Big Swiss - Jen Beagin - E-Book
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Jen Beagin

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Beschreibung

 Hudson, eine Kleinstadt nördlich von New York. Dort lebt Greta, die als Schreibkraft für den Sex-Coach Om arbeitet. Und Big Swiss, die eigentlich Flavia heißt und bei Om in Therapie ist, weil sie noch nie einen Orgasmus hatte. Als Greta und Big Swiss sich zufällig im Park begegnen, weiß Greta schon fast alles über Big Swiss, weil sie die Tonaufnahmen ihrer Therapiesitzungen kennt. Big Swiss hingegen trifft mit Greta einen fremden Menschen, der sie vom ersten Augenblick an fasziniert. So unterschiedlich Greta und Big Swiss auch sind, eines wissen sie sofort: Sie sind seelenverwandt – und schon bald gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. 

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jen Beagin

Big Swiss

Roman

Aus dem Englischen von Eva Kemper

Atlantik

Für Stefan

1

Greta nannte sie Big Swiss, weil sie groß und aus der Schweiz war und oft vom Scheitel bis zur Sohle Weiß trug, die Farbe der Kapitulation. Ihre blonden Haare waren so fein wie Pusteblumenflaum. Sie hatte eine Lücke zwischen den Schneidezähnen, ließ aber den gelassenen Charme vermissen, der normalerweise damit einherging, und der Blick ihrer blassblauen Augen war so durchdringend wie der eines Sektenführers. Wohin sie auch ging, drehten sich selbst Kleinkinder und Hunde nach ihr um. Ihre Schönheit glich der Schweiz selbst – beeindruckend, aber steril –, und verglichen mit ihrem teutonischen Gleichmut wirkten die Menschen um sie herum wie emotionale Freigeister oder, um einen Begriff aus der Psychiatrie zu bemühen, völlig durchgeknallte Spinner.

Allerdings war das reinste Spekulation von Greta – sie hatte Big Swiss nie getroffen, und das würde sie wahrscheinlich auch nie. Ebenso wenig hatte sie je einen Fuß in die Schweiz gesetzt. Aber sie hatte Fotos gesehen, und das Land wirkte einfach nicht echt. Big Swiss dagegen war eindeutig echt. Greta kannte ihre Initialen (FEW), ihr Geburtsdatum (23.5.1990), ihre Klientennummer (233) und ihre Stimme, die tief, laut und ein wenig traurig klang. Vielleicht lag es daran, dass Big Swiss so ausdruckslos sprach und Greta ihr Gesicht nicht sehen konnte, jedenfalls beschwor ihre Stimme wahllos Bilder herauf. Zum Beispiel von Hundezitzen. Von nassen Kiefernnadeln. Auch von Greta, die sich in einem Wandschrank zwischen Nerzmänteln versteckte. Davon abgesehen hatte sie etwas Substanzielles an sich, das Greta gefiel. An dieser Stimme konnte man mit dem Pulli hängen bleiben oder sich einen Zahn abbrechen, aber sie war auch so süß, dass man an ihr saugen, mit ihr im Mund einschlafen konnte.

Jetzt im Moment sprach Big Swiss über ihre Aura, ein unerträgliches Gerede, wäre nicht diese Stimme gewesen. Big Swiss zufolge unterschieden sich Auren nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Größe, und ihre war »so groß wie ein Lastkahn«. Sie drang in jeden Raum, bevor Big Swiss selbst ihn betrat, und man wich ihr entweder aus oder wurde niedergemäht – das konnte man sich aussuchen. Auch Big Swiss hatte darunter zu leiden. Ihrer Aura wegen hielt sie es in Räumen mit niedrigen Decken höchstens zwanzig Minuten aus, und auf gar keinen Fall hätte sie in einer Kellerwohnung leben können. Ihr wurde unbehaglich zumute, wenn etwas ihrem Gesicht zu nah kam, selbst bei Gesichtern anderer Menschen. Sie schlief ohne Kissen. Regenschirme konnte sie nicht leiden. Was sie auch aß, musste mit reichlich Chilisauce getränkt oder anders stark gewürzt sein, zum Beispiel mit Gentleman’s Relish, einer Paste mit Anchovis. Sie streute auf alles Salz, sogar auf Orangen. In ihrem Körper fühlte sie sich generell unwohl, deshalb setzte sie ihn gern den Elementen aus und war entweder sonnenverbrannt, windzerzaust oder feucht vom Regen.

»An deiner Aura schlage ich mir den Kopf auf«, hätte Greta gesagt, wären sie im selben Raum gewesen. »Ich klammere mich an die Reling des Lastkahns und blute aus einer Kopfwunde.«

Aber Greta und Big Swiss waren nicht im selben Raum, nicht einmal im selben Gebäude. Greta saß Meilen entfernt in ihrem eigenen Haus am Schreibtisch und trug nichts weiter als Kopfhörer, fingerlose Handschuhe, einen Kimono und Stulpen. Ihre Arbeit bestand darin, diese körperlose Stimme zu transkribieren, die genauen Worte zu tippen und auch aufzuschreiben, was Big Swiss’ Gesprächspartner sagte, ein Sex- und Beziehungscoach, der sich völlig unironisch Om nannte. Sein echter Name (an dem nichts auszusetzen war) lautete Bruce, und Big Swiss war eine seiner vielen Klientinnen. Fast jeder in Hudson, New York, wo Greta lebte, hatte auf dem Sofa dieses Mannes sein Herz ausgeschüttet. Natürlich schrieb er an einem Buch, und deshalb hatte er Greta angeheuert, um seine Sitzungen zu transkribieren. Bisher hatte sie etwa drei Dutzend Abschriften getippt, wofür er ihr fünfundzwanzig Dollar die Stunde zahlte.

Bei ihrer letzten Stelle hatte Greta Tabletten sortiert und gezählt, und dann hatte sie die Tabletten in Röhrchen gefüllt, und wenn die Kunden ihre verschreibungspflichtigen Pillen abholten, beschrieben sie Greta ihren Stuhlgang. »Ich bin PTA«, sagte Greta dann freundlich. »Keine Krankenschwester.« Dann schalteten die Leute um. Bevor Greta sie aufhalten konnte, platzten sie mit Dingen heraus wie: »Mein Mann hat mich dreißig Jahre lang verprügelt. Ich hatte mehrere Gehirnerschütterungen, und ich habe keine Kinder, die sich um mich kümmern könnten. Könnten Sie mein Rezept für Soma gleich einlösen und mir Rabatt geben?« In solchen Fällen hatte Greta sich oft zum Apotheker umgedreht, einem verbitterten Alkoholiker namens Hopper, und geflüstert: »Ich bin PTA, keine Psychologin. Und das Wiederholungsrezept der Kundin ist nicht mehr gültig. Kümmern Sie sich darum.« Hopper war relativ jung (zweiundfünfzig), litt unter Bluthochdruck und Nierenproblemen und hatte chemische Verbindungen auf die Unterarme tätowiert. Nicht diesen üblichen abgedroschenen Mist wie die chemische Struktur der Liebe, auch nicht Dopamin oder Serotonin. Er hatte sich für Tattoos von Drogenverbindungen entschieden – Koffein, Nikotin, THC – und war zu nichts zu gebrauchen, wenn nicht alle drei gleichzeitig und ergänzt um Alkohol durch seine Adern strömten.

Greta erfuhr an sich gerne die Geheimnisse anderer Leute. Das war nicht das Problem. Das Problem war, im grellen Schein der Neonlampen von Junkies angestarrt zu werden, während aus den Lautsprechern I’d Really Love to See You Tonight oder Touch Me in the Morning drang.

In der Apotheke war es zu warm, zu hell und wie auf einer Bühne, und Greta merkte, dass sie es mit ihrer Gestik und Mimik übertrieb, als würde sie in einem Stummfilm spielen. Am Ende wollten die Junkies nur ihre Drogen, und Greta wollte sich einfach nur hinsetzen. In ihren Beinen und Füßen pulsierte es. Zum ersten Mal in ihrem Leben trug sie Strumpfhosen, nicht nur eine, sondern zwei übereinander, und dazu schwarze Kompressionsstrümpfe. Es war nicht besonders kleidsam, aber sie hatte das Gefühl, sie brauche Halt. Sie wollte gedrückt werden, richtig fest.

Und dann reichte ihr eines Tages ein Mann ein Rezept für Oxy 30 mg und eine Hose und verlangte, sie solle ihm das Medikament geben und seine Hose flicken. »Ich bin PTA, keine Schneiderin«, sagte sie. »Und das Rezept ist gefälscht, Sir.« Mit angewidertem Blick zog er eine Pistole. Es war Heiligabend. Hopper rückte sofort zweihundertsechzig Oxy 80 mg heraus, und der Junkie zog lachend von dannen. Er starb zwei Tage später an einer Überdosis. Eine Woche danach nahm Hopper sich nach Ladenschluss in der Apotheke das Leben. Die Abendnachrichten und alle Zeitungen berichteten darüber.

Und Greta? War wie immer nicht aus der Ruhe zu bringen, solange ihre Strümpfe nur eng, eng, eng waren. Wenn sie die Strümpfe auszog: dumpfe Traurigkeit, nichts Ernstes. Das irritierte Leute (ihren Verlobten), die offene Trauerbekundungen (untröstliches Schluchzen) erwarteten, vor allem, da ihre Mutter sich das Leben genommen hatte, als Greta dreizehn war, und Greta danach bei diversen Tanten aufgewachsen war, erst in Kalifornien und Arizona und schließlich in New Hampshire, wo sie die Highschool besucht hatte. Ihr Verlobter tastete sie immer wieder ab und suchte in ihren Taschen nach Tabletten, weil er fürchtete, sie könnte planen, sich auch das Leben zu nehmen. »Du siehst zu viel fern«, sagte Greta. »So funktioniert das nicht. Das geht nicht so eins zu eins.« Außerdem glichen Gretas Versuche Wurzelkanalbehandlungen – sie waren schmerzhaft, einschüchternd und fast immer gefolgt von einer längeren Schonfrist. Ihre aktuelle Schonfrist sollte noch fünf Jahre halten.

Die Leiche ihrer Mutter hatte sie nicht entdeckt, aber Hoppers. Er hatte sich ins Herz geschossen statt in den Kopf, aber danebengezielt und war an einem Herzinfarkt gestorben. Ihre Mutter hatte sich in den Kopf geschossen, nicht ins Herz und nicht danebengezielt. Beide hatten Abschiedsbriefe hinterlassen und dazu etwas, das Greta als unbeabsichtigte Nachworte betrachtete. Hoppers war, dass er auf der Seite liegend neben Dyazide gestorben war, was ihm, richtig eingenommen, vielleicht das Leben gerettet hätte. Das Postskriptum ihrer Mutter war eine lange Haarsträhne an einem Fetzen Kopfhaut gewesen, ein Nachtrag, der Greta jahrelang gequält hatte.

»Berührt dich das gar nicht?«, fragte ihr Verlobter verblüfft.

»Bei mir ist alles mit nassem Sand bedeckt«, sagte sie, »weil mein Kopf in einem riesigen Betonmischer steckt.«

»Also hast du doch Gefühle«, sagte ihr Verlobter. »Sie sind nur vergraben. Unter Beton. Vielleicht wird es Zeit, den Beton aufzubrechen.«

»Womit, einem Presslufthammer?«

»Vielleicht mit einem Psychologen.«

Also versuchte Greta es wieder einmal mit einer Therapie. Nachdem sie im Laufe von zehn Wochen ihre ganze Geschichte erzählt hatte, hatte der Seelenklempner emotionale Taubheit diagnostiziert, was Greta etwas übertrieben fand; sie selbst betrachtete es an schlechten Tagen als »Haltung«, an guten als »Klasse« und, wenn sie besonders von sich eingenommen war, als »heitere Gelassenheit«. Er hatte mehrere überzogene Vorschläge gemacht: Bikram-Yoga, Hypnose, Urschreitherapie, Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen (EMDR), Akupunktur und einen Swing-Tanzkurs. Außerdem legte er ihr nahe, auf Koffein und Nikotin zu verzichten.

Stattdessen verzichtete Greta auf die Therapie. Dann kündigte sie ihre Stelle, beendete ihre Beziehung, zog ans andere Ende des Landes und suchte sich Arbeit in einem neuen Bereich. Vor einigen Jahren hatte sie für eine Firma für Dokumentenaufbereitung gearbeitet. Dabei hatte sie für Wissenschaftler, die qualitative Forschung betrieben, für Hightechunternehmen, Professoren und Psychologen Audioaufnahmen transkribiert. Die Ausstattung hatte sie all die Jahre behalten, weil ihr diese Art der Lauscherei gefallen hatte, ebenso wie die Arbeit allein zu Hause und die vielen Stunden, in denen sie kein Wort sprach. Sie war von jeher eine Zuhörerin und umgab sich meist mit Menschen, die den Klang ihrer eigenen Stimme liebten. Es störte sie nicht, dass die Arbeit nur wenig Können erforderte und leicht von Maschinen oder Software erledigt werden konnte. Nachdem sie in Hudson gelandet war, hatte sie die sechs Therapeuten in der Stadt angeschrieben und ihre Transkriptionsdienste angeboten.

Nur Om hatte geantwortet.

Jetzt strömten die Geheimnisse direkt in ihre Ohren, ohne Begleitmusik oder körperliche Schmerzen. In letzter Zeit rührte Greta sich kaum noch. Nur ihre Finger bewegten sich, und selbst die nicht besonders schnell. Als Schreibkraft war sie zwar alles andere als tadellos, aber dafür war sie ziemlich diskret, und in einem tratschverseuchten Kuhdorf wie Hudson zählte Diskretion mehr als alles andere. Sie hatte eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben, die ziemlich offiziell gewirkt hatte, und durfte schon deshalb nicht über Oms Klienten lästern. Nicht dass sie das gewollt hätte – sie hatte schon immer eher in Gedanken gelästert als anderen gegenüber, außerdem ging sie kaum noch vor die Tür. Meist fing sie im Laufe des Nachmittags an und arbeitete, bis sie zu Bett ging. Die Leute redeten, Greta tippte, gute Nacht.

Bisher war Big Swiss anders als Oms sonstige Klienten. Sie teilte nicht diese Angewohnheit, an jeden Satz ein Fragezeichen zu hängen, und ließ es selbst bei echten Fragen weg. Sie wurde nie laut. Wenn sie nieste, sagte sie »hatschi«, so wie sie »hallo« oder »danke« sagte. Sie sprach jedes Wort langsam und deutlich aus, in der gleichen Geschwindigkeit, in der Greta tippte, wodurch es fast wirkte, als würden sie ein Musikstück aufführen, eine eigenwillige improvisierte Performance bei einem Konzert ohne Publikum.

Greta musste nur selten zurückspulen, um genauer hinzuhören, oder ganz aufgeben und [UNVERSTÄNDLICH] schreiben, was sie furchtbar ärgerte. Es hatte einiges an [SEUFZEN], [NIESEN] und [RÄUSPERN] seitens Big Swiss’ gegeben, aber das wollte Om nicht in den Abschriften haben. Auch durfte Greta eine [GEWICHTIGESTILLE] ebenso wenig vermerken wie die vielen [PAUSEN] oder ein [WIMMERN]. Aus irgendeinem Grund erlaubte Oms Formatvorlage [PFEIFEN], [SINGEN] und [KLATSCHEN], obwohl das niemand während der Sitzungen tat, ebenso wie [LACHEN] und [WEINEN]. Oh, und [FEUERATMUNG], die er manchmal mit Klienten praktizierte, die seiner Leidenschaft für Kundalini-Yoga gegenüber offen waren.

Normalerweise dauerte die erste Sitzung mit einem neuen Klienten mindestens fünf bis sieben Minuten länger als spätere, aber Oms erster Termin mit Big Swiss war ganze fünfzehn Minuten kürzer. Daher wusste Greta, dass Big Swiss schön war – Om hatte vergessen, den Aufnahmeknopf zu drücken. Entweder das, oder er hatte die erste Viertelstunde gelöscht, was ihm nicht ähnlichsah. Außerdem sprach er eine Oktave tiefer und spielte ständig mit seinem Stift.

OM: Als Sie gerade über Ihre Aura gesprochen haben, habe ich einen leichten Dialekt herausgehört. Woher kommen Sie ursprünglich?

FEW: Was glauben Sie, woher ich komme?

OM: Lassen Sie mich mal überlegen. Sie kommen … irgendwo aus dem Mittleren Westen. Nicht Illinois. Nicht Ohio. Auch nicht Nebraska –

FEW: Strengen Sie sich nicht an. Ich sage es Ihnen. Ich stamme aus –

OM: Warten Sie, ich habe es. Michigan!

FEW: Nein.

OM: Sie sind ursprünglich aus Wisconsin.

FEW: Falsch.

OM: Minnesota?

FEW: Ich komme aus d–

OM: Delaware.

FEW: Aus der Schweiz.

OM: Deshalb sind Sie so groß und blond!

FEW: Schweiz. Nicht Schweden.

OM: Lustiger Zufall; als ich jung war, habe ich ständig ABBA-Kassetten gehört –

FEW: Aus der Schweiz, wie gesagt. Nicht aus Schweden. Aus der Schweiz. Wie der Käse.

OM: In der Schweiz gibt es doch viele große, blauäugige Blondinen, oder?

FEW: Schon. Aber die meisten Schweizer sind mittelgroß und braunhaarig, und meine Augen sind grau.

OM: Stimmt. Helfen Sie mir mal, wofür ist die Schweiz noch berühmt?

FEW: Käse, Schokolade. Suizid wohl auch.

OM: Nehmen sich in der Schweiz alle das Leben?

FEW: Na ja, es ist legal. Sterbehilfetourismus ist da im Moment ziemlich beliebt.

OM: Denken Sie daran, oder haben Sie je daran gedacht, sich zu töten?

FEW: Nein.

OM: Seit wann leben Sie in Hudson?

FEW: Ich wohne nicht hier. Ich wohne auf der anderen Seite des Flusses. Ich bin nach Amerika gezogen, um hier zu studieren.

OM: Sie haben eine sehr ungewöhnliche – und interessante – Stimme, und ich habe mich gefragt, ob Sie singen. Sind Sie Sängerin?

FEW: Mir wurde schon gesagt, meine Stimme sei wie ein Messer. Wenn ich beim Bäcker Teilchen aussuche, würde es klingen, als würde ich eine Hinrichtung anordnen.

OM: Wer sagt das?

FEW: Mehrere Leute. Meine Mutter sagt, von meiner Stimme würden sich ihre Zähne lockern.

OM: Meine Güte. Das ist aber ein ungewöhnlicher Kommentar über die eigene Tochter.

FEW: Das sagt sie schon seit Jahren.

OM: Betrachten Sie Ihr Trauma als Teil Ihrer … Aura?

FEW: Nein.

OM: Mir fällt gerade auf, dass das Wort »Aura« im Wort »Trauma« enthalten ist.

FEW: Wenn überhaupt, dann hat etwas in meiner Aura das Trauma ausgelöst. Oder meine Aura hat das Trauma verstärkt.

»Welches Trauma?«, fragte Greta laut.

OM: Sie haben gesagt, es sei Ihnen unangenehm, wenn jemand Ihrem Gesicht nahe kommt. Könnte es nicht an dem liegen, was geschehen ist?

»Was denn?«, fragte Greta.

FEW: Sie wollen, dass ich ja sage. Sie wünschen sich offenbar Ursache und Wirkung.

OM: Na ja, die gibt es auch. Es muss sich bei Ihnen doch irgendwie ausgewirkt haben. Wie hat Ihr Trauma Ihre Beziehungen beeinflusst?

FEW: Würden Sie es bitte nicht »Trauma« nennen?

OM: Warum?

FEW: Weil ich das, was mir geschehen ist, nicht als Ausrede nutze.

OM: Als Ausrede wofür?

FEW: Faulheit oder Trägheit. Ich benutze es nicht, um meine Wut oder Aggressionen zu erklären. Ich bin nicht an mein Leiden gebunden. Auch nicht daran, was mir passiert ist. Ich glaube nicht, dass es jeden Aspekt von mir erklärt, weil ich es nicht zu einem Teil meiner Persönlichkeit gemacht habe. Ich lasse mich nicht hängen, ich werde aktiv. Auch als »Überlebende« würde ich mich nie bezeichnen. Ich bin einfach – ich bin nicht so ein Traumamensch.

OM: Was meinen Sie mit Traumamensch?

FEW: Jemanden, der ständig das Wort »Trauma« benutzt. Traumamenschen finde ich fast so unerträglich wie Trumpmenschen. Wenn man ihnen rät, sie sollen ihr Leiden und ihren Opferstatus aufgeben, tun sie, als würde man ihnen ein neues Trauma zufügen. Ich meine, ja, manchen Leuten passieren beschissene Sachen, das streite ich nicht ab, aber müssen sie sich deshalb in ihrem eigenen Mist suhlen? Wenn sie damit mal zwei Sekunden aufhören und sich zusammenreißen würden, wenigstens ein bisschen, könnten sie vielleicht die Menschen werden, die sie sein sollten.

»Holla«, sagte Greta. »Hört, hört.«

OM: Sagen wir mal, jemand hat eine Gruppenvergewaltigung mit vorgehaltener Waffe erlitten und kann sich jetzt nicht zusammenreißen, kann nicht aufhören zu trinken, nicht arbeiten gehen oder sieht keinen Sinn im Leben. Würden Sie dieser Person sagen, sie soll »sich nicht so anstellen«?

FEW: Na ja, es gibt eine Hierarchie, oder?

OM: Finde ich nicht.

FEW: Würden Sie das nicht finden, hätten Sie nicht dieses Beispiel benutzt. Sie hätten gesagt: »Stellen Sie sich vor, jemand wird von einem Nachbarn sexuell belästigt« oder »von der eigenen Mutter vernachlässigt« oder »sein Leben lang schikaniert«. Aber es gibt eine Hierarchie. Das hören Traumamenschen nicht gern. Sie nehmen alle Traumata wichtig.

OM: Wo würden Sie Ihr Trauma in dieser Hierarchie einordnen?

FEW: Ich will eigentlich nur darauf hinaus, dass ein Trauma kein lebenslanger Freibrief ist. Es verleiht auch nicht zwangsweise Weisheit oder das Recht, anderen Vorträge zu halten, wie ich es gerade tue, ich merke es selbst.

OM: Also. Ich räume ein, dass das Leben manchen Menschen übler mitspielt als anderen und dass man die Wahl hat, wie man mit dem Erlebten umgeht. Man kann entscheiden, was man daraus macht, allerdings erst, wenn man es thematisiert hat. Es tut mir leid, das zu sagen, aber dazu gehört, darüber zu sprechen, so lange wie nötig, Ängste und Trigger zu identifizieren –

FEW: Trigger. Mein Gott. Genau deshalb halte ich von Therapien nicht viel. Ich kann die Begriffe nicht ausstehen.

OM: Haben Sie Albträume?

FEW: Was?

OM: Bekommen Sie nachts Angstzustände, oder haben Sie Schlafprobleme?

FEW: Manchmal träume ich schlecht, wie jeder andere auch.

OM: Leiden Sie unter einer Sucht?

FEW: Nein.

OM: Trinken Sie, oder nehmen Sie Drogen?

FEW: Ich bin nicht süchtig, Om, und das sage ich nicht, weil ich es verleugnen würde. Netter Versuch.

OM: Wenn Sie das Wort Trauma nicht benutzen, wie bezeichnen Sie dann, was Ihnen widerfahren ist?

FEW: Ich bezeichne es als das, was es war – ich wurde verprügelt.

»Ach du Scheiße«, sagte Greta.

OM: Sie wurden körperlich verletzt.

FEW: Ich wurde verprügelt, ja.

OM: Wie haben die … Prügel sich auf Ihre Beziehung ausgewirkt?

FEW: Gar nicht. Ich bin hier, weil ich keine Orgasmen bekomme.

»Oh?«, sagte Greta.

OM: War das schon vor dem Angriff so oder erst seitdem?

FEW: Ich hatte noch nie einen Orgasmus, nicht einmal allein.

»Wie bitte?«, sagte Greta.

FEW: Und das Witzige ist: Ich bin achtundzwanzig.

OM: Alter ist nur eine Zahl.

FEW: Ich bin verheiratet. Seit sechs Jahren.

OM: Die Ehe garantiert nicht unbedingt befriedigenden –

FEW: Außerdem bin ich Gynäkologin.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte Greta.

OM: Sind Sie mit einem Mann verheiratet?

FEW: Ja.

OM: Weiß er, dass Sie hier sind?

FEW: Es war seine Idee.

OM: Würden Sie sagen, dass es in Ihrer Ehe wenig oder keinen Sex gibt?

FEW: Ich würde sagen, er besteht größtenteils aus Blowjobs und Handarbeit.

OM: Welche Empfindungen löst das bei Ihnen aus?

FEW: Es kommt mir wie etwas vor, das erledigt werden muss, aber ich fühle mich nachher auch besser. Ein wenig, als würde man mit dem Hund Gassi gehen und dabei Weizengrassaft trinken.

OM: Sie haben einen Hund?

»Sie haben einen Hund?«, wiederholte Greta. »Ernsthaft, Om?«

Greta schaute zu ihrem eigenen Hund hinüber, einem schwarz-weißen Jack Russell namens Piñon. Er leckte gerade an der Tür – mal wieder. Greta hielt die Aufnahme an, notierte sich die Zeit und nahm die Kopfhörer ab. Es war ohnehin eine Pause fällig.

»Piñon«, sagte Greta. »Hör verdammt noch mal mit dem Lecken auf.«

Er ignorierte sie. Seine Lider zuckten. Er schien wie in Trance. Greta warf einen Schlappen nach ihm, der auf halbem Weg zu Boden fiel.

Die Tür war ebenso wie die Wände und auch die Decke in Gretas Zimmer von mehreren Schichten alter Bleifarbe überzogen. Seit hundert Jahren blätterte die Farbe von den Wänden.

Wenn draußen ein Laster vorbeirumpelte, rieselten Farbsplitter auf den Boden oder die Möbel, oft genug auch auf Gretas Kissen, wenn sie schlief. Die leuchtend blauen und gelben Sprenkel waren in Gretas langem Haar und auf ihrer blütenweißen Bettwäsche leicht auszumachen. Manchmal überlegte sie, ob sie möglicherweise an einer Bleivergiftung litt und deshalb ihr IQ geschrumpft war und sie immer blöderes Zeug träumte, aber soweit sie es verstanden hatte, müsste die Farbe ihr dafür direkt in den Mund fallen, was sie nicht tat. Allerdings fiel sie direkt in Piñons Maul, und er wog nur achteinhalb Kilo.

»Zeig mir deine Zunge«, verlangte Greta.

Die Zunge noch an der Tür hielt er inne und schaute in die andere Richtung. Er tat gern so, als wüsste er nicht, ob sie mit ihm oder einem anderen Hund sprach, dabei war er der einzige Hund hier. Er dachte, er könnte die Tür überwinden, wenn er sie zu Tode leckte, wie er es mit seinen Tennisbällen machte; er schlabberte eine Dreiviertelstunde an dem Wollstoff herum, zog ihn mit seinen Tic-tac-Zähnchen ab und machte mit dem hohlen Gummiball darunter weiter, bis die Luft entwich und der Ball offiziell hinüber war. Ratten waren verglichen mit Tennisbällen einfacher und nicht so zeitaufwendig. Mittlerweile hatte er ein gutes Dutzend der großen, fetten Landratten erlegt und dazu Mäuse, Murmeltiere und Kaninchenbabys.

Greta ließ ihn raus und lauschte auf ihre anderen Mitbewohnerinnen. Aus dem Keller drang ein leises Summen. Sie ging vorsichtig in Socken die Treppe hinunter und achtete darauf, wohin sie trat. Kurz nach ihrem Einzug waren die ersten ihrer Mitbewohnerinnen gestorben. Manchmal waren sie nur halb tot und lagen noch zuckend auf dem Boden, und Greta trat aus Versehen auf sie, was natürlich unangenehm war. Greta hatte sie nie als Individuen betrachtet, aber jetzt, als sie starben, sah sie jede Einzelne ganz bewusst an. Welch haarige Körper! Welch eigenartig geformte Augen! Manchmal starben sie paarweise und schienen sich an den Händen zu halten. Greta fand sie überall, auf Fensterbänken und Küchenarbeitsplatten, in Tassen und Schubladen. Letzte Woche hatte sie eine in ihrer Haarbürste gefunden.

Ihre Mitbewohnerinnen waren sechzigtausend Honigbienen. Und eine Frau namens Sabine, die noch lebte und gerade eine Zigarette rauchte. Nein, sie war keine Französin. Trotzdem liebte sie Zigaretten und Butter. Sie hatte auch ein bisschen Ahnung von Wein, besaß einen überdurchschnittlich guten Geschmack, was Kunst und Bettwäsche betraf, und arbeitete so wenig wie möglich; und wenn man ihr Koks oder Pillen vor die Nase legte, schniefte oder schluckte sie beides, Halluzinogene allerdings rührte sie nicht an. Sie war Mitte fünfzig, Mutter erwachsener Kinder, frisch geschieden und Single. Statt sich auf einer Datingseite anzumelden, hatte sie das alte Farmhaus im niederländischen Kolonialstil gekauft, in dem sie und Greta jetzt lebten. Zu dem Haus gehörten fast fünf Hektar Land, umgeben von Obstplantagen und Milchviehhöfen. Man kam sich vor wie irgendwo im Nirgendwo und war mit dem Auto doch nur eine Zigarettenlänge von der Stadt entfernt.

Greta hatte mal gehört, wie jemand es als »das Haus aus Fight Club mit gemütlichen Möbeln« beschrieben hatte, aber es war hundertfünfzig Jahre älter und bedeutend schöner. Niederländischer Stil, nicht viktorianischer. Erbaut 1737 von wohlhabenden Pelzhändlern, war das Haus mehr als hundert Jahre lang unbewohnt gewesen. Nein, es spukte darin nicht. Allerdings bot es außer Strom und fließend Wasser keinerlei Annehmlichkeiten und war komplett ungedämmt. Von weitem wirkten die Backsteinmauern schlicht und solide. Das Innere des Hauses war dagegen ausgesprochen unsolide, wenn auch auf reizvolle Art: Wände, von denen der Putz bröckelte, teilweise abgelöste Tapeten, bei denen man die Schichten zählen konnte wie Baumringe, große Sprossenfenster mit gesprungenen oder gleich ganz fehlenden Scheiben, breite, waagerecht geteilte Türen mit Originalbeschlägen, breite Kiefernholzdielen mit Ritzen dazwischen, durch die man gut lauschen konnte, und in der Küche ein wuchtiger Kamin mit Schwenkarm zum Kochen über offenem Feuer. Sabine bewohnte die obere Etage, Greta das Erdgeschoss, und die Bienen hatten ihr Heim in der Küche im Untergeschoss.

Greta vermutete, dass die Pelzhändler Sklaven besessen und diese Sklaven in dem kleinen Raum neben der Küche geschlafen hatten, in dem Sabine jetzt Marihuana anbaute und Greta manchmal nachsah, ob es wirklich nicht spukte. Sie selbst sah nie Geister, aber vielleicht ja Piñon? Etwa eine Woche nach ihrem Einzug war das schwarze Fell in seinem Gesicht schlagartig schneeweiß geworden. Vermutlich wegen des Schocks, als er die Seelen toter Sklaven gesehen oder (was wahrscheinlicher war) als er sich nach einem Leben in Kalifornien plötzlich im Hudson Valley wiedergefunden hatte. Auch Greta hatte deutlich mehr weiße Haare bekommen, und Sabine trug auf der linken Seite eine weiße Strähne, die ihr angeblich der Teufel verpasst hatte.

»Wann?«, hatte Greta gefragt. »Vor kurzem?«

»Bei meiner Geburt, du Nuss.«

Abgesehen von dieser einen Strähne hatte Sabines Haar die Farbe von trockenem Tabak und war dicht genug, um Sachen darin zu verstecken.

Zum Beispiel Ohrringe. Oder einen Ersatzschlüssel. Sabine nutzte oft ihr Haar statt ihrer Handtasche, um in Läden zu klauen, und hin und wieder tauchte ein verlorener oder gestohlener Gegenstand in ihren Haaren wieder auf. Erst kürzlich eine Lesebrille, die sie bei CVS geklaut hatte, und ein geflochtenes Armband Gott weiß woher. Sie wurde nie erwischt, und Greta hatte den Verdacht, dass es an dem gepflegten, ansprechenden Äußeren und der allgemein nachlässigen Art lag, hinter denen die Leute altes Geld vermuteten. Sabine war tatsächlich in einer reichen Familie aufgewachsen, bis ihr Vater sein ganzes Geld an der Börse verloren hatte. Seitdem hatte sie einen Hang zu kleinen Gaunereien.

Ihre Persönlichkeit erinnerte Greta an die exotischen Gemüsesorten auf dem Bauernmarkt, die sie reizten, von denen sie aber nicht wusste, was sie mit ihnen kochen sollte. Kohlrabi oder Topinambur? Nicht besonders zugänglich. Weder süß noch übermäßig vertraut. Nichts, das man einfach einkochte oder mit Butter bestrich wie einen Maiskolben. Greta fühlte sich Sabine sofort verbunden, weil sie auch Kohlrabi war.

Bienen hatten offenbar kein Problem mit Kohlrabi. Keine der Frauen war je gestochen worden. Wenn eine Biene auf ihrem Arm oder ihrem Gesicht landete, streifte Greta sie ruhig ab oder machte einfach weiter mit dem, was sie gerade tat. Wenn sie ein paar Bienen bei ihrer Arbeit aufschreckte, duckte sie sich oder ging weg. Die Tiere folgten ihr nie.

Jetzt kehrte sie die toten Bienen zu Sabines Füßen zusammen. Sie fegte vorsichtig, weil die kleinen Körper leicht an den Borsten hängen blieben.

»Willst du den Sauger haben?«, fragte Sabine.

»Zu laut«, sagte Greta.

Sabine saß vor dem offenen Kamin, in dem eine Badewanne oder ein mittelgroßer Sarg Platz gefunden hätte, und damit direkt unter dem Bienenstock. Er war riesig und wahrscheinlich mehr als dreißig Jahre alt. Geschwungen schmiegte er sich vierzig Zentimeter breit und gut zwei Meter lang zwischen zwei frei liegende Balken.

Sabine hatte den Bienenstock entdeckt, kurz nachdem sie das Haus gekauft hatte. Aus der Decke war ein Summen gekommen, also hatte Sabine sie mit einem Vorschlaghammer zertrümmert. In dem freigelegten Bienenstock war die Produktion auf Hochtouren gelaufen. Statt ihn wie ein normaler Mensch entfernen und die Bienen vielleicht nach draußen umsiedeln zu lassen, hatte Sabine einen Imker aus der Gegend gebeten, ihn zu verschalen. Der Imker namens Gideon, Typ gläubiger Christ mit Hang zum Landleben, hatte eine einfache Kiste aus Holz gebaut, mit einer Luke, Fliegengitter und einem Plexiglasboden, und sie in der Decke befestigt. Wenn man direkt unter der Luke stand, sah man über sich deutlich den Bienenstock mit seinem Gewimmel. Man hätte die Luke auch öffnen und freien Zugang zum Stock haben können, aber das taten die beiden Frauen nie. Der Kasten hielt ihnen die Tiere größtenteils vom Leib, auch wenn jeden Morgen beim Kaffeekochen etwa ein Dutzend von ihnen Greta umschwirrten.

»Die Bienen haben einen japanischen Einschlag«, sagte Greta. »Diese kleinen Kamikazeflieger knallen ständig irgendwo gegen. Macht fast den Eindruck, als wollten sie sich umbringen.«

»Sie sind durch und durch selbstlos«, sagte Sabine.

»Vielleicht, weil alle Bienen Geschwister sind?«

»Meine Geschwister sind Arschlöcher«, sagte Sabine. »Für die würde ich mit Sicherheit nicht sterben.«

Wieder rammte eine Biene das Fenster und knockte sich aus. Sie würde bald wieder summen, aber auf dem Boden bleiben und mit den Beinen strampeln.

»Es ist Herbst«, sagte Sabine. »Die Blätter fallen. Vielleicht fallen auch die Bienen.«

»Oder sie schwitzen sich zu Tode.« Greta leerte das Kehrblech in den großen Kamin. Sie überlegte, ob die lebenden Bienen die brennenden Leichen ihrer verlorenen Geschwister riechen konnten.

»Oder sie reduzieren ihre Belegschaft aufs nötigste«, sagte Sabine. »Weil es bald Winter wird. Und so effizienter ist.«

Greta lauschte dem knisternden Feuer. Früher hatten die Bienen das Feuer übertönt. Greta hatte ihr Summen in ihren dummen Träumen hören können, weil ihr Bett eine Etage höher, quasi über dem Bienenstock stand.

»Kennst du zufällig irgendwen aus der Schweiz?«, fragte Greta. »Auf der anderen Flussseite?«

»Ja, fünf Leute«, sagte Sabine. »Zwei Künstler, zwei Arschlöcher und einen Handwerker. Sie sind extrem langweilig und zugleich extrem enthusiastisch, eine schräge Kombi, wenn man darüber nachdenkt.«

»Ist eines dieser Arschlöcher Gynäkologe?«

Sabine warf ihre Zigarette ins Feuer. »Nein, warum?«

»Neuer Patient«, sagte Greta.

»Wieder ein Sexsüchtiger?«

»Jemand, der noch nie einen Orgasmus hatte.«

»Wow«, sagte Sabine.

Greta lag noch mehr auf der Zunge, aber sie schluckte es herunter. Sie wollte Big Swiss für sich allein. Sabine war blass und schien Nahrung zu brauchen.

»Diese Person aus der Schweiz hat etwas Schreckliches erlebt.«

In Sabines Wangen kehrte ein wenig Farbe zurück. Sie zehrte seit einiger Zeit nur noch von Tratsch, vor allem, wenn es um Geld und Immobilien ging, und die meisten von Oms Klienten besaßen beides. Sabine zündete sich eine neue Zigarette an.

»Es wurde nur angedeutet«, sagte Greta. »Aber es klang so, als hätte diese Person schlimm Prügel bezogen –«

»Auf dem Immobilienmarkt?«

»Wirkliche Schläge«, sagte Greta.

Sabines Gesicht wurde wieder grau. Echte Nahrung schien sie nur dienstags, donnerstags und samstags zu sich zu nehmen, und Greta hatte nie gesehen, wie sie Wasser trank. Zugegeben, ihr Wasser kam aus einem uralten Brunnen und roch wie Käsefüße.

»Ich habe von der Tankstelle Donuts mitgebracht, iss doch einen«, sagte Greta.

»Ich würde lieber Eiswürfel essen.«

Magersüchtige essen Eiswürfel, dachte Greta. Sie lieben Eiswürfel, sie können nicht genug davon bekommen. Haben sie nicht sogar Heißhunger darauf? Weil sie Eisen enthalten?

»Ist in Eiswürfeln Eisen?«, fragte Greta.

»Nein«, sagte Sabine. »Aber Leute mit Anämie kauen gern Eis. Ich weiß nicht mehr, warum. Ich glaube, sie fühlen sich dadurch … lebendig oder wach oder so.«

Greta vermutete, dass Sabine jede Art von Appetit fehlte – im traditionellen Sinne und auch sexuell. Seit ihrer Scheidung hatte sie sich nicht mehr flachlegen lassen. Romantische Beziehungen schienen sie gründlich anzuwidern, und Sex war es nicht wert, dafür Small Talk auf sich zu nehmen. Sie hatte in drei Monaten zehn Kilo abgenommen, was allerdings nur grob geschätzt war, weil Sabine immer grauweiße Overalls und einen übergroßen, mottenzerfressenen Pullover trug. Bei Magersucht ging es um Kontrolle, hatte Greta mal gelesen, und Sabine lebte im Chaos. Vielleicht fühlte sie sich weniger verrückt, wenn sie kontrollierte, was sie ihrem Körper zuführte.

»Welcher Tag ist heute?«

»Montag«, sagte Greta.

»Ich sollte uns ein teures Steak besorgen«, sagte Sabine.

Montags gab es Fleisch. Dienstags Käse. Mittwochs Joghurt, Milch und manchmal Blumen. Donnerstags Obst oder Gemüse. Nichts an den Wochenenden – zu viele Touristen, zu viele Zeugen. Aber Sabine stahl nur von extrem reichen Bauern, die ihre Kunden abzockten und so dumm waren, ihre Ware gegen Barzahlung auf Vertrauensbasis anzubieten, und wer es wusste, war ihr im Grunde egal.

»Bist du magersüchtig?«, fragte Greta. »Du kannst es mir ruhig sagen.«

»Für den Scheiß bin ich zu alt«, antwortete Sabine. »Wahrscheinlich habe ich Lungenkrebs. Oder irgendeinen anderen Krebs. Ich hoffe nur, dass er mich schnell umbringt.«

»Falls nicht, drücke ich dir ein Kissen aufs Gesicht, während du schläfst«, sagte Greta. »Und setze mich drauf oder so.«

»Du bist eine echte Freundin«, meinte Sabine ernst. »Aber wahrscheinlich ist es kein Krebs, sondern Borreliose.«

In Kalifornien war Borreliose nicht verbreitet, und niemand sprach darüber, aber seit Greta für Om Sitzungen transkribierte, hatte sie so oft davon gehört, als würden an jeder Ecke verseuchte Zecken lauern.

Greta konnte es kaum erwarten, zu Big Swiss zurückzukehren. Noch vor kurzem hätte Greta sich jetzt aus dem Staub machen müssen, sonst hätte Sabine gequasselt, bis Greta erst die Arme und dann die Beine abgefallen wären und sie schließlich zuckend wie die Bienen auf dem Boden gelegen hätte. Manchmal hatte sie langsam rückwärts aus dem Zimmer weichen müssen, während Sabine noch redete, hatte auf dem Absatz kehrtgemacht und war in ihr Zimmer gelaufen. Aber seit die Bienen starben, hatte Sabines Redefluss nachgelassen.

»Tu mir einen Gefallen«, bat Greta. »Iss einen Donut.«

»Ja, ja«, sagte Sabine.

 

Greta ging hinaus, um Piñon und drei Scheite vom Holzstapel zu holen. Die einzige Wärmequelle in ihrem Zimmer war ein Holzofen mit kaputter Lüftungsklappe. Die Klappe klemmte und ließ sich nicht schließen. Ja, sie hatte es mit einem Hammer versucht. Einmal, zweimal, dreimal dagegengeschlagen. Das Ofenrohr war immer noch komplett offen. Dadurch brannte in ihrem Zimmer kein romantisches Feuerchen, sondern ein wütendes, flammendes Inferno. Es verlangte, alle drei Stunden neu gefüttert zu werden, und wenn Greta nicht gehorchte, brannte es herunter, und Greta musste es neu entfachen. Nachts durchzuschlafen war unmöglich. Es war auch gefährlich – es schien, als könnte der Kamin jeden Moment komplett in Flammen aufgehen. Zum Glück war ihr einziger Nachbar eine Feuerwache.

Greta stopfte die Holzscheite in den Ofen und wischte Schmutz von ihrem fleckigen Kimono. Piñon sprang mit matschigen Pfoten aufs Bett. Letzte Woche hatte sie ihren Schreibtisch weiter in die Zimmermitte gerückt, wo es ein wenig wärmer war. In den nächsten Tagen würde Sabine die Kiste mit schweren Vorhängen vom Dachboden holen und die Gardinen über den Fenstern annageln, und dann würde Greta nahezu im Dunklen arbeiten. Solche Mühsal brachte das Leben im alten Farmhaus in dem großen Wald mit sich. Greta sah sich gern als Typ Laura Ingalls Wilder, also als beherzt und einfallsreich, aber wenn überhaupt, ähnelte sie eher der blinden Schwester.

Sie setzte ihre Kopfhörer auf und trat aufs Fußpedal.

OM: Sie haben einen Hund?

FEW: Ja. Er heißt Silas und ist furchteinflößend.

OM: Sie haben Angst vor Ihrem eigenen Hund?

FEW: Ich? Nein. Er macht anderen Hunden Angst – und ihren Besitzern.

OM: Was an ihm lieben Sie?

FEW: An meinem Hund? Er hält gerne Händchen. Er mag keine Küsse.

OM: Trifft das auch auf Sie zu?

FEW: Ja.

Sie hatte vor dem Ja gezögert, und es erschien Greta wichtig, dieses Zögern festzuhalten. Sie hielt die Aufnahme an und schrieb: »Om wegen Pausen fragen.« Vielleicht wollte er noch einmal überdenken, ob stille Momente in den Abschriften enthalten sein sollten. Sie war in genau einer Stunde mit ihm verabredet, und es gefiel ihm, wenn sie Notizen mitbrachte.

OM: Kommen wir zurück zu dem Grund, aus dem Sie hier sind.

FEW: Ich will Kinder, und ich will bei der Empfängnis einen Orgasmus erleben. Das ist natürlich nicht wissenschaftlich, aber ich habe das Gefühl, dass mir ein Orgasmus nicht nur helfen würde, schwanger zu werden, sondern dass er auch gut für das Baby wäre.

OM: Und für Sie.

FEW: Was?

OM: Er wäre auch für Sie gut.

FEW: Oh. Stimmt.

OM: Bisher wirkt es auf mich so, dass Sie Ihren Körper auf intellektueller Ebene kennen und wahrscheinlich auf medizinischer, aber nicht auf emotionaler Ebene. Ich bekomme den Eindruck, dass sich Ihr ganzes Leben in Ihrem Kopf abspielt. Sie scheinen keine Verbindung zu Ihrem Körper zu haben.

FEW: Sagen Sie das wegen meiner blauen Finger? Ich habe eine schlechte Durchblutung.

OM: Ich sage das wegen dem, was Sie mir über Ihre Aura erzählt haben, und wegen Ihres Auftretens.

FEW: Wie trete ich denn auf?

OM: Ehrlich gesagt ein wenig angespannt.

FEW: Na ja, mein Körper weist Tag und Nacht körperliche Anzeichen von Erregung auf, und das ohne oder fast ohne Stimulation. Sogar jetzt ist meine Unterwäsche feucht, obwohl ich nur hier gesessen habe. Es ist, als hätte ich keinerlei Kontrolle, als hätte ich Schaum vor dem Mund.

Gretas Ohren fühlten sich plötzlich warm und steif an. Sie hielt die Aufnahme an, nahm die Kopfhörer hab und zupfte an ihren Ohrläppchen. Wenn ihre Ohren schon Erektionen bekamen, mochte sie sich gar nicht vorstellen, was sich in Oms Hose abspielte.

OM: Erregung und Begierde sind unterschiedliche Dinge. Ich habe zum Beispiel das gegenteilige Problem. Ich habe den Wunsch nach Sex, aber manchmal fällt es mir schwer, in Erregung zu geraten.

Na gut, vielleicht spielte sich in Oms Hose doch nichts ab. Greta stellte sich seinen schlaffen Penis vor und schauderte.

OM: Wollen Sie Sex haben, wenn Sie erregt sind?

FEW: Nur, wenn ich betrunken bin.

OM: Sind Sie jetzt betrunken?

FEW: Es ist noch nicht einmal zehn Uhr.

OM: Ich weiß, das war ein Scherz. Masturbieren Sie regelmäßig?

FEW: Das langweilt mich, und es führt zu nichts.

OM: Das Masturbieren ist eine Fertigkeit, die man tatsächlich lernen kann, so wie kochen. Haben Sie schon mal Risotto gemacht?

FEW: In der Küche bin ich zu nichts zu gebrauchen.

OM: Wenn Sie erlauben, würde ich gern meine eigene innere Reise mit Ihnen teilen.

FEW: Bitte nicht.

OM: Darf ich fragen, warum nicht?

FEW: War es nicht so, dass Therapeuten nicht über sich selbst reden sollten?

OM: Einiges über sich selbst preiszugeben kann eine Verbindung schaffen, nicht wahr? Ich nutze oft meine innere Reise, um Klienten zu behandeln. Ich habe auf meiner Reise viele Werkzeuge gesammelt, die ich –

FEW: Würden Sie bitte nie wieder den Begriff »innere Reise« benutzen? Dabei läuft es mir kalt über. Von »Werkzeugen« halte ich auch nicht besonders viel.

Greta lächelte.

OM: Ich will darauf hinaus, dass ich Ihnen helfen kann, Ihren Intellekt mit Ihrer Sexualität –

FEW: Was genau schlagen Sie hier vor?

OM: Eine Reihe unterschiedlicher Übungen zu Atmung, Berührung und Achtsamkeit.

FEW: Berührung.

OM: Sie brauchen keine Angst zu haben, versprochen. Sie müssen nichts tun, womit Sie sich nicht absolut wohlfühlen. Wir alle haben sexuelle Geschichten oder Anekdoten, die uns reizen oder mit denen wir uns auf einer bestimmten Ebene identifizieren. Vielleicht kann ich Ihnen helfen, eine Geschichte zu entdecken, die Sie anspricht. Wären Sie dafür offen?

FEW: Ich glaube schon.

OM: Ich möchte auch über das sprechen, was Ihnen widerfahren ist. Über die Prügel, wie Sie es nennen.

FEW: Ehrlich gesagt denke ich fast nie daran.

OM: Hm. Warum haben Sie es dann gleich zu Beginn erwähnt?

FEW: Um es abzuhaken. Als Hintergrundinformation. Und interpretieren Sie da jetzt nicht zu viel hinein, aber der Typ kommt nächsten Monat frei.

OM: Wie lange war er im Gefängnis?

FEW: Acht Jahre.

OM: Wow. Warten Sie, ich glaube, hier können wir gut unterbrechen –

»Nein, nein, nein –«, sagte Greta.

 

[ENDEDERAUFNAHME]

 

»Verdammt«, sagte Greta.

 

Om als Beziehungscoach zu erleben erinnerte ein wenig daran, in einer Bar angebaggert zu werden. Nicht von einem Yogalehrer, wie man bei seinem Namen vermuten könnte, sondern von einem nicht kastrierten Therapietier. Er war klein, haarig und aufmerksam, und derart beseelte braune Augen hatte Greta seit Jahren nicht gesehen. Dieser Blick nahm dir sofort jede Sorge, selbst wenn Om dabei dein Bein besprang. Das hatte Greta selbst erlebt, bei ihrem Vorstellungsgespräch in einer ehemaligen Kirche und jetzigen teuren Cocktailbar am Stadtrand. Om hatte an diesem Nachmittag einen Filzfedora getragen, dazu schwarzen Eyeliner, eine geschmackvolle weiße Leinentunika und enge Jeansshorts. An seinem Arm baumelte eine Vintage-Handtasche, und er hatte seine kurzen Fingernägel in einer Farbe lackiert, die Greta als Lincoln Park After Dark erkannte. Er war etwa Mitte vierzig, und er schien den Blick nicht von ihrem Gesicht losreißen zu können. Mit fünfundvierzig war Greta sich der Tatsachen bewusst, und Tatsache war, dass ihre Schönheit gerade bei Tageslicht erst mit einiger Verzögerung wirkte; wenn man sie kennenlernte, konnte es zwei Wochen oder zwei Monate dauern, bis einem plötzlich auffiel, wie attraktiv sie war, und manchmal geschah es erst, wenn man sie berührt hatte, und dann blieb dieser Eindruck jahrelang – zumindest bildete sie sich das ein. Om allerdings fragte sofort: »Sie waren mal Model, richtig?«

Greta lachte und verschlang den sechzehn Dollar teuren Hotdog, den er für sie bestellt hatte.

»In dieser Stadt kostet jeder Bissen mindestens vier Dollar«, sagte sie. »Ist Ihnen das mal aufgefallen?«

»Ihre Wangenknochen erinnern mich an die Kotflügel eines alten Cadillacs«, sagte er.

»Ich bin fünfundvierzig.«

»Mit alt meinte ich klassisch«, erklärte er schnell.

»Haha«, sagte Greta.

Er blickte sie betrübt an. »Komplimente über Ihr Aussehen sind Ihnen unangenehm.«

»Mir und allen anderen«, sagte Greta.

»Im Gegenteil, die Leute hier hören sehr gerne, dass sie schön sind.«

Greta dachte an einen Hund, den sie oft im Hundepark sah, einen tumben weißen Boxer, der zwanghaft den anderen Hunden das Maul leckte. Er hieß Popsicle. Er lief den anderen Hunden nach und leckte mit seiner langen rosa Zunge an ihren offenen Mäulern, während sie versuchten, von ihm wegzukommen. Gretas Hund biss ihm manchmal ins Gesicht, aber nicht einmal das konnte ihn vertreiben.

»Das sind japanische Jeans, oder?«, fragte Om mit einem Blick auf Gretas Hosenbeine.

»Ich glaube, das sind ganz normale Jeans.«

Enttäuschung. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie gerade mit einem möglichen Auftraggeber sprach, den sie dringend brauchte, und dass ihre Tage der Sechzehn-Dollar-Hotdogs nahezu gezählt waren, genau wie alles andere. Sie betrachtete Oms untere Hälfte.

»Hübsche Socken«, sagte sie.

»Oh, danke, sehr nett«, sagte er. »Also. Sie haben das schon mal gemacht, oder?«

»Was?«

»Transkribieren.«

»O ja, natürlich. Ich tippe siebzig Wörter pro Minute und habe ein feines Gehör.«

»Ich auch«, sagte Om. »Ich habe sogar ein absolutes Gehör, deshalb spiele ich in einem Gamelan-Ensemble das Angklung.«

»Bass«, sagte Greta.

Vierzig Wörter pro Minute, zehn Prozent Hörverlust auf dem rechten Ohr, hatte im Leben noch nie Bass gespielt. Obwohl sie seit kurzem Single war und so glücklich wie seit Jahren nicht, war ein kleiner Teil von ihr immer noch bereit zu sterben und log immer noch gern.

»Na gut, also, die Frage ist vielleicht etwas seltsam, aber … Welche Beziehung haben Sie zu Arbeit?«

»Wie meinen Sie das?«

»Mögen Sie sie?«, fragte Om.

»Ob ich gerne arbeite?«

»Es ist nur … ich habe das Gefühl, dass ich fragen muss, weil in dieser Stadt viele Menschen – ich werde keine Namen nennen, weil es zu viele sind – offenbar allergisch gegen Arbeit sind und alles tun, um sich vor ihr zu drücken, sogar vom Dach fallen, wenn es nötig ist.«

»Mein Nachname ist Work«, sagte Greta.

»Wie bitte?«

»Ich heiße Greta Work.«

Ein unvollständiger Satz. Ein Fluch, ein Befehl. Wenn sie sich ausnahmsweise mit ihrem vollen Namen vorstellte, kam es ihr vor, als würde sie sich selbst unterbrechen. Würde an ihrem Nachnamen noch ein S hängen, wäre der Satz komplett, und sie würde sich vielleicht wie ein ganzer Mensch fühlen.

»Woher kommt der Name – aus dem Deutschen?«

»Aus dem Altenglischen. Er stammt von dem Wort geweorc ab, was ›getane oder erledigte Arbeit‹ bedeutet. Vielleicht schufte ich in meinen Träumen deshalb oft nachts in einer Fabrik.«

»Bestens«, sagte Om. »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, eine Verschwiegenheitserklärung zu unterschreiben?«

»Natürlich nicht«, log Greta.

Dabei hegte sie eine tiefe Abneigung gegen offizielle Dokumente jeder Art, weshalb sie auch seit sechs Jahren keine Steuererklärung ausgefüllt hatte und nicht krankenversichert war. Von ihrer eigenen Geburtsurkunde wurde ihr schlecht. Sie zögerte, irgendetwas zu unterschreiben, selbst Kreditkartenbelege, weil sie ihre Unterschrift nicht ausstehen konnte. Im Laufe der Jahre hatte sie versucht, sich eine andere anzugewöhnen, aber genauso gut hätte sie versuchen können, ihre Stimme zu verändern. Andererseits wimmelte es in Hudson von Menschen, denen es gelungen war, sich neu zu erfinden. Ich habe jahrelang als Firmenanwältin in der Stadt gearbeitet, dann bin ich nach Hudson gezogen und Blumenzüchterin/Puppenmacherin/Antiquarin/Köchin/Baumpflegerin/Alkoholikerin geworden, und ich habe es keinen Moment bereut. »Ich bin nach Hudson gezogen, um meine Handschrift neu zu erfinden.« Sie stellte sich vor, wie sie das jemandem bei einem Drink erzählte. »Es war eine unglaubliche Erfahrung.«

Obwohl es unnötig war, erklärte Om, in Hudson würde jeder über jeden alles wissen, selbst über Leute, die er nicht persönlich kannte, weil über nichts anderes geredet wurde als über andere Menschen und ihre Probleme.

»Ein weiser Mann hat einmal gesagt, Hudson sei ein Sammelbecken für alle Libidogeplagten«, sagte Om. »Und ich bin der einzige Sexualtherapeut der Stadt.« Geduldig lächelnd wartete er darauf, dass sie zwei und zwei zusammenzählte. »Sie werden einige pikante Geschichten transkribieren. Nach ein paar Cocktails könnten Sie in Versuchung geraten, sie weiterzuerzählen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Gretas Erfahrung nach wusste nicht jeder alles. Es war schlimmer – jeder wusste nur ein oder zwei extrem persönliche und beschämende Dinge, zum Beispiel wusste Greta über Om, dass seine Orgasmen laut und schrill waren. »Er klingt wie eine Frau, wenn er kommt«, hatte sie einmal einen Mann sagen hören. Nicht »nach ein paar Cocktails«, sondern frühmorgens in der Schlange vor einer der acht Bäckereien der Stadt. Der Typ war sichtlich bekifft und behauptete, er habe es von der Frau gehört, die er am Abend zuvor mit nach Hause genommen hatte, und sie hatte es von ihrer Mitbewohnerin, die früher mit Oms Mitbewohner zusammen gewesen war, als Om noch Mitbewohner hatte, bevor er sich als Therapeut neu erfand.

»Ich habe den Eindruck, dass es alle tief Gestörten nach Hudson verschlägt«, sagte Greta. »Als hätte mein Collegelehrbuch für klinische Psychologie Beine bekommen und gelernt zu gehen. Ich meine, haben Sie je so viele Narzissten auf einem Haufen gesehen? Mal ehrlich.«

»Ich habe in Los Angeles gelebt«, sagte Om.

»Ich auch«, sagte Greta.

»Hollywood?«

»Inglewood.«

»Wissen Sie, mir ist in Hudson eine steigende Zahl an Borderlinepersönlichkeiten aufgefallen«, sagte er. »Offenbar fühlen sie sich von Narzissten angezogen. Was hat Sie nach Hudson gebracht?«

»Sabine«, antwortete Greta. »Kennen Sie sie?«

»Natürlich.«

»Ja, also, wir wohnen zusammen«, sagte Greta. »Aber … wir sind kein Paar.«

Den letzten Teil fügte Greta immer als Witz an, weil Sabine ganz offensichtlich keinen Millimeter lesbisch war. Aber es hatte noch niemand darüber gelacht, also war es vielleicht doch nicht so offensichtlich. Oder nicht witzig. Sie überlegte, wie viele Millimeter Om schwul war. Ein paar wahrscheinlich schon.

»Ist Sabine nicht weggezogen?«, fragte er.

»Genau gesagt, ja, aber wir wohnen nur eine Zigarettenlänge entfernt.« Greta deutete vage hinter sich. »In der Richtung.«

»Was für eine Zigarette?«, fragte Om.

»American Spirit.«

»O fein«, sagte er. »Hätten Sie eine für mich?«

Sie gingen hinaus. Er hielt die Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger. Mehr als nur ein paar Millimeter, dachte Greta.

»Wie hast du Sabine kennengelernt?« Ungefragt war er zum Du übergegangen.

»Sie hat mich als Anhalterin mitgenommen«, sagte Greta.

»In Hudson?«

»Martha’s Vineyard. Es war eher eine Entführung. Ich wollte nur Pizza holen, aber sie hat mich zu einer Party am anderen Ende der Insel mitgenommen. Sie sagte, sie würde sich schon auf die Quaaludes freuen. Ich weiß noch, dass ich gefragt habe: ›Ist das eine Band?‹ Ich war erst achtzehn. Ihr Blick wurde ganz verträumt, als würden wir gleich eine Herde Einhörner sehen. ›Es ist die beste Droge aller Zeiten‹, sagte sie. Ich fragte, ob sie mal MDMA probiert habe. ›Bah‹, sagte sie. ›Umarmungen und Rückenkraulen sind nicht mein Ding.‹ Jedenfalls fand die Party in diesem Hippiepuff draußen in den Dünen statt. Wir haben Quaaludes eingeworfen, sechs Stunden lang gelacht und sind seitdem beste Freundinnen.«

Nach ihrem Quaaludes-Erlebnis stieß Greta alle paar Jahre zufällig auf Sabine, immer dann, wenn sie es am wenigsten erwartete – in der Schlange vor einem Geldautomaten in San Francisco, auf der Toilette des Grand Central Terminals, in einem äthiopischen Restaurant in L.A., auf einer Straße in New Orleans und zuletzt auf einem Parkplatz in Huntington Beach, wo Sabine zum zweiten Mal Greta (und Piñon) entführte. Sie gondelte mit einem Mercedes Sprinter durchs Land, besuchte ihre Kinder und überredete Greta, die gerade ihre Stelle gekündigt hatte, sie für ein paar Tage zu begleiten. Nach zwölf Jahren hatte Greta zum ersten Mal wieder Freiheit geschnuppert. Im Grunde war sie nie aus diesem Sprinter ausgestiegen.

Om erzählte, er verlasse Hudson selten und nur für seine Reisen zu einem bestimmten Ort in Indien, dessen Namen Greta jedes Mal sofort wieder vergaß. Die Stadt war die älteste und schönste der Welt, ein Ort, an dem nichts verborgen war, an dem buchstäblich alles – Geburt, Krankheit, Tod, Unmengen Müll etc. – öffentlich war und man gar nicht anders konnte, als diese Essenz des Lebens wahrzunehmen. Om reiste ein- oder zweimal im Jahr dorthin – um sein Om-Sein aufzufrischen, wie Greta annahm, aber dann sagte er: »Außerdem habe ich einen Guru, der an meinen Nadis zupft.«

Greta hustete. »Wie bitte?«

»Im Winter sind meine Nadis immer ganz verstopft –«

»Was bitte sind Nadis?«

»Mein Puls«, sagte Om. »N-A-D-I. Nadis sind Leitbahnen in unseren Körpern, die unsere Zellen mit Energie versorgen, und diese Leitbahnen blockieren –«

»Darf ich fragen, wie du richtig heißt?«, wollte Greta wissen. »Oder ist das unhöflich?«

»Du kannst mich alles fragen. Meine Eltern haben mich Bruce genannt.«

»Du hast deinen Namen zu Om geändert … in Indien.«

»Vor zwanzig Jahren.«

»Om ist nicht besonders … einfallsreich.« Greta lächelte. »Meinst du nicht?«

»Schau dich mal um«, sagte Om. »In Hudson ist nichts besonders einfallsreich.«

2

Als PTA hatte Greta achtzehn Monate im Lagerhaus einer Versandapotheke gearbeitet und verschriebene Medikamente von Hand zum Verschicken vorbereitet. Am häufigsten war es der Blutverdünner Warfarin, aber sie hatte auch mit etwa einem Dutzend anderer nichtüberzogener Tabletten zu tun, meist Generika beliebter Medikamente, und am Ende ihrer Schicht war sie oft von Medikamentenstaub überzogen. Es dauerte nicht lange, bis jede Art von Staub Tablettenstaub ähnelte, vor allem dem blassgelben der Norco 10 mg. Sie war überzeugt davon, im persönlichen Atembereich (PAB) von anderen Menschen Schwebepartikel erkennen zu können. Sie sah Tablettenstaub auf Teppichen, Spiegeln, Bildschirmen, den Pullovern anderer Leute. Da war er schon wieder, das ganze Popcorn im Kino war damit besprenkelt. Selbst als sie schon lange nicht mehr in dem Lagerhaus arbeitete, hatte sie noch überall Tablettenstaub entdeckt.

Jetzt sah Greta Transkripte. Es waren die Abschriften von Oms Sitzungen mit seinen Klienten, und sie erschienen Greta jedes Mal, wenn sie einen Fuß ins Cathedral setzte, das beliebteste Café der Stadt. Die Akustik dort war perfekt, und es wimmelte von Oms Klienten, weil seine Praxis direkt über dem Café lag. Bei jedem Besuch hörte Greta mindestens eine Stimme, die sie erkannte. Natürlich erinnerte sie sich nicht an die kompletten Transkripte, weil sie oft recht lang waren, aber wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, gab ihr Gedächtnis mehrere Seiten her.

Jetzt zum Beispiel saß sie an einem Tisch, wartete auf Om und erkannte die einschläfernde Stimme des Mannes neben sich. Sie kannte ihn nicht persönlich, aber ihr fiel ein Ausschnitt aus seinem Transkript ein, nachdem sie ihren Americano bestellt hatte. Seine Initialen lauteten AAG, und er schlief mit seiner Schwägerin. Sie trafen sich in verschiedenen Hotels der Stadt, aber jetzt gerade unterhielt er sich mit seiner Ehefrau, wie Greta vermutete, und hielt ihre Hand. Wie die meisten in Hudson waren die beiden überdurchschnittlich attraktiv und angezogen wie Kleinbauern.

OM: Was ist an Tamara besonders? Was hat sie, das Ihre Frau nicht hat?

AAG: Wir finden dieselben Sachen furchtbar.

OM: Zum Beispiel?

AAG: Brettspiele, Trüffelöl, magischen Realismus, Harry Potter, Politik, Kleinkinder, alte Leute, Leute, die auf Makkaroni mit Käste stehen, Scat –

OM: Scat?

AAG: Das, was Jazzsänger machen. Es klingt banal, ich weiß, aber ich hatte noch nie so viel mit jemandem gemein.

OM: Was unternehmen Sie zusammen?

AAG: Wissen Sie, wie man einen Ortolan isst?

OM: Nein.

AAG: Das ist ein alter Initiationsritus unter französischen Feinschmeckern. Ortolane sind winzige, seltene Vögel. Der Koch fängt sie, ertränkt sie in Armagnac und brät sie komplett. Dann isst man den Vogel im Ganzen – mit den Füßen zuerst, inklusive der Knochen – mit einer Leinenserviette über dem Kopf, damit die Aromen nicht verfliegen und, wie es heißt, um sich vor Gott zu verstecken.

OM: Das machen Sie zusammen mit Tamara?

AAG: Nein, so lecke ich ihr die Muschi.

OM: Indem Sie sie in Armagnac ertränken?

AAG: Mit einer Serviette über dem Kopf.

Greta hatte die Augen wieder geöffnet und seine Frau penetrant angestarrt – und jetzt lächelte sie unwillkürlich. Die Frau erwiderte das Lächeln. Dann sah AAG Greta an und lächelte auch. Greta warf ihm einen finsteren Blick zu, dann schaute sie beschämt auf ihr Handy.

Sie stellte sich vor, wie sie mit einer Serviette über dem Kopf die Straße entlangging, als sie hörte, wie eine weitere vertraute Stimme einen Cappuccino bestellte. Diese Stimme war tiefer und gehörte KPM, einem Mann Mitte dreißig, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt. Außerdem hatte KPM eine verrückte Stalkerin, die sich als Life-Coach bezeichnete, deshalb kam er oft verkleidet zu Om. Greta drehte sich leicht nach ihm um und rechnete fast mit Darth Vader im Rollkragenpulli.

OM: So sehen Sie Ihren Penis?

KPM: Ja, die Form haben doch viele Schwänze. Manchmal stelle ich mir vor, dass er mir mit der Stimme von James Earl Jones etwas zuflüstert.

OM: Und was sagt er?

KPM: [MITTIEFERSTIMME] »Du hast noch nicht begriffen, wie wichtig du bist. Du hast gerade erst begonnen, deine Kräfte zu entdecken.«

OM: Glauben Sie, das stimmt?

KPM: Das war ein Witz, Sie Depp. Mein Schwanz redet nicht mit mir.

OM: Falls es Sie aufmuntert: Meiner sieht aus, als würde er eine Baskenmütze tragen!

KPM: Hat er die Stimme von Gérard Depardieu?

OM: Schön wär’s.

KPM: Gestern habe ich gegoogelt: »Wie viele Flaschen Wein trinkt Gérard Depardieu am Tag?« Raten Sie mal.

OM: Drei?

KPM: Vierzehn.

OM: Warum googeln Sie so etwas?

KPM: Weil ich für einen Drink töten würde? Weil mich eine Stalkerin verfolgt? Weil ich ständig extrem wachsam sein muss und meine Prostata deswegen am Arsch ist?

Wie sich herausstellte, hatte KPM eine Stirn, wie Greta sie noch nie gesehen hatte. Sie wirkte, als hätte er erst vor kurzem ein Geweih abgeworfen und als würde ihm jetzt ein neues wachsen. Das schien ihn nur noch attraktiver zu machen, als wäre seine Stirn ein sekundäres Geschlechtsmerkmal. Dazu hatte er einen Vollbart und geflochtene Zöpfe wie Willie Nelson. Statt eines Rollkragenpullovers trug er eine Halskrause, von der Greta nicht wusste, ob sie echt war oder Teil einer Verkleidung. Gerade flirtete ihn ein weiterer Klient an, ein Mann Anfang fünfzig mit den einprägsamen Initialen BTW. Seine Stimme hatte Greta schon vor Wochen wiedererkannt – nicht im Cathedral, sondern zu Hause in ihrem Wohnzimmer, weil BTW, der mit Vornamen Brandon hieß, bei Sabine Gras kaufte.

Drei Klienten an einem Tag waren allerdings ungewöhnlich – vielleicht ein Zeichen. BTW glaubte fest an Zeichen und nahm doch nie die offensichtlichen zur Kenntnis, zum Beispiel die blutigen Pflaster auf seinen Fingerkuppen – Gretas Einschätzung nach verräterische Zeichen für Onychotillomanie, die zufällig Gretas Lieblingsmanie war, mit einem Namen, der so schön von der Zunge rollte. In der Therapie wurde nie über die Störung gesprochen. Der Mann glaubte offenbar, er habe die vollkommene Erleuchtung erreicht. Er behauptete, seine DNA sei so außergewöhnlich, dass die Regierung Proben von ihr nehmen und sie untersuchen wolle. In seinen Sitzungen mit Om machten sie oft Atemübungen, statt zu reden, deshalb waren die Abschriften so kurz und leicht zu behalten.

BTW: Ich habe zwei Lebenslinien. Sie treffen in der Mitte aufeinander, überschneiden sich und ziehen sich um mein Handgelenk. Und ich habe das Magierdreieck in der Handfläche, das ist extrem selten. Ich kann fast alles herbeirufen.

OM: Können Sie mir ein Croissant herbeirufen? Ich bin halb verhungert und habe vergessen, mir etwas zum Mittagessen mitzunehmen.

BTW: Im Moment versuche ich, ein paar hunderttausend Dollar zu mir kommen zu lassen.

OM: Wie läuft es?

BTW: Wir werden sehen.

OM: Reden wir doch mal darüber, was mit Ihrer Haut los ist.

BTW: Das habe ich Ihnen schon zwanzigmal gesagt. Mein Alterungsprozess hat sich umgekehrt.

OM: Sie sind zweiundfünfzig, richtig?

BTW: Auf dem Papier, ja. Aber meine Falten verschwinden – deshalb habe ich diese kleinen verschorften Stellen im Gesicht – und genauso meine Narben und mein Nabel.

OM: Ach? Wohin will Ihr Nabel denn?

BTW: Er schließt sich komplett. Die Wunde heilt endlich. Und meine Haare fallen aus, um neuen Haaren Platz zu machen. Sie sollten mal fühlen, wie weich sie sind. Hier, fühlen Sie.

OM: Das ist wirklich recht weich.

BTW: Und mein Penis nimmt wieder seinen ursprünglichen Zustand an.

OM: Das heißt?

BTW: Dass meine Vorhaut nachwächst.

OM: Ich fürchte, das ist nicht möglich.

BTW: Warum nicht?

OM: Ich sage Ihnen das wirklich nicht gern, aber es klingt nach normalem Altern. Im mittleren Alter schrumpft der Penis, er wird kleiner und blasser –

BTW: Ich kenne doch meinen Körper. Hier, kann ich es Ihnen einfach zeigen? Ist das in Ordnung?

OM: [PFEIFT]

BTW: Oder? Sehen Sie, was ich meine?

OM: Sie sind gut bestückt, das muss ich Ihnen lassen, aber die Eichel ist ziemlich … rot, oder?

Greta hatte sich ein Würstchen im Schlafrock nach einer Nacht im Rechaud vorgestellt.

OM: Schlafen Sie noch mit Mr Lilywhite?

BTW: O Gott, nein.

OM: Das tut mir leid. Ich fand, diese Beziehung hat sich für Sie gut entwickelt.

BTW: Stört es Sie, wenn ich mich hinlege?

OM: Nur zu. Schließen Sie die Augen, wenn Sie wollen, dann können wir uns ein, zwei Minuten Zeit für die Feueratmung nehmen.

[FEUERATMUNG]

BTW: Wie wäre es mit einem kurzen Gongbad, bevor ich gehe?

OM: Es wäre mir eine Ehre.

[GONGBAD]

 

Ja, Om hatte einen verdammten Gong in seiner Praxis. Greta hatte ihn noch nicht gesehen, weil sie die Praxis bisher nie betreten hatte, aber offenbar war der Gong recht groß und glänzend. Zum ersten Mal hatte Greta davon gehört, als Om zu einem Klienten sagte: »Ich habe meinen Gong für Sie poliert, falls Sie am Ende der Sitzung ein Klangbad nehmen wollen.« Transkribiert hatte sie das als: »Ich habe mein Ding für Sie poliert.« Ein paar Tage später hatte Om geschrieben: »Nicht Ding, Schätzchen, Gong«, ein Satz, den Greta manchmal wahllos zu sich selbst sagte.

Jedenfalls genoss Om es, BTW – und damit auch Greta – mit Klangwellen zu überspülen; nur fühlte es sich eher an, als würde man ertrinken. Nicht in rauer See, sondern weil ein Fremder einem den Kopf unter Wasser drückte. Er ging richtig in die Vollen und prügelte auf das Ding ein, bis man seine eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte. In dieser Hinsicht wurde tatsächlich das Bewusstsein ausgeschaltet, und man begriff, dass man nur die Gegenwart –

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe«, sagte Om plötzlich.

Er trug ein weißes Netz-Tanktop, eine dicke Strickjacke und eine weiße Pluderhose. Greta beobachtete, wie er jedem seiner Klienten unauffällig zunickte. Der Ortolan-Esser bestaunte Om mit offener Bewunderung, als wollte er ihm den Bauch kraulen. KPM erwiderte Oms Nicken einfach, während BTW aussah, als würde er gleich herüberkommen und anfangen zu plappern.

»Können wir uns näher ans Fenster setzen?«, bat Om rasch.

»Sicher«, sagte Greta.

Sie zogen an einen anderen Tisch um. Die Barista, die früher mit Olin Patterson zusammen gewesen war, der mal mit Betsy Hannah zusammen gewesen war, der berühmten Köchin, die jetzt mit Peter Green verlobt war, der ein Kind mit Punkrock Charlotte hatte, ein früheres Flittchen, das den Drummer der Dead Kennedys gevögelt hatte, aber jetzt Kräuterkundlerin war, brachte endlich Gretas Americano und für Om das Übliche. Greta war weder der Barista noch einem der anderen je vorgestellt worden. Sie wusste diese Dinge nur, weil sie mit Sabine zusammenwohnte.

»Also, ich möchte mit dir über FEW sprechen«, sagte Om. »Bist du mit ihrer Datei fertig?«

»Ich habe dir die Abschrift von zu Hause gemailt«, sagte Greta.

»Sehr gut. Ich schicke dir noch eine Datei, aber sie enthält sensible Informationen, die vielleicht triggernd wirken können, deshalb wollte ich mich mit dir treffen und sichergehen, dass es kein Problem für dich ist.«

»Du hast Angst, ich könnte getriggert werden?«

»Ja.«

»Weil ich eine Frau bin?«

»Nein«, antwortete er gedehnt. »Weil du ein Mensch bist. Moment – du bist doch ein Mensch, oder? Du bist kein Roboter? Kann ich dir kurz in den Finger piksen und sehen, ob Blut –«

»Alter«, sagte Greta.

Tatsächlich blutete sie im Moment, und sie stellte sich vor, wie sie ihren Tampon entfernte und ihn in Oms aufgeschäumte Milch mit Kurkuma tunkte.

Er beugte sich näher. »Sie spricht nicht gern darüber«, sagte er, »aber sie war das Opfer eines schlimmen Gewaltverbrechens, und sie beschreibt sehr anschaulich einige verstörende Details.«

»Es wird nicht meine erste Abschrift einer Vergewaltigung«, sagte Greta.

»Ich weiß«, sagte Om. »Aber diese Tat war extrem brutal, der Täter wird bald aus dem Gefängnis entlassen – hier in Hudson –, und sein Name wird erwähnt. Ich glaube nicht, dass du ihn kennst, aber wer weiß, vielleicht doch. Vielleicht läufst du ihm nächste oder übernächste Woche zufällig über den Weg. Oder ihr. Ich will nur sicher sein, dass du damit umgehen kannst.«

Greta nickte ernst.

»Und ich hoffe, dass du weiter die Vereinbarung einhältst, die du unterschrieben hast.«