Beschreibung

Bienzle und der Biedermann Hauptkommissar Bienzle muss sich neuerdings mit Wirtschaftskriminalität befassen. Fleisch wird über die Grenzen hin- und hertransportiert, und jedes Mal werden kräftig Subventionen kassiert, mit gefälschten Unterlagen. Ein Millionengeschäft. Daran beteiligt sind hochrangige Politiker, die alles in ihrer Macht Stehende tun, um Bienzles Ermittlungen zu blockieren. Zu viel steht auf dem Spiel. Bienzle plant einen Polizeieinsatz an der Grenze. Nichts überlässt er dem Zufall. Doch dann reagiert sein Kollege Gächter panisch und schießt. Es gibt einen Toten. Damit ist auch Bienzle fast ein toter Mann. Bienzle und der Champion Eine Leiche baumelt im Schneetreiben von der Schleusenbrücke am Neckar. Der Tote erweist sich als ein angesehener Stuttgarter Bankdirektor. Bald kommt Hauptkommissar Bienzle dahinter, dass das Mordopfer in zweifelhafte Geschäfte verwickelt war. Er findet einen Zeugen für die Tat: den ehemaligen Boxchampion Piet Mangold. Doch ein schwerer Knockout hat das Kurzzeitgedächtnis des Boxers zerstört. Bienzle gelingt es Stück für Stück, die Erinnerungen Mangolds zurückzuholen. Damit bringt er ihn in höchste Lebensgefahr.

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EPUB

Seitenzahl: 351


Felix Huby

Bienzle und der Biedermann / Bienzle und der Champion

Krimi

FISCHER E-Books

Inhalt

Bienzle und der BiedermannDie HauptpersonenMittwochDonnerstagFreitagSamstagAcht bis dreizehn UhrSamstagDreizehn bis achtzehn UhrSamstagZwanzig Uhr bis MitternachtSonntagBienzle und der ChampionDie Hauptpersonen– 1 –– 2 –– 3 –– 4 –– 5 –– 6 –– 7 –– 8 –– 9 –– 10 –– 11 –– 12 –– 13 –– 14 –– 15 –– 16 –– 17 –– 18 –– 19 –– 20 –– 21 –– 22 –– 23 –– 24 –– 25 –– 26 –– 27 –– 28 –– 29 –– 30 –

Bienzle und der Biedermann

Die Hauptpersonen

Ernst Bienzle

Erster Hauptkommissar im Landeskriminalamt.

Günter Gächter

Hauptkommissar und Bienzles Freund.

Hannelore Schmiedinger

Bienzles Lebensgefährtin.

Paul Stricker

ein schwäbischer Fabrikant und Biedermann mit besonderen Obsessionen und abweichenden Meinungen zum EG-Recht.

Dr. Joachim Dreher

ein Rechtsanwalt, der Strickers Obsessionen kennt und vom EG-Recht eine Menge versteht.

Cordula Stricker

Paul Strickers Tochter, die Drehers Obstruktionen kennt und ihres Vaters Obsessionen kennenlernt.

Ingrid Stricker

Pauls unwissende, aber vieles ahnende Frau.

Gerhard Stricker

Pauls Bruder und nur bedingt von dessen Welt.

Staatssekretär Hilbert

repräsentiert mehr, als dass er agiert oder gar reagiert.

Ministerialdirektor Bossle

hat alle Fäden in der Hand.

Fraktionsvorsitzender Fahlbusch

hätte gern alle Fäden in der Hand.

Mittwoch

Der Feldweg war erst kürzlich asphaltiert worden. Er zog sich als hellgraues Band durch die herbstbraunen Felder. In der späten Nachmittagssonne glitzerte er wie ein kleiner Fluss.

Bienzle hatte seinen Dienstwagen in einer Parkbucht an der Bundesstraße stehen lassen und ging – die Hände auf dem Rücken verschränkt – den schmalen Weg entlang. Ein Traktor kam ihm entgegen, am Steuer ein alter Mann mit einem vielfach durchfurchten Gesicht. Die Schirmmütze hatte er in die Stirn gedrückt, um sich gegen die tief stehende Sonne zu schützen. Er tippte im Vorbeifahren lässig mit dem Zeigefinger an den Mützenschirm. Bienzle nickte ihm zu wie einem alten Bekannten. Auf dem Anhänger lag ein Güllefass. In den nächsten Tagen sollte es Regen geben. Da war es gut, die Jauche noch vorher auf die Felder zu bringen, damit sie dann ordentlich ins Erdreich gewaschen wurde. Das Güllefass hinterließ eine dünne Spur aus braunen Tropfen.

Der betonierte Feldweg war mit alten Apfelbäumen gesäumt. Deren Jahre waren freilich gezählt; denn weiter hinten, dort, wo sich die Felder zur Murr hin senkten und statt der Obstbäume Erlen standen, wurde ein neues Baugebiet erschlossen – in bester Lage, zwei Minuten zur S-Bahn-Haltestelle Weisangen. Von dort kam man in dreiundzwanzig Minuten in die Stuttgarter Innenstadt. Sie würden den Feldweg aufs Dreifache verbreitern, dann mussten die Obstbaumveteranen garantiert dran glauben. Der Feldweg hatte deshalb wohl auch schon einen Namen. »Züricher Straße« stand da auf einem nagelneuen Straßenschild. Bienzle dachte an einen Lieblingsspruch seines Vaters: »Wenn einer höher furzt, als ihm der Arsch gewachsen ist, fällt er leicht auf denselben.«

Erst in den letzten Tagen hatte er einen Text von Peter Bichsel gelesen: »In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hieß ›Zur Stadt Paris‹. Ob das eine Geschichte ist?« Überschrieben war der Text mit »Sehnsucht«.

An einem der Apfelbäume hing noch eine goldgelbe Frucht. Goldparmäne, erinnerte sich Bienzle. In Dettenhausen, wo er geboren war, hatten sie auch immer einen letzten Apfel auf dem Baum gelassen, damit der auch im nächsten Jahr wieder reichlich trage. Selbst wenn’s die Bauersleute nicht so genau nahmen und die »Afterberger« – wie hierzulande diejenigen hießen, die übersehene Früchte ernteten – den Rest pflückten, blieb ein letzter Apfel »für Gott« am Baum.

Bienzle fiel die Geschichte ein, die sein Vater in einer seiner Schulklassen erlebt hatte. Er hatte den Kindern die Frage gestellt, was mit dem Apfel im Paradies geschehen sei. Der kleine Hans Nestel wusste es zwar nicht, aber er konnte es sich denken. »Den hent’s Gotts gmoschtet«, antwortete er nach kurzem Nachdenken. Zu Deutsch etwa: »Den hat die Familie Gott zu Most verarbeitet.« Das ganze Lehrerkollegium hatte später darüber gelacht, und Bienzles Vater hatte unter der Rubrik »Religion« eine Eins für Hans Nestel in sein Notizbuch gemalt.

Unzertrennlich waren sie gewesen – der Hans Nestel, der Ernst Bienzle und der Paul Stricker. Gegen Stricker ermittelte er nun. Bienzle trat wütend gegen einen Stein. Hätte das nicht ein anderer machen können? Es war ohnehin schon eine Schikane des neuen Präsidenten, ihm diese Ermittlungen zu übertragen – Subventionsbetrug zum Nachteil der EG. Ausgerechnet ihn, der immer dann am besten war, wenn es um Menschen ging, hatte man mit Aktenbergen eingesperrt. Zäh und verbissen hatte er die Subventionsrichtlinien studiert, internationale Wirtschaftsverflechtungen aufgedröselt, regionale, nationale und europäische Förderprogramme auswendig gelernt. Wenn es denn schon sein musste … Sein Vater hatte immer gesagt: »Geht nicht gibt’s nicht!« Und nach der Devise hatte Ernst Bienzle selbst dann noch gearbeitet, als er schon Polizist war.

Er fragte sich, warum ihm sein Vater in letzter Zeit immer häufiger einfiel. Na ja, man wurde älter, und das stimmte wohl: Je älter man wurde, desto klarer kamen Erinnerungen an früher zurück.

Er setzte sich auf eine Bank. Es eilte ihm ja nicht. Die Sonne schien, aber sie hatte in den letzten Wochen viel Kraft verloren. Bienzle schob seinen Hut mit dem Zeigefinger aus der Stirn und blinzelte ins Licht.

Der Stricker hatte schon angefangen, Geschäfte zu machen, da war er selber noch barfuß gelaufen. »Was gibst mir dafür?« war Strickers häufigste Frage gewesen. Und »Was bringt mir das?« seine häufigste Antwort, wenn man ihm etwas vorschlug. 1952 hatten sie in Tübingen gerade das Amerikahaus aufgemacht. Man konnte Bücher und sogar Schallplatten ausleihen. Eines Tages fehlten dort zweihundert Platten. Die Untersuchungen ergaben nichts. Aber bei Paul Stricker konnte man einige Zeit später die schönsten Scheiben ziemlich billig kaufen. Bienzle hatte gleich sieben Louis-Armstrong-Platten erworben. Weil das Stück nur vier Mark kostete, war’s ihm egal, wo sie her waren. Und wenn schon, den Amis hatte man’s damals gegönnt!

Es half ja alles nichts. Bienzle erhob sich ächzend von der Bank und ging nun mit schnellen Schritten auf das flache graue Gebäude zu, das hinter dem Neubaugebiet an dem Hang hockte, der sich zur Murr hin senkte. »Paul Stricker, Fleisch- und Wurstwaren«. Pauls Vater hatte damals darauf bestanden, dass der Junge Metzger wurde wie er. Dabei wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn der junge Stricker bei irgendeiner Bank angefangen hätte. Aus dem Grundkapital, das er sich mit zwölf Jahren erarbeitet hatte, war schnell mehr geworden. Mit sechzehn hatte er bereits ein stattliches Aktienpaket, das seine Mutter nach seinen exakten Angaben verwaltete. Als er seine Gesellenprüfung machte, war der Geldsegen auf eine halbe Million angewachsen. Viel Geld damals. Später waren dann Strickers Eltern nach Weisangen umgezogen und hatten eine Metzgerei aufgemacht. Ernst Bienzle hatte Paul Stricker oft besucht, weshalb er die Gegend hier auch gut kannte. Gekommen war er damals freilich nicht wegen der Landschaft, sondern wegen der köstlichen Würste, die Pauls Vater hergestellt hatte. Noch heute ließ Bienzle für eine gute Schinken- oder Schwarzwurst alle anderen Delikatessen stehen.

Ein Pförtner wies Bienzle den Weg. Stricker sei in der Wurstküche. Ein süß-säuerlicher Geruch stieg dem Kommissar in die Nase, als er die Tür aufstieß. Stricker stand mit dem Rücken zu ihm an einem Bottich aus Edelstahl. Sein rechter Arm steckte bis über den Ellbogen in einem Gemisch aus Blut und Fleisch. »Zu wenig Brühe!«, bellte Stricker. Dann ging er zu einem Wasserschlauch. Einer seiner Angestellten drehte den Hahn auf. Stricker spülte das Blut von der Haut und sah dem roten Rinnsal nach, das sich seinen Weg über die Bodenkacheln suchte. Sofort sprang ein anderer Mitarbeiter herbei und schrubbte den Boden sauber. Klinisch rein war hier alles. Stricker drehte sich um und sah Bienzle.

»Ja, jetzt kann ich gar nimmer – der Bienzle!« Er kam freudig auf ihn zu. Bienzle fiel wieder ein, dass er der Einzige gewesen war – damals in Dettenhausen –, den man nicht mit dem Vornamen anredete. Jeder sagte nur »Bienzle« zu ihm: »He, Bienzle«, »Bienzle, spielst mit Fußball?«, »Bienzle, gibst ein’ aus?«

»Grüß dich, Paul … ich war grad in der Gegend …«

»Du hast dich kaum verändert«, sagte Stricker, »ein paar Haare weniger, ein paar Falten mehr, aber sonst … Sag amal, wie lang ist das jetzt her?«

»Lang! – Wie geht’s dir denn so?«

»Immer das Gleiche: Schaffen Tag und Nacht, und wenn’s net langt, nimmt man auch noch die Vesperpause dazu.« Stricker lachte selbstgefällig.

»Da hab ich’s besser, ich bin Beamter«, sagte Bienzle.

Er nahm die Einladung zu einem Kaffee bei Stricker zu Hause gerne an.

 

Geld dürfe man nicht sehen, war früher eine der Maximen von Paul Stricker gewesen. Aber die Villa, die er sich hoch über dem Städtchen an den Waldrand gestellt hatte, wies ihn als das aus, was er nun, Mitte der achtziger Jahre, war: ein vielfacher Millionär. Bienzle sprach ihn darauf an.

»Na ja, man lebt ja bloß einmal«, sagte Stricker darauf.

Bienzle hätte so nicht leben wollen. Das Haus hatte ein berühmter Architekt gebaut, eingerichtet hatte es ein nicht weniger berühmter Innenarchitekt. Die Bilder an den Wänden waren von einem bekannten Stuttgarter Galeristen ausgesucht und zusammengestellt worden. Der Boden im Treppenhaus und in den Gängen bestand aus Carrara-Marmor. Im Wohnzimmer – oder nannte man so etwas Wohnhalle? – lagen die Orientteppiche in Schichten übereinander. Als Bienzle später ins Bad kam, erschrak er vor einer lebensgroßen nackten Statue, die den gut fünfzig Quadratmeter großen Raum schmückte. Das nackte Weib stand in einer Muschel und kämmte mit anmutig geneigtem Kopf sein Haar. Das sei »eine echte Aphrodite aus Rom«, belehrte ihn Stricker später, und die Wände und der Boden seien auf Maß aus ganzen Marmorplatten geschnitten. Bienzle musste unwillkürlich lächeln.

Die Frau, die aus der Küche kam, passte nicht hierher. »Du kennst meine Ingrid«, sagte Paul Stricker.

Bienzle gab ihr die Hand – eine sympathische, zur Fülle neigende Frau um die fünfzig mit kleinen Lachfältchen um die dunklen, fast schwarzen Augen. Sie trug ein einfaches, vorn durchgeknöpftes Hauskleid. Man würde ihr noch bis ins hohe Alter ansehen, was sie einmal für ein schönes Mädchen gewesen war. »Ja, freilich«, sagte er, »wenn’s auch eine Weile her ist!«

Der Kaffee war schon fertig. Stricker hatte von seinem Wagen aus angerufen und den Gast angekündigt. Als die Frau des Hauses Bienzle eingoss, fragte er: »Und wie geht’s eurer Tochter …?«

Ingrid Strickers Hand ruckte, der Kaffeestrahl verfehlte für den Bruchteil einer Sekunde die Tasse. »Oh, tut mir leid, haben Sie was abgekriegt?«, fragte sie erschrocken.

»Nicht der Rede wert.« Bienzle tupfte ein paar Kaffeespritzer von der Hose.

»Sie studiert in Stuttgart«, sagte Paul Stricker. Und dabei ließ er es bewenden.

Bienzle hatte keine so rechte Lust, den eigentlichen Grund seines Besuches zu verraten. Er sah den Jugendfreund an. Der hatte noch immer dieses Jagdhundgesicht. Die Haut straff über die vorstehenden Wangenknochen gezogen, schmale Augen, dünne Brauen. Auch die abgehackte Sprechweise hatte er über all die Jahre beibehalten, und die nervöse Bewegung mit dem Kopf, um seine Schnittlauchlocken aus der Stirn zu werfen, hatte schon immer so herrisch gewirkt.

»Nach dem fragst mich lieber nicht«, sagte er gerade. Bienzle hatte erzählt, dass er dieser Tage den Rechtsanwalt Dreher kennengelernt und dass er dort beiläufig auch Strickers Namen gehört habe.

Scheinbar ohne besonderes Interesse fragte Bienzle: »Schaffst du mit dem? – Ich hab gehört, er sei auch Geschäftsführer einer Fleisch-Ex- und Importfirma.«

»Ich schwätz grundsätzlich nicht übers Geschäft«, sagte Stricker knapp.

Bienzle nickte, als ob er nichts anderes erwartet hätte. Stricker wechselte das Thema: »Sag amal, ich geb jedes Jahr ein großes Rehessen. Immer wenn bei uns Schützenfest ist. Am Wochenende isches wieder so weit. Da könntest du doch dazukommen – bist wieder verheiratet?«

»Nicht direkt!«

»Dann kommet doch miteinander. – Das hat richtig Tradition, mein Rehessen. Der Staatssekretär Hilbert kommt, der Ministerialdirektor Bossle vom Wirtschaftsministerium …«

Bienzle verzog das Gesicht.

»Vielleicht auch der Minister selber«, fuhr Stricker fort. »Auf jeden Fall aber der Fahlbusch – du weißt schon, der Fraktionsvorsitzende. Ha jetzt, da kommst mit deiner … ähem … deiner Lebensgefährtin!«

»Ich überleg mir’s, Paul. Ist ja fast noch eine Woche Zeit.« Bienzle zog gemeinhin andere Gesellschaft vor. Zudem war er über die Namen Hilbert, Bossle und Fahlbusch auch schon während seiner laufenden Recherchen gestolpert.

»Kommst einfach«, insistierte Paul Stricker. »Hotelzimmer haben wir genug bestellt.«

»Mal sehen …« Bienzle verabschiedete sich.

Ingrid Stricker brachte ihn zur Tür. Als er ihr die Hand gab, sagte sie leise: »Sie haben nach Cordula gefragt. Sie ist mit diesem Dr. Dreher zusammen, und das gefällt uns gar nicht.«

»Na ja, wo die Liebe hinfällt …«, sagte Bienzle.

Ein Fahrer Strickers brachte ihn zu seinem Wagen. Als sie an dem Goldparmänenbaum vorbeikamen, war der letzte Apfel abgefallen.

 

Die Lautsprecherstimme hatte schon zweimal angekündigt, dass das Mineralbad in zehn Minuten geschlossen würde, und die Badegäste gemahnt, die Kabinen aufzusuchen und das »Leuze« zu verlassen. Die drei Männer im warmen Becken schien das nicht zu stören. Ihre Köpfe sah man nur schemenhaft durch den Dampf, der dicht über der Wasseroberfläche hing. Die Männer erreichten den Beckenrand und hängten sich, die Ellbogen weit ausgestellt, an die Kante.

»Das tut gut!«, prustete Bossle. »Wenn wir das bis Samstag jeden Abend machen, kann man sich beim Stricker seinem Rehessen zwei Portionen genehmigen!«

»Letztes Jahr hab ich anschließend vierzehn Tage Diät gemacht«, ließ sich Fahlbusch hören.

»Hin muss man, da hilft alles nichts«, sagte Hilbert.

Fahlbusch gab ihm recht. »Es geht a bissle zäh in letzter Zeit mit dem Stricker!«

»Das muss nicht an ihm liegen«, warf Bossle ein.

»Ganz recht«, tönte Hilbert, »auf diesen Rechtsanwalt Dreher hätten wir uns niemals einlassen dürfen.«

»Na ja, heikel darf einer in dem Geschäft nicht sein«, meinte Bossle, »für bestimmte Aufgaben ist der Dreher besser geeignet als jeder andere!«

Fahlbusch ließ sich ins Wasser zurückgleiten und paddelte ein paar Meter davon. Von der Mitte des Beckens aus rief er: »Wenn man einen rußigen Hafen anlangt, wird man selber schwarz.«

»Na und? Schwarz sind wir doch sowieso schon!« Bossle hatte an diesem Abend gute Laune, was bei ihm selten genug war. Er hatte als Ministerialdirektor im Landwirtschaftsministerium mit einem Minister und einem politischen Staatssekretär zu tun, die einem geschulten Bürokraten wie ihm nur Ärger machten. Wenn er die beiden sah oder auch nur einen von ihnen allein, war es ihm stets, als stelle sich eine Drahtbürste in seinem Bauch auf. Draußen große Reden halten, im Kabinett schwadronieren, politischen Entscheidungswillen vorspiegeln, das konnten die, aber arbeiten – planen, abwägen, organisieren, wirklich entscheiden – Fehlanzeige. Bossle zwang sich, an etwas anderes zu denken; sonst war die Laune gleich wieder im Eimer. Da kam es ihm direkt gelegen, dass der Bademeister am Beckenrand erschien und rief: »Haben Sie die Durchsage net g’hört?«

»Die gilt nicht für uns«, rief Bossle zurück, »fraget Sie Ihren Chef …!«

Hilbert schwamm einen Kreis und kehrte zu Bossle zurück: »Ich hab gestern mit dem Dreher gesprochen.«

»Und?«

»Stricker hat die 120000 nicht bezahlt. Bis jetzt wenigstens nicht.«

»Na ja, am Wochenende haben wir ja Gelegenheit, mit ihm drüber zu sprechen.«

»Auf mich wirkt er ziemlich nervös, der Dreher.« Hilbert lag nun ausgestreckt auf dem Bauch im Wasser, stieß sich mit den Händen rückwärts vom Beckenrand ab, paddelte wieder heran, senkte sein Gesicht dabei tief in das prickelnde Mineralwasser, kam prustend am Beckenrand an, stieß sich wieder ab, kam erneut zurück. »Das Landeskriminalamt ermittelt – ein gewisser Kommissar Bienzle. Der Dreher behauptet, der habe den Teppich genau an den richtigen Stellen hochgehoben.«

»Im Zweifel muss man den halt aus dem Verkehr ziehen«, sagte Bossle. »Sagen Sie das dem Dreher, er kann sich da auf uns verlassen!« Dann nickte er zu Fahlbusch hin, der jetzt auf der anderen Seite des Beckens seine schnellen Bahnen zog. »Und bei dem dort muss man aufpassen, dass er nicht zu schnell groß wird – der junge Herr Fahlbusch!«

Der Fraktionsvorsitzende hatte seinen Namen gehört. »Reden Sie von mir?«, rief er herüber.

»Jaha«, rief Bossle lachend zurück, »grad hab ich g’sagt, Sie sind einer, den kann mr brauche!«

Bienzle ging nicht ins »Leuze«. Er zog das »Neuner« vor. Beide Mineralbäder lagen dicht beieinander auf der Stuttgarter Seite des Neckars. Gemeinsam mit dem Kurbad in Bad Cannstatt hatten die Quellen nach Budapest die zweitgrößte Schüttung in Europa. Im städtischen Mineralbad »Leuze«, mit seiner modernen Architektur, den Farbwegen und Farbmalen des Bildhauers Otto Herbert Hajek und der vielfach gebrochenen gläsernen Fassade, war Bienzle alles ein bisschen zu neu, zu technisch und auch zu groß. Im »Neuner«, so genannt, weil der erste Besitzer so hieß, und nicht – wie die Legende erzählte –, weil dort einmal die Straßenbahnlinie 9 hingeführt hatte, war man mehr unter sich. Da gab es Leute, die schon seit fünfundvierzig Jahren regelmäßig am gleichen Wochentag zur gleichen Stunde kamen und die auf den beheizten gekachelten Bänken an den Längsseiten des Hallenbades ihren Stammplatz hatten – wehe, jemand anderer saß dort oder hatte den Platz mit einem Handtuch belegt! Ins Kurbad, drüben in Bad Cannstatt, ging man früher nur auf Krankenschein. Jetzt hatte es sich freilich herausgemacht. Aber Bienzle war ein Gewohnheitsmensch. Man konnte annehmen, dass auch er bis ans Ende seiner Tage jede Woche einmal ins »Neuner« ging. Und zwar immer montags gegen fünfzehn Uhr. Zuerst in die Sauna, dann ins Außenbecken zum Schwimmen. Er traf dort immer die gleichen Leute – vor allem Friseure, die ihren freien Tag nutzten, um auch mal was für sich selbst zu tun. Auch die Themen glichen sich seit fünfundvierzig Jahren: Fußball, Stadtpolitik und da vor allem die Verkehrspolitik, Bundespolitik und Weltpolitik – in dieser Reihenfolge wurden sie abgehandelt. Es sei denn, ein Zug war entgleist, ein Rohbau zusammengestürzt, oder ein Prominenter über siebzig hatte mal wieder eine Zwanzigjährige geheiratet und nochmal ein Kind gezeugt.

Bienzle beteiligte sich nie an den Gesprächen. Er saß da wie ein Buddha – in sich gekehrt, den Blick auf seinen stattlichen Bauch gesenkt –, und manchmal sah er den von seiner Stirn herabfallenden Schweißtropfen nach, die auf dem Steinboden kleine Pfützen bildeten und danach schnell verdampften.

Zwei Gänge hatte er gerade noch geschafft, nachdem er von dem Besuch bei Stricker nach Stuttgart zurückgekehrt war. Hätte er gewusst, dass er Bossle, Hilbert und Fahlbusch getroffen hätte, wenn er ins »Leuze« gegangen wäre, dann hätte er sich überwunden und für dieses eine Mal das Mineralbad gewechselt. Nach dem zweiten Gang zog er seine Badehose an und stieg draußen ins Freibecken. Saukalt war das Wasser. Auch hier die mahnende Stimme über Lautsprecher: »Die Badezeit ist beendet …« Bienzle war froh, eine Ausrede dafür zu haben, dass er nur noch diese eine Bahn schwimmen konnte, ging unter die Dusche und holte den Bügel mit seinen Kleidern. Er wollte gerade hinter einer der groben hölzernen Türen in einer Kabine verschwinden, als ihn Gächters Stimme stoppte. »Wusst ich doch, dass ich dich hier finde. Ausrufen lassen wollt ich dich nicht …!«

»Oh, du liabs Herrgöttle von Biberach«, entfuhr es Bienzle, »was ist denn jetzt schon wieder passiert?«

»Hinweise auf einen illegalen Fleischtransport. Einfuhr über Lindau/Bodensee – ein ziemlich verlässlicher Tipp.«

Bienzle unterdrückte den Fluch, den er schon auf der Zunge hatte. »Also gut, aber du fährst – nach der Sauna isches mir emmer so baumelig!«

 

Cordula Stricker war in Zürich um 15 Uhr 40 in den Eurocity nach Stuttgart eingestiegen. Wieder einmal war alles gutgegangen. Obwohl es im Zug zu einer kurzen Irritation gekommen war. Aber wer hätte auch vermuten sollen, dass die zierliche kleine Person mit den kurzgeschnittenen Haaren und den großen dunklen Augen so viel Geld in ihrer schicken Kollegmappe bei sich trug. Wie wenig Platz man für eine halbe Million doch brauchte.

Joachim hatte ihr immer wieder versichert, es sei nichts dabei. Schließlich sei der Transport von Geld nicht strafbar. Was er ihr lange verschwiegen hatte, aber worauf sie längst selbst gekommen war: Es handelte sich um Geld aus dunklen Kanälen, das gewaschen werden musste, um seine Herkunft zu verschleiern. Manchmal gab Joachim Dreher Cordula den Auftrag, Gold zu kaufen und mit nach Stuttgart zu bringen. Oft ging es aber auch so einfach wie dieses Mal: Sie hatte das Geld bei einer Bank einzubezahlen und eine Woche später wieder abzuheben. Inzwischen war das schon Routine. Und Joachim bezahlte sie gut dafür. Nicht zuletzt deshalb hatte sie ihren »Nebenverdienst« aufgeben können, der sie mehr und mehr angeekelt hatte.

Auf dem Stuttgarter Bahnhof ging sie zunächst in die Buchhandlung »Wittwer«. Sie hatte sich schon vor ihrer Reise nach Zürich vorgenommen, Joachim den neuen Roman von John le Carré zu schenken. Als sie an den Regalen entlangging, merkte sie, dass sie beobachtet wurde. Unwillkürlich drückte sie die Tasche mit den Geldbündeln fester gegen ihren Körper, ehe sie sich umwandte. Am gegenüberliegenden Regal stand ein Mann um die sechzig, hochgewachsen mit grauen, gelockten Haaren und einem vollen, weichen Mund. Dieser Mund war es, der ihrer Erinnerung nachhalf. Der Mann war einmal in ihrem Studio gewesen.

Cordula Stricker wusste genau, wie eine solche Begegnung auf ihre Kunden wirkte. Sie erschraken zutiefst, für manche war es ein richtiger Schock. Ähnlich, wie wenn man einem Berufskollegen oder einem Nachbarn plötzlich und unerwartet nackt in einer gemischten öffentlichen Sauna gegenüberstand.

Cordula sah schnell zur Seite und beschäftigte sich länger und intensiver mit den Büchern, als sie es eigentlich vorgehabt hatte. Als sie sich, nach einer Zeit, die ihr endlos vorkam, wieder umwandte, war der grauhaarige Mann verschwunden. Sie atmete erleichtert auf und ging zur Kasse, um zu bezahlen.

Dreher trug eine Schürze, als er ihr öffnete. Ihren Kuss erwiderte er nur flüchtig.

»Du kochst?«, fragte sie. »Ich dachte, wir essen heut in Stetten draußen …«

»Nein, tut mir leid. Ein andermal. Ich erwarte noch eine wichtige Nachricht heute Abend …«

»Und die kannst du dir nicht aufs Band sprechen lassen?«

»Nein!«, beschied er sie knapp. »Aber wenn du lieber auswärts essen möchtest – ich stell’s dir frei.«

»Nu werd nicht albern, Achim!« Cordula warf ihre Tasche auf den Tisch im Wohnzimmer. Dreher mixte ihr an der Hausbar einen Drink. »Diesmal hat’s mich um ein Haar erwischt«, berichtete Cordula. »Kommen doch an der Grenze tatsächlich zwei Zollbeamte ins Abteil. Zum ersten Mal – noch nie bin ich kontrolliert worden. Die laufen sonst immer nur durch die Gänge, glotzen kurz rein und gehen weiter.«

»Du bist kontrolliert worden?«, fragte Dreher angespannt.

»Erzähl ich doch grade. Also, der eine fixiert mich, schlägt sone Kladde auf, fixiert mich wieder. Ich denk natürlich, der hat ein Bild von mir – irgendwelche Fahndungsunterlagen, was weiß ich. Mir ist der kalte Schweiß ausgebrochen. Da sagt der auch schon: ›Fahren Sie öfter diese Strecke?‹ Und dabei schaut er mich an, ich kann dir sagen … Also zeig ich ein bisschen, was ich so habe, und sage: ›Wollen Sie damit sagen, dass Sie mich bis heute noch nicht bemerkt haben?‹« Sie kicherte. »Richtig rot ist er geworden, der Typ, und hat das Stottern angefangen.«

»Mein Gott, und da machst du einen solchen Bohei! Hast du das Geld?«

»Ich fand mich jedenfalls ganz schön schlagfertig«, sagte Cordula.

Dreher öffnete die Tasche, zählte das Geld und nickte zufrieden. »Okay!«

»Mehr fällt dir nicht ein? He, ich will ein bisschen gelobt werden!«

»Gelobt oder bezahlt?« Er warf ihr ein paar Scheine in den Schoß und kehrte wortlos in seine Küche zurück. Cordula wollte ihm folgen, ging dann aber verschnupft ins Wohnzimmer. Es war, wie alle Räume in Drehers Wohnung, sachlich eingerichtet: Stahl und Glas. Auf dem Regal fast nur Fachbücher. Fotorealistische Bilder an der Wand. Ein riesiger Fernseher, daneben ein Videorekorder. Cordula beschloss, sich die Stimmung nicht vermiesen zu lassen. »Ich hab dir auch was mitgebracht«, rief sie und holte das Buch aus der Plastiktüte mit der Buchhandelswerbung drauf.

»Leg’s irgendwohin«, rief er aus der Küche. »Kann ich Knoblauch ans Essen tun?«

»Ja, sicher!« Cordula legte den Roman auf den Fernsehapparat und begann, den Tisch zu decken.

Dreher streckte seinen Kopf durch die Tür. »War ja nicht immer so, wenn du Kunden hattest …«

»Bitte, Joachim, ja?!«, fuhr sie ihm scharf in die Parade. »Das ist aus und vorbei!«

»Und wenn Wibke sagen würde, du sollst nochmal für sie einspringen, Gräfin Wanda?«

»Den Namen mag ich auch nicht mehr hören …!«

»Wenn sie dich richtig inständig bitten würde, was dann?«

»Ich weiß nicht – sie wird es nicht tun!«

Dreher grinste. »Im Übrigen: Warum soll man einen Masochisten eigentlich nicht auch mit Knofel quälen …?« Er lachte selbstzufrieden und zog sich wieder in die Küche zurück. Cordula starrte wütend auf die Tür zur Küche. War er schon immer so gewesen? Wahrscheinlich steckte er wieder einmal in irgendwelchen Schwierigkeiten. Wenn er nicht mehr weiterwusste, rettete er sich immer in diesen miesen Sarkasmus.

Es hatte zu regnen begonnen. Die Lichter der Grenzstation spiegelten sich im nassen Asphalt. Vom See her wehte ein kühler Wind. Bienzle saß im Büro des Zollbeamten auf einem wackligen Stuhl, die Beine weit von sich gestreckt, die Daumen in den Hosenbund gehakt. Den Hut hatte er ins Genick geschoben, seine Augen blinzelten müde unter den buschigen Augenbrauen hervor. Er wirkte so in sich gekehrt, dass keiner der uniformierten Beamten ihn anzusprechen wagte. Dabei dachte er gar nichts. Er sah nur zu, wie die Zeit verging. Manchmal folgte sein Blick einem größeren Regentropfen, der die Scheibe herabrann, andere Tropfen, die scheinbar verharrten, aufsog, immer dicker und immer schneller wurde und am Ende seines Weges dann zerplatzte. Einmal sagte Bienzle leise: »Warum pressierst denn so, kannst es net verwarte …?« Den Beamten, der ihn fragte: »Was haben Sie gesagt?«, ließ er ohne Antwort.

Gächter tigerte draußen auf und ab. Immer wieder schaute er auf die Uhr. Mehrfach prüfte er, ob seine Waffe auch so saß, dass er sie schnell ziehen konnte. Bienzle schüttelte nur unmerklich den Kopf, als er es sah.

Um diese Zeit – Montagabend, keine Ferien – war wenig Betrieb. Und nach Mitternacht nahm er noch weiter ab. Da vergingen schon mal zwanzig Minuten, bis das nächste Fahrzeug heranrollte. Den Fleischtransport aus Ungarn hatten zivile Polizeiwagen längst entdeckt. Sie folgten ihm, übergaben ihn geschickt an vorher festgelegten Punkten. Alles lief wie auf Kugellagern. Wenn Bienzle einen Einsatz vorbereitete, ließ er dem Zufall nur wenig Chancen. So spontan er sonst war, so penibel war er bei der Planung und Durchführung eines Mannschaftseinsatzes. Keiner sollte am Ende an ihm herumkritisieren können. »Du bist nur so fleißig, weil du im Grunde ein fauler Mensch bist«, hatte Hannelore einmal gesagt. Er nickte in der Erinnerung an diesen Satz. Und weil ich so ungern plane und organisiere, mach ich auch das am Ende besonders gut, dachte er bei sich.

Zwei Lichtkeile näherten sich. Der Lastwagen beschleunigte vor der Grenze. Der Schlagbaum war offen. Gächter bellte draußen ein Kommando. Der Schlagbaum senkte sich. Der Fahrer des Kühllastwagens bremste und rutschte auf der nassen Straße fast noch in den rotweißen Balken hinein. Bienzle stand auf und ging hinaus. Der Fahrer, ein Mann mit dem Gesicht eines südländischen Abenteurers, kurbelte die Scheibe herunter und reichte einem Zollbeamten die Papiere heraus. Der Beamte deutete ihm an, er möge aussteigen. Stattdessen kam aber der Beifahrer aus dem Führerhaus. Der Fahrer blieb stur am Steuer sitzen und starrte geradeaus.

Bienzle vertrat dem Beifahrer den Weg. »Kann ich mir mal Ihre Ladung ansehen?«

»Das ist vielleicht wieder mal sone Schikane«, maulte der Beifahrer. »Wir sind die ganze Nacht unterwegs.«

»Ja, Ihren Fahrtenschreiber kontrollieren wir dann auch noch«, gab der Kommissar gelassen zurück.

Ein Zöllner rief: »Machen Sie mal den Motor aus, Mann!«

Der Fahrer reagierte nicht darauf. Sein Kollege ging nach hinten. Bienzle blieb dicht bei ihm. Als die beiden Türen aufschwangen, fiel der Blick auf eng gehängte Rinderhälften. Bienzle stieg auf die Ladefläche … »Krieg ich mal eine Taschenlampe?«, rief er von dort in Richtung Zollstation.

»Augenblick, ich hab eine griffbereit«, sagte der Beifahrer und ging nach vorn. Die Beifahrertür stand noch offen, der Motor blubberte weiter. Bienzle stiegen die Abgase in die Nase.

Der Beifahrer stieg aufs Trittbrett, öffnete das Handschuhfach und sprach dabei leise, aber erregt auf den Fahrer ein. Der straffte sich und griff nach dem Hebel der Gangschaltung. Gächter nahm die Bewegung wahr. Er zog seine Waffe und entsicherte sie. Im gleichen Augenblick startete der Laster. Bienzle, der unsicher stand und keinen Halt hatte, stürzte nach hinten. Der Beifahrer schwang sich ins Führerhaus hinein – und genau in diesem Moment schoss Gächter. Der Beifahrer schrie auf, sein Körper krümmte sich seltsam nach hinten. Noch hielt er sich am Rahmen der Beifahrertür fest. Der Fahrer schaltete in den zweiten Gang und blendete auf. Ein Polizeibeamter versuchte, mit seinem Fahrzeug den Weg zu versperren. Der Fahrer rammte den PKW in voller Fahrt. Durch die Erschütterung verlor der Beifahrer seinen Halt. Er stürzte auf die Straße und blieb regungslos liegen. Das Polizeifahrzeug kreiselte in den Graben. Der LKW verschwand um die nächste Kurve. Gächter eilte zu dem angeschossenen Mann. Bienzle, der sich mühevoll wieder aufgerappelt hatte, trat zu ihm. Hinter der Kurve hörte man das durchdringende Geräusch eines zweiten Crashs. Aber man hörte auch, dass der LKW-Motor weiterbrummte, als ob nichts gewesen wäre. Das Motorengeräusch entfernte sich schnell. Das Signal eines Martinshorns erstarb kläglich.

Ein Beamter rief: »Spurensicherung und Notarztwagen sind unterwegs!«

Bienzle hockte nun neben dem leblosen Körper des Beifahrers. »Einen Notarzt braucht’s nimmer.« Langsam stand er auf und starrte Gächter böse an. »Wie ein Anfänger!«

»Bienzle, hör zu …«

Aber weiter ließ der Kommissar Gächter nicht kommen. »Der hätt nicht sterben müssen. Das war nicht nötig. So wichtig ist das alles nicht! Aber du … du musst ja gleich schießen, als ob du’s hättest nicht erwarten können!«

Er drehte sich weg und ging ein paar Schritte. Dann kehrte er wieder um. »Außerdem weißt du ganz genau, dass wir uns nicht den kleinsten Fehler mehr erlauben dürfen!«

Gächter zuckte die Achseln.

»Mach’s dir nicht so leicht, Kollege Gächter«, sagte Bienzle leise und wiederholte mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme: »Mach’s dir nicht so leicht!«

Die beiden Zollbeamten, die den davonrasenden Lastwagen verfolgt hatten, kehrten zu Fuß und mit gesenkten Köpfen zurück. Bienzle sah ihnen entgegen. Mehr zu sich selber sagte er: »Schlimmer hätt’s nicht kommen können!«

 

Sie hatten schweigend gegessen. Cordula sah immer wieder auf und versuchte, mit ihren Augen Joachim Drehers Blick festzuhalten, aber er starrte vor sich hin, ohne sie wahrzunehmen, und stocherte in seinem Essen, als ob es ihm total misslungen wäre.

Dann stand er plötzlich auf und stieß unvermittelt hervor: »Komm ins Bett!« Die Art, wie er sie auszog, wirkte wild und unbeteiligt zugleich. »Nun komm schon!«, herrschte er sie an, als sie zögerte.

»Nicht so heftig, Achim, ich mag’s nicht, wenn …«

»Ach, ihr wollt doch alle genommen werden!« Rüde warf er sie aufs Bett.

»Wenn du mich verachtest, warum willst du dann mit mir schlafen?«, fragte Cordula leise.

»Dein Körper sieht noch immer aus, als wäre er nie berührt worden«, gab Dreher zurück.

Cordula setzte sich auf und zog die Beine an sich. »Du hast alle deine Zärtlichkeit verloren«, sagte sie.

Später lag er auf dem Bauch, und sie massierte seinen Rücken – beinahe mechanisch. Ihre Gedanken waren weit weg. Warum hatte sie sich damals nur von Wibke überreden lassen. Das Geld allein war’s nicht gewesen. Ihr Vater hielt sie zwar knapp, aber sie hätte ja genauso in irgendeinem Betrieb jobben oder kellnern können wie viele ihrer Kommilitoninnen. Wenn sie ganz ehrlich mit sich war, musste sie sich eingestehen, dass sie es auch genossen hatte. Auch jetzt, wenn sie daran zurückdachte, fühlte sie diesen kleinen Kitzel, diesen angenehmen Schauer, die aufkeimende Erregung … Sie verstärkte ihren Griff. Dreher stöhnte wohlig auf.

Vor einer Viertelstunde hatte sie ihn noch dafür gehasst, dass er sie demütigte. Jetzt, da er vor ihr lag und ihre schmalen Hände, denen man ihre Kraft nicht ansah, sein Fleisch kneteten, fühlte sie sich wieder zu ihm hingezogen.

»Ganz schön verspannt«, sagte sie, um sich von der aufkeimenden Erregung abzulenken.

»Na ja, wenn man jeden Tag zehn, zwölf Stunden am Schreibtisch sitzt.«

Cordula zog mit dem Nagel kleine rote Linien über seine Haut. »Sehen wir uns am Wochenende?«

»Du kannst Fragen stellen«, mümmelte er in sein Kissen. »Dein Vater gibt sein alljährliches Rehessen. Und dieses Jahr wird mir zum ersten Mal die Ehre zuteil …«

»Phhff – du gehst da hin?«

Er wälzte sich auf den Rücken. Cordula sah, dass auch bei ihm die Erregung zurückkehrte. »Hör mal, die ganze Politprominenz ist da …«

Cordula nahm etwas Massageöl auf die Fingerspitzen und begann, mit beiden Händen gegenläufige Kreise über seine Brust zu ziehen. Langsam verlagerte sie die Bewegungen zu den Lenden hinab. »Versprichst du dir was von diesem Spießerfressen bei meinen Eltern?«

Dreher hielt ihre Hände fest. »Allerdings. Im Augenblick brauchen wir den Flankenschutz der Ministerialbürokratie nötiger denn je!«

Das Telefon klingelte. Dreher schnellte vom Bett hoch. »Endlich!« Cordula griff nach einem Handtuch und rieb sich das Massageöl von den Fingern. Dreher riss den Hörer von der Gabel: »Ja? – Endlich, Ferencz – also, wie ist es gelaufen? – Was?« Sein Gesicht rötete sich, seine Hand umklammerte den Telefonhörer, dass die Knöchel weiß hervortraten, eine Ader an seiner Stirn begann sichtbar zu pochen. Unwillkürlich kroch Cordula unter die Decke und zog sie bis zum Kinn hinauf. »Sag das nochmal«, brüllte Dreher, »aber das ist doch hirnrissig – nichts hätten die euch beweisen können, gar nichts! – Was du jetzt tun sollst? Das Zeug muss verschwinden. Kipp den ganzen Mist in irgendeinen See – gibt doch genug davon dort oben im Allgäu.« Er hörte seinem Gesprächspartner ein paar Augenblicke zu und ging dabei auf und ab wie ein Tiger im Käfig. »Und die Papiere? – Na, wenigstens das! Nein! Ab jetzt keinerlei Kontakt. Wir kennen uns nicht! Was du machen sollst? Hau ab, Mann!« Er knallte den Hörer auf die Gabel.

Cordula sah ihn besorgt an. »Ist etwas schiefgelaufen?«

Dreher kam zum Bett, riss ihr die Bettdecke weg. »Los, raus!«

Cordula sah ihn fassungslos an. »Was ist?«

»Ich muss arbeiten, verschwinde!«

»Joachim …?«

»Ich kann dich jetzt nicht brauchen. Los, hau ab!«

»Das meinst du doch nicht so …!«

»Raus hier! Morgen kommt dein Vater zu mir, bis dahin muss ich alles auf der Reihe haben, verstehst du?!«

Cordula wollte noch etwas sagen. Sie kam sich schutzlos vor ohne die Decke – schutzlos und verloren. Langsam stand sie auf und ging aus dem Zimmer. Im Vorbeigehen nahm sie achtlos ihre Kleider auf. Draußen im Wohnzimmer zog sie sich an.

Dreher erschien auf der Schwelle zum Schlafzimmer. Er knöpfte sein Hemd zu. »Tut mir leid, Cordula …«

»Das glaube ich dir nicht«, sagte die junge Frau, und dann nochmal, um es zu bekräftigen: »Das glaube ich dir nicht.«

Sie ging hinaus. Die Tür fiel ins Schloss. Dreher zuckte die Achseln. »Weiber!«, sagte er in geringschätzigem Ton, ging in die Küche, holte eine Flasche Champagner und ein Glas und betrat sein Arbeitszimmer.

 

Cordula ging zu Fuß zurück zu ihrer kleinen Wohnung, obwohl das ein ziemlich weiter Weg durch die Stadt war. Zunächst lief sie, so schnell sie konnte. Erst als sie die Staffeln bis zum unteren Herdweg hinuntergerannt war, verlangsamte sie ihren Schritt. Für die herbstlichen Tage war es sehr warm. Sterne glitzerten am Himmel, und eine schmale Mondsichel stieg hinter der Silhouette des Fernsehturms auf. Cordula setzte sich auf die steinernen Stufen einer Treppe, die zu einem verwilderten Garten hinaufführte. Ohne dass sie es richtig wahrnahm, weinte sie. Sie wusste, dass ihre Liebesbeziehung beendet war.

Wahrscheinlich hatte Joachim dieses Ende kühl einkalkuliert. Überhaupt glaubte sie jetzt, dass er sie nie wirklich gemocht hatte – begehrt ja, aber nicht geliebt. So einer war vielleicht überhaupt nicht in der Lage, eine Bindung einzugehen. Dabei hatte er so viel Phantasie bewiesen – damals. Jeden Tag war ihm etwas Neues eingefallen, jeden Tag hatte er sie mit etwas anderem überrascht. Sein Ideenreichtum schien unerschöpflich zu sein. Mit ihm konnte man genauso gut in dicken Stiefeln über die raue Schwäbische Alb wandern wie beim Juristenball in der Liederhalle bis in den frühen Morgen hineintanzen. Wenn sie Lust auf eine wilde Nacht in der Disco hatte, war er es, der einen Discobesuch vorschlug, obwohl sie gar nicht darüber gesprochen hatte. Er traf ihren Musikgeschmack auf Anhieb, und die Bücher, die er ihr schenkte, waren immer genau jene, deren Lektüre sie sich gerade vorgenommen hatte. Und er hatte sie schon immer selbst gelesen. Die Gespräche darüber waren dann meistens das reine Vergnügen. Cordula mochte keine Schnittblumen, weil sie davon überzeugt war, dass jede Blume litt, wenn sie abgeschnitten wurde. Joachim Dreher hatte ihr von Anfang an nur kleine, zierliche Topfpflanzen mitgebracht. Er trank wie sie am liebsten trockenen Wermut vor dem Essen und dann einen samtroten Lemberger.

Sie liebte seine elegante Erscheinung, die Lässigkeit, mit der er sich bewegte, die Selbstverständlichkeit, mit der er seine ausgesuchten Maßanzüge trug. Mehr noch liebte sie seine Bereitschaft, sich so von ihr lieben zu lassen, wie es ihr den größten Spaß machte: wild, herrisch, mit einem scharfen Schuss Sadismus. In solchen Augenblicken, da sie sich selber vor ihrem eigenen Temperament und ihren ungewöhnlichen Obsessionen fürchtete, war er es, der ihr zuredete, diese noch zu forcieren.

Dabei konnten beide im nächsten Augenblick sehr zärtlich sein.

Als Cordula daran dachte, spürte sie plötzlich ein heftiges Verlangen nach ihm. Sie stand auf und wollte umkehren – die vielen Staffeln hinauf zum Killesberg, wollte ihn bitten oder zwingen, seine Grobheiten zurückzunehmen.

»Also des ischt ja nix – so a jongs Mädle nachts um die Zeit ganz allein«, sagte eine tiefe männliche Stimme. Auf seinen Stock gestützt, stand ein alter Mann vor ihr. Ein kleiner Hund zerrte an seiner Leine.

Cordula lächelte den Mann unter ihren Tränen an. »Ich fürchte mich nicht«, sagte sie.

»Darauf kommt’s ja au net an«, antwortete der Mann.

»Worauf denn dann?«

»Dass einem nix passiert!«

»Ja, wahrscheinlich stimmt das.«

»Haben Sie’s noch weit heim?«, fragte er.

»Ich schaff das schon!«

»Soll ich a Stückle mit Ihne gehen?«

Cordula wehrte ab. »Nein, nein, das ist wirklich nicht nötig!«

»Ja, ich weiß schon, es gibt Situationen, da ist man als Mensch lieber ganz allein, gell.« Damit wendete er sich ab und stapfte, auf seinen Stock gestützt, den Herdweg hinauf. Er zog ein Bein nach, und sein Atem ging so schwer, dass ihn Cordula noch lange schnaufen hörte. Zu Joachim Dreher wollte sie nun nicht mehr.

 

Bienzle fuhr allein nach Stuttgart zurück. Er suchte Musik im Autoradio, aber was da gesendet wurde, entsprach nicht seiner Stimmung. Er schaltete das Gerät wieder ab und hing seinen Gedanken nach.

Wie viele Morde hatte er in seiner Zeit als Chef der Mordkommission aufgeklärt? Siebzig vielleicht, vielleicht waren es auch achtzig gewesen. Aber nur selten war er mit dem Tod, genauer mit dem Sterben, so nahe in Berührung gekommen. Der Gedanke, dass dieser Mann sein Leben nicht hätte verlieren müssen, machte ihn rasend. Dass ausgerechnet Gächter ihn erschossen hatte, brachte Bienzle gegen den Kollegen und Freund auf. Wütend schlug er mit der Faust auf das Lenkrad. Das hätte nicht passieren dürfen. Er schaltete in den nächsten Gang. Viel zu schnell für seine Verhältnisse raste er auf Stuttgart zu.

 

Als Cordula ihre kleine Wohnung in Gablenberg betrat, war sie hundemüde und hellwach zugleich. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein, setzte sich in einen Sessel, zog die Füße unter den Po und griff nach einer Zigarette. Auf der letzten Wegstrecke war der Hass gegen Joachim in ihr aufgestiegen. Er schnürte ihr die Kehle zu.

War es nicht Joachim gewesen, der ihr den Weg gewiesen hatte, das vermeintlich leichte Geld zu verdienen und dabei auch noch Spaß zu haben? Joachim hatte ihr den Ekel immer wieder ausgeredet. Fast schien es ihr jetzt so, als ob dies alles Teil eines Planes gewesen wäre. Sie griff nach dem Telefon, wählte seine Nummer, und als er sich mit scharfer Stimme meldete, legte sie wieder auf. Es war vorbei. Und dennoch – wenn sie ihn morgen wiedersah, würde sie sich in seine Arme werfen. So leicht kam man von diesem Kerl nicht los.

 

Als Bienzle nach Hause kam, schlief Hannelore bereits. Er machte sich sein Bett auf der Couch im Wohnzimmer. Es gab Nächte, da blieb er lieber allein.

Donnerstag

Stricker stand schon um fünf Uhr auf. Er wollte heute nach Stuttgart, und bevor er die Termine im Wirtschaftsministerium und im Landwirtschaftsministerium wahrnahm, wollte er genügend Zeit haben, um in Ruhe seine Strategie mit Dreher durchzusprechen.

Ingrid Stricker war schon eine halbe Stunde vor ihm aus dem Bett gekrochen. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, sich nochmal umzudrehen und weiterzuschlafen, wenn ihr Mann aus dem Haus musste. Gewohnheitsmäßig machte sie ihm das Frühstück, ebenso gewohnheitsmäßig fragte sie ihn, als sie ihm den heißen Kaffee eingoss: »Soll ich dir eine Reisetasche packen?«

»Für alle Fälle.«

»Also bleibst du über Nacht?«

»Das wird sich im Laufe des Tags rausstellen. Ohne Not werd ich schon net übernachten.«

»Vielleicht kannst du bei Cordula vorbeigehen.«

»Mal sehen«, antwortete er abweisend.

»Es wär schön, wenn sie diesmal zu unserem Rehessen käme.«

»Damit sie mit dem Dreher rumknutscht, oder was?«

»Du hättest ihn ja nicht einladen müssen.«

»Der Dreher ist mein Anwalt. Außerdem hab ich dir oft genug gesagt, dass das ganz allein meine Sache ist.«

»Ich mag ihn nicht!«

»Der Mann ist ein hervorragender Experte in EG-Recht.«

»Und sicher sonst auch noch in so manchen Sachen«, gab seine Frau giftig zurück. »Vergiss deine Tabletten nicht!« Damit verließ sie den Raum, um seine Tasche zu packen.

Als sie die Wäsche, ein frischgebügeltes Hemd, zwei Ersatzkrawatten und eine Hose in die Tasche schichtete, umfing sie eine tiefe Trauer. Früher war er immer nach Hause gekommen. Da war ihm keine Strecke zu weit. »Ich fahr gern nachts«, pflegte er zu sagen, »da hör ich schöne Musik oder denk mir was aus.« Egal, ob er in München oder in Bonn oder in Zürich zu tun hatte – er versuchte nachts in seinem eigenen Bett zu schlafen. Lieber reiste er anderntags ein zweites Mal hin. Und nun? Nach Stuttgart waren es keine fünfzig Kilometer. Ein Katzensprung. Ingrid Stricker schloss die Tasche. Sie hätte viel darum gegeben, wenn er ihr erzählt hätte, warum er in diesen Nächten nicht nach Hause kam. Fragen würde sie ihn nicht.

 

Dreher war früher dran als sonst, und er hatte es eilig, als er mit raumgreifenden Schritten durch sein Vorzimmer auf die Tür seines Büros zustrebte. Seine Sekretärin sah auf. »Ach, Herr Dr. Dreher, da ist …«

»Später, Frau König, später!« Damit verschwand er in seinem Zimmer.

»Dann eben nicht«, maulte die Sekretärin.

Als Dreher in sein Büro kam, saß Ernst Bienzle im Schreibtischsessel des Rechtsanwalts. Sein Hut lag auf einem Aktenstapel. Der Kommissar hatte – wie es seine Gewohnheit war – die Daumen in den Hosenbund gehakt und streckte die Beine weit von sich. Dreher starrte ihn an: »Also, das ist dann doch …« Ihm schienen die Worte zu fehlen, was selten genug der Fall war.