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Hier kommt der Chat mit den Frauen, die aus der Bibel gestrichen wurden Klara hat die Schnauze voll. Ihre Arbeit als Redakteurin eines sogenannten Frauenmagazins, der allgegenwärtige Sexismus des Chefredakteurs, die Erwartungen ihres Boyfriends und die miserable Situation von Frauen überall auf der Welt bringen sie an den Rand eines feministischen Burn-Outs. Als sie den Auftrag bekommt, eine Story über eine motorradfahrende Pastorin zu schreiben, führt die Recherche sie zu biblischen Frauenfiguren, von denen sie noch nie gehört hat. Wie sehr es doch mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen zu tun hat, wie Geschichten von Frauen erzählt und überliefert werden! Während Klara die Story aufschreibt, melden sich immer mehr unbekannte Nummern auf ihrem Smartphone, die sie zu einer Gruppe namens »Bible Bad Ass« einladen. Sie nennen sich Magdalena, Maria, Ruth, Lilith, … – was, zur Hölle, ist hier los? Bible Bad Ass ist eine Abrechnung mit den Lügen der Kirchenväter und der Anfang einer Vertöchterung. Ein hartes, smartes und durch und durch popkulturelles Debüt. Erste Auflage in Sonderausstaung mit Motivfarbschnitt Feministische Ikonen aus biblischen Zeiten melden sich per Chat zu Wort. Das furiose Debüt einer deutschen Journalistin.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2024
Hier kommt der Chat mit den Frauen, die aus der Bibel gestrichen wurden
Klara hat die Schnauze voll. Ihre Arbeit als Redakteurin eines sogenannten Frauenmagazins, der allgegenwärtige Sexismus des Chefredakteurs, die Erwartungen ihres Boyfriends und die miserable Situation von Frauen überall auf der Welt bringen sie an den Rand eines feministischen Burn-Outs. Als sie den Auftrag bekommt, eine Story über eine motorradfahrende Pastorin zu schreiben, führt die Recherche sie zu biblischen Frauenfiguren, von denen sie noch nie gehört hat. Wie sehr es doch mit den herrschenden Geschlechterverhältnissen zu tun hat, wie Geschichten von Frauen erzählt und überliefert werden! Während Klara die Story aufschreibt, melden sich immer mehr unbekannte Nummern auf ihrem Smartphone, die sie zu einer Gruppe namens »Bible-Bad-Ass« einladen. Sie nennen sich Magdalena, Maria, Ruth, Lilith, … – was, zur Hölle, ist hier los?
Bible Bad Ass ist eine Abrechnung mit den Lügen der Kirchenväter und der Anfang einer Vertöchterung. Ein hartes, smartes und durch und durch popkulturelles Debüt.
Edith Löhle, ist Journalistin und Autorin. Nachdem sie über zehn Jahre für Lifestyle-Medien arbeitete, zuletzt als Chefredakteurin der deutschen NYLON und des BLONDE Magazins, drehen sich ihre Arbeiten heute um soziale Gerechtigkeit. Als Autorin der ZDF-Doku »Digital Empire: Programmierte Ungerechtigkeit« war sie 2022 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Außerdem gründete sie HeyNana.de, die Oma-Plattform für den Generationendialog. Bible Bad Ass ist ihr literarisches Debüt.
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leykam:seit 1585
Edith Löhle
ROMAN
leykam:Belletristik
Für alle guten Geister.
Wie im Himmel so auf Erden <3
Akt 1: Das fehlende Glied
Konfrommtation
Erst schocken, dann blocken
School of Bock
Mutausbruch
Nein und Amen
Überirdische Überforderung
Akt 2: Abenteuer in biblischem Ausmaß
Heilige Geistin
Ene, mene, Männerclub …
Taxo-manno-meter
Turmbau zu Babo
Muschitation
Ein Herz für Harz
Untenrum unfrei
Amouröse Armee
Die Frau im Mond
Akt 3: Neue, heile Welt?
Don’t kill the messenger
Der Weltaufgang
DANKE
MUSIK-NACHWEISE
In meiner Hose ist eine geladene Waffe. Sie ist geladen mit Enttäuschung und Zorn, Hülsen voll Wut. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr habe ich eine Mitgliedschaft im Schießverein. So ein bewaffneter Unterleib ist krass, der Rückstoß ist das Heftigste. Das merke ich auch heute wieder, morgens halb zehn in Deutschland. Mitten in Berlin, mitten im Patriarchat. Die Stöpsel in meinen Ohren hindern den fremden Typen nicht daran, mich dumm grinsend auf dem Weg zur Arbeit zu stoppen. Sein Kinn macht eine Ansage, dirigiert mir selbstverständlich seinen Wunsch. Meine eine Hand ist im Begriff an die Waffe zu greifen, die andere nimmt den Kopfhörer raus, damit ich ihn hören kann. Ich Multitas-King, er Sex-ist: «Lach doch mal. Siehst viel hübscher aus, wenn du freundlich guckst. Das Leben ist viel zu schön, um so ernst zu sein.» Klack, Klack, entsichert. Ich lege den Finger auf den Abzug und entgegne: «Für dich ist die Welt viel zu schön, verrecke an deinen Privilegien.»
Kein Blut, nur leere Worthülsen in meinem Kopf. In Wirklichkeit bewegen sich meine Mundwinkel nach oben, ich setze mein gelerntes Lächeln auf. Konditioniert, um so manch einen Schusswechsel mit Fremden zu vermeiden. Der Kinn-Dirigent zeigt mir seinen wurstigen Daumen und geht zufrieden weiter im Glauben, die Welt ein bisschen freundlicher gemacht zu haben und eine Frau darauf hingewiesen zu haben, worum es wirklich in ihrem Leben geht: hübscher auszusehen.
Sobald der Mann aus meinem Sichtfeld ist, richte ich die Knarre gegen mich selbst. Ich bin wütend. Darauf, dass es diese Anspruchshaltung an Mundwinkel gibt, an Gesichter, an Körper. Und ich bin noch wütender, dass ich ihr immer wieder gerecht werde. Ich bin wütend, dass ich wütend bin. Es ist ein Teufelsscheiß. Bei der reichlichen Palette an tagtäglicher Übergriffigkeit ist die Lächel-Aufforderung wohl das kleinste Übel. Was rege ich mich da auf? Warum Munition verpulvern?
Ich hole mein Handy aus der Tasche, für mein Telefon muss ich nicht lachen, das Display entsperrt auch ohne Fassade aus Zähnen. Auf dem Weg in die Redaktion öffne ich noch schnell Instagram. Und ich bin wohl mal wieder mit dem Finger falsch abgebogen, denn es schreit mich an. Es schreit, dass mir zur ultimativen Selbstannahme vielleicht nur ein paar Produkte fehlen, die ich mir ins Gesicht schmieren kann. Auf jeden Fall vegan. Ich scrolle und lerne, dass die Lippenunterspritzung für 450 Euro gar nicht nötig ist, wenn man eine Art Saugglocke verwendet, die die Lippen dann für drei Stunden anschwellen lässt. Dann spielt mir mein Arschloch-Algorithmus noch ein paar Ladys aus, die in die Linse hauen und dann aussehen wie gephotoshoppt. Die Tür zur Erörterung in meinem Kopf, ob Schönheitseingriffe nun Akte der Selbstbestimmung sind oder einfach doch das Beugen von Idealen einer Männerherrschaft, mache ich heute nicht auf. Wenn ich da nämlich erstmal durchgehe, muss ich auch auf die Rolltreppe in Richtung Gedankenspirale, was Meinungen über Schönheitsoperationen mit Geschlecht, sozialer Herkunft, Einkommen und Hautfarbe zu tun haben. Ich hänge das «Do not enter»-Schild an die Klinke der Tür und schließe die App, ich fühl’s heute nicht. Ich fühle mich heute nicht.
Eigentlich hat mein Blick in den Spiegel in der Früh schon verraten, dass es ein schwieriger Tag wird. Ich wünschte, die Deutsche Bahn wäre so zuverlässig wie der leuchtende Pimpel am Kinn, der mir alle vier Wochen signalisiert: «Die kommenden Tage werden anstrengend. Zumindest sagen dir die Männer um dich herum, dass du anstrengend bist. Halte durch, ich bin da.» Und PMS so: «Ist das eine Waffe in deiner Hose, oder freust du dich nicht mich zu sehen?» Ausgerechnet heute, am Tag der Themenkonferenz in der Redaktion.
Ob Noah so viel früher vor mir aus dem Haus gegangen ist, weil er die Ruhe vor dem roten Sturm wissentlich genutzt hat, um sich aus dem Staub zu machen? Mein Freund ist Perioden-Tracker. Also nicht beruflich – wär schon geil so eine Visitenkarte, auf der steht: «Noah Treier, Periodentracker.» Oder noch besser: so eine Parkbank mit Reklame von Noah in Boyband-Pose, mit dem Finger in die Linse zeigend und einem öden Spruch: «Ich tracke deine Periode.» Noah und ich haben mit Bedacht auf die Sicherheit unserer Beziehung und unseres Geschirrs nach vierundzwanzig Mal Menstruieren und Streiten entschieden, dass wir die Tage, an denen ich blute, für ihn vorausschauend im Kalender markieren. Dann weiß er einfach, dass er ein bisschen nachsichtig sein kann, wenn mir schon der Uterus übel zusetzt.
Das würde ich mir auch von meinem Chef wünschen. Aber der hatte mich schon mal aus seinem Büro geworfen, als ich ihm das Modell Periodenurlaub vorschlug oder eben Gynäkologische Gleitzeit. Menstruierende Menschen verstehen mich, Martin versteht mich nicht. «Die Letzten werden die Ersten sein», sagt er und zwinkert mich an, als ich um 10:02 Uhr in den Konferenzraum rase. «Guten Morgen, alle zusammen. Ich würde sagen, Klara fängt gleich mal mit ihren Vorschlägen für den Reportteil der nächsten Ausgabe an.» Fuck. Ich zimmere die Gedanken in meinem Kopf zu einer Geschichte zusammen und verkaufe sie so, als hätte ich sie vorher durchdacht: «Warum Männer die Menstruation checken müssen! Ich will von Männern berichten, die Menstruierende, also zum Beispiel die Freundinnen oder Frauen in ihrem Leben, in dieser Zeit auf vielfältige Art unterstützen. Vielleicht hat einer eine Menstruationstasse mitentwickelt, der andere trackt den Zyklus seiner Liebsten per App, und der Nächste ist vielleicht Maler und nutzt das Blut der Partnerin, um mit seinen Bildern ein Zeichen gegen die Unterdrückung der Frau zu setzen. Oder noch besser: ein Aktivist, der unermüdlich darauf hinweist, dass nicht nur Frauen menstruieren.» Stille. Keine Miene wird verzogen, bis Martin anfängt zu lachen. Da lachen plötzlich alle mit. 10:05 Uhr: Periodenshaming, let’s go! Martins hysterisches Lachen stoppt ganz plötzlich und er sagt: «Ganz ehrlich, Klara, so langsam nervt mich deine Mission als selbsternannte Frauenbeauftragte hier in der Redaktion. Das sind ein paar Tage im Monat, komm damit klar. Und warum macht mich das als Mann jetzt interessant, wenn ich mich mit der Erdbeerwoche auskenne? Das ist doch kein Thema! Das ist immer noch eine Körperflüssigkeit und kein Politikum. Und ich finde es eklig.» Hat der gerade Erdbeerwoche gesagt? Wo sind wir hier, bei den Glücksbärchis? Das Wort eklig hallt in seiner Hässlichkeit und Gehässigkeit nach und die Waffe in meiner Hose ist schon wieder schussbereit. Die Periode ist ein Politikum und Martin hat’s gerade bewiesen. Ich blicke in die regungslosen Gesichter meiner Kolleginnen, die noch Girlpower-Slogans auf den Shirts tragen, aber die Girlpower sowohl in Bangladesch, im Sweatshop, als auch hier im Konferenzraum vergessen. Während alle ohrenbetäubend schweigen, fordert mich Martin auf, ihm am nächsten Tag einen besseren Vorschlag für den Platz im Heft zu liefern und ich lehne mich mit verschränkten Armen zurück in meinen Kopf.
Nach der Themenkonferenz suche ich meine beste Freundin während PMS auf: die Snackbox. Die Schokoriegel sind immer für mich da, wenn ich auf den monatlichen Launen-Tiefpunkt zusteuere. High on Schoki. Zucker, der Fucker. Wie ein toxischer Freund täuscht er dich mit kurzen Glücksgefühlen darüber hinweg, dass er dich in Wahrheit krankmacht. Aber im Gegensatz zur ungesunden Beziehung rausche ich bewusst in den Zuckerrausch, und jetzt, in diesem Augenblick, hilft er halt.
Am Abend bin ich bei Barbara eingeladen. Meine beste Freundin kennt mein PMS-Monster und dennoch hat sie uns beide gebeten zu kommen. Es gibt News. Während ich meinen Computer runterfahre, gehe ich die Szenarien im Kopf durch, weswegen sie mich heute Abend unverhandelbar sehen will – so habe ich jedenfalls das Richter-Emoji mit dem Hammer in der WhatsApp-Nachricht gedeutet. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir vorstelle, dass sie schwanger sein könnte. An brenzligen Tagen entwaffne ich schießfreudig immer gleich, wenn mir andere Leute Baby-News unterstellen, sobald ich etwas verkünden will, keinen Alkohol auf der Party trinke oder einfach viel gefressen habe: Klack, Klack. Ich schäme mich für den kurzen Gedanken in Barbaras Richtung und zwinge meinen Kopf, mir meine Freundin als neu aufgestellte Kommunalpolitikerin vorzustellen. Barbara for President?
Als sie die Tür aufmacht, schmettert mir Beyoncé entgegen. Barbara und ich umarmen uns an der Schwelle, dann beginnt sie seltsam herumzufuchteln. Mit beiden Händen in der Luft tanzt sie und ruft mir entgegen, wie sehr sie sich freut, mich zu sehen. Und da entdecke ich ihn, den Klunker am Ringfinger und verstehe den Wink mit dem ollen Queen-B-Zaunfall: «Cause if you like it, then you shoulda put a ring on it.» Barbara ist verlobt. He put a ring on it. He put a ring on her. Seins. Wir drücken uns nochmal und ich versuche, hinter ihrem Rücken mein Gesicht in Ordnung zu bringen. Lautlos forme ich mit den Lippen: «Kommunalpolitikerin, Kommunalpolitikerin, Kommunalpolitikerin.» Sie soll nicht merken, dass mir die Furcht vor der Rückschrittlichkeit einer Hochzeit und ehelicher Unterordnung auf die Stirn geschrieben steht. Mein Gesicht freut sich schließlich mit ihr und wir machen erstmal eine Flasche Rotwein auf, damit sie mir alles erzählen kann. Barbara will Jonas’ Nachnamen annehmen. Es stellt sich heraus, dass sie sowieso gerade viel traditioneller eingestellt ist, als sie dachte. Sie sei froh, dass ihr Freund den Antrag gemacht habe, dabei auf die Knie gegangen sei und auch die Brautübergabe vom Vater an den Bräutigam in der Katholischen Kirche könne sie sich super sweet vorstellen. Den letzten Schluck Wein verschlucke ich. Hustenanfall – was eine Verschwendung der guten Traube. Hat sie gerade Kirche gesagt?
Ich kann gar nicht so viele Hostien essen, wie ich kotzen will. Als mich Barbara fragt, ob ich ihre Trauzeugin werde, wird mir heiß und kalt. Sie kennt meine Einstellung gegenüber der Kirche. Kirche als Institution steht bei mir auf der Shit-List weit über Periodenshaming oder Mansplaining. Ich schütte das Glas vor mir diesmal randvoll. «Du wirst schon nicht zur Salzsäule erstarren, wenn du in der Kirche neben mir stehst, obwohl du ausgetreten bist», sagt sie. In ihrer Stimme höre ich die Enttäuschung darüber, dass ich ihr für dieses Vorhaben nicht die gewohnte Cheerleaderin sein kann. 3, 2, 1, Kirchen-Gleichberechtigungsdebatte meins. «Angelina Jolie und Brad Pitt haben erst geheiratet, als die Ehe für Homosexuelle in Kalifornien erlaubt war, und ich werde erst wieder einen Fuß in die katholische Kirche setzen, wenn Frauen Priesterinnen werden dürfen!» Barbara blickt gelangweilt drein. Wir sind seit der achten Klasse beste Freundinnen. Sie weiß, dass ich als Kind sogar Ministrantin war. Dass ich es eigentlich liebte, in der Kirche meinen Kopf in den Nacken zu legen und mich im bemalten Himmel zu verlieren. Doch als Mini-Me verstanden hatte, dass es allein aufgrund meines Geschlechts für mich niemals nach ganz oben auf die Kanzel gehen würde, war ich raus. Nicht, dass ich jemals von der Ordination geträumt hätte, aber da geht’s mir ums Prinzip. Ganz offiziell ausgetreten bin ich sofort, als mein erster Gehaltszettel 64 Euro im Monat für eine Kirche forderte, die nicht zu meinem heiligen Zeitgeist passte. Diesen Männerclub musste ich ja wohl nicht auch noch unterstützen.
Barbara zahlt immer noch, jetzt weiß ich auch, wofür. Um dazuzugehören, um daran zu glauben, dass sie ihre Mutter eines Tages wieder in die Arme schließen kann. Barbaras Mama ist vor zehn Jahren gestorben, und in der Trauer hat ihr der Seelsorger der Kirche sehr geholfen. Auch wenn sie sonst auch nie, wirklich nie, nie, in die Kirche geht, ist das Barbaras persönliches Totschlagargument pro Gotteshaus, wenn ich ansetze mit den Kreuzzügen, der Inquisition, den Hexenverbrennungen, dem Ablasshandel oder sexuellem Missbrauch ‒ Contra-Kirchen-Standard halt. Sie gießt sich nach. Mehr Traube, mehr Glaube: «Ich werde in einer alten Klosterkapelle heiraten. So wie meine Eltern vor dreißig Jahren. Ist das nicht romantisch?» Ich verdrehe die Augen. Natürlich werde ich ihre Trauzeugin sein. Auch wenn sich für mich eine Hochzeit in der katholischen Kirche so unsinnig anfühlt wie Menstruationstassen beim Männerstammtisch in unserem Heimatdorf. Bei dem Thema sehe ich blutrot, heute auch weinrot. Oder Rotwein. Da spielt einfach so viel rein: Menschenverstand, Wissenschaft, Geschichtsbücher, die Tagesschau.
Leicht angesoffen sitze ich in der U-Bahn nach Hause, der gelbe Wagen ist gruselig bestückt. Gegenüber von mir sitzt einer, die Knie so weit auseinander, dass ich meine innere Ambivalenz verkörpert sehe. Freie Sicht auf mein Problem: diese männliche Dominanz in fucking allem. In der katholischen Kirche sowieso. Jetzt auch im Nachnamen meiner besten Freundin: Hermann.
Plötzlich fällt mir das Werbeposter gegenüber auf, direkt über dem Kopf des Typs: «Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Gewalt eines Mannes. Hilfetelefon ‹Gewalt gegen Frauen› 116 016. www.hilfetelefon.de». Ich hole das Handy aus der Hosentasche, damit sich mein Blick nicht mit einem anderen trifft. Dass meine Augen niemanden einladen oder abfucken. «Sei vorsichtig auf dem Heimweg. Ich geh schlafen. Kuss», schreibt Noah. Nachdem ich die Nachricht mit einem Herz markiere, navigiert mich mein Daumen Richtung Instagram und schiebt lieblos Bilder nach unten. Bis mir einfällt, dass ich Martin morgen irgendwas abliefern muss. Raute unser, bring mir ein Thema für Martin, Amen. Weil das Gespräch von eben so nachhallt, versuche ich es mit #newchurch. 68.737 Einträge. Darunter findet sich alles: Werbefotos fürs Glaubensbekenntnis, fürs leuchtende Umdenken oder fürs Bordell. Als ich schon aus der seltsamen Nummer aussteigen will, entdecke ich ein Posting einer evangelischen Pfarrerin, das mich neugierig macht. Sie posiert in der Dusche mit Kippe im Mund und dokumentiert Bild für Bild, wie sie ihren Talar auszieht. Gespeichert.
Die Postings auf Anninas Insta-Account sind vermutlich ein Grund für das, was mein Unterbewusstsein heute Nacht abspielt. Während ich meinen süß röchelnden Lieblingsmann anlöffle, ist mein Traum schon fast Stoff für das Intro eines Ästhetik-Porno à la Erika Lust: Dort, wo sich sonst der manngesteuerte Gottesdienst abspielt, läuft meine Studio-54-Göttinnen-Fantasie. Discokugeln schmücken den Weg zum Altar, an Stelle von Kirchenbänken gibt es Rollschuhbahnen, und ganz vorn hängt kein angenagelter Jesus, sondern eine überdimensionale Vulva. Über der Eingangstür leuchtet in pinker Neonschrift: «Cheri K.» Ich sehe Rundungen, nackte Haut, weiche Bewegungen. Manche sind nackt, andere sehen aus, als stünde ihr Kleiderschrank auf einem Regenbogen. Alles ist ganz selbstverständlich. Nicht nur die Outfits, auch die Wesen darin sind vielfältig und bunt. Ein Haus voller Göttinnen, die skaten, tanzen, reden, weinen, sich berühren, sich stark fühlen, die sexy, schlau und miteinander verbunden sind. Hier darf alles sein. Cheri K. feiert die Weiblichkeit. Cheri K. ist Liebe.
Der Slogan ist so kitschig, dass er mir auch nach dem Aufwachen noch im Kopf bleibt. «Cheri K.», schreibe ich mir direkt in die iPhone-Notizen zu den anderen wirren Träumen und Geistesblitzen für Headlines und Artikel, die ich nicht vergessen will. Props an mein Unterbewusstsein. Cheri K. – hört sich irgendwie puffig an, könnte aber auch ein Track von Nicki Minaj oder Lizzo sein. Die Vorstellung, dass die Kirche ein Ort ist, in dem ich meine Weiblichkeit und meine Sexualität mit anderen Frauen feiern darf, gibt mir ein Gefühl, das ich nur schwer fühlen und noch weniger beschreiben kann. Wenn Kirche für mich für gewöhnlich ein fest verschnürtes Päckchen aus der Vergangenheit darstellt, ist der Gedanke an eine heiße, queere Kirche neu, weit und fließend. Das macht was mit mir. Und sicher auch mit anderen, also ist die arschcoole Pfarrerin als Reportthema für mich gebongt. Kurzes Hell-Yeah, dann doch wieder Hell-No. Meine Hormone schunkeln mit meiner Laune außer Takt. Das merke ich, während ich mich aufrichte und einen Fuß nach dem anderen auf den Flokati setze. Ich habe das Gefühl, mein Uterus verdreht permanent die Augen. Mich nervt gerade, dass mein Freund und ich zwar zusammenwohnen, aber im Moment eher nebeneinander. Nebeneinanderher. Gestern Nacht hat er schon gepennt, heute morgen ist er früh los und übers Wochenende wird er auch arbeiten und ganz weg sein. Wir wohnen in der Hauptstadt, aber leben nebensächlich. Manchmal sitze ich allein in der Wohnung und habe Zeit, den Blumen in der Vase beim Sterben zuzusehen. Viel lieber würde ich uns zusammen beim Leben zuschauen.
Um 10:13 Uhr klopfe ich an Martins Büro. Ich erzähle von Annina, dass sie sich auszieht, «um klarzumachen, dass auch eine Pfarrerin ein sexuelles Wesen ist. In diesem Fall eine queere Frau aus Fleisch und Blut, die auch mal eine Zigarette raucht, und die Sex tatsächlich aus Vergnügen hat.» Ich schwinge sogar die Faust, das passiert bei Themen, an die ich glaube, öfter mal, und erkläre, dass ich mit ihr über den Spagat zwischen Zeitgeist und Religion sprechen will. Dass ich mir sicher sei, dass viele unserer Leser*innen den inneren Konflikt mit Religion, Glauben und dem modernen Leben kennen. Er schaut mich an und nickt gönnerhaft mit dem Kopf. «Das könnte was werden. Aber bitte, Klara, versuch nicht wieder, ein Feminismus-Manifest draus zu machen. Das ist anstrengend für die Leser. Mach erst mal ein Interview mit der Frau, und dann schauen wir weiter.»
Das war wieder einer für den bewaffneten Unterleib, aber ich bleibe ruhig und freue mich einfach, dass ich die Geschichte machen kann. Martin hat sich auf mich eingeschossen, seit ich vor einigen Wochen vorgeschlagen hatte, dass wir im Magazin hinter den Namen der Redaktion doch die Pronomen schreiben könnten. Er hat mir dann mit stolpernder Zunge gesagt, er sei schon mal beim CSD gewesen und hätte sogar eine Transperson im Freundeskreis. Ach ja, und die fände das lächerlich mit dem She/Her und so weiter. Mein Vorschlag wurde also abgelehnt und seitdem kommt er nicht ohne doofen Spruch zu meinem Feminismus aus.
And if I only could
I’d make a deal with God
And I’d get him to swap our places
Be runnin’ up that road
Be runnin’ up that hill
Be runnin’ up that buildin’
Say, if I only could, ohKate Bush
Zurück am Schreibtisch shuffelt es mir Kate Bush ins Ohr. Bräuchte ich einen bewaffneten Unterleib, wenn ich Martin wäre? Würde ich mir auch den Arsch abrennen, um nicht zu zu sein? Würde ich dann so viel fühlen bei Running Up That Hill? Fingernägel auf Tastatur, ich tippe im Takt.
Betreff: Interviewanfrage Own Magazin
Liebe Annina,
wie cool ist bitte dein Insta? Ich würde gern in der OWN über dich schreiben, wieso du dich als Pfarrerin ausziehst und warum das ein feministischer Akt ist. Lust?
Falls du die OWN nicht kennst: Wir sind ein Frauenmagazin, das die Facetten zwischen Nagellack und Politik beleuchtet.
Freu mich, von dir zu hören.
Liebst,
Klara
Wuuuusch. Gesendet.
Dann ergoogle ich mir Anninas Welt: Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Frauen zum Theologiestudium zugelassen, evangelische Pfarrerinnen durften sie allerdings noch lange nicht werden. Und das Trauerspiel mit der katholischen Kirche steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. Nix mit Frauenordination. Es gibt evangelische Gemeinden, die erst in den Neunzigern die Frau ganz offiziell nach vorne gebeten haben. Am spannendsten finde ich eigentlich, dass sich innerhalb der Frauenbewegung der Sechziger die feministische Theologie begründet hat. Das heißt, es gibt Menschen, die beim Thema Emanzipation der Frau nicht vor der Kirchentür haltmachen – die forschen, konfrontieren, kritisieren und neue Wege vorschlagen. Meine Interviewpartnerin ist eine von ihnen. Bevor sie ihr Amt als Pfarrerin in einer kleinen evangelisch-lutherischen Gemeinde angenommen hatte, war Annina Dozentin für feministische Theologie. Sie kämpft für Frauenrechte, mit und ohne Talar.
«Weißt du, was mich am Christentum so aufregt?», pruste ich los, als wir telefonieren und Annina mir ihren Alltag als offen queere Pfarrerin schildert – Sexismus und Generationskonflikte inklusive. «Da gibt es einfach keine Frauenfigur, mit der sich eine moderne junge Frau identifizieren kann! Ich meine, die heilige Jungfrau? Komm schon!» Annina lacht, klingt dabei sanft und verständnisvoll. Bevor sie später zum fundierten Konter ansetzt, lässt sie mich weiter ausholen: «Ich bin ganz ehrlich, bei mir sind nur Eva, Maria Magdalena und Maria hängengeblieben. Die Verführerin, die Hure und die Jungfrau – ich bin nichts davon. Oder vielleicht auch alles in einer.» Ich habe mich soeben als nicht besonders bibelfest geoutet. Aber Annina nimmt’s locker, sie genießt meine Stichelei sogar, denn sie lacht und fängt an zu singen:
I’m a bitch
I’m a lover
I’m a child
I’m a mother
I’m a sinner
I’m a saint
I do not feel ashamed
I’m your hell
I’m your dream
I’m nothing in-between
You know you wouldn’t want it any other wayMeredith Brooks
Dann klärt sie mich auf: «Es gab so viele interessante und essenzielle Frauenfiguren um Jesus herum, nur kennt die kaum jemand. Entweder wurden sie aus der Bibel gestrichen, absichtlich und unabsichtlich falsch überliefert, übersetzt, oder die Kirche hat ihre Geschichten bis heute kleingehalten. Aber das führt vielleicht etwas weg vom Thema. Ich versuche, mit meiner Tätigkeit als Beispiel voranzugehen, als moderne Frau einen Weg zu finden, Kirche und ihre Tradition heute zu leben. Ohne mich dabei als Frau zum Sündenbock machen zu lassen. Oder eben die Sünde neu zu definieren. Ich sehe weder die Sexualität noch die Menstruation noch weiblich zugeschriebene Attribute wie Nachsichtigkeit oder Empathie als etwas Schlechtes an, ganz im Gegenteil, und so lebe ich auch.» Ich habe mich soeben platonisch in diese Frau verliebt. Ich wünschte, Annina hätte gestern in der Konferenz gesessen und in ihren klaren Worten etwas für die Periodentracker-Story gepredigt.
Ein harsches Klopfen reißt mich aus dem Gespräch. Martin steht vor der Glastür des Konferenzraums, in dem ich telefoniere, und gestikuliert wild, weil er offensichtlich dort rein will. «Noch eine Minute», zeige ich ihm an und nutze dazu den Mittelfinger. So seitlich und nebensächlich, dass er meinen Diss nicht bemerkt. Dann verabschiede ich mich von Annina und versichere ihr, dass ich mich melde, sobald ich weiß, in welche Richtung eine Story über sie gehen könnte. Als ich mich wortlos an Martin vorbeischleichen will, sagt er doch tatsächlich: «Klara, was bist du denn so schlecht drauf heute? Hast du deine Tage, oder warum bist du so zickig?» Ich. Hasse. Ihn. «Alles gut, Martin», lüge ich mal wieder gelernt lächelnd. Ich lasse Martin stehen und toleriere, dass Menschen mit Penis gelernt haben, beinahe alles sagen zu dürfen.
TGIW. Es ist Samstag, 13:00 Uhr, und ich kann in Embryostellung auf der Couch liegen bleiben. Noah ist mit seiner Produktionsfirma in Polen für eine Aufnahme, und ich habe gerade erst mit den Gilmore Girls gefrühstückt, als unter einer unbekannten Nummer kryptische Zeilen die Story meines Lebens einläuten:
«Liebe Klara, die männliche Hand der Kirche hat alles daran gesetzt, dass meine Geschichte nicht erzählt wird.»
Ich: «Annina, bist du das?»
0137/210713: «Ich habe viele Namen. Ich verrate sie dir, wenn du mir vertraust.»
Viele Namen? Ich muss an Akon denken, der Musiker hat verdammt viele Namen. Aliaune Damala Bouga Time Bongo Puru Nacka Lu Lu Lu Badara Akon Thiam. Vielleicht hat die Person, die mir da schreibt, so viele Namen, dass es meinen geistigen Horizont übersteigt … oder vielleicht ist es Akon?! Okay, jetzt ernsthaft.
0137/210713 schreibt weiter: «Ich wurde verleumdet, verspottet und meine wahrhaftige Spur wurde gelöscht. Bist du an der Wahrheit interessiert, auch wenn sie deine Welt auf den Kopf stellt?»
Dramatischer geht’s wohl nicht. Ich schau mir erst einmal das kreisförmige Bild des Absenders an, der einen auf BILD-Schlagzeile macht. Die Kontaktinfo bringt mich aber nicht weiter. Auf dem Foto ist kein Mensch zu sehen, eher so etwas wie gebündeltes Licht. Eine Eso-Type also.
Als Journalistin werde ich immer wieder von Menschen kontaktiert, die entweder selbst ins Rampenlicht oder jemandem ans Bein pinkeln wollen. Die Kirche ist ein großes Bein.
Ich: «Warum schreibst du mir?»
0137/210713: «Dein Herz ist weit und groß, aber du hast einen unbändigen Zorn in dir aufgrund der Ungerechtigkeit, die Frauen seit Jahrtausenden widerfährt. Zusammen können wir diesen Zorn in Liebe verwandeln. Wir können das Gleichgewicht herstellen. Ich erwähle dich, um meine Geschichte zu erzählen. Wir werden miteinander heilen und die Zeit der Herabwürdigung des Weiblichen wird enden.»
Himmel, wie pathetisch kann man sein? Ich verwandle die Fragezeichen in mir in die nächste Textnachricht. «Ich verstehe dich nicht. Willst du deine Geschichte ans Magazin verkaufen?»
0137/210713: «Klara, du wirst bald verstehen, dass es hier um mehr geht als darum, eine Geschichte zu verkaufen. Meine wahre Geschichte gehört gefühlt, umgeschrieben und gelebt. Verkauft wurde ich schon. Es gibt Schriften über mich, Filme und Bücher. Ich wurde ausgeschlachtet. Besser gesagt, die Idee von meiner Person wurde es.»
Wieder steile Serpentinen auf meiner Stirn, offener Mund. Bücher und Filme? Is klar. Ich lege das Handy weg. Ist das ein Troll aus dem Internet? Vielleicht hat mich auch das Handy belauscht, bei den Gesprächen mit Barbara oder Annina, und das ist jetzt ein perfider Werbeweg, mir irgendwas Kirchliches anzudrehen.
Ich drücke mich wieder nach Stars Hollow in die Komfortzone. An diesem Wochenende brauche ich einfach etwas aus alten Zeiten, aus meinem Leben, bevor ich menstruiert habe. In den Folgen fühle ich Geborgenheit, verklärte Nostalgie für Zeiten, in denen ich noch nicht so wütend war. Als Teenager habe ich die Serie, wann immer es ging, nach der Schule geschaut. Ich habe das Duo, die kluge und gewissenhafte Rory und ihre beste Freundin und Mama Lorelai, die nicht lässiger und lustiger sein könnte, angebetet. Während andere zum Vater und Sohn im Himmel hochschauten, verehrte ich lieber die Mutter und Tochter in der Glotze.
Zwei Stunden und 14 Jumbo-Tassen Kaffee in Luke’s Diner später muss ich wieder an die seltsame WhatsApp-Unterhaltung denken. Ich kann es nicht lassen – und tippe:
Ich: «Klingt alles super seltsam. In welcher Welt lebst du denn?»
0137/210713: «Nicht in dieser, liebe Klara. Ich kann mir vorstellen, dass du mir nicht glaubst, aber das wirst du noch. Du musst dir meine Geschichte mit dem Herzen anhören, anstatt diese Zeilen mit den Augen zu erfassen und mit deinem Verstand bewerten zu wollen.»
Aha, da hat jemand wohl «Der kleine Prinz» gelesen.
Ich: «Du willst, dass ich dir vertraue. Woher weiß ich, dass ich dir vertrauen kann?»
0137/210713: «Intuition.»
Ich schüttele den Kopf, aber 0137/210713 schiebt direkt hinterher:
«Ich verstehe deine Skepsis. Natürlich, da schreibt dir eine Fremde und appelliert an dein Herz. Ich glaube fest daran, dass wir einen Bund zwischen zwei Frauen schaffen können, der kraftvoll ist. Hör dir meine Geschichte an und erkenne, dass mein Schmerz der Schmerz unzähliger Frauen ist.»
Boah, ist die spiri.
Ich: «Wie meinst du das? Weil wir alle in einer Welt leben, die von Männern für Männer gemacht ist?»
0137/210713: «Frauen werden im Namen Gottes seit jeher unterdrückt.»
Ich: «Das sind ja leider keine Neuigkeiten. Und was hat das mit dir und mir zu tun? Bist du Verfechterin der feministischen Theologie? Hast du meine Nummer von Annina?»
0137/210713: «Jede definiert ihre eigenen Ozeane und Mauern im Kopf und im Herzen. Ich bin für Harmonie zwischen den Geschlechtern, Friede und bedingungslose Liebe werden auf der Erde nur Einzug erhalten, wenn die weibliche und die männliche Energie im Einklang sind.»
Okay, wann kommt der Link, um was zu kaufen? Vielleicht ein Yin-und-Yang-Retreat in Brandenburg? Yoni-Yoga in Prenzlauer Berg oder eine spirituelle Geistesführerin per Skype für nur einen Euro die Minute? Das ist mir echt zu doll.
Ich: «Wenn ich deine Geschichte anhören soll, dann möchte ich dich treffen. In Person. Nicht im Chat.»
0137/210713: «Ich bin doch da. Ich bin da, wenn der Wind durch die Blätter des Baums gegenüber weht, ich bin da, wenn du einmal im Monat deinen Uterus verfluchst, und ich bin da, wenn du das Feuer in dir spürst. Wir treffen uns, wenn du in dein Herz atmest. Wenn du nicht mehr nur zornig bist, sondern das Urchristentum der Liebe, die weibliche Schöpfungskraft und Heiligkeit in allem fühlst.»
Heilige Scheiße! Das war’s! Mit einem kurzen «Ich kann so nicht arbeiten» breche ich das Gespräch wieder ab. Was soll der Quatsch? Ich hab Kopfweh, ich hab Bauchweh, und jetzt hab ich auch noch eine religiöse Spinnerin. Ich blockiere die Person und drücke mich zurück in die 2000er. Bis Sonntagabend, bis Noah kommt, möchte ich möglichst wenig nachdenken und mich möglichst wenig bewegen. Sofa, Klo, Küche, Bett – Reihenfolge variabel, Örtlichkeiten nicht verhandelbar.
Gegen 22:00 Uhr kommt er nach Hause. Mission Fötusstellung ist abgeschlossen und ich freue mich auf ihn. «Baby?», fragt Noah in die Wohnung hinein, als er die Tür aufstößt. Ich laufe ihm entgegen. Knutscherei im Flur. Sogar mit Zunge. Wir grinsen beide, als wären wir happy, aber auch erleichtert, dass wir uns noch vermissen können. «Und wie war’s?», will ich wissen. «Mega, super Regisseur, super Assistenten. War richtig Bromance am Set», sagt er, während er seine Jeansjacke am Holz-Button unserer Garderobe aufhängt. Ich sage: «Cool.» Aber mein Gesicht sagt was anderes. Noah fragt: «Was ist?» Und ich versuch’s mit der Sandwich-Taktik: fluffy Worte für den weichen Rand, dann die eigentliche, härtere Message als Belag, zum Schluss bloß wieder eine nette Abrundung für den Kritik-Speiseplan: «Ich freu mich, dass dir der Dreh Spaß gemacht hat, ehrlich. Aber das heißt ja, dass die Crew wieder nur aus Typen bestand, oder? Ich glaub an dich, dass du in der Firma Strukturen schaffen kannst, dass die Teams nicht so homogen sind.» Er atmet durch. «Klara, ich bin noch keine drei Minuten zurück und schon werde ich wieder reingezogen in deinen Kampf.» Ich schüttle den Kopf. «Es ist doch nicht mein Kampf!», sage ich noch und entscheide mich dann, ihn einfach stehen zu lassen. Zu seiner eigenen Sicherheit gehe ich zurück ins Wohnzimmer, sonst greife ich im nächsten Moment wieder zur Waffe. Oftmals enden diese Gespräche nämlich mit einem kleinen Streifschuss, sodass Noah mir am Ende wieder Männerhass vorwirft. Ich streite das vehement ab, aber mein bewaffneter Unterleib und ich wissen, dass der Mann an meiner Seite nicht ganz unrecht hat. Ich hasse das Konzept Männlichkeit. Aussprechen kann ich das aber nicht.
Ob eine Duschlänge als Sicherheitsabstand genügt? Der Duft von Nivea Men breitet sich im Wohnzimmer aus, als er sich zu mir auf die Couch legt. «Wir haben doch eine Redakteurin in der Agentur, Dilara sollte den Beitrag eigentlich betreuen. Aber am Wochenende konnte sie halt nicht», sagt er. Warum wohl? Mann, warum wohl? «Die Dilara hat doch zwei Kids, vielleicht ist es nicht ganz so easy, auch noch für Betreuung am Wochenende zu sorgen?», entgegne ich schulterzuckend. Ich weiß genau, was jetzt kommt. «Aber der Hannes ist doch auch Vater und der war auch bereit, das Wochenende über zu arbeiten. Vielleicht ist es auch eine Typfrage, ob man bereit ist, die Extrameile zu gehen und dann halt zu ungünstigen Zeiten arbeitet, anstatt bei der Familie zu sein.» Klack, Klack
