Bilder einer Kindheit - Winterfreuden - Hanna Midhov - E-Book

Bilder einer Kindheit - Winterfreuden E-Book

Hanna Midhov

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Beschreibung

Nach "Bilder einer Kindheit - Alltag mit Oma" erzählt die Autorin nun von den Freuden, die sie als Kind im Winter erlebte. Von der Faszination über den ersten Schnee des Jahres, der die Welt vor dem Fenster über Nacht in Weiß tauchte, dem Staunen über Eisblumen, die die Kälte an die Fenster zauberte, von Urlauben am Schloss und unerwarteten Vergnügen im Wien ihrer Kindheit. Hanna Midhov nimmt Sie mit auf eine bildhafte Reise zu den Winterfreuden ihrer Kindertage und lädt auch diesmal wieder ein, genau hinzusehen. Entdecken Sie mit ihr das Besondere im Einfachen, die Faszination des Alltäglichen, das Kinder staunen und ihre Augen leuchten lässt. Tauchen Sie ein in das einfache, kindliche Vergnügen und freuen Sie sich auf eigene Erinnerungen und Bilder aus vergangenen Wintertagen! Eine Besonderheit: Die Erzählungen wecken bei vielen Leserinnen und Lesern eigene Erinnerungen, deshalb gibt es nach jedem Kapitel freie Seiten, um diese zu notieren. Sie möchten mehr Platz für Ihre eigenen Geschichten? Der Band "Bilder einer Kindheit - Meine Erinnerungen" ist ein Notizbuch im Format und Stil der anderen beiden Bände und bietet 128 freie Seiten, die auf Ihre Erzählungen warten!

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Seitenzahl: 101

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Hanna Midhov, geboren 1964 in Wien, lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich. Die Buchliebhaberin hält Erlebnisse und Eindrücke in unterschiedlichen Textformen fest. Winterfreuden ist ihr zweites Buch, in dem sie von Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt. Die Bände Alltag mit Oma und Winterfreuden ergänzen einander zu den Bildern einer Kindheit.

INHALT

Liebe Leserin, lieber Leser

Prolog

Besuch bei Oma

Auf dem Eis

Mit Nadel und Faden

Kamillentee und Apfelkompott

Alles Weiß

Advent, Advent

Von Sternspritzern, roten Schiern und einem Puppenwagen

Urlaub am Schloss

Von Lesemuffeln und Bücherfans

Epilog

Glossar

Dank

Für meine Eltern

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER

Die Erzählungen der Bilder einer Kindheit lösten bei vielen Leserinnen und Lesern Erinnerungen an ihre eigene Kindheit oder einzelne Erlebnisse aus. Deshalb gibt es am Ende jedes Kapitels leere Seiten. Ich lade Sie auch diesmal wieder ein, Ihre eigenen Gedanken und Erinnerungen dort zu notieren und dieses Buch zu Ihrer individuellen Sammlung von Kindheitserlebnissen zu machen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und vielleicht beim Schreiben

Hanna Midhov

Anmerkung: Die Kindheit in Wien prägte meine Sprache, die ich vor allem für diese Erzählungen bewusst beibehielt. Einige typisch österreichische und wienerische Ausdrücke finden Sie im Glossar, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

PROLOG

Literaturtage in unserer Stadt, ein Gedankenanstoß bei einem Schreibworkshop, und plötzlich tauchten bruchstückhafte Erinnerungen auf, wirbelten herum, wie bunte Splitter eines Kaleidoskops, fügten sich zu Bildern zusammen. „Schreibt eine Seite über einen Besuch bei Oma“ lautete die Aufgabenstellung und führte mich zu einem „Wiedersehen“ mit meiner Großmutter mütterlicherseits, mit der ich viel Zeit verbracht hatte. Wir lebten damals in Groß-Jedlersdorf im 21. Wiener Gemeindebezirk. Oma war gegen Ende der Neunzehnsechzigerjahre in eine kleine Wohnung gezogen, etwa fünfzehn Gehminuten von der Wohnung meiner Eltern entfernt, wo ich während der Kindergartenzeit die Nachmittage verbrachte. Ab der Schulzeit wohnte ich wochentags bei Oma, an den Wochenenden war ich zu Hause bei meinen Eltern.

Nach dem ersten Anstoß durch die Aufgabenstellung tauchten Bilder aus dieser Zeit auf, erhoben sich farbenprächtig und überraschend detailliert aus den Tiefen meines Gedächtnisses, wollten zu Papier gebracht werden. Und selbst nachdem sich nach und nach die Seiten mit Erzählungen und Erinnerungen gefüllt hatten, zum Buch Bilder einer Kindheit – Alltag mit Oma geworden waren, meldeten sich weitere Kindheitserlebnisse, verzauberten plötzlich über Nacht, wie frisch gefallener Schnee oder Eisblumen am Fenster. So entstand dieser zweite Band mit Winterfreuden, ergänzt nun den ersten zu einer Sammlung aus Bildern meiner Kindheit, sie fügen sich zusammen zu einer Abfolge und begleiten mit Oma durchs Jahr.

Die Erzählung Besuch bei Oma stand am Anfang, löste die folgende Bilderflut aus und ist deshalb hier nochmals am Beginn des Buches zu finden, denn ohne dieses Kapitel und ohne die Aufgabenstellung im Schreibworkshop würde es weder die beiden Büchlein noch die vielen, lebhaften Bilder der Erinnerung geben.

BESUCH BEI OMA

Besuche bei Oma, zu besonderen Anlässen wie Geburtstag oder Weihnachten, erlebte ich immer so ganz anders als den Alltag, wenn ich wochentags bei ihr wohnte. Ich war damals jung genug, um sie als etwas Besonderes zu empfinden, und alt genug, um mich noch heute daran zu erinnern. Nach dem Volksschulalter konnte ich zwar Zusammentreffen der Familie noch genießen, aber der Zauber des Außergewöhnlichen war verflogen.

In meiner Kindheit machte sich der Festtag schon an Omas Tür bemerkbar, ja eigentlich bereits auf dem Weg dorthin und sogar noch davor. Wir zogen uns festlich an, Papa mit Hemd und Krawatte, einen weichen Pulli darüber oder die dunkelblaue Strickweste, die mir so gut gefiel, manchmal auch ein Sakko. Mama wählte meistens ein Kleid oder Rock und Bluse und ich erinnere mich an Zeiten, wo ich es sehr aufregend und richtig erwachsen fand, etwas Ähnliches wie sie tragen zu dürfen. Einmal, ich war etwa sieben Jahre alt, hatte ich sogar das gleiche ärmellose Kleid aus demselben hellblauen, feinen Wollstoff. Das war Anfang der Siebzigerjahre und natürlich war es ein modisches Mini-Kleid, so kurz, wie es eben gerade noch vertretbar war, und mit einer schmalen, aus dem Kleiderstoff gefertigten Masche unter der Brust. Dazu eine weiße, durchscheinende Strumpfhose, die sich im Gegensatz zu den sonstigen Baumwoll- oder Wollstrumpfhosen hauchdünn anfühlte. Eigentlich trug ich ja lieber Kniestrümpfe und beschwor im Frühling und im Herbst immer das Thermometer an unserem Fenster, ja mindestens fünfzehn Grad anzuzeigen, denn das war die Marke, ab der ich in Stutzen, wie man bei uns in Wien sagte, und ohne Haube hinausgehen durfte. Aber an einem Festtag wollte ich ja so erwachsen wie Mama aussehen und noch nie hatte ich eine erwachsene Frau in Stutzen gesehen.

Zur dünnen Strumpfhose gefielen mir die weißen Lackschuhe mit Ristriemchen am besten. Sie waren mit einer zierlichen, aus weißem Lackband gelegten Masche verziert, die perfekt zu der am Kleid passte. Wenn ich Glück hatte, war das Wetter trocken und noch warm genug, um sie zu Omas Geburtstag Ende Oktober tragen zu dürfen, aber Regenwetter hätte ihnen geschadet.

Schon das Anziehen daheim empfand ich damals als Fest. Vor dem Weggehen wurde noch der Schmuck aus der Schatulle geholt, der den Festtagen vorbehalten war – Mama trug große, glänzende Ohrclips zu metallisch fein aneinander klingenden Armreifen und ich mein goldenes Bettelarmband, das bei jeder Bewegung klimperte. Das Miniaturriesenrad hing neben der Schaukel, die fröhlich schwang, den rotgoldenen Zeiger des Weckers konnte man mit Hilfe eines Rädchens auf der Rückseite drehen und eine winzig kleine weiße Maus mit roten Augen war in einem ebenso winzigen goldenen Käfig gefangen. Sie rutschte auf der glatten Bodenplatte von einer Seite zur anderen, sodass es aussah, als würde sie herumflitzen. Das aus zartfeinem Draht geflochtene Henkelkörbchen beeindruckte mich immer wieder, ebenso wie das goldene Pfeifchen, das einen schrillen, überraschend lauten Ton hervorbrachte. Stundenlang konnte ich diese und die anderen feinstgearbeiteten Schmuckstücke, die ich zu Geburtstagen, Weihnachten und der Erstkommunion bekommen hatte, beobachten und das feine Klingen, wenn die Anhänger aneinanderstießen, begleitete mich auf jedem Schritt. Nur meinen ersten ausgefallenen Milchzahn, den Papas Schwester in ihrer Goldschmiedewerkstatt gefasst hatte, und den nur knapp fünf Millimeter kleinen Schnuller mit rotem Plastikrand hätte ich gerne wieder vom Armband gegeben, wäre dazu nicht ein Besuch bei meiner Tante nötig gewesen mit den entsprechenden Erklärungen, warum ich ein Geschenk von ihr weggeben wollte. Das traute ich mich natürlich nicht, ich war sicher, sie wäre dann beleidigt oder böse auf mich, hatte sie sich doch so viel Mühe mit dem Fassen des Milchzahns gegeben und dem Einhängen des zarten Ringes in ein Kettenglied des Armbands.

Feierlich gekleidet, frisiert und geschmückt schlüpften wir noch in unsere Mäntel, setzten die Hüte auf und machten uns auf den Weg. Ja, damals trug man noch Hut, vor allem zu besonderen Ereignissen. Oma behielt diese Gewohnheit über die Jahrzehnte hinweg bei und bis zu ihrem Lebensende, immerhin wurde sie zweiundneunzig Jahre alt, verließ sie das Haus nur höchst selten ohne Kopfbedeckung. Sie diente ihr als Schutz vor Sonne, hielt im Winter ihren empfindlichen Kopf warm, bewahrte die Frisur vor Regennässe oder dem ewig stürmischen Wind in Wien.

Mama trug zu dieser Zeit oft ihren schwarzen Schlapphut aus feinem Filz mit einer riesigen Krempe, die ihr fast bis auf die Schultern reichte. Manchmal durfte ich ihn daheim aufsetzen, dann stolzierte ich wie ein Popstar vor dem Spiegel auf und ab, aber auf der Straße musste ich mich mit meiner Strickhaube begnügen. Dem cremefarbenen Kinderhut, mit dem ich wie die Schwester meiner Cousinen aussah, weil wir alle das gleiche Modell in unterschiedlichen Größen hatten, war ich nach der Kindergartenzeit leider schon entwachsen.

Der gemeinsame Fußweg mit meinen Eltern – auch der eine Besonderheit, war ich doch sonst nach der Schule immer allein zu Oma unterwegs – dauerte nur zehn Minuten. Noch ein paar Stufen hinauf in den zweiten Stock und dann stand ich mit vor Aufregung klopfendem Herzen auf der Türmatte, meine Eltern hinter mir. Ich drückte fest auf den roten Knopf der Türglocke und es kam mir vor, als würde sie an solchen Tagen feierlicher klingen als sonst. Gedämpfte Stimmen waren zu vernehmen, der Duft von Kaffee zog sich bis ins Stiegenhaus und verstärkte sich, als Oma die Tür öffnete.

Der dunkle, schwere Vorhang aus rotbraunem, kratzigen, dicken Wollstoff, der als Schutz vor Kälte gleich hinter der Tür in einem Halbkreis von der Decke hing, war zur Seite geschoben, das kleine Vorzimmer voller Schuhe, ordentlich nebeneinander aufgereiht, auf den drei Haken der Ablage türmten sich Jacken und Mäntel, auf der Hutablage darüber ein Herrenhut mit breitem Band, ein ockerfarbener Damenhut aus weichem Kamelhaar und zwei gleiche, helle Hüte in unterschiedlichen Größen. Omas Hüte und Kappen waren im Kasten verstaut, um denen der Besucher Platz zu machen. Einzeln betraten wir das Vorzimmer, dann musste man sich schnell ausziehen und ins Wohnzimmer weitergehen, damit der Nächste ins Vorzimmer konnte. Für drei oder gar mehr Personen, die sich von Schuhen und Mänteln befreiten, war einfach nicht genug Platz.

Wie immer zu diesen Anlässen waren Tante Hilde, Onkel Jan und ihre beiden Töchter gekommen, Mattea ein und Angela vier Jahre älter als ich. Angela riefen wir meist Geli, diese Kurzform ihres Namens hatte sich in der Familie durchgesetzt. Das Wohnzimmer der Einzelraumwohnung war bis auf den letzten Platz gefüllt, der Tisch vor der Bettbank ausgezogen und festlich gedeckt. Auf der mit einer dünnen Decke geschützten, zusammengeklappten Bettbank drängten sich Tante Hilde und meine beiden Cousinen, zu denen Mama noch dazuschlüpfen durfte. Die beiden tiefen, schweren, zur Bettbank gehörigen Fauteuils, wie immer rechts und links an den Schmalseiten des Tisches stehend, waren den Männern vorbehalten, Papa und Onkel Jan. Oma ließ sich auf der dem Sofa gegenüberliegenden Längsseite des Tisches auf dem Küchensessel nieder und ich neben ihr auf dem Stockerl mit der viereckigen, mit schwarz-grau kariertem matten Plastik überzogenen gepolsterten Sitzfläche, das ebenfalls aus der Küche geholt worden war, wo ich es wochentags immer aus der Nische unter der Arbeitsplatte zog, wenn ich dort beim Mittagessen saß. Oma setzte sich mittags meist zu mir, ans Ende des schmalen Gangs zwischen den beiden Küchenzeilen, mit dem Rücken zur Wand, den Teller links neben sich auf der Arbeitsplatte, direkt neben der großen Zweiliterflasche, gefüllt mit im Herbst selbst eingekochtem, dunkelgelbem, zähflüssigen Apfeldicksaft und der Schachtel mit Samarin1, von dem sie immer ein halbes Päckchen in den verdünnten Apfelsaft rührte, zur besseren Verdauung – sie hatte es mit der Galle – und weil der Saft dann Perlen hatte, wie von richtigem Soda. Heute denke ich, es muss für sie ziemlich unbequem gewesen sein, so seitlich verdreht sitzend zu essen, noch dazu war sie eher klein gewachsen und die aus sitzender Position hohe Arbeitsplatte ließ nicht nur meinen Teller knapp unter dem Kinn stehen.

Beim Festessen aber war es anders, der Sofatisch war im Vergleich zur Küchenarbeitsplatte niedrig – wir Kinder brachten die Knie noch unter den Tisch, für die erwachsenen Frauen war das schon schwierig, für die Männer unmöglich – und ich hatte Mühe, beim Balancieren der Speisen auf der Gabel aufrecht sitzen zu bleiben und mich nicht über den Teller zu hängen, damit nichts auf mein schönes Kleid oder den Teppich mit dem großen Blumenmuster fiel, den Oma oder ich täglich mit dem Teppichkehrer abbürsteten. Sie hatte dieses Gerät beim Einzug in die Wohnung Ende der Sechziger angeschafft. Ich war als Kind fasziniert von diesem rechteckigen, flachen Kasten, mit Bürsten an der Unterseite und einer langen Stange als Griff, angetrieben nicht mit Strom wie die meisten heutigen Geräte, sondern nur durch den Schwung, mit dem er über den Boden geführt wurde, und der die Bürsten drehte, die Staub, Haare und Flusen aus dem Teppich in ein Fach kehrten, das regelmäßig ausgeleert wurde. Nach getaner Arbeit stellte ihn Oma in den schmalen Spalt zwischen Mauer und Kasten, um ihn am nächsten Tag schnell wieder griffbereit zu haben. In ihrer kleinen Wohnung war jeder Zentimeter genützt.