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Drei kleine Geschichten über Liebe, Träume und Wünsche, deren Erfüllung sich das Leben vorbehält. Sie weiß nicht, wie er aussieht. Sie kennt nur seine Stimme. Doch die geht ihr unter die Haut. Wird er es auch tun? – Ihre Augen ziehen ihn in ihren Bann. Ihre roten Haare kann er nicht vergessen. Die nächtliche Begegnung mit ihr lässt ihn nicht los. Aber wie findet man eine Frau wieder, von der man nichts weiß? – Seit achtzehn Jahren sieht sie in die Augen ihrer Tochter. Sie zeigen ihr jeden Tag die Bilder der Vergangenheit. Eine überraschende Einladung verknüpft damals und heute. Sie hilft, Ungesagtes zu sagen, Wahrheiten auszusprechen – und sich seinen Fehlern zu stellen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2025
Menschen, die mir begegnen,
sind meine Inspiration,
ihre Geschichten frei erfunden.
Die Kopfhörer beim Schreiben gehören zu mir wie die Luft zum Atmen. Musik begleitet jedes Wort und jeden meiner Charaktere.
Daher befinden sich im Text Hinweise, welchen Song ich beim Schreiben der jeweiligen Geschichte gehört habe. Ich suche die Lieder nicht passend zum Kapitel oder zur Geschichte aus. Wenn ich sie höre, weiß ich erst, wie ich meine Ideen umsetzen will. Erst durch die Musik werden Gedanken zu Texten.
Die Playlist zum Buch gibt es bei YouTubeDE unter „Bilder-Geschichten“.
Emma Hausser
Bilder-Geschichten
Von wahr gewordenen Träumen und unerfüllten Wünschen
Sie sah ihn verstohlen aus dem Augenwinkel an. Er war kaum größer als sie selbst, schlank, besaß eine sportliche Figur, blonde Haare und einen kurzgetrimmten Bart. Alles an ihm entsprach so gar nicht ihrem bevorzugten Typ Mann. Und doch faszinierte er sie auf eine Art und Weise, die sie nicht verstand. Er besaß etwas, das ihr vom ersten Moment an unter die Haut ging, wie sie es noch nie erlebt hatte.
Zunächst war er nur jemand gewesen, mit dem sie für einen neuen Kunden zusammenarbeiten würde. Ein Name, eine Mail-Adresse, eine Telefonnummer. Sie schrieben sich, waren schnell per Du. Die Tage vergingen, der Austausch funktionierte problemlos, eine Mail hier, eine Chatnachricht da – das Projekt lief wie am Schnürchen. Dann musste es plötzlich doch mal schnell gehen. Daher griff sie zum Telefon und wählte seine Nummer.
Mit dem, was dann passierte, hatte sie nicht gerechnet. Die Stimme, die sich meldete, verschlug ihr den Atem. Das Kribbeln, das sich in ihrem Körper ausbreitete, hatte sie noch nie gespürt. Seine Stimme war weder hoch noch besaß sie einen tiefen Bass. Sie klang weder jungenhaft noch männlich. Sie war weich, hatte eine Tonlage, die sich wie Samt auf ihrer Haut anfühlte, die ihre Ohren hypnotisierte, ihr Herz zum Flattern brachte.
Während die Stimme unter ihre Haut kroch, geschah jedoch noch etwas Ungewöhnliches. Sie wurde nicht nervös. Normalerweise bekam sie beim ersten Gespräch mit Unbekannten schwitzige Hände und vergaß die Hälfte von dem, was sie hatte sagen wollen. Ohne Spickzettel funktionierten weder solche Telefonate, geschweige denn Begegnungen. Und witzig und schlagfertig war sie dann schon gar nicht.
Diesmal war alles anders. Sie besprach mit ihm alles, was sie besprechen wollte, wobei ihr sogar der ein oder andere Scherz locker von den Lippen ging.
Noch lange, nachdem sie aufgelegt hatte, saß sie da und fühlte seine Stimme überall in ihrem Körper. Ein Gedanke schlich sich in ihr Bewusstsein: Googele ihn! Doch etwas in ihr wehrte sich. Würde das, was sie zu sehen bekam, zu dem passen, was sie gehört hatte? Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich schwertat, ein Gesicht und eine Stimme zusammenzubringen, die sie zuvor getrennt voneinander gehört beziehungsweise gesehen hatte. Sie fürchtete sich vor einer Enttäuschung.
Aber was erwartete sie eigentlich? Sollte das der unglaubliche Zufall sein, der ihr den Traummann bescherte? Manchmal hoffte sie es. Sie war jedoch bisher zu oft enttäuscht worden. Sie zögerte. Sie zögerte tagelang, Tage, in denen sie keine E-Mails schrieb, sondern ihn anrief, wann immer sich die Gelegenheit bot. Sie wollte nichts mehr tun, als diese Stimme hören. Sie fühlte sich von ihr angezogen wie die Motte vom Licht. Und umso mehr persönliche, oder eher berufliche, Statusdetails sie nebenbei austauschten, desto größer wurde die Anziehungskraft.
Schließlich siegte die Neugier. Sie klickte auf die Internetseite in seiner Signatur. Und da war er. Ja. So sah er also aus. Sie sank in ihrem Stuhl zurück und schalt sich, dass sie es unbedingt hatte wissen wollen. Es war nicht so, dass sein Antlitz nicht zu der Stimme passte, die sie so in ihren Bann zog. Sie sah ihn förmlich vor sich, wie er mit ihr sprach. Aber ihr Unterbewusstsein hatte trotz aller Widerstände ihres Verstandes ein Bild von ihm gezeichnet, das ganz und gar nicht mit dem Foto vor ihr übereinstimmte. „Er sieht gut aus“, hätte ihre beste Freundin wahrscheinlich gesagt. Natürlich, er war alles andere als unansehnlich. Aber er entsprach so gar nicht den Männern, die in ihr Beuteschema fielen.
Ihren Frust beiseiteschiebend, hatte sie sich noch ein wenig durch seine Seite geklickt. Sie war gut gemacht und sie hatte es interessant gefunden zu lesen, was er so trieb, von dem er ihr noch nichts erzählt hatte.
Mit zwiespältigen Gefühlen war sie schließlich ins Bett gegangen. Es waren Gefühle, die bis heute immer schwächer geworden waren. Die zwiespältigen, nicht die anderen.
„Das Hotel hat einen komischen Namen“, sagte er und riss sie aus ihren Erinnerungen. Er zeigte auf das 5-Sterne-Haus auf der anderen Straßenseite.
„Das ist das ehemalige Palais einer berüchtigten Königsmätresse.“ Sie erzählte ihm die tragische Geschichte der beiden Liebenden des 16. Jahrhunderts.
„Erst lässt er ihr ein Schloss bauen und dann sperrt er sie darin ein. Das muss wahre Liebe sein.“
Sie lachte herzhaft.
Während sie zwischen all den historischen Gebäuden weiter schlenderten, an dem Renaissance-Schloss vorbeikamen und die gotische Kirche passierten, sah sie, dass er ihr zwar zuhörte und doch mit den Gedanken meilenweit entfernt zu sein schien.
„Ist alles in Ordnung?“
Als sie das erste – und einzige – Mal zusammen bei einem Workshop gewesen waren, war er ein begeisterter Teilnehmer gewesen. Er hatte unzählige Zwischenfragen gestellt und sich mit Feuereifer in die Gruppenarbeiten gestürzt, denen sie so gar nichts abgewinnen konnte und die ihrer Meinung nach nichts außerhalb der Schule zu suchen hatten. Heute Morgen beim IT-Camp, das sie beide in die Elbmetropole geführt hatte, war sie diejenige gewesen, die sich hervorgetan hatte, während er ab und zu mitdiskutiert, aber nicht sonderlich interessiert gewirkt hatte.
„Ja.“ Mehr sagte er nicht.
Sie sah hinauf in den strahlend blauen Himmel und überlegte, wie sie ihn aufmuntern oder zumindest zum Reden bringen konnte. Selten hatten sie bisher über Probleme und Sorgen gesprochen. Sie kannten sich gut, wussten nach mehr als zwei Jahren, was der andere mochte oder hasste, was sie nach Feierabend machten und ob der andere auf Italienisch oder Griechisch stand. Aber gewisse Stufen der Vertrautheit schienen sie nicht per Telefon oder Messenger überwinden zu können. Der Workshop im letzten Jahr hatte nur einen Tag gedauert. Sie hatten sich dort getroffen und waren am gleichen Abend jeder in eine andere Richtung wieder abgereist. Wenn sie aus ihrer Irgendwie-Freundschaft eine richtige Freundschaft machen wollte, dann war heute und hier, waren diese drei Tage beim Camp, ihre Chance.
Die Stimme, die in ihr Widerspruch zum Thema Freundschaft einlegte, versuchte sie zu ignorieren. Wenn sie darüber nachdachte, wie nah er gerade neben ihr ging, wollte sie nämlich etwas ganz anderes. Sie wollte es schon eine ganze Weile. Denn nicht nur seine Stimme hatte sich unter ihrer Haut festgesetzt. Wie sich herausgestellt hatte, gehörte die Stimme zu einem Mann, von dessen Geschäftssinn sie beide profitierten und mit dem die Projekte wie von selbst liefen. Sie waren ein perfektes Tandem. Er stellte den Erstkontakt zu den Kunden her und setzte die Verträge auf. Sie übernahm die Kommunikation – nach einem nervösen Auftaktgespräch ohne einen Anflug von Unsicherheit – und das Projektmanagement, während er vorwiegend im Hintergrund programmierte. Wenn es nötig war, konnten sie die Aufgaben tauschen, aber jene Rollen hatten sich bewährt. Mittlerweile wurden sie von den meisten ihrer Kunden zusammen beauftragt.
Vor allem jedoch besaß er einen Humor, der ihrem glich. Ein Telefonat endete nie, ohne dass sie miteinander gelacht hatten. Und sie flirteten. Ein bisschen. Aber sie genoss, wie einfach es war. Sie brauchte sich nicht anstrengen. Sie konnte in seiner Gegenwart sein, wie sie war, und war so, wie sie sein wollte.
„He!", rief sie plötzlich. „Ich weiß, was wir heute Abend machen.“ Ihr Blick war auf ein kleines Plakat hinter ihm gefallen, welches einen Vorleseabend mit Märchen aus 1001 Nacht für Erwachsene ankündigte. An einem ihrer ersten Besuche in der Stadt hatte sie an einem solchen Abend teilgenommen und es als ein sehr schönes Erlebnis abgespeichert.
Er war stehen geblieben und sah sie neugierig an. „Was machen wir denn?“
„Lass dich überraschen!“, sang sie.
Die Denkerfalte auf seiner Stirn wurde tiefer. Sie wäre gern mit ihrer Hand darübergefahren, um sie zu glätten. Wie er sich wohl anfühlte? Sie hatten sich bisher noch kein einziges Mal berührt. Ein „Hi“ zur Begrüßung, mehr war es nicht gewesen. Kein Handschlag, schon gar keine Umarmung. Als sie heute Vormittag zusammen vor dem Bildschirm gesessen hatten, hatte sie seine Wärme gespürt und sein Deo gerochen. Sie hatte kurz die Augen schließen und tief durchatmen müssen, um sich konzentrieren zu können.
„Ich mag Überraschungen nicht besonders.“ Er strich unsicher über seinen Bart.
Sie fragte sich, wie es sein musste, einen Mann mit Bart zu küssen, wenngleich es auch nur etwas mehr als ein Dreitagebart war. Eine Erfahrung, die sie noch nicht gemacht hatte, bedingt durch die Tatsache, dass sie eigentlich auf einen anderen Typ Mann stand.
„Es wird dir gefallen.“ Sie lächelte ihn begeistert an, und es gelang ihr, dass er es ihr nachtat.
„Wenn du meinst“, sagte er gedehnt.
Sie überlegte, ob sie ihn bitten sollte, sie vor ihrem Hotel abzuholen, entschied sich jedoch dagegen. Die Angst, das angenehme Zusammensein zu verderben, indem sie ihn dazu anregte zu denken, sie interpretiere in die Verabredung mehr hinein, als darin lag, war zu groß. Deshalb hatte sie auch ein Zimmer in einem anderen Hotel gebucht. Denn eine Sache, die sie frühzeitig herausgefunden, aber stets verdrängt hatte, obwohl sie darüber sprachen, war sein Familienstand. Er war verheiratet. Ein bisschen Flirten, mehr war nicht drin. Das Mehr blieb ihrer Phantasie vorbehalten.
„Treffen wir uns um acht am alten Stadttor?“
Sie verabschiedeten sich und er ging gedankenverloren davon.
Bevor sie ins Hotel ging, machte sie noch einen Umweg zum Fluss, wo sie sich gegen das Eisengeländer lehnte und die vorbeifahrenden Ausflugsdampfer beobachtete. Langsam versank die Sonne hinter dem Parlamentsgebäude am anderen Ufer und tauchte die Häuserfronten in ein warmes Orange. Es war schön, Zeit mit ihm zu verbringen, von Angesicht zu Angesicht. Aber was sich mit einigen Hundert Kilometern Abstand leichter ignorieren ließ, konnte sie nun definitiv nicht mehr leugnen. Sie wollte ihm nicht nur geistig nah sein.
Sie duschte, warf sich in ihre beste Jeans und ein neues Oberteil und legte Make-up auf. So stand sie pünktlich zur vereinbarten Zeit am Stadttor. Er war schon da. Sie konnte unter seiner Jeansjacke erkennen, dass er das T-Shirt gegen ein Hemd getauscht hatte.
„Also, wohin werde ich denn jetzt entführt?“
Sie zeigte auf einen Turm in zweihundert Metern Entfernung. Er gehörte zu einem ehemaligen Fabrikgelände und war zwischenzeitlich ziemlich heruntergekommen gewesen, bis sich ein Kunstverein dem historischen Gebäude erbarmt hatte. Der Verein hatte den Turm runderneuert und seiner imposanten Kuppel innen und außen einen Hauch von Orient verpasst. Unterhalb der Kuppel befand sich ein Café, das sich über drei Etagen erstreckte.
„Oha, was ist dort?“, fragte er, während sie auf den Turm zugingen.
„Tausendundeine Nacht.“
Er sah sie fragend an.
„Eine Märchennacht.“
„Märchen?“
„Für Erwachsene.“ Die Dunkelheit verbarg, dass sie rot anlief.
Er hüstelte. „Okay. Na dann.“
Als er seine Brieftasche aus der hinteren Hosentasche zog, schüttelte sie heftig den Kopf. Das war ihre Nacht.
Sie stiegen die Wendeltreppe empor, stoppten an der Bar, um sich ein Glas Wein und ein Bier zu holen, und erklommen schließlich die Kuppel des alten Turms.
Ihm entfuhr ein leises „Wow“, während sein Blick über den komplett mit unzähligen Teppichen ausgelegten Raum wanderte. Die Lampen waren mit farbigen Tüchern verhangen, die alles in ein warmes Licht tauchten. Zu den Fenstern führten rundherum einige Treppenstufen. Auf ihnen sowie in den tiefen Fensternischen lagen Kissen zum Daraufsetzen und um sich anzulehnen. Er deutete auf eine noch freie Fensterbank zu ihrer Rechten.
