Bienenglück und Honigcafé - Julia Gehrig - E-Book

Bienenglück und Honigcafé E-Book

Julia Gehrig

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Beschreibung

Als Tina von ihrer besten Freundin Susanne einen Imkerkurs geschenkt bekommt, ahnt sie noch nicht, dass sie in ihrem Garten bald eigene Bienen beherbergen wird. Obwohl Tina nach der Scheidung genug mit ihren zwei pubertierenden Töchtern zu tun hat, lässt sie sich auf das Abenteuer "Imkern" ein. Auch der ungebundene und freiheitliebende Imker Tom weckt in Tina Gefühle. Tina erinnert sich an einen alten Traum von einem eigenen Café, den sie gemeinsam mit Tom verwirklichen will. Doch plötzlich ist Tom verschwunden und Tina erkennt, dass sie allein für ihr Glück sorgen muss.

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EPUB
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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Julia Gehrig

Bienenglück und Honigcafé

© 2021 Julia Gehrig

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Umschlaggestaltung: Erik Kinting www.buchlektorat.net

Lektorat: Nicole Wislsperger

ISBN

Paperback:

978-3-347-38879-6

Hardcover:

978-3-347-38880-2

e-Book: 978-3-347-38881-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Tina

Ich hasse es so zu tun, als würde mir ein Geschenk gefallen, obwohl es das nicht tut. Also zupfe ich an der Schleife der Geschenkverpackung herum und hoffe insgeheim, dass mir der Inhalt der kleinen Papierschachtel gefallen wird.

Ich lächle meine allerbeste Freundin an und sage: „Ich bin gespannt, was da drin ist.“

„Tiiiinaaa, jetzt mach die Schachtel doch endlich auf!“

Susanne kniet auf dem Fußboden vor dem Wohnzimmertisch und stiert wie ein kleines Kind auf die von ihr liebevoll mit gepressten Blütenblättern beklebte Papierschachtel. Sie ist in solchen Situationen echt ungeduldig, obwohl sie ja selbst am besten weiß, was in der Schachtel ist. Schließlich ist es ja ihr Geburtstagsgeschenk an mich. Susanne hat mir schon so manche Dinge geschenkt, die sie sich lieber für sich selbst kaufen hätte sollen – eine Filzkette, ein Buch über den Wald als ökologischen Lebensraum, einen bunten Schal, den ich locker zum Vorhang umnähen hätte können … Ich habe dann immer versucht, mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, auch wenn ich insgeheim schon überlegt habe, in welcher Speicherkiste ich das Ding verstauen soll. In der Schachtel liegt ein Umschlag – ein Gutschein?!

„Sue, du schenkst mir einen Gutschein?“

„Ja, ich weiß, normalerweise mag ich das ja nicht. Aber diesmal machen wir beide was Schönes zusammen“, sagt sie und zuppelt verlegen an ihrer Strickjacke herum.

Was soll das denn sein? Susanne ist kein Typ für gemeinsame Restaurantbesuche oder Wellnesstage im Spa. Diese Schicki-Micki-Sachen sind gar nichts für sie. Letztes Wochenende hat sie mal wieder einen Kurs besucht – Yoga mit Ziegen. Angeblich irgendein Trend aus Amerika, bei dem man Yogaübungen im Heu macht, während die kleinen Zicklein auf den Leuten herumkraxeln. Wobei es Susanne wohl wie immer mehr um die attraktiven Kursteilnehmer ging als um die Ziegen. Naja, sie hat für sowas ja auch die Zeit. Obwohl sie erst so richtig auf dem Ökotrip ist, seit sie im Waldkindergarten arbeitet. Früher war Susanne eher normal – so wie ich. Sie hatte zwar schon immer eine Vorliebe für ausgefallene Kleidungsstücke, aber in letzter Zeit finde ich ihren Stil etwas übertrieben. Ihre roten lockigen Haare und ihre Blümchenkleider, die sie gerne trägt, erinnern mich auch immer ein bisschen an eine Hexe. Aber an eine liebe natürlich.

Ich öffne den Umschlag und lehne mich zum Lesen an die Couchlehne zurück. Mir springt gleich die Überschrift ins Auge, die Susanne mit einem Leuchtstift markiert hat.

„Hmmm … Imkerkurs? Du schenkst mir einen Imkerkurs? Dein Ernst?“

„Ja, ich dachte, dass das ganz spannend wird. Erstens wollen wir uns eh bald Bienen in den Wald holen, Naturpädagogik, Jahreszeiten ganzheitlich erleben, du weißt schon. Also bezahlt den Kurs die Arbeit. Äh, also für mich meine ich – als Fortbildung! Und zweitens kommen zum Imkerkurs bestimmt mega-interessante Männer“, sagt Susanne schnell.

„Aha, hab dich durchschaut! Du willst wegen den Männern hin?“

„Ja, nein, nicht nur. Natürlich interessiert es mich und wir beide werden bestimmt einen Riesenspaß dort haben! Für dich ist das doch aus was! Du magst doch die Natur.“

„Sue, danke“, sage ich und merke, wie ich mich zwinge zu lächeln, während ich um den Tisch herum gehe, um meine Freundin zu umarmen. Einen kleinen Kloß spüre ich trotzdem im Hals.

Es ist ja okay, dass mir Susanne Dinge schenkt, die sie selbst gut findet. Aber dieses Geschenk kommt mir schon sehr eigennützig vor. Seit ihr Freund sie vor ein paar Jahren verlassen hat, ist sie ständig auf Männersuche.

Ich setze mich wieder hin und studiere den Flyer etwas genauer. Auf der Vorderseite ist das Logo des Imkervereins zu sehen – vier Bienen über einer angedeuteten Blüte. Ich klappe den Flyer erneut auf und wundere mich über die vielen Kursangebote, die es in diesem Imkerverein sonst noch gibt: „Völkerführung im Frühjahr“, „Königinnenzucht“ und „Varroa-Behandlung“ – imkern scheint gar nicht so einfach zu sein.

Auf der hinteren Seite des Flyers entdecke ich ein Foto der Vereinsmitglieder. Eine Gruppe von Männern im mittleren Alter, die auf einer Wiese stehen. Einer fällt mir gleich auf. Er passt irgendwie nicht in die Gruppe der karierten Holzfällerhemden und ausgebeulten Jeanshosen. Auch der Haarschnitt ist auffallend anders. Er trägt eine moderne Chino-Hose und ein einfarbiges dunkelgrünes Hemd, das eher etwas zerknittert aussieht und nicht in die Hose gesteckt ist wie bei den anderen. Seine Haare sind am oberen Kopf zu einem kleinen Dutt zusammengebunden und auch mit dem Dreitagebart fällt er aus der Reihe. Irgendwie wirkt das Bild so, als wäre es ein „Was-gehörtnicht-dazu-Rätsel“. So eines, das meine Mädels früher in den Rätselblöcken hatten, die ich für lange Autofahrten gekauft hatte. Man muss den Gegenstand durchstreichen, der nicht dazu gehört: Tulpe-Sonnenblume-Gänseblümchen-Kochtopf-Rose-Blatt.

„Was schaust du denn da so lange?“, reißt mich Susanne aus meinen Gedanken. Sie rutscht neben mich auf die Couch und beugt sich mit ihren roten Locken so über den Flyer, dass ich selbst nichts mehr sehen kann.

„Lass mich die Typen mal genauer unter die Lupe nehmen“, sagt sie und nimmt mir im gleichen Moment den Flyer aus der Hand. Sie hält sich das Foto so nah vor die Nase, als wäre sie kurzsichtig.

„Die meisten sehen irgendwie langweilig aus – so ländlich. Aber der da, mit den längeren Haaren, der ist schon ein Schnuckelchen!“, analysiert sie langsam und runzelt dabei die Stirn, als würde sie einen kleingedruckten Beipackzettel entziffern.

„Der ist mir auch schon aufgefallen“, sage ich und merke, wie mir plötzlich ganz warm wird, als hätte ich auf einmal Hitzewallungen.

Susanne schaut mich an und grinst. Das Stirnrunzeln ist aus ihrem Gesicht entwichen.

„Der gefällt dir“, stellt sie fest. Mist, sie kennt mich einfach zu gut.

„Er sieht schon ganz gut aus“, versuche ich zu relativieren und schaue schnell nochmal zum Foto, denn ich habe das Gefühl, jetzt auch noch rot zu werden.

„Komm, wir schauen mal, wie der heißt“, sagt Susanne und liest laut die Namen vor, die unter dem Foto ganz klein gedruckt stehen. Dabei hört sie sich an wie eine Kommissarin im Sonntagskrimi, die nach mühevoller Ermittlung Puzzleteil für Puzzleteil zusammensetzt und kurz vor der Lösung des Falles steht.

„Johann, erster von links – na der kann es schon mal nicht sein. Danach kommt Willi. Daneben steht anscheinend der Albert und dann kommt er – ja, das muss er sein. Tom! Er heißt Tom Heigl. Hier steht es. Der erste von rechts ist dann der Wolfgang, denn das ist der letzte Name. Der Schnuckel muss also Tom heißen.“

„Lass sehen.“ Jetzt nehme ich Susanne den Flyer aus der Hand und überzeuge mich selbst davon, dass sie die Reihenfolge der Namen richtig zugeordnet hat.

„Der Johann ist 1. Vorsitzender. Bei den anderen steht nicht dabei, welche Aufgaben die im Verein haben“, sage ich und versuche cool zu wirken und mir nicht anmerken zu lassen, dass ich mir nochmal diesen Tom ganz genau ansehe. Obwohl das Foto so klein ist, erkenne ich, dass seine Augen richtig aus dem Foto rausstrahlen. So als würden sie jeden, der das Bild ansieht, in ihren Bann ziehen.

Beim Gedanken daran, dass ich tatsächlich mit Susanne einen Imkerkurs besuchen werde und IHN vielleicht dort sehe, wird mir schon wieder ganz warm. Komisch, so etwas kenne ich gar nicht von mir. Ich bin doch keine 16 mehr!

Schnell lege ich den Flyer auf den Tisch und stehe auf, um meine Gedanken, die mich einfach so an meinem 42. Geburtstag überrumpeln, abzuschütteln.

Susanne lächelt mich an. „Ich hoffe, du kannst das mit deinen Mädels vereinbaren? Der Kurs ist übernächsten Samstag.“

„Ja doch – das geht bestimmt“, sage ich, während ich den Flyer wieder in den Umschlag zurückstecke und die schöne Schachtel zu meinen anderen kleinen Geschenken meiner Töchter stelle.

Vorsichtshalber schaue ich noch im Terminkalender nach. Tatsächlich ist an dem Wochenende „Papa-Wochenende“. Ich kann also.

In dem Moment klingelt das Telefon. Heute waren wegen meines Geburtstags ausnahmsweise ein paar Nachrichten auf dem Anrufbeantworter – Gratulationen von meiner Anwältin und der Bank. Wer ruft sonst schon noch am Festnetz an?! Jetzt sehe ich die Nummer am Display – ja klar, meine Mutter!

„Geh ruhig ran, ich muss eh los“, sagt Susanne. Bevor ich fragen kann, was sie denn jetzt noch vorhat, schnappt sie sich ihre Tasche und umarmt mich schnell. Sie winkt und schon ist sie zur Haustür raus. Eigentlich hatte ich gehofft, dass Susanne wenigstens noch eine Stunde bleibt. Ich hatte den Prosecco schon kalt gestellt. Aber jetzt bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ans Telefon zu gehen.

Ich nehme ab und melde mich mit meinem Namen, obwohl ich ja weiß, dass meine Mutter dran ist. „Hallo Tina! Wir wünschen dir von Herzen alles Gute zu deinem 42. Geburtstag und dass das neue Lebensjahr besser wird als das letzte“, flötet meine Mutter ins Telefon.

„Danke Mama“, sage ich brav und ärgere mich über den vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme, den ich schon wieder herauszuhören glaube.

„Hat sich Christian bei dir gemeldet?“, fragt meine Mutter in einem strengen Ton.

„Nein Mama, warum sollte er anrufen? Wir sind getrennt!“ Ich merke, dass meine Stimme schon wieder zittrig wird.

„Na hör mal, deswegen kann er dir doch trotzdem zum Geburtstag gratulieren“, empört sich meine Mutter.

„Mama glaub mir, es ist besser so. Er braucht halt Abstand und ich auch.“ Ich nestle an dem Blütenblatt herum, das von dem Tulpenstrauß abgefallen ist, den ich mir gestern im Supermarkt selbst gekauft habe.

„Du tust schon wieder so, als ob irgendwas Schlimmes vorgefallen wäre. Abstand! Was meinst du denn damit? Erst seid ihr so lange zusammen und dann braucht ihr von einen Tag auf den anderen Abstand. Ich verstehe eure Entscheidung sowieso nicht, aber du kennst ja meine Meinung zu dem Thema.“

Nein, nicht das schon wieder! Ich habe Geburtstag und meiner Mutter fällt nichts Besseres ein, als wieder mit der Trennung von Christian anzufangen. Ich spüre einen Kloß im Hals.

„Wir haben uns auseinandergelebt und das habe ich dir schon tausendmal erklärt, Mama“, sage ich und versuche, ruhig und überzeugt zu klingen. In Wahrheit zittert meine Stimme und meine Mutter merkt es.

„Jetzt reg dich doch nicht auf, ich habe ja nur gemeint, dass er dir gratulieren könnte. Das macht man nun mal an Geburtstagen.“

Das macht man und das macht man … Normen und Verhaltensregeln waren meiner Mutter schon immer wichtig. Woher hat sie eigentlich diese ganzen Vorschriften, die sie sich selbst und anderen auferlegt?

Ich schaue auf das Bettelarmband an meinem Handgelenk, das ich seit meinem Schulabschluss trage und das mir heilig ist. Meine Eltern hatten es mir damals geschenkt mit dem ersten Anhänger dran – ein winzig kleines Schulbuch. Seitdem kamen immer mehr Anhänger dazu, mal von Christian, mal von meinen Eltern. Das Herz habe ich mir selbst gekauft. Ein Kleeblatt, als ich kurz vor meiner Abschlussprüfung zur Verwaltungsfachangestellten stand, eine kleine Babyflasche zur Geburt von Sarah und ein kleiner Bär zu Lauras Geburt, ein Muffin zu meinem 30. Geburtstag, den mir Christian damals geschenkt hat. Ein winzig kleiner Ring zur Hochzeit. Christian und ich heirateten im kleinen Kreis – nicht viel Tamtam, die Familie, ein paar Schulfreunde von Christian, meine Trauzeugin Anja und Susanne.

„Wann dürfen wir denn zum Feiern vorbeikommen?“, reißt mich meine Mutter aus meinen Gedanken.

„Mama, ich werde dieses Jahr nicht groß feiern. Ich muss auch die nächsten Tage arbeiten und bis ich heimkomme, ist es immer mindestens 17 Uhr.“ Ich atme auf, als es raus ist.

Das Schweigen am anderen Ende der Leitung verrät mir, dass meine Mutter beleidigt ist. Bisher gab es noch kein Jahr, an dem ich sie nicht zu Kaffee und Kuchen eingeladen hatte. Aber damals musste ich ja noch nicht bis 16:30 Uhr arbeiten. Damals war ich auch noch verheiratet und nur teilzeitbeschäftigt. Da hatte ich noch Zeit für Kaffeekränzchen am Nachmittag.

„Ich schaffe es einfach nicht unter der Woche, tut mir leid. Wollt ihr am Wochenende vorbeikommen?“, schlage ich meiner Mutter in meiner freundlichsten Stimmlage vor.

„Wenn es dir nicht passt, dann halt nicht. Am Wochenende haben wir schon so viel vor, da geht es nicht. Ich stelle dir dein Geschenk dann bei Gelegenheit vor die Haustüre und dann sehen wir schon, wann es mal passt“, sagt sie und damit ist unser Gespräch dann beendet. Ich glaube meiner Mutter kein Wort, aber bin auch irgendwie erleichtert, dass ich so den Feierlichkeiten auskomme.

Meine Tochter Sarah rumpelt in diesem Moment die Treppe herunter. Das alte Holz kracht bei jedem Schritt und ihr hochgebundener blonder Pferdeschwanz schaukelt auf ihrem Oberkopf hin und her.

„Sarah, musst du immer so herunterpoltern? Ich habe gerade mit Oma telefoniert. Gut, dass ich fertig geworden bin – sonst hätte ich ja mein eigenes Wort nicht mehr verstanden.“

Sarah zeigt keine Reaktion auf meine Ermahnung und schnappt sich stattdessen ihre Jeansjacke vom Garderobenständer.

„Wo willst du denn jetzt noch hin? Es ist schon fast halb sechs“, frage ich sie erstaunt.

„Ich muss kurz in die Stadt, brauche noch Ohrringe. Ich esse dann in der Stadt was“, sagt sie, während sie in ihre Sneakers schlüpft, schnell auf ihrem Handy hin und her streicht und es dann in die hintere Hosentasche steckt.

„Schon wieder Ohrringe? Du hast doch erst welche gekauft?! Und ich dachte, wir drei gehen heute Abend noch zum Italiener – zur Feier des Tages sozusagen?!“

„Ach so, jetzt habe ich es aber schon ausgemacht. Und wenn ich Melli schreibe, dass ich doch nicht kann, bekommt sie die Nachricht nicht mehr. Sie ist bestimmt schon unterwegs.“

Meine große Tochter blickt mich mit Hundeaugen an und weiß ganz genau, dass ich jetzt kein Argument mehr habe. Was bringt es, wenn ich sie zwinge, mit mir meinen Geburtstag zu feiern, wenn sie in Wahrheit lieber mit ihren Freunden unterwegs ist. Auch wenn ich nicht von all ihren Freunden begeistert bin. Aber Melli ist okay, die kennt Sarah seit der Kindergartenzeit.

Seit Melli aber die Schule gewechselt hat, hält sie sich am Nachmittag meistens in der Stadt auf und hängt mit ihren angeblichen Freunden rauchend vor Fast-Food-Restaurants herum. Und Sarah zieht da voll mit, auch wenn sie weiß, dass ich von dieser Art der Freizeitbeschäftigung gar nichts halte. Aber heute ist mein Geburtstag und ich habe keine Lust, mich mit ihr zu streiten.

„Na gut. Wann bist du dann wieder zurück?“, frage ich Sarah, die schon die Türklinke in der Hand hält.

„Weiß noch nicht genau, spätestens um 20 Uhr.“ Sie dreht sie sich um und flitzt schon zum Gartentor. Ich versuche die Zigarettenschachtel zu ignorieren, die sich deutlich in ihrer anderen hinteren Hosentasche abzeichnet.

Damit ist mein letztes Fünkchen Hoffnung, dass ich heute noch mit meinen beiden Töchtern Essen gehen kann, verschwunden. Ich bin auch selbst schuld – ich hätte es ihnen im Vorfeld wahrscheinlich nur anders verkaufen müssen. Nicht wie „Wer-opfert-sich-der-alten-Mutter-zuliebe-ins-Restaurant-zu-gehen“, sondern „Heute-machenwir-uns-einen-besonderen-italienischen-Abend“. Aber das fällt mir leider mal wieder zu spät ein.

Kurz überlege ich noch, mit Laura ins Restaurant zu gehen, aber nun verwerfe ich den Gedanken. Laura sitzt in ihrem Zimmer, seit sie nach dem Mittagessen hoch gegangen ist. Am Morgen vor der Schule hat sie mir schnell ihr Geschenk überreicht. Seitdem war mein Geburtstag kein Thema mehr und nach der Schule hat sie mich mit ihrer üblichen schlechten Laune beglückt.

Ich schlurfe zur Couch zurück und fühle mich plötzlich müde und ausgelaugt. Die paar kleinen Geschenke gegenüber auf dem Tisch feixen mich an und schreien zu mir rüber: „Und jetzt! Jetzt sitzt du da ganz allein und keiner will mit dir feiern!“ Okay, meine Mutter hätte ja mit mir gefeiert. Bin wahrscheinlich selbst schuld, dass ich jetzt alleine da sitze. Von Susanne bin ich aber doch enttäuscht. Auch Anja hat sich heute noch gar nicht gemeldet. Ob sie meinen Geburtstag vergessen hat?

Ich gehe zum Kühlschrank, hole den Prosecco raus, schenke mir ein Glas ein und trinke es auf einen Zug aus.

Tom

„Tom, fang auf!“ Ralf wirft mir von der anderen Seite über das Dach des VW-Busses den Schlafsack zu. Ich fange ihn auf und befördere ihn durch die offene Bustür nach hinten auf die Ladefläche, die sich in den letzten Stunden ordentlich gefüllt hat. Kommt doch einiges zusammen, auch wenn Ralf schon ein paar Mal unten war und jedes Mal eine Ladung voll mitgenommen hat. So eine Auswanderung mit Existenzgründung erfordert doch jede Menge Material. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und kremple mir die Hemdsärmel hoch. Heute ist es ungewöhnlich warm für April. Bei dem Gedanken an das noch viel heißere Sardinien werde ich ganz hibbelig. Sardinien! Auszeit! Ein neues Projekt! Kreativ sein! Freiheit!

Ich lehne mich an die blaue Schiebetüre meines geliebten Bullis und trinke einen Schluck aus der Wasserflasche. „Wann gehts morgen los?“

„Ich werde früh starten. Muss noch schauen, wann die Fähre geht“, höre ich Ralf von der gegenüberliegenden Seite des Busses. Bin ich froh, dass er das mit den Sommerreifen jetzt noch erledigt. Hätte heute echt keine Zeit mehr zum Reifenwechseln gehabt und so sind wenigstens die letzten Gepäckstücke für Sardinien im Bus. Ralf fährt diesmal die letzte Fuhre rüber. Im Juni komme ich dann mit. Ralf braucht meine Hilfe und das Angebot, mein Sabbatical für den Aufbau seines Yogacamps zu nutzen, konnte er nicht ausschlagen. Ich bleibe ein Jahr drüben. Und dann – mal sehen. Momentan reicht es mir von Deutschland!

Ich gehe um den Bus herum und sehe Ralf ein paar Minuten beim Reifenwechseln zu.

„Gut, dass ich den Bus haben kann“, sagt er, während er eine der letzten Schrauben aufsetzt.

Heute Morgen hatte ich den Bus noch voller Bienenbeuten, jetzt ist die Ladefläche voll mit Yogamatten, Reisetaschen, Umzugskartons und ein paar Grünpflanzen. Die Holzkästen mit meinen geliebten Bienen drin mussten umziehen – hab sie schweren Herzens zum Lehrbienenstand gebracht, wo Johann so nett ist und sich um die Völker kümmert, bis ich wieder da bin. Ich weiß ja noch nicht, wie es nach dem Jahr mit mir weitergeht, auch wenn ich insgeheim mit dem Gedanken spiele, auf Sardinien zu bleiben. Ich bin schließlich ungebunden und kann ganz für mich allein entscheiden – auch wenn ich mich zurzeit zugegebenermaßen manchmal etwas einsam fühle. Aber vielleicht läuft Ralfs Yogazentrum gut an und in seinem Hostel gibt es noch länger was zu tun. Kann sein, dass ich dann mein Zeichenbrett gegen den Computer an der Rezeption tausche. Vorerst haben wir den Deal nur für ein Jahr. Über alles Weitere haben wir noch gar nicht gesprochen.

Ich klopfe auf das Blech meines Bullis. „Ja logisch. Mit dem Bus kannst du mehr rüberbringen und ich schwinge mich die nächsten zwei Monate einfach auf mein Fahrrad.“

Ralf sieht mich erschrocken an und legt den Schraubschlüssel hin. „Mist, die Fahrräder müssen wir auch noch irgendwie rüberbringen!“

„Du hast recht. Die haben wir ganz vergessen. Natürlich brauchen wir unsere Fahrräder. Auch wenn man auf Sardinien wahrscheinlich eher mit dem Roller fährt als mit dem Rad“, antworte ich.

Ralf nimmt das Werkzeug wieder in die Hand und dreht die letzte Schraube fest.

„Ich habe mir überlegt, auch Mountainbike-Touren in die Umgebung anzubieten. Dafür muss ich mich aber erst genauer umschauen. Keine Ahnung, ob ich das auch noch unterkriege. Mitnehmen möchte ich die Bikes aber auf alle Fälle.“

Ralf steht ächzend auf und stützt dabei seine Hände auf seinen Oberschenkeln ab.

„Puh, geschafft. Mir tut alles weh! Wird Zeit, dass ich wieder mehr Sport mache“, stöhnt er.

„Bist halt auch nicht mehr der Jüngste! Aber bald kannst du dich dann ja wieder voll verausgaben“, scherze ich und klopfe meinem besten Kumpel auf den Rand seines Käppis. Ralf rückt das Käppi wieder auf seinen ergrauten kurzgeschorenen Haaren zurecht und wischt sich sein schweißnasses Gesicht mit seinem T-Shirt ab.

„Das wird echt Arbeit! Viel Zeit für den Sport habe ich dann bestimmt nicht“, ächzt Ralf.

Damit hat er sicher recht. Seinen Mut bewundere ich: Ralf setzt alles auf eine Karte bei seinem Plan auf Sardinien ein Yogazentrum mit einem Hostel für Gäste zu gründen. Seine Kinder sind erwachsen, für die muss er nicht mehr zahlen. Die mageren Jahre nach seiner Scheidung sind vorbei und Ralf kann wieder an sich denken und seine Träume verwirklichen. Dafür beneide ich ihn. Seine Träume! Er weiß wenigstens, welche er hat. Ich bin mir da bei mir nicht so sicher. Ich weiß, was mir wichtig ist und was ich auf keinen Fall will. Eingesperrt sein! Fremdbestimmt sein! Das ist mein Alptraum! Aber Träume … keine Ahnung, was ich antworten würde, wenn mich jemand nach meinen Träumen fragt.

Ralf klopft mir auf die Schulter. „Ich bin echt dankbar, dass du mich unterstützt. Ich weiß nicht, ob ich das sonst schaffen würde.“

Ich sehe ihm in die Augen und kratze mich an meinem Dreitagebart, der momentan eher nach einem Zehntagebart aussieht. „Du hast dir echt ein Wahnsinns-Projekt vorgenommen. Respekt! Klar helfe ich dir. Du wirst sehen, wir schaffen das.“ So ganz überzeugt bin ich von meiner eigenen Aussage allerdings nicht.

Das ältere Flachdach-Gebäude in Strandnähe, das Ralf gekauft hat, ist nicht besonders groß und ziemlich renovierungsbedürftig. Zwar wurde das Haus früher schon als Hotel genutzt und bietet daher einige Voraussetzungen, aber um daraus ein hippes Yogazentrum zu zaubern, bedarf es momentan schon noch sehr viel Fantasie.

„So ein Glück, einen Landschaftsarchitekten als Freund zu haben“, hat Ralf damals gesagt, als er mich fragte, ob ich mir das Gelände mal ansehen kann und mir schon auf dem Weg zum Strand tausend Ideen gekommen sind.

Vom Sabbatical war damals noch nicht die Rede. Die Idee, für ein Jahr aus dem Büro auszusteigen kam mir erst später – zu der Zeit, als wir den Wettbewerb zur Realisierung einer Grundschule verloren hatten. Nach wochenlanger Planungszeit und 1A-Ideen für die Freiflächen bekamen wir den Zuschlag nicht. Als Ralf mir dann von seinen Plänen erzählte und wir die Besichtigung des Grundstückes gleich mit einem Urlaub verbanden, habe ich Blut geleckt und mich am Ende für das Sabbatical entschieden.

Auch wenn das ganze Sardinien-Projekt natürlich einem Freundschaftsdienst mehr ähnelt als einem richtigen Auftrag, habe ich einige Pläne im Kopf und andere schon auf Papier. Was sich davon finanziell realisieren lässt, werden wir dann mit der Zeit sehen.

Ralf geht um den Bus herum und zieht die seitliche Türe mit einem Ruck zu.

„Müsste alles drin sein, was ich die nächsten Tage brauche“, murmelt er.

Ich schlendere Ralf hinterher und drücke ihm die Wasserflasche in die Hand. „Die Fahrräder nehmen wir dann halt noch mit, wenn wir im Juni zusammen hin fahren.“

Ralf trinkt die Flasche leer und mustert mich dabei von oben bis unten.

„Du hast aber auch ganz schön geschwitzt!“, lacht er.

Ich spüre, dass meine Haare im Nacken richtig nass sind und bemerke erst jetzt die Schwitzflecken auf meinem Leinenhemd. Ich schiebe meine Sonnenbrille von meinen Haaren auf meine Nase herunter und streiche mit der Hand über meinen kleinen Dutt am Hinterkopf.

Ralf lacht und ich weiß schon, was er jetzt sagen wird.

„Ist die Prinzessin wieder hübsch?“, flötet er mit verstellter Stimme und grinst mich an.

Unser Running-Gag, seit ich meine Haare etwas länger trage und nun aus praktischen Gründen dazu übergegangen bin, sie zu einem kleinen Dutt zusammen zu binden. Ich glaube ja, dass Ralf insgeheim neidisch ist, weil sich auf seinem Oberkopf schon eine lichte Fläche bildet, die er mit seinem Käppi zu verstecken versucht.

Ich werfe Ralf ein angedeutetes Luft-Küsschen zu. „Na klar, mein schöner Prinz“, antworte ich ihm ebenfalls mit Pieps-Stimme und wir knuffen uns gegenseitig in die Seite.

Tina

Als mein Glas leer ist, beschließe ich, mich abzulenken – und zwar sinnvoll. Als Sarah vorhin das Haus verlassen hat, ist mir aufgefallen, dass die Margeriten auf der Eingangstreppe schon ziemlich die Köpfe hängen lassen. Ich hole eine Schere und die Gießkanne aus der Küche, fülle sie mit Wasser und schneide der Pflanze die verwelkten Blütenköpfe ab und gieße sie kräftig. Die weiße Laterne auf dem weißen alten Wamsler-Herd neben den Margeriten passt farblich optimal zu dem Arrangement. An dem alten Herd lehnen ein paar Birkenzweige, deren weiße Rinde die Optik gut ergänzen. Ich erinnere mich, wie ich mich freute, als ich die Birkenzweige auf einem Waldspaziergang mit Christian fand und denke daran, dass das alles noch gar nicht so lange her ist.

Der alte Wamsler war ein Kellerfund und stammt noch von meiner Oma. Als sie damals gestorben ist, haben wir tagelang den Keller und den Speicher des alten Häuschens ausgeräumt. Das Haus war Omas ganzer Stolz, nachdem sie es Anfang der 60er Jahren mit Opa gebaut hatte. In dem Haus ist auch meine Mutter groß geworden. Als meine Großeltern gestorben waren, hatten meine Eltern beschlossen, das Haus an mich weiter zu vererben. Für Christian und mich damals eine willkommene Gelegenheit, als wir gerade erfahren hatten, dass Sarah unterwegs war. Das Haus war zwar stark renovierungsbedürftig und musste von Grund auf saniert werden, aber Christian hatte gleich ein paar gute Handwerker an der Hand, die er als Kunden betreute. So hatte sich das Häuschen innerhalb kürzester Zeit in ein kleines Schmuckstück verwandelt. Das Einrichten von Sarahs Kinderzimmer hat mir damals die meiste Freude bereitet. Die kleinen Fenster mit den Fensterkreuzen in der Mitte und die teilweise gestrichenen alten Möbel von Oma finde ich auch heute noch wunderbar. Das kleine Telefonkästchen im Flur zum Beispiel würde ich niemals gegen ein neues Tischlein ersetzen. Und wenn es mal kein Telefon mehr gibt, dann findet sich dafür bestimmt eine andere Einsatzmöglichkeit, zum Beispiel als Blumentischchen.

„Du hättest echt irgendwas mit Deko machen sollen“, höre ich eine mir sehr bekannte Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und meine älteste Freundin Anja kommt von der Gartentüre schnellen Schrittes hergelaufen.

„Anja, mit dir hätte ich heute gar nicht mehr gerechnet.“

„Ja klar, Deko-Fee. Du hast doch schließlich Geburtstag! Ich habe mir extra heute ein paar weniger Termine gelegt“, sagt Anja und umarmt mich. „Herzlichen Glückwunsch liebste Freundin, ich habe dir was mitgebracht, steht aber noch im Auto“, sagt sie und rennt zurück zur Straße. Als sie wiederkommt, sehe ich nur einen riesigen Orangenbaum mit echten kleinen Orangen dran, links und rechts dahinter schauen ein paar blonde Haarspitzen von Anja hervor und so wie sie geht, scheint das Bäumchen echt schwer zu sein.

„Warte, ich helfe dir“, rufe ich, laufe zu ihr und packe auch am Blumenkübel mit an. Wir schleppen den Orangenbaum bis vor die Haustüre und stellen ihn dann schnaufend ab.

„Der passt doch ideal auf die Terrasse. Links von der Terassentür, aber so, dass du ihn vom Wohnzimmer von der Couch aus noch sehen kannst.“ Wie immer hat Anja alles bestens durchdacht.

„Das ist eine gute Idee von dir! So sehe ich den Sommer auch, wenn ich im Haus bin. Ich hoffe, du hast keine Erdflecken auf deiner Hose?“, sage ich und lächle Anja an, die wieder wie aus dem Ei gepellt aussieht. Meistens trägt sie feine hellbraune Stoffhosen und eine weiße Bluse.

„Meine Klienten sollen ja Vertrauen gewinnen, da ist ein kompetentes Äußeres schon wichtig!“, hat Anja einmal in einer Partyrunde ihren Kleidungsstil beschrieben, als sie die Runde wieder mit Anekdoten aus ihrer Paartherapie-Praxis unterhielt.

„Ich muss eh in einer Stunde Finn vom Fußballplatz abholen. Da kann es durchaus sein, dass die Hose nochmal Schmutz abkriegt“, sagt sie und wischt den staubigen kaum sichtbaren Erdfleck von ihrem Oberschenkel.

„Dann hast du ja noch Zeit für einen Kaffee oder Prosecco?! Geben wir dem Baum noch ein neues Zuhause und dann machen wir es uns noch gemütlich!“, sage ich und kurz darauf sitzen wir auf der Terrasse, eine Tasse Cappuccino in der Hand und neben uns der Orangenbaum. Die Abendsonne scheint uns angenehm ins Gesicht. Im Garten sprießen die ersten Frühlingsblumen, an den Bäumen zeigen sich weiße und rosa Blüten und auf dem an den Garten angrenzenden Radweg fahren ein paar Feierabend-Radler hin und her. Der Radweg verbindet den Vorort mit meiner geliebten Kleinstadt, die mit ihren alten bunten Giebelhäusern ein ganz besonderes Flair versprüht. In nur 20 Minuten erreicht man das historische Stadtzentrum, in dem sich auch mein Lieblingscafé befindet. Jedes Mal, wenn ich mich auf mein Fahrrad schwinge und der mittelalterlichen Stadt einen Besuch abstatte, bin ich froh, dass ich hier und nicht in dem eine Stunde entfernten München wohne. Ich spüre nun doch ein angenehmes Glücksgefühl und lehne mich weiter zurück.

„Ich bin froh, dass ich heute frei genommen habe. Meiner Mutter habe ich es aber nicht verraten“, gestehe ich Anja und blinzle gegen die Sonne zu ihr rüber.

„Das kannst du doch nicht machen. Deine Mutter anlügen“, sagt Anja und rollt mit den Augen.

„Du kennst doch meine Mutter! Wenn ich es ihr sage, ist sie erst recht beleidigt, dass ich sie heute nicht eingeladen habe. Meinem Vater ist das relativ egal. Aber meine Mutter erwartet dann wieder die perfekt gedeckte Kaffeetafel und brave Enkeltöchter am Tisch. Den Stress wollte ich mir heute echt nicht antun.“

„Tina, du solltest echt mal lernen, achtsamer mit dir selbst umzugehen und deine eigenen Wünsche zu vertreten. Deine Mutter würde dich dann auch viel besser verstehen.“ Anja schlürft den heißen Cappuccino aus der Tasse. „Wenn du ihr mit einer „Ich-Botschaft“ erklärst, was du fühlst, wird sie dich verstehen“, erklärt mir Anja und setzt ihr Therapeuten-Gesicht auf.

Dabei wirft sie mir einen eindringlichen Blick zu und streicht langsam ihr Pony zur Seite. Das ist anscheinend auch eine ihrer Kompetenz-suggerierenden Gesten, die sie in den Beratungsgesprächen anwendet, um den verzweifelten Paaren endgültig das Signal zu geben, dass ihre Ehe zu einhundert Prozent am Boden ist und nur SIE dazu beitragen kann, diese zu retten.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schaue Anja ungläubig und leicht grinsend an.

„Ich-Botschaft!? Meine Mutter gehört nicht zu den Leuten, die Ich-Botschaften verstehen. Wahrscheinlich würde sie mir dann erst recht vorwerfen, dass ich Ich-bezogen und egoistisch bin, wenn ich ihr sage, wie ICH mich fühle“, gebe ich zurück.

Ich mag es gar nicht, wenn Anja berufliches mit in unsere Freundschaft einbringt. Sie ist dann nicht mehr „meine“ Anja. Schließlich kenne ich sie seit der Grundschule – mit gerüschtem Kommunionkleid, mit Pferdestickern im Pausenhof, mit Pickeln auf der Nase im Tanzkurs. Wenn Anja ihre therapeutischen Weisheiten zum Besten gibt, kann ich es inzwischen kaum noch ertragen. Vor zwei Jahren haben wir uns während meiner größten Krise mit Christian deswegen so richtig gezofft. Anja gab mir damals ständig gute Ratschläge und konnte nicht glauben, dass all ihre „Rezepte“, wie „Vereinbaren Sie einmal in der Woche ein Date mit Ihrem eigenen Mann“ oder „Tun Sie sich gegenseitig was Gutes“ in unserem Fall einfach aussichtlos waren. Der Grund: Wir hatten einfach keine Lust drauf! Und genau das konnte Anja nicht nachvollziehen.

„Wie könnt ihr euch einfach als Paar aufgeben? Ihr habt gemeinsame Kinder“, hatte sie mir damals vorgeworfen, nachdem ich mich nächtelang bei ihr ausgeheult habe und auch sonst versucht habe, alle ihre Ratschläge umzusetzen. Irgendwann war dann einfach der Punkt erreicht, an dem Christian und ich den Kampf um unser Eheglück aufgegeben haben.

Damals war ich wirklich enttäuscht von Anja. Ich hatte mir gewünscht, dass sie mich einfach in den Arm nimmt und tröstet. Dass sie mich – zumindest seelisch – bei den Behördengängen zur Bank und zur Rechtsanwältin unterstützt. Und dass sie zu mir hält und nicht zu Christian. Leider hatte ich damals eher das Gefühl, Anja macht mir den Vorwurf, dass ich nicht genug an unserer Ehe gearbeitet hätte. Nach der Scheidung haben wir uns ausgesprochen. Seitdem nähern wir uns wieder etwas an. Trotzdem bin ich immer noch skeptisch, wenn Anja eine ihrer Ratschläge zum Besten gibt.

Nun ist sie auch still und antwortet nicht mehr auf meinen Einwand gegen die „Ich-Botschaft“. Wir trinken unseren Cappuccino und wechseln das Thema.

Anja berichtet mir vom letzten Fußballtraining, bei dem Finn super Tore geschossen hat (eigentlich gibt es einen anderen Jungen, der gut schießt, der an diesem Tag aber kein einziges Tor geschossen hat) und von Maras Leichtathletik-Wettbewerb, bei dem sie den zweiten Platz gemacht hat (eigentlich wäre es der 1. Platz gewesen, aber die Trainer haben die Zeit nicht richtig gestoppt) und von ihrem Mann Raimund, der bald wieder auf Dienstreise muss (das ist Anjas Graus, denn dann gerät sie in Stress).

Ich berichte Anja noch aus der Arbeit und den aufgebrachten Leuten, die sich gestern den ganzen Tag über die nicht ausgeleerten Mülltonnen beschwert haben. Es ist immer das Gleiche – zuerst sind sie am Telefon freundlich, denn sie wollen was von mir. Wenn ich dann aber nicht sofort eine Aussage dazu machen kann, wann genau die Mülltonne geleert wird, bekommt der Ton des Anrufers schon eine gewisse Schärfe. Und wenn es dann irgendwann einen weiteren Grund für eine Beschwerde gibt – beispielsweise ein übergelaufener Gullideckel oder eine Ölspur in der eigenen Wohnstraße, dann werden die Anrufer so richtig persönlich. Zum Glück verschont mich Anja diesmal mit Ratschlägen bezüglich „Ich-Botschaften in Konfliktgesprächen“ und bei dem Gedanken daran, dass ich einem Anrufer mit einer Ich-Botschaft antworte, muss ich grinsen.

„Ich habe noch eine Kleinigkeit für dich“, sagt Anja plötzlich und zieht noch ein kleines Geschenk aus der Hosentasche und ich sehe an der Form der Verpackung gleich, dass es meine teure Lieblingshandcreme ist, die mir Anja öfter mal schenkt.

„Du bist ein Schatz. Gerade ist die letzte ausgegangen“, freue ich mich und zupfe das Seidenpapier auf, das um die Cremetube gewickelt ist.

„Na das wusste ich doch“, zwinkert mir Anja zu. „Aber jetzt du Liebe muss ich auch schon los zum Fußballplatz.“

„Wann hast du wieder mal länger Zeit für mich?“, frage ich sie, während ich sie raus begleite.

Anja zückt ihr Handy und schaut im Terminkalender nach. „Hmmm, erst in drei Wochen, so wie es aussieht. Momentan habe ich so viele Beratungsgespräche. Ich melde mich, sobald ich Zeit habe. Mach´s gut Tina.“

Ich winke ihr noch, während sie abfährt und schließe die Tür. Sofort drehe ich den jungfräulichen Cremedeckel von der kleinen Tube und drücke wie gewohnt ein bescheidenes erbsengroßes Cremestück aus der Tube heraus, das ich auf meinem Handrücken verstreiche – dort, wo meine Haut immer am trockensten ist. Die Handinnenflächen sind nicht so trocken, die bekommen nur noch die Restcreme ab, die auf dem Handrücken nicht eingezogen ist. Die Creme duftet dezent nach Honig und auf der gelben Tube ist eine kleine Biene abgebildet. Ich liebe diese Creme und Anja weiß das. Während ich die kleine Cremetube zu meinem Geschenketisch trage, fällt mir wieder der Imkerkurs ein und sofort wird mir ganz flau. Eigentlich habe ich gar keine Lust darauf. Aber das kann ich Susanne ja nicht sagen. Wahrscheinlich würde ich sie enttäuschen und das möchte ich auch nicht.

***

„Du Tina, ich habe im Programm gesehen, dass schon kommenden Freitag der Theorieteil vom Imkerkurs ist. Der Praxisteil des Kurses ist dann eine Woche später am Samstag! Das habe ich ganz übersehen“, höre ich Suanne am anderen Ende der Leitung.

„Na super, auch das noch“, denke ich mir. Jetzt muss ich für den Kurs auch noch meinen heiligen Freitagabend opfern.

Früher hatte ich immer das Gefühl, dass genau dieser Wochentag etwas besonders bieten müsste. Wie oft habe ich darauf gewartet, dass Christian auf die Idee kommt, mich zum Essen einzuladen, mir einen Kinoabend vorzuschlagen oder einfach nur eine Runde um die Häuser zu gehen? Leider hatte er genau am Freitag nach der Arbeit besonders häufig „eine beginnende Erkältung“, wie er es oft nannte. Dann wusste ich schon – das kann ich mir abschminken. Christian verzog sich dann meist mit einem Kirschkernkissen und seinen Nasentropfen vor den Fernseher und ich saß einsam mit einem Buch im Bett. Auf die Idee, einfach allein loszuziehen und mit Susanne oder Anja ins Kino zu gehen, bin ich nie gekommen. Das Wochenende – und da gehörte auch der Freitagabend schon dazu – war für mich immer „Familienzeit“ – auch wenn eigentlich kein Familienmitglied jemals großes Interesse daran gezeigt hat und besonders nicht Christian.

„Okay, fahren wir am Freitag gemeinsam hin?“, höre ich mich sagen. Warum sage ich nicht einfach, dass ich schon was vorhabe? Der Freitag war nicht geplant und mir reicht der Kurs am Samstag. Aber was sollte ich schon vorhaben!?

„Ja, ich komme um 18.00 Uhr, dann haben wir vorher noch Zeit, uns einen Plan zu überlegen, falls ein guter Typ dabei ist“, sagt Susanne. „Was ziehst du eigentlich an?“

„Zum Imkerkurs? Was soll ich da schon anziehen? Jeans und Shirt, wie immer halt. Oder meinst du, man muss schon mit Schutzkleidung kommen?“ Ich lache bei dem Gedanken daran, dass alle Kursteilnehmer mit diesen komischen Imkerhüten rumlaufen.

„Nee, mach dich lieber schick. Vielleicht ist für uns beide ein Schnuckelchen dabei!“

„Mein Bedarf an Männern ist vorerst gedeckt!“, stöhne ich.

„Ach komm schon. Du hast halt noch nicht den Richtigen gefunden. Du wirst sehen – Männer die imkern sind von Haus aus interessant. Wenn dann noch die Optik stimmt, schnappt die Sue-Falle auf jeden Fall zu“, lacht Susanne.

„Soll ich im kleinen Schwarzen zum Imkerkurs gehen? Das kommt wahrscheinlich nicht so gut an“, grinse ich und stelle mir diesmal vor, wie ich in meinem nicht vorhandenen kleinen Schwarzen und meinen hochhackigen Pumps zwischen Bienenkästen stolziere.

„Okay, dann zieh dir einfach was normal-schickes an. Ich hole dich ab.“

Zwei Tage später geht es los.

Susanne fährt mit ihrem Corsa vor und ich steige – natürlich in Jeans, T-Shirt und Jeansjacke ins Auto. Susanne steht nicht so auf Schminke, aber ich sehe, dass sie sich einen Hauch von ihrer Naturkosmetik-Wimperntusche aufgetragen hat. Auch die Filzstulpen hat sie heute weggelassen, die sie während der Arbeit meistens trägt. So ein Outfit kommt bei den meisten Männern weniger gut an. In ihrem einfarbigen dunkelroten Kleid und mit den offenen roten Haaren sieht sie heute mehr wie ein Vamp als wie eine Hexe aus.

Als wir am Lehrbienenstand ankommen und in Richtung hell erleuchtenden Vortragssaal gehen, sehen wir eine Schlange von Menschen am Eingang anstehen.

„Wollen die alle da rein?“, frage ich Susanne und nicke in die Richtung des Haupteinganges.

„Sieht so aus…“, sagt sie abwesend und scannt mit ihrem Blick die Reihe der anstehenden Leute ab.

Ich lache und stupse Susanne in die Seite. „Fängst du etwa jetzt schon an mit der Suche?“

Sie zuckt mit den Schultern. „Hier sehe ich jedenfalls noch nichts Schnuckeliges! Aber vielleicht ist ja dein Tom da?!“

„Mein Tom? Spinnst du?“, empöre ich mich, muss aber zugeben, dass ich auch schon den Gedanken hatte, ihn heute live zu sehen.

Wir stellen uns brav in die Schlange, kichern und reden währenddessen die ganze Zeit und werden nach dem Bezahlen dann endlich mit einem Infoheftchen in der Hand in den Saal entlassen. Die meisten Stühle sind schon besetzt. Wir finden einen Platz an einer der hinteren Tischreihen und breiten unsere Heftchen, den Notizblock und Kugelschreiber auf dem Tisch aus.

Ich schmunzle, als Susanne die Getränke aus ihrem Rucksack zieht. „Du denkst auch einfach an alles!“

Sie stellt zwei kleine Glasflaschen mit selbstgemachten Apfel-Smoothie auf den Tisch und kramt weiter in ihrem Rucksack herum. Sie legt noch zwei Papierstrohhalme (natürlich!) und eine Packung Kekse dazu. Die sind wenigstens nicht aus dem Bioladen mit 80% Kakaoanteil, sondern mit echter Zucker-Schokolade ummantelt – so wie ich sie liebe.

„Wir müssen es uns doch gemütlich machen!“, grinst sie. „Ist doch dein Abend!“

Ich schäme mich ein bisschen dafür, dass ich mich über das Geschenk zuerst gar nicht gefreut habe. Beim Gedanken daran, dass Susanne extra den Smoothie vorbereitet hat und meine Lieblingskekse gekauft hat, die sie sich für sich selbst nicht gekauft hätte, wird mir warm ums Herz. Und irgendwie finde ich es gerade doch spannend. Wann wäre ich sonst schon auf die Idee gekommen, an so einem Kurs teilzunehmen.

„Lass dich mal drücken“, sage ich und nehme meine Freundin in den Arm.

„Ihr lassts eich aba guat geh!“, höre ich eine dunkle Stimme aus der Reihe hinter uns. Wir drehen uns um und ein älterer Mann nickt grinsend in Richtung unserer Abend-Verpflegung.

„Wer weiß, was uns heute noch erwartet! Wir brauchen die Stärkung“, zwinkert Susanne dem älteren Herrn zu. Susanne und ich schauen uns an und brechen – wohlwissend, dass Susanne dies auf ihren Plan für den heutigen Abend bezogen hat, in Lachen aus.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis alle Leute, die sich noch hinter uns in der Warteschlange angestellt haben, im Saal sind. Wir sehen uns währenddessen um und sind erstaunt, welche Leute an diesem Kurs teilnehmen: Ein Elternpaar mit zwei Kindern, einige junge Pärchen, die augenscheinlich eher der Öko-Szene zuzuordnen sind, einzelne Männer meist im karierten Hemd, ein paar Frauen um die 50, die allein den Kurs besuchen, zwei ca. 16-jährige Schüler …

Susanne richtet sich plötzlich kerzengerade auf: „Hey schau mal!“, sagt sie und nickt in Richtung Türe. Ich erstarre kurz bei dem Gedanken, dass Tom hier sein könnte, aber ein anderer gutaussehender Mittvierziger betritt den Saal und sieht sich suchend um. Das ist definitiv nicht Tom aus dem Flyer. Ich merke, dass ich etwas enttäuscht bin. Aber Susanne nimmt schnell ihre Jacke vom Stuhl neben sich und rückt den leeren Stuhl etwas von der Tischkante weg. „Hier ist noch Platz!“, ruft sie etwas zu laut dem Mann zu.

Der Mann blickt zuerst suchend in die andere Richtung und Susanne ruft nochmal: „Sie suchen noch einen Platz?“

Jetzt bemerkt er uns und kommt langsam mit einem schelmischen Lächeln auf uns zu geschlendert. Er sieht wirklich gut aus – weißes Hemd lässig in die Jeans gesteckt. Leicht grau melierte und gepflegte Haare. Susanne streicht sich durch ihr offenes lockiges Haar und reibt ihre Hände an dem Kleid ab, das sie über den Leggings trägt. Sie sieht heute sehr gut aus und ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Mann gerne neben ihr sitzen würde.

„Vielen Dank“, sagt er, als er fast vor uns steht. „Aber ich brauche auch noch einen Platz für meine Frau. Die kommt später nach. Ist denn dieser Stuhl auch noch frei?“, fragt er und deutet auf den Stuhl neben dem Platz, den Susanne freigemacht hat.

„Äh, ich glaube da ist vorhin schon jemand gesessen. Vielleicht ist der gerade aufs Klo …“, stammelt Susanne.

Der Mann lächelt sympathisch und sagt: „Kein Problem. Wir werden schon noch ein Plätzchen finden. Ich warte am besten am Eingang auf meine Frau.“

Als er sich umdreht und ein paar Meter entfernt hat, seufzt Susanne und streckt theatralisch beide Hände in die Höhe.

Sie schlägt mit der Handfläche auf den Tisch, so dass die Smoothies wackeln.

„Das gibt’s doch nicht! Der sah so gut aus! Aber war ja klar, dass der natürlich VERHEIRATET sein muss! Mist!“

„Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn der Erstbeste hier reinspaziert, gut aussieht und auch noch frei gewesen wäre“, sage ich und lehne mich zurück.

„Ich will endlich jemanden finden. Das kann doch nicht so schwer sein! Im Yogakurs war es genauso! Ein Typ hätte mir wirklich gefallen. Der war auch so lieb zu den Ziegen. Und das ist ja ein gutes Zeichen. Lieb zu Tieren heißt auch lieb zu Kindern. Und das ist das wichtigste Kriterium!“

„Aber?“, frage ich.

Susanne rollt mit den Augen. „Natürlich war er vergeben. Und was das Schlimmste war: Er war schwul!“

„Wie hast du das denn rausgefunden?“

„Wir haben uns so nett unterhalten. Über Ziegen und alles Mögliche. Ich habe ihm dann vom Waldkindergarten erzählt. Das fand er total interessant und hat viel nachgefragt. Aber dann wollte er wissen, ob wir noch eine Stelle frei haben. Sein Freund ist Erzieher und ist gerade auf der Suche nach einem neuen Job.“

„Ach Scheiße. Hast du ihn dann trotzdem noch eingeladen?“

„Natürlich nicht! Zeitverschwendung! Normale Freunde habe ich ja genug! Ich will einfach nur einen richtigen Freund. Kann das denn so schwer sein? Entweder sind sie schwul, oder verheiratet oder geschieden und haben 5 Kinder im Schlepptau, für die sie zahlen müssen. Und hier sieht es bisher auch eher schlecht aus!“

Wir lästern noch weiter über manche Leute, aber ich bemerke, wie Susannes gespanntes Lächeln mit jeder weiteren Person, die den Raum betritt, aus ihrem Gesicht verschwindet.

„Da ist ja wirklich gar niemand dabei“, sagt sie enttäuscht, als der letzte Kursteilnehmer einen Platz gefunden hat, die Saaltür geschlossen wird und der Referent die erste Folie mit dem Beamer an die Wand wirft.

„Du bist ja auch wegen den Bienen da – für den Kindergarten! Oder etwa nicht?“

Susanne sieht mich mit einem müden Lächeln an und sagt: „Ja klar, natürlich!“

Sie tut mir in diesem Moment so unendlich leid. Mit Mitte 30 wäre Susannes nächstes Projekt die Familienplanung gewesen. Sie und Robin waren schon seit ein paar Jahren ein Paar. Keiner hat daran gezweifelt, dass die beiden zusammenbleiben. Leider hat es sich Robin doch anders überlegt, als er sich entschieden hat, mit Susanne Schluss zu machen und kurz darauf seine langweilige Kollegin zu heiraten, um ein Jahr später mit ihr auch noch ein Kind zu bekommen.

„Hey, Süße. Kopf hoch! Jetzt sieh es positiv! Du lernst was Neues und wir verbringen einen schönen Abend. Und wer weiß, ob beim Praxiskurs nicht süße Typen dabei sind“, versuche ich sie aufzumuntern.

Susanne nimmt einen Schluck von ihrem Smoothie.

„Und wenn am Samstag jemand dabei ist, dann teilen wir uns den schwesterlich“, sagt sie versöhnlich. Wahrscheinlich will sie mir den Abend nicht verderben und hört die restliche Zeit dem Vortrag zu. Ich schreibe fleißig mit und finde den Kurs doch gar nicht so langweilig, wie ich dachte.

Wir erfahren, wie ein Bienenvolk funktioniert und dass jede Biene eine bestimmte Aufgabe hat. Die Königin wird gefüttert und gut versorgt und legt ununterbrochen Eier, um neue Arbeitsbienen zu zeugen, die im Mai, Juni und Juli den Honig bringen. Die Drohnen – die männlichen Bienen – sind nur für die Begattung zuständig und werden nach getaner Pflicht aus dem Bienenbeute – so heißt das Zuhause der Bienen – geworfen.

Susanne zwinkert mir zu. „Gar keine schlechte Idee! Das könnten wir auch so machen. Eine Frauen-WG mit einer genialen Arbeitsteilung. Und die Männer behalten wir nur so lange, wie wir sie brauchen.“

Nach drei Stunden wissen wir alles über den Schwänzeltanz der Bienen, dass man keine Angst vor Stichen haben muss, weil Bienen nur in der allergrößten Not stechen und dass man Mitte April mit dem Imkern beginnen kann und wir das alles nächsten Samstag praktisch lernen werden.

Beschwingt verlasse ich den Saal und halte mein Nachweisheft des Imkerverbandes fest in der Hand, das wir zum Abschluss bekommen haben. Den ersten Stempel für den Theorieteil des Anfängerkurses habe ich bereits drin. Susanne wirft im Hinausgehen dem attraktiven Mann von vorhin noch einen verstohlenen Seitenblick zu, der neben seiner Frau in der Nähe des Ausgangs sitzt. Der würdigt uns aber keines Blickes und ist mit seiner sympathisch aussehenden Frau ins Gespräch vertieft. Ich spüre einen kurzen Stich und denke an Christian. Wir hatten uns in den letzten Jahren nicht mehr so viel zu erzählen. Christian wäre auch nie dazu zu bewegen gewesen, mit mir so einen Kurs zu besuchen. Ich schiebe den Gedanken daran schnell weg und hake meine Freundin unter.

„Vielen Dank für den Abend. Ich fand es richtig gut. Ich freue mich jetzt schon auf den Praxisteil.“

Susanne drückt mir einen Kuss auf die Wange.

„Dann werde ich dich in Zukunft vielleicht öfter mitnehmen“, sagt sie, während wir ins Auto steigen, und ich denke mit Schrecken an die Yoga-Ziegen.

„Jetzt mal langsam. Ich möchte mich jetzt erstmal mit der Bienenwelt vertraut machen“, sage ich schnell, bevor Susanne am Ende auf die Idee kommt, mich von nun an ständig mit Geschenkgutscheinen für Kurse aller Art zu beglücken.

Am Haus angekommen steige ich aus und winke Susanne zu.

„Bis nächsten Samstag! Wünsch dir eine schöne Woche und schreib mir zwischendurch mal, ja?“

Ich sperre die Haustüre auf und lausche ins Haus hinein. Sarah ist unterwegs, aber aus Lauras Zimmer kommen schluchzende Laute.

Ich stürme die Treppe hoch.

„Was ist denn los Schatz?“, rufe ich schon, während ich die Türe von Lauras Zimmer öffne.

Laura sitzt auf dem Fußboden, neben ihr steht der Hamster-Stall mitten im Zimmer auf dem Teppich. Erst sehe ich nur Lauras Rücken, aber als ich um sie rumgehe, blicke ich in ihr tränenüberströmtes Gesicht.

Mit einer Hand streichelt sie das kleine leblose Fellbündel, das im Stall neben ihr liegt.

Ich gehe auf die Knie und streichle Laura über die Wange.

„Oh Schatz! Komm her! Das tut mir so leid!“ Ich rutsche näher zu ihr und ziehe sie etwas zu mir her, um sie richtig in den Arm zu nehmen. Laura lehnt sich in meine Arme aber nimmt die Hand nicht vom Hamster weg. Sie schluchzt und weint immer weiter. Mit unterbrochener Stimme sagt sie:

„Ich … ich bin im Wohnzimmer gewesen. Vorher … er hat noch gelebt. Und gefressen. Ich verstehe das nicht. Er kann doch nicht einfach tot sein … “, und da bricht sie wieder in Tränen aus und es schüttelt sie richtig.

Mir steigen ebenfalls die Tränen in die Augen und ich schlucke ein paar Mal, in der Hoffnung, dass die Tränen wieder weg gehen. Ich schaffe es nicht und die ersten Tränen kullern auch mir über die Wangen. Ich halte die weinende Laura im Arm und dabei kommen mir tausend Fragen und Gedanken gleichzeitig. Warum ist Rudi überhaupt gestorben? Wir haben ihn doch extra bei der Züchterin gekauft, weil es immer heißt, ein Tier aus dem Gartenmarkt sei schon von Haus aus gestresst und nicht so widerstandsfähig, weil alle Leute an der Scheibe herum klopfen. Also sind wir zu Lauras 12. Geburtstag extra zur Züchterin gefahren. Aber die vermeintliche Widerstandsfähigkeit hat sich ja nun als Trugschluss herausgestellt, Rudi ist nur ein halbes Jahr alt geworden. Hilft es Laura, wenn sie einen neuen Hamster bekommt? Nein, erstmal nicht. Sie will bestimmt nicht sofort wieder einen. Wo sollen wir das Tier begraben? Im Garten unter dem Schneeballstrauch ist wahrscheinlich ein guter Platz. Habe ich überhaupt einen Schuhkarton zu Hause, um Rudi reinzulegen? Wir haben schon einmal ein Haustier begraben. Unseren Kater, den wir auch nur ein Jahr hatten, bevor er von einem Auto erwischt wurde. Das war ein Drama für die ganze Familie und ich habe mir eigentlich geschworen, niemals wieder ein Haustier zu kaufen. Damals hat Christian das Grab ausgeschaufelt und ein Holzkreuz gebaut, auch wenn er handwerklich nicht sonderlich begabt war. Naja, dann werde ich das ja wohl auch schaffen – schaffen müssen.

Ich berühre Rudi vorsichtig am Fell und lasse meine Hand leicht darauf liegen, falls doch noch ein Atemzug zu spüren sein sollte. „Ist er wirklich tot?“

„Jaaaa!“, schreit Laura und windet sich aus meinen Armen. Sie steht auf und läuft aus dem Zimmer, poltert die Trepper hinunter und ich höre, wie sie unten im Wohnzimmer weiter weint.

Ich folge ihr und finde sie im Wohnzimmer auf der Couch vor. Alle Couchkissen hat sie auf ihren Kopf gelegt und unter den Kissen kommt ein gedämpftes Schluchzen hervor. Ich setzte mich auf die Couchkante und streichle ihr über den Rücken.

„Es tut mir so leid Schatz! Weine ruhig. Es ist so traurig, dass Rudi gestorben ist. Ich verstehe das auch nicht. Soll ich dir einen Tee machen?“