Biarritz - Andrea Sawatzki - E-Book
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Andrea Sawatzki

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Beschreibung

Konkurrentin und Vorbild – der Roman eines lebenslangen Konflikts Seit Jahren lebt Emilie im Altersheim. Längst hat sie zu sprechen aufgehört – und kommuniziert nur noch mit ihrer Freundin Rosi, ebenfalls Bewohnerin des Heims. Ihre Tochter Andrea scheint Emilie kaum wahrzunehmen, vielleicht lehnt sie sie sogar ab, das ist nicht so genau zu sagen. Liegt es an mangelnder Zuwendung der Tochter, sind es die Verletzungen, die sie über die Jahrzehnte einander zugefügt haben? In einem Akt der Erlösung entführt die Tochter ihre Mutter und deren Freundin und fährt mit ihnen ans Meer. Dorthin, wo ein lange vergangener Sommer positive Erinnerungen birgt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Piper Verlag GmbH, München 2025

Covergestaltung: Shutterstock.com

Coverabbildung: Cornelia Niere, München

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Marianne Kirschbaum erinnerte mich …

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Danksagung

Quellen

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Widmung

Für meine Mutter

Für Christian, Moritz und Bruno

Das Heute geht gespeist durch

das Gestern in das Morgen.

Bertolt Brecht

Man braucht nur eine Insel,

allein im weiten Meer.

Man braucht nur einen Menschen,

den aber braucht man sehr.

Mascha Kaléko

Marianne Kirschbaum erinnerte mich …

Marianne Kirschbaum erinnerte mich an meine Pflegemutter. Tante Suse.

Dass bei Tante Suse der Teller leer gegessen werden musste, war nur ein kleiner Teil ihrer Erziehungsmethoden, Kinder hatten zu gehorchen und den Mund zu halten. Auf jedes Widerwort folgte eine gesalzene Ohrfeige.

Trotzdem habe ich Tante Suse geliebt. Ich hatte den größten Respekt vor ihr, aber wenn ich ihren Ansprüchen genügte und brav war, konnte ich sicher sein, gut behandelt zu werden.

Wenn die Familie Besuch hatte, legte Tante Suse knallroten Lippenstift auf, und ich konnte die Augen nicht mehr von ihrem roten Mund abwenden. Manchmal schlich ich mich heimlich in den Flur, wo der Lippenstift in der Schublade unter dem Telefon lag und trug ihn heimlich auf. Ich wollte aussehen wie Tante Suse. So schön und so stolz und unbeirrbar. Einmal vergaß ich, den Lippenstift rechtzeitig abzuwischen, und bekam die Prügel meines Lebens.

Wenn Besuch erwartet wurde, musste ich den Tisch decken. Wichtig war, das kleine Holzfässchen aus dem Schrank zu holen und auf dem Wohnzimmertisch zu platzieren. Wenn man an einem Hebelchen zog, spuckte es Zigaretten aus, meistens HB, »wer wird denn gleich in die Luft gehen«. Daneben ein Gasfeuerzeug und ein Aschenbecher, der auf Knopfdruck die Kippen schluckte.

Wenn Besuch kam, wurde geraucht. Nur dann. Aber dann die ganze Nacht.

Meine Mutter hatte nie Besuch. Und sie machte sich nichts aus Schminke, weil sie davon überzeugt war, dass es bei ihrem Gesicht sowieso nichts mehr zu retten gab. Wir lebten unten in der Einliegerwohnung von Tante Suse, wo es wegen der Feuchtigkeit vor Kellerasseln nur so wimmelte. Der Boden war aus schwarz-weißen Steinfliesen, und wenn ich im Dunkeln durch den Werkzeugkeller zu unserer Wohnung huschte, knackten die Kellerasseln unter meinen nackten Füßen. In unserer Wohnung musste ich die klebrigen Asselreste von meinen Sohlen kratzen.

Tante Suses Kochkünste waren begrenzt. Montags Nierchen in Tomatensoße, dienstags Hühnersuppe mit Buchstabennudeln und Restknöchelchen, mittwochs Spaghetti Bolognese oder Leber mit Äpfeln und Kartoffelbrei, donnerstags Grießbrei oder Erdbeermatsche, freitags Fisch mit Gräten, samstags Quark mit aussortiertem Gartenobst, sonntags Schweinekotelett. Während des Essens war das Trinken nicht erlaubt, weil es die Speisen im Magen verdünnte. Bei Tante Suse gab es nur Wasser. Manchmal sauer gewordene Milch mit Zimt und Zucker. Statt Süßigkeiten Erdbeermatsche in Milch, wobei sie die Beeren aus dem Garten nahm, die man wegen ihrer leicht fauligen Konsistenz nur noch in zuckriger Milch runterbekam. Oder auch von Maden befallene Schwarzkirschen aus dem Garten. Statt Schokolade gab es mit Zucker verquirltes Eigelb, das ich aus meinem verblassten Plastikbecherchen löffelte.

Alles hatte seine Ordnung.

Bei meiner Mutter gab es Limonade von Vorlo. Und Schokolade und herrlich klebrige Zuckerstangen. Sie machte sich nichts aus gesunder Ernährung. Wenn sie nicht arbeitete, saßen wir manchmal vor dem Fernseher und aßen Salamischeiben ohne Brot. Oder Knäckebrot mit dick Butter und Tomatenketchup drauf. Der Leitspruch meiner Mutter lautete: Ich kann dein Leben nicht für dich leben. Ich kann dir nichts verbieten, dazu bin ich zu oft nicht zu Hause. Du musst deine eigenen Erfahrungen machen und selbst auf die Nase fallen, um daraus zu lernen. Ich helfe dir nachher wieder beim Aufstehen.

Sie war eine Früher-Mutter. Und sie war die beste Mutter auf der ganzen Welt gewesen.

Eigentlich.

Meine Mutter verkörperte das Chaos, Tante Suse Ordnung und Disziplin. Ich hätte also alle Voraussetzungen gehabt, in einer kalkulierbaren Welt aufzuwachsen. Aber dann kam mein Vater. Kaum hatte sich seine Frau das Leben genommen, packte meine Mutter unsere Koffer. Endlich in Sicherheit. Endlich einen Mann an ihrer Seite, wie alle anderen Frauen. Endlich respektiert werden und nicht mehr den Blicken der Nachbarn ausgeliefert.

1

Es regnete, als ich zum Pflegeheim fuhr. Und es war, wie mir plötzlich klar wurde, ein Dienstag. Das ist mir in den letzten zwei Jahren noch nie passiert, dass ich freiwillig unter der Woche in dieses Heim gefahren bin.

Vielleicht fuhr ich auch nur dorthin, weil ich wusste, dass meine Mutter nicht da war? So konnte ich ein paar Kleinigkeiten regeln, ohne nach ihr schauen zu müssen.

Ich hatte für sie über die Pflegedienstleitung einen Ausflug gebucht. Schloss Charlottenburg. Besichtigung und anschließender Besuch im Restaurant mit Kaffee und Kuchen. Ich bezweifelte, dass meine Mutter von der Besichtigung viel mitbekommen würde, aber Kuchen hatte sie immer gemocht.

Seit zwei Jahren starrte sie inzwischen vor sich hin, hockte vornübergebeugt in ihrem Rollstuhl, konnte kaum den Kopf heben, wenn ich vor ihr stand, um meinen wöchentlichen Besuch zu absolvieren. Aber da sie ihre eigene Tochter sowieso nicht mehr erkannte, war es eigentlich egal, ob sie den Kopf hob oder nicht.

Ich hatte mich in den letzten Jahren darauf beschränkt, sie nur noch an den Sonntagen zu besuchen. Sonntage waren immer schon dazu da gewesen, mit Verwandtschaftsbesuchen gefüllt zu werden.

Heute aber war Dienstag.

Ich hatte mir freigenommen. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und war hundemüde, und ich wollte bei der Arbeit nicht Mads über den Weg laufen. Nicht heute. Nicht, nachdem er gestern Abend angedeutet hatte, das Wochenende mit einer anderen Frau verbringen zu wollen. Dabei lag unsere Trennung noch gar nicht so lang zurück. Er musste sich mächtig ins Zeug gelegt haben, um so schnell einen Ersatz für mich zu finden.

Sicher hatte ich ihn vor den Kopf gestoßen mit der plötzlichen Entscheidung, doch nicht mit ihm zusammenzuziehen. Und ich bin ja selbst über meinen abrupten Sinneswandel irritiert. Der Plan war gewesen, gemeinsam am Wochenende eine Wohnung zu besichtigen. Der Plan war, endlich zusammenzuziehen. Aber dann hatte ich im letzten Moment kalte Füße bekommen.

Dabei mochte ich die Vorstellung unserer Zweisamkeit. Mads war nach den unzähligen Jahren, die ich allein verbracht hatte, in mein Leben geplatzt wie eine Leuchtrakete. Er hat mich sozusagen wachgeküsst, meine Weiblichkeit, die ich schon verdrängt hatte in dem Glauben, mit beinah sechzig zu alt zu sein für Verlangen und Zärtlichkeit.

Während ich in meinem VW-Bulli durch die grauen, regennassen Straßen Berlins fuhr, erinnerte ich mich an die erste Begegnung mit ihm. Es musste ungefähr die gleiche Jahreszeit gewesen sein. Juni. Und es hatte geregnet. Wie heute.

Ich bin Mads in der Kantine begegnet. Er ist mir sofort aufgefallen, auch wenn ich das niemals zugegeben hätte. Er stand an einem Tisch und unterhielt sich mit einer Gruppe junger Frauen. Anscheinend hatte er gerade einen Witz gemacht, die Frauen lachten etwas zu laut, wie Frauen das oft tun, um Gefallen zu demonstrieren und natürlich selbst zu gefallen. Sie stießen sich vor Vergnügen gegenseitig mit den Ellbogen in die Seiten. Mads ist jünger als ich, weshalb ich ihn eigentlich sofort abgehakt hatte. Und er sieht gut aus, wofür er einen weiteren Minuspunkt bekam. Gut aussehende Männer sind mir schon immer suspekt gewesen. Meine Mutter hat mich schon früh vor gut aussehenden Männern gewarnt.

»Männer wollen nur das eine. Die gut aussehenden sind die schlimmsten, denn die kriegen das eine auch, die kennen das gar nicht anders. Und wenn sie es bekommen haben, lassen sie dich fallen wie eine heiße Kartoffel.«

Ich weiß nicht, wie es ihr gelungen ist, mich mit dieser Feststellung so zu beeindrucken, dass ich zeit meines Lebens tatsächlich einen Bogen um gut aussehende Männer gemacht habe.

Vielleicht lag es an ihrer ganzen Haltung, an dem Bild, das sie mir mit auf den Weg gegeben hatte:

»Weißt du, Hanna, du bist nicht hübsch, du bist kein Mädchen, bei dem die Männer die Luft anhalten, wenn sie dich sehen. Aber du bist apart. Und das ist gut so, denn so kannst du sicher sein, dass diejenigen, die sich für dich interessieren, tatsächlich an dir interessiert sind und nicht nur an deinem Äußeren.«

Meine Mutter war auch kein Hingucker gewesen. Was dem unglücklichen Umstand geschuldet war, dass sie als Vierjährige kopfüber in ein Frühbeet der familieneigenen Gärtnerei gestolpert war. Das Frühbeet war mit einer Glasscheibe abgedeckt, um die Pflanzen vor Witterungseinflüssen zu schützen, und meine Mutter hatte nicht nur die Glasscheibe ruiniert, sondern auch ihre hübsche Nase, die nach dem Sturz nur noch an einem Fädchen hing und rasch und mit grober Nadel wieder angenäht wurde.

Ihre Stiefmutter hatte nach dem Unglück angeblich ausgerufen: »Ach Gott, jetzt ist die Nase auch noch hinüber, die war das Schönste an dem ganzen Kind!«

Ihre leibliche Mutter hatte sie im Alter von zwei Jahren verloren, ihr Vater nahm spontan deren Schwester zur Frau, mit der er bald das nächste Kind zeugte. Die kleine Emmi wurde den Angestellten der Gärtnerei anvertraut, man wusste nicht so recht, wohin mit ihr. Nach dem Tod der leiblichen Mutter gehörte sie nicht mehr direkt zur Familie. Die Angestellten erfüllten ihre Aufsichtspflicht, Emmi war nicht allein, das Leben erträglich, aber später in der Schule wurde sie wegen ihrer schiefen Nase gehänselt.

Als meine Mutter dreizehn wurde, erkrankte der Vater an Blasenkrebs. Die Einnahmen der Gärtnerei verebbten nach und nach, und Emmi musste die Schule abbrechen und als Kindermädchen bei einer englischen Familie in Bad Oeynhausen arbeiten, wobei die Bezeichnung Kindermädchen, wie sich bald herausstellte, ein dehnbarer Begriff war. Aus dem Kindermädchen wurde eine Hausangestellte und Putzhilfe, die sowohl für die Sauberkeit des Hauses als auch für die gesamte Wäsche verantwortlich war. Mit sechzehn Jahren floh sie nach Bethel und arbeitete mit Behinderten. Danach ging sie nach Köln und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester.

Mit den Jahren arbeitete sie sich bis auf die Privatstation hoch.

Die männlichen, zumeist wohlhabenden Patienten dort suchten Trost. Ihre Krankheiten konnte man reinen Gewissens als Wehwehchen abtun, jedenfalls waren sie gesund genug, um sich am Anblick einer jungen Krankenschwester zu erfreuen.

Meine Mutter war fünfundzwanzig Jahre alt, als sie von einem ihrer Verehrer ein Fläschchen französisches Parfüm geschenkt bekam, sie verliebte sich ein bisschen, obwohl der Patient dreißig Jahre älter war als sie. Aber vielleicht hatte sie schon damals ein Faible für ältere Männer.

Der Name des Parfüms war »Femme« von Rochas. Es war das erste Parfüm ihres Lebens und das erste Geschenk eines Verehrers. Da sie noch Jungfrau war und voller Hoffnung auf die Erfüllung ungekannter Sehnsüchte, bedeutete ihr dieses Geschenk viel. Sie öffnete das Fläschchen nie. Sie wusste, dass solch ein Parfüm viel Geld kostete, und sparte auf ein Eau de Toilette der gleichen Marke. Denn tragen wollte sie den Duft schon, dieses Erlebnis war eine Art Erweckung für sie. »Femme« von Rochas wurde der Duft ihres Lebens.

Leider war der Patient nicht nur charmant und erfolgreich, sondern auch verheiratet.

Meine Mutter war bei der Partnersuche zeit ihres Lebens zu spät dran gewesen, was sicher auch daran lag, dass sie sich mit ihrer verunstalteten Nase hässlich fand und es sie immer einige Überwindung kostete, einem Mann tief in die Augen zu blicken. Außerdem war sie wählerisch, sie stellte hohe Ansprüche. Ihre Auserwählten mussten beruflich erfolgreich sein, großzügig, intelligent, humorvoll, groß gewachsen und in jedem Fall gut aussehend, wobei sie letzteres Kriterium später immer leugnete. Erfüllten sie nur eines dieser Kriterien nicht, fielen sie bei meiner Mutter durchs Raster. So verlor sie ihre Unschuld erst im Alter von vierunddreißig Jahren. Und wurde prompt mit mir schwanger. Ein Kind zu bekommen war das Letzte, was sie sich gewünscht hatte.

Das Parfüm ihres Verehrers bewahrte sie in ihrem Kleiderschrank auf. Im Kleiderschrank versteckte sie all ihre Schätze, in dem festen Glauben, ich würde nicht dahinterkommen. Aber ich hatte meine Augen und Ohren überall. Mir entging nichts.

Nach dem Tod meines Vaters öffnete ich heimlich die Versiegelung des Parfüms. Da war ich fünfzehn Jahre alt.

Wenn meine Mutter zur Nachtschicht fuhr, legte ich ihr »Femme« von Rochas auf, schlüpfte in die alten, zu großen Hemden meines toten Vaters, in seine Sakkos, band mir seine Krawatten um den Hals und zog mit meinen neuen Freunden um die Häuser, bis es hell wurde.

2

Mads hatte mich auch entdeckt. Ich spürte, wie sein Blick mein Gesicht abtastete, dann an meinem Körper hinab wanderte und wieder zu meinem Gesicht zurückkehrte. Dann schaute er mir in die Augen. Im ersten Moment erschauerte ich ein bisschen. Dass Männer mich so ungeniert ansahen, kam nicht mehr alle Tage vor.

Kurz erwiderte ich seinen Blick, aber ein schönes Männergesicht brachte mich nicht so schnell aus der Fassung.

Ich wandte mich dem Kaffeeautomaten zu und drückte den Espressoknopf.

»Ach, bei Ihnen funktioniert er?«

Ich drehte mich um. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich, und das Erste, was mir auffiel, war seine Sonnenbrille, die er sich lässig ins Haar gesteckt hatte.

Ich konnte Männer, die sich ihre Sonnenbrille ins Haar steckten, nicht leiden. Das war eitel, und außerdem wirkte es unpassend feminin.

»Bitte?«

»Der Automat. Ich habe vorhin ewig gebraucht, um ihn dazu zu bringen, einen Kaffee auszuspucken.«

»Und, hat er ihn ausgespuckt?«, fragte ich und drehte mich wieder zum Automaten. Ich hatte keine Lust, mit diesem jungen Kerl ins Gespräch zu kommen. Die Damen, die er anscheinend meinetwegen stehen gelassen hatte, beobachteten uns.

»Nein. Deshalb wollte ich sehen, wie Sie es anstellen, einen zu bekommen.«

Er hatte einen merkwürdigen Akzent. Holländisch? Dänisch?

Der Automat gluckste und spuckte zischend meinen Espresso aus.

Ich nahm den Becher und wandte mich um, wollte an dem Typen vorbei, aber er trat keinen Zentimeter zur Seite, sah mich nur an und sagte:

»Zauberkräfte.«

»Wie bitte?«

»Sie scheinen Zauberkräfte zu besitzen.«

»Ja, sieht so aus.«

Er war mindestens zehn Jahre jünger als ich. Wollte er mich auf den Arm nehmen? Ich musste um ihn herumgehen, um an ihm vorbeizukommen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, mir einen Salat an der Theke zu holen, aber jetzt war mir die Lust vergangen.

Ich hasse aufdringliche Männer. Und dieser war eindeutig ein Aufreißertyp. Wie er die Frauen an dem Tisch zum Lachen gebracht hatte, absolut durchschaubar in meinen Augen.

»Entschuldigen Sie bitte.« Und dann war ich schon an ihm vorbei auf dem Weg in mein Büro.