler ihr nur dreihundertfünfzig Dollar für den Malibu bot. Insgeheim hatte sie auf fünfhundert gehofft, aber mit jeder Summe kam sie weiter als mit einem kaputten Wagen.

Dennoch, der Verlust des Malibu schmerzte.

Sie verdrängte ihre Tränen und ließ sich das Geld von dem Mann in die Hand zählen. Jetzt besaßen sie und Henry nur noch ihr Gepäck: ein paar Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände wie Henrys Spielzeug und Bücher sowie einige – sehr wenige – Erinnerungsstücke: die Babydecke ihres Sohns, zwei Fotoalben und die Rezepte ihrer Großmutter Sophia. Den Rest hatte sie weggeworfen oder Wohltätigkeitsorganisationen geschenkt.

Als sie am Morgen aufgewacht war, hatte Henry schon mit Dylans sehr sympathischer Mutter das Frühstück gemacht. Nach dem Frühstück hatten Chelsea und Dylan erst mal ihre Kartons und Koffer und Henrys Hochstuhl im Restaurant untergestellt.

Chelsea war von einer seltsamen Mischung aus Dankbarkeit und Angst erfüllt. Dankbarkeit, weil Dylan sie hatte ausschlafen lassen und solange auf Henry aufgepasst hatte – er und Margaret waren sogar jetzt bei ihm –, und Angst, weil ohne die Hilfe der beiden alles Mögliche hätte schiefgehen können. Andererseits hatte sie schon lange nicht mehr so tief geschlafen. Seltsam, dass sie sich in einer fremden Umgebung und mit einer ungewissen Zukunft vor Augen so gut hatte entspannen können.

Auch das gemeinsame Frühstück mit Dylan und seiner Mutter war weniger unangenehm gewesen, als sie befürchtet hatte. Bis jetzt konnte Chelsea sich daher nicht über ihren ersten Morgen in Steamboat Springs beschweren. Wenn sie nur nicht ihren Wagen hätte verkaufen müssen!

Seufzend trat sie einen Schritt zurück, als der Mann den Malibu zum Abschleppen vorbereitete. Sie kam sich vor wie eine Vollversagerin. Wo sollten sie und ihr Sohn bloß diese Nacht schlafen? Wie viele Tage oder Wochen oder gar Monate würde es dauern, bis sie sich wieder eine Existenz aufgebaut hatte?

Chelsea sah dem Malibu hinterher, bis er um eine Ecke verschwunden war, bevor sie ihren Tränen freien Lauf ließ. Sie musste sich erst wieder beruhigen, bevor sie zu Henry zurückkehrte. Der Kleine hatte keine Ahnung, wie prekär ihre Situation war, und das war auch gut so. 

Noch nie hatte sie sich so hilflos und verloren gefühlt. Sie hatte kein Zuhause. Oh Gott, ihr Sohn hatte kein Zuhause! Kein Zimmer, kein Bett, noch nicht mal einen Platz, an dem er seine Bücher oder sein Spielzeug verstauen konnte. Er hatte kein …

Hör auf damit!

Sie selbst hatte all diese Dinge als Kind gehabt und war trotzdem unglücklich gewesen. Nein, Henry hatte zwar gerade kein Zimmer und kein Bett, aber er hatte sie. Und sie würde ihn nie im Stich lassen, komme, was wolle.

Chelsea richtete sich auf – äußerlich und innerlich –, wischte sich die Tränen aus den Augen, verdrängte ihre Panik und ging zurück zum Restaurant.

Dylans Familie war genau zum richtigen Zeitpunkt aufgetaucht. Nachdem Haley von Dylan die wichtigsten Fakten erfahren hatte, war sie mit Henry in einen Nebenraum gegangen, damit Dylan in Ruhe mit den anderen reden konnte. Gott sei Dank hatte er nicht lange gebraucht, um sie zu überzeugen.

Natürlich waren sie sofort bereit gewesen, eine Mutter und ihr kleines Kind von der Straße zu holen. Sie hatten auch schon einen Plan, auch wenn die Details erst noch geklärt werden mussten.

„Okay, sie kommt“, informierte Dylan die anderen nach einem raschen Blick aus dem Fenster.

„Vielleicht erreichen wir auch gar nichts“, warnte Cole ihn. „Ich bin mir nicht sicher, dass Dee’s Deli jemanden sucht, und außer einem Hotel fällt mir nichts ein, wo die beiden übernachten könnten. Wir bräuchten mehr Zeit.“

„Klar, aber wir haben keine, und Chelsea wird bestimmt nicht noch mal hier übernachten wollen.“ Dylan beobachtete, wie sie den Parkplatz überquerte. „Sie braucht als Erstes einen Job, der Rest kommt später. Reid? Wie schnell kannst du herausfinden, ob euer Kinderarzt noch jemanden sucht?“

„Ich rufe Daisy an, sobald wir hier fertig sind. Aber Cole hat recht, wir brauchen mehr Zeit. Auch, um Chelsea kennenzulernen. Es wird ihr leichterfallen, einen Job zu finden, wenn ich ihr eine Empfehlung schreiben kann.“

„Sie ist ein guter Mensch.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Paul, der Patriarch der Familie. „Versteh mich nicht falsch, wir werden tun, was wir können, aber du kennst diese Frau erst seit ein paar Stunden.“