Table of Contents
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Bierprinzessin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Impressum
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Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-1200-7
ISBN e-book: 978-3-7103-3938-7
Umschlagabbildung: Vera Moosmayer
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Inhaltsverzeichnis
1
My island home awaits me (Neil Murray, 1987)
2
What a year it has been, lost my love, shed
my skin (Alex Lloyd, 1999)
3
Mutter, der Mann mit dem Koks ist da (Falco, 2006)
4
So yes there are things worsein life than never
being someone’s sweetie (Morrissey, 2009)
5
You want it darker, we kill the flame (Leonard
Cohen, 2016)
6
I was born sick, but I love it, command me to be well,
amen, amen, amen (Hozier, 2016)
7
I know it’s true, it’s all because of you, and if I make
it through,it’s all because of you (The Beatles, 2023)
8
When I’m away from youy, I’m happier than ever,
wish I could explain it better (Billie Eilish, 2021)
Bierprinzessin
Kapitel 1
My island home awaits me (Neil Murray, 1987)
Über Nacht ist mir ein neues Blatt gewachsen. Gestern stand es noch eingerollt wie eine Antenne senkrecht, heute hängt es bereits vollständig entfaltet ganz rund seitlich ab. Arme nach oben strecken, ineinander verdrehen, die Finger verschränken. Arme seitlich mit der Handfläche nach außen langsam sinken lassen, bis sie im rechten Winkel vom Körper abstehen. Finger gespreizt.
So also fühlt sich eine Banane.
Ich beobachte die Pflanzen im Haus gegenüber seit Jahren. In jedem Fenster steht eine, nur eine, einsam in ihrem Rahmen. Im Fenster links neben der Banane mit dem neuen Blatt wohnt ein dünner Stängel mit zwei gelblichen, löchrigen Lappen in einem winzigen Topf, dem ist noch nie ein neues Blatt gewachsen. Im Fenster rechts von der Banane steht ein dicker, knolliger Kaktus, der wie ein grüner Medizinball für Fakire aussieht. Es kann sein, das Haus ist nur von Pflanzen bewohnt. Wie in der Ausstellung von Mamas Studenten. Da gab es dieses Modell einer Stadt, in der überall Pflanzen wohnten. Alle Häuser waren oben offen, man konnte in alle Zimmer gucken. Da waren Pflanzen hinterm Steuer winziger Autos und an winzigen Bürotischchen, Pflanzen standen mit ihren Töpfen anstelle von Füßen an der Bushaltestelle Schlange. Alles war Pappe, aber die Pflanzen waren echt. Ich träume seitdem von Pflanzen. Sie haben nachts versucht, mein Bett zu umwuchern. Ich gehe nicht mehr in den See, wegen der Schlingpflanzen, die da drin sind und versuchen werden, meine Füße zu greifen und mich runterzuziehen. Deshalb kann ich auch immer noch nicht schwimmen. Meine Mutter hat mich nach den Osterferien zum Schwimmkurs angemeldet. Im Stadtbad Charlottenburg. Wenn ich im Sommer noch nicht schwimmen kann, darf ich nicht mit in die Ferien nach Frankreich und muss bei Oma und Opa bleiben.
Ich lasse die Arme sinken und laufe in die Küche, wo Mama am Tisch an ihrem Laptop sitzt. Sie sieht nur kurz auf, als ich mich auf einen der Stühle schiebe.
Ich versuche, die Beine still zu halten.
Zwischen ihren Augenbrauen bildet sich diese senkrechte Falte.
„Zoe, ich arbeite. Was willst du?“„Nichts.“ Meine Beine machen, was sie wollen. Ich klemme die Hände unter die Oberschenkel, um sie ruhig zu halten.
Mama starrt mich über ihre Lesebrille hinweg an. „Was ist los? Warst du wieder am Rechner? Du weißt, du musst vorher fragen?“
Sie überlegt bestimmt, ob sie die Kindersicherung am PC aktiviert hat. Als ob ich nicht längst wüsste, wie man die ausstellt. Ich schüttle den Kopf.
„Du siehst blass aus. Fühlst du dich nicht?“
Ich schüttele wieder den Kopf. „Mir ist langweilig.“
„Langeweile gibt‘s nicht. Nur Mangel an Interesse.“Ob das stimmt? In der Schule sagen alle, sie langweilen sich. Ich wünschte, es wären schon Ferien.
Ich könnte weiter am Brockhaus arbeiten. Ich bin erst bei D.
„Wann waren wir in der Ausstellung? Der mit den Pflanzen?“
„Zoe! Fängst du schon wieder damit an! Das war doch nur ein Modell. Ich habe es dir doch schon so oft erklärt. Pflanzen sind festgewachsen, sie haben Wurzeln, sie können nicht laufen und sie versuchen auch nicht, Leute zu fangen. Du musst keine Angst haben. Das ist echt ein bisschen albern langsam. Und du machst den Schwimmkurs, wenn es darum geht, basta.“
„Ja. Ich habe keine Angst. Ich will nur wissen, wann wir da waren.“
„Das war die Bachelorklasse Städtebau. Das war im Februar. Ich müsste in den Kalender gucken. Warum ist das jetzt wichtig?“
Meine Beine schlenkern gegen die Tischbeine.
Meine Mutter atmet tief ein.
„Du, hier ist eine Idee. Du könntest anfangen, Tagebuch zu führen, dann weißt du selbst immer genau, was wann war.“
„Was ist ein Tagebuch?“
„Ein Heft oder Buch, in das du jeden Tag reinschreibst, was du gemacht hast. Alles, was so passiert. Und was d u denkst.“
Alles, was so passiert! Ich denke an meinen Bruder und was er da im Keller treibt seit Neuestem. Ich könnte das alles aufschreiben und so rausfinden, was da läuft.
„Ja! Ich will ein Tagebuch!“
„Okay. Ich gebe dir eins der Notizbücher, die du so schön findest, wenn du mir versprichst, mich dann in Ruhe arbeiten zu lassen. Das hier ist homeoffice, und auch wenn ich weiß, dass dir langweilig ist...“
„Ruhe! Ich schwöre!“ Ich halte die rechte Hand mit den beiden gespreizten Fingern zum Schwurzeichen hoch, und die linke auch, damit sie sieht, dass ich nicht hinterm Rücken die Finger kreuze. Dann würde der Schwur nämlich nicht gelten.
Mama steht auf und schließt die Schublade des Sekretärs neben dem Fenster auf, die sie immer abgeschlossen hält. Da sind die schönen Hefte und Stifte drin. Sie legt eins der schönen Büchlein mit dem schwarzen Umschlag und dem Gummiband zusammen mit einem nagelneuen Bleistift vor mich auf den Tisch und bleibt neben mir stehen.
Ich nehme den Bleistift und beiße in den Schaft. Bitter. Mama stupst mich mit dem Ellbogen an. Soll ich nicht machen.
Wo soll ich anfangen? Bei meiner Geburt?
Das schaffe ich nie! Ich erinnere mich nicht an meine Geburt. Oder an die Zeit danach. Mein Hals wird trocken, ich rechne nach: Ich bin jetzt genau seit 3124 Tage auf der Welt. Und an wie viele Tage kann ich mich erinnern? Gestern, vorgestern, dann letzte Woche bei Oma und Opa, davor war Winter, Weihnachten, dann wird es schon schwierig. In den Herbstferien waren wir in Südtirol, Papa wollte an den Gardasee, aber Mama nicht, weil ich noch nicht schwimmen kann. Im Sommer war ich mit Elif auf dem Reiterhof in Bergholz Rehbrücke. Mein Pony hieß Prinz. Elif ist von ihrem gleich am ersten Tag runtergefallen, den Namen ihres Ponys habe ich vergessen. Sie wollte den Rest der Ferien nicht mehr reiten. Wie soll ich das schaffen mit dem Tagebuch? Es ist eine unmögliche Aufgabe. Ich spüre, dass ich gleich anfangen muss zu heulen.
„Mit welchem Tag muss ich anfangen?“ Ich schäme mich, dass meine Stimme so babymäßig zittrig klingt.
„Wie wär’s mit heute?“, schlägt meine Mutter vor.
Ich bin erleichtert. Heute ist gut!
„Du schreibst das Datum oben hin. Dann schreibst du drunter, was dir zu diesem Tag heute einfällt.“
„Was ist heute für ein Tag?“
„Mittwoch. Fünfter April.“
Mittwoch, 5. April, schreibe ich in meiner schönsten Handschrift. Darunter: Noch zwei Tage bis zu den Osterferien.
Die Banane hat ein neues Blatt.
Ich überlege, was ich sonst noch aufschreiben könnte. Was ich anhabe? Was es zum Frühstück gab? Bis mir etwas einfällt, male ich eine Reihe Bananen unter das Datum.
Meine Mutter hat sich wieder hingesetzt und guckt durch die Lesebrille auf ihren Bildschirm. Ich weiß, wie es ist, wenn man Dinge in der Nähe nicht mehr scharf sehen kann.
Ich drücke meine Fäuste auf die Augen und zähle bis 20. Dann nehm ich die Fäuste weg und schaue so weit in die Ferne wie es geht, auf das, was am weitesten weg ist, auf den Kirchturm, der hinter dem Hinterhaus hervorschaut. Dann schnell wieder auf das Heft vor mir. Für einen Moment sehe ich alles verschwommen. Der Effekt hält aber nicht lange. Wie lang? Ich brauche eine Stoppuhr, um das herauszufinden. Das wird der erste Eintrag in das Tagebuch! Eine wissenschaftliche Erkenntnis. Ich werde Forscherin!
„Mama! Kann ich eine Stoppuhr haben?“
„Zoe!“ grollt sie, ohne vom Bildschirm aufzusehen.
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich habe versprochen, nicht zu stören. Und Versprechen muss man halten. Haben wir eine Stoppuhr? Wenn ja, wo könnte sie sein? Bücherschrank, nein, Couchtisch, nein, vielleicht auf dem Balkon in der Truhe mit den Sportsachen. Aber die riechen so schlecht, da möchte ich nicht so gern nachsehen.
Am Balkonfenster sehe ich die Biene. Sie ist hier drin gefangen! Sie krabbelt die Fensterscheibe hoch, es summt und ihre Beinchen machen dabei ein schabendes Geräusch auf dem Glas. Sie ist fast oben am Rahmen, da plumpst sie zurück auf das Fensterbrett. Nach einer kurzen Pause startet sie erneut das Glas hoch.
„Mama, da ist eine Biene! Wir müssen sie rauslassen!“ Ich zeige auf das Fenster. Meine Mutter starrt mich böse an und kratzt sich am Hals. Wenn sie wütend wird, bekommt sie rote Flecken am Hals. Papa nennt sie sein Sams, wenn er sie damit ärgern will. Meistens trägt sie aber ein Halstuch und man sieht es nicht.
Ich würde die Biene selbst rauslassen, aber ich bin allergisch und soll mich von Bienen fernhalten. Meine Mutter steht kurz vor einem Wutausbruch, ich kann die Flecken sehen.
Wenn ich jetzt zur Biene retten gehe, wird Mama mich ausschimpfen. Ich muss es trotzdem tun. Ich rutsche so langsam wie möglich vom Stuhl, da höre ich den Schlüssel in der Wohnungstür. Das ist meine Chance. Mama ist abgelenkt! Ich verwandele mich in eine Katze und gleite geräuschlos vom Stuhl.
Die Tür wird schwungvoll aufgestoßen und schlägt mit einem Knall gegen die Kante der Kommode im Flur. Vom jahrelangen Missbrauch hat das Türblatt eine Delle an dieser Stelle.
„Wo kommst du her um diese Zeit?“, ranzt meine Mutter.
Unauffällig schleicht die Katze ins Wohnzimmer und verschwindet im Hohlraum vom Fußhocker vor dem Sofa. Sie kann, wenn sie sich zusammenrollt, durch den Spalt zwischen Stoff und Holzfußboden alles beobachten, ohne dass sie jemand sieht. Aus diesem Versteck heraus kann sie sogar mit fernsehen, wenn alle denken, ich bin im Bett.
Die Katze sieht kornblumenblaue Sneaker unter schwarzen Neoprenbeinen. Da wachsen neuerdings Haare an den Beinen meines Bruders. Die Sneaker sind ganz schön neu, ich kenne sie noch gar nicht. Nike. Sehen teuer aus, und nicht second hand. Woher hat er die? Ich müsste Notizen machen, aber die dumme Katze hat das Tagebuch auf dem Küchentisch liegen lassen.
„Netter Empfang!“, krächzt er. Sein riesiger Rucksack mit dem aufblasbaren SUP fällt unter die Garderobe.
Meine Mutter hat ihre Beine um die Stuhlbeine gewickelt.
„Ach hey Flo, du bist es. Tut mir leid. Ich dachte, es wäre Papa. Der wollte schon vor zwei Stunden da sein…“
Sicher erwartet sie nicht, dass ihre Entschuldigung angenommen wird. Mein Bruder hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit entwickelt. In dem Sinn, dass er sich immer ungerecht behandelt fühlt. Er ist dreizehn und beleidigt, dass er noch nicht achtzehn ist. Früher war er lustig, aber jetzt ist er meistens schlecht gelaunt.
„Kein Wunder, dass er lieber wegbleibt“, quiekt er. Neuerdings klingt seine Stimme mal tief, mal hoch und manchmal quiekt sie. Extremst lustig. Ich muss mir die Hand vor den Mund halten, um nicht loszukichern, das würde mein Versteck verraten. Und Katzen kichern nicht. Oder?
Die Sneaker quietschen in die Küche.
Ich hebe den Hocker vorsichtig ein paar Zentimeter an, damit ich mehr als bis zu den Knien sehen kann. Er hat den Kühlschrank aufgemacht und trinkt Milch direkt aus der Tüte. Das macht er mit Absicht, um Mama zu provozieren. Bestimmt hat er die Flecken an ihrem Hals noch nicht gesehen. Meine Mutter sieht es mit hochgezogenen Augenbrauen, sagt aber nichts. Das ist ungerecht! Wenn ich das mache, gibt es ein riesiges Theater, von wegen Keime und Ansteckung und allem.
„Er wollte um sieben hier sein und jetzt ist es – was? Halb neun? Wo warst du? Du weißt schon, dass morgen noch Schule ist? Und wo ist Zoe auf einmal? “ Sie klappt den Rechner zu und schiebt den Stuhl zurück. Ich lasse den Hocker langsam wieder runter.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin gerade erst gekommen!“, schnappt er entrüstet, reißt theatralisch die Augen auf und breitet seine Arme aus. Sein Neoprenanzug sieht trocken aus, nichts tropft.
Mama schnaubt. „SUPen. Klar. Im April, ihr spinnt doch. Geh dich umziehen, du holst dir ja noch den Tod.“
Die nagelneuen, kornblumenblauen, trockenen Sneaker kommen auf mich zu. Ich halte die Luft an. Unter Wasser kann ich schon langsam bis 87 zählen. Ich übe das bei jedem Bad in der Wanne, mein Ziel ist die Hundert. Wegen der Schlingpflanzen im See ist es wichtig, dass man lange genug die Luft anhalten kann, um sich zu befreien.
Der Rekord für Luftanhalten liegt bei 22 Minuten. Apnoetaucher können das. Apnoe ist ein großartiges neues Wort, das war unter A im Brockhaus.
Die Sneaker quietschen krk-krk, die Neoprenbeine machen sch-sch. Der Anzug ist definitiv trocken, nasses Neopren macht nicht sch-sch. Ich schiele durch den Spalt: Kein Zweifel. Ein nasser Wetsuit ist schwarz. Wenn er trocken ist, ist er gräulich. Das wird der erste Eintrag für mein Tagebuch! 5. April, Florian hat Wetsuit an, aber er ist trocken. Warum? War er gar nicht am Kanal? Ich werde Detektivin! Mein erster Fall: Wo geht mein großer Bruder hin, im Wetsuit?
Er hat das Fenster aufgemacht und die Biene auf seine Hand krabbeln lassen. Ich bewundere ihn dafür. Das würde ich auch gern können. Florian hält seine Hand aus dem Fenster. Das Summen und Schaben ist verstummt. Stattdessen brummt jetzt der Kühlschrank. Meine Mutter steht auf und wirft ihn einem ärgerlichen Schnauben zu. Sie dreht sich um. Jetzt stehen sie sich gegenüber, meine Mutter vor dem geschlossenen Kühlschrank, mein Bruder vor dem geöffneten Fenster, zwischen ihnen nur der Küchentisch. Sie stehen einfach da. Es ist wie in einem der Western, die ich eigentlich noch nicht sehen darf. Wenn zwei sich so gegenüberstehen kommt es darauf an, wer sich zuerst bewegt, der wird dann erschossen und fällt in den Staub.
„Mach das Fenster zu, sonst kommen die ganzen Mücken rein!“
Mein Bruder ignoriert sie und schlurft betont langsam zu seinem Zimmer.
Wie ist das jetzt zu werten? Wer hat gewonnen? Ich entscheide auf Unentschieden. Florian hat sich zuerst bewegt, aber Mama hat zuerst geredet.
Er dreht das selbstgemachte Schild an seiner Zimmertür auf Keep Out und verschwindet.
Der Luftzug vom Türschließen bewegt leicht die Vorhänge. Durch das offene Fenster hört man Stimmengemurmel und riecht den Geruch von Grillfleisch. Meine Mutter verzieht gequält das Gesicht und murmelt „du mich auch“, als sie auf Socken an meinem Versteck vorbeikommt und das Fenster schließt. Dann geht sie in den Flur, stellt den großen SUP-Sack aufrecht, damit er die Tür nicht blockiert und verschwindet im Bad.
Die Katze kann unter dem Hocker hervorkommen. Zu blöd, dass ich keine Stoppuhr hatte! Ich habe wirklich lang die Luft angehalten, aber das Zählen vergessen. Ich bin sicher, das wäre ein neuer Rekord gewesen.
Es war einer dieser besonderen Frühlingstage, die sich wie Sommer anfühlten. An solchen Tagen rückte der Himmel näher und schien die Gebäude enger zusammenzuschieben. Ein für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Wind wehte durch die Straßen, ein Wind, der nicht zu den schmutzigen Schneeresten am Straßenrand passte.
Auf seiner Stirn glänzten kleine Schweißperlen. Er wischte sie mit dem Handrücken weg und an der Schürze ab. Sie war aus dickem, hellgrauem Leder, das über den Oberschenkeln zwei glänzende abgewetzte Stellen hatte und war mit einer durch eine Kette verlängerten Kordel auf seinem Rücken verknotet. Darunter trug er lederne Kniebundhosen, seine Waden steckten in grünen Kniestrümpfen aus grober Wolle mit Zopfmuster, die Füße in soliden Lederhalbschuhen. Alles viel zu warm für diese Temperaturen.
Die laue Brise machte die Leute unruhig. Man wusste nicht, war das schon der Sommer oder morgen schon wieder vorbei. Sie hielten es zuhause nicht mehr aus, alle krochen aus ihren Löchern und suchten Plätze, die einen Strahl Sonne abbekamen.
Er hatte die Wettervorhersage nicht gesehen und war auf den Ansturm ungenügend vorbereitet. Er war das nicht mehr gewohnt, es war lange her, dass Craftbeer so neu war, dass der Laden überlief. Und dann die lange Coronazeit, als gar nichts mehr lief. Viele Lokale hatten die Schließungen nicht überlebt. Er hatte überlebt, aber jetzt fehlten ihm die Arbeitskräfte. Die meisten hatten festgestellt, dass es leichter verdientes Geld gab als in der Gastronomie. Jetzt kamen die Gäste und die Touristen zurück, und er stand allein da.
Er hatte die Stühle und Tische für draußen erst aus dem Keller holen müssen. Dabei war das Lokal bereits voll besetzt. Seit er um vier Uhr am Nachmittag geöffnet hatte, war er auf Trab, rannte zwischen Restaurant und den Tischen auf der Straße hin und her. Seine Gäste saßen auf allem, was nicht protestierte. Eine Gruppe Prenzlauer Berg Hipster, die alle gleich aussahen mit ihren säuberlich gestutzten Vollbärten und Hornbrillen, saß auf umgedrehten Bierkisten, die jemand aus der Abstellkammer unten bei den Toiletten geholt haben musste. Es war selten, dass Deutsche hierherkamen. Seine Kundschaft waren eher die Touristen, die nach der Besichtigung des Schlosses oder einer Aufführung im Globe hier einkehrten. Einer saß auf einem umgedrehten gelben Putzeimer. Er besaß keine gelben Putzeimer. Wo hatten die den gestohlen? Ein asiatisches Pärchen kauerte auf pinkfarbenen Rollköfferchen im Hello Kitty Design, ihre Teller auf den angezogenen Knien balancierend.
Er hatte Maria versprochen, heute pünktlich nach zu Hause zu kommen, aber das würde wohl nichts werden. Er konnte das unmöglich mit Resi allein bewältigen. Er hatte noch alle seine Aushilfen angerufen, aber nur Resi war dran gegangen. Sie hatte sofort zugesagt. Was würde er nur ohne sie machen! Da wirbelte sie in ihrem feschen Dirndl, flirtete und kassierte, brachte volle Teller und Gläser, trug leere weg, sie schien immer fröhlich und nie müde zu werden, auch nie zu schwitzen. Verstohlen schnupperte Thomas an seinem karierten Hemd, das feucht war unter den Achseln. Er schielte zu den Zapfhähnen und schickte ein Stoßgebet zum Heiligen Veit, dem Schutzpatron der Brauer, dass das Bier für den Abend reichen möge.
Er durfte auf keinen Fall vergessen, später noch Sebastian anzurufen und ihm zu sagen, dass er morgen und nicht erst am Wochenende nachliefern musste.
Ein langer blonder Kerl hatte sich bis nach vorn gedrängt und winkte ihm zu. Ein Schwede, vermutete er.
Der Schwede sah auf seine Übersetzugsapp und formulierte: „Zwei Berliner Pils bitte.“
Thomas stützte eine Hand auf den Tresen: „Hamwa nicht.“
„Sorry?“
„Yes, sorry. We have no Berliner Pils here. No Kindl either. We serve our own brew only.“
Hier gab es ausschließlich Selbstgebrautes. Richtiges Bier. Und auch wenn alle jammerten, wie teuer alles geworden war, wie sie sparen mussten, Inflation, explodierende Mieten, hohe Energiekosten – beim Bier wurde nicht gespart.
Es wäre einfacher, wenn er einen Vertrag mit einer der großen Getränkekonzerne hätte, dann könnte er jetzt einfach anrufen, und eine halbe Stunde später wären die Fässer wieder voll.
„Zwei Bier - bitte?“, fragte Schwede nun vorsichtig und langsam.
„Gerne. Was für eins?“
Der Schwede guckte verzweifelt. Thomas schob ihm die stilvoll gestaltete Speisekarte hin. Die Vorderseite Getränke, die Rückseite Speisen. Schlicht, übersichtlich, schön. Handgeschöpfter Karton, von Hand beschriftet (Marias Werk). Deutsch und Englisch. Sie hatten sieben Sorten Bier im Angebot: zwei Untergärige, davon eines mit einem Alkoholgehalt von über 10 Prozent, definitiv nichts für seinen jungen Schweden hier, die waren ja nichts gewohnt bei ihren Preisen da oben im Norden, dann zwei Dunkle, zwei Sorten Hefe, und ein Sauerbier, mit Salz und Koriander gewürzt. Der Mann sah verzweifelt aus. Thomas bekam Mitleid.
„Unser Spezial der Woche ist das Waisblau. Ein naturtrübes Pils mit einer Note Blaubeere.“ Er tippte mit einem Finger auf die Zeile in der Karte: „Blueberry ale. Real nice“.
Der Schwede nickte erleichtert und hob eine Hand mit ausgestreckten Zeige-und Mittelfinger hoch: „Zwei, bitte.“
Thomas nickte Micha zu, der am Zapfhahn zwei große Gläser füllte und auf den Tresen stellte. „Ten Euro. Cash or card?“
Der Schwede legte theatralisch einen roten Schein auf den Tresen. Klar, für den waren das keine Preise. Ob er nochmal hochsetzen sollte? Auf jeden Fall im Sommer, wenn es wieder los ging mit Public Viewing zur Fußball EM.
„It‘s really fun doing this. We don’t pay cash anymore“.
„Kein Bargeld mehr? Really?“
„Really!” Er schüttelte vor Freude seine Locken. „Your country is like a museum. Really cute!“
„Aha. And where are you from?“, fragte Thomas, der sich leicht gekränkt fühlte.
„Estland!“ rief der Blonde und schlug sich mit der flachen Hand auf die Brust.
Ein Land ohne Bargeld? War das erstrebenswert? Ohne Bargeld ging hier gar nichts. Seine Aushilfen liefen bar, ohne Trinkgeld würden sie gar nicht kommen, selbst die Möbel hatte er gebraucht bei Kleinanzeigen gekauft und bar bezahlt.
Er sah dem Esten hinterher, der mit seinen Gläsern nach draußen ging. Was waren das für Zeiten gewesen, damals. Goldgräberstimmung nach der Wende, Baustellen überall, Touristen fielen jeden Sommer ein wie die Hunnen. Er war ein Bierpionier. Das Edelwais war 2000 eine der ersten Boutique-Brauereien in Berlin. Er hatte den richtigen Riecher gehabt, der Trend setzte sich fort, überall in Deutschland sprangen Mikrobrauereien wie Pilze aus dem Boden. Neben München war Leipzig das Zentrum der Bewegung. Die Bayern waren den Sachsen sehr ähnlich. Oder war es andersrum? Wie auch immer. Die kleinen Brauereien waren jedenfalls irgendwann so zahlreich, dass sie eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Großkonzerne wurden. Die versuchten prompt, die kleinen aus dem Markt zu drängen oder aufzukaufen, und alle das nicht gelang, brachten sie eigenes Craft beer heraus: Bier aus ihrer Massenproduktion, aber in trendigen bauchigen dunklen Flaschen, mit lustigen Namen. Dunkle, stouts, Pale Ales. Bis dahin kannten die Deutschen nur zwei Sorten Bier: Pils und Helles.
Der Este hatte die Tür offengelassen, trotzdem wurde es langsam stickig, so voll war es. Nur deshalb fiel ihm der Mittdreißiger mit akkuratem Seitenscheitel und fein gestutztem Ziegenbärtchen auf. Er hatte nicht wie die anderen seine Jacke abgeworfen. Er trug einen affigen, schmal geschnittenen Trenchcoat. Er stand allein am Tresen, ganz am Ende, ein Bein vermeintlich lässig auf der Messingstange, und nippte an seinem Glas. Er sah wie einer dieser Vertreter von damals aus. Als das Gasthaus neu war, und er wöchentlich Besuche der Bierkonzerne bekam, um ihm Verträge aufzudrängen, mit denen er deren Marken verkaufen sollte.
Er beobachtete den Gecken aus den Augenwinkeln, während er weiter Bier und Tapas servierte und leere Gläser einsammelte. Er konnte es nie beweisen, aber er war bis heute sicher, dass die ihn damals sabotiert hatten. Kaum eine Woche nach Eröffnung war das Gewerbeaufsichtsamt zu einer unangemeldeten Kontrolle gekommen. Sie kamen zu dritt und fanden eine einzelne Kakerlake in der Küche, obwohl alles neu war, und gerade erst vom Bauaufsichtsamt abgenommen. Um ein Haar hätten sie gleich wieder schließen können, hätte sein Geschäftspartner Sebastian nicht seinen Vater eingeweiht, der in einer großen Anwaltskanzlei arbeitete, die auch die Deutsche Bahn vertrat. Die kannten die Tricks der Bürgerinitiativen gegen neue Bahnstrecken und konnten schnell nachweisen, dass das Tierchen, das angeblich aus seiner Küche kam, eine Blaberus Caniifer war, ein Exot aus der Tierhandlung, eine besonders hübsche Sorte Kakerlake, die sich irgendwelche Spinner als Haustiere hielten und die in Mitteleuropa gar nicht vorkam. Die war also nicht von allein nach Charlottenburg gekrabbelt. Ihn hatte das damals aus den Schuhen gehauen, aber offenbar war das kein Einzelfall, solche seltenen Tierchen wurden gern ins Rennen geschickt, wenn es galt, Gleise, irgendeine Straße oder Brücke zu verhindern. Zumindest konnten sie durch so einen Fund langwierige Umweltprüfungen auslösen und das Projekt so verzögern, dass es so teuer wurde, dass am Ende wirklich alle dagegen waren. Man konnte geschützte Viecher online kaufen. Ob so auch der Wolf nach Brandenburg gekommen war? Er war damals fassungslos gewesen aber auch ein bisschen beeindruckt, so viel kriminelle Energie hatte er den linksversifften grünen Ökotrotteln gar nicht zugetraut.
Wie auch immer. Die unangemeldeten Kontrollen wiederholten sich in Variationen. Reine Schikane das Ganze, man reagierte angeblich auf anonyme Hinweise, aber fand nie etwas. Weil es nichts zu finden gab. Thomas kontrollierte die Küche täglich persönlich und achtete akribisch auf die Einhaltung aller Vorschriften. Er engagierte eine gute (und im Übrigen sehr teure) Reinigungsfirma. Beim ersten Mal hatte er noch Anzeige gegen Unbekannt erstattet, aber das verlief im Sand und band nur unnötig Zeit und Nerven.
Deshalb blieb er aufmerksam, es konnte jederzeit wieder los gehen. Der Typ bezahlte jetzt gerade bei Micha – in bar, ungewöhnlich für diese smarten Handywallet-Typen - und steuerte die Treppe an. Thomas folgte ihm ins Untergeschoss. Während der Saboteur in der Toilette verschwand, wischte Thomas über das Waschbecken und füllte Papier in den Handtuchspendern nach. Als der Gast wieder oben war, sah Thomas unter die Schüssel, hinter den Lüftungsgrill und in den Spülkasten. Er fand nichts.
Auf dem Weg nach oben fiel sein Blick auf die eingerahmten Zeitungsausschnitte. Er hatte das Gasthaus sechs Jahre nach der Brauerei pünktlich zur Fußball-WM in Deutschland eröffnet. Das Sommermärchen, es kam ihm wie eine andere Ära vor, jetzt, nach Katar und allem, was man über König Fußball nie hatte wissen wollen. Es hatte einen kleinen Hype in der Lokalpresse gegeben, damals. Seine Geschichte war nicht nur die vom neuen Bier, sondern eine Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, die sich bestens verkaufte. Seht her, nicht nur in Amerika kann es der kleine Mann schaffen! Fernsehteams von RBB und RTL kamen zur Eröffnung. Der Tagesspiegel berichtete, die Berliner Zeitung, die taz und eine Woche später sogar die ZEIT, wenn auch nur im Ostteil, was ihn ein wenig gekränkt hatte. Eine neue Brauerei, mitten in Berlin! Er hatte damals die Interviews allein gegeben. Sein Partner Sebastian war ziemlich beleidigt deswegen. Aber er hatte einfach nicht ins Bild gepasst. Die Story war schöner ohne ihn: Ein Sozialarbeiter aus dem Ruhrgebiet schmeißt an seinem vierzigsten Geburtstag alles hin, geht nach München und lässt sich zum Bierbrauer ausbilden. Um seine Ausbildung zu finanzieren, arbeitet er abends als Kellner. Dort begegnet er Maria, der Studentin. Es funkt sofort. Aber sie will die Welt sehen, bevor sie in einem angesagten Berliner Architekturbüro anfängt, das ihr nach einem Praktikum eine feste Stelle angeboten hat. Als sie nach einem halben Jahr wieder in Deutschland landet, empfängt Thomas sie am Flughafen Tegel mit einem riesigen Strauß roter Rosen und trotz des Winters mit offenem Hemd, damit sie seine Tätowierung sieht: MARIA, quer über seine Brust in geschwungenen Buchstaben, vor einem großen roten, von einem gefiederten Pfeil durchstochenem Herzen.
Tattoos sind noch etwas Ungewöhnliches. Auch da ist er Pionier. Sein Einsatz wirkt. Sie heiraten. Er baut die Brauerei auf. Und öffnet sechs Jahre später das Gasthaus. Manche Artikel reden von „kurzlebiger Mode“ und sagen ein schnelles Ende des ganzen Spuks um Handwerksbier voraus. Aber die meisten schmeicheln.
Was nicht in den Artikeln steht: Die Hochzeit findet im kleinsten Kreis statt. Marias Familie ist katholisch und entsetzt über die standesamtliche Trauung. Seine Eltern kommen auch nicht, weil er – obwohl einziger Sohn - den Namen seiner Frau annimmt und die stolze Dortmunder Dynastie beendet. Wais ist viel besser fürs Geschäft. Seinen alten Namen kann niemand richtig aussprechen und ist als Markenname völlig untauglich. Wais dagegen ist erste Liga. Edelwais nennt sein erstes Bier, ein edles Helles, und Edelwais nennt er auch sein Gasthaus.
Es hätte nicht viel gefehlt und die Ehe wäre kürzer gewesen als eine von Elon. Denn Maria war nach ihrer Reise wild entschlossen, nach Neuseeland auszuwandern. Die Insel der Langen Weißen Wolke hatte es ihr angetan. Seit ihrer Reise trug sie eine Art Angelhaken aus Grünstein um den Hals. Sie legte ihn nie ab. Nicht mal zum Schlafen. Thomas teilte ihre romantische Vorstellung vom Neustart am anderen Ende der Welt in keiner Weise. Seine Migration vom Ruhrgebiet nach Bayern und weiter nach Berlin reichte ihm völlig. Er wollte nie mehr der Neue sein. Es war sein Glück, dass Marias Eltern ihre künftigen Enkel in der Nähe haben wollten. Die großzügige finanzielle Unterstützung durch seinen Schwiegervater war nicht auf ein Interesse an Bier oder sein Unternehmen zurückzuführen, da machte Thomas sich nichts vor. Aber er war da nicht eitel. Geld stinkt nicht.
Aber jetzt war nicht die Zeit für Nostalgie. Er nimmt die letzten beiden Stufen in einem Satz und bahnt sich einen Weg hinter den Tresen. Aber der Anfang war schon verrückt gewesen. Monatelang hatte er mit Sebastian in der Moabiter Küche Braurezepte ausprobiert. Viele Verkostungen endeten mit dem Kopf in der Kloschüssel. Aber irgendwann lief es. Heute beschäftigte Sebastian achtzehn Mitarbeiter und bildete selbst aus. Das Gasthaus warf von Anfang an wenig ab, war aber als Visitenkarte für ihr Unternehmen wichtig. Während Thomas sich hier als Wirt einen Wolf arbeitete, experimentierte Sebastian mit alten Hopfen-und Malzsorten und vermaischte Gewürze, Kaffee und Früchte. Er braut Kiwi-Bier, Chili-Bier und zu Weihnachten Lebkuchen- oder Zimt-Bier. Natürlich durften sie das nicht „Bier“ nennen, das verbot das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Also verkauften sie es als „Ale.“ Die Edelwais Ales fanden sich inzwischen in fast allen Bio-Läden der Stadt. Ihre Bekanntheit verdankte ihr Bier dem Gasthaus. Touristen liebten es und teilten ihre Begeisterung auf allen social Media Kanälen. Natürlich kamen sie wegen der ausgefallenen Biere, aber vor allem auch wegen ihm, da war er sich sicher. Der Absatz ging erst richtig hoch mit Eröffnung des Edelwais. Er war ein Wirt aus dem Reiseprospekt. Und dann noch die Teutonischen Tapas, die waren das Tüpfelchen auf dem i – sie waren Marias Idee gewesen, regionale Gerichte, der Jahreszeit entsprechend, winzige Portionen, alles vegan und selbstverständlich Bio. Seit das Edelwais im Lonely Planet Germany erwähnt wurde, mussten sie keinen Cent für Werbung ausgeben. Tag für Tag drängten sich laute Amis und leise Japaner, blasse Briten und gebräunte Spanier, große Skandinavier und kleine Südeuropäer um seinen Tresen. Etwa ein Jahr später kamen die Russen dazu, die gaben sehr gutes Trinkgeld, machten aber auch mehr Ärger, sie wurden emotional, wenn sie zu viel getrunken hatten. Aber die kamen seit dem Krieg gegen die Ukraine nicht mehr, Charlottengrad hin oder her, man sah sie kaum noch. Dafür kamen seit Ende der Pandemie wieder viel mehr Asiaten. Sie gaben kaum Trinkgeld, fingen dafür aber auch nie Streit an. Sie bestellten viel aber aßen wenig, sie fotografierten ihr Essen lieber. Sie machten Selfies von sich mit Biergläsern in der Hand, sie fotografierten die Suppen und die Tofuwürstchen mit süßem Senf. Und vor allem fotografierten sie sich mit ihm. Ich muss in tausenden Facebook- und Instagram Accounts dieser Welt vorkommen und die Clouds verstopfen mit meinen Lederhosen und meinem Janker, dachte Thomas. Sein Alltagskostüm. In Jeans und Shirt kam er sich inzwischen verkleidet vor.
Kurz und gut: Sebastian war vielleicht der geniale Brauer und Unternehmer, aber er, Thomas, war das Edelwais. Anders als sein kahler, dünner Partner war er der Bierbrauer, den die Leute sehen wollten. Nach nur drei Jahren konnte Thomas die Wohnung in Charlottenburg kaufen, in der sie bis dahin zur Miete gewohnt hatten, und wieder drei Jahre später den Kredit seinem Schwiegervater zurückzahlen. Vollständig. Mit Zinsen. Er schuldete heute niemandem irgendwas. Die Wohnung war inzwischen Gold wert, die Immobilienpreise hatten sich wie die Mieten innerhalb der letzten fünf Jahre verdreifacht.
Micha begrüßte ihn mit einem sarkastischen „schon zurück?“ und die Vergangenheitsblase implodierte. Thomas sah die Warteschlange, die leeren Gläser auf den Tischen und wurde sauer. „Eigentlich ist das dein Job, mein Freund. Du wischst nachher selbst noch mal durch da unten, das hält sonst nicht bis heute Abend.“